You are not logged in.


JPC Amazon

Dear visitor, welcome to Tamino Klassikforum. If this is your first visit here, please read the Help. It explains in detail how this page works. To use all features of this page, you should consider registering. Please use the registration form, to register here or read more information about the registration process. If you are already registered, please login here.

  • "kurzstueckmeister" is male

Posts: 6,199

Date of registration: Jan 16th 2006

61

Friday, April 13th 2012, 11:11am


Die Behauptung von KSM, dass Bach "zu seinen Lebzeiten einer der angesehensten Komponisten Deutschlands" war und nach seinem Ableben "relativ schnell einen fast schon absurden Ruhm erwarb", wäre m. E. vor diesem Hintergrund nochmal mit einschlägigen Zitaten zu untermauern.

Bittesehr:
Dsa ist zumindest teilweise eine Legende. Die Stelle des Thomaskantors war klar eine der bedeutendsten dieser Art in Deutschland.
Mag sein. Aber Johann Sebastian Bach war bei weitem nicht der Wunschkandidat. Er wurde eingestellt "weil man die besten nicht bekommen kann" (Originalzitat, es ging um Telemann und Graupner) und weil er bereit war, Lateinunterricht zu geben - sei berühmteren Kollegen konnten es sich herausnehmen, dies abzulehnen.

An dritter Stelle

(Ähnlich die Berichte Mozarts von den "Alte-Musik-Abenden" bei Van Swieten: Außer Händel wird nur Bach und dessen ältere Söhne erwähnt).

  • "kurzstueckmeister" is male

Posts: 6,199

Date of registration: Jan 16th 2006

62

Friday, April 13th 2012, 11:14am

Mein Eindruck ist nach wie vor, dass viele heute Bach derart eindeutig als alles überragenden Komponisten seiner Zeit sehen,

Liegt nicht genau darin das Missverständnis?

Oder genauer: Was soll denn mit "seiner Zeit" gemeint sein? 1685-1750? Oder eher 1740-1750?

J. S. Bach galt ab ca. 1730 veraltet und rückständig. (Z. B. "La serva padrona", 1733) Seine Söhne komponierten keine barocke Musik, sie folgten den neuen ästhetischen Maßstäben - und hatten Erfolge, die diejenigen ihres Vaters bei weitem in den Schatten stellten. Johann Christian Bach war bekannter als es sein Vater (bis dahin) jemals war.

Johannes Roehl schrieb "heute" und nicht "damals".

  • "Johannes Roehl" is male

Posts: 9,518

Date of registration: Aug 12th 2005

63

Friday, April 13th 2012, 4:30pm

Mein Eindruck ist nach wie vor, dass viele heute Bach derart eindeutig als alles überragenden Komponisten seiner Zeit sehen,

Liegt nicht genau darin das Missverständnis?

Teils ja, weil die heutigen Bachianer nicht fassen können, dass man Händel oder Telemann höher eingeschätzt hat. Daraus folgt aber nicht, dass man Bach, absolut gesehen, damals gering geschätzt hätte, wie die oben zitierte Liste zeigt.


Quoted

Oder genauer: Was soll denn mit "seiner Zeit" gemeint sein? 1685-1750? Oder eher 1740-1750?

Eher 1720-40, als es zB um das Thomaskantorat ging und während seiner Leipziger Zeit, als er dann auch die Teile der "Clavierübung" stechen ließ. (Die Sache mit der Kantorenstelle ist übrigens ziemlich kompliziert, ich habe das gerade in Gecks Bach-Buch nachgelesen, es ist eher unsicher, dass sich das berühmte Zitat, man müsse mittlere nehmen, überhaupt auf Bach bezieht. Der Rat war ohnedies gespalten, man hatte ziemlich unterschiedliche Vorstellungen, zumal Bach als Nicht-Akademiker klarerweise nicht erste Wahl für die Lehraufgaben gewesen sein dürfte. Bach hat sich schließlich ja auch von einigen dieser Aufgaben freigekauft, in dem er einen Vertreter aus eigener Tasche bezahlte.)


Quoted

J. S. Bach galt ab ca. 1730 veraltet und rückständig. (Z. B. "La serva padrona", 1733) Seine Söhne komponierten keine barocke Musik, sie folgten den neuen ästhetischen Maßstäben - und hatten Erfolge, die diejenigen ihres Vaters bei weitem in den Schatten stellten. Johann Christian Bach war bekannter als es sein Vater (bis dahin) jemals war.

Gegenüber "La serva padrona" war auch fast alles, was Händel noch bis in die 1750er komponierte, "altmodisch", ohne dass das seinem Ansehen geschadet hätte. Die Kritik Scheibes zeigt m.E., dass Bach durchaus angesehen war, bei einem Nobody beklagt niemand altmodischen Stil. Überdies ist keineswegs klar, dass Scheibe eine Mehrheitsmeinung wiedergibt. (Und wie gesagt, TROTZ des Handicaps der angeblichen Altmodischkeit steht er wenige Jahre nach seinem Tode auf Platz 6 der oben zitierten Liste.)

Es gibt eine ganze Reihe von Werken, bei denen man lange unsicher war, ob sie von einem der beiden ältesten Söhne oder von Joh. Seb. stammen oder vielleicht in Kooperation entstanden. CPE führte in den 1770ern noch regelmäßig einzelne Kantaten seines Vaters in Hamburg auf. Natürlich komponierten sie in einem eigenständigen Stil. Kein angesehener Komponist komponierte irgendwann hauptsächlich im Stil der eine Generation älteren Musiker. [Beethoven-Verehrer wie Berlioz und Wagner komponierten ja auch nicht wie Beethoven!] Nichtsdestoweniger schrieb ein Bach-Schüler wie Goldberg anscheinend um 1750 so Bach-nah, dass diese Triosonate jahrzehntelang als ein Werk Bachs galt. Auch von anderen Schülern (Kirnberger, Müthel, Altnikol, Krebs) ist nicht bekannt, dass sie sich von ihrem Lehrer distanziert hätten.

W. Siegmund-Schultze behauptet "Die musikalische Geltung Bachs - vor allem als Lehrer und Organist - war kurz vor seinem Tode bei den Fachleuten im allgemeinen unumstritten." Er zitiert dann den berühmten Padre Martini (Bologna) mit einer Äußerung von 1750 und meint, dass "hervorragende deutsche Zeitgenossen wie Marpurg, Pisendel und Telemann, die alle wußten, daß Bach zu den ganz Großen der Tonkunst ihrer Zeit gehörte" sich ähnlich geäußert hätten (Walther Siegmund-Schultze: Johann Sebastian Bach. Genie über den Zeiten, München 1985 [Leipzig 1976], S. 204). Es folgt dann ein Nachruf-Sonett Telemanns von 1751 („Sonnet auf weyland Herrn Capellmeister Bach“).

Es ist richtig, dass Bach später besonders als Lehrer anerkannt war und die entsprechende Werke lange Zeit auch die einflussreichsten gewesen sind. Die "Gebrauchsmusik" der Kantaten usw. veraltete naturgemäß schneller, dennoch wurden einige davon (teils bearbeitet) von CPE Bach und wohl auch anderen im nord- und mitteldeutschen Raum aufgeführt. Diese Tradition scheint auch nicht abgerissen zu sein, da bekanntlich Mozart 1789 in Leipzig eine Bach-Motette hörte.