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Johannes_Krakhofer

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1

Freitag, 29. Juni 2007, 16:26

Stimmen, die wir niemals hören werden: SENESINO, Händels Lieblingssänger und Kastratengott

Hallo!

Jetzt der dritte Teil der Reihe „Stimmen, die wir niemals hören werden“ und der ist gewidmet:

SENESINO



Geboren als Francesco Bernardi im Jahre 1690 in Siena.

Über seine Jugend und vor allem die Kastration ist nicht viel bekannt, sein erster Auftritt fand aber 1707 in Venedig statt. Händel hörte den jungen Mann auf seiner Italienreise öfters und war damals sehr angetan von ihm. Die Wege der beiden sollten sich später noch kreuzen!

Er tourte wie es damals beinahe schon üblich war durch Italien.

Im Jahre 1717 wurde er nach Dresden engagiert und war dort überaus erfolgreich.

Händel spekulierte nach dem gigantischen Erfolg des Rinaldo darauf in London ein Opernunternehmen mit königlicher Protektion zu gründen. Allerdings dauerte es 8 Jahre, bis ins Jahr 1719, bis Händel vom König (George I.) die Erlaubnis bekam aufs Festland zu reisen und die besten Sänger zu engagieren, die es nur gäbe. Und die waren, nach Händels Ansicht, in Dresden zu finden.

Er reiste also nach Dresden und warb zunächst einmal die Starsopranistin Margherita Durastanti ab, scheiterte allerdings am Geldbeutel des Sachsenkönigs, der seine anderen Stars nicht weggeben wollte.

Doch das Schicksal meinte es gut mit Händel, denn das Ensemble zerstritt sich in der nächsten Saison und Händel gelang es den Altkastraten Senesino, dem Soprankastrat Matteo Berselli, sowie die Sopranistin Maddalena Salvai und den Bassisten Giuseppe Maria Boschi, einen absoluten Topstar unter den damaligen Bässen.

Die Eröffnung des Haymarket Theatre erfolgte am 2. April 1720 mit der Oper „Numitore“ von Giovanni Battista Porta unter der Leitung des Direktors Händel.
Doch warum gab man keine Händel-Oper zur Einweihung?

Das hatte politische Gründe: Der König und der Kronprinz waren seit Jahren zerstritten und damit auch ihre Parteien. Doch sie versöhnten sich nun auf einmal und wollten das natürlich mit einer Oper feiern. Diese Feier sollte am 27. April 1720 gefeiert werden, und da wurde Händels Radamisto gegeben, mit großem Erfolg übrigens. Doch noch ohne Senesino, denn der konnte erst im Herbst aus seinem Vertrag mit Dresden aussteigen und gab ihn erst in einer Neufassung im Dezember. Von da an war er der „primo uomo“ in jeder Händel-Oper bis 1728.

Und das wären:
Radamisto
Floridante
Ottone
Flavio
Giulio Cesare in Egitto
Tamerlano
Rodelinda, Regina de' Langobardi
Publio Cornelio Scipione
Alessandro
Admeto
Ricardo Primo
Siroe, Re di Persia
Tolomeo, Re di Egitto

Wie ihr sehen könnt, war er demnach auch der erste Julius Cäsar, der erste Admeti und auch der erste Riccardo. Seine Auftritte in London waren stets gefeiert und er brachte auch Händel Geld, Ruhm und Anerkennung. Die beiden schlossen Freundschaft, doch mit der Zeit kam es zu Streitigkeiten.

Aber Händel wollte sein Ensemble zum Besten der Welt machen und verpflichtete immer weitere große Sänger, wie z.B.:
Francesca Cuzzoni (1723) die erste Kleopatra
Faustina Bordoni (1726) für den Alesandro, sie war Cuzzonis große Rivalin und die spätere Ehefrau J.A. Hasses.

Am 31.1. 1727 wurde Admeto uraufgeführt, mit einer Besetzung, für die jeder Operndirektor seine Familie verkauft hätte:
Admeto Senesino (Altkastrat)
Alceste Faustina Bordoni (Sopran)
Antigona Francesca Cuzzoni (Sopran)
Trasimede Antonio Baldi (Altkastrat)
Orindo Anna Dotti (Alt)
Ercole Giuseppe Maria Boschi (Bass)
Meraspe Giovanni Battista Palmerini (Bass)

Der Admeto war damals unheimlich popular, die Kritiker lobten Senesino pathetischen Ausdruck und seine (für einen Kastraten) ziemlich gute Schauspielkunst.

