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Alfred_Schmidt

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Beiträge: 18 586

Registrierungsdatum: 9. August 2004

1

Sonntag, 24. April 2011, 14:03

Franz Liszt im Gespräch

Oder sollte man eher schreiben: ..."nicht im Gespräch ?"

Auf den Titel bin ich übrigens erst gekommen als ich den (fast) fertigen ersten Threadbeitrag ins Forum stellen wollte, und jenen über Richard Wagner sah.

Kein Thread über die Werke, da gibt es schon einiges - sondern über Franz Liszt im Allgemeinen

Kaum einer Person des Musiklebens des 19. Jahrhundets - Beethoven, Wagner und Verdi vielleicht ausgenommen – wurde soviel Aufmerksamkeit geschenkt, wie Franz Liszt.
Ein musikalisches Multitalent, das nicht nur als Pianist, Komponist, Dirigent und Lehrer. sondern auch als „Salonlöwe“ bekannt war, bzw stets publikumswirksam agierte.
Viele sehen heute, wenn von Franz Lisz die Rede ist, lediglich einen alten Man vor sich – was durch die zahlreichen Photographien von Nadar verursacht sein mag, die gegen Ende seines Lebens von ihm angefertigt wurden, aber in seiner Jugend war er ein ausgesprochen schöner Mann, dem die Frauenherzen zuflogen, nicht nur in unserem Jahrhundert ließ sich derlei vermarkten.
Als Kind wurde er als „Wunderkind“ gefeiert, das schon als 9 jähriger mit dem Klavierkonzert von Ferdinand Ries in Es-Dur und einer öffentlich auftrat
Sein Vater, Adam Liszt förderte die Begabung seines Sohnes unter großen finanziellen Opfern. Franz bekan seine Klavierausbildung von Carl Czerny, und das Fach Komposition belegte er bei Antonio Salieri.
Ein Studium am Pariser Konservatorium kam – trotz Empfehlung des Fürsten Metternich nicht zustande, weil Cherubini Liszt mit der fadenscheinigen Begründung als Schüler ablehnte, das Konservatorium sei nur Franzosen vorbehalten. Der wahre Grund dürfte eher die überlieferte ablehnende Haltung Cherubinis gegenüber „Wunderkindern“ gewesen sein.
Der gestrenge Vater über nahm die weitere Ausbildung des Knaben, der immer wieder in hochherrschaftlichen Krisen auftrat. Und allmählich begann der Knabe zu komponiern . Das meiste aus dieser Zeit ist jedoch verschollen.
Liszt, der um 1825 etliche Konzertreisen in Europa unternahm wurde damals immer wieder mit Mozart verglichen.
Lisst hat so ziemlich alles erlebt, was man als Mensch erleben kann,: Mit 15 den Verlust des doninaten Vaters, jugendliche Depressionen, Beziehung zu einer älteren, wiederum dominierenden Frau, geradezu göttliche Verehrung durch das (weibliche) Publikum, religiöse und philosophische Neigungen, eine Reihe von Bekannschaften mit großen Musikern seiner Zeit, Zeiten des übersteigerten Sebstbewusstseins und der Ruhmsucht, Selbstüberschätzung, Frauengeschichten, unterlegener Part in der Rivalität mit einem anderen Pianisten (Thalberg), Weihe zum „Abbe“.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Liszt zeit seines Lebens immer im Mittelpunkt seiner Umgebung stand, immer ungeteilte Aufmerksamkeit genoss.
Wie man merkt, habe ich an dieser Stelle kein einziges seiner Werke wirklich erwähnt – ich habe mich „auf das Private“ beschränkt – und sogar hier musste ich eine Auswahl treffen.
Fügen wir also zu guter Letzt eine Austellung der Lisztschen werke hinzu (Quelle: Wikipedia)
• 123 Klavierwerke
• 77 Lieder
• 65 Geistliche Chorwerke
• 28 Weltliche Chorwerke
• 11 Orgelwerke
• 1 Oper
• 25 Orchesterwerke
• 7 Werke für Klavier und Orchester
• 9 Kammerkonzerte
• 5 Melodramen
• 335 Arrangements und Transkriptionen
• 17 Unvollendete Werke
Aber nun ist sein 200 Geburtstag – und die Threads über Franz Liszt werden auffällig wenig frequentiert. Woran liegt das ?

