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musikwanderer

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Dienstag, 31. Juli 2012, 14:35

SCHÜTZ, Heinrich: AUFERSTEHUNGS-HISTORIA

Tamino Oratorienführer
Heinrich Schütz (1585-1672):

HISTORIA DER FRÖLICHEN VND SIEGREICHEN, AUFFERSTEHUNG VNSERS EINIGEN ERLÖSERS VND SELIGMACHERS JESU CHRISTI

Der Text entstammt einer Evangelienharmonie, möglicherweise von Johann Bugenhagen;
die Komposition entstand vor, der Druck im Jahre 1623 in Dresden;
das Werk ist für Soli, 6- bis 8stimmigen Chor, vier Violen und Generalbaß komponiert.


SOLILOQUENTEN

Die drei Weiber oder Marien (Cantus)
Die zweene Männer im Grabe (Tenor)
Maria Magdalena (zweistimmig, Sopran)
Zweene Engel (Altus)
Jesus (zweistimmig, Tenor)
Der Jüngling am Grabe (zweistimmig mit Instrument, Altus)
Die Hohenpriester (1 Tenor, 2 Bässe)
Cleophas (Tenor)
Cleophas Geselle (Tenor)
Die Elfe zu Jerusalem versammelt (Sopran, Altus, Tenor, Baß)


INHALTLICHE INFORMATION

Wie in seinen anderen oratorischen Werken setzt Heinrich Schütz auch an den Beginn dieser Historia eine Programm-Ankündigung, hier sogar mit einer Zusatz-Information:
Die Auferstehung unsers Herren Jesu Christi,
wie uns die von den vier Evangelisten beschrieben wird.
Der ausdrückliche Hinweis, daß eine Beschreibung „von den vier Evangelisten“ ausgewählt wurde, deutet auf eine sogenannte „Evangelienharmonie“ als Textgrundlage hin. Es gilt als wahrscheinlich, daß Schütz die von Luthers Weggefährten Johannes Bugenhagen verfaßte „Summa Passionis“ verwendet hat. Schütz gestaltet den Eingangschor sechsstimmig, und läßt ihn colla parte von den vier Violen und einer Orgel ad lib. begleiten.

Musikalisch wesentlich farbenprächtiger ist der „Beschluß“ vertont; hier werden zwei simultan singende vierstimmige Chöre eingesetzt, von denen der eine den anderen beständig imitiert, während der Evangelist zusätzlich als sozusagen neunte Stimme mit seinen immer wiederkehrenden „Victoria“-Rufen alles überstrahlt:
Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat / durch Jesum Christum, unsern Herren! Victoria!

Zwischen diesen beiden Chorsätzen wird der Bericht des Evangelisten vorgetragen, wobei die jeweiligen Äußerungen der „Soliloquenten“ wie Jesus, die Frauen, die „zweene“ Engel und „zweene“ Männer im Grabe, den Solisten übertragen sind. Dagegen sind die Worte der Menge, also des Volkes, der Jünger und der Priesterschaft, als „Turbae“-Chöre anzusehen und von allen Gesangsstimmen auszuführen. Eine in diesem Zusammenhang wichtige Besonderheit ist die Übertragung der Worte Jesu, der Maria Magdalena und der Engel auf jeweils zwei Gesangssolisten, obwohl nur eine Person das Wort führt. Hinsichtlich der Engel gewährt Schütz insofern eine Wahlmöglichkeit, als daß für die zweite Stimme ein Instrument eingesetzt werden kann. Diese Art der Vertonung geht eindeutig auf Antonio Scandello (1517-1589) zurück, einem von Schütz' Amtsvorgängern an der Dresdner Hofkapelle, dessen Auferstehungs-Historie von 1573 an jedes Jahr aufgeführt wurde.

Der Bericht des Evangelisten beginnt am Tage nach dem Sabbath, da sich die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa kamen, aufmachen, den Leichnam Jesu „mit Spezereien“ zu salben; am Grabe angekommen müssen sie aber mit großem Erstaunen feststellen, daß es leer ist. Während sie in aller Frühe noch unterwegs sind,
siehe, es geschah ein groß Erdbeben, denn der Engel des Herren stieg vom Himmel herab, trat hinzu und wälzet den Stein von des Grabes Tür, und setzte sich drauf, und sein Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß als der Schnee.

