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musikwanderer

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Montag, 23. April 2012, 16:10

HÄNDEL, Georg Friedrich: ATHALIA

Tamino Oratorienführer
Georg Friedrich Händel (1685-1759):

ATHALIA
Oratorium in drei Teilen, für Soli (SATB), Chor (SATB) und Orchester, HWV 52

Libretto von Samuel Humphreys nach der Tragödie von Jean Racine von 1691

Uraufführung am 10. Juli 1733 im Sheldonian Theatre in Oxford


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Athalia, Königin von Juda, Anhängerin des Baal (Sopran)
Joad, jüdischer Hoher Priester (Alt)
Josabeth, seine Gattin (Sopran)
Joas, ein Knabe (Knabenalt)
Mathan, Baalspriester (Tenor)
Abner, Heerführer (Baß)

Das Geschehen ist um das Jahr 840 vor Christus angesiedelt.


INHALTSANGABE

Part I

Die Szene ist im Tempel zu Jerusalem zu denken.

Zum bevorstehenden Erntedankfest werden im Tempel von Jerusalem Vorbereitungen getroffen. Josabeth, die Frau des Hohen Priesters Joad, ruft die Jungfrauen auf, Jehovas „wunderbare Herrschaft“ mit freudigen Gesängen zu preisen. Chorisch bestätigen die Mädchen, daß Gott der Herr die Welt erschaffen und sie mit strahlender Pracht geziert hat.
Der Gesamtchor, das Volk repräsentierend, stimmt einen Lobgesang an, in dem die Sterblichen aufgerufen werden, die Herrlichkeit des Schöpfers der Welt anzuerkennen.

In dunklen Worten läßt Josabeth, von dem Heerführer Abner unterstützt, ihre Abscheu vor einer tyrannischen Herrschaft erkennen. Das Volk weiß ganz genau, wer gemeint ist und gedenkt des Tages, als der Berg Sinai in Flammen stand und das Volk Israel durch die Übergabe der Gesetzestafeln an Mose Jehovahs Macht spürte.

Dann wird Joad deutlich und spricht die Klage über die tyrannische Königin Athalia aus, die sich dem Gott Baal zugewandt und jeglichen anderen Glauben verboten hat. Sie habe dem Land dadurch Elend gebracht und den Bund des Volkes mit Jahwe gebrochen. Joad bittet den Gott Israels, die Klagen und Seufzer seines Volkes zu erhören.

Hier wird gedanklich ein Szenenwechsel in den Palast der Königin vollzogen.

Athalia wird von starken Ängsten geplagt. In einem Traum sprach der Geist ihrer Mutter mit einer schrecklichen Prophezeiung zu ihr:

„O Athalia, fürchte um dein Schicksal!
Zittre, denn Judas Gott verfolgt dich mit seinem Haß
und wird noch heute mit unerbittlichem Zorn
all seine Schrecken um dich auftürmen!“

Die Anhänger der Königin und die Priester des Baal versuchen, die Verängstigte zu beruhigen, aber Athalia hat noch ein zweites Traumbild gehabt, das sie gleichermaßen beunruhigt: Sie sah einen schönen Knaben in glänzendem Festtagsgewand, dessen sanftes Lächeln sie anzog, der ihr dann aber einen Dolch in die Brust stieß - und das Entsetzliche war für sie, daß ihr niemand zu Hilfe kam.

Mathan, ein ehemaliger Levit, der zum königlichen Baalspriester wurde, versucht, seine aufgebrachte Herrscherin zu beruhigen: Es war doch nur ein Traum, der sie so in Furcht versetzt hat, aber zu ihrer Sicherheit werde er im Tempel nach einem Knaben suchen lassen. Die Anhänger Athalias verlangen die Tötung des Knaben, sollte er tatsächlich im Tempel gefunden werden. Der Heerführer Abner, der diese Szene insgeheim beobachtet hat, beschließt, den Hohen Priester Joad auf den heraufziehenden „Sturm wütender Verzweiflung“ vorzubereiten.

