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Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 33

Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

1

Freitag, 23. März 2007, 12:16

Alte Meister auf den Orgeln aus dem 19./20. Jh.

angeregt durch eine ausgezeichnete CD mit der Steinmeyer-Orgel (1925, III/P) in der Berliner Kirche Ss. Corpus Christi, welche beim Label JUBAL unter dem Titel „Werke J.S. Bachs und des 20. Jahrhunderts“ kürzlich erschienen ist, möchte ich mit diesem Thread eine Diskussion über die Problematik und deren Lösungen bei der Interpretation der Werke alter Meister auf romantischen und spätromantischen Orgeln starten.



Wenn man ein Instrument hat, daß dem romantischen bzw. spätromantischen Klangideal verpflichtet ist, steht man zwangsläufig vor der Frage, wie gehe ich in der Registrierung, Tempi etc. vor, damit die Interpretation dem Hörer glaubhaft und überzeugend erscheint? Die Praxis zeigt dabei, daß hier die (schon mal verpönten) Anweisungen von K. Straube & Co. durchaus Ihren Sinn und Richtigkeit haben. Legt man diese Anweisungen eigener Interpretation zugrunde, erlebt man, daß auch barocke Meister auf einer romantischen Orgel reizvoll klingen können. (vergleiche hier: die oben genannte CD-Einspielung oder J.S. Bach, Passacaglia c-Moll, gespielt von Jan Ernst an der Ladegast-Orgel im Dom zu Schwerin, oder J.S. Bach, Fantasie und Fuge g-Moll, gespielt von Thomas Herzer an der Ladegast-Orgel der Schloßkirche in Wittenberg / beides erschienen bei FAGOTT). Dieses Empfinden setzt natürlich voraus, daß man einer solchen Interpretation nicht den Gültigkeitsrahmen der hist. Aufführungspraxis des 17.-18. Jh. auflegt.
Welche Meinung haben Sie dazu?

  • »Reiner_Klang« ist männlich

Beiträge: 166

Registrierungsdatum: 18. Dezember 2006

2

Freitag, 23. März 2007, 13:11

Mir kamen zu diesem Thema spontan zwei Gedanken:

1. Für mich macht es einen Unterschied, ob es um eine Aufnahme oder um ein Konzert geht. Im Rahmen eines Konzertes finde ich viele Experimente erlaubt und sogar wünschenswert. Warum nicht, wenn es an der jeweiligen Orgel passende Register gibt, auch einmal Frescobaldi massiv grundtönig registrieren oder eine barocke Triosonate mit schönen Streichersolostimmen spielen. Bei den Aufnahmen würde ich unterscheiden in solche, die die Möglichkeiten einer spezifischen Orgel demonstrieren sollen und solche, die eine möglichst "gültige" Interpretation eines Werkes festhalten sollen. Im letzteren Fall würde ich für mein Empfinden die Experimentierfreude in deutlich engeren Grenzen halten.

2. Der genannte Zeitraum (19./20.Jh.) umfaßt im Orgelbau allein in Deutschland eine gewaltige Bandbreite technischer und klanglicher Art. Hier zeigt sich für mich ein beträchtlicher Teil der Meisterschaft eines Organisten, angesichts des spezifischen Instrumentes zu entscheiden, welche Musik angemessen darstellbar ist. Ich kenne beispielsweise eine Orgel von J.F.Schulze ( 1848 ) mit einem unerhört kraftvollen und strahlenden Prinzipalchor, traumhaft streichelzarten weiten Flöten, mörderischen Zungenstimmen (bis Posaune 32') und einigen Soloregistern (Gambe 8'), die die Zuhörer zum Schmelzen bringen. Auf dieser Orgel ist Bach genauso ein Traum wie Rinck, Rheinberger, Reger oder sogar einige Zeitgenossen.

