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musikwanderer

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Samstag, 23. Juni 2012, 16:41

MENDELSSOHN-BARTHOLDY, Jakob Ludwig Felix: PAULUS

Tamino Oratorienführer
Jakob Ludwig Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847):

PAULUS
Oratorium in zwei Teilen für Soli (SATTBB), Chor (SATB) und Orchester, op. 36
Textzusammenstellung von Julius Schubring nach Bibelworten

Uraufführung am 22. Mai 1836 auf dem Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf.

DRAMATIS PERSONAE

Paulus (Baß)
Stephanus (Tenor)
Barnabas (Tenor)
Zwei falsche Zeugen (Bässe)
Erzähler: Sopran, Alt und Tenor
Chor


INHALTSANGABE

Erster Teil

An den Beginn des Oratoriums setzt Mendelssohn als Ouvertüre den Choral „Wachet auf ruft uns die Stimme“, der auf das bei Matthäus (25, 1-13) nachzulesende Gleichnis von den fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen Bezug nimmt und als Leitmotiv für das ganze Werk aufgefaßt werden kann. Die Melodie wird zunächst von den tiefen Streichern, den Klarinetten und Fagotten angestimmt, ehe Violinen, Flöten und Oboen hinzutreten und zu einem fugierten, in Moll-Klänge gesetzten Allegro übergehen. Das Choralthema wird dabei vom Blech immer wieder in den Orchesterpart hinein intoniert; gegen Ende wendet sich das Thema nach A-Dur und bringt diese Einleitung zu einem hymnischen Schluß.

Mit dem Chor des Volkes „Herr, der du bist der Gott“ wird der Hörer mit den Problemen der jungen Christengemeinde konfrontiert: Der neue Christus-Glaube wird bedroht und der Ruf nach Gottes Hilfe wird laut: „Und nun, Herr, siehe an ihr Drohn und gib deinen Knechten, mit aller Freudigkeit zu reden dein Wort“- damit wird gleichzeitig auch das Generalthema des Oratoriums aufgezeigt: Gott läßt sein Volk nicht alleine, er sendet Helfer zur Unterstützung der Gemeinde. Auf diesen Eingangschor folgt der erste von insgesamt vier Gemeindechorälen, die Mendelssohn, seinem Vorbild Bach folgend, in das Oratorium eingefügt hat: „Allein Gott in der Höh sei Ehr“.

Nun erst beginnt die eigentliche Handlung, die sich um den gottgläubigen Stephanus dreht: Ein Sopran erzählt rezitativisch, daß die Predigten und Wundertaten des Stephanus die Schriftgelehrten schwer erzürnt haben. Sie bieten daher zwei falsche Zeugen auf, die sich anklagend äußern: „Wir haben ihn gehört Lästerworte reden wider diese heilge Stätte und das Gesetz.“ Und das darob empörte Volk packt sich Stephanus, bringt ihn vor den Hohen Rat und klagt ihn dort der Gotteslästerung an: Nicht nur, daß er Lästerworte gegen Gott und Moses erhoben hat, verkündet er sogar, daß „Jesus von Nazareth wird diese Stätte zerstören und ändern die Sitten, die uns Mose gegeben hat.“ Auf die Frage des Hohenpriesters, ob das wahr sei, antwortet Stephanus zunächst völlig ruhig, weit in die Geschichte Israels zurückblickend, daß die Menschen schon immer Gottes Gebote zuwider gehandelt hätten. Dann aber ereifert er sich und klagt seine Ankläger als „Halsstarrige“ an.

Die Menge reagiert wütend auf diese Rede und fordert in einem aufputschenden Satz, der von A-Dur nach Es-Dur moduliert, schließlich seinen Tod. Stephanus aber hat auf diese Todesdrohung eine Vision: „Siehe, ich sehe den Himmel offen, und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehn“- kein Auflehnen gegen die Gefahr, keine Verzweiflung oder Anklage ficht ihn an. Ein meditatives Sopran-Intermezzo, den Abbruch der dramatischen Handlung und Rückkehr in die Stille markierend, die zart-romantische Adagio-Arie „Jerusalem, du tötest die Propheten“, in dem der Sopran von Holzbläsern geradezu überirdisch begleitet wird, schließt sich an.

Dann kehrt die Dramatik zurück, wenn auch in einem ruhigen Erzählmodus, denn der Tenor berichtet in getragenen Weisen von der Steinigung des Stephanus. Die wütende Menge zieht mit dem Märtyrer vor die Stadt und steinigt „ihn daselbst“, von Stephanus mit der Bitte an Gott, seinen Peinigern zu vergeben, seinen Geist aber in sein himmlisches Reich aufzunehmen, begleitet. Die daraufhin ausbrechende Gewalt des Volkes zeichnet Mendelssohn mit packendem Realismus, mit naturalistischen Wut-Schreien. Ein schwermütiger Choral („Dir, Herr, dir will ich mich ergeben“) ist gleichsam die Totenklage für den Dulder und Märtyrer.

Erst an dieser Stelle tritt die Hauptperson des Oratoriums in die Handlung ein: Unter den Eiferern ist auch der junge Saulus von Tarsus, der, wie durch den Sopran zu erfahren ist, am Tode von Stephanus sein „Wohlgefallen“ hat. Das wehmütige Chor-Andante in Es-Dur „Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben“, das aus dem Sopran-Rezitativ hervorgeht, und in dem von der Klage über den Tod des Dulders die Rede ist, berührt den Hörer durch harfenähnliche Violinbegleitung und ist ein Satz von tiefer romantischer Innerlichkeit.

Nun setzt der Tenor den Bericht über die Ereignisse fort und erzählt vom Wüten des Saulus in Jerusalem, wo er die christliche Gemeinde unter Berufung auf Gott vernichtet: „Vertilge sie, Herr Zebaoth“ ist ein wilder Ausbruch, der durch gleichmäßige Notenwerte von Sänger und Orchesterbaß den Ausdruck von Dramatik noch zu verstärken weiß. Der Solo-Alt ergänzt, daß Saulus den Kampf gegen die Christen immer weiter führt, dann aber mit „einer Schar“ nach Damaskus aufbricht. Von dort soll er im Auftrag der Hohenpriester „Männer und Weiber gebunden führen gen Jerusalem“.Ein kurzes und trostreiches Arioso, „Doch der Herr vergißt der Seinen nicht“, auf eine ergreifende Melodie, die Mendelssohns Stärke gerade für solche kontemplativen Momente unterstreicht, schließt sich an.

Plötzlich aber geschieht, auf diesem Wege nach Damaskus, das Wunder: Saulus sieht den von ihm so hart bekämpften Jesus in einem grellen Licht, das ihn zu Boden niederdrückt und für drei Tage erblinden läßt. Diese Licht-Erscheinung wird durch Streichertremoli ausdrucksvoll begleitet und auf dem Höhepunkt mit dem verminderten f-gis-h-d-Akkord, der sich durch die Bläser nach A-Dur auflöst, abgeschlossen.

Die Stimme des Herrn, die den Eiferer fragt, warum er ihn verfolge, weist Mendelssohn jedoch keinem männlichen Solisten zu, wie man vielleicht erwarten würde, sondern einem vierstimmigen Frauenchor, der von den Holzbläsern volltönend begleitet wird. Die Begegnung mit der Lichtgestalt des Christus macht aus dem Eiferer plötzlich einen „Zitternden“ und „Zagenden“, dessen bisheriger Auftrag sich ins Gegenteil verkehrt: „Stehe auf und gehe in die Stadt, da wird man dir sagen, was du tun sollst.“

Nach diesem dramatischen Ereignis wäre eine einfache Fortsetzung des Berichts unangebracht; insofern ist die Einfügung eines der bedeutendsten Chorstücke des Werkes hier folgerichtig: „Mache dich auf, werde Licht“. Mendelssohn schreibt ein h-Moll-Fugato mit wilden Violinfiguren, das sich jedoch zum Propheten-Wort „Aber über dir gehet auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheinet über dir“ in einen hymnisch-majestätischen D-Dur-Schluß fügt. Zu Recht wird immer wieder darauf hingewiesen, daß dieser Chorsatz nur von einem Meister komponiert werden konnte, der nicht nur die barocke Form verinnerlicht hatte, sondern diese auch in die Musiksprache seiner Zeit zu übertragen in der Lage war.

Auf diesen aufwühlenden Chorsatz folgt der leitmotivische Choral „Wachet auf! ruft uns die Stimme“- ebenfalls in strahlendem D-Dur und von fanfarenähnlichen Stößen der Trompeten, Hörner und Posaunen unterbrochen, als sollten diese schmetternden Klänge sämtliche Schläfer dieser Welt wachrütteln.

Nun erst geht der Bericht des tenoralen Erzählers weiter: Die Saulus-Gefährten reagieren irritiert, weil sie eine Stimme hörten, aber niemanden sehen konnten; sie müssen Paulus führen, weil er geblendet wurde; der Blinde wiederum ist geschockt, ißt und trinkt nichts. Aber er sendet ein tiefgründiges (h-Moll-Adagio-)Gebet zum Himmel, geboren aus der Einsicht in sein sündiges Fehlverhalten: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit“- wieder ein bedeutendes Stück dieser Partitur.

Hier führt der Bericht des Tenors eine neue Person in die Handlung ein: Ananias, ein Jünger des neuen Christus-Glaubens, erhält direkt durch Gottes Stimme - durch einen Sopran vorgetragen - den Auftrag, Saulus nicht nur die Berufung zum „Rüstzeug“ des Herrn mitzuteilen, sondern ihm auch anzukündigen, daß er „um meines Namens willen“ viel wird erleiden müssen. Ohne zu zögern nimmt Saulus diesen Auftrag an und dankt Gott für seine Gnade und Güte. Der instrumentale Teil dieses Rezitativs enthält wieder jene Bläserakkorde aus der „Damaskus-Szene“, hier allerdings in C-Dur und der Paralleltonart a-Moll, zwei freundlichen, aber als nicht so glänzend empfundenen wie Kreuztonarten.

Ananias führt seinen Auftrag aus und gibt Saulus durch Handauflegen das Augenlicht zurück. Nach einem kurzen Orchesterzwischenspiel erklärt der Sopran in einem ausdrucksvollen Rezitativ, daß es Saulus „alsbald wie Schuppen von seinen Augen“ fiel, er wieder sehend wurde, sich taufen ließ „und alsbald“ in den Schulen den Christenglauben predigte. Konsequenterweise legt Saulus nach der Taufe seinen hebräischen Namen ab und nennt sich fortan römisch „Paulus“. Dieses Ereignis wurde sogar zu geflügelten Worten: „Vom Saulus zum Paulus“ und „Wie Schuppen von den Augen fallend“.

Der erste Teil des Oratoriums schließt mit einem der bedeutendsten Chorsätze aus der Feder Mendelssohns: „O welch eine Tiefe des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis Gottes“; er ist in seiner architektonischen Anlage den berühmten Oratoriensätzen Händels gleichwertig. Den Zusammenhalt dieses dreiteiligen Satzes bildet ein sechstaktiges Motiv, in das polyphone Episoden eingefügt sind; er wird abgeschlossen durch eine großartige Amen-Fuge, in der Mendelssohn mehrere Themen verarbeitet, ehe sie schlußendlich zum akkordisch geprägten Hauptthema zurückkehrt.

Zweiter Teil

Der zweite Teil beginnt mit dem programmatisch zu verstehenden Eingangschor „Der Erdkreis ist nun des Herrn und seines Christ“. Mendelssohn erweitert ihn durch Teilung der Soprane zur Fünfstimmigkeit. Nach dem Adagio-Beginn entwickelt er eine Fuge über zwei gegensätzliche Themen, die am Schluß kontrapunktisch verschmelzen. Abermals ein Chorsatz von romantischer Größe aus barockem Formgefühl vertont.

Paulus beginnt seine Missionstätigkeit bei den Juden, und ihm wird jetzt, wie der Sopran rezitiert, durch den Heiligen Geist als Gefährte Barnabas zur Seite gestellt. Die beiden erhalten ein ausdrucksvolles und besonders melodisch gestaltetes Duettino „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt. Denn Gott vermahnet durch uns.“ Der anschließende G-Dur-Chorsatz „Wie lieblich sind die Boten, die uns den Frieden verkünden“ weist nicht nur auf die Ausweitung der Missions-Tätigkeit von Paulus und Barnabas hin, sondern läßt auch eine Anerkennung dieser Tätigkeit durch die begierigen Gläubigen erkennen.

Der Sopran berichtet zunächst von einer Schiffahrt der beiden Männer, verschweigt aber das Ziel dieser Fahrt; wichtig ist es ihm allerdings, von der Freudigkeit der beiden Männer zu berichten, Gottes Wort auch an dem neuen Wirkungsort zu verkünden. Dieses Rezitativ geht in ein Arioso über, in dem der Sopran die erzählende Funktion aufgibt, um von der „Gnade des Herrn ewiglich“ zu singen.

Danach wird die Musik wieder dramatisch: Die Juden reagieren auf das neugierig zusammenströmende Volk mit „Neid“ und erheben ihre Stimme gegen den Prediger mit dem Prophetenwort „So spricht der Herr: Ich bin der Herr, und ist außer mir kein Heiland.“ Sie haben nämlich in Paulus den gleichen Mann erkannt, der schon in Jerusalem das Volk gegen den alten mosaischen Gottesglauben aufhetzte und der darum den Tod verdient hat. Diesen Haß schildert Mendelssohn in einem aufwühlenden Chorstück, das sich vom anfänglichem Flüstern zum tobenden Ausbruch steigert. Plötzlich aber bricht der chorische Wutausbruch ab, und weicht dem überirdisch wirkenden, von einem Solisten-Quartett vorgetragenen Choral „O Jesu Christe, wahres Licht“. Die zweite Strophe „Erleuchte, die da sind verblend't“ übernimmt der gesamte Chor, begleitet von einem filigranen Orchestersatz aus Holzbläsern und Violinen.

Dann berichtet der Tenor weiter, daß die beiden Missionare sich nicht einschüchtern ließen, denn sie „sprachen frei und öffentlich“ von ihrer Absicht, die Christuslehre den Heiden bringen zu wollen, weil „ihr es aber von euch stoßet“. Dieser profanen Begründung lassen die Gottesmänner in einem Duett die göttliche folgen: „Denn also hat uns der Herr geboten: Ich habe dich den Heiden zum Lichte gesetzet, daß du das Heil seist bis an das Ende der Erde. Denn wer den Namen des Herrn wird anrufen, der soll selig werden.“

Die berichtende Rolle erhält nun wieder der Sopran; er weiß von dem Lahmen zu Lystra, den Paulus durch das Wort wieder gehend macht. Dieses Wunder ruft in den Heiden nicht nur Erstaunen hervor, sondern läßt sie auch an Götter denken, die auf die Erde kamen. So wird aus Barnabas „Jupiter“ und Paulus mutiert zu „Mercurius“. Der Jupiter-Priester naht folgerichtig mit Rindern und Kränzen als Opfergaben, und zur Anbetung der beiden Götter stimmen sie einen archaisch beginnenden Chor an, der sich zu einem lichten A-Dur-Bittgesang ausweitet: „Seid uns gnädig, hohe Götter! Seht herab auf unser Opfer!“

Paulus reagiert zunächst empört, wird gegen Ende seiner Arie jedoch verbindlicher im Ton: „Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen gleich wie ihr und predigen euch das Evangelium, daß ihr euch bekehren sollt von diesem falschen zu dem lebendigen Gott, welcher gemacht hat Himmel und Erde und das Meer. Wie der Prophet spricht: All eure Götzen sind Trügerei, sind eitel Nichts und haben kein Leben; sie müssen fallen, wenn sie heimgesuchet werden (…)“ Die letzten Paulus-Sätze nimmt der Chor auf und bringt einen großartigen, motettisch geprägten d-Moll-Satz zu Gehör, der in den Luther-Choral „Wir glauben all an einen Gott“ mündet, den im Orchester Altposaune, Hörner und Oboen grundieren.

