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Der-wonnige-Laller

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91

Dienstag, 21. April 2009, 13:03

Zitat

Original von Wulf
Bist Du einer von der Sorte, der dem deftiger formulierten Urteil mehr Gewicht zumisst als der Begründung dahinter??



In diesem Fall könnte das evtl sogar stimmen. Dieser Film ist einfach Dreck. Die Gründe dafür hat Barbirolli m. E. sehr treffend formuliert. Ich halte dieses Unwerk für noch gefährlicher, als irgendwelche Ego-Shooter-Spiele, denn hier wird versucht über ekelhafte Effekte nicht nur Antisemitismus, sondern puren Hass zu wecken
Lieben Gruß!

Clemens

************************************

"Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen."

Michael Schlechtriem

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92

Dienstag, 21. April 2009, 13:04

Zitat

Ich halte dieses Unwerk für noch gefährlicher, als irgendwelche Ego-Shooter-Spiele,

Welche kennst Du denn?
"I should never have switched from Scotch to Martinis.“
Humphrey Bogarts letzte Worte.

Wulf

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93

Dienstag, 21. April 2009, 13:44

Zitat

Original von Michael Schlechtriem

Zitat

Ich halte dieses Unwerk für noch gefährlicher, als irgendwelche Ego-Shooter-Spiele,

Welche kennst Du denn?


Oh nein, bitte nicht noch diese Debatte. :rolleyes:
Carreras, I'll never stop saying Carreraaaas!
(Leonard Bernstein)

Michael Schlechtriem

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94

Dienstag, 21. April 2009, 13:46

:D
"I should never have switched from Scotch to Martinis.“
Humphrey Bogarts letzte Worte.

Edwin Baumgartner

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95

Dienstag, 21. April 2009, 14:22

Lieber Clemens,

Zitat

Ich halte dieses Unwerk für noch gefährlicher, als irgendwelche Ego-Shooter-Spiele, denn hier wird versucht über ekelhafte Effekte nicht nur Antisemitismus, sondern puren Hass zu wecken

Auf die Gefahr hin, vom Thema für einen Moment abzuschweifen: Gibsons Passion ist zweifellos Mist, aber nachdem ich den Film mehrfach aus analytischen Gründen gesehen habe: Trotz meiner Sensibilität für dieses Thema, die mir hier schon manche Haßtirade eingetragen hat, begreife ich bei bestem Willen nicht, was an diesem Film, der nur eine Abart eines Slashers ist, antisemitisch sein soll.
:hello:
...

Wulf

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96

Dienstag, 21. April 2009, 14:27

Zitat

Original von Der-wonnige-Laller
In diesem Fall könnte das evtl sogar stimmen. Dieser Film ist einfach Dreck.u wecken


Keine Frage. Aber zu behaupten, daß etwas Dreck ist, kann jeder Dünsel. Es so trefflich zu begründen, wie Barbirolli es getan hat, warum man es für Dreck hält, kann eben nicht jeder.
Deswegen ist der für mich zu unterstreichende Teil die Begründung.
Aber wir sind uns ja einig, insofern müssen wir ja gar nicht viel Aufhebens drum machen.

:hello:
Wulf
Carreras, I'll never stop saying Carreraaaas!
(Leonard Bernstein)

thdeck

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97

Mittwoch, 22. April 2009, 00:36

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Lieber Clemens,

Zitat

Ich halte dieses Unwerk für noch gefährlicher, als irgendwelche Ego-Shooter-Spiele, denn hier wird versucht über ekelhafte Effekte nicht nur Antisemitismus, sondern puren Hass zu wecken

Auf die Gefahr hin, vom Thema für einen Moment abzuschweifen: Gibsons Passion ist zweifellos Mist, aber nachdem ich den Film mehrfach aus analytischen Gründen gesehen habe: Trotz meiner Sensibilität für dieses Thema, die mir hier schon manche Haßtirade eingetragen hat, begreife ich bei bestem Willen nicht, was an diesem Film, der nur eine Abart eines Slashers ist, antisemitisch sein soll.
:hello:


Endlich. Ich frage mich nämlich auch die ganze Zeit, was daran antisemitisch sein soll. Der Film ist langweilig, sonst nichts.

Was die Diskussion zu Samson+Dalila in Köln anbelangt:
Cool, wie man schon 1 Woche vor der Premiere 3 Seiten vollschreiben kann. Macht nur so weiter, dann fahr ich da glatt hin (200 km).

Zwischenfazit:
Der Stoff deutet auf krasse Gewalt hin. Vermutlich ist die Oper (ich kenne sie nicht) in der Originalfassung eher harmlos. Eine Aktualisierung bietet sich also an. Sie sollte aber der Sache verpflichtet sein und nicht mit billigen Effekten punkten wollen. Was nun tatsächlich herauskommt, wissen wir erst nach der Premiere. Dass der Regisseur eine zwiespältige Person ist, habe ich zur Kenntnis genommen. Bis vor kurzem wollte ich die "Chorspießer" zum Teufel jagen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Eigentlich müsste ich hin...


Thomas Deck

Michael Schlechtriem

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98

Mittwoch, 22. April 2009, 01:17

Zitat Edwin:

Zitat

Es ist doch so: Der Regisseur muß für seine Arbeit grade stehen. In der Presse steht ja auch: "Die Inszenierung von Hubert Menschenschinder ist weder gut noch provokant" und nicht "Das Inszenierungskonzept von Hubert Menschenschinder wäre ausgezeichnet gewesen, er konnte es aber nicht umsetzen, weil sonst Hansi Krächzer und Franz Heiser, die beiden Wortführer des Chors, diesen zu einem akuten Grippeanfall überredet hätten."


Zitat von mir:

Zitat

Die Arbeit am Theater kann durchaus menschenverachtende Auswüchse annehmen, ich habe das selber öfters erlebt.Das ist kein künstlerischer Ponyhof, und wenn jemand z.B. der Meinung sein sollte, daß es nur auf das Resultat ankommt, dann hat er solche schlimmen Arbeitsbedingungen einfach noch nicht persönlich kennengelernt.


