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musikwanderer

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Donnerstag, 4. Oktober 2012, 17:27

HAYDN, Franz Joseph: IL RITORNO DI TOBIA

Tamino Oratorienführer
Franz Joseph Haydn (1732-1809):

IL RITORNO DI TOBIA
(Die Rückkehr des Tobia)
Oratorium in zwei Teilen für Soli, Chor (SATB) und Orchester
Libretto von Giovanni Gastone Boccherini nach dem letzten Kapitel des apokryphen, alttestamentarischen Buches Tobias

DRAMATIS PERSONAE

Tobia (Tenor)
Anna, seine Mutter (Alt)
Tobit, sein Vater (Bass)
Sara, Tobias Braut (Sopran)
Asaria/Raffaelle, Erzengel (Sopran)
Chor

Ort der Handlung eine ebenerdige Halle im Hause der Eltern des Tobia in Ninive.


INHALTSANGABE

I. Der biblische Bericht im apokryphen Buch Tobias in Kurzform:


Der alte Tobias ist ein gottesfürchtiger Mensch. Mit seinem Eheweib Hanna zeugte er einen Sohn, der ebenfalls Tobias heißt. Dem Stammesgefährten Gabel in der Stadt Rages lieh er zehn Pfund Silber. Dann erblindete der alte Tobias, weil er

da er heimkam (…) und müde war und sich neben eine Wand legte und entschlief, da schmeißte eine Schwalbe Kot aus ihrem Nest. Das fiel ihm also heiß in die Augen, davon ward er blind. Tobias aber zürnet und murret nicht wider Gott, sondern danket Gott all sein Leben lang.

Sarah, die Tochter des Raguel, ist von dem bösen Geist Asmodi besessen. Dieser Geist tötet alle Männer, die Sarah heiraten wollen.

Als der alte Tobias sein Ende nahen fühlte, sandte er seinen Sohn in die Stadt Rages, damit er von Gabel die zehn Pfund Silber zurückfordere. Zu dem jungen Tobias gesellt sich als Reisegefährte ein gewisser Asaria, der aber in Wahrheit der Erzengel Raphael ist, dessen Aufgabe der Schutz des jungen Tobias ist.

Auf der Reise wird der junge Tobias während eines Bades in einem Fluss von einem großen Fisch bedroht und beinahe verschlungen; Asaria/Raphael fordert ihn auf, den Fisch zu töten, das Herz und die Galle aber aufzuheben:

Wenn du ein Stücklein vom Herzen legest auf glühende Kohlen, so vertreibt solcher Rauch allerlei böse Gespenst von Mann und Frauen, also, daß sie nicht mehr schaden können. Und die Galle vom Fisch ist gut, die Augen damit zu salben, daß einem den Star vertreibe.

Desweiteren gibt Asaria/Raphael Tobias auf, um Sarahs Hand anhalten. Tobias' Bedenken wegen der toten Freier beschwichtigt der Reisegefährte:

(…) über welche der Teufel Gewalt hat, nämlich über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber nehmen wie das dumme Vieh. Du aber sollst dich deiner Braut drei Nächte enthalten. (...) Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, so sollst du dich zu der Jungfrau tun mit Gottesfurcht, mehr aus Begierde der Frucht denn aus böser Lust.

Mit dem Herzen des Fisches vertreibt Tobias den bösen Geist Asmodi. Währenddessen fordert Asaria/Raphael von Gabel die zehn Pfund Silber ein.

Der alte Tobias und sein Eheweib Hanna sorgen sich, warum ihr Sohn so lange ausbleibt. Hanna macht ihrem Ehemann Vorwürfe. Sie wissen beide nicht, dass ihr Sohn schon auf der Rückreise ist.

Der junge Tobias heilt seinen Vater:

Da nahm Tobias von der Gallen des Fisches und salbete dem Vater seine Augen. Und er litt das fast eine halbe Stunde, und der Star ging ihm von den Augen wie ein Häutlein von einem Ei. Und Tobias nahm es und zog es von seinen Augen, und alsbald ward er wieder sehend. Und sie preisten Gott, er und sein Weib und alle, die es erfuhren.

Asaria gibt sich als Erzengel Raphael zu erkennen, der alte Tobias preist den Herrn, und alle waren glücklich bis an ihr Lebensende.