Nun erhebt sich das Volk aus Juden und Heiden gegen die Prediger, um sie zu steinigen.
Der ehemalige Christenverfolger wird nun um seines Glaubens willen ebenfalls verfolgt. Zunächst aber, berichtet der Sopran rezitativisch, daß „der Herr“ ihm beistand und ihn stärkte, „auf das durch ihn die Predigt bestätigt würde und alle Heiden höreten.“

Die innige Tenor-Cavatine „Sei getreu bis in den Tod“ (Offenbarung 2, 10ff), von ruhig fließenden Sechzehntelfiguren der Celli begleitet, führt zur letzten Szene des Oratoriums.
Paulus läßt die Ältesten der Gemeinde von Ephesus rufen und kündigt ihnen seinen Abschied an; er will sich in Jerusalem dem jüdischen Gericht und Urteil stellen. Er weiß, daß ihm dort ein Martyrium erwartet, aber er ist bereit zum Sterben für den Herrn Jesus. „Und als er das gesagt, kniete er nieder und betete mit ihnen allen, und sie geleiteten ihn in das Schiff und sahen sein Angesicht nicht mehr“ berichtet der tenorale Erzähler.

An dieser Stelle endet die Handlung des Oratoriums; die folgenden zwei Chorsätze sind als lyrische Nachsätze anzusehen: „Sehet, welche Liebe hat uns der Vater erzeiget, daß wir sollen Gottes Kinder heißen“ (1. Johannesbrief 3, 1) ist ein glaubensstarker Dankeschor, dem der Sopran vor dem Schlußchor noch ein tröstendes Rezitativ beigibt (nach 2. Timotheus 4, 6 bis 8): „Und wenn er gleich geopfert wird über dem Opfer unsers Glaubens, so hat er einen guten Kampf gekämpft; er hat den Lauf vollendet; er hat Glauben gehalten; hinfort ist ihm beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, die ihm der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird.“

Der hier nur angedeutete Märtyrertod des Apostels Paulus (der sich tatsächlich in Rom ereignete), der einen „guten Kampf gekämpft“ hat und damit ein Vorbild von Glaubensfestigkeit wurde, ist für Mendelssohn zugleich Aufruf und Verpflichtung. Mit dem groß angelegten Lobpreis „Nicht aber ihm allein, sondern allen, die seine Erscheinung lieben. Der Herr denket an uns und segnet uns. Lobe den Herrn! Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobet den Herrn, Ihr seine Engel, lobet den Herrn“ (nach Psalm 103) endet in jubelndem D-Dur das Oratorium.


INFORMATIONEN ZU KOMPONIST UND WERK

Felix Mendelssohn stammte aus einer ebens0 berühmten wie auch angesehenen Familie: Der Großvater, Moses Mendelssohn, war ein berühmter und anerkannter Philosoph, der Vater Abraham ein gebildeter Bankier; Felix' Schwester Fanny war eine durchaus begabte Komponistin, scheiterte aber am festen Einspruch des Vaters, der sich den Konventionen seiner Zeit nicht entziehen konnte: Musik konnte für die Tochter zwar „Zierde“, aber nie „Grundbaß“ sein.

Abraham Mendelssohn hatte sich entschlossen, mit der ganzen Familie zum reformatorischen Glauben zu konvertieren und ließ seine Kinder christlich erziehen. 1816 wurden alle vier Kinder, die Eltern selber erst 1822, evangelisch-reformiert getauft. Das im Elternhaus gepflegte großbürgerlich-weltoffene Milieu, mit protestantischer Überzeugung gepaart, hat den Komponisten seine jüdischen Wurzeln dennoch niemals vergessen lassen. Der Wunsch des Vaters, den Familiennamen zugunsten des christlichen Bartholdy (den der Bruder seiner Mutter Lea bei seiner Konvertierung angenommen hatte) abzulegen, fand jedenfalls keine Billigung - der Kompromiß war der Doppelname:
„Du kannst und darfst nicht Felix Mendelssohn heißen. Felix Mendelssohn-Bartholdy ist zu lang, und kann kein täglicher Gebrauchsname seyn, du mußt dich also Felix Bartholdy nennen weil der Name ein Kleid ist, und dieses der Zeit, dem Bedürfniß, dem Stande angemessen seyn muß, wenn es nicht hinderlich sein soll.“ (…) Einen christlichen Mendelssohn gibt es so wenig als einen jüdischen Confucius. Heißt du Mendelssohn so bist du eo ipso ein Jude, und das taugt dir nichts, schon weil es nicht wahr ist.“

Berücksichtigt man diese familiäre Entwicklung, dann erscheint es durchaus verständlich, daß Mendelssohn die Gestalt des Apostels Paulus faszinierte. Bestimmt sah er in dem missionarischen Apostel des Urchristentums einen Vorläufer, der sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt haben mußte, die auch die Mendelssohns umtrieb: Bin ich nun Jude oder Christ? Der Gedanke, daß der Lebensweg des Paulus frappierend dem eigenen Lebensweg glich, hat Felix Mendelssohn-Bartholdy wohl nicht mehr losgelassen. Möglich also, daß hier der Keim für das Oratorium PAULUS gelegt wurde, das dann 1831 tatsächlich durch den Frankfurter Cäcilienverein in Auftrag gegeben wurde.

1832 jedenfalls, nach der Rückkehr aus Frankreich, erkundigte sich Mendelssohn bei dem Schauspieler und Sänger Eduard Devrient, ob er ihm beim Abfassen eines Librettos für ein Oratorium über das Leben des Apostelsfürsten helfen könne, doch Devrient verwies ihn an den Dessauer Konsistorialrat Julius Schubring, dem Mendelssohn sofort einen ersten Textentwurf schickte; Schubring antwortete mit einem Gegenentwurf. Die Arbeit zog sich durch historisch-theologische Studien zunächst hin, fand dann allerdings eine längere Unterbrechung, weil man sich über Mendelssohns Wunsch, den Bibeltexten Choräle aus dem Gesangbuch hinzuzufügen, nicht einig war. Hierin folgte der Komponist eindeutig Johann Sebastian Bach, dessen Matthäus-Passion er aus hundertjährigem Vergessen gerissen und 1829 (gekürzt) zur Aufführung gebracht hatte und in der er die eigenen Vorstellungen bereits vorgebildet fand.

Nach Bereinigung aller Unstimmigkeiten wurde das Libretto zu PAULUS 1834 endgültig abgeschlossen und Mendelssohn begann sofort mit der Komposition, die aber, wie schon erwähnt, durch Studien immer wieder unterbrochen wurde. 1835 erhielten die Bemühungen um eine Vollendung des Werkes durch den Tod von von Mendelssohns Vater Abraham einen neuen Schub: Der hatte in seinem letzten Brief an seinen Sohn auf eine Fertigstellung gedrängt.

Nachdem der Komponist noch im letzten Stadium der Arbeit an der Partitur weitgehende Änderungen vorgenommen hatte, die sogar die bereits gestochenen Stimmen unbrauchbar werden ließen, war die ursprünglich für das Frühjahr 1836 geplante Uraufführung nicht mehr einzuhalten. Stattdessen fand sie wenige Wochen später, zu Pflingsten 1836, beim 18.Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf unter großem Beifall statt. Schon am 3. Oktober 1836 wurde PAULUS in Liverpool in der englischen Übersetzung von Mendelssohns Freund Karl Klingemann gegeben. Ihr folgten innerhalb von anderthalb Jahren noch weitere fünfzig Aufführungen. 1837 erklang das Oratorium erstmals in Boston/USA.

Zu den überzeugten Anhängern des Werkes gehörten Robert Schumann, der es „ein Juwel der Gegenwart“ nannte und der Philosoph Ferdinand Gotthelf Hand, der es in seiner „Ästhetik der Tonkunst“ 1841 als „größtes Werk“ seiner Zeit bezeichnete. Aber da war auch ein gewisser Richard Wagner, der sich nach der Dresdner Erstaufführung geradezu jubelnd äußerte:
Das letzte Palmsonntag-Konzert ist eines der glänzendsten zu nennen und hinterließ einen tiefen Eindruck bei den besonders zahlreichen Zuhörern. Mendelssohn-Bartholdy war eingeladen worden, in diesem Konzerte die Aufführung seines Oratoriums »Paulus« selbst zu leiten, und verschaffte uns durch seine Bereitwilligkeit, dieser Einladung zu entsprechen, einen Genuß der ungewöhnlichsten Art, nämlich bei dieser Gelegenheit ein klassisches Werk unter der persönlichen Leitung seines Schöpfers reproduzirt zu sehen. Wir waren wohl bereits durch zwei öffentliche Aufführungen, welche durchaus gelungen zu nennen waren, mit diesem Meisterwerk bekannt gemacht worden, und doch schien es, als ob uns das rechte Verständniß erst jetzt gekommen wäre, wo die unmittelbare persönliche Anführung des Meisters jeden der Exekutirenden mit besonderer Weihe erfüllte und in dem Grade begeisterte, daß der Werth der Aufführung fast die Höhe des Werkes selbst erreichte.
Das sehr stark besetzte Chor und Orchester, im Verein mit dem Sologesang der Wüst, Tichatscheks, Dettmers u.s.w., haben sich im wahren Sinne des Wortes mit Ruhm bedeckt und uns auf diese Weise in aller Vollendung ein Werk gezeigt, welches ein Zeugniß von der höchsten Blüte der Kunst ist und uns durch die Rücksicht, daß es in unseren Tagen geschaffen worden ist, mit gerechtem Stolz auf die Zeit, in der wir leben, erfüllt. Zu bedauern ist es einzig, daß ein solches Oratorium nicht völlig unserem protestantischen Kirchencultus einverleibt werden kann, weil dadurch erst seine wahre Bedeutung in aller Gläubigen Herzen übergehen würde, während ohne diese Grundlage und zumal im Konzertsaale es uns mehr oder weniger nur als ein Kunstwerk ernster Gattung entgegentritt und seine eigentliche religiöse Wirksamkeit bei weitem nicht so hervortreten kann, wie dieß unter den Verhältnissen der Fall sein würde, unter denen Seb. Bach seine Oratorien der Gemeinde vorführte. Immerhin ist aber die Wirkung auch im Konzertsaal rührend und erhebend.


Das verwundert umso mehr, weil der gleiche Wagner nur wenige Jahre später in seinem Pamphlet „Über das Judentum in der Musik“ gegen den Schöpfer des PAULUS ätzend polemisierte, ohne ihn allerdings namentlich zu erwähnen. Der „fruchtbare Schoß“ des Antisemitismus hatte eine neue, und noch lange, auch nach den „Tausend Jahren“, nachwirkende Gemeinheit geboren. Hugo Riemann attestierte der Musik Felix Mendelssohn-Bartholdys in seinem berühmten Lexikon „Weichlichkeit und Sentimentalität“ und Detlev von Liliencron verspottete den Komponisten als „Felix Mendelmaier“. Ein erschreckend-zutreffendes Urteil fällte 1959 Heinrich Eduard Jacob: „Die Musik Felix Mendelssohns ist keines natürlichen Todes gestorben. Sie wurde ermordet!"

© Manfred Rückert für Tamino-Oratorienführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
PAULUS-Libretto
Oratorienführer von Oehlmann, Pahlen, Harenberg, Leopold
Heinrich Eduard Jacob: Felix Mendelssohn und seine Zeit (1959)
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MUSIKWANDERER

musikwanderer

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Samstag, 23. Juni 2012, 17:03

Diskographische Hinweise

Der PAULUS ist in vielen Aufnahmen bei den Tamino-Werbepartnern erhältlich und dokumentiert damit seine herausragende Stellung auf dem Gebiet des Oratoriums; an dieser Stelle eine kleine Auswahl der angebotenen Tonträger:




Hier die Einspielung aus dem Jahre 1997 von Helmuth Rilling, der die Gächinger Kantorei, den Prager Kammerchor und die Tschechische Philharonie Prag dirigiert; seine Solisten sind Juliane Banse, Ingeborg Danz, Michael Schade und Andreas Schmidt



Rilling hat 1990 das Oratorium ein weiteres Mal aufgenommen; hier sind Arleen Auger, Gabriele Schreckenbach, Robert Tear und Siegmund Nimsgern die Solisten; die Gächinger Kantorei Stuttgart und das RSO Stuttgart.



Die nebenstehende Einspielung weist Susan Gritton, Jean Rigby, Barry Banks und Peter Coleman-Wright als Solisten aus; der BBC-National-Chorus of Wales und das BBC-National-Orchestra of Wales unter Richard Hickox.



Rechts eine Aufnahme des PAULUS, die nicht nur für die Freunde von Düsseldorf und seinem Orchester sowie dem Chor von Interesse ist: Rafael Frühbeck de Burgos dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker, den Knabenchor „Wuppertaler Kurrende“ und den Chor des Städtischen Musikvereins Düsseldorf; die Solisten sind Helen Donath, Hanna Schwarz, Werner Holweg und Dietrich Fischer-Dieskau.
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