Es scheint die vorherrschende Meinung zu sein, daß blöde, Kunstfeindliche und vor allem faule und desinteressierte zweitklassige Künstler eine ansonsten erstklassige, künstlerisch hochwertige Leistung eines begnadeten Regisseurs torpedieren.

Ich kann dazu nur sagen, daß es auch anders herum sein kann:
Daß erstklassige Künstler die Arbeit eines Menschenschinders, der durchaus blöd und überhaupt nicht künstlerisch, dafür aber mit einem überaus aufgeblähten Ego gesegnet ist, in die Schranken weisen.

Das Herumhacken auf Reaktionen der Mitarbeiter kotzt mich an.

Ist es eigentlich bewußt, was alles passieren muß, bis sich ein an sich hochmotivierter Sänger krank meldet, um endlich aus einer für Ihn furchtbaren Situation herauszukommen?

Muß man sich dann auch noch darüber lustig machen?

Wer von unseren Taministen hat direkten Kontakt mit dem angegriffenen Regisseur gehabt?

Azucena.....und ich auch..........

Wer kann nun erklären, was es mit dem eigentümlichen Verhalten des Chores in Köln auf sich hat?

Azucena kann es erklären, und ich kann es mit großen Abstrichen, da ich Orchestermusiker bin.

IN JEDEM FALLE hat all dies nichts mit einer grundsätzlichen Leistungsverweigerung zu tun, als welche es versucht wird, hinzustellen.

Thomas Deck war zum Glück in der Lage, zwischen den Zeilen zu lesen.

Zitat

Bis vor kurzem wollte ich die "Chorspießer" zum Teufel jagen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Eigentlich müsste ich hin...


Und er hat Recht, eigentlich müssen nun alle hin und sich Ihr eigenes Urteil bilden.

Vielleicht wird es ja großartig.

Aber , auch falls es großartig wird:

Muß das auf Kosten der psychischen Gesundheit einiger passieren und muß dies in Kauf genommen werden?

Ich finde, daß dies absolut nicht nötig ist, man kann auch vernünftig miteinander kommunizieren, ja, das sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Zitat Edwin:

Zitat

Und wenn es um Regie geht: Chéreaus "Ring" gilt als Meilenstein der Wagner-Interpretation. Auch da opponierten viele und erkrankten, als nichts Anderes als Sabotage half...


Das stimmt sicherlich, und Du kennst Chéreau auch sicherlich persönlich.
Insoferne hast Du Recht!

Kennst Du Knabe persönlich?
Hast Du an seinen Arbeiten teilgenommen?

Wenn nicht, dann wäre es hilfreich, wenn Du seinen furchtbaren Führungsstil einmal kennenlernen würdest.

Du kämst dann sicherlich zu einer anderen Analyse, dessen bin ich mir sicher.


:hello:

Michael
"I should never have switched from Scotch to Martinis.“
Humphrey Bogarts letzte Worte.

Fairy Queen

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99

Mittwoch, 22. April 2009, 07:04

Gibt es an grossen Opernhäusern eigentlich eine Art von Mediation zwischen Musikern und der Leitung oder die Möglichkeit einer psychologischen Betreuung?



Ich habe in einem Workshop mal eine Theatertherapeutin kennengelernt und hielt das sofort für einen sehr spannenden Ansatz.

Nicht nur in der Oper sondern auch im Sprechtheater und Tanztheater kommen ja immer wieder schwerste Konfliktsituationen vor, die die Beteiligten in grosse Krisen stürzen können.

Gerade in Situationen, in denen Menschen mit starken Emotionen spielen müssen, bzw deise glaubhaft vermitteln wollen/sollen, sich täglich exhibitionieren und ausserdem härtestem Konkurrenzkampf ausgesetzt sind, braucht auch die stabilste Psyche mal Hilfe.
Wenn dann noch diktatorische, menschlich unzulängliche Leitungen dazu kommen..... :wacky:

Ich kann mir wie schon gesagt über die aktuelle Situation in Köln keinerlei Urteil erlauben, stelle das nur mal als ganz allgemeine Frage.

Meine eigenen Erfahrungen mit menschlich wie künstlerisch fragwürdigen und unverbesserlichen Leitungen haben mich (allein um meiner Selbstachtung und inneren Gesundheit willen) zweimal zum Ausstieg aus Bühnen-Projekten gebracht.
Was man sich auf einer bescheidenen amateur oder semi-professionellen Ebene und im Nicht-Angestellten -Verhältnis aber auch ganz anders erlauben kann als jemand, der seinen Lebensunterhalt im Chor/Orchester verdient und mit festem Vertrag angestellt ist.

Ich kann mir -auch nach den Ausführungen von Michael und Azucena- durchaus vorstellen, das es unerträgliche Situationen am Theater gibt, in denen man als Betroffener, wenn man schon nciht flüchten kann, in Krankheit fällt- wie psychosomatisch diese Krankheit auch immer sein mag.

F.Q.
Leben zeugt Leben, Energie erschafft Energie. Man wird reich , indem man sich verschwendet. (Sarah Bernardt)

Azucena

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100

Mittwoch, 22. April 2009, 07:46

Danke Michael Schlechtriem! Es ist in der Tat so dass es eine Menge braucht bis einmal ein Solist aufmuckt, bei dem steht schliesslich dann viel auf dem Spiel. Was Die Arbeit mit Chereau oder Kupfer anbelangt...es gibt Vieles was wir auf der Bühne tun müssen was äusserst anstrengend und unangenehm ist, davon redet hier aber kein Mensch, das gehört IN DER TAT zu unserer Arbeit! Was hier der Unterschied ist, ist die Menschenverachtung und Ignoranz zum einen, mit der Herr Knabe mit den Künstlern umspringt und die Uneinsichtigkeit und sein unkooperatives Verhalten zum anderen, wenn es darum geht Kompromisse zu finden, wenn etwas wirklich an gesundheitliche Grenzen geht, was die Psyche mit einschliesst! Der Standartspruch der in etwa in solchen Fällen kommt ist, wer das nicht aushält hat in dem Job nichts verloren! Damit kann man jedem Gespräch eine vernünftige Gesprächsbasis entziehn! Als ich Fairy Queens Beitrag las, dachte ich: Tolle Idee! Aber der eigentliche Ansatz müsste doch sein, dass solche Regisseure nicht mehr Theater als ihre Therapieplätze missbrauchen dann bräuchten WIR auch keine Theatertherapeuten...aber wie gesagt, war nur so ein Gedanke von mir...