Abermals ist ein Szenenwechsel zurück in den Tempel zu denken.

Joad und Josabeth überlegen, ob sie dem Volk von der Rettung des Königssohns erzählen sollen: Die vom Glauben der Väter abgefallene Athalia hatte nach dem Tode ihres Sohnes, des König Ahasja, alle Angehörigen des rechtmäßigen Königshauses ermorden lassen und sich selber als Königin inthronisiert. Nur Joas, Sohn von Ahasja und damit ihr Enkel, war dem Morden durch das aktive Eingreifen Josabeths entkommen. Sie hatte das Kind heimlich im eigenen Haushalt aufgenommen und es damit vor dem Tode bewahrt.

Nun kommt Abner in den Tempel und warnt Joad und seine Frau vor den Rachegelüsten Athalias und ihrer Anhängerschaft. Josabeth ist verzweifelt, weil sie ihre jahrelange „zärtliche Sorge“ um den Knaben nun vernichtet sieht. Sie wünscht sich den Tod herbei, weil nur der sie von allen Schmerzen erlösen kann. Abner und Joad beruhigen sie mit der Hoffnung, daß Jehovah nichts Unrechtes geschehen läßt. Das Volk bekräftigt diese Haltung mit einem „Halleluja“-Chor, der den ersten Teil des Oratoriums abschließt.

Part II

Die Handlung geht weiter im Tempel zu Jerusalem vor sich.

Chorisch danken Leviten und Israeliten mit dem Hohen Priester Joad in einer mächtigen, von Sechzehntelpassagen der Violinen verzierten Chorhymne der „mächtigen Kraft“, die eine gute Ernte hat werden lassen. Jahwe, so lassen sich die Versammelten vernehmen, gibt der Erde den Wechsel der Jahreszeiten, der den Ölbaum und den Weinstock immer wieder ergrünen läßt und deshalb muß der Name des Herrn lobpreisend verkündet werden.

Abner äußert seine Meinung, daß Judäa wirklich glücklich sein könnte, wäre es nur befreit von „hochmütiger Unterdrückung“. Joad fragt sinnend, aber durchaus mit Überlegung, ob der Heerführer wohl bereit sei, den noch lebenden „edlen Sproß von einem großen Stamm“ zu schützen? Abner fühlt sich zwar überrumpelt, gibt aber, plötzlich verstehend, zu, daß er „für meinen König sterben“ würde. Der Hohe Priester ist mit Abners Antwort zufrieden und fordert ihn auf, am Abend zu ihm zu kommen.

Hier tritt Athalia hinzu.

Die Königin kommt zum Tempel und läßt ihre schlechte Laune erkennen. Sie kann sich nicht der Bilder mit dem Knaben im Festtagsgewand erwehren und sieht jetzt, daß dieses Traumgebild plötzlich Realität wird: das Kind hält Josabeth an ihrer Hand! Sie fragt daher Joads Frau, ob das Kind an ihrer Seite ihr Sohn sei. Blumig lautet die Antwortet, daß er ihre zärtliche Liebe zwar verdient habe, daß er ihr aber gleichwohl nicht für sein Leben danken muß.

Als Athalia das Kind anspricht und nach seinem Vater fragt, mischt sich Josabeth ebenso eilfertig wie ängstlich ein und behauptet, es habe keinen Vater, nur „den gütigen Himmel“ allein. Die Königin verlangt aufbrausend, daß das Kind selber antworten solle. Und der Knabe sagt, er sei das Waisenkind Eliakim, das nichts über seine Abstammung wisse. Auf Athalias weitere Insistierung, wer ihn zärtlich genährt und aufgezogen haben, antwortet Eliakim mit einer Gegenfrage:

„Wird der ewig gnädige Gott
die Jugend seiner Kinder dem Elend aussetzen?
Jeden Tag, an dem ich um seine Fürsorge bitte,
ernährt er mich aus der Fülle seines Altars.“