Die Aufregung der Frauen verstärkt sich, als sie im Grabe von dem „Engel des Herrn“ hören, daß der, den sie suchen, auferstanden ist, wie er es angekündigt hatte. Die Frauen eilen sofort zurück zu den Jüngern, um diese Neuigkeit zu verbreiten, doch die halten es für „Märlein“. Einige der Jesus-Jünger, darunter Petrus, wollen sich selbst überzeugen, eilen zum Grab und finden alles so vor, wie es die Frauen erzählt haben.

Der Evangelist berichtet weiter, daß Maria Magdalena den Jüngern nochmals gefolgt war, um sich doch noch einmal zu vergewissern, daß Jesus tatsächlich nicht mehr im Grabe liegt. Als sie in die Höhle schaut, sieht sie
zweene Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu Füßen,
da sie den Leichnam Jesu hingeleget hatten
Als sie sich aufgeregt umdreht, steht ihr plötzlich ein Mann gegenüber, den sie für den Gärtner hält, und ihn fragt, ob er vielleicht weiß, wo man den Toten hingebracht hat. Jesus erkennt sie nicht, erst als der vermeintliche Gärtner sie mit ihrem Namen anspricht, wird sie „sehend“. Und der „Rabbuni“ sagt zu ihr:
Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.
Gehet aber hin zu meinen Brüdern und saget ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott!
Interessanterweise hält es der Evangelist an dieser Stelle für nötig, die Gesprächspartnerin Jesu mit einem kurzen Satz zu beschreiben:
Dies ist die Maria Magdalena, von welcher Jesus austrieb sieben Teufel, welcher er am ersten erschien, da er auferstanden war, früh am ersten Tage der Sabbathen.

Natürlich führt Maria Magdalena Jesu Auftrag aus, muß aber wieder einmal feststellen, daß man ihr nicht glaubt. Abermals eilen „die Weiber“ zum Grabe und wieder sehen sie den „Engel des Herrn“ in der Höhle, der ihnen sagt
Entsetzt euch nicht! Ich weiß, daß ihr suchet Jesum von Nazareth, den gekreuzigten. Er ist nicht hie, er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommet her und sehet die Stätte, da der Herr gelegen ist, und gehet schnell hin und sagets seinen Jüngern und Petro, daß er auferstanden sei von den Toten, und siehe, er wird für euch hingehn in Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Auf dem Rückweg, so berichtet der Evangelist, wird ihnen durch die Worte des Engels klar, daß Jesus tatsächlich seine Auferstehung vorausgesagt hatte. Als sie jedoch den „Elfen“ in der Stadt von ihrem Erlebnis berichten, glaubt man ihnen wieder nicht. Petrus aber will es nun wissen und eilt sofort mit einem anderen Jünger zum Grabe, und die beiden finden es so vor, wie es Maria Magdalena erzählt hat. Verwundert und ratlos begeben sie sich wieder auf den Heimweg.

An dieser Stelle ist ein Szenenwechsel zu denken, denn der Evangelist weiß von den Hohenpriestern zu berichten, denen das Ostergeschehen zu Ohren kam. Sie sind, nach einem gemeinsamen Rat, überzeugt, daß Jesu Anhänger den Leichnam gestohlen haben und wollen entsprechend die Öffentlichkeit informiert wissen. Dafür bieten sie den Kriegsknechten einen „Haufen Geldes“, die natürlich das Angebot freudig annehmen und,wie gefordert, in der Stadt gegen die Anhänger Jesu Stimmung machen.

Abermals vollzieht sich ein Szenenwechsel, denn der Evangelist berichtet von der Begegnung Jesu mit einigen Jüngern, die sich auf dem Weg nach Emmaus befinden. Denen schließt er sich an, ohne daß er erkannt wird. Unterwegs entspinnt sich ein theologisches Gespräch, denn Jesus bemüht in seinen Worten die Schriften der Propheten, die bereits vor langer Zeit über das Leiden und Sterben eines „Messias“ berichtet haben. Aber auch dieses Gespräch macht die Jünger nicht „sehend“.