Hier eine Übersicht einiger Themen zum Thema Liszt

Liszt: Die Klaviersonate in h-moll
Liszt-Klavierkonzerte u.a.
Franz Liszt: Die Sinfonischen Dichtungen und Sinfonien
Liszt: Werke für Klavier - Wer interpretiert sie am besten ?
Franz Liszt: Klavierkonzert im ungarischen Stil
Liszt, der schwierigste Komponist?
Was mich an Franz Liszt fasziniert.....
Franz Liszt-Jahr 2011

Mit freundlichen Grüßen aus Wien

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »PianoForte29« ist männlich

Beiträge: 144

Registrierungsdatum: 12. April 2008

2

Sonntag, 12. Juni 2011, 23:59

Ein weit unterschätzter Komponist wird 200

Nachdem 'el Chefe' an Ostersonntag sozusagen den Finger in die Wunde gelegt hat, soll an Pfingstsonntag dem - etymologisch gedacht - 50-tägigen Schweigen ein Ende bereitet werden.
Die Bemerkung "Liszt hat so ziemlich alles erlebt, was man als Mensch erleben kann" spricht mir, lieber Alfred, wie man sagt, aus dem Herzen.
Der Franzi, wie er in einem Trivialroman verniedlichend genannt wird, hatte allem Anschein nach eines der aufregendsten, gefülltesten, reichhaltigsten Leben des 19. Jahrhunderts, wovon es bekanntlich eine illustre Menge gab. Und sein Schicksal bestand durchaus nicht nur aus Triumph und Sonnenschein - nein, zwei seiner drei Kinder, den einzigen Sohn Daniel und die ältere Tochter Blandine, musste er beweinen, noch bevor sie das 21. respektive 27. Lebensjahr vollendet hatten. Wie zur Kompensation dieser kurzen Lebensspannen sollte das Erdenleben Cosimas, uns ja v.a. wegen Richard Wagner interessierend, über 92 Jahre währen - bis wenige Monate vor dem Ableben ihres Sohnes Siegfried. Nicht zu vergessen die große Demütigung, die ihm, dem es im zarten Knabenalter von 11 Jahren gelungen war, keinen Geringeren als Beethoven durch sein Klavierspiel zu begeistern, in Form der jähen Abweisung durch Cherubini (beim Aufnahmeverfahren für das Pariser Conservatoire) widerfuhr.
Wer wie ich das mit buchstäblich nichts anderem vergleichbare Buch der Engländerin Rosemary Brown gelesen hat, bekommt zu Liszt - aufgrund seiner dort ausführlich geschilderten neuen Aufgabe - einen weiteren Zugang, den sich kein Nicht-Leser in seinen kühnsten Vorstellungen ausmalen kann. So hat er offenbar sein "sagenumwobenes" sog. Genfer Klavierbuch, konzipiert für die dortigen Klavierschüler, recht bald zurückgezogen und seiner Tochter Cosima überlassen. Es müsste also irgendwo in Bayreuth noch vorhanden (gewesen) sein. Das nur am Rande.

Zum Liszt-Jahr 2011, darum soll es hier ja gehen, lässt sich aus meiner medialen Beobachtung konstatieren, dass bis jetzt, gut vier Monate vor dem eigentlichen Jubiläum am 22. Oktober in Raiding, ich, ohne speziell danach zu suchen, schon mehr in Internet und TV zu Liszt zu hören und sehen bekam als im vergangenen Jahr zu Schumann. Franz Liszt scheint tatsächlich weitaus populärer, medial besser transportierbar als sein 16 Monate älterer sächsischer Komponistenkollege zu sein - was musikalisch natürlich überhaupt nichts besagt. Man könnte aus seiner Biographie problemlos fesselnde Spielfilme oder Dokumentationen machen, doch außer "Lola Montez" und der ein oder anderen Wagner-Verfilmung, wo er jeweils nur als Nebenfigur auftaucht, kann ich mich lediglich an Ken Russells "Lisztomania" von 1975 erinnern. Wir dürfen gespannt sein, ob im Oktober auf 3sat und arte noch ein echtes Liszt-TV-Glanzlicht uns verzücken wird.