Liebe Grüße :)

Andrew

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  • »Andrew« ist männlich

Beiträge: 1 941

Registrierungsdatum: 4. März 2006

3

Freitag, 23. März 2007, 14:35

Zitat

Zitat von Fagott
oder J.S. Bach, Passacaglia c-Moll, gespielt von Jan Ernst an der Ladegast-Orgel im Dom zu Schwerin


Hallo Fagott,

über den Namen des Ausführenden bin ich gestolpert. Es müsste sich um einen meiner Mitschüler handeln, der Kirchenmusik studiert hat und am Schweriner Dom als Kirchenmusiker tätig ist. Wäre es möglich, etwas mehr über die CD zu erfahren?

:hello: Vielen Dank und freundliche Grüße vom anderen Ende Deutschlands
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

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Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

4

Freitag, 23. März 2007, 15:48

Zitat

Original von Andrew

Wäre es möglich, etwas mehr über die CD zu erfahren?


Ja natürlich. Es handelt sich um die Jubiläumsreihe anläßlich des 100. Todestages von Friedrich Ladegast (6 Volumina).
Schauen Sie an: "Die Ladegast-Orgeln Vol. 4 - Die Orgel im Dom zu Schwerin", Katalog-Nr. F-39039. Die CD finden Sie im Webshop unter www.fagott-shop.de (=>Webshop=>Orgelbauer=>19. Jahrhundert=>Friedrich Ladegast).

Ich finde die Einspielung von Bachs Passacaglia c-Moll nach den Registriervorgaben von J.G. Töpfer, welcher ja durch seine Mensurenberechnungen mit diesem Instrument unmittelbar in Verbindung gebracht werden kann, als sehr gelungen. Auch "die Franzosen" (Pierne, Dubois, Gigout) sind trotz der für diese Schule fremden Klangcharakteristika ein Ohrengenuss!
Freundliche Grüsse vom Bodensee

Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 33

Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

5

Freitag, 23. März 2007, 18:50

Zitat

Original von Reiner_Klang

1. Für mich macht es einen Unterschied, ob es um eine Aufnahme oder um ein Konzert geht. Im Rahmen eines Konzertes finde ich viele Experimente erlaubt und sogar wünschenswert. Warum nicht, wenn es an der jeweiligen Orgel passende Register gibt, auch einmal Frescobaldi massiv grundtönig registrieren oder eine barocke Triosonate mit schönen Streichersolostimmen spielen. Bei den Aufnahmen würde ich unterscheiden in solche, die die Möglichkeiten einer spezifischen Orgel demonstrieren sollen und solche, die eine möglichst "gültige" Interpretation eines Werkes festhalten sollen. Im letzteren Fall würde ich für mein Empfinden die Experimentierfreude in deutlich engeren Grenzen halten.


Demnach haben Ihrer Meinung nach Aufnahmen der Bachwerke an einer romantischen Orgel keinerlei Berechtigung - auch wenn diese die Ästetik und die Sicht jener Zeit (19. Jh.) darstellen sollen? Daß wir heute anders sehen und hören, steht wohl außer Diskussion. Desto interessanter es ist, die alte Musik so zu entdecken, wie sie vielleicht Mendelssohn entdeckt haben konnte - im Spiegel der Romantik, oder?

