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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

observator

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1

Samstag, 19. August 2006, 02:16

lüstling? wüstling? bösewicht? verführer...

auf jeden fall bestraft!

und das in innsbruck.
in wiener fassung.
vorausschicken muss ich, dass die oper als gattung (wie schon mehrmals geschrieben, aber wer liest schon alle postings...) mein unbekanntes land ist.
nur mit dem dissoluto hab ich mich beschäftigt (honni soit qui mal y pense). d.h. ich habe ca ein halbes dutzend inszenierungen im saale und ungef. ebenso viele vor dem screen gesehen, dazu ein paar cds und bücher.
sonst würde ich mich nie trauen, hier auch nur pieps zu schreiben. ich bin aber also trotzdem weit entfernt von der fanatischen tiefe des olymps.
dennoch habe ich mich gestern um 1 stehplatzkarte angestellt und bin daher insgesamt 6 stunden gestanden. hat sich's ausgezahlt?
jaa!
(ich bin nebenbei gesagt nicht im paradis gestanden, sondern unten im parkett)

am freitag, den 18.8. fand also die dernière dieser hochgelobten produktion der festwochen für alte musik in innsbruck statt. sie wird noch einmal in baden-baden [ulli!] gebracht und dann, nur konzertant, in köln, paris und brüssel.

was ich bemerkt habe:

musikalisch:
ein kleines orchester, das erhöht gesessen ist, d.h. viele musiker waren sichtbar und haben auf die bühne gesehen.
als rezitativinstrument ein hammerklavier (ebenso wie im don giovanni im theater an der wien, den ich vorige woche gesehen habe. in beiden fällen hatten die stimmer die ganze pause fleißschnaubend zu tun...). darauf wurde viel improvisiert. ebenso bei manchen arien ("là ci darem.." und "deh vieni..."). angeblich war zu mozarts zeit jede aufführung ein bisschen anders, das müsste die originalversionapologeten beschäftigen.
es gab keine klangverschmelzung, streicher und bläser blieben polar. der orchesterklang hatte eben das durchsichtig-filigrane der hip-ensembles.
die alkoholarie wurde endlich einmal in einem tempo gespielt, dass sich der arme johannes nicht verhaspelte und auch keine silben verschlucken musste, dafür war der schön federnde rhythmus des zugrunde liegenden country dance's zu hören.
dafür wurde das finale der oper schneller genommen, dadurch erklangen leporellos triolen im sprechtempo ganz natürlich.

inszenatorisch:
das bühnenbild war eigentlich sehr modern, reduced to the min, aber im gegensatz zu der auch kürzlich im tv gesehenen kusej-inszenierung aus salzburg sehr statisch: eine aufgeschnittene, weiße hemisphäre diente zugleich als innenraum und firmament, durch die parabolform kam es je nach standort des sängers teilweise zu extremen verstärkungseffekten (wenn beabsichtigt, dann müsste man das sinnfälliger einsetzen, aber vielleicht ist der effekt genauso vom standort des empfängers abhängig...). auffällig viel spielte sich vor geschlossenem vorhang ab, rezitative, aber auch arien (donna anna "non sedur..."). da ist es dann nur konsequent, wenn don giovannis höllenfahrt auch hinter dem sich wild bauschenden textil mit viel paukengedonner stattfindet (ganz im gegenteil zur blutspritzenden exhibition in wien).
alfred hätten wenigstens die kostüme gefallen: vom französischen couturier christian lacroix geschaffen, ließen sie don giovanni bisweilen wie einen pfau erscheinen. ausserdem traten die drei maskierten in venezianischen karnevalsmasken mit dreispitz (da hamma'n!) auf.
noch bemerkenswert: der steinerne gast erscheint am schluss nicht auf der bühne, sondern schreitet durch den zuschauerraum nach vor bis zur mitte desselben, die andere dimension seiner erscheinung wird dadurch klarer.
die oper endete nicht wie in wien mit dem schlussspektakel, sondern mit der scena ultima.