Die Jahre 1727 und 1728 waren von Streitigkeiten Senesinos mit Händel geprägt, was sich natürlich auch auf die Leistungen des Stars auf der Bühne niederschlugen. Senesino war selten in Hochform und Händel selten gut auf ihn zu sprechen. Also trennten sich ihre Wege im Jahr 1728, allerdings nur vorübergehend!

Im Jahre 1729 musste Händel aufgrund pekuniärer Defizite sein altes Opernunternehmen auflösen. Senesino ging mir ihm im Streit auseinander.

Doch dem großen Sachsen gelang es beim König Geld für ein neues Opernunternehmen aufzutreiben. Natürlich sollte auch hier wieder die Creme de la Creme der Sängerelite der damaligen Zeit auftreten. Also nahm Händel mit Senesino Kontakt auf, der inzwischen in Italien auftrat, nicht sonderlich erfolgreich übrigens, doch der hatte genug von Händels Eskapaden und lehnte es ab nach London zu kommen!

Doch das Unternehmen wurde schon 1730 eröffnet (Mit den Opern Lotario und Partenope), doch die Werke waren nur Durchschnitt (Für das damalige Publikum) und die Sänger, vor allem Händels neuer „Kastratenstar“ Antonio Bernacchi gefielen nicht. Also blieb Händel nix anderes übrig, als erneut bei seinem Lieblinskastraten anzufragen und ihm viel Geld für eine Wiederkehr zu bieten. Und er kam!

Am 2. Feber 1731 war die Uraufführung von Händels neuer Oper POROS.
Senesino gab den Poros, Anna Maria Strada die Cleofide und der Tenor Annibale Pio Fabri den Alexander.
Die Aufführungen waren grandiose Erfolge. Händel war wieder im Geschäft und Senesinos Sangeskünste wieder in aller Munde!

Der Poros war damals ein sehr beliebtes Sujet. Hasses Cleofide, Porporas Poros kamen im selben bzw. im darauffolgendem Jahr heraus und füllten in Dresden bzw. in Turin die Kassen der Opernhäuser.

Hier die Opern von Händel, in denen Senesino in seiner zweiten Londoner „Periode“ auftrat!
Poro, Rè dell'Indie
Ezio
Sosarme, Rè di Media
Orlando
Arianna in Creta

Im Dezember brachte Händel den Admeto neu heraus, und wieder feierte man Senesino wie einen Gesangsgott.

Doch 1733 zerstritt er sich endgültig mit Händel und wechselte zu Händels Erzrivalen der „Adelsoper“. Händel, der um den guten Ruf Senesinos wusste, musste einen neuen Super-Kastraten engagieren und dieser war. FARINELLI!

Dieser war eine Sensation in London und Senesino, der dauernd Allüren an den Tag legte, gegen die die meisten Operndiven von heute pflegeleicht wären, konnte sich nie richtig gegen Farinelli durchsetzen.

1737 ging Senesino endgültig nach Italien, dass er auch nicht mehr verlassen sollte. Er sang dort in Opern von Hasse, Porpora, Leo, Vinci und vielen anderen.

Senesino starb am 27. Jänner 1759.


Hier einige Aufnahmen von Arien die für den Kastraten geschrieben wurden, der Händel berühmt machte:


Andreas Scholl singt Arien von Händel, Albinoni, Scarlatti, Lotti, Porpora, Hasse


Scholl singt Händel-Arien, aber auch von späteren Opern!

