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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 19 034

Registrierungsdatum: 9. August 2004

151

Sonntag, 3. Januar 2010, 22:13

HEUTE habe ich erneut einen Brief in meiner email gefunden, den ich als "Leserbrief" behandle und ungekürzt ins Forum stelle.

Es handelt sich einmal mehr um das angebliche "Constanze-Mozart-Foto". Der Verfasser ist der Mozartforscher Dr Michael Lorenz.

Zitat

Sehr geehter Herr Schmidt!

Auf der Seite

Unbekanntes Mozart-Bild in Berlin entdeckt

gibt ein gewisser "Ulli" an, von mir im Jahr 2005 eine Mitteilung in Sachen "angebliches Foto Constanze Mozarts" erhalten zu haben. Ich ersuche Sie, diesem Herren mitzuteilen, dass er damals einem dummen Schwindler aufgesessen ist, der sich meiner Identität bemächtigte. Die mit dem Foto berfassten Herrschaften wussten damals genau, dass ich einer der heftigsten und wichtigsten Gegner dieser absolut lächerlichen "Identifikation" bin und taten offenbar alles, um mich vor der ahnungslosen Öffentlichkeit als auf ihrer Seite stehend darzustellen.

Mfg

Dr. Michael Lorenz

Ein wichtiger Mozart-Aufsatz, der vielleicht von Interesse für ihr Forum ist: http://homepage.univie.ac.at/michael.lorenz/alsergrund

Ein Zitat aus meinem Text zum "Constanze-Foto" auf Wikipedia: Von einer "Entdeckung" oder einem "Auftauchen" dieses Bildes kann keine Rede sein, denn dieses Bild ist der Fachwelt als alter Hut bekannt und wurde bereits in den 1950er-Jahren zweimal publiziert.

Damals war man aber weit kritischer gegenüber solchen spekulativen Identifikationen und ließ sich nicht sofort von begeisterten Presseaussendungen eines Archivleiters einwickeln.

Es ist bezeichnend, dass die Stadtverwaltung Altötting in ihrer Aussendung die Publikation dieses Fotos im Jahr 1958 durch E. H. Mueller von Asow in seinem Aufsatz "Zu einer unbekannten Photographie Constanze Mozarts" in der Österreichischen Musikzeitschrift (März 1958, S. 93) mit keinem Wort erwähnte. Es gibt bis heute keinen glaubhaften Nachweis einer Deszendenz dieser Ablichtung (es handelt sich nicht um eine Originaldaguerreotypie) aus der Familie Max Kellers.

Mehrere der abgebildeten Personen sind bisher nicht identifiziert und man vertraut immer noch den Angaben von Max Moesmang, aus dessen Nachlaß das Foto in das Heimatmuseum Altötting gelangte.

Es gibt keine Freiluftportraits von Personengruppen aus dem Jahr 1840.Diese Tatsache, mit der sich die nun so enthusiasmierten Personen in Bayern offenbar nie beschäftigt haben, liegt darin begründet, dass sich zu diesem Zeitpunkt das Petzval-Porträtobjektiv - ein nahezu verzeichnungsfreier anachromatischer Vierlinser (Doppel- Achromat, 4 Linsen in 3 Gruppen) - erst im frühen Entwicklungsstadium befand.

Erst durch dieses Objektiv konnten die Belichtungszeiten soweit verkürzt werden, dass Personen auch im Freien verwacklungsfrei fotografiert werden konnten.

Ein unabhängiger Techniker oder Fotografiehistoriker wurde von der Stadt Altötting nicht konsultiert. Die Identifikation erfolgte ausschließlich auf Basis hausinterner Recherche, weswegen das positive Ergebnis nicht wirklich überrascht. Die beteiligten Herrschaften des Stadtarchivs Altötting schwärmten von "einer der ersten Daguerreotypien in Bayern", haben sich aber nie mit der Frage beschäftigt, wo die anderen fotografischen Pioniertaten jenes völlig vereinzelten Altöttinger Daguerrographen geblieben sind, die dieser bereits ein Jahr nach Erfindung dieser aufwändigen Methode in Bayern (unter Mitnahme eines Dunkelkammerzelts) angefertigt haben soll.

Wo sind die anderen Gruppenbilder aus dem Jahr 1840, die eine vergleichbar Schärfe und Qualität aufweisen? Es gibt sie nicht, weil diese Aufnahmen erst in den 1850er-Jahren möglich waren, als die Optiken kurze Belichtungszeiten und das nasse Kollodiumverfahren eine leichte ambulante Ausarbeitung möglich machten.

Auf Kalotypien der 1840er sind wohl vereinzelte Personen im Freien zu sehen. Zur Herstellung dieser Bilder war aber meistens eine speziell zu diesem Zweck erfundene verborgene Kopfstützvorrichtung, bzw. ein mehrminütiges Stillhalten der abgelichteten Person nötig. Und auch bei größter Anstrengung gelang es diesen frühen Statisten nicht, ihre natürlichen Körperbewegungen im Zaum zu halten, wodurch die Schärfe des erzielten Resultats enttäuschen mußte. Der Herr in der Mitte des Altöttinger Fotos neigt sich spontan nach rechts: der Beweis, dass es sich definitiv nicht um eine Daguerreographie handelt. Auf den ersten Blick ist dieses angebliche Constanze-Bild als Amateur-Aufnahme aus den 1870/80er-Jahren einzuschätzen, die zu einer Zeit angefertigt wurde, als Box-Cameras in Mode kamen und die Fotografie mit geringem technischen und chemischen Aufwand auch im bayerischen Hinterland möglich war.

Das früheste Freiluft-Gruppenfoto der Fotografiegeschichte ist Carl Ferdinand Stelzners Aufnahme des "Hamburger Künstlervereins" aus dem Jahr 1843 (ein Jahr nach Constanze Mozarts Tod):

http://www.zeno.org/Fotografien.images/I…0&vid=427169928

Das läßt sich nicht ändern, denn die Geschichte Fotografie kann nicht umgeschrieben werden. Ein Blick auf dieses frühe Meisterwerk mit seiner typischen Zirkularverzerrung genügt, um das angebliche Constanze-Foto als wunschdenkerische Fehldatierung und reines Fantasieprodukt zu erkennen.

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Ulli

Erleuchteter

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Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

152

Sonntag, 3. Januar 2010, 22:53

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
gibt ein gewisser "Ulli" an, von mir im Jahr 2005 eine Mitteilung in Sachen "angebliches Foto Constanze Mozarts" erhalten zu haben. Ich ersuche Sie, diesem Herren mitzuteilen, dass er damals einem dummen Schwindler aufgesessen ist, der sich meiner Identität bemächtigte.


Dem ist nicht (ganz) so. Die Thematik wurde damals auch auf einem englischsprachigen Mozartforum diskutiert. Aus diesem habe ich an dieser Stelle einen dort zitierten Brief in übersetzter Form wiedergegeben. Dieser Brief allerdings stammte, wie ich jetzt nachgelesen habe, nicht von Michael Lorenz, sondern vor Dr. Alfred Zeller, hier nachzulesen. Das macht auch (nur) so Sinn, denn Herr Lorenz arbeitet bestimmt nicht im Stadtarchiv Altöttig ;) - sondern vielmehr Dr. Zeller, mit dem ich in persönlichem Kontakt stand.

Sorry, daß ich den falschen beschuldigt habe!

Was die Photographie selbst betrifft, so kann man (mir, als völlig Uninformiertem in der Geschichte der Photographie) alles mögliche erzählen - nachvollziehen kann ich das (technisch) ohnehin nicht. Es bleibt also dann nur an Herrn Lorenz hängen, herauszufinden, wer die abgelichtete Dame in Wirklichkeit war (es war da einst von der Köchin die Rede - ist die damals würdig gewesen, auf einer kostspieligen Photographie verewigt zu werden?).

Lorenz' jüngste Veröffentlichungen zum Thema 'Freihaustheater auf der Wieden' und 'Mozarts Sterbehaus' (letztgenanntes in den aktuellen acta mozartiana) haben jedenfalls Hand und Fuß und sind hochinteressant.

:hello:
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)