II. Inhaltsangabe des Librettos von Giovanni Gastone Boccherini:

Parte Prima - Erster Teil

Nach der einleitenden Sinfonia erklingt ein Gebetschor für Tobit und Anna, den Eltern des Tobia, dem sich auch das Hausgesinde und die Freunde der Eltern chorisch anschließen:
Pietà d’un’infelice, afflitta genitrice
Erbarme dich einer unglücklichen, trauernden Mutter,
erbarme dich eines armen Vaters, du Vater Israels!
Dem Hörer werden mit eindringlichen Klängen die betrübten Eltern des in der Ferne weilenden Tobia vorgestellt; alle bitten den Gott Israels, begangene Sünden zu vergeben und den geliebten Sohn heimkehren zu lassen. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass im biblischen Text Vater und Sohn den gleichen Namen haben, Boccherini jedoch zur besseren Unterscheidung für den Vater den Namen Tobit wählte.

Nachdem Tobit und Anna alleine sind, erfährt der Hörer, dass Tobia für seinen erblindeten Vater in die Stadt Rages gereist ist, um dort Geschäfte zu erledigen. Anna ist verzweifelt und überzeugt, dass ihr Sohn auf dieser Reise umkam:
Né comparisce, oh Dio!
Er kommt nicht, o Gott! (…)
Unser teurer Sohn, (…) die zärtliche Stütze unseres Alters, (…) ist tot.

Tobit sieht längst nicht so schwarz; er äußert sein Vertrauen auf Jehovah und versucht, Anna mit tröstenden Worten aufzurichten. Als die ihm deswegen Vorwürfe macht, berichtet er ihr von einem Traum, in dem Tobia auf „Eingebung des Himmels und von Asmodäus“ die Tochter Sarah seines Vetters Raguel geheiratet hat. Das bringt Anna erst Recht in Rage, denn jener „böse Geist“ tötet jeden Bräutigam, der sich Sarah nähert. In einer Gleichnisarie wirft sie ihrem Gatten vor, sein durch Gottvertrauen ertragenes Leid werde ihm keinen Lohn einbringen.

Tobit weist natürlich die nach seiner Meinung unberechtigten Vorwürfe zurück und will stattdessen seine Frau trösten, doch er spricht im wahrsten Sinne des Wortes in die Leere: er hat als Blinder nicht bemerkt, dass seine Frau gegangen ist. Nun richtet er ein Gebet an Jehovah, den er in dieser Situation als einzige Hilfe begreift:
Ah tu m'ascolta, o Dio
Erhöre mich, o mein Gott, in meinem Kummer (…)
Zeige mir, wenn es dir gefällt,/dass ich nicht umsonst auf dich hoffe.

Für den Hörer ist Tobits Handlungsweise unverständlich, aber im Libretto steht nach der Arie Annas ausdrücklich „Parte - Sie tritt ab“. Solche Anweisungen haben in der Oper ihre Berechtigung, im konzertanten Oratorium können sie jedoch den Handlungsablauf verdeutlichen - andererseits zeigt sich hier aber auch die Nähe des Werkes zur Oper. So ist der nächste Hinweis im Text wieder als Verdeutlichung aufzufassen: Anna steht an der Straße und blickt in eine ganz bestimmte Richtung, aus der sie eine Person näher kommen sieht. Als sie Asaria, den Reisebegleiter ihres Sohnes, erkennt, sieht sie ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Tobia muss ein Unglück zugestoßen sein!

Doch Asaria (hinter dem sich, was wiederum ein entsprechender Hinweis des Librettos aufzeigt, der Erzengel Raphael verbirgt) hat gute Nachrichten: Tobia hat auf seiner Reise ein Ungeheuer getötet und in Ekbatana seine Verwandte Sarah geheiratet. Anna ist entsetzt, dass sich der Traum ihres Mannes als Tatsache herausgestellt hat und weist sofort auf die bisher schon verstorbenen sieben Bräutigame der Sarah hin, doch Asaria beruhigt sie mit dem Hinweis, Tobia werde keinen Schaden erleiden. Er kündigt, bevor er „abtritt“, die Rückkehr ihres Sohnes mit seiner Frau an und sagt ihr noch voraus, dass Tobia dann auch den Vater von seiner Blindheit heilen werde:
Quel figlio a te sì caro
Dein teurer Sohn, den dir der Himmel nun wiedergibt,
soll dem Vater, der auf ihn wartet, das Augenlicht wiedergeben.
Dieses außerordentliche Werk wird dein Sohn vollbringen (...)

Anna äußert ihren Unglauben über Asarias Voraussage; sie kann sich nicht vorstellen, dass ihr Sohn mehr erreichen soll, als die konsultierten Ärzte. Aber sie bereut jetzt ihr geringes Vertrauen in Gottes Fügungen und ist bereit, an Asarias Verheißung zu glauben; sie preist Gott Jehovah:
Ah gran Dio
Großer Gott, wenn du ein unwürdiges Herz/wie das meine wieder glücklich machst:
Welche Freuden darf eine unschuldige Seele erwarten,/der du deine Güte erweisest?

