Ich möchte diesen alten Thread noch einmal beleben. Nicht nur, weil man im Laufe der Zeit etwas vom Thema abgekommen ist (BBB fragte ja nach der Einstellung zur Süßmayr-Fassung bzw. späteren Revisionen durch andere Musiker), sondern auch, weil ich speziell diesen Grund nennen möchte:
In der Tat ist diese Beyer-Fassung eine wirkliche Entdeckung für mich. Die Interpretation durch den Kammerchor Stuttgart ist superb und beweist, das Bernius ein guter Chorerzieher ist, Orchester und Solisten können da nach meinem ersten Höreindruck allerdings nicht in gleichem Maße mithalten. Trotzdem kann man die Einspielung nach meinem Eindruck empfehlen.
Mozarts Requiem in der Bearbeitung von Franz Xaver Süßmayr gilt Musikern wie auch Forschern in weiten Teilen als wenig gelungen. Der von Mozarts Witwe zunächst um Hilfe gebetene Joseph von Eybler hatte das Manuskript nach vergeblichen Ansätzen zu einer Komplettierung zurückgegeben; ich will nicht spekulieren, werde aber den Eindruck nicht los, daß er sich nicht so recht „traute“. Süßmayr „traute“ sich dann und man muß und soll Süßmayr durchaus dankbar sein.
Professor Rudolf Ewerhart schrieb einmal:
Kann man sich mit den nach Mozarts Skizzen vorgenommenen Ergänzungen noch abfinden, so bleibt Süßmayrs Instrumentierung als schwacher Punkt eine stete Herausforderung an den praktischen Musiker.
Es kam dann auch schon sehr früh zu Versuchen, die Totenmesse zu bereinigen: Bereits kurze Zeit nach der Erstveröffentlichung (um 1800 bei Breitkopf & Härtel) gab es Versuche, die tradierte Fassung zu ergänzen. So erweiterte Sigismund von Neukomm, der 1816 nach Rio de Janeiro ausgewandert war, das Werk für eine Aufführung in Brasilien um das Responsorium „Libera me, Domine“, eine liturgisch begründete Ergänzung.
Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat Prof. Franz Beyer den Versuch unternommen, „Mozarts Urtext zu reinigen von den zwar gut gemeinten, aber weniger gut gemachten Süßmayrschen Zutaten“ (H. L. Hirsch). In seinem Vorwort für die Eulenburg-Edition (1971) schrieb Beyer (u. a.):
(…) Schließlich äußert sich die Unbefangenheit F. X. Süßmayrs auch in der Tatsache, daß der Schüler seinen Meister an verschiedenen Stellen sogar korrigiert: Im „Confutatis“ hat Süßmayr die wohl einzige von Mozart ausintrumentierte Stelle innerhalb der Sequenz einfach abgeändert, dazu noch an einer der „harmonisch überwältigendsten Partien in Moazrts Kunst“ (Abert). Mozart läßt die Holzbläser beim „oro supplex“ auf den verminderten Septimen-Akkord (Takt 25) einsetzen. Der vorhergehende Takt mit seinen aufsteigenden Dreiklängen ist, wie L. Nowak richtig bemerkt, eine „Art Auftakt“. Abgesehen von der „Vergröberung der ursprünglichen Klangidee“ (Nowak) verschiebt sich das harmonisch-metrische Gefüge der ganzen nachfolgenden, jeweils viertaktigen Periode, indem diese fälschlicherweise um einen Takt vorverlegt wird (…)
In der „Acta Mozartiana“ (Organ der Deutschen MozartGesellschaft) von November 1971 hieß es über einer Aufführung der Beyer-Fassung des Requiems mit Ingeborg Hallstein, Margarita Lilowa, Theo Altmeyer, Heinz Imdahl, dem Chor der Gesellschaft der Musikfreunde Passau und dem Orchester der Bayerischen Staatsoper unter Walter Hornsteiner:
...wird sich die Frage stellen, wieso das Süßmayr-Konzept mehr als ein Jahrhundert hindurch halten konnte und warum es auch heute noch von den Koryphäen goutiert wird. Es wäre Mozart (…) zu wünschen, daß sich die Großen der Musikwelt entschlössen, sich die neue Partitur anzusehen und ihrer künftig zu bedienen.
Beyers behutsame Revision etablierte sich neben der traditionellen Süßmayr-Fassung in der Aufführungspraxis und wurde u.a. von Nikolaus Harnoncourt, Leonard Bernstein und Neville Marriner aufgenommen.
Andere Vorschläge seien hier genannt: 1923 meinte Gerhard von Keußler, Süßmayrs Sanctus, Benedictus und Agnus Dei durch Sätze aus anderen Messen Mozarts zu ersetzen. 1941, zum 150. Todestag Mozarts, verfaßte Marius Flothuis eine Revision von Süßmayrs Arbeit. Er verzichtete auf die Trompeten in Sanctus und Benedictus, auch weitgehend auf die Posaunen als Stimmenunterstützung und schob im Benedictus zwei modulierende Takte ein, um den Tonartwechsel bei der Wiederholung der Osanna-Fuge zu vermeiden. 2001 wurde diese Fassung erstmals aufgenommen (von Jos van Veldhoven mit Orchester und Chor der Nederlandske Bach vereniging).
Eine radikalere Neufassung stammt von Richard Maunder vor. Er verwarf Süßmayrs Sanctus und Benedictus, nur das Agnus Dei erschien ihm aufgrund eingehender Vergleiche mit anderen Kirchenwerken Mozarts akzeptabel. Ferner komponierte er für den Abschluß des Lacrimosa eine Amen-Fuge, für die er Mozarts Skizzenblatt sowie eine Fuge für Orgelwalze (KV 608 ) als Ausgangspunkt nutzte. Auch in Süßmayrs Instrumentation griff er massiv ein.
Drei weitere Vervollständigungsversuche entstanden aus Anlass des 200. Todestags Mozarts 1991:
(1) Robbins Landon schuf eine Neufassung für die Aufführung Soltis mit den Wiener Philharmonikern und dem Chor der Wiener Staatsoper im Stephansdom am 5. Dezember 1991 und publizierte die Partitur 1992. Robbins Landon verzichtete auf Neukompositionen, orientierte sich aber in der Instrumentation erheblich stärker als die bisherigen Bearbeiter an Joseph Eyblers Arbeit. BBB hat diese Fassung schon in seinem Einleitungsbeitrag erwähnt.
(2) Duncan Druce griff tiefer in die Substanz des Werks ein. Ihm ging es, wie Maunder, um eine Tilgung von Süßmayrs Arbeit, und er ersetzte sie durch Neukompositionen. Dabei wollte er „sich weniger in Mozart als vielmehr in einen fähigen Komponisten des 18. Jahrhunderts“ hineinversetzen, der „Mozarts Stil nahegestanden und sein Handwerkszeug recht gut gekannt hätte“.Druce komponierte ebenfalls eine Amen-Fuge, die wesentlich umfangreicher als die von Maunder ist. Außerdem kam eine weitgehende Neukomposition des Benedictus und eine instrumentale Einleitung der Communio hinzu.
(3) Robert D. Levins Fassung schließlich wurde 1991 von Rilling beim Europäischen Musikfest in Stuttgart uraufgeführt, die Partitur erschien 1994. Seine Arbeit läßt sich mit der von Beyer vergleichen: Süßmayrs Fassung wurde durch eine musikalisch-stimmigere Gestaltung „aufgehellt“, wodurch der Vokalsatz klarer hervortritt. Süßmayrs Eingenkompositionen veränderte er aber deutlich stärker als Beyer: Eine neukomponierte Amen-Fuge, eine verlängerte Ausarbeitung der Osanna-Fuge und eine Aufhellung des Klangbilds im Sanctus durch Einsatz von Klarinetten sind Beispiele dafür.
Hat unter den Musikfreunden, so wäre von mir abschließend zu fragen, eine andere Aufnahme als die Süßmayr-Fassung und kann darüber etwas mitteilen?