Edwin Baumgartner

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101

Mittwoch, 22. April 2009, 09:46

Liebe Azucena,
lieber Michael,
a) ich kenne Chéreau nicht persönlich (das kurze Gespräch werte ich nicht als Bekanntschaft)
b) ich kenne Tilman Knabe nicht persönlich (das kurze Gespräch werte ich nicht als Bekanntschaft)
Sympathie? - Ganz persönlich: Chéreau ja, Knabe nicht unbedingt.

Aber...

Ich darf aus eigener Erfahrung plaudern - wenn es auch nicht um Regie geht. Ein Stück von mir, auf Auftrag entstanden, wurde vom auftraggebenden Ensemble angesetzt. Gleich bei der ersten Probe kam es zu zwei Konflikten: Der Cellist behauptete steif und fest, daß ein bestimmter Flageolett-Doppelgriff unmöglich sei; nur leider hatte ich diesen mit einem (anderen) Cellisten ausprobiert und wußte, daß er auch im Zusammenhang möglich war. Der Hornist wiederum behauptete, daß eine bestimmte tiefe Tonfolge nicht so artikulierbar wäre, wie ich sie notiert hatte; ich spielte sie ihm daraufhin vor (damals war ich noch recht gut) - Ergebnis: Er war beleidigt. Ab diesem Moment opponierte er, natürlich stellte sich das Ensemble auf seine Seite, und schließlich gab der Dirigent auf und erklärte mir, es habe keinen Sinn, mein Stück weiter durchsetzen zu wollen, die Musiker hätten ihm gesagt, wenn es auf dem Programm bliebe, würden sie gesundheitlichen Schaden nehmen, den es natürlich abzuwenden gälte...

(Das Stück wurde dann in Norwegen von einem aus Studenten gebildeten Ensemble so notengetreu wie protestlos aufgeführt.)

Frage an Euch: Was hätte ich tun sollen? Meine Ideen sofort bei dem kleinsten Unmut demütigst abändern, damit die beiden armen Musiker nicht fünf Minuten mehr üben müssen und sich dadurch eine schwere Krankheit zuziehen?

Wahrscheinlich hätte alles nichts genützt, denn ein halbes Jahr später stellte sich heraus, daß ich keinen musikalischen, sondern einen ideologischen Fehler begangen hatte: Ich hatte mein Stück auf einem transformierten gregorianischen Alleluia aufgebaut und - leider expressis verbis - als Stationen des Kreuzwegs konzipiert. Nun erfuhr ich, daß der Cellist und der Hornist absolute Feinde des Christentums waren und nahezu fanatisch einem anderen Glauben anhingen. Vor mir hatten sie bereits zwei Komponistenkollegen aus dem gleichen, natürlich nicht offen ausgesprochenen, Grund sabotiert.


Und nun in Köln: Knabe mag, wie wir in Wien sagen, ein rechter Ungustl sein. Aber ich bin völlig überzeugt, daß es sich nicht um einen Protest gegen die Person des Regisseurs handelt, sondern um ein Torpedieren seines gewagten Konzepts. Eine Inszenierung, die den Konflikt zwischen Isrealis und Palästinensern thematisiert und obendrein mit Gewalt und Sex angereichert ist, ist nun einmal ein Aufreger. Ich bin völlig überzeugt, daß sich hier kleine Emotionen hochgeschaukelt haben (wie seinerzeit in Bayreuth, als Ridderbusch keinen Gewerkschaftsboß spielen wollte und befreundete Kollegen auf seine Seite zog), und da die Person Knabes angreifbar ist, verlegt man sich auf die persönliche Attacke, um den eigentlichen inhaltlichen Konflikt nicht offen austragen zu müssen.

Ich frage mich etwa die ganze Zeit, ob es den identischen Protest auch dann gäbe, wenn Knabe menschlich just so wäre, wie er ist, "Samson und Dalila" aber in grauer Vorzeit ansiedeln und betuliches Herumstehtheater inszenieren würde.
Wetten, es gäbe, außer den Plaudereien unter Kollegen, daß das A...loch wieder einmal blank an Ideen sei, kein Gerede...?
:hello:
...

Jacques Rideamus

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102

Mittwoch, 22. April 2009, 11:39

Zitat

Original von thdeck

Cool, wie man schon 1 Woche vor der Premiere 3 Seiten vollschreiben kann. Macht nur so weiter, dann fahr ich da glatt hin (200 km).

Zwischenfazit:
Der Stoff deutet auf krasse Gewalt hin. Vermutlich ist die Oper (ich kenne sie nicht) in der Originalfassung eher harmlos. Eine Aktualisierung bietet sich also an. Sie sollte aber der Sache verpflichtet sein und nicht mit billigen Effekten punkten wollen. Was nun tatsächlich herauskommt, wissen wir erst nach der Premiere. Dass der Regisseur eine zwiespältige Person ist, habe ich zur Kenntnis genommen. Bis vor kurzem wollte ich die "Chorspießer" zum Teufel jagen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Eigentlich müsste ich hin...

Thomas Deck


In der Tat ist phänomenal, was ein paar gezielt (?) lancierte Nachrichten aus zweiter Hand alles bewirken können. Mindestens die PR für diese Aufführung können wir schon an ihrem Ergebnis beurteilen, und allein der Aufmerksamkeitseffekt verdient die Bestnote. Leider muss das Ergebnis jetzt schon sensationell gut sein, um solchen Erwartungen gerecht zu werden, und daran glaubt nach Lage der wenigen verbürgten Informationen wohl kaum jemand mehr. Also wird es kaum mehr eine Rolle spielen, was wirklich auf die Bühne kommt, denn die meisten Meinungen sind ja schon vorgefasst und durch ein Ergebnis kaum mehr heilbar. Wieder einmal werden die meisten nämlich nur nach einer Bestätigung ihrer vorgefassten Meinungen suchen.

