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Hildebrandt

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  • »Hildebrandt« ist männlich

Beiträge: 2 154

Registrierungsdatum: 10. Juli 2007

121

Samstag, 22. März 2008, 07:26

Zitat

Original von pt_concours

Na ja, ich dachte immer, eine Besetzung von ca. 12-16 Knaben wäre wohl sehr nahe am Original (auch in den Soli! oder?)


Zumindest zur "Knabenproblematik" gibt es eine sehr hübsche Stelle in Matthesons vollkommenem Capellmeister. Sinngemäß schreibt er, dass es mit den Knaben schon immer eine Last gewesen wäre: Kaum hätten sie richtig zu singen angefangen, kämen sie auch schon in den Stimmbruch. Und wenn sie einmal vorher etwas könnten, bekämen sie schlimmere Allüren als die Opernsänger.
Anschließend schildert er, wie es ihm in zähem Ringen mit den Kirchenoberen gelungen ist, die Knaben durch Frauen zu ersetzen. Erst hätte er sie verstecken müssen, damit ihr Anblick niemanden verstörte, am Ende seien die Hamburger aber gekommen, um die Frauen zu hören und zu sehen.
Sein Ideal scheint aber noch ein anderes gewesen zu sein: "So man keine Verschnittenen bekommen kann..."

Knabenstimmen scheinen also ein Übel und kein Wunsch gewesen zu sein – wenigstens für Mattheson, wahrscheinlich aber auch für Bach, oder?

Außerdem hat mir ein Freund, der mich endlich zum Guten bekehren will, das hier in die Hand gedrückt:


Die Lektüre habe ich mir für die nächsten Tage vorgenommen. Wer weiß, vielleicht bin ich danach konvertiert?
Mit dem Ergebnis melde ich mich dann wieder.

miguel54

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  • »miguel54« ist männlich

Beiträge: 1 747

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122

Samstag, 22. März 2008, 10:12

Parrotts Buch steht auf meiner Anschaffungs- und Lektüreliste auch ganz oben.

Um nochmal auf einige Argumente gegen McCreesh einzugehen:

1. leere Kirche - das machen alle so, ist kein aufführungspraktisches, sondern ein aufnahmetechnisches Argument. Wir hatten ja hier an anderer Stelle schon einen Publikums- bzw. Puppenverleihdienst angeregt ...

2. Knaben - McCreesh meint, da die Buben immer früher in den Stimmbruch kommen, findet er keine, die entsprechend überzeugend/expressiv singen können für ihr Alter, sonst würde er es probieren.

3. Orchesterstärke - McCreesh erwähnt Hinweise, dass evt. die Violinen doppelt besetzt gewesen sein könnten, sonst aber nichts.

4. Die Mitwirkung der großen Kirchenorgel im Chor I der MP scheint hier niemand in Frage zu stellen. Es ist deutlich hörbar, wie die Orgel in Kombination mit der solistischen Besetzung wirklich zum fondamento des Ensembles wird.

5. McCreesh betont, dass ein konventioneller Chor die Instrumentalstimmen - vor allem die Bläser - immer mehr zudeckt, je größer er besetzt ist, und kann sich nicht vorstellen, dass er das wollte, bei der Liebe und Sorgfalt, mit der er diese gestaltet hat.

usw. usf. - ich schließe mich McCreeshs und Roberts' Einschätzung an, dass die Argumente der Gegner einer solistischen Aufführungspraxis eher dürftig sind. Bachs Musik ist der seiner Vorgänger, für die niemand eine solistische Aufführungspraxis in Frage stellt, noch sehr nahe - sehr viel näher als die spätere Aufführungspraxis mit Solovokalisten und zusätzlichem Chor.

Wie es aussieht, ist eigentlich jede Einrichtung zur Aufführung eine Bearbeitung - das klingt banal, sollte aber nie vergessen werden. Das Ausmaß der Bearbeitung wird dann der kritische Punkt und m.E. auch eine ästhetische Frage. Kein Grund sich die Köpfe einzuschlagen. Auch die heutigen Musiker sind Praktiker, wie Bach, der bei solch wichtigen Werken ja immer wieder verbessert und nach den jeweiligen Bedingungen eingerichtet hat - genau das tun die heutigen Musiker auch.

Ich persönlich bin für diese solistischen Aufnahmen äußerst dankbar, sie berühren mich weit mehr als alles, was ich je gehört habe, incl. einer tollen Aufführung der h-moll Messe mit Michael Schneider und Chor und Doppel-Accompagnement, und begeistern mich für diese Musik. Ich bin jetzt auf McCreesh, Kuijken & Co. abonniert - wenn ab und zu noch ein Cembalo mitwirkt, umso eher - und wünsche mir eine h-moll Messe von McCreesh. Wenn er jetzt noch "native speakers" mit etwas weniger vibrato für die Sänger nähme ..... aber das macht ja Kuijken.

Bernhard

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  • »Bernhard« ist männlich

Beiträge: 3 511

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123

Samstag, 22. März 2008, 11:10

Guten Tag

Zitat

Original von miguel54
Mit Rifkin, Parrott, McCreesh und Kuijken haben jetzt vier renommierte Ensembleleiter der HIP die solistische Besetzungsform übernommen.


Vor paar Tagen habe ich mir diese



ebenfalls solistische Einspielung mit dem Ensemble Montreal Baroque von Bach-Kantaten gekauft, mich interessierte die Kantate BWV 30.
Mir fehlt etwas ein größer besetzter Eingangchor wie er mir von BWV 30a aus dieser



Einspielung mit dem Ensemble cafe zimmermann unter G. Leoinhardt angenehm im Ohr liegt :D

Ob man aber die Aufführungpraxis weltcher und geistlicher Bach- Kantaten 1:1 übernehmen kann ?

Gruß :hello:

aus der Kurpfalz

Bernhard

Bernhard

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  • »Bernhard« ist männlich

Beiträge: 3 511

Registrierungsdatum: 26. Februar 2007

124

Samstag, 22. März 2008, 11:27

Guten Tag

Zitat

Original von Hildebrandt

Zitat

Original von pt_concours

Na ja, ich dachte immer, eine Besetzung von ca. 12-16 Knaben wäre wohl sehr nahe am Original (auch in den Soli! oder?)


Zumindest zur "Knabenproblematik" gibt es eine sehr hübsche Stelle in Matthesons vollkommenem Capellmeister. Sinngemäß schreibt er, dass es mit den Knaben schon immer eine Last gewesen wäre: Kaum hätten sie richtig zu singen angefangen, kämen sie auch schon in den Stimmbruch. Und wenn sie einmal vorher etwas könnten, bekämen sie schlimmere Allüren als die Opernsänger.


Kann man die Hamburger Verhältnisse mit denen in Leipzig vergleichen ?

Zitat

Anschließend schildert er, wie es ihm in zähem Ringen mit den Kirchenoberen gelungen ist, die Knaben durch Frauen zu ersetzen. Erst hätte er sie verstecken müssen, damit ihr Anblick niemanden verstörte, am Ende seien die Hamburger aber gekommen, um die Frauen zu hören und zu sehen.


Bach probierte in Arnstadt auch mal Frauen in der Kirche singen zu lassen, die Kirchenoberen akzeptierten aber die frembde Jungfer nicht.


Zitat

Knabenstimmen scheinen also ein Übel und kein Wunsch gewesen zu sein – wenigstens für Mattheson, wahrscheinlich aber auch für Bach, oder?


Bach musste/wollte wohl mit dem Übel leben, er hatte in Leipzig gut 100 Alumnen und Externe in den Kantoreien der Thomasschule zu leiten. Er wußte was er ihnen zutrauen konnte (oder auch nicht), es waren seine Sänger, sein Chor. Erhaltene Chorlisten der Thomasschule umfassen Sänger im Alter zwischen 10 und 18 Jahren, wobei Discantisten im Alter von 13 bis 18 Jahre und Altisten im Alter von 16 bis 20 Jahren verzeichnet sind. Allerdings konnte Bach nie über eine stabile Vokalbesetzung verfügen; die Anzahl fähiger Sämger war immer natürlichen Schwankungen unterworfen, Krankheiten, Epedemien und Sterbefälle führten dazu, dass der Chor durchaus zeitweise nur zu geringerer Besetzung einsatzfähig war. Bach als Praktiker meisterte bestimmt immer die aktuelle Situation. Kritiken aber, dass die Leipziger Bevöklerung und seine Vorgesetzten mit seiner Musik nicht zufrieden waren sind keine erhalten (oder ? ).

Gruß :hello:

aus der Kurpfalz

Bernhard

  • »Manuel García« ist männlich
  • »Manuel García« wurde gesperrt

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Registrierungsdatum: 5. Februar 2008

125

Samstag, 22. März 2008, 13:08

ovpp

Lieber Miguel54,

nicht die leere Kirche war mein Kritikpunkt, sondern Deine Aussage "Was ist falsch daran, wenn jemand eines von Bachs großartigsten Werken zum ersten Mal in etwa so hört, wie es in der Thomaskirche geklungen haben mag". Und da ist es doch wohl ein Unterschied, ob Sänger und Sängerinnen in einer leeren Kirche unter optimalen Aufnahmebedingungen ihre Einspielung produzieren, oder ob Knaben in Einzelbesetzung in einer vollbesetzten Kirche, wo die Zuhörer einen guten Teil des Schalls wegschlucken, zu hören sein müssen. Und das bei diesem Riesenwerk ja auch schon mal rein physisch durchstehen müssen. Wie bereits oben gesagt, McCreesh Aufnahme mag ich sehr, das einzige was sie m.E. mit Sicherheit NICHT tut, ist, die Matthäuspassion so hören zu lassen, wie sie in der Thomaskirche geklungen haben mag.

Die historisch informierte Aufführungspraxis hat unser Musizieren und Musikhören enorm verändert. So dass z.B. das Spielen auf alten Instrumenten uns verloren gegangene alte Klänge wieder zugänlich macht, die Entschlüsselung der Affektensprache und der Musik als Klangrede uns den Inhalt der Musik wieder Offenbart. Allerdings betont Harnoncourt auch immer wieder, dass die historische Praxis kein musealer Selbstzweck sein darf und jeglicher Dogmatismus unangebracht ist.

Die HIP hat also eine Hauptfunktion, dem heutigen Menschen die alte Musik nicht romantisch überformt möglichst nahe an ihrem Ursprung wieder zugänlich zu machen. Allerdings reagiere ich allergisch, wenn die historische Information mißbraucht wird, um in einer Diskussion um Geschmacksfragen recht zu behalten. Dann wird HIP zu einem Totschlagargument.

McCreesh hat eine sängerisch rein solistisch besetzte MP präsentiert. Dazu hat er natürlich alle Mittel moderner Aufnahmetechnik genutzt. Das Ergebnis ist ausgesprochen hörenswert. Das Experiment ist geglückt und wir verfügen über eine weitere uns bereichernde Höralternative. Nach meiner Meinung reicht dies zur "Rechtfertigung" völlig aus.

Beste Grüße

Manuel García


PS. zum Buch von Andrew Parrot und zur ovpp-Hypothese (one voice per part) sollten wir einen Extra-Thread starten, um nicht nur an Hand einzelner Aufnahmen Bachs Chor zu diskutieren.

Das meine ich auch. Ich bitte darum, hier wieder zur Matthäuspassion zurückzukommen!

JR
Der allgemeine Grund=Satz der gantzen Music, auf welchen die übrigen Schlüsse dieser Wissenschaft und Kunst zu bauen sind, besteht in folgenden vier Wörtern: Alles muß gehörig singen (nach Mattheson, 1739)

Bernhard

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Registrierungsdatum: 26. Februar 2007

126

Samstag, 22. März 2008, 16:23

RE: ovpp

Guten Tag

Zitat

Original von Manuel García

PS. zum Buch von Andrew Parrot und zur ovpp-Hypothese (one voice per part) sollten wir einen Extra-Thread starten, um nicht nur an Hand einzelner Aufnahmen Bachs Chor zu diskutieren.

Das meine ich auch. Ich bitte darum, hier wieder zur Matthäuspassion zurückzukommen!

JR


Einiges zur Thematik wurde schon

-> " Hier "

diskutiert.

Gruß :hello:

aus der Kurpfalz

Bernhard

Hildebrandt

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127

Samstag, 22. März 2008, 17:00

RE: ovpp

Zitat

gottgleicher Eingriff
Das meine ich auch. Ich bitte darum, hier wieder zur Matthäuspassion zurückzukommen!


Dann ist es doch eine schöne, lohnende und sicher auch gern angenommene Aufgabe für die höhere Instanz, die bisherigen Chordiskussionen zusammenzuführen und unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen? :yes:

Du verwechselst Moderatoren mit Hiwis, Pech gehabt!
JR

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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128

Samstag, 22. März 2008, 17:40

RE: Knaben

Zitat

Original von sagitt
Sagitt meint:

War die erste nicht mit Knaben ?

Aus Liebe will mein Heiland sterben, von einem Knaben ?

Erbarme Dich von sein Haus-counter Paul Esswood ?

Schon diese Annahme würde mich von dieser Aufnahme fernhalten.


Ja. Esswood ist sehr gut hier (wesentlich besser als Jacobs für Herreweghe) und die (anonymen!) Knabensopransolisten der Wiener Sängerknaben ebenfalls außerordentlich. Sehr viel besser als in den meisten Kantaten! "Aus Liebe..." wirkt so wesentlich ätherischer als mit einer wabernden Opernstimme (wobei nicht gesagt sein soll, daß alle Frauen das so sängen).

Das war vermutlich die erste (und bis heute sind wenige darin gefolgt) Aufnahme, die konsequent mit männlichen Stimmen arbeitete und die Doppelchörigkeit ebenfalls durchgehend umsetzte. D.h. es gibt alle Solisten doppelt, der Evangelist=Tenor I.

Von den Solisten her ist das m.E. eine der besten Aufnahmen, wenn man denn überhaupt mit Knabensopranen und männlichen Alti zurechtkommt. Equiluz ist natürlich großartig, Ridderbusch ist Jesus, Van Egmond der Baß I. Auch 2. Baß (Schopper), Tenor (Rogers) und Alt (Bowman) sind sehr gut. Sie ist nicht ganz so dramatisch wie die spätere Aufnahme und Chor und Orchester sind sicher woanders präziser, aber durchaus ordentlich.
Auch technisch ist sie nicht besonders toll, der Chorus II ist etwas zusammengedrängt rechts außen, aber wie gesagt, deutlicher hört man die Doppelchörigkeit selten.

Insgesamt eine durchaus positive Überraschung. Auch nach über 30 Jahren kann sich diese Pionierleistung noch sehr gut hören lassen!

Hier noch ein kurzer Kommentar aus einem Vergleich einer französischen Radiosendung (1. Text im thread):

http://tinyurl.com/2rktu3

Zitat


Heute mal wieder Rilling 2 gehört- 1994. Eine wirklich gut anhörbare Aufnahme. Grossartige Solisten, Quasthoff, Goerne, Schade, Danz,Oelze.
Der Chor nicht so gross.
Rilling hat unglaubliche Erfahrung mit dem Stück.
Der Einfluss von Harnoncourt ist bei Rilling 2 unüberhörbar.


Die Tempi in dieser Neuaufnahme Rillings unterscheiden sich jedenfalls kaum noch von den HIPisten, 7 min für den Eingangschor.
Wenn man denn neue Instrumente toleriert, ist das auch eine sehr gute Aufnahme. Männliche Solisten dürfte es heute kaum bessere geben (Schade ist ein sehr guter Evangelist, auch wenn ich Pregardien noch etwas besser finde). Die Frauen sind dagegen m.E. bei Harnoncourt II einen Tick besser (Fink, Röschmann)

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Hildebrandt

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129

Samstag, 22. März 2008, 18:04

RE: ovpp

Zitat

Eingriff eines Hiwis
Du verwechselst Moderatoren mit Hiwis, Pech gehabt!


Frag mal Alfred! Moderator ist ein Synonym zu Hiwi. :D

Aber mal im Ernst: Wer soll es denn sonst machen? ?(

PS: Bittebitte! :jubel:

Fairy Queen

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130

Samstag, 22. März 2008, 18:51

Ich habe dieser Tage im Radio eine alte Aufnahme unter Herreweghe mit Andreas Scholl, Sybilla Rubens und Ian Bostridge gehört. Kennt die jemand?
Ausser dass ich "Erbarme dich" einfach lieber von einer "fleischlichen" Frauenstimme höre(wobei, wenn schon Counter, dann Scholl :jubel:) fand ich das ziemlich überzeugend. Der Chor war sogar Spitzenklasse, ich weiss leider nicht welcher es war, die Ansagen bekommt man im frz. Radio als Ausländer oft etwas schwierig mit..... :(

F.Q.
Leben zeugt Leben, Energie erschafft Energie. Man wird reich , indem man sich verschwendet. (Sarah Bernardt)

ThomasBernhard

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131

Sonntag, 23. März 2008, 01:19

Zitat

Original von Fairy Queen
Der Chor war sogar Spitzenklasse, ich weiss leider nicht welcher es war, die Ansagen bekommt man im frz. Radio als Ausländer oft etwas schwierig mit..... :(


Hallo FQ,

es war das Collegium Vocale Gent

Frauen und Kinder zuerst

good night and good luck

thomasbernhards-1[ätttttt]yahoo[punkt]de

Fairy Queen

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132

Sonntag, 23. März 2008, 09:32

Danke. Die Aufanhme hat mich wirklch überzeugt! Kommt auf die Liste.

F.Q.

Frohe Ostern an alle Taminos!!!!! :hello:
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Pius

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Sonntag, 23. März 2008, 11:52

Hallo!

Zitat

Original von miguel54

Zitat

Original von raphaell
Zum Kennenlernen würde ich ... McCreesh warscheinlich auch nicht empfehlen -


Warum eigentlich nicht? Was ist falsch daran, wenn jemand eines von Bachs großartigsten Werken zum ersten Mal in etwa so hört, wie es in der Thomaskirche geklungen haben mag, anstatt mit wesentlich mehr Instrumentalisten und Sängern und einer läppischen Truhenorgel?
McCreeshs Aufnahme kam gestern hier an und läuft gerade bei mir, und da ich nicht so sehr von konventionellen großbesetzten Aufnahmen "verdorben" ;) bin, finde ich das sehr innig und dramatisch. Die Musik ist so gut, da braucht es keine Massenchöre. Die Transparenz ist toll, trotzdem ein homogener Gruppenklang. Ich wüsste nicht was da fehlt, außer dem gewohnten Klang ...


Inzwischen habe ich auch den zweiten Teil gehört, und ich bin auch hier sehr angetan von dieser intressanten Interpretation. :yes:
Ob die Matthäuspassion bei der Uraufführung so geklungen haben mag, das bezweifle ich, kann ich aber natürlich nicht wissen (Bach standen da auf jeden Fall weniger erlesene Interpreten zur Verfügung).
Ab und zu vermisse ich doch den Chor. Ob das an meinen bisherigen Hörgewohnheiten liegt, weiß ich nicht. Das Gesangsoktett bei McCreesh ist dennoch beeindruckend, auch gerade z.B. bei den Turba-Chören, keine Frage.

Meine Empfehlung, Einsteigern von dieser Aufnahme eher abzuraten, hat weniger mit der Qualität der Aufnahme oder der Uraufführungsnähe zu tun, als mit der Geschichte der Bach-Rezeption, die ja (sowohl HIP als auch Nicht-HIP) fast durchweg auf (meist große) Chöre baut (böser Mendelssohn! :P ). IMO ist es dann empfehlenswert, dies beim ersten Kennenlernen auch so zu hören.
Natürlich kann man das auch genau andersherum sehen...

Viele Grüße,
Pius.

georgius1988

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  • »georgius1988« ist männlich

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Registrierungsdatum: 25. April 2006

134

Sonntag, 23. März 2008, 18:00

Zitate in der MP

Ich höre gerade den zweiten Teil unter Harnoncourt (2001) und entdecke untentwegt Stellen, die selbst mir Bach-Banausen gar arg bekannt vorkommen.

Spontan fallen mir auf:

Nr. 39 Altarie scheint ziemlich ident mit einem Satz aus einer Violinsonate (k.a. welche --> Bach-Banause eben).
Nr. 42 Bassarie hat für mich Anklänge an den letzten Satz des Italienischen Konzerts.

Da ich nun weiß, dass Bach gerne mal seinen Fundus bedient hat, würde mich interessieren, was er wo hergenommen hat, was er an anderer Stelle wiederverwendet hat und welche Teile er in "Auskopplungen" herausgebracht hat (Kantaten, u. ä.).

Auch interessant fände ich, wer aus der Matthäuspassion zitiert hat. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es eine Stelle, die an Brahms 3. Symphonie, 4. Satz gemahnt.


Ich weiß, ich stelle Fragen für 3 Bücher, aber ich bin für jedes Puzzleteil dankbar.


LG
Georg
Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • »Manuel García« ist männlich
  • »Manuel García« wurde gesperrt

Beiträge: 87

Registrierungsdatum: 5. Februar 2008

135

Sonntag, 23. März 2008, 20:00

Interessante Fragen! Würde mich auch interessieren, ob Bach auch bei der Matthäuspassion auf frühere Werke zurückgegriffen hat. Mir ist das bisher aber nicht aufgefallen, und die frappierende Ähnlichkeit des Themas aus der Arie "Gebt mir meinen Jesum wieder" mit demjenigen des dritten Satzes des italienischen Konzerts wird mir erst anhand Deiner Beobachtung bewußt.

Ich denke aber, dass bei einem so riesigen Gesamtwerk wie demjenigen von Bach solche u.U. auch eher zufälligen Ähnlichkeiten unvermeidlich sind. Die Bass-Arie ist derartig eng mit dem zugehörigen Text verbunden, dass ich sie mir als Parodie kaum vorstellen kann. Der Bass singt zweimal "Gebt mir meinen Heiland nieder" und braucht dazu exakt 30 Noten (30 Silberlinge!). Sobald er dann singt "seht das Geld" erfolgt in der Geige ein rascher Aufwärtslauf über eine Oktave und dann extrem gespreizte Achtel-Figuren. In höchst naturalistischer Weise malt Bach die in den Tempel geworfenen Geldstücke, sie rollen umher und klingeln in eindringlichster Weise. Stimmung, Text und die mit Musik gemalten Bilder stimmen derart überein, dass ich mir das kaum als Parodie vorstellen kann.

Die Arie "Erbarme dich" klingt mir - nachdem Du darauf hinweist - in der Tat, wie wenn sie ein langsamer Satz aus einer Sonate für Cembalo und Violine wäre, zu der Bach in höchst kunstvoller Weise eine zusätzliche Stimme komponiert hätte. Aber auch hier kann ich mir eine Parodie kaum vorstellen. Die Violinen malen in eindringlicher Weise das unmittelbar vorausgehende bitterliche Weinen Petri nach. Dazu kontrastierend schreitet der Bass unerbittlich fort. Der Alt wiederholt nicht das Thema der Solovioline, sondern fügt eine eigene Stimme mit dem eindringlichen Flehen um Erbarmen hinzu. Wie Bach hier mehrere Bedeutungsebenen übereinander schichtet, die Einheit mit dem Text und die Stellung in der Passion, ich kanns mir nicht besser vorstellen. Wenn das eine Parodie wäre, dann aber eine äußerst glückliche!

Umgekehrt hat Bach Teile der Matthäuspassion wieder verwandt für eine Trauermusik für seinen ehemaligen Dienstherrn, den Fürsten Leopold in Köthen, BWV 244a . Die Musik ist zum großen Teil verloren gegangen, sie umfasste 24 Sätze, darunter 7 Arien und 2 Chöre aus der Matthäuspassion.

Liebe Grüße

García
Der allgemeine Grund=Satz der gantzen Music, auf welchen die übrigen Schlüsse dieser Wissenschaft und Kunst zu bauen sind, besteht in folgenden vier Wörtern: Alles muß gehörig singen (nach Mattheson, 1739)

  • »pt_concours« ist männlich

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Registrierungsdatum: 11. März 2008

136

Mittwoch, 16. April 2008, 00:19

Zitat

Original von miguel54

Um nochmal auf einige Argumente gegen McCreesh einzugehen:
...
3. Orchesterstärke - McCreesh erwähnt Hinweise, dass evt. die Violinen doppelt besetzt gewesen sein könnten, sonst aber nichts.
....
5. McCreesh betont, dass ein konventioneller Chor die Instrumentalstimmen - vor allem die Bläser - immer mehr zudeckt, je größer er besetzt ist, und kann sich nicht vorstellen, dass er das wollte, bei der Liebe und Sorgfalt, mit der er diese gestaltet hat.
....
.


Wie meint er das? Wirklich eigenständige Bläserstellen gibt es nur im Schlusschor des ersten Teils (Nr.29) und in drei sehr kleinen Chören: Nr.4b, Nr. 11b und Nr.38b. Der Rest ist -so ich nichts übersehen habe- collaparte. Also das überzeugt mich noch nicht so ganz.


Zitat


usw. usf. - ich schließe mich McCreeshs und Roberts' Einschätzung an, dass die Argumente der Gegner einer solistischen Aufführungspraxis eher dürftig sind. Bachs Musik ist der seiner Vorgänger, für die niemand eine solistische Aufführungspraxis in Frage stellt, noch sehr nahe - sehr viel näher als die spätere Aufführungspraxis mit Solovokalisten und zusätzlichem Chor.


Den Einwand mit den Vorgängern hat mich schon zum Nachdenken gebracht. In der Tat habe ich die Aufnahmen der Werke von SCHEIN, KUHNAU oder KNÜPFER durch z.B. Cantus Cölln nie wirklich stark in Zweifel gezogen, insofern finde ich das Argument durchaus berechtigt. Ich sehe aber in diesen solistischen Interpretationen keineswegs mein Ideal- und das es auch in kleinen Gruppen geht beweist z.B. (zum Teil) Herreweghe.

Generell kann natürlich jeder seine eigenen Vorstellungen verwirklichen (oder hören), aber warum muss es gleich immer die "historisch Richitge" vermischt nach persönlichem Gutdünken mit der "so gewollten" sein?

Gruß pt_concours
Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

miguel54

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137

Mittwoch, 16. April 2008, 11:20

Zitat

Original von Manuel García
Interessante Fragen! Würde mich auch interessieren, ob Bach auch bei der Matthäuspassion auf frühere Werke zurückgegriffen hat. Mir ist das bisher aber nicht aufgefallen, und die frappierende Ähnlichkeit des Themas aus der Arie "Gebt mir meinen Jesum wieder" mit demjenigen des dritten Satzes des italienischen Konzerts wird mir erst anhand Deiner Beobachtung bewußt.


Christoph Wolff bemerkt im Bach-Compendium, wo er alle diese Werkbeziehungen durch Bearbeitung und Parodie akribisch zusammengetragen hat, dass es eine Verbindung zwischen der Matthäuspassion und der verlorengegangen Trauermusik für Leopold von Anhalt-Köthen 1729 gibt - ob diesen aber eine gemeinsame. ebenfalls verschollene Vorlage (die wiederum eine Frühfassung der Passion gewesen sein könnte) zugrunde liegt, oder ob die Trauermusik in die Matthäuspassion eingearbeitet wurde, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Zwei Sätze der Trauermusik sind in die Markuspassion parodiert worden.

Die Ähnlichkeiten zu den von Dir genannten Instrumentalthemen sind offensichtlich - so etwas höre ich bei Bach, und auch bei anderen Komponisten öfter, das ist eben ihr Stil. Bestimmte Ideen werden ihn immer wieder beschäftigt haben.

miguel54

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Registrierungsdatum: 12. September 2007

138

Mittwoch, 16. April 2008, 11:25

Zitat

Original von pt_concours

Zitat

Original von miguel54
...5. McCreesh betont, dass ein konventioneller Chor die Instrumentalstimmen - vor allem die Bläser - immer mehr zudeckt, je größer er besetzt ist, und kann sich nicht vorstellen, dass er das wollte, bei der Liebe und Sorgfalt, mit der er diese gestaltet hat.
....
.


Wie meint er das? Wirklich eigenständige Bläserstellen gibt es nur im Schlusschor des ersten Teils (Nr.29) und in drei sehr kleinen Chören: Nr.4b, Nr. 11b und Nr.38b. Der Rest ist -so ich nichts übersehen habe- collaparte. Also das überzeugt mich noch nicht so ganz.

Auch eine colla parte geführte Bläserstimme soll ja so zu hören sein, sonst könnte man sie ja auch weglassen, die Farbe muss schon als Veränderung des Gesamtklangs wahrnehmbar sein - ich nehme an, McCreesh meint das so. Zumindest schreibt er es, wie ich es wiedergegeben habe. Für meine Ohren sind die Bläser deutlicher wahrnehmbar als bei groß besetzten Aufnahmen, die ich gehört habe.

miguel54

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  • »miguel54« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. September 2007

139

Mittwoch, 16. April 2008, 11:50

Zitat

Original von pt_concours
Der Einwand mit den Vorgängern hat mich schon zum Nachdenken gebracht. In der Tat habe ich die Aufnahmen der Werke von SCHEIN, KUHNAU oder KNÜPFER durch z.B. Cantus Cölln nie wirklich stark in Zweifel gezogen, insofern finde ich das Argument durchaus berechtigt. Ich sehe aber in diesen solistischen Interpretationen keineswegs mein Ideal- und das es auch in kleinen Gruppen geht beweist z.B. (zum Teil) Herreweghe.


Das ist eine sehr gute und gar nicht so einfach zu beantwortende Frage, ob und wann und unter welchen Bedingungen die Besetzungspraxis von solistisch zu mehrfach gewechselt wurde, ob es da einen sozusagen historischen Wechsel gab, oder ob es nur von Anlaß abhing und damit dem Aufwand, der getrieben werden durfte/konnte. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Auslegung des Begriffes "Chor". Was im Barock schlicht das gleichzeitige Erklingen mehrerer Stimmen bedeutete, wird von uns heute automatisch mit mehreren SängerInnen pro Stimme verbunden. Das war aber vor dem 19. Jahrhundert die Ausnahme, bei besonderen Anlässen. Jetzt kann man natürlich trefflich streiten, ob eine Bachsche Passion ein besonderer Anlass war - das war sie mit Sicherheit, allein wegen des hohen Kirchefestes - und ob dieser Anlass sich nicht nur in einer längeren und kunstvolleren Komposition sondern auch in einer Mehrfachbesetzung der Stimmen niederschlug. Bei Händels Messias weiß man, dass in manchen Fällen großer Aufwand betrieben wurde, bei Corellis Concerti Grossi auf der Scala di Spagna in Rom auch - aber das waren seltene Ausnahmen. Im Rahmen des Kirchejahres werden sich alle Sänger und Musiker wie in der regulierten Kirchenmusik auf der Orgelempore befunden haben - und wie viele haben da Platz? (Und dann finde man mal eine Kirche, in der das heute möglich ist, mit einer zu Bach passenden Orgel, und habe eine Kirche voller Stoffpuppen, denn die husten nicht, usw. usf.)

Zitat

Generell kann natürlich jeder seine eigenen Vorstellungen verwirklichen (oder hören), aber warum muss es gleich immer die "historisch Richtige" vermischt nach persönlichem Gutdünken mit der "so gewollten" sein?

Die Schwelle zwischen persönlichem Geschmack und Gutdünken und wissenschaftlich-historischer Begründung ist hauchdünn. Auf beiden Seiten. Und wenn dann noch eine religiöse Komponente dazukommt, die sicher mit sehr unterschiedlich empfundenen emotionalen Wirkungen der Besetzungsarten und sehr viel mit prägenden Erfahrungen und Hörgewohnheiten zu tun hat ... der "Nostalgiefaktor" spielt da eine große Rolle. Ich will das gar nicht bespötteln, es muß auf Seiten der Hörer wie der Interpreten immer beides zusammen wirken, damit es bewegt. Ein Maß an Spekulation bleibt immer, so wie wir andere Menschen sind als die zu Bachs Zeiten mit völlig anderen Hörerfahrungen. Gerade die Verbindung dieser Musik mit der Liturgie, also einer religiösen Erfahrung, ist ein ganz wichtiger Faktor: Heute genügt und Bachs Musik dafür, zu seiner Zeit war die Liturgie dabei und gehörte untrennbar dazu - Bach hätte doch keine konzertante Aufführung einer Passion unternommen, was heute die Regel ist, und für viele, denke ich mal ohne kritische Hintergedanken, ein wesentlicher Anteil ihrer Spiritualität ist. Diese Musik hat etwas Erhabenes und Erhebendes, für den einen in solistischer, den anderen in mehrfacher Besetzung.

Ich nehme dieses Erhebende und Erhabene in der solistischen Aufführung eher war - ich bin aber auch nicht so von der Praxis der Mehrfachbesetzung geprägt wie viele hier. Das mag ein Faktor unter vielen sein. Die größere Transparenz der solistischen Besetzung spielt hier eine große Rolle. Und um exakte Replikation der damaligen Aufführungsverhältnisse geht es nicht nur, denn die erreichen wir sowieso nie, aber das Streben danach bringt manchen Hörer und Interpreten der Musik näher als der andere Weg.

Wir sprechen ohnehin von Tonträgeraufnahmen und ihrem Abhören zuhause, was eine weitere Komponente mit starken Auswirkungen auf die Musikwahrnehmung bedeutet. Wie laut hört Ihr z.B. Eure CDs zuhause? - eine große Besetzung leise gehört wirkt anders als eine kleine, wohingegen die solistische Besetzung, in realistischer Lautstärke gehört, durchaus ihre Wirkung hat. Aber die Akustik einer Kirche ist zuhause ohnehin nicht replizierbar.

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140

Mittwoch, 16. April 2008, 22:04

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Original von miguel54

Zitat

Original von pt_concours

Zitat

Original von miguel54
...5. McCreesh betont, dass ein konventioneller Chor die Instrumentalstimmen - vor allem die Bläser - immer mehr zudeckt, je größer er besetzt ist, und kann sich nicht vorstellen, dass er das wollte, bei der Liebe und Sorgfalt, mit der er diese gestaltet hat.
....
.


Wie meint er das? Wirklich eigenständige Bläserstellen gibt es nur im Schlusschor des ersten Teils (Nr.29) und in drei sehr kleinen Chören: Nr.4b, Nr. 11b und Nr.38b. Der Rest ist -so ich nichts übersehen habe- collaparte. Also das überzeugt mich noch nicht so ganz.

Auch eine colla parte geführte Bläserstimme soll ja so zu hören sein, sonst könnte man sie ja auch weglassen, die Farbe muss schon als Veränderung des Gesamtklangs wahrnehmbar sein - ich nehme an, McCreesh meint das so. Zumindest schreibt er es, wie ich es wiedergegeben habe. Für meine Ohren sind die Bläser deutlicher wahrnehmbar als bei groß besetzten Aufnahmen, die ich gehört habe.


Das ist so sicher richtig. Bach ist auch wirklich sehr abwechslungsreich im Zusammenstellen der( Instrumental)klänge. Allerdings empfinde ich beim Mischen von Instrumenklängen manchmal ähnliche Effekte wie beim Kochen. Man muss ein Gewürz nicht unbedingt herrausschmecken, würde aber das Fehlen bemerken.

Gruß pt_concours
Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

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Mittwoch, 16. April 2008, 22:17

RE: Zitate in der MP

Zitat

Original von georgius1988
Da ich nun weiß, dass Bach gerne mal seinen Fundus bedient hat, würde mich interessieren, was er wo hergenommen hat, was er an anderer Stelle wiederverwendet hat und welche Teile er in "Auskopplungen" herausgebracht hat (Kantaten, u. ä.).

Auch interessant fände ich, wer aus der Matthäuspassion zitiert hat. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es eine Stelle, die an Brahms 3. Symphonie, 4. Satz gemahnt.

Ich weiß, ich stelle Fragen für 3 Bücher, aber ich bin für jedes Puzzleteil dankbar.


Ich kenne noch ein ganz kleines Puzzleteil:
In der Suite c-moll BWV 997 (deren Echtheit nicht endgültig geklärt werden konnte?) finden sich in der Sarabande in den ersten beiden Takten genau der Anfang des Schlusschors der MP ("Wir setzen uns...) wieder. Daraufhinfolgen noch weitere Anklänge. (es wurde übrigends vermutet, dass es sich bei diesem Stück um einen Klavierauszug eines verlorengegangenen Orchesterwerk handeln könnte)
Ein Hinweis dazu findet sich bei KELLER (S.53)

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Hildebrandt

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Donnerstag, 17. April 2008, 09:06

Zitat

Original von miguel54
ob und wann und unter welchen Bedingungen die Besetzungspraxis von solistisch zu mehrfach gewechselt wurde, ob es da einen sozusagen historischen Wechsel gab, oder ob es nur von Anlaß abhing und damit dem Aufwand, der getrieben werden durfte/konnte. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Auslegung des Begriffes "Chor". Was im Barock schlicht das gleichzeitige Erklingen mehrerer Stimmen bedeutete, wird von uns heute automatisch mit mehreren SängerInnen pro Stimme verbunden. Das war aber vor dem 19. Jahrhundert die Ausnahme, bei besonderen Anlässen. Jetzt kann man natürlich trefflich streiten, ob eine Bachsche Passion ein besonderer Anlass war - das war sie mit Sicherheit, allein wegen des hohen Kirchefestes - und ob dieser Anlass sich nicht nur in einer längeren und kunstvolleren Komposition sondern auch in einer Mehrfachbesetzung der Stimmen niederschlug. Bei Händels Messias weiß man, dass in manchen Fällen großer Aufwand betrieben wurde, bei Corellis Concerti Grossi auf der Scala di Spagna in Rom auch - aber das waren seltene Ausnahmen. Im Rahmen des Kirchejahres werden sich alle Sänger und Musiker wie in der regulierten Kirchenmusik auf der Orgelempore befunden haben - und wie viele haben da Platz?


Der Begriff "Chor" muss wohl noch weiter differenziert werden, auch wenn man nur eine Gruppe Singender damit meint. Denn ein ital. Oratorienchor ist etwas anderes als ein englischer und ein frz. Motettenchor wieder etwas anderes als ein deutscher Kantatenchor.
Der deutsche Kantatenchor ist wohl als Ergebnis zweier Entwicklungen zustande gekommen. Da ist der Weg vom geistl. Konzert zur Kantate und die mit dem Protestantismus aufkommenden Schulchöre, auf die schon Luther großen Wert gelegt hat.
Die Verwendung von "Chor" für ein reines Vokalquartett findet sich zum ersten Mal bei Praetorius. Übrigens ist die Quellenlage für die Besetzung der Kantaten Buxtehudes eindeutiger als bei Bach; bei Bu. waren es vier Sänger.
Allerdings sind die katholischen Chöre dieser Zeit auch noch keine Großveranstaltungen. In Rom waren zehn bis zwölf Sänger "akkreditiert", an der katholischen Hofkirche in Dresden zu Bachs Zeit auch nur sieben bis elf (was man bei Spekulationen über mögliche Aufführungen der h-moll-Messe dort berücksichtigen möge).
Das Verständnis von Chor, wie wir es heute haben, ist wohl ein Ergebnis der Aufklärung. Gegen Ende des 18. Jh. kommen die großen Chöre auf, und später führt Schumann eine Bach-Passion auf, über die er stolz schreibt, dass er den Sopran des normalen Chors (auch nicht gerade klein) mit 50 Knabensopranen verstärkt habe.

Was man sich nun zum persönlichen Ideal erwählt bleibt Geschmackssache. Schließlich ist Schumann ja auch kein schlechtes Vorbild. Nur bleibt die Frage nach der historischen Richtigkeit davon unberührt.

miguel54

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Donnerstag, 17. April 2008, 19:35

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Original von Hildebrandt
Das Verständnis von Chor, wie wir es heute haben, ist wohl ein Ergebnis der Aufklärung. Gegen Ende des 18. Jh. kommen die großen Chöre auf, und später führt Schumann eine Bach-Passion auf, über die er stolz schreibt, dass er den Sopran des normalen Chors (auch nicht gerade klein) mit 50 Knabensopranen verstärkt habe.


Danke für diese Differenzierung - auf genau diesen Punkt wollt ich auch hinaus.

Von Schumanns Passionsversion kann man sich auf dieser CD ein (Hör-)Bild machen:



Ob hier auch 50 Knaben mitsingen? Eher nicht, glaube ich ...

ThomasBernhard

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Samstag, 27. Dezember 2008, 17:10

Frage an die Richter-Freunde

Ich bin mal wieder ein paar Monate voraus..

Mauersberger (vielleicht auch noch Jochum) und Harnoncourt-1 stehen jetzt noch auf der Wunschliste
(Harnoncourt-2 (live aus dem Concertgebouw) ist ja leider gestrichen :motz: )


Die eigentliche Frage ist aber, ob ihr Richter-1 oder Richter-2 den Vorzug geben würdet? Kosten ja derzeit gleich viel.

Richter 1
1958 (?)

Ernst Haefliger, Tenor
Hertha Töpper, Alt
Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton, Bass
Irmgard Seefried, Sopran
Kieth Engen, Bass
Max Proebstl, Bass
Antonia Fahberg, Sopran
Münchener Bach-Chor
Münchener Chorbuben
Münchener Bach-Orchester
Karl Richter


Richter 2
1979 (?)

Janet Baker, Mezzosopran
Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton
Edith Mathis, Sopran
Matti Salminen, Bass
Peter Schreier, Tenor
Münchener Bach-Chor
Regensburger Domspatzen / (Ära Georg Ratzinger)
Münchener Bach-Orchester
Karl Richter
Frauen und Kinder zuerst

good night and good luck

thomasbernhards-1[ätttttt]yahoo[punkt]de

Gerd

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145

Samstag, 27. Dezember 2008, 18:52

Richters "alte" oder "neue"

Grüß Gott zusammen !

Da ich mich hier ja bereits desöfteren als bekennender "Richterianer" geoutet habe, darf ich mich zu Deiner Frage, denke ich, auch äußern:

Ein sofort in die Ohren springender Unterschied besteht darin, daß Richter in der 58er-Aufnahme die Rezitative von einer kräftigen 16-Fuß-Register-Orgel begleiten läßt, während er sie bei der späteren Einspielung höchstselbst am Cembalo reich verziert, wie er es auch in den Live-Aufführungen zu tun pflegte (zudem grundiert er die "Geduld"-Arie geradezu vollgriffig mit dem Cembalo, so daß die "falsch stechenden Zungen" tatsächlich eine plastische Gestalt be-kommen); unter anderem aus diesem Grund liegt mir diese Aufnahme sehr am Herzen.

Unverkennbar sind auch die verschiedenen Tempi, die beide Aufnahmen jeweils durchziehen; die ältere nahezu mit einem einheitlichen Schwung, die jüngere mit in manchen Passagen bis zum Zerreißen gedehnten Spannungsbögen (allein der Eingangschor ist der längste der neueren Schallplattengeschichte) - das unver-kennbare Alterswerk eines physisch erschöpften Pessimisten, was es aber andererseits so intensiv macht.

Die Solisten sind in beiden Aufnahmen erstklassig: Ob man Ernst Haefliger oder Peter Schreier als Evangelisten vorzieht, ist halt eine Glaubensfrage; Dietrich Fischer-Dieskau gibt beide Male einen berückenden Christus (in der 79er-Einspielung vielleicht noch eine Spur inniger); die Baßarien klingen freilich in der Stimme Kieth Engens stimmiger als in Matti Salminens Opernlage.

Konzedieren muß man allerdings, daß der Münchener Bach-Chor in der älteren Einspielung klangmotorisch viel mehr jugendliche Vitalität besitzt als in der jünge-ren (was daran liegt, daß vor allem im Sopran zwanzig Jahre später zumeist noch die gleichen Frauen sangen und Richter sich einerseits scheute, verdiente Kräfte "abzuservieren", zum anderen auch mit seinem Chor schon innerlich abgeschlossen hatte).

Die Qualität des Münchener Bach-Orchesters hingegen ist in beiden Aufnahmen trotz wechselnder Besetzungen gewohnt hochklassig.

So ziemlich schwer es mir als "Richter-Jünger" auch fällt, mich auf eine Seite festzulegen, würde ich mich knapp und hauchdünn für die 58er-Version entscheiden - obwohl...

Beste Grüße,

Gerd

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146

Dienstag, 31. März 2009, 23:53

Bach

Karfreitag naht und damit nicht nur "Parsifal" sondern auch die großen Bach-Passionen - ich habe heute mit dieser Einspielung der Matthäuspassion meine Einstimmung begonnen:




Ich habe den beitrag an den thread zur Matthäuspassion angehängt.

MOD 007
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. (Friedrich Nietzsche)

SMOB

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Mittwoch, 1. April 2009, 00:10

Hallo Giovanni,

ich glaube zwar, dass es schon ein paar Threats über JS Bach gibt,
aber du hast recht: Osterzeit ist Bachzeit. Deshalb jetzt bei mir:



:hello:
"Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

Spielmann

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148

Dienstag, 14. April 2009, 11:55

Zitat

Osterzeit ist Bachzeit.


So isses. Aber zum Glück nicht nur.

Am Karsamstag konnten meine Frau und ich uns einen langgehegten Traum erfüllen: eine Live-Aufführung der Matthäus-Passion mit der Netherlands Bach Society in der Grote Kerk in Naarden. Eine lange Reise von hier in der Schweiz, 10 Stunden mit dem Zug nach Utrecht, dann weiter mit der Regio-Bahn und schliesslich mit dem Bus nach Naarden. Aber jeder Meter hat sich gelohnt - kein Thema. Ich sehe es als Privileg an, so eine Aufführung erleben zu dürfen, egal wo. Weltklasse in jeder Beziehung.

Musiziert wurde in der üblichen Kompaktbesetzung: 9 Solisten, 8 Ripienisten, plus 6 Knaben des Kampen Boys Choir, total also 23 Sänger, wobei die Knaben bei den Chorälen nur gelegentlich mitsangen, im 2. Teil gar nicht mehr). Bei den beiden Orchestern total 33 Instrumentalisten (drei erste und drei zweite Violinen, sonst alles einfach besetzt). Dirigiert (am Cembalo) hat dieses Jahr Lars Ulrik Mortensen. Nächstes Jahr wird wieder Jos van Veldhoven leiten. Ich war zuerst enttäuscht, dass nicht der Chefdirigent am Pult sass, aber nach der Vorstellung mit Mortensen wäre es mir für ein anderes Mal egal. Mortensen hat voll überzeugt. Wer waren die Solisten?

Evangelist: Jan Kobow
Sopran: Dorothee Mields, Susanne Rydén
Alt: Robin Blaze, Alex Potter
Tenor: Leif Aruhn-Solén, Mathias Hedegaard
Bass: Peter Harvey, Matthew Brooke

Wenn man kleine Abstriche machen musste, dann allenfalls beim Evangelisten. Hier ist man mit Gerd Türk arg verwöhnt. Punkto Diktion und Ausgestaltung des Textes konnte Jan Kobow da nicht ganz mithalten, wenngleich auch er eine grundsolide Leistung bot. Sonst waren alle Sänger auf Topniveau. Gleiches gilt für die Instrumentalisten, die bestechend homogen, rhythmisch präzise und klangschön musizierten. Dazu kommt die tolle Akustik in der Kirche. Wir sassen relativ weit hinten, verstanden aber jedes Wort. Eine wunderbare Aufführung. Wir sind heute noch ganz verzaubert.

Wie wir am CD-Stand am Eingang der Kirche erfuhren, ist für nächstes Jahr eine Neueinspielung der Matthäus-Passion mit der Netherlands Bach Society geplant, diesmal in Kompaktbesetzung. Die Live-Aufnahme von 1997 ist zwar sehr schön, aber halt noch mit dem grossen Apparat. Auch die Aufnahmetechnik hat noch nicht das Niveau der neueren Aufnahmen (Johannes-Passion, Weihnachtsoratorium, h-Moll Messe). Man darf sich freuen darauf.

Spielmann

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Dienstag, 14. April 2009, 13:00

Zitat

Original von Spielmann
Wie wir am CD-Stand am Eingang der Kirche erfuhren, ist für nächstes Jahr eine Neueinspielung der Matthäus-Passion mit der Netherlands Bach Society geplant, diesmal in Kompaktbesetzung. Die Live-Aufnahme von 1997 ist zwar sehr schön, aber halt noch mit dem grossen Apparat. Auch die Aufnahmetechnik hat noch nicht das Niveau der neueren Aufnahmen (Johannes-Passion, Weihnachtsoratorium, h-Moll Messe). Man darf sich freuen darauf.


Ah - gut zu wissen. Dann nämlich warte ich noch. :pfeif:

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Hildebrandt

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Dienstag, 14. April 2009, 13:21

Hier konnte man am Karfreitag auch vorm Radio sitzen und eine Live-Übertragung der Matthäuspassion als OVPP-Fassung unter S. Kuijken aus der Paterskirche in Kempen hören.
Das war durchaus überzeuigend, auch wenn nicht alle Sänger ihren allerbesten Tag hatten.
Allerdings war da immer noch Kleinorgelei zu hören.
Warum traut sich niemand, ein großes Instrument zu verwenden?

Näheres hier:
wdr3.de/sondersendungen/details/artikel/matthaeus-passion.html