Hier nur Händel-Arien:



Marijana Mijanovic - Händel Affetti Barocchi
Arien für den Kastraten Senesio aus Rodelinda,
Radamisto, Siroe, Giulio Cesare, Orlando


Und jetzt zu Gesamtaufnahmen von Senesino-Opern (Sogar in chronologischer Reihenfolge) (Alles HIP) :


RADAMISTO
Joyce Di Donato, Patrizia Ciofi, Maite Beaumont, Dominique Labelle, Carlo Lepore, Zachary Stains,
Il Complesso Barocco, Alan Curtis

Einen deutschen Radamisto gibts auch, aber der ist nicht-HIP, aber gar nicht schlecht. (Siehe meinen Klassikkanon)


FLORIDANTE
Marijana Mijanovic, Joyce DiDonato, Roberta Invernizzi, Vito Priante, Sharon Rostorf-Zamir, Riccardo Novaro,
Il Complesso Barocco, Alan Curtis


OTTONE
Bowman, McFadden, Smith, Visse, George,
King's Consort, King


FLAVIO
Ensemble 415 / Jacobs



GIULIO CESARE
Larmore, Schlick, Fink, Rörholm, Ragin,
Concerto Köln, Jacobs


GIULIO CESARE
Anne Sofie von Otter, Magdalena Kozena, Charlotte Hellekant, Pascal Bertin,
Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski


TAMERLANO
Ragin, Robson, Argenta, Chance, Findlay,
Engl. Baroque Soloists, Gardiner


RODELINDA
Simone Kermes, Marijana Mijanovic, Steve Davislim, Sonia Prina,
Il Complesso Barocco, Alan Curtis


RODELINDA
Schlick, Schubert, Cordier, Wessel, Pregardien,
La Stagione Frankfurt, Schneider


ADMETO
Jacobs, Yakar, Cold, Bowman, Gomez, Egmond,
Il Complesso Barocco, Curtis


RICCARDO PRIMO
Mingardo, Piau, Brua, Scaltrini, Berin,
Les Talens Lyriques, Rousset


SIROE
Ann Hallenberg, Johanna Stojkovic, Timm de Jong, Sunhae Im, Gunther Schmid,
Cappella Coloniensis, Andreas Spering


POROS
L'Europe Galante / Biondi
Banditelli / Bertini / Fink / Lesne

Es gibt auch eine deutsche Poros-Aufnahme (Siehe oben)


SOSARME
Deller, Watts, Herbert, Evans, Ritchie,
St. Cecilia Orchestra, Lewis


ORLANDO
Bardon, Mannion, Summers, Joshua, Kamp,
Les Arts Florissants, Christie


ORLANDO
Auger, Kirkby, Bowman, Robbin, Thomas,
Academy of Ancient Music, Hogwood


ARIANNA IN CRETA
Mata Katsuli, Mary-Ellen Nesi, Irini Karaianni, Marita
Paparizou, Theodora Baka, Petros Magoulas,
Orchestra of Patras, Petrou

Ehrlich gesagt, muss ich zugeben, dass ich nur einen (Kleinen) Teil dieser Aufnahmen besitze, aber alle Libretti dazu! Die CDs dazu stehen auf meiner sehr langen Wunschliste und werden noch gekauft, versprochen!

Das aber solls nun gewesen sein! Ich hoffe ihr hattet Spaß Händel und Senesino kennenzulernen!

LG joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

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musicophil

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2

Samstag, 30. Juni 2007, 16:17

Lieber Joschi,

Sehr interessant diese Einführungen. Ich werde meine Händelwerke mit noch mehr Vergnügen anhören.

LG, Paul
Wirklich schöne Musik rührt

Johannes_Krakhofer

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3

Sonntag, 1. Juli 2007, 01:24

Zitat

Original von musicophil
Lieber Joschi,

Sehr interessant diese Einführungen. Ich werde meine Händelwerke mit noch mehr Vergnügen anhören.

LG, Paul


Hallo Paul!

Für das ist dieser Thread im Speziellen, und diese Reihe im Allgemeinen unter anderem gedacht.

Gründe, warum ich diese Reihe ins Leben gerufen hab und auch noch fortsetzen werde, sind unter anderem:

1. Man lernt historische Persönlichkeiten kennen, die sonst eher vergessen werden
2. Man bekommt einen Einblick in die Opernwelt der damaligen Zeit
3. Man lernt Einzelschicksale und Personen kennen, die die Musik in ganz anderem Licht erscheinen lassen!

LG joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)

Fairy Queen

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4

Sonntag, 1. Juli 2007, 07:48

Lieber Joschi, ganz grosses Kompliment für dein Riesenengagement und diesen sehr interessanten Beitrag :jubel: :jubel: :jubel:
Ich freue mich schon auf die Damen! :yes:

Was mich als neugierige Frau noch sehr interessiert: was waren das für Allüren, gegen die jede heutige Operndiva pflegeleicht wäre????
Ich bin zwar keine Operndiva, aber da kann ich vielleciht noch was lernen....... :yes: :pfeif:

Zum Leben der Kastraten aus sehr privatem Blickwinkel will ich nochmal den Roman von Margriet de Moor:" Der Virtuose" empfehlen.
Dort verliebt sich eine italienische Contessa in einen berühmten Kastraten und man erlebt eine nicht-alltäglcihe Liebesgeschcihte, in der auch viel vom ELEND dieser zwangsverstümmelten Sänger anklingt.
Man sollte nie die schattenseiten vergessen: nur ganz Weinige konnten ihr Aussenseitertum und den Ausschluss aus normalen menschlchen Lebensprozessen wie Familie gründen etc mit Ruhm kompensieren.
Die capriziöse ÜBER-Kompensation, wie offenbar bei Senesino wundert da nur wenig......

Fairy Queen
Leben zeugt Leben, Energie erschafft Energie. Man wird reich , indem man sich verschwendet. (Sarah Bernardt)

Johannes_Krakhofer

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5

Sonntag, 1. Juli 2007, 12:13

Zitat

Original von Fairy Queen
Lieber Joschi, ganz grosses Kompliment für dein Riesenengagement und diesen sehr interessanten Beitrag :jubel: :jubel: :jubel:
Ich freue mich schon auf die Damen! :yes:

Was mich als neugierige Frau noch sehr interessiert: was waren das für Allüren, gegen die jede heutige Operndiva pflegeleicht wäre????
Ich bin zwar keine Operndiva, aber da kann ich vielleciht noch was lernen....... :yes: :pfeif:

Zum Leben der Kastraten aus sehr privatem Blickwinkel will ich nochmal den Roman von Margriet de Moor:" Der Virtuose" empfehlen.
Dort verliebt sich eine italienische Contessa in einen berühmten Kastraten und man erlebt eine nicht-alltäglcihe Liebesgeschcihte, in der auch viel vom ELEND dieser zwangsverstümmelten Sänger anklingt.
Man sollte nie die schattenseiten vergessen: nur ganz Weinige konnten ihr Aussenseitertum und den Ausschluss aus normalen menschlchen Lebensprozessen wie Familie gründen etc mit Ruhm kompensieren.
Die capriziöse ÜBER-Kompensation, wie offenbar bei Senesino wundert da nur wenig......

Fairy Queen


Hallo FQ!

Natürlich darf man nie vergessen, dass die Kastratensänger meist gequälte Existenzen, die aüßerlich entstellt (Nicht nur an der einen Stelle) und von vielen, meist Opernhassern, verachtet wurden. Nur wenige junge kastrierte Männer schafften es berühmt zu werden, der Großteil verkam und musste betteln. Viele Berichte aus der damaligen Zeit berrichten von den Bettlern mit der Piepserstimme!

Zu den Allüren:
Händel war ein sehr jähzorniger Mensch, der seine musikalischen Vorstellungen immer genauestens verfolgte. Er konnte Allüren nicht ertragen und je hochnaserter ein Sänger/eine Sängerin wurde, desto aggressiver wurde er. Tesi drohte er sogar sie aus dem Fenster zu werfen, wenn sie nicht in der Lage sei, ihre Schminkprozedur endlich abzubrechen und zur Probe zu erscheinen.

Senesino hingegen verzieh er manche Allüre (z.B. hatte er die unangenehme Angewohnheit jungen englischen Sängern bei Proben das Leben zur Hölle zu machen, indem er immer wechselnde Koloraturen sang und so die Duettpartner vollkommen aus dem Konzept brachte).

Genaueres über die Allüren kann ich dir nicht berichten, die mir bekannte Literatur spricht nur von "Größenwahn und Selbstverliebtheit"

LG joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
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