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Dienstag, 15. Mai 2012, 06:28

Streichquartett-Ensembles - Vol 7: ihr Verband

Zuerst dachte ich an einen April-Scherz, aber die Pressemitteilung datiert schon vom 19. März d. J., und letzten Endes: warum auch nicht ... Also:

"Der Verband Deutscher Streichquartette e.V. (VDSQ) gibt seine Gründung bekannt. Gründungsmitglieder sind Vertreter der Quartette Auryn, Diogenes, Henschel, Klenke, Kuss, Leipziger, Mandelring, Minguet und Vogler. Der VDSQ ist der weltweit erste Verband von Streichquartett-Ensembles. Für Streichquartette, die ihren Sitz in Deutschland haben, fungiert er als Standesorganisation und Interessenvertretung in der Öffentlichkeit.

Der VDSQ sieht sich als Beobachter und Impulsgeber des aktuellen Branchengeschehens. Der Verband setzt sich für den Erhalt der einzigartigen Streichquartett- und Kammermusiklandschaft ein und bemüht sich um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in Deutschland. Das Engagement des VDSQ gilt vor allem den hauptberuflich arbeitenden Streichquartetten, sowie denen, die eine professionelle Tätigkeit in einem Streichquartett anstreben. In enger Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Musikrat und der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen bemüht sich der VDSQ um den Auf- und Ausbau von Ensemble-Residenzen in Deutschland im Sinne der gemeinschaftlichen Einbindung eines gesamten Quartetts in die Lehrtätigkeit an derselben Musikfakultät, wie sie im angelsächsischen Kulturraum eine lange Tradition haben und dort bereits eine tragende Säule der Streichquartett-Landschaft bilden. Es ist auch in Deutschland notwendig, dafür Sorge zu tragen, dass professionelle Streichquartette an demselben Ort in die grundsichernde Teilzeit-Lehrtätigkeit eingebunden werden. Gleichzeitig profitieren Musikfakultät, Ort und Bundesland vom Ensemble als Kulturbotschafter. Der VDSQ engagiert sich auch für ehemalige Mitglieder von Streichquartetten und die Anerkennung ihrer im Streichquartett geleisteten Arbeit durch die Deutschen Orchester.

Für das Präsidium zeichnen verantwortlich: Monika Henschel, Vorsitz - Matthias Moosdorf, stellvertretender Vorsitz - Bernhard Schmidt, stellvertretender Vorsitz - Ernst Gülpen, stellvertretender Vorsitz - Dr. Wolfgang Gärtner, Schatzmeister.

Kontakt und weitere Informationen:

Verband Deutscher Streichquartette e.V.
Kreuzdornweg 9
81547 München

Tel. +49 (0) 89. 538 19 322
www.vdsq.de"
Pressemeldung des VDSQ vom 19. März 2012, entnommen am 15. Mai 2012 aus hatetepe://www.vdsq.de/presse/pressemeldung/

Da fehlen doch aber schon noch eine Reihe von Streichquartett-Mitgliedern mit steuerlichem Sitz in Deutschland in der Mitgliederliste, oder? An den moderaten Mitgliedsbeiträgen von 20,00 EUR Aufnahme und 25,00 EUR jährlich kann's nicht liegen. Ist das Interesse an einer organisierten Interessenvertretung "in der Öffentlichkeit, gegenüber Politik, Medien und Geschäftspartnern" und das Angebot einer "Beratung in branchenrelevanten Bereichen" bei Streichquartettlern doch nicht so groß? Immerhin hat Vorsitzende Monika Henschel die Existenz und Inhalte des Verbands gestern Abend im WDR 3 etwas öffentlicher gemacht.

Welche Chancen bietet ein derartiger Verband den Mitgliedern aus Eurer Sicht? Oder hat der Verband selbst überhaupt Überlebenschancen? Haltet Ihr die Organisation von Quartettmusikern in einem Interessenverband für notwendig oder auch nur förderlich?

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 18 780

Registrierungsdatum: 9. August 2004

2

Dienstag, 15. Mai 2012, 07:40

Solche Verbände bieten in der Regel vor allem ihren Funktionären ein nettes Zusatzeinkommen, und auch denjenigen die ihnen nahe stehen. Es ist gewissermaßen ein Netzwerk. Ich gehe davon aus, daß irgendwann auch der Staat in die finanzielle Pflicht genommen werden soll, wie das bei Orchestern und Opernhäusern schon lange der Fall ist.
Mit den Mitgliedsbeiträgen, die hier kolportiert werden, kann ein Verband nicht mal die Portokosten decken.
Wenn ich nur Begriffe wie "Musikrat" lese wird mir schon übel. All die beamteten und vernetzten Organisationen, deren Hauptsinn in meinen Augen es zu sein scheint, Liebkindern einen Nebenverdienst zu sichern sind mir im höchsten Maße suspekt. Wer wird denn bitte die Ensemble -Residenzen bezahlen ? Der Steuerzahler.

Zitat

Es ist auch in Deutschland notwendig, dafür Sorge zu tragen, dass professionelle Streichquartette an demselben Ort in die grundsichernde Teilzeit-Lehrtätigkeit eingebunden werden. Gleichzeitig profitieren Musikfakultät, Ort und Bundesland vom Ensemble als Kulturbotschafter.


Letzteres ist - zumnindest nach meinen Erfahrungen im Forum - in Zweifel zu ziehen.
Selbst hier - in einem Zentrum der "klassischen Musik" - hält sich das Interesse an Kammermusik in sehr engen Grenzen.
Welchen Nutzen die Orte und Bundesländer von diesen "Kulturbotschaftern" ziehen sollen, das wird schwer nachvollziehbar sein.

In früherer Zeit mussten Streichquartett-Ensembles von ihren Auftritten leben. Heute kommen bei den besten noch die Einnahmen aus Tonträgeraufnahmen hinzu. Manche werden - auch ohne Interessenvertretung - in Lehraufträge eingebunden.
Ich habe subjektiv den Eindruck, daß hier zwangsweise Versorgungsplätze für jene geschaffen werden sollen, die es aus eigener Kraft (durch die Qualität ihres Spiels) nicht geschafft haben.....

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 472

Registrierungsdatum: 12. August 2005

3

Dienstag, 15. Mai 2012, 08:32

Ein Interessenverband hat mit "verbeamteten" Funktionären nun gar nichts zu tun. Die beiden Fördermitglieder dürften ehrenamtliche Sponsoren sein, die in das Projekt Geld reinstecken (daher "Fördermitglied"), statt welches rauszuholen.

Überlegt mal, wie viele Quartette heute von Plattenaufnahmen leben können. Das konnten früher auch nicht viele, wenn überhaupt jemals, vielleicht eins pro großem Label, aber wahrscheinlich eher von Konzerteinnahmen bzw. "Hauptberufen" im Orchester.
Wer es noch nicht mitgekriegt hat, das traditionsreichste Plattenlabel die Deutsche Grammophon, das zwischenzeitlich 3-4 Quartettensembles gleichzeitig unter Vertrag hatte, hat heute kein einziges mehr, da Emerson Q und Hagen Q, zwei Ensembles, die nicht zuletzt durch 20 Jahre DG-Aufnahmen bekannter sind als alle die im Verband genannten, gegangen sind oder gegangen wurden. Dennoch sind mir alle Gründungsensembles namentlich bekannt und haben bereits Aufnahmen vorgelegt.
Aber ich vermute mal, dass von vielen solcher Platten nur einige hundert, vielleicht über Jahre ein paar tausend Exemplare verkauft werden, davon kann niemand leben.

Natürlich ist es legitim, darauf hinzuwirken, dass Ensembles "in residence" an Musikhochschulen arbeiten und lehren können, um hauptamtlich Quartett spielen zu können und nicht nur neben der Orchesterarbeit. (Reich würde man davon sicher nicht.) Dass rein markttechnisch gesehen, sich wohl kaum zwei dutzend Quartette in D halten können, ist eh klar. Aber das gilt auch für alle anderen Bereiche der klassischen Musik. Und die sind fast alle sehr viel teurer.

Die Elbphilharmonie in Hamburg wird voraussichtlich beinahe 400 Mio EUR (lt. wikipedia 77 Mio bei Planung, 114 bei Vertragsabschluss, 476 Stand 2011) mehr kosten als veranschlagt, insgesamt in Richtung einer halben Milliarde. Wo auch immer dieses Geld letztlich hingewandert ist (sicher wurden auch Arbeitsplätze geschaffen), für 400 Mio (also nur die Mehrkosten!) könnte man 20 Streichquartetten 100! Jahre lang pro Person (nicht pro Quartett!) EUR 50000 p.a. für seine Lehraufgaben an einer (Musik)hochschule zahlen (und ich glaube nicht, dass so viel für Teilzeitlehre eines Quartetts fällig wäre, denn das entspräche etwa einer vollen Dozentur pro Person). Realistischer mit eher 10 Ensembles "in residence" bundesweit und 100000 pro Quartett, wäre das eine Million pro Jahr für ganz Deutschland. Egal ob eine oder vier Millionen, das sind noch nicht mal peanuts. Ein Star wie Barenboim oder Thielemann als GMD kostet meiner Erinnerung nach eine halbe Million oder auch etwas mehr pro Jahr.

Von den mir namentlich bekannten deutschen Quartetten, die mir einfallen, fehlen im Verband das Mannheimer, das Petersen und das Nomos-Quartett.

4

Donnerstag, 24. Mai 2012, 14:35

Aus 650,00 EUR Jahresbeiträgen (24 Voll- und 2 Fördermitgliedern á 25,00 EUR) dürfte sich kaum ein "nettes Zusatzeinkommen" für die "Funktionäre" ergeben. :no: Schaut man auf die Mitgliederliste, sind Mitglied jene, die es bereits "aus eigener Kraft (durch die Qualität ihres Spiels) ... geschafft haben". Von daher halte ich es für ziemlich weit neben der Sache, hier Pöstchenschacherei und Versorgungsmentalität zu argwöhnen. Aber möglicherweise hat man in Österreich besonders schlechte Erfahrungen mit dergleichen gemacht ...

Wie dem auch sei, ich begrüße es sehr, dass im Kammermusikumfeld, das auch bei Tamino eher als Randbereich wahrgenommen wird, eine Initiative entsteht, die zumindest die Chance in sich trägt, dem Streichquartettspiel aktiv eine stärkere Stimme in der Klassikszene zu geben. Sehr gespannt bin ich, zu welchen Aktivitäten dies führen wird.

Es mag den, der die Ausgabe öffentlicher Gelder für Musikdozenturen mit angeschlossenen Residenzen beklagt, verblüffen, aber solche Leute arbeiten auch für ihr Geld und stellen so professionell sicher, dass wir endverbrauchenden Taminos weiterhin Nachschub für unser Hobby erhalten. Und Thielemann kostet die öffentlichen Kassen ja, wie man jüngst in der Dresdener BILD las, eine satte Million. Da verblüfft es mich schon, wenn gegen die Finanzierung der für die Basiskultur grundlegenden Funktionen geschossen wird.