Was die Musik betrifft, so beklagte sich Liszt - im R.Brown-Buch, aber darüber hinaus wohl schon zu Lebzeiten - nach meinem Dafürhalten vollkommen zu recht darüber, dass ihm der Rang als Komponist, der ihm 'eigentlich' zustünde, im allgemeinen nicht zuerkannt wird. Dahinter steht offenbar der Gedanke, dass ein pianistisches Ausnahmetalent nicht zugleich ein erstklassiges Kompositionsgenie sein könne. Oder wie sonst soll man sich erklären, dass jemand, der einen ganz eigenen, spezifischen Stil kreiert hat (bisweilen mit ein paar zu ausschweifend-verspielten Kadenzen), in dem er absolute Meisterwerke wie die Faust- und Dante-Symphonie, den Mephisto-Walzer oder die Sinfonischen Dichtungen "Les Preludes" und "Festklänge" schuf, immer im Schatten von Komponisten wie Wagner und Chopin steht?
Ich persönlich taxiere, ohne jede Heuchelei, Liszt als mindestens ebenbürtig zu Wagner und als überlegen gegenüber Chopin, der leider größere Probleme mit der Orchestrierung hatte, außerdem die Klaviermusik keineswegs im selben Umfang wie Liszt revolutionierte.

Eine weitere Facette ist Liszts unermüdlicher Einsatz für andere, insbesondere andere Musiker, deren Talent er mit seinem untrüglichen "Instinkt" frühzeitig wahrnahm: Saint-Saens, Grieg, und wie sie alle hießen, nicht zu vergessen der Schwiegersohn R.W., der erstaunlich bescheiden später sinngemäß bekannte 'ohne ihn hätte man vermutlich keine Note von mir gehört'. Was diese altruistische Leistung betrifft, zu der auch der bis in hohe Alter - wenn mich nicht alles täuscht - prinzipiell kostenlose Klavierunterricht für eine große Schar von Schülern gehört, kann ihm sicher kein zweiter Komponist das Wasser reichen.

Weimar-Touristen (Liszts hauptsächlicher Aufenthaltsort in Deutschland) lädt das seit diesem Frühling nach Renovierung neueröffnete Liszthaus ein, dem Jubilar in seiner damaligen intimen Umgebung näher zu kommen. Ich war schon 1991 von dem originalen Interieur und den Liszt-Memorabilia sehr beeindruckt.
Aber das Hauptaugenmerk liegt im Geburtsjubiläumsjahr natürlich auf Liszts burgenländischer Heimat, konkret: Raiding (wo ich 1993 war, ebenfalls angetan von den Original-Gegenständen wie z.B. der Hausorgel). Hierzu werfe ich den Ball zurück an Alfred & Co., da Ihr - in Österreich - wesentlich näher am Ort des Geschehens seid.

Mein Fazit: Franz Liszt wird nie langweilig. Ich kann von ihm, seiner Biographie wie seiner Musik, eigentlich nicht genug bekommen. :D

Alfred_Schmidt

Administrator

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Beiträge: 18 586

Registrierungsdatum: 9. August 2004

3

Montag, 17. Oktober 2011, 15:22

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum Liszt heute kaum mehr Beachtung findet. Vielleicht liegt es auch daran, daß er zu Lebzeiten deren allzuviel genoss. Ein Liebling der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, deren Geschmack er 100%ig traf - Heute können seine Orchesterwerke kaum begeisteren, und mancher Depp bringt ihn lediglich mit "Le Preludes" in Verbindung - und entwickelt eine Abneigung. Die Klavierstücke - einst gerngehört - bestehen aus einem Gutteil an Paraphrasen , Fantasien und Transkriptionen - alle hochaktuell zu Liszts Zeiten - heute aus der Mode gekommen. (?)
Sind Listzs Werke gegenüber jenen von Chopin überlegen - ich glaube schon. Aber gerade das könnte sich als ihre Schwäche herausstellen.

Zitat

Eine weitere Facette ist Liszts unermüdlicher Einsatz für andere, insbesondere andere Musiker, deren Talent er mit seinem untrüglichen "Instinkt" frühzeitig wahrnahm: Saint-Saens, Grieg, und wie sie alle hießen, nicht zu vergessen der Schwiegersohn R.W., der erstaunlich bescheiden später sinngemäß bekannte 'ohne ihn hätte man vermutlich keine Note von mir gehört'. Was diese altruistische Leistung betrifft, zu der auch der bis in hohe Alter - wenn mich nicht alles täuscht - prinzipiell kostenlose Klavierunterricht für eine große Schar von Schülern gehört, kann ihm sicher kein zweiter Komponist das Wasser reichen.

Ja - aber dabei hat er es jedoch immer verstanden sich selber ins rechte Licht zu setzen, den Gönner, Mäzen und Förderer zu spielen. Lisst war einfach eine unverzichtbare Erscheinung in diesen Tagen - selber immer im Mittelpunkt. Vielleich hat dies gelegentlich auch den Blick auf seine Kompositionen verstellt (?)....
Als Wermutstropfen in seiner Karriere kann Sigismund Thalberg (ebenso Wie Liszt, Pianuist und Komponist) gelten, dem man immer wieder einen kleinen Vorsprung nachsagte - was Liszt nicht ertragen konnte, und dazu führte, daß er seinen Rivalen imm wieder in Artikeln angriff, was ihn sympathien kostete. In letzter Konsequnenz hat Liszt diesen Kampf aber doch für sich entschieden, denn wer kennt heute noch ein bedeutendes Werk von Thalberg ?

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 312

Registrierungsdatum: 12. August 2005

4

Montag, 17. Oktober 2011, 17:26

Ein Grund für das relativ schnelle Verblassen eines Teils von Liszts Oeuvre war im Falle der virtuosen Klavierwerke vermutlich die Kopplung an den charismatischen Interpreten. Ob die sinf. Dichtungen bis auf Einzelfälle jemals wirklich verbreitet waren, wage ich stark zu bezweifeln (Man vgl. etwa das Vorliegen histor. Aufnahmen gegenüber den Werken von Richard Strauss, Brahms oder Beethoven)

Sie sind jedenfalls schon sehr lange weitgehend in der Versenkung verschwunden (gegenüber denen von zB Strauss) und auch das Vorliegen einer Reihe von Plattenaufnahmen seit den 1970ern hat daran im Konzertbetrieb nicht viel geändert. (Man vergleiche mit der "Mahler-Renaissance", der zunehmend gestiegenen Beliebtheit von Bruckner, Sibelius usw.)
Und Opernparaphrasen verlieren ihren Sinn auch ein wenig, wenn man jederzeit die Oper selbst auf CD/DVD ansehen kann und darüberhinaus vielleicht auch einige der Opern (zB Die Hugenotten) kaum mehr im Programm sind.

Andererseits sollte man auch nicht unterschlagen, dass die beiden Konzerte, Totentanz, h-moll-Sonate, Mephistowalzer, Rhapsodien usw. seit Jahrzehnten zum Standardrepertoire der Pianisten gehören und häufig gespielt und aufgenommen werden. Viele der anderen Klavierwerke fallen dagegen entweder unter trivial-virtuose Paraphrase oder sind sperrige Einzelstücke wie die ominösen Spätwerke, die jedenfalls mehr als historisch bedeutsam anerkannt als wirklich geliebt werden.

Es ist jedenfalls ein interessantes Phänomen, dass von den beinahe universell (eine Oper schrieb nur Schumann, Oratorien u.ä. aber auch Liszt) tätigen Komponisten Liszt, Schumann (und Mendelssohn) vergleichsweise große Teile ihres Ouevres ein Schattendasein führen, während der "enge" Spezialist Chopin mit praktisch allen seinen Werken durchgehend präsent und bei Pianisten und Publikum ungebrochen beliebt ist...
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

  • »PianoForte29« ist männlich

Beiträge: 144

Registrierungsdatum: 12. April 2008

5

Donnerstag, 27. Oktober 2011, 23:58

Liszt 2011 in Bayreuth

Da mich eine glückliche Fügung vor wenigen Monaten - offenbar für längere Zeit - mit Liszts Sterbeort Bayreuth in Kontakt gebracht hat, war (und ist es noch) mir vergönnt, den krönenden Abschluss des Liszt-Gedenkjahres in der oberfränkischen Kunstmetropole, die sich heuer unter dem treffenden Motto "Lust auf Liszt" wirklich sehr lobenswert für den innerhalb der Wagnerschen lange Zeit an den Rand gedrängten Schwiegervater Richards ins Zeug legte, hautnah mitzuerleben.