Ich kenne das, meist auf Unsicherheit fußende, selbstherrliche Gebaren mancher Regisseure aus meiner Tätigkeit als Filmproduzent zur Genüge um überzeugt unterstellen zu dürfen, dass es auf der Bühne nicht anders zugeht. Aus den gleichen Erfahrungen heraus weiß ich auch, wie leicht ein unsicherer Regisseur zum Opfer gezielter Stimmungsmache einzelner Mitglieder seines Ensembles werden kann, wobei es letztlich eine untergeordnete Rolle spielt, welche deren eigentliche Motive sind. Natürlich wäre zu respektieren, wenn einzelne Künstler sich durch die Nähe bestimmter Darstellungen zu eigenen traumatischen Erfahrungen überfordert fühlen. Das massenhafte Auftreten dieses Symptoms macht mich jedoch skeptisch, was die Echtheit dieser Überforderung bei allen angeht.

Ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die eine gelungene Aufführung als gelungene Rechtfertigung aller Mittel ansehen, die zu diesem Zweck geführt haben. Andererseits weiß ich aus den nämlichen Erfahrungen, dass eine basisdemokratisch bestimmte Regie der sicherste Weg zum Scheitern ist, und deshalb habe ich, jedenfalls nach außen und bis zu einem gewissen Grad, den Regisseur im - zum Glück nur ausnahmsweise gegebenen - Notfall fast immer gegen sein Team unterstützt. Im extremen Bedarfsfall habe ich ihn auch mal zur Seite genommen um ihm bestimmte Änderungen seines Verhaltens (selten seines Konzeptes, denn das hatte ich bereits abschließend zu beurteilen, bevor ich ihn engagierte) nahe zu legen. Das Team ahnte oder wusste das in aller Regel und fühlte sich vor allzu schlimmen Ausweitungen beschützt, weil es beispielsweise sah, dass ich, was für einen Produzenten ungewöhnlich ist, ggf. bis in die späten Nachtstunden selbst am Set blieb und damit nicht unbedingt die Disziplinlosigkeit des Regisseurs, wohl aber die Notwendigkeit (und gezwungenermaßen auch die Mehrkosten) der Überstunden sanktionierte. Deshalb scheint mir ein wesentliches Problem der Intendanz in einer mangelnden Vermittlung zu liegen, von einer mangelnden Beherrschung der Übermittlung dieser Probleme an die Öffentlichkeit ganz zu schweigen (jedenfalls will ich nicht so zynisch sein, bei allem Staunen über die Wirksamkeit der Voraus"reklame" eine Absicht zu unterstellen).

Dennoch ist auch das nur eine Ferndiagnose von fragwürdiger Legitimität. Mag sie mit eigenen Parallelerfahrungen unterfüttert sein, es ist offenbar, dass ich nicht genug weiß um mir ein Urteil anzumaßen. Mindestens den meisten von uns wird es ähnlich oder schlimmer gehen. Dennoch äußern wir Meinungen und sprechen Verurteilungen aus, als seien wir Geschworene, die mitten in einem laufenden Prozess ihre Bewertungen authentischer Zeugenaussagen ausplaudern. Angesichts dieser Meinungsfestigkeit kann ich nur staunen. Wir können und sollten uns doch im Klaren darüber sein, dass wir nichts wirklich wissen, uns nur von Informationen aus zweiter Hand nähren und bestenfalls vergleichbare eigene Erfahrungen darauf übertragen. Der Rest ist nicht Glauben, aber allem Anschein nach schon so etwas wie Religion.

Die wiederum ist die Wurzel von Glaubenskriegen. Deshalb finde ich den Hinweis auf die Parallelen und ihre grausigen Begleiterscheinungen in dem Libretto zu Saint-Saens' Oper auch nicht verfehlt, auch wenn das Detail des Textes da wenig her gibt. Nicht von ungefähr gilt nämlich die beste Musik nicht dem kriegerischen Hintergrund, sondern der Liebesgeschichte. Aber ich werde mich hüten, die Tragfähigkeit des Konzepts zu beurteilen, solange ich seine Umsetzung nicht kenne.

:hello: Jacques Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

Thomas Pape

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103

Freitag, 24. April 2009, 09:32

Um die Spannung weiter aufrecht zu halten: Im heutigen Stadt.Anzeiger (Kölner, latürnich) gibt's ein Interview mit Tilman Knabe. Was ich gar nicht wusset: der hat u.a. katholische Theologie studiert. Das Interview jedenfalls schürt das Interesse an dieser Inszenierung weiter. Vielleicht gehe ich tatsächlich in die Premiere?

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

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104

Freitag, 24. April 2009, 10:27

Das Interview stellt einiges klar, u.a. dass die skandalisierten Vergewaltigungs- und Erschießungsszenen gar nicht vom Chor gespielt werden, sondern von Statisten, und dass es im Vorfeld ausführliche Konzeptions- und Vorbereitungsgespräche auch mit dem Chor gegeben hat.
Danke für den Link, Thomas!

Grüße,
Micha

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105

Freitag, 24. April 2009, 23:23

Tja, was nun?

Lese ich dieses Interview mit Tilman Knabe schwarz auf weiß, so kann ich nahezu jedem Satz beipflichten. Die Haltung Knabes verstehe ich und finde sie angemessen und nahezu lebensnotwendig für das Überleben der Oper. Nun habe ich aber auch die Erfahrungsberichte Michael Schlechtriems und Azucenas im Ohr und finde auch diese unbedingt beachtenswert. Dazu nehme ich noch folgenden Kommentar von Edwin:

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Ich frage mich etwa die ganze Zeit, ob es den identischen Protest auch dann gäbe, wenn Knabe menschlich just so wäre, wie er ist, "Samson und Dalila" aber in grauer Vorzeit ansiedeln und betuliches Herumstehtheater inszenieren würde. Wetten, es gäbe, außer den Plaudereien unter Kollegen, daß das A...loch wieder einmal blank an Ideen sei, kein Gerede...?
:hello:


Noch einmal: Was nun? Man könnte mehreres daraus ableiten.