darstellerisch:
dg ist ein twen. also kein durchtriebener grandseigneur, sondern eher ein schnösel der jeunesse dorée, der sich auf grund seines privilegierten standes viele blödheiten leisten kann und erst durch den mord (totschlag eigentlich?) abdriftet. wie heißt's im libretto? giovane cavaliere.
dafür ist lepo wie ein alter onkel.
und noch nie habe ich den verführungsprozess bei "la ci darem..." so überzeugend gesehen! egal welche kostüme und in welchen kulissen -es kommt auf kleine gesten bzw. die personenregie an.
"deh vieni.." wurde mit einem vorbeikommenden strassenmusikanten und seiner mandoline gesungen, allerdings auf dem rücken liegend (dieses regietheater, die sind doch früher alle gestanden!). in wien lief das vom band, leider auch noch mit dem schwachen gag einer sich selbständig machenden drehorgel.
bei den stimmen mag ich mich nicht hinauslehnen, das sollen berufenere. mir gefielen donna elvira, leporello und zerline am besten.

das publikum war recht ruhig (ich meine kein gehuste, vielleicht liegt's doch an der jahreszeit und wir tun den vermeintlichen zwangsneurotikern unrecht), bis auf ein paar blitze.


zum abschluss noch (und für rienzi :lips: ) die liste der legionäre (des hätt's zu wams zeiten a net gebn!):

innsbruck
dirigent: rené jacobs, belgien
regie: vincent boussard, frankreich
dg: johannes weisser, norwegen
lepo: marcos fink, argentinien
da: svetlana doneva, bulgarien
de: alexandrina pendatchanska, bulgarien
zerli: sunhae im, korea
mase: nikolay borchev, russland
do: werner güra, deutschland
comm: alessandro guerzoni, italien

wien
dirigent: bertrand de billy, frankreich
regie: keith warner, england
dg: gerald finley, kanada
lepo: hanno müller-brachmann, deutschland
da: myrto papatanasiu, griechenland
de: heidi brunner, schweiz
zerli: adriane queiroz, brasilien
mase: markus butter, österreich
do: mathias zachariassen, schweden
comm: attila jun, korea


:hello: aus donsbruck
erkenntnis braucht oft lange -selbst für selbsterkenntnis ist es nie zu spät

Ulli

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2

Samstag, 19. August 2006, 04:35

RE: lüstling? wüstling? bösewicht? verführer...

Salve nach Ildissolutobruck,

standing ovations für Deinen Beitrag. Aber etwas kann nicht stimmen:

Zitat

die oper endete nicht wie in wien mit dem schlussspektakel, sondern mit der scena ultima.


./.

Zitat


in wiener fassung.


...es sei denn, die textile Paukendonnerszene wird als solche angesehen und die ursprüngliche ultima als tutto ultima oder ultima ultima bezeichnet.

?(

Oder ist die Wiener Fassung neuerdings so, dass die Wiener grundsätzlich einen Stehplatz am Notausgang erhalten und rechtzeitig vor der Scena ultima gonzomässig herausgezerrt werden?

Ich werde mal Ausschau halten, wann Onkel Joe baden geht...

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Melot1967

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3

Samstag, 19. August 2006, 11:27

RE: lüstling? wüstling? bösewicht? verführer...

Zitat

Original von Ulli
Salve nach Ildissolutobruck,

standing ovations für Deinen Beitrag. Aber etwas kann nicht stimmen:

Zitat

die oper endete nicht wie in wien mit dem schlussspektakel, sondern mit der scena ultima.


./.

Zitat


in wiener fassung.


...es sei denn, die textile Paukendonnerszene wird als solche angesehen und die ursprüngliche ultima als tutto ultima oder ultima ultima bezeichnet.

?(

Oder ist die Wiener Fassung neuerdings so, dass die Wiener grundsätzlich einen Stehplatz am Notausgang erhalten und rechtzeitig vor der Scena ultima gonzomässig herausgezerrt werden?

Ich werde mal Ausschau halten, wann Onkel Joe baden geht...

:hello:

Ulli


Die Wiener Fassung endete im Theater an der Wien - was die Partitur betrifft (habe es nur im Radio gehört) - damit, dass Don Giovanni "vom Erdboden verschluckt wird". Leporello ruft noch "Ah", dann geht der Vorhang zu. In Innsbruck folgte darauf die "Scena Ultima" mit den restlichen 6 Personen. In Innsbruck wurde ja zur Premiere und bei der zweiten Vorstellung die Prager Fassung gespielt, und bei der dritten und vierten (= letzten) Vorstellung die Wiener Fassung, daher war ich überrascht, als es noch weiterging.

Danke, observator, für deine exzellente Besprechung. Die Präambel wäre gar nicht nötig gewesen. Mir fällt es ja, wie schon mal erwähnt, schwer, meine Eindrücke von einer Theatervorstellung oder einem Konzert zu verschriftlichen, daher bin ich froh, dass du deine geschildert hast.

Was mich gestern gleich zu Beginn aufhorchen ließ, war der "Sound" des Orchesters - vielleicht lag es auch an der Lage meines Sitzes seitlich im Parkett - ich habe bei Mozart selten solch satte und sonore Bässe gehört. Das Orchester hatte nicht nur die bei HIP Ensembles oft gehörte Durchsichtigkeit, sondern erzeugte darüber hinaus einen erregenden süchtig machenden Klang, den ich gerne bald wieder hören möchte, und sei es nur von CD.

Hellauf begeistert war ich von der Rezitativbegleitung (Hammerklavier und Cello) - ich habe eine derart ausgeschmückte Begleitung noch nie gehört bei einer Mozart-Oper und habe mich oft fragen müssen: "Dürfen die das denn?" Das würde ich gerne mal erklärt bekommen, ob hier alle Freiheiten erlaubt sind. Kann es sein, dass das, was ich gestern gehört habe, gar nicht alles von Mozart ist? Alles sehr verspielt und mit vielen Zitaten (Bach!) und musikalischen Geräuscheffekten durchsetzt. Es war nicht nur ein Hochgenuss für sich, sondern auch dem Drama höchst dienlich!

Das Orchester saß auf normaler Höhe, würde ich sagen. Bei Wagner finde ich diesen Level wirklich immer zu hoch, jedenfalls in der Oper in Wien.

Jacobs sorgte für eine Partnerschaft von Orchester und Sänger, die es ermöglichte, dass alles scheinbar mühelos singbar und hörbar wurde. Gestern habe ich zum ersten Mal seit Schwarzkopf (Giulini-Aufnahme) die Arie der Elvira (in quali eccessi ... / mi tradì ...) perfekt gesungen gehört, was allein noch keine Begeisterung auslösen muss, zumal die Elvira vor dem geschlossenen Vorhang stand, was vielleicht eine Art Notlösung war, da die Stelle etwas vom übrigen Geschehen abgehoben ist; eine Art Einschub. - Meine Begeisterung kam deswegen auf, weil Elvira (Alexandrina Pendatchanska) hier allein mit musikalischen Mitteln und stimmlichem Ausdruck ihr ganzes Drama glaubhaft darstellen konnte.

Der Personenregie und allen Darstellern gebührt wirklich großes Lob. Neben den gesanglichen waren auch die darstellerischen Leistungen völlig überzeugend. Das Drama war so schlüssig, dass fast keine Fragezeichen übrig blieben, außer vielleicht bei den Auftritten des Komturs als Statue und Steinerner Gast und bei manchen Bühnenverhältnissen. Zum Beispiel hätte ich während der Friedhofsszene gerne gewusst, wo sich die Personen hier befinden. Leporello ließ sich von der Statue die Inschrift wie von einem Souffleur einsagen anstatt sie von ihr abzulesen. Dass manche Stelle vor dem Vorhang spielte, hat mich (noch) nicht gestört, da die Szene meist mit einem Geschehen hinter dem Vorhang korrespondierte. Die Halbkugel, mal von innen, mal von außen, war zwar - vor allem in Verbindung mit der genialen Lichtregie (Lichtdesign: Alain Poisson) - eine nette Idee, aber mir war's zu minimalistisch, dass das Innere für ein halbes Dutzend Schauplätze herhalten musste. Und es hätte mich nicht gestört, wenn es (z. B. bei der Festtafel) etwas mehr Accessoires gegeben hätte. Aber es war nicht so schlimm. Im Großen und Ganzen war alles sehr hübsch gemacht (das ist ja heute schon viel verlangt, wenn mal keine Hässlichkeiten zu sehen sind). Die historisch angehauchten Kostüme von Christian Lacroix sind fantastisch!

Eine dieser vier Innsbrucker Aufführungen wird am 2. Dezember 2006 um 19:30 auf Ö1 gesendet (Kalender!)

Arte überträgt diese Produktion am 6. Oktober 2006 um 20 Uhr live aus Baden Baden.

Es wird eine Aufnahme von dieser Produktion herauskommen. Mich würde interessieren, ob (hoffentlich) live und von welchem Aufführungsort. Ich nehme an, von einem, an dem die Oper konzertant gegeben wird.

P. S.: Das Problem mit der extremen Verstärkung durch die Schallreflexion einzelner Stimmen durch die Halbkugel bekam ich nur zweimal kurz stark zu hören, und zwar als Don Giovanni schräg seitlich zur Wand hin sang (habe leider vergessen, bei welcher Stelle, jedenfalls war es bei einem Ensemblestück). Da hat sicher jeder Zuschauer im Saal andere Erlebnisse gehabt, je nach Lage seines Sitzes im Saal.
Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

Ulli

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4

Samstag, 19. August 2006, 12:01

RE: lüstling? wüstling? bösewicht? verführer...

Salut,

da war ja noch einer im alpinischen Sevilla! Habt Ihr Euch denn wenigstens getroffen?

Ich kombiniere also: Es handelte sich um das Spectaculum ultimum mit der scena ultima als Additamentum... !?

Den 06. Oktober habe ich mir mit Spannung vorgemerkt...

:hello:

Ulli
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observator

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5

Samstag, 19. August 2006, 12:45

ja

soviel diszernatorische intelligenz hättest du mir schon zutrauen können... :D

und was deine frageköpfchen aao betrifft:
hör(t) mal in nr 21b, "in quali eccessi..." auf das orchester nach "...in sen ti nasce!" und nocheinmal nach "...sospiri..."

@ melo
ich hab den commendatore am friedhof und beim gastmahl dadurch vielmehr als "geist" erlebt.

ich glaub, bei der improvisation war nichts vom mozart...

danke für die blumen

griass enk
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Ulli

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6

Samstag, 19. August 2006, 12:53

RE: ja

Zitat

Original von observator


und was deine frageköpfchen aao betrifft:
hör(t) mal in nr 21b, "in quali eccessi..." auf dias orchester nach "...in sen ti nasce!"


c-As-B7

Zitat

und nocheinmal nach "...sospiri..."


Es-c-F7

Zitat vom Beginn des Rezitativs...

:yes:

Spätes 19. JH dann eher bei Kraus Dido & Aenaes, 5. Akt, 1. Szene "Es soll nun Blut die Mauern färben"... viiieeelll besser als z.B. Wagner. Hätten Kraus und Mozart nur 20 Jahre länger gelebt, wären die nachfolgenden 100 Jahre Musikgeschichte wahrscheinlich überflüssig gewesen...

Ulli
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Melot1967

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7

Samstag, 19. August 2006, 18:05

Hier eine Besprechung der in Innsbruck gespielten zwei Fassungen:

Zitat Gerhard Kramer in der Tageszeitung "Die Presse", 18.08.2006:



Zitat

Don Giovanni in zwei Gestalten

Innsbrucker Festwochen. Erste Gegenüberstellung der Prager und Wiener Fassung.

Wenige Opernfreunde werden sich dessen bewusst sein, dass sie Mozarts "Don Giovanni" so gut wie nie in der Originalgestalt gehört haben. Für die Wiener Erstaufführung, ein Jahr nach der triumphalen Prager Premiere von 1787, sah sich Mozart durch die neue Sängerbesetzung zu einigen nicht unwesentlichen Änderungen veranlasst. Sehr signifikant: Der Ersatz der Don-Ottavio-Arie aus dem zweiten Akt durch sein "Dalla sua pace", nunmehr im ersten Aufzug - ein Paradigmenwechsel vom spätbarocken "Koloraturtenor" zum lyrischen Tenor der heraufkommenden Romantik. Und ganz besonders fällt das burleske Duett zwischen Zerlina und Leporello im zweiten Akt auf, wo sie ihn an einen Stuhl fesselt und mit einem Messer bedroht. Unmittelbar danach folgt die nachkomponierte Arie der Elvira "Mi tradi" - nirgends wird die von Mozart und Lorenzo da Ponte intendierte Durchdringung buffonesker und tragischer Elemente im Sinne des "Dramma giocoso" deutlicher als hier.

Aus diesen Ingredienzien hat man wohl schon im frühen 19. Jahrhundert die bis heute allgemein gebräuchliche Mischfassung destilliert und dabei auch gerne die letzte Szene weggelassen. Dass Mozart in Wien selbst die Oper mit der Höllenfahrt enden lassen wollte, wird jedoch durch jüngere Forschungen widerlegt.

Die Innsbrucker Festwochen haben jetzt erstmals beide Fassungen in gleicher Inszenierung und Besetzung einander gegenüber gestellt. Welcher von beiden man den Vorzug geben möchte, bleibt subjektiver Beurteilung überlassen; vielleicht, dass die burleske Szene Zerlina/Leporello für unseren Geschmack allzu sehr vom Stil des Übrigen absticht. Von alldem abgesehen wirkt die Innsbrucker Koproduktion mit dem Festspielhaus Baden-Baden nach den vielen Mozart-Gräueln dieses Jahres wie eine Erlösung. Denn während landauf-landab die Innovationsneurosen blühen (Motto: Wie errege ich mit einer "neuen Sichtweise" möglichst viel Aufmerksamkeit?), geht man am Inn den umgekehrten Weg: Wie komme ich - wenngleich mit szenischen Mitteln unserer Zeit - dem Willen der Schöpfer möglichst nahe?

Ziel dabei war vor allem, das Stück vom ganzen romantisierenden Schutt der Interpretationsgeschichte zu befreien. Frappierend wirkt schon die Besetzung der Titelfigur ("ein junger, zügelloser Edelmann" schreibt Mozart) mit einem jungen Sänger, nur zwei Jahre älter als der 24-jährige Interpret der Uraufführung. Kein alternder, verlebter Playboy steht da auf der Bühne, sondern der durchaus moderne Typ eines sexbesessenen Sohnes aus besserem Haus. Folgerichtig ist ihm ein älterer Leporello als Korrektiv zur Seite gestellt. Keine Rede auch davon, dass Donna Anna dem Don Giovanni zu Willen war. Und Elvira ist keine hysterische Zicke wie sonst, sondern eine bedingungslos liebende, tragische Gestalt.

Vincent Boussard, als Franzose von den Verirrungen des deutschen Regietheaters nicht angekränkelt, hat dieses Beziehungsgeflecht in minutiöser Kleinarbeit auf das Intensivste herausgearbeitet. Mit seinem Bühnenbildner Vincent Lemaire demonstriert er damit zugleich die Fruchtbarkeit des (vermutlichen) Sparzwanges: Das Innere einer Halbkugel mit drei hellen Öffnungen bildet den Schauplatz des ersten Aktes sowie der Schlussszene. Im Gegensatz zum prallen Leben darin hat die Statik der Arien ihren logischen Platz vor dem Zwischenvorhang. In der Friedhofsszene genügt ein Gegenlicht-Scheinwerfer für die rechte, unheimliche Stimmung. Und zuletzt tritt der Komtur aus dem Zuschauerraum - für Don Giovanni Symbol der "anderen Welt" - auf, während Leporello mit dem roten Vorhang die Höllenfahrt simuliert - eine Meisterleistung! Einen Hauch von Luxus steuern dazu nur die Kostüme (zuweilen auch prunkvolle Roben) von Christian Lacroix bei.