Zielstrebig verlangt Athalia, daß der „holde Jüngling“ ihr noch heute in den Palast zu folgen habe, damit man sich um ihn, seinem Wert enstprechend, kümmern könne. Joas aber will nicht in den Palast; er bedauert laut, daß er seinem Gott nicht treu sein könne, wenn dieser ihn bei den Zeremonien des Baal sehen würde, bei Zeremonien, die ihm verhaßt seien. Athalia läßt sich nicht erweichen, und nennt Josabeths Zucht lobenswert, denn was sie dem Knaben einschärfte, habe er gut beherzigt. Ehe sie davongeht, läßt die Königin in einer Rache-Arie ihrer Wut freien Lauf.

Josabeth sieht eine große Gefahr auf den Knaben zukommen und fühlt sich einer Ohnmacht nahe. Joas/Eliakim aber kann die Reaktion der Königin nicht verstehen, da man ihm seine königliche Abstammung ja geheimgehalten hat. Aber das Vertrauen auf den himmlischen Vater ist in dem Kind mächtig und Josabeth äußert, sie wolle ebenfalls ihr Vertrauen in Jehovah setzen.

Joad, die Jungfrauen, die Leviten und Israeliten kommen wieder hinzu. Der Hohe Priester dankt seiner Frau für die Beherrschung, die sie an den Tag gelegt habe und in einem Duett äußern sie ihr Zuversicht, daß Gott Jahwe bald „Leid in Freude verwandeln“ werde. Abner tritt als Überzeugter für die gerechte Sache auf und kündigt Joad sein Erscheinen „noch ehe die Hälfte des Tages abgelaufen“ ist, an.

Der Schlußchor des zweiten Teils ist dreigeteilt: Die Jungfrauen sehen zunächst das trübe Bild sich aufhellen; der Chor der Priester und Leviten bekräftigt, daß Verbrecher zum Untergang verurteilt seien; der Gesamtchor ruft Judas Volk auf, an die Barmherzigkeit des Herrn zu glauben, denn nur der Stolze wird Jahwes Zepter spüren, das gläubige Volk aber die Segnungen mit einem milden Urteilsspruch erfahren.

Part III

Die Szene ist weiterhin im Tempel zu denken.

Der Hohe Priester Joad berichtet in einem Accompagnato von heiligen Schauern, die seine Brust erschüttern: das kann nur die Macht Gottes sein, die ihm eine Offenbarung mitteilen will. Das Volk möchte ebenfalls diese Botschaft erfahren. Und Joad verkündet, daß Gott beschlossen habe, Jerusalem solle nicht länger der Tyrannin Herrschaft ertragen, ihre Macht werde bald zu Ende sein und sie werde sterben. Dankbar und froh äußert sich der Chor zu diesen guten Zukunftsaussichten.

Joad fragt den Knaben Eliakim, wen er sich für seine Regentschaft als Vorbild aussuchen würde, sollte der Himmel ihm die Herrscherwürde verleihen. Die Antwort ist kurz und bündig: gerecht wie David möchte er regieren, wenn das Schicksal ihm eine solche Ehre zuweisen sollte. Die Antwort gefällt dem Hohen Priester und er nennt den Knaben nun Joas und König, vor dem er seine Knie in Hochachtungs beuge. Das Volk im Tempel bekräftigt Joads Haltung, mit und für den neuen König zu streiten und mit ihm entweder zu siegen oder zu fallen.

Hier ist gedanklich eine Veränderung vorzunehmen: bis auf Josabeth gehen alle ab und zu ihr tritt der abtrünnige Priester Mathan.