Erstens:
Knabe ist ein ambitionierter und geschätzter Regisseur, der mit seinen Ideen bereits erfolgreich war, diesmal aber den Bogen der Belastbarkeit so sehr überspannt hat, dass ihm die Leute zusammenklappen. Das halte ich für unwahrscheinlich. Viele mögen extreme Belastungen aus ihrem Berufsalltag kennen. Wenn man aber überzeugt und vom Vorgesetzten verantwortungsvoll "mitgenommen" wird, so ist vieles möglich, auch das Überschreiten bislang nicht gekannter Grenzen.

Zweitens:
Knabe ist in seinen Umgangsformen eine mittelschwere Katastrophe, unabhängig davon, ob er in Pappkulissen inszeniert oder den Gaza-Streifen zeigen will. Überschritte er menschlich jegliche Grenzen, so wäre es auch mir egal, ob ich ein Maschinengewehr oder einen Nachttopf zu bedienen hätte (Edwin, ich habe aufgepasst... ;)). Ein Idiot bleibt ein Idiot, sei er "Staubi" oder "Regilie"... Wieso aber haben dann nicht die Ensemblemitglieder in Hannover oder Essen opponiert?

Drittens:
Knabes Israel-Palästina-Lesart ist vielen Teilnehmenden so heikel, dass sie analog zum Karikaturenstreit kalte Füße bekommen und abspringen. Das würde zum mehrfach erlebten vorauseilenden Gehorsam in dieser heiklen politischen Lage passen. Allerdings unter anderen Vorzeichen, wenn die Hauptdarstellerin das Ganze als anti-israelisch empfunden hat.

Wer weiß, vielleicht gibt es noch ganz andere Gründe - Peter erwähnte sie. Bei aller Aufregung bin ich über eines froh: Nämlich darüber, dass dieser Eklat zeigt, wie kontrovers und aufregend die Kunstform Oper heute noch sein kann. Sie scheint zumindest in Köln höchst gegenwärtig zu sein...

LG
B.
"Once you've seen your face on a bottle of salad dressing, it's hard to take yourself seriously."
Paul Newman

Michael Schlechtriem

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106

Samstag, 25. April 2009, 00:02

Um ganz ehrlich zu sein:

Azucena hat es doch auf den Punkt gebracht.

Es geht nicht um Musiker, welche sich einer Uraufführung wegen angeblicher Unspielbarkeit entziehen, ich habe selber recht viel uraufgeführt von jungen ambitionierten Komponisten und es gab immer einen Weg, technische und anderweitige Probleme zu lösen.

Unfehlbar ist nämlich keiner, auf beiden Seiten.

Nein, und ich zitiere jetzt Azucena deshalb nochmal, damit dieser wichtige Apekt nicht vergessen wird.

Es geht garantiert darum:

Zitat

Was hier der Unterschied ist, ist die Menschenverachtung und Ignoranz zum einen, mit der Herr Knabe mit den Künstlern umspringt und die Uneinsichtigkeit und sein unkooperatives Verhalten zum anderen, wenn es darum geht Kompromisse zu finden, wenn etwas wirklich an gesundheitliche Grenzen geht, was die Psyche mit einschliesst! Der Standartspruch der in etwa in solchen Fällen kommt ist, wer das nicht aushält hat in dem Job nichts verloren! Damit kann man jedem Gespräch eine vernünftige Gesprächsbasis entziehn! Als ich Fairy Queens Beitrag las, dachte ich: Tolle Idee! Aber der eigentliche Ansatz müsste doch sein, dass solche Regisseure nicht mehr Theater als ihre Therapieplätze missbrauchen dann bräuchten WIR auch keine Theatertherapeuten.


Übrigens habe ich den Spruch "wer das nicht aushält hat in dem Job nichts verloren! " selber schon persönlich von einem von mir trotzdem geschätzten Dirigenten um die Ohren gehauen bekommen, der auch das Talent hat, Mitarbeiter bis zum Umfallen zu fordern und zu quälen.

Aber wie schon gesagt, ich bin im Orchester weit mehr geschützt als die Kollegen AUF der Bühne.

Und wirklich ganz ehrlich:
Was AUF der Bühne von Seiten eines Regisseurs oder auch eines Dirigenten an Grausamkeiten, Impertinenz und Mobbing stattfinden kann, das kennen anscheinend wenige hier.

Lieber Edwin:
Du hast Pech gehabt mit einigen Musikern, das tut mir leid.
Ich habe noch niemals eine Uraufführungsarbeit verweigert und Du hast sicherlich den leider anscheinend extrem unwilligen und auch von mir als unfähig und befangen erachteten Musiker NICHT extrem beleidigt.

So nach dem Motto "WAS? Du blöder Wichser weigerst Dich, diese Stelle zu spielen? ICH MACHE DICH FERTIG, DU BLÖDE SAU!!!!! "

Nein, das hast Du sicherlich nicht gesagt, aber...........:

Genau so kann es zugehen AUF der Bühne bei entsprechenden Regisseuren.

Wirklich, echt ehrlich, und bei einem Interview sind diese Herrschaften dann wieder ganz eloquent und erscheinen selber als arme, mißverstandene Opfer.

Es ist nicht leicht und schon gar nicht Schwarz-Weiß, aber ich kann mir sehr lebhaft vorstellen, daß in Köln einfach das Fass zum Überlaufen gebracht wurde.

Warum es in Hannover oder Essen nicht dazu gekommen ist?
Keine Ahnung, aber die Kollegen dort waren sicherlich nicht weit davon entfernt!

Wir waren damals auch nicht weit entfernt davon, einige Kollegen haben sich durch Krankmeldungen gerettet, eine Kollegin jüdischer Herkunft hat sogar das OK des damaligen Intendanten bekommen, an dieser Produktion nicht teilnehmen zu müssen, denn Sie war durch die ständigen "Heil Hitler" und "Sieg Heil"-Rufe in der (dümmlichen) Inszenierung am Ende Ihrer Nerven. Die Reaktion des damaligen Intendanten war eine seiner wenigen klugen Entscheidungen.....

Ach ja:
Und die Speichellecker, die alles ganz toll finden und Ihren Kollegen mit gegensätzlichen Aussagen in den Rücken fallen, na, die gibt es überall, das Problem ist so alt wie die Menschheit und im Prinzip wesentlich interessanter und aufschlußreicher als jedwede provozierende Inszenierung.