Dazu zählte der Festakt am Geburtstag selbst, zu dem der perfekt Deutsch sprechende ungarische Dirigent Adam Fischer zwar leider verhindert war, aber das versammelte Bayreuther Publikum dennoch - die modernen Medien machen's möglich - mit einer zum Teil sehr bewegenden Audiobotschaft, angekündigt vom Vorredner, dem Vertreter der Münchner Staatsregierung, überraschte. Maestro Fischer war es nämlich ein Bedürfnis, den großen runden Gedenktag des gebürtigen Ungarn Liszt zum Anlass zu nehmen, uns alle, speziell wohl Interpreten und den Rundfunk, dazu aufzufordern, den Quasi-Bann über eines der genialsten Orchesterwerke des 19. Jahrhunderts (meine Wertung), die symphon. Dichtung "Les Preludes", jetzt endlich zu beenden, ungeachtet der Tatsache, dass noch immer genügend Angehörige der Kriegsgeration unter uns weilen, die bei speziellen Passagen in die damalige Situation unwillkürlich zurückversetzt werden. Die Stimme des verhinderten Dirigenten wirkte auf mich wie eine Art "deus ex machina", aber erst der folgende Tag sollte zeigen, wie dringlich und von grundauf berechtigt seine Botschaft ist.
Um 17 Uhr, nur am Rande sei es erwähnt, hatte ich das gesamte(!) Philharmonische Orchester (u. Chor) Budapest, das mit Ausschnitten aus Liszts Christus den musikalischen Teil des Festaktes auf rundum gelungene Weise allein bestritt, an Liszts Grabkapelle dabei angetroffen, wie sie dem großen Landsmann a capella (gemischt) die andachtsvolle Reverenz erwiesen, wobei mir der Inhalt der Gedenkansprache verständlicherweise unverständlich blieb. Eine ziemlich denkwürdige Szenerie, die ich nicht so schnell vergessen dürfte.