Mathan näher sich Josabeth mit einschmeichelnden Worten, wird aber von ihr mit ebenso eindeutigen Worten abgewiesen: „Schmeichlerische Worte und verführerische Blicke“ verfehlen bei der gläubigen Frau ihre Wirkung. Sie nennt ihn einen eitlen Betrüger, der verschwinden solle, gleich, ob er als Freund oder als Feind kam. Und der hinzutretende Joad beschimpft Mathan, das Haus des Gebets mit seiner Anwesenheit entweiht zu haben. Mathan aber kündigt an, der „hochmütige und unverschämte“ Joad habe sich „zu rüsten“, seiner „gekränkten Königin Rede und Antwort zu stehen“

Es kommen Athalia, Abner und die sidonischen Priester hinzu.

Athalia verlangt wütend von Joad die Herausgabe des Jünglings. Aber der Hohe Priester läßt plötzlich Joas als den „neuen König“ Judas vorführen. Das Volk im Tempel huldigt dem von Gott ausgesuchten Herrscher mit einem Jubelgesang. Juda wird jetzt, so kündigt es Joad an, die Götzenbilder stürzen und nur noch Jehovah dienen.

Athalia fordert entsetzt ihren Heerführer Abner auf, für sie Partei zu ergreifen. Doch der erklärt, daß ihre Schreckensherrschaft nun zu Ende sei und Juda sich triumphierend erheben werde. Athalia sieht sich von Verrat umgeben und verlangt von Mathan, Baal anzurufen, damit der große Gott auf das Haupt eines jeden Aufrührers seine Rache ausgieße. Aber Mathan sucht sein Heil in der Flucht nach vorn: der Gott der Juden hat gesiegt und „seine furchtbare Hand liegt nun auf mir“. Seine Arie ist Ausdruck eines Verzweifelten, für den es kein Erbarmen geben werde. Das hält Joad für die gerechte Strafe, denn Mathans Freveltaten verdienen nichts anderes.

In einer erkenntnisreichen Arie läßt sich die Königin nochmals stolz vernehmen: sie will unerschrocken in die ewige Finsternis und zu höllischem Grauen eilen. Sie weiß, daß ihre Herrschaft zu Ende ist.

Die letzte Szene des Oratoriums ist ebenso der Freude des Volkes über den Sturz einer verhaßten Königin gewidmet, wie der Erleichterung von Joad und Josabeth über Gottes Eingreifen zugunsten des rechtmäßigen Königssohnes. Und Abner ruft das Volk auf, Gottes Güte der Welt zu verkünden. Der mächtige Schlußchor des dritten Teils ist eine Bekräftigung der Worte Abners:

Give the glory to His awful name,
Gebt seinem gewaltigen Namen die Ehre,
Let ev'ry voice His praise proclaim.
jede Stimme möge sein Lob verkünden.


INFORMATIONEN ZUM WERK

Anfang Juli 1733 begab sich Händel mit Sängern und Instrumentalisten nach Oxford. Der Vizekanzler der Universität hatte in eingeladen, den sogenannten „Publick Act“, die Verleihung der akademischen Würden, mit musikalischen Darbietungen zu bereichern. So wurden am 5. und 7. Juli „Esther“, am 10. und 11. Juli ATHALIA, am 11. Juli vormittags auch „Acis and Galatea“ und am 12. Juli „Deborah“ aufgeführt. Auch Händels Geistliche Musik soll (am 8. Juli) gegeben worden sein, möglicherweise aber nicht unter seiner Leitung.

ATHALIA entstand als Auftragswerk für die Universität Oxford, die, was bis heute in der Forschung kontrovers diskutiert wird, Händel den Titel eines „Doctor of Music“ verleihen wollte. Händel scheint die Ehrung allerdings abgelehnt zu haben, was jedoch nur dem Brief an einen Freund zu entnehmen ist, wo er schreibt, daß er zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sei, als daß er Zeit fände, diese Ehre zu anzunehmen. Es ist diskutiert worden, ob Händel die Gebühr von 100 Pfund für die Titelverleihung abschreckte oder ob ihm die anstehende „Disputatio“ in lateinischer Sprache Schwierigkeiten bereitete - was auch immer der Grund gewesen sein mag, der Komponist hatte schon oft zu verstehen gegeben, daß ihm an Preisen und Ehrungen nichts gelegen war.

Den Kompositionsbeginn von ATHALIA hat Händel nicht festgehalten, Winton Dean vermutet Mai 1733, denn auf Blatt 55 verso schrieb der Komponist Fine del Oratorio / S D G / G F Handel / London June the 7. 1733, was bei Händels Arbeitsrhythmus Sinn machen würde.

Die Uraufführung in Oxford war zunächst für den 9. Juli angesetzt, mußte jedoch wegen der überlangen Reden während der öffentlichen Promotion auf den 10. Juli verschoben werden. Die in der Zeitschrift „The Bee“ genannte Besucherzahl von 3700 Personen bei der Uraufführung dürfte eine Phantasiezahl sein, denn das Sheldonian Theatre faßte nur zwischen 1000 (Donald Burrows in Handel, Oxford 1994) und 2000 Besucher (Ludwig Finscher in MGG 1997). Nach einem anderen Bericht der „Norwich Gazette“ vom 14. Juli war es die prächtigste musikalische Vorstellung, die es bis dahin in Oxford gegeben hatte und Stephan Blaut vermutet, daß dieser Erfolg bei Händels Abkehr von der Oper und seine Hinwendung zum Oratorium eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Erst 1735 hat Händel ATHALIA dem Londoner Publikum vorgestellt. Zuvor hatte er sein Oratorium allerdings für die Serenata „Parnasso in festa“ (HWV 73) und für das Wedding Anthem „This is the day which the Lord hath made“ (HWV 262) „ausgeschlachtet“. Beide genannten Werke entstanden für die Feierlichkeiten zur Vermählung von Prinzessin Anne mit Prinz Wilhelm von Oranien. Dann aber schrieb „The London Daily Post“ die Londoner Erstaufführung von ATHALIA für den 1. April 1735 aus und gab auch schon Hinweise auf die Wiederholungen am 2., 3., 9. und 12. April bekannt.

Händel nahm für die Londoner Aufführungsserie folgende Änderungen vor:
1) Einfügung von italienischen Stücken für Giovanni Carestini, der als Nachfolger von Senesino engagiert worden war;
2) neue Kompositionen von englischsprachigen Stücken und der Gigue;
3) Übernahme von Änderungen, die sich aus der Adaption für „Parnasso in festa“ ergaben;
4) neuer Schluß mit dem Orgelkonzert F-Dur HWV 292.

Interessant ist, daß es von der 1733er-Fassung viele Textbücher gibt, weil Händel bei John Watts zu viele hatte drucken lassen. Für die zweite Fassung von 1735 existiert nur ein einziges Exemplar, das Donald Burrows 1993 in der „Gerald Coke Handel Collection“ fand. Es wurde offensichtlich aus den in Oxford nicht verkauften Libretti für die neue Version bearbeitet. So sind die italienischen Stücke mit genauen Hinweisen „für Carestini“ und der Angabe der Stelle im Oratorium, wo sie gesungen werden müssen, beigefügt.

Laut Burney soll Händel bei der Uraufführung von ATHALIA ein „Vorspiel auf der Orgel“ gespielt haben, das „die Zuhörer in Erstaunen setzte“. Ab 1735 wurden seine Oratorien-Aufführungen stets mit Orgelkonzerten angereichert. Das extra für ATHALIA komponierte Concerto F-Dur HWV 292 nimmt unter den Orgelkonzerten insofern eine Sonderstellung ein, weil es ein fest zum Oratorium von 1735 gehörender Bestandteil war. Der instrumentale Teil geht ohne Unterbrechung in ein von Chor und Orchester vorgetragenes „Halleluja“ über, das mit Sicherheit den ursprünglichen Finalchor ersetzte und eine enorme Steigerung der Schlußwirkung bedeutet haben muß.

1743 plante Händel offenbar nochmals Aufführungen von ATHALIA und nahm erneut Änderungen vor; sie bestanden hauptsächlich in der Wiederherstellung der Fassung von 1733 (Part III beispielsweise unterscheidet sich in keinem Stück von der Fassung der Uraufführung), wobei sämtlich italienischen Sätze und auch das Orgelkonzert eliminiert wurden, sowie einer umfangreichen Erweiterung der zweiten Szene von Part II. Trotzdem läßt sich eindeutig feststellen, daß Händel die Arbeiten an dieser „Fassung“ irgendwann abbrach, weil feststand, daß es eine Aufführung nicht geben würde.

Eine letzte Aufführungsserie von ATHALIA zu Händels Lebzeiten gab es 1756 in London. Auch dafür hat Händel Umarbeitungen vorgenommen, wobei der erste Teil der geplanten Fassung von 1743 entsprach, im zweiten Teil Streichungen und Hinzufügungen erfolgten, die wesentlichen Veränderungen aber Part III trafen. Winton Dean bezeichnete das Ergebnis dieser Eingriffe als „Scherbenhaufen“.

Das Libretto für ATHALIA schrieb Samuel Humphreys nach dem Drama von Racine, das für die Verwendung als Oratorium natürlich erheblich gekürzt werden mußte. Racine folgt nicht immer der biblischen Vorlage. Eine der stärksten Abweichungen ist, daß Athalia als Tochter von Isebel, die vom israelitischen König Jehu erschlagen wurde, eingeführt wird. Und sie wird nicht als Mörderin, sondern als listige Tyrannin dargestellt, die ihrem Volk mit harter Hand den Baalskult aufbürdet. Eine weitere einschneidende Änderung ergibt sich am Ende des Oratoriums: Athalia wird nicht getötet wie im Buch der Chronik, wo es heißt: „Und alles Volk des Landes war fröhlich, aber die Stadt blieb still, obwohl Athalia mit dem Schwert erschlagen war“ (2. Buch der Chronik, 23,21), sondern sie verläßt die imaginäre Szene todesgewiß, aber stolz.


© Manfred Rückert für Tamino-Oratoriumführer 2012
unter Hinzuziehung des Notenbandes der Hallischen Händel-Ausgabe
in der Fassung der Uraufführung von 1733 (Bärenreiter-Verlag)
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Montag, 23. April 2012, 16:25

Diskographische Hinweise

Die Tamino-Werbepartner Amazon und jpc bieten Händels ATHALIA sowohl in der Fassung der Uraufführung von 1733 als auch in der Bearbeitung von 1735 an:


NAXOS und Martini legen die Fassung von 1733 vor; die Mitwirkenden sind Elisabeth Scholl, Barbara Schlick, Friederike Holzhausen, Annette Reinhold, Markus Brutscher, Stephan MacLeod; Junge Kantorei, Barockorchester Frankfurt; Leitung Joachim Carlos Martini.


Die Deutsche Harmonia Mundi und der Dirigent Paul Goodwin wählten die Bearbeitung von 1735; hier sind Nuria Rial, Lawrence Zazzo, Geraldine McGreevy, Vocalconsort Berlin und das Kammerochester Basel zu hören.


Dabringhaus und Grimm wählten ebenfalls die 1733er Fassung mit Simone Kermes, Olga Pasichnyk, Trine Wilsberg Lund, Martín Oro, Thomas Cooley, Wolf Matthias Friedrich; der Kölner Kammerchor, das Collegium Cartusianum, Leitung Peter Neumann


Christopher Hogwood dirigiert vier Händel-Oratorien: Der Messias (1978); Athalia (1985); Esther (1984); La Resurrezione (1981) mit Nelson, Kirkby, Bowman, Sutherland, Rolfe Johnson, Partridge, King; Academy of Ancient Music.
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