Ich habe sogar machmal den Verdacht, daß die Turbulenzen und der ganze Hickhack VOR der Premiere das eigentliche Betätigungsfeld sind, was natürlich bei einem Interview nicht zu Sprache kommt oder von sich gewiesen wird, es geht ja natürlich nur um die Kunst, und dann kommen diese blöden Quälgeister, diese zweitklassigen Nichtsnutzer und verweigern die Arbeit.....

Da kann man sich mal so richtig toll ausleben als Regisseur, und auch als Dirigent.

Ab der Premiere ist damit nämlich Schluß im Allgemeinen, dann herrscht Ruhe und das jeweilige Ding wird abgespult, ohne daß jemand schreiend und beleidigend eingreifen kann.

Ich finde es sowieso immer interessant, wie schnell studierte Musiker- Sänger wie Instrumentalisten- völlig abqualifiziert werden. Als faul, ignorant oder gar als dumm hingestellt werden.
Von verschiedenen Seiten, nicht nur der Seite des Regisseurs.

Im Prinzip läuft es darauf hinaus, daß diese Mitarbeiter eine "Sache" sind und keine Menschen, welche einen gewissen Respekt verdient haben.

Das fällt mir immer wieder auf.....

Der Ton macht die Musik.......

Der Ton kann gerne scharf sein, er muß natürlich auch fordernd sein dürfen, er darf auch an abolut äußerste Grenzen gehen.
Alles kein Problem, wir sind Profis und der Job wird gemacht.

Aber darüber hinaus wird es wirklich ekelig und lästig, und das kommt leider häufiger vor, als man denkt.............

LG,

Michael
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Thomas Pape

Moderator

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107

Samstag, 25. April 2009, 02:24

Lieber Michael,

wie Du Dir wirst denken können, teile ich Deine Auffassung in allen Punkten.

Nur muss man hier verschiedene Dinge auseinanderhalten (und das wird in der aktuellen Diskussion leider miteinader vermischt): Es kommen hier unterschiedliche Aspekte zur Sprache. Der wichtigste ist wohl derjenige: Tilman Knabe ist menschlich, nein, falsch, im Austausch mit den Künstlern, mit denen er zusammenarbeitet, indiskutabel. Ich kenne ihn nicht, glaube aber absolut der Einschätzung von Dir und von Azucena.

Das sagt über die Qualität seiner Arbeit nichts aus.

Und da haben wir den nächsten Punkt: die an der Produktion Beteiligten. Die können natürlich alles kippen, wenn sie wollen. Angenommen, sie täten es; man müsste dann fragen: warum? Weil TK ein Unmensch ist, weil sie ihm einfach in seinen Ideen nicht folgen wollen oder....

Und nun das Dritte: das "Publikum". Das wird nun zum Richter zwischen den Fronten berufen. Und da brauchts nur ein paar böse Stichwörter, und der Skandal funktioniert. Ich streue sie jetzt einfach mal. Regietheater-Künstler melden sich krank-Theaterblut-Stoff wird in aktuelle Konflikte transportiert; ja da spitzt der fleißige Leserbriefschreiber des Kölner Stadt Anzeiger die Feder. Ja, früher war alles besser. Nein, das wollen wir nicht auf der Bühne sehen, wir haben jeden Abend um 20:00 Uhr die Tagesschau.

Unterm Strich liest sich die Causa für mich wie folgt: Das Konzept für die Oper scheint interessant bis schlüssig (Genaues wird sich tatsächlich erst dann erweisen, wenn man es sehen kann); im Umgang ist der Regisseur indiskutabel und das in einem Maße, das man sich -weil es arbeitsrechtlich nicht anders geht- über die Kritik an seiner Arbeit gegen ihn auflehnt. Wohl wissend, das sich mit einer bestimmten Form von Kritk bequem zustimmende Mehrheiten generieren lassen.

Das eigentliche Problem wird der Medien-Öffentlichkeit nicht vermittelt, nämlich der sicherlich an viel Stellen schwelende Konflikt zwischen Regisseur und Ausführungsteam oder Dirigent und Orchester. So lese ich auch die Einschätzungen von Azucena zu diesem Thema

Aber das wäre einen eigenen Thread wert. Dieser Thread hat bei mir immerhin folgendes bewirkt: ich habe mir eine Aufnahme von "Samson und Dalila" angehört, Libretto und Libretto-Geschichte nachgelesen und bin nun sehr daran interessiert, dieses Aufführung auch zu sehen/hören. Nicht schlecht, oder?

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

Azucena

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Samstag, 25. April 2009, 10:25

Wir hätten uns in Essen nicht gewehrt?? Oh doch das haben wir! Und wie!! Aber das ging eben nicht an die Presse! Es liegt mir fern, hier Probensituationen auszuplaudern, aber Intendant und Regisseur machten da ganz schön Druck und wie gesagt, konstruktive Gespräche waren m.E nicht möglich.

Wir haben oft Regisseure die uns eine Menge abverlangen, ich denke da an den Holländer von Kosky, aber Herr Kosky war eben IMMER Gesprächs- und Kompromissbereit, das macht eine Menge aus! Und seien wir doch mal ehrlich, ein Chor der Spass hat auf der Bühne, wo die Chemie stimmt mit dem Regisseur- selbst wenn man nicht immer mit dem Regiekonzept einverstanden ist- ist einfach viel lebendiger,besser, als ein Chor der mit der Faust in der Tasche zum Dienst erscheint weil der Regisseur kein Verständnis zeigt. Das ist eigentlich das ganze Geheimnis: Wenn es einem Regisseur gelingt, einen Chor zu fesseln, zu phaszinieren, die Stärken vielleicht mal lobend hervorhebt und in seiner Arbeit kreativ verwertet, dann hat er eigentlich schon auf ganzer Linie gewonnen! Dann können sie noch so anstrengendes oder verrücktes abverlangen...

Was mir aber immer noch nicht klar ist, ist, wo es doch Regisseure gibt, die ohne diese plakativen Schauereffekte auskommen und dennoch sehr gutes Regietheater mit absolut aktuellen Bezügen zum Weltgeschehen machen können, auf stilisierte Weise OHNE den Intellekt des Zuschauers zu entmündigen, warum wir dann dennoch Regisseure wie Herrn Knabe brauchen?
Denn ich lese immer so viele Stimmen, die schreiben, dass sie sowas nicht sehen wollen,dass es reicht wenn sie über die Medien mit Horror und Kriegsgeschichten zugeschüttet werden,... das ist doch der überwiegende Tenor. Klar gibt es auch andere Stimmen... Aber täusche ich mich denn wirklich wenn ich denke, dass letztere in der Minderzahl sind? Ich meine, ich als Berufsmusiker muss mir die Frage ja schon stellen, denn von den Verkaufszahlen hängt ja meine Existenz ab... Wichtig ist ja immer eine richtige Mischkalkulation. Ich denke in Zeiten, wo Theater sparen müssen, muss mindestens 80% Publikumsgeschmack bedient werden und bleibt höchstens 20% für Experimentelles...aber vielleicht liege ich da ja auch komplett falsch!??

Azucena

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Samstag, 25. April 2009, 10:36

...ach und eh sich jetzt jemand über die Worte "80% Publikumsgeschmack" aufregt: unterschätzen Sie das Publikum nicht!!! Ich rede nicht von Stehtheater und vertaubten "Tanderadei+Kitsch"-Inszenierungen, also bitte nicht falsch verstehen, ich spreche schon durchaus von solidem, modernem, interessantem Regietheater!

LG Azucena

Edwin Baumgartner

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Samstag, 25. April 2009, 12:38

Hallo Azucena,

Zitat

aber Herr Kosky war eben IMMER Gesprächs- und Kompromissbereit,

Wenn Kompromißbereitschaft für ein Ensemble ein Qualitätskriterium ist, ist es mir klar, wieso Knabe überreagiert.
Nochmals: Ein Künstler hat gefälligst sein Konzept durchzuführen, wenn das im Rahmen des Machbaren ist. Eine große künstlerische Leistung, die auf Kompromissen beruht, gibt es nicht.
:hello:
...

Azucena

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Samstag, 25. April 2009, 12:51

Ich respektiere Ihre Meinung aber ich sehe das anders Herr Baumgartner. Eine Inszenierung ist und bleibt eine Kollektivarbeit auch wenn das Konzept ein Regisseur vorschreibt!( Von daher mag vielleicht auch Ihr Vergleich mit Ihren Kompositionen ein wenig hinken, denn in einem Fall, der Komposition, ist es eine 1:1 Umsetzung, eine Inszenierung hat da mehr Spielraum!) Und nicht die Kompromissbereitschaft ist das Qualitätskriterium sondern wie gut ein Kollektiv es versteht zusammenzuarbeiten! Das setzt aber meiner Meinung nach gegenseitigen Respekt und Entgegenkommen voraus! Freude an der Arbeit ist ein grosses Qualitätskriterium! Mit Druck mögen Sie vielleicht Leistung erreichen aber nie Qualität,das ist ein grosser Unterschied!

Edwin Baumgartner

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Samstag, 25. April 2009, 13:32

Ich kann mir nicht helfen: Ich kriege immer mehr das Gefühl, daß es bei Knabe um persönliche Animositäten geht, wozu im Fall von Köln auch noch die Brisanz der Deutung hinzukommt.
Aber daß es ein Ensemble lieber gemütlich hat und streßfrei, das ist mir schon klar...
:hello:
...

Der-wonnige-Laller

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Samstag, 25. April 2009, 14:08

Zitat

Original von Edwin Baumgartner

Nochmals: Ein Künstler hat gefälligst sein Konzept durchzuführen, wenn das im Rahmen des Machbaren ist. Eine große künstlerische Leistung, die auf Kompromissen beruht, gibt es nicht.
:hello:


Ein Künstler kann von mir aus tun, was er will - Theater bedeutet aber immer Zusammenarbeit und Teamfähigkeit. Ein Regisseur, dem es nur darum geht, mit allen Mitteln ausschließlich sein Konzept durchzuführen, der sollte seine Inszenierung besser mit Playmobil-Männchen umsetzen. Die Darsteller auf der Bühne - und die sind es letzlich, die die Sache allabendlich umsetzen müssen, die das Geschehen mit Leben füllen müssen, die die Vorgänge auf der Bühne und ihre Figuren vor dem Publikum vertreten müssen - sind keine bloßen Drahtpuppen, die nur Mittel zum Zweck, nur willenlose Ausführer eines Regiekonzeptes sind. In meinen (bescheidenen) persönlichen Erfahrungen haben despotische, absolutistische Regisseure wirklich gutes Theater immer verhindert.

Zitat

Original von Azucena
Und nicht die Kompromissbereitschaft ist das Qualitätskriterium sondern wie gut ein Kollektiv es versteht zusammenzuarbeiten! Das setzt aber meiner Meinung nach gegenseitigen Respekt und Entgegenkommen voraus! Freude an der Arbeit ist ein grosses Qualitätskriterium! Mit Druck mögen Sie vielleicht Leistung erreichen aber nie Qualität,das ist ein grosser Unterschied!


:beatnik: Vollste Zustimmung! :jubel:
Lieben Gruß!

Clemens

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"Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen."

Azucena

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Samstag, 25. April 2009, 14:22

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Aber daß es ein Ensemble lieber gemütlich hat und streßfrei, das ist mir schon klar...
:hello:


Ach Herr Baumgartner... jetzt hab ich das doch schon so oft erwähnt, dass es gerade DARUM NICHT geht!! Ich arbeite gerne hart wenn mir die Arbeit Spass macht und mich phasziniert und so geht es den meisten meiner Kollegen! Ich würde Sie gerne einmal zu uns einladen, dass sie sich während einer Probenphase selbst ein Bild vom Alltag eines Chorsängers machen, denn Ihres wird uns mit Verlaub nicht gerecht! Das wäre doch ein faires Angebot oder? Vielleicht gelingt es uns ja, Ihre negativen Eindrücke die Sie von Opernchören zu haben scheinen zu zerstreuen?!-Der wonnige Laller hat recht, wir sind mündige Menschen mit Verstand und keine Drahtpuppen!

yago

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Samstag, 25. April 2009, 18:14

ich möchte da azucena schon in schutz nehmen.
in essen hat der chor ungleich mehr zu tun,als in allen wiener aufführungen,die ich bisher gesehen habe.

da kommt es fast nie zu "mal auftritt von links u. abtritt re.",jetzt mal ganz salopp gesagt.

im angesprochenen "holländer" z.B. war der chor mit das wichtigste auf der bühne.

im rheingold waren alle mitwirkenden (ok,das ist jetzt nicht der chor),die gesamten 2h20 ununterbrochen auf der bühne.

bei tilmann knabes "turandot" hat ebenfalls der chor eine gewichtige rolle und steht nicht nur in der gegend rum.

oder fahren sie mal zum "don giovanni" (herheim) nach essen,eine der besten operaufführungen,die sie deutschlandweit sehen können.

(nebenbei gesagt,ein besuch im essener aalto,ist auch eine anreise aus wien wert)

lg yago

S.Kirch

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Samstag, 25. April 2009, 18:44

Oper Köln

Bei soviel Dresche auch für das Opernhaus Köln möchte ich doch mal aushelfen. Egal, was an unserem Haus geschieht, falsch ist vieles in der öffentlichen Meinung (Publikum, regionale Presse, Forum) sowieso.

Seit 2000 lebe ich in Köln. Mein erster Besuch der Kölner Oper fand im Dezember 1999 statt, die Premiere von "La traviata" in der Inszenierung von Günter Krämer wurde aufgeführt. Da hatte sich Krämer gerade den Zorn und die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Elke Heidenreich wegen Tierquälerei zugezogen (in der Inszenierung gab es einen weißen Pfau). Krämer, der damalige Intendant, soll das Haus leergespielt haben: vergrault mit Künstlern, die keiner hören oder sehen wollte, mit Stücken die niemand kannte und auch nicht kennenlernen wollte usw. Krämer verließ die Kölner Oper unter viel Getöse.

Eine der letzten Premieren unter Krämers` Intendanz war in meiner Erinnerung der "Don Giovanni" in der Regie von David Alden. Und in einer ersten Ansprache an die Freunde der Kölner Oper erklärte Christoph Dammann, der Nachfolger von Krämer, daß dieser Don Giovanni eine Inszenierung für "Fortgeschrittene" sei und unter seiner Intendaz nicht wieder auf den Spielplan gesetzt wird. Dammann hat in den Jahren seiner Intendanz die Auslastung wesentlich verbessert (die Regionalpresse schrieb neulich von 87 % (?)), gleichzeitig wurde kritisiert, daß Auslastung kein Qualitätsmerkmal ist.

Was denn nun...??

Die Intendantensuche nach der Kündigung von Dammann gestaltete sich schwierig, weil die Herren, die entscheiden sollten, sich ungern an ihre eigenen Absprachen hielten. Schadlos ging da keiner raus. Im Sommer kommt Uwe Eric Laufenberg, am 30.4.2009 soll die Pressekonferenz für die Saison 2009/2010 sein.

Die Regionalpresse kommentiert das alles genüßlich, so wie in den letzten 2 Wochen auch die Berichte zu "Samson & Dalila". Wie angekündigt, soll morgen in Anwesenheit des Regisseurs, Tilman Knabe, die Einführungsmatinee um 11.30 Uhr im Kölner Opernhaus stattfinden. Wer mehr wissen will als er zu wissen meint kann dort bei freiem Eintritt hingehen. Eine Vorstellung der Oper werde ich voraussichtlich nicht besuchen, sie ist mir völlig unbekannt und die Zeit für eine ausführliche Beschäftigung mit dem Werk fehlt mir einfach. Außerdem war ich gestern in der Oper Frankfurt/Main in der "Elektra". Auch eine gewaltige Aufführung, die es zu verarbeiten gilt.

NS.
Die Berichte über das Aalto in Essen schätze ich hier sehr, danke. Das Haus war lange mein 1. Ausweichquartier da mir Kölner Arbeiten zunehmend missfielen.

yago

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pbrixius

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Samstag, 25. April 2009, 19:16

RE: Oper Köln

Zitat

Original von S.Kirch
Die Regionalpresse kommentiert das alles genüßlich, so wie in den letzten 2 Wochen auch die Berichte zu "Samson & Dalila".


Liebe Sophia,

wie immer machen mich Mehrheiten in der Kunst misstrauisch. Sobald sich Mehrheiten gebildet haben, kann man schon sicher sein, sich auf dem Holzweg zu befinden. Kunst ist eine sehr empfindliche Ware, seismographisch immer dorthin ausschlagend, wo sich keine Mehrheit befindet. Sobald da Gewerkschaften, Personalvertretungen u.ä. ins Spiel kommen, schüttelt es mich, Bochum ist ein mehr als deutliches Zeichen dafür, wie Kunst verkommt.

Kunst ist eben etwas für Seismo-, nicht für Demographen. Dass man der Meinung sein könnte, mit einem Ensemble quasi über Mehrheitsbildung eine künstlerische Leistung zu schaffen, erscheint mir im höchsten Grade erheiternd.

Liebe Grüße Peter
Sie hätten's wenigstens nur sehen sollen. Das ganze mich in das Tanzen versunken.
(Goethe)

S.Kirch

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119

Samstag, 25. April 2009, 19:25

RE: Oper Köln

Lieber Peter,

ich steh` auf der Leitung:

Zitat

Original von pbrixius
[...] Bochum ist ein mehr als deutliches Zeichen dafür, wie Kunst verkommt.[...]


Über Bochum kenne ich zwar ein paar Fakten aber was verkommt da?

Azucena

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120

Samstag, 25. April 2009, 19:42

RE: Oper Köln

Zitat

Original von pbrixius
Bochum ist ein mehr als deutliches Zeichen dafür, wie Kunst verkommt.

Liebe Grüße Peter



Ich möchte das allerdings auch mal wissen wie Sie das meinen?!Ich kenne Herrn Anselm Weber ganz gut, der dort Intendant des Schauspiels wird, er hat auch ein paar sehr gute Inszenierungen bei uns gemacht und ich habe es sehr, sehr bedauert als ich hörte, dass er Essen verlässt und nach Bochum geht! Da gewinnt Bochums Kulturleben einen sehr fähigen Mann!!

LG Azucena