In Emmaus angekommen setzt sich Jesus mit ihnen zu Tisch, bricht das Brot und dankt Gott für die Speise - und wird jetzt von den Anwesenden erkannt. Dann, so der Evangelist weiter, gab er seinen Jüngern den Auftrag
Gleich wie mich mein Vater gesandt hat, also sende ich euch.
Nehmet hin den heilgen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen,
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten!

Die „Historia der frölichen vnd siegreichen Aufferstehung“ wird mit dem schon Eingangs beschriebenen Schlußchor beendet.


INFORMATIONEN ZUM WERK

Die hier beschriebene Historie ist das erste oratorische Werk von Heinrich Schütz. Der Erstdruck von 1623 besteht aus sieben Stimmheften für den Evangelisten, den Chor und den Solisten, den Generalbaß und die vier Violen. Das einzige vollständige Exemplar wird in der Deutschen Staatsbibliothek Berlin verwahrt, während sich in Grimma und Kamenz einige unvollständige Drucke erhalten haben.

Schütz hat seine Historie keiner bestimmten Person gewidmet, hielt es aber für notwendig, in einer dem Druck vorangestellten Einleitung aufführungspraktische Hinweise zu geben. Diese ist so interessant (wenn auch schwierig zu lesen), daß sie an dieser Stelle vollständig wiedergegeben werden soll (aus dem Besitz des Heinrich-Schütz-Hauses in Bad Köstritz):

Dem Leser meinen Gruß vnd Dienst.

Wer gegenwertige meine Compostion, die Histori der frölichen vnd Siegreichen Aufferstehung vnsers HErrn Gottes, Erlösers vnd Seligmachers Jesu Christi repraesentiren will, hat auff zwey Chor achtung zugeben vnd dieselben zu bestellen, als nemlichen:

1. Den Chor des Evangelisten.
2. Den Chor der Personen Colloquenten.

Stehet aber in eines jeden gefallen, das nach des Orts vnd der Musicorum gelegenheit, er beyde Chor an einen Ort beysammen verbleiben lasse, oder voneinander absondern thue.

Vom CHOR des Evangelisten.

1. Der Evangelist kan in ein Orgelwerck, Positiff, oder auch in ein Instrument, Lauten, Pandor, &c. nach gefallen gesungen werden, wie dann zu dem ende die Wort des Evangelisten vnter den Bassum continuum mitgesetzt worden. Es ist aber der Organist, welcher seine Person hier wol vertreten will, zuerjndern, daß so lange der falsobordon in einen thon weret, er auff der Orgel, oder Instrument, mit der Hand jmmer zierliche vnd appropiirte leuffe oder passaggi darunter mache, welche diesem Werck, wie auch allen andern falsobordonen die rechte art geben, sonsten erreichen sie jhren gebührlichen effect nicht.

2. Wann man es aber haben kan, ist besser daß die Orgel vnd anders hier ausbleibe, vnd an stadt derselben nur vier Violen di gamba (welche hierbey auch zufinden) die Person des Evangelisten zu begleiten gebraucht werden.

3. Es will aber von nöthen seyn, daß die vier Violen, mit der Person des Evangelisten, sehr fleissig practicirt werden, folgender massen: Der Evangelist nimpt seine partey für sich, vnd recitiret dieselbe ohne einigen tact, wie es jhm bequem deuchtet, hinweg, helt auch nicht lenger auff einer Sylben, als man sonsten in gemeinen langsamen vnd verstendlichen Reden zu thun pfleget.

So dürffen die Violen auch auff keinen tact, sondern nur auff die Wort, welche der Evangelist recitiret, vnd in jhren parteijen vnter den falsobordon geschrieben seynd, achtung geben, so kan man nicht irren, Es mag auch etwa eine Viola vnter den hauffen passegiren, wie im falsobordon gebreuchlichen ist, vnd einen guten effect gibt.

4. Auch ist zu mercken, daß in den vier parteijen der Violen, der Bassus Continuus der Personen colloquenten mit gesetzt worden, zu dem ende, daß sie nachrichtung haben können, wenn sie mit der Person des Evangelisten widerumb anfangen sollen, damit das Werck fein ordentlich ohne confusion auffeinander folge.