sebastian

Schüler

  • »sebastian« ist männlich

Beiträge: 171

Registrierungsdatum: 15. Juli 2005

6

Samstag, 24. März 2007, 00:23

Interessant - wo steht diese oben erwähnte Schulze? Denn diesen Orgelbauer kenne ich noch gar nicht...
Ich würde die Problematik, wie man egal welche Literatur darstellt, eher verallgemeinern. Denn es ist ganz klar: wenn ich ein Stück auf einem dafür nicht konzipierten (oder andersherum) Instrument zu Gehör bringen will, muss ich Modifikationen vornehmen. Die Frage ist jetzt, wie weit diese Modifikationen gehen (dürfen).
Zweifelsohne bietet gerade die Ladegast in Schwerin eigentlich alle für einen "historischen" Bach wichtigen Farben. Bei einer Walcker oder Sauer aus 1880 wirds da schon schwerer; entweder muss ich tricksen (oktavieren, Werke zusammenkoppeln o.ä.) oder eben andere Wege beschreiten.
Ich kann jetzt sagen: okay, für Bach rechnet man mit einem solchen Klangbild (sagen wir: barockes Plenum), dann schau ich mal, was ich ziehen muss, um aus dieser (romantischen) Orgel einen solchen Klang herauszubekommen. Der Klang ist zwar dann ähnlich, aber wenn ich mir nur die gezogenen Register (immer die Disposition des Instruments im Hinterkopf habend) ansehe, wird mir ganz anders. Da zieht man das Quintatön vom HW, den Prestant vom zweiten mit Subkoppel etc etc... Sachen, die eigentlich nicht gehen. Aber der Klang stimmt eben.
Ich kann aber auch sagen: in Naumburg würde ich ziehen Prinzipal 16', Oktave 8' etc etc..., dann mache ich das hier auch (kommt - gerade an Instrumenten aus den 60ern leider zu oft vor!!!). Das Ergebnis klingt zwar meist eher wirklich schlecht, weil die Instrumente mit einer solchen Behandlung nicht rechnen, aber "auf dem Papier" stimmts...
Ich kann aber auch sagen: so - ich habe eine Orgel, die mit feinen dynamischen Schattierungen rechnet. Was kann ich aus diesem Stück holen, um sowohl Stück als auch Orgel gerecht zu werden (und damit eventuell sogar dieses Stück auf diesem Instrument bestmöglich darzustellen)? Muss ja nicht gleich so krass sein wie Straube, aber ähnlich aufgebaut (die Passacaglia - nach Töpfer, oder? - gefällt mir da sehr gut!). Auf einer Orgel der 60er kann das durchaus auch eine "perverse" Registrierung (warum kommt mir jetzt nur Jean Guillou in den Sinn?) sein - solange es der Grunkonzeption der Orgel entspricht und dem Stück gerecht wird, warum nicht?
Ich bin eigentlich Anhänger der ersten und letzten Variante; wenn ich irgendwo schnell was einregistrieren muss und keine Zeit habe oder die Orgel ganz furchtbar klingt, dann zieh ich halt auf Verdacht (Möglichkeit 2)...
Das Interessante ist, dass (zumindest im Konzert) eine solche dynamisch abgestufte Interpretation der Orgelwerke Bachs o.ä. auf große Gegenliebe stößt - der Hörer ist es nicht gewohnt und es eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Struktur zu verfolgen (etwa dadurch, dass jeder Themeneinsatz hervorgehoben wird).

Insgesamt: Aufgrund einiger schlechter Erfahrungen habe ich gegen das "Namen-Registrieren" einige Vorbehalte; kein Problem aber habe ich damit, wenn man (wie mein Lehrer) an "unpassenden" Instrumenten so lange sucht, bis man akustisch dem Original wirklich ähnliche oder ähnlich reizvolle Klänge gefunden hat, aber mehr noch sagt mir die "orgelgemäße" Behandlung der Literatur zu. Es ist eine Grundsatzfrage: stelle ich das Instrument höher oder die Literatur?
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 33

Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

7

Samstag, 24. März 2007, 10:19

Lieber Sebastian,

1.
Oh je! Was Sie da schreiben, ist eine Bildungslücke. Johann Friedrich Schulze aus dem Thüringischen Paulinzella gehört zu den bedeutenden mitteldeutschen Orgelbauern des 19. Jh. Heute würde man ihn sogar als einen Umweltbewussten Orgelbauer bezeichnen. Im Vergleich zu seinen Zeitgenossen hat er nähmlich in seiner Orgelbauanstalt anstelle von Dampfmaschine Wasserkraft eingesetzt. Seine Instrumente sind sehr konservativ, aber technisch und klanglich ausgezeichnet.
In der Klanggestaltung - übrigens Ladegast auch - ist er noch fest im barocken und im vor- bzw. frühromantischen Klangbild verankert. Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich alte Meister an diesen Orgeln so gut darstellen lassen. Bei den spätromantischen Instrumenten aus dem Hause Sauer, Walcker, Steinmeier usw. ist es ganz anders, da die Dispositionen im wesentlichen grundtöniger und die Anzahl an Obertonregistern geringer sind. Gegen Ende des 19. Jh. findet man die letzteren kaum noch. Dies gilt übrigens auch für die Spätwerke von Ladegast. Hier möchte ich Sie auf mein Buch "Im Wandel der Zeit - Die Ladegast und ihre Orgeln" verweisen, wo ich die Frage der Dispositiongestaltung im deutschen Orgelbau des 19. Jh. ausreichend erörtert habe.
2.
Wenn ich Ihre Ausführung über das Registrieren eines barocken Meisters an einer spätromantischen Orgel lese, so geht es deutlich hervor, daß Sie hier aus einer eben romantischen Orgel eine barocke konzepieren wollen. Und hier ist m.E. Ihr Einsatz falsch. Wenn man die Klangästhetik der Zeit kennt, wird man nie auf diese Idee kommen. Lesen Sie doch bitte aufmerksam die Registrierungsanweisungen von Töpfer und Straube zu den Bach-Werken. Lesen Sie doch solche Bücher wie "Der Orgelbauer Wilhelm Sauer" oder "Zwischen Romantik und Orgelbewegung" von H.J. Falkenberg (Beides erschienen bei Rentsch-Orgelfachverlag) und versuchen Sie sich HINEINzudenken. Ich gehe jede Wette ein, Sie werden ein Wunder erleben.

Zitat

"Da jedoch fast alles Kegeltoll ist, so hilfts nichts, man muss - mit heulen!" (Johann Friedrich Ladegast)

sebastian

Schüler

  • »sebastian« ist männlich

Beiträge: 171

Registrierungsdatum: 15. Juli 2005

8

Samstag, 24. März 2007, 13:58

Lieber Herr Koschel (wenn ich das richtig deute?),
1.ob ich jetzt von einer "Bildungslücke" sprechen würde, wenn ich recht wenig über die Orgelbaudynastie Schulze aus Paulinzella informiert bin, weiß ich nicht... Schreibt doch auch Stefan Kagl in organ IV/2004, dass der "einst so klangvolle Name "Schulze" kaum Erwähnung" neben Walcker, Laegast, SteinmeYer oder Sauer findet... Auch gibt es in Deutschland wohl nur noch wenige größere erhaltene Orgelwerke (das größte steht laut diesem Artikel in Markneukirchen - und das ist kein Name, der bei meinen Kollegen ein "ach ja, kenne ich" hervorruft... Deshalb: Bildungslücke?
In dieser Ausgabe von organ ist auch die Disposition der Lübecker St. Marien-Orgel abgedruckt (1851-54). Und hierzu würde mich sehr interessieren, woran Sie den starken Bezug auf die Früh- bzw. Vorromantik erkennen (im Vergleich dazu kommt mir Merseburg (5 Jahre später!!!) als viel "barocker" vor)... Die Disposition zeigt, dass man einen feinen, leisen Streicherchor hat, der durch kräftigere Streicher seine forte-Entsprechung findet, dann die Geigenprinzipale (für den Oberwerkscharakter), einen sehr großen Prinzipalchor (in zwei (!!!) Manualwerken Prinzipal 16'), aber auch füllige bzw. sehr zarte Flöten/Gedackte. In dieser Disposition finde ich aber nicht die von Ihnen angesprochenen (und etwa in Merseburg oder auch noch Schwerin wohl vorhandenen) Obertonregister - da wäre Aufklärung sehr hilfreich!
Auch die wohl sehr kräftigen Zungen passen da nicht so recht in meine "Idee" eines vorromantischen Orgelbaus (man denke an die gar zungenlos bleibende Anna-Amalien-Orgel in Berlin, von Friedemann Bach (soweit ich nicht irre) so disponiert oder ähnlich "cantable" Instrumente)... Und ob die Streicher Schulzes mit dem "Zischen" einer Walckerschen Viola di Gamba (aus 1846) mithalten kann, was den Obertonbereich angeht, weiß ich nicht...
2. Sie haben mich wohl leider falsch verstanden: ich will nicht per se aus einer romantischen Orgel eine barocke konzipieren (was bei den meisten Instrumenten um 1850 herum sowieso fraglich ist - das sind universelle Instrumente im besten Sinne!!!); ich kann nur diese Registrierpraxis (die etwa mein geschätzer Orgellehrer pflegt) gut nachvollziehen und registriere je nach Instrument und Stück auch so.
Mit

Zitat

aber mehr noch sagt mir die "orgelgemäße" Behandlung der Literatur zu
meinte ich durchaus, dass eine "Straubesche" Behandlung der Orgel durchaus ihre Berechtigung hat und ich selbige durchaus auch so praktiziere (allerdings nicht nur bei romantischen Instrumenten - wenn man eine neobarocke oder avantgardistische Orgel hat, sucht man auch da nach "ungewohnten" Klangkombinationen). Und mein Beispiel

Zitat

Das Interessante ist, dass (zumindest im Konzert) eine solche dynamisch abgestufte Interpretation der Orgelwerke Bachs o.ä. auf große Gegenliebe stößt - der Hörer ist es nicht gewohnt und es eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Struktur zu verfolgen (etwa dadurch, dass jeder Themeneinsatz hervorgehoben wird).
zeigt ja auch ziemlich deutlich, wie ich das verstehe: ich gehe im Prinzip davon aus, dass ich (wenn ich an einer romantischen Orgel sitze) eben kein Werk von Bach habe, das ich so "wie Bach" hören will, sondern dass da "Reger" vornedrauf steht und ich dann schaue, was ich aus dem Instrument hole... Die Töpferschen Registrierideen habe ich zugegebenermaßen mangels bei uns verfügbarer Instrumente bisher noch nicht studiert - aber man kommt ja auch selbst auf Ideen...
Viele Grüße (und wie war das mit den Obertonregistern bei Schulze?)
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

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Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

9

Samstag, 24. März 2007, 19:35

Lieber Sebastian,

ich hoffe, es wird uns von einigen Lesern verziehen, wenn wir beide im Süden lebend, uns hier über die mitteldeutsche Landschaft auslassen. Jedoch würde ich auch heute nicht, den Namen Schulze unter den Tisch fallen lassen. Daß Schulze bereits seinerzeit als bedeutender Orgelbauer angesehen war, belegt die Geschichte der Orgel in Soest für die sich auch Ladegast beworben hat. Den Zuschlag bekam jedoch Schulze. Aus einem Brief von Albertus van Eycken, welcher in dieses Projekt als Gutachter involviert war, erfahren wir, daß die Vergabe an die Firma J.F. Schulze & Söhne auf seine nachdrückliche Empfehlung zurückzuführen ist. Van Eycken, welcher des öfteren als Gutachter einbezogen wurde, kannte Ladegast zwar persönlich nicht, lernte aber seine große Orgel im Dom zu Merseburg kennen. Sein Urteil: "Die sanften Register dieses Werkes seien wunderschön, das volle Werk aber zu schwach. Außer der Physharmonika würden alle Rohrwerke schnarren." Es gibt auch andere Beispiele, wo die von Ihnen genannten Orgelbauer leer ausgingen und Schulze bauen durfte... So schlecht und unbedeutend war er doch nicht, daß man ihn und sein Werk heute übersehen kann. Ich hatte auch selbst einige seiner Orgeln unter den Fingern gehabt und muss gestehen, dass mich die Klanggestallt seiner Orgel überzeugt hat.
Zur Frage der Disposition:
Nun ist es so, daß jeder Orgelbauer eine gewisse Entwicklung in seinem Schaffen hat. Dies trifft natürlich für Schulze und Ladegast zu. Alle drei viermanualige Werke von Ladegast (Merseburg, Leipzig und Schwerin)dürfen Sie als Ausnahme betrachten. Um Zeit und Platz zu sparen, möchte ich hier erneut auf das Ladegastbuch verweisen. Vergleicht man aber die dreimanualigen Instrumente aus verschiedener Zeit z.B. Köthen, Posen, Chemnitz, Mittweida u.ä. stellt man die die Wandlung zur spätromantischen Grundtönigkeit fest.
Dr. Koschel