Am Pult sorgt René Jacobs mit auffallend schnellen Tempi für nie erlahmende, atemlose Spannung; nahtlos gehen Arien und die Rezitative mit ihrer überreich ausgestalteten Begleitung (brillant am Hammerflügel: Giorgio Paranuzzi) ineinander über. Seltsam nur, dass Jacobs (wie heute auch viele andere) von seinem Widerpart Nikolaus Harnoncourt dessen neuartige Stilmittel wie überdehnte Generalpausen, abrupte Temporückungen und effektvolle Accelerandi übernommen hat. Seine Intentionen realisiert das Freiburger Barockorchester mit seinen flockigen Streichern, dem Farbreichtum der historischen Blasinstrumente nach Kräften.

Den Sängern merkt man an, wie genau Jacobs als ihr ehemaliger Kollege auch diesmal mit ihnen gearbeitet hat. Immer stehen Leichtigkeit, hohe Flexibilität, klare Textgestaltung im Vordergrund - später Nachklang des "recitar cantando" eines Claudio Monteverdi. Ungewohnt dabei ist lediglich die Fülle der von ihnen geforderten Verzierungen. Geradezu sensationell: die Donna Elvira von Alexandrina Pendatchanska mit dem dunklen Timbre, der Expressivität und Koloraturfestigkeit ihres Soprans. Ein idealer Kontrast zu der hellen Leuchtkraft ihrer bulgarischen Landsmännin Svetlana Doneva als Donna Anna! Sunhae Im als Dritte im Bunde ist eine stimmlich und darstellerisch ganz entzückende Zerlina.

Johannes Weisser (Don Giovanni) und Marcos Fink (Leporello) punkten vor allem durch perfekte Verkörperung ihres Typus. Der klangschöne Tenor von Werner Güra (Don Ottavio) fühlt sich in Prag wohler als in Wien; Nikolay Borchev ist ein sympathischer Masetto, Alessandro Guerzoni ein wuchtiger Commendatore. Ihnen allen dankte beide Male der Jubel des ausverkauften Hauses.
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Theophilus

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8

Samstag, 19. August 2006, 20:45

Hallo

Zitat

Frappierend wirkt schon die Besetzung der Titelfigur ("ein junger, zügelloser Edelmann" schreibt Mozart) mit einem jungen Sänger, nur zwei Jahre älter als der 24-jährige Interpret der Uraufführung. Kein alternder, verlebter Playboy steht da auf der Bühne, sondern der durchaus moderne Typ eines sexbesessenen Sohnes aus besserem Haus.

Jetzt bleibt nur noch die interessante Frage zu klären, wie es dieser Jüngling in seinem kurzen Leben bereits auf über 2000 Frauen gebracht und dabei auch gleich halb Europa abgegrast hat! (Oder wurden gar in der Registerarie die Zahlen vernünftig angepasst?)

:hello:

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Ulli

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9

Samstag, 19. August 2006, 21:40

Wenn er mit 17 angefangen hat - ein täglicher Konsum unterstellt - kommt er mit fünfeinhalb Jahren gerade hin...

:hello:

Ulli
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Melot1967

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10

Sonntag, 20. August 2006, 21:28

noch ein paar Fotos

gefunden auf "magazin.klassik.com"









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Melot1967

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11

Donnerstag, 11. Januar 2007, 22:57

Vorstellung vom 12. August noch mal in Ö1

Nachdem im Dezember die Ausstrahlung unmittelbar nach "Il mio tesoro" abbrach, gibt es am 10. Februar noch mal eine Chance:



Auch über Webradio auf "http://oe1.orf.at"

Bis zum Erscheinen der offiziellen Aufnahme ist es ja hoffentlich nicht mehr lange. Es hat geheißen "im Frühjahr".
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