5. Zu Ende in denen Büchern der vier Violen di gamben, ist auch ein Chor aus dem Beschluß à 9. copiret, auff daß, si placet, derselbe mitgezeiget werden könne.

Vom CHOR der Personen Colloquenten.

1. Dieser Chor mus der Orgel nahe seyn, weil alle diese actiones in ein gar still getacktes, damit man der Sänger pronuntiationes deutlich vernehmen könne, musiciret werden müssen.

2. Diesem Chor kan auch der Capellmeister, oder wer sonst das Werck dirigiret, beywohnen, vnd einen rechtmessigen langsamen appropiirten tackt, (darinnen gleichsam die Seele vnd das Leben aller Music bestehet) darzu geben.

3. In den grössern Buch, darinnen dieser Chor geschrieben ist, befinden sich auch die Worte des Evangelisten, zu dem ende, daß die Personen sich daraus ersehen können, wenn sie anzufangen haben.

4. Wann in der Histori bißweilen nur eine Person redet, als nemlich, der HErr Christus, Maria Magdalena, etc. habe ich ein Duo gesetzet, vnd sonderlich des HErrn Christi Person, mit einem Alt und Tenor, können beyde Stimmen, oder nur eine gesungen, die andre Instrumentaliter gemacht, oder auch wol, si placet, gar ausgelassen werden.

5. Wo Chorus vor einem Vers stehet, bedeutet daß derselbe pleno choro kan musiciret werden.

Zur nachrichtigung wil ich die Parteyen, so zu dieser Historien gehören, specificiren.

1. Ein grosses Buch, darinnen die Personen Colloquenten zu finden.
2. Ein Buch zu des Evangelisten Stim.
3. Vier Bücher zu vier Viol di gamba.
4. Der Bassus Continuus.

Es were zwar noch viel zuerjndern, auff was massen diese Histori mit besserer gratia oder anmuth musiciret werden köndte, wann nemlich der Evangelist allein gesehen würde, die andern Personen alle verborgen stünden, vnd was mehr dergleichen ist. Hab es aber mit fleiß vbergehen vnd verstendigen Musicis anheim stellen wollen, nicht zweiffelnde, wann sie das Werck für die Hand nehmen möchten, solches alles des Orts gelegenheit vnd andre Vmbstände jhnen selbsten an die hand geben werden. Vnterdessen aber wollen sie diese obgesetzte geringe Nachrichtung von mir in besten vermercken, vnd mich zu jhrer gönstigen affection befohlen seyn lassen.

Datum Dreßden am Tage Annunciationis Mariæ, Anno 1623. Henrich Schütz, Author.



© Manfred Rückert für Tamino-Oratorienführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Text der Evangelienharmonie
Originale Vorrede von Schütz zu seiner Auferstehungs-Historie
Oratorienführer von Oehlmann, Pahlen, Harenberg
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Dienstag, 31. Juli 2012, 14:49

Diskographische Hinweise

Die dritte Schütz-Passionsmusik, unzweifelhaft aus seiner Feder, wird bei den Tamino-Werbepartnern in folgenden Aufnahmen angeboten:


mit Christoph Pregardien, dem Kammerchor Stuttgart, Musica Fiata Köln, Barockorchester Stuttgart, Leitung Frieder Bernius.


gekoppelt mit „Surrexit pastor bonus“ SWV 469; „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ SWV 324; „Weib, was weinest du“ SWV 443; „Feget den alten Sauerteig aus“ SWV 404; Manfred Cordes leitet das Ensemble Weser-Renaissance.


Peter Schreier, Hans-Jürgen Wachsmuth, Günther Leib, Eberhard Büchner, Armin Ude, Olaf Bär; Capella Fidicina, Dresdner Kreuzchor, Martin Flämig.


gekoppelt mit den „Musikalische Exequien“ SWV 279-281; La Chapelle Rhenane, Benoit Haller


Hier noch zwei Boxen, die ebenfalls die Auferstehungs-Historie beinhalten:

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