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Fagott« (24. März 2007, 19:38)


  • »Reiner_Klang« ist männlich

Beiträge: 166

Registrierungsdatum: 18. Dezember 2006

10

Samstag, 24. März 2007, 23:11

Markneukirchen im Vogtland

Wenngleich zu fortgeschrittener Stunde, möchte ich mich noch einmal kurz zu einer kleinen Erläuterung zu Wort melden:

Es ist richtig, ich sprach von der Schulze-Orgel in Markneukirchen, die in der ersten Hälfte der 1990er Jahre durch die Dresdner Werkstatt von Kristian Wegscheider (hervorragende Orgelbaumannschaft für historische Instrumente, haben meine größte Hochachtung!) restauriert und weitestgehend in den Originalzustand versetzt wurde. Es handelt sich nach meinem Kenntnisstand um die einzige in Deutschland vollständig mit Originalmechanik und Disposition erhaltene Schulze-Orgel. Allein die Trakturen sind eine unglaubliche handwerkliche Meisterleistung. Man sollte sie gesehen haben. Übrigens ermöglicht der örtliche Kantor gerne Zugang zu und Besichtigung des Instrumentes.

Anmerkung zu Markneukirchen: Die Stadt mag ein kleines, eher unscheinbares Örtchen im Vogtland sein, aber zumindest Orchestermusiker kennen häufig ihren Namen. Gibt es dort doch heute noch nicht weniger als 60 handwerkliche Musikinstrumentenbauer. Dieses Gewerbe hat dort eine rund 300jährige Tradition. Anfang des letzten Jahrhunderts hatten die Hersteller und Versandbetriebe des Ortes einen Weltmarktanteil vor allem bei Streichinstrumenten von rund 80% (sic!) und in Markneukirchen befand sich deshalb ein amerikanisches Konsulat. Auch heute noch läßt sich im Ort nahezu ein komplettes Orchester aus lokalen Instrumenten bestücken. In Markneukirchen gibt es außerdem ein Musikinstrumentenmuseum mit einer der umfangreichsten Sammlungen in Deutschland.

Zu der Bemerkung von fagott, ob ich Bachaufnahmen an romantischen Orgeln jede Berechtigung abspräche: Antwort prinzipiell nein aus musikhistorischem und klanglich-ästhetischen Interesse, aber Maßstab oder Referenz wird eine solche Aufnahme für ein Werk J.S.Bachs für mich nie sein können. Ich finde auch Glenn Goulds Goldbergvariationen höchst interessant, Referenz bleibt für mich das Cembalo.

Liebe Grüße :)

Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

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Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

11

Dienstag, 27. März 2007, 14:10

RE: Markneukirchen im Vogtland

Zitat

Original von Reiner_Klang
Es ist richtig, ich sprach von der Schulze-Orgel in Markneukirchen, die in der ersten Hälfte der 1990er Jahre durch die Dresdner Werkstatt von Kristian Wegscheider restauriert und weitestgehend in den Originalzustand versetzt wurde. Es handelt sich nach meinem Kenntnisstand um die einzige in Deutschland vollständig mit Originalmechanik und Disposition erhaltene Schulze-Orgel. Allein die Trakturen sind eine unglaubliche handwerkliche Meisterleistung. Man sollte sie gesehen haben. Übrigens ermöglicht der örtliche Kantor gerne Zugang zu und Besichtigung des Instrumentes.

Ja, der Schulze konnte gute Orgeln bauen. Ohne Zweifel war er jedoch eine umstrittene Persönlichkeit und hatte auch unter den "Orgelpäpsten" des 19. Jh. nicht immer einen guten Ruf genossen (siehe Zitat unten).
Ich bin mir nicht sicher, ob die von Ihnen genannte Orgel seine einzige vollständig erhaltene ist. 2001 spielte ich im Rahmen des "Thüringer Orgelsommers" in Königsee/Thür. und meine, daß das Werk weitgehend erhalten war, kann mich aber natürlich irren.

Da wir vom Ursprungsthema abgekommen sind, schlage ich vor, zur Frage der Berechtigung der Interpretation zurückzukehren.

Zitat

Original von Reiner_Klang
Zu der Bemerkung von fagott, ob ich Bachaufnahmen an romantischen Orgeln jede Berechtigung abspräche: Antwort prinzipiell nein aus musikhistorischem und klanglich-ästhetischen Interesse, aber Maßstab oder Referenz wird eine solche Aufnahme für ein Werk J.S.Bachs für mich nie sein können. Ich finde auch Glenn Goulds Goldbergvariationen höchst interessant, Referenz bleibt für mich das Cembalo.


Die Frage, die mich bewegt, ist nicht, ob die Interpretation alter Musik an einer Orgel aus der Zeit der Romantik überhaupt berechtigt ist, sondern wie gehe ich an einer solchen Orgel damit um? Nimmt man hier als Grundsatz das Verständnis der alten Musik an, wie dieses zu jener Zeit verbreitet war, oder soll man nach neuen Wegen (?) suchen!
Ich freue mich über weitere Gedanken und Meinungen
Fagott

___________________________________

"Diese verfluchte Macherei ist von Schulze in Paulincelle. Ich habe gestimmt im Dec. 1864, eine nichtswürdige Intonation! F. Ladegast"

  • »Reiner_Klang« ist männlich

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Registrierungsdatum: 18. Dezember 2006

12

Dienstag, 27. März 2007, 14:53

Für mich ist die zu klärende Grundfrage:

Will ich eine Komposition - gleich welcher Epoche - an jedem Instrument nach einem Ideal oder Leitbild verwirklichen, wie ich es im Kopf habe oder nehme ich die individuelle Orgel zum Ausgangspunkt der Überlegungen?

Im ersten Fall halte ich es für praktikabel, was Sebastian weiter oben beschrieb: Ich versuche, meine Registrierung und Interpretation mit dem vorhandenen klanglichen Material zumindest näherungsweise zu realisieren. Damit werden in der Regel klangliche Ergebnisse erzielt, die den "üblichen" Erwartungen an die Musikstücke mehr oder weniger entsprechen.

Im zweiten Fall studiere ich Disposition, klangliche Besonderheiten, Spielhilfen etc. der individuellen Orgel und überlege mir, welche Musik ich hiermit darstellen will bzw. kann. Dabei kann es zu gewagten Experimenten kommen, die musikalisch durchaus interessant sein können. Andererseits gibt es auch Gewaltakte, die ich für nicht sinnvoll halte: Ich werde nicht an der kleinen Silbermannorgel in Großhartmannsdorf eine Orgelsinfonie von Widor oder Vierne spielen wollen (nur als Beispiel genannt). Allerdings habe ich schon außerordentlich beeindruckende Reger- und Liszt-Interpretationen (Matthias Eisenberg und zwei Blut und Wasser schwitzende Registranten :D ) an der genannten Schulze-Orgel gehört.

Wegen des orgelbautechnischen Hintergrundes halte ich es grundsätzlich für leichter realisierbar, Musik einer früheren Epoche auf einer später gebauten Orgel zu spielen als umgekehrt. Von heutigen "Universalorgeln" bzw. gezielten Nachbauten von Instrumenten einer bestimmten Klangepoche einmal abgesehen.

Grüße :)

Fagott

Anfänger

  • »Fagott« ist der Autor dieses Themas

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Registrierungsdatum: 22. Februar 2007

13

Sonntag, 15. April 2007, 15:22

Ich habe einige Zeit verstreichen lassen und stelle nun fest, dass das Interesse an diesem Thema recht gering ist. Ich will daher das Thema nicht weiter verfolgen. Statt dessen könnte ich mir vorstellen, Informationen und Meinungen über "unbekannte" bekannte Orgelbauer auszutauschen, wie es bereits in einigen Vorträgen angeregt wurde. Dies soll allerdings in einem anderem Thread geschehen.
Was meinen andere Leser dazu?
FAGOTT