Zum großen Festkonzert am Sonntag, dem 23. Oktober, drohte ich, wie so viele andere, leer auszugehen. Es war tatsächlich seit Juni ausverkauft! Mich beschlich der halb ernst, halb ironisch empfundene Gedanke 'Jetzt kann mir nur noch Liszt zu einer Eintrittskarte verhelfen'. So begab ich mich gut 1 Stunde vor Konzertbeginn zur Stadthalle, um wie einige andere darauf zu hoffen, dass irgendjemand, der sich eine Karte rechtzeitig besorgt hatte, in letzter Minute verhindert wäre. Nach etwa 20 Minuten erschien eine Busgruppe aus Unterfranken, und was soll ich sagen, eine ältere Dame hielt plötzlich ebenjenes Objekt meiner größten Begierde in Händen, und was mir in den Sinn kam, als ich direkt neben meinem Glücksbringer niemand anderem als Liszts einzig noch lebender Urenkelin, Verena Lafferentz-Wagner, gewahr wurde (sie hatte mir Ende Juli ein Autogramm gegeben und posierte nun für ein kleines Erinnerungsfoto, weil ich ihr erzählte, dass ich ihr Familienfoto von 1929 kürzlich erworben habe), möge sich der Leser selbst denken.
Das Bayreuther Festkonzert zum 200. Geburtstag von Franz Liszt, das Weimarer Programm punktgenau wiederholend, geriet zu einem musikalischen Leckerbissen und Ohrenschmaus auf absolutem Weltklasse-Niveau! Dazu trugen vor allem Dirigent Thielemann (schon gleich zu Beginn mit Wagners "Tannhäuser"-Ouvertüre, wo er sich natürlich in seinem Element befand) sowie der Solist Konstantin Scherbakow bei, der in bewundernswerter Weise mit einer Raffinesse und Verve spielte, wie es "lisztischer" kaum noch gehen dürfte, speziell beim Totentanz, einem Werk, das so niemand anders als der Jubilar komponieren konnte. Aber auch das 2. Klavierkonzert konnte sich sehr wohl hören lassen. Den in der Tat krönenden Abschluss bildete die Symphonische Dichtung Nr. 3 "Les preludes". Ich persönlich habe sie noch nie überzeugender gehört (es war meine Konzert-Premiere - alle Orchestermitglieder schienen in Topform zu sein, von den Geigen bis zu Pauke und Triangel. Großes Kompliment an ein international eher wenig beachtetes Orchester aus Weimar, dem an diesem Abend einfach alles glückte.
Bekanntlich sagt der Volksmund, dass dort, wo viel Licht ist, auch viel Schatten zu finden sei. Wie groß der Schatten dieses musikalisch erstklassigen Festkonzerts wirklich war, muss jeder für sich entscheiden. Was mir begreiflich blieb, war das Fehlen auch nur eines einzigen Wortes von seiten des Dirigenten. Hier haben wir einen gefeierten Stabkünstler, der sich mittlerweile in Bayreuth, zumindest im Sommer während der Festspiele, wie zu Hause fühlt, dem sehr wohl bewusst war, dass die Konzertaufführung des durch die Nazis verfemten Liszt-Werkes als offizielle Rehabilitierung wahrgenommen werden würde, der sonst nicht um Worte verlegen ist. Und Herr Thielemann schwieg beharrlich und begrüßte auch nicht des Jubilars anwesende Urenkelin, als ob es zu dem großen musikhistorischen Tag nichts zu sagen gäbe - ich glaube nicht zur Erheiterung und Freude Liszts.
Für mich der größte Schatten, nein, es ist eine veritable SCHANDE, kam, als ich im Programm des live übertragenden Bayerischen Rundfunks blätterte. Man sendete - live im Hörfunk - den Tannhäuser, das Klavierkonzert und den Totentanz. Und das war's! Anstelle der "Les preludes" kam ein Ersatzprogramm . . . Kann mir das ein Mensch anno 2011, dem weltweiten gefeierten Liszt-Jahr zwei Generationen nach Kriegsende, noch erklären?? Ich würde allen Ernstes dem für diesen Affront gegenüber Liszt, dem Deutschland und die Musikwelt so unermesslich viel zu verdanken hat, verantwortlichen BR-Programmgewaltigen den sofortigen Rücktritt nahelegen. Es war natürlich auch ein direkter Affront gegenüber Adam Fischer, dem erkrankten Dirigenten des Vorabends, der für alle gut vernehmbar für ein nunmehriges Ende des Bannes über "Les preludes" plädiert hatte.
Im übrigen ward das einzige Mitglied der Wagner-Familie, das sich für Liszt immer einsetzte, Nike W., weder beim Festakt noch beim Festkonzert - von mir - gesichtet. Ob es damit in Einklang steht, dass sie, wie wir jetzt wissen, Liszts sterbliche Überreste am liebsten von Bayreuth nach Weimar umbetten lassen würde?!

Der noch laufende 7. Internationale Liszt-Klavierwettbewerb Weimar-Bayreuth sah etliche vielversprechende Interpretationen der bis 31-Jährigen. Würde Liszt es beklagen, dass die qualitative wie zahlenmäßige Dominanz der Asiaten auch bei der klassischen Klaviermusik immer größer wird? Wie dem auch sei, von rund 80 ursprünglich angemeldeten Teilnehmern erschienen lediglich noch 41. Weil fast alle Großtalente nicht ganz ohne Grund sich ja bereits zur internationalen Elite zählen dürfen, war am Ende von Runde 1 die Enttäuschung der 29 ausscheidenden Jungstars verständlicherweise spürbar. Die ein oder andere Entscheidung der insgesamt 11-köpfigen Jury (darunter bekannte Pianisten wie Beroff und Paik) konnte ich nicht nachvollziehen, ohne hier Namen nennen zu wollen. Einen Teilnehmer, der für mich mit das Beste von allen gezeigt hatte, sortierte man aus. Einer Teilnehmerin, die auf einem hörbar verstimmten Instrument vortragen musste (und der bei einem Stück der Gedächtnisfaden gerissen war), gab man keine 2. Chance. Zum Preisträgerkonzert am Monatsende kehrt der Wettbewerb nach Bayreuth zurück.

Alles in allem hat Liszt das Musikleben in Deutschland weitaus stärker mobilisieren können als sein Komponistenkollege Schumann 2010. In zwei Jahren wird die große 200-er Kette mit Wagner und Verdi einstweilen ihren Abschluss finden.