Nicht nur die musikalisch-ausladenden Tonsprünge aus Annas Arie übernimmt der Chor, sondern auch den Text aus dem B-Teil:
Sol tu sei quello che sei
Du allein bist wahr, groß, allmächtig,
und meine Lippen vermögen es nicht,/deine Güte zu beschreiben.

Wieder macht der Blick ins Libretto dem Hörer klar, dass zunächst Anna, dann der Chor abgehen; dafür treten von einer anderen Seite Tobia und Sarah auf die Landstraßen-Szene. Tobia äußert gegenüber Sarah seine Freude, dass sie nun seine Eltern kennenlernen wird. Weil sie momentan noch nicht zu sehen sind, bittet Sarah ihren Mann, sie zu suchen, während sie warten will. Nach Tobias Abgang richtet sie ein rezitativisches Gebet an den „Vater des Vaters Adam“:
Somme grazie ti rendo
Ich danke dir aus tiefstem Herzen (…)
Du hast meine Reise gesegnet,/segne auch meinen Aufenthalt.
In der sich anschließenden Arie gibt sich Sarah überzeugt, im Hause der Schwiegereltern gut aufgenommen zu werden, doch setzt sie alle ihre Hoffnung auf Jehovah, der die Quelle alles Guten ist.

Als sie gehen will, kommen Tobia mit seiner Mutter und Tobit mit Asaria auf sie zu. Sie wirft sich vor dem Schwiegervater zu Füßen und küsst ihm nach alter Tradition die Hand. Tobit lobt Gott und dankt ihm, dass er Sarah mitgebracht hat. Die honorige Geste seiner Frau findet Tobia nachahmenswert, also kniet auch er vor seinem Vater und bittet ihn um den väterlichen Segen. Das veranlasst Anna, ihre ungerechten Vorwürfe an den „weisen Gemahl“ einzugestehen und mit einem Kniefall vor ihm Verzeihung zu erbitten.

Die allgemeine Freude unterbricht Tobia mit der Ansage, er müsse zunächst das „Werk vollbringen“ und ruft alle auf, in „dieser schweren Stunde den Beistands des Himmels“ zu erbitten. Ein großer Dankchor der Israeliten, in den auch Tobia, Anna, Tobit und Sarah einstimmen, beendet den ersten Teil des Oratoriums mit jubelnden Klängen:
Ode le nostre voci
Erhöre unser Gebet, der du inmitten geflügelter Cherubim
auf dem Himmelsthron die Geschicke lenkst. (…)
Sieh an die heißen Tränen, die dein Volk vergießt.
Gib Tobit das Augenlicht wieder, o Schöpfer allen Lichts.

Parte Seconda - Zweiter Teil

Der zweite Teil beginnt mit einem Gespräch zwischen Anna, Sarah und Asaria, in dem es um Tobits Heilung geht: Anna lobt abermals ihren Glauben an Jehovah
Oh della santa fé stupendi effetti
Wie wunderbar ist die Kraft des heiligen Glaubens
und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass Tobit bald wieder sehen kann. Sarah ist allerdings skeptisch, denn sie hat mitbekommen, dass die ninivitischen Nachbarn die Israeliten wegen ihres Glaubens verspotten. Doch Asaria beruhigt sie und weist auf das in Kürze geschehende Wunder der Heilung hin: das werde die Ungläubigen verwirren, das eigene Volk jedoch aufrichten.

Anna ist über die Aussagen des merkwürdigen Asaria verwirrt und sie fragt ihn, woher er sein Zukunfts-Wissen habe. Seine Antwort ist sibyllinisch mit einem Anflug von apokalyptischer Zukunftsschau:
Come se a voi parlasse un messagier del Cielo
Als wenn zu euch ein Himmelsbote spräche, glaubt, was ich euch enthüllen werde (...)
Einst wird Cynthia blutrot und trübe scheinen,
und Phoebus wird seine Strahlen in schwarze Schatten hüllen:
Die leuchtenden Sterne werden vom Himmel herabfallen,
und die Gestirne und Himmelskörper werden vergehen;
die Erde wird sich unter den Menschen auftun,
die Meereswogen werden davonfluten; aber die wahren Worte
des wahrhaftigen Gottes können niemals vergehen.

Nach Asarias Abgang gibt Anna ihrer Schwiegertochter zu verstehen, dass sie Tobias Reisebegleiter als aufrichtigen Menschen empfindet, dessen Äußerungen sie glauben muss, selbst wenn diese „allen Glauben“ übersteigen. Auch Sarah ist verwundert und fragt Anna, woher dieser Mann wohl komme. Die Antwort Annas ist erhellend: Asaria stammt aus dem eigenem Stamm, denn er hat behauptet, dem Hause des Ananias, dem Bruder Tobits zu entstammen. Sarah ist über diese Nachricht erstaunt und besingt mit einer durch reiche Bläserbesetzung (je zwei Flöten, Oboen, Englischhörnern, Fagotte und Hörnern) auffällig vertonten Arie ihre Zugehörigkeit zu einer glücklichen und tugendhaften Familie:
Non parmi esser fra gl’uomini
Mir ist, als sei ich nicht unter Menschen aus dem Stamme Naphtali,
mir scheint, als sei ich unter Engeln in den himmlischen Wohnungen.

Die folgende Aussage Annas ist „beiseite“ redend zu verstehen: sie ist glücklich über ihre würdige Schwiegertochter. Dann kommt Tobia hinzu und fragt nach seinem Vater; er habe nämlich, so teilt er mit, die Galle des von ihm getöteten Fisches dabei, die er Tobit in die Augen träufeln muss. Die Mutter erklärt ihrem Sohn, dass der Vater unter den Armen Geld und Brot verteile. Tobias Eile, durch die Unruhe begründet, dem Vater das Augenlicht wiederzugeben, lässt ihn eine Gleichnisarie singen:
Quel felice nocchier
Der glückliche Bootsmann,/der von weitem den lang ersehnten Hafen erblickt,
mag sich freuen,/doch er bedenke, dass er/(…) noch lange nicht im Hafen ist
und die Mutter äußert rezitativisch Zustimmung über die Tatkraft ihres Sohnes. Doch kommen ihr gleichzeitig Gedanken des Misslingens in den Sinn, der die Glaubensfeinde von Ninive triumphieren lassen würde. Sofort verscheucht sie diese Gedanken und meint, dass der gerechte Gott Israels keinen im Stich lassen wird. Die folgende Arie zeigt aber ihre ganze Zerrissenheit in diesen Glaubensfragen auf:
Come in sogno un stuol m'apparve
Wie im Traume erschien mir eine Schar
von Geistern, Gespenstern, Ungeheuern und Schatten;
und bei dem grausigen Anblick erschauderte mein Herz,
doch plötzlich verschwanden die unheilvolle Schar und meine Angst.
Nun fürchte ich nichts mehr (…) ich sehe hell des Tages Licht.

Ein Chorsatz, der Annas düster-zerrissene Gedanken mit dem gleichnishaften Bild eines Meeressturms kommentiert, kommt letztlich zu dem Schluss, dass die Gerechten immer hoffen dürfen, weil Gott ihre Ruhe ist.

Es folgt der Höhepunkt des Oratoriums, die Heilung des Tobit. Aus dem Libretto ist ersichtlich, dass Tobit vor seinem Sohn flieht, weil er das Gallen-Gebräu in seinen Augen nicht verträgt. Er will lieber blind bleiben, als den stechenden Schmerz ertragen müssen. Asaria greift ein und fordert von Tobia Entschlossenheit, nicht Mitleid; er bietet sich an, Tobit festzuhalten, damit Tobia das heilende Gebräu in die Augen träufeln kann. Und tatsächlich gelingt jetzt die Kur. Doch der Blinde traut sich wegen der Schmerzen nicht, die Augen zu öffnen und klagt über seinen Zustand:
Invan lo chiedi, amico, invan lo speri, o figlio
Vergebens verlangst du das, mein Freund,/vergebens hoffst du darauf, mein Sohn; (…)
Ich hasse das Tageslicht, ich liebe meine Finsternis,
die Augenlider öffnen und leben kann ich nicht.

Es bedarf vieler aufmunternder Worte von Tobia und Asaria, bis Tobit die Augen endlich öffnet. Aber seine Augen sind nach den langen Jahren der Blindheit nicht mehr an das Tageslicht gewöhnt. Tobia ist verzweifelt und sieht seine Bemühungen umsonst verlaufen. Merkwürdig: Anna nennt die durch Schmerzen begründete ablehnende Haltung ihres Mannes eine „unheilvolle Nachricht“ und kommt sofort auf das „freche Volk von Ninive“ zu sprechen, das ihnen Anmaßung vorwerfen wird. In einem Duett mit ihrem Gatten, der von verlorener Hoffnung und Verhöhnung des Glaubens durch die Nachbarn spricht, sieht sich Anna in ihrer Meinung über die „Ungläubigen“ bestätigt.

Nun tritt Sarah hinzu und durch ihren rezitativisch vorgetragenen Bericht erfährt der Hörer, dass Asaria ihr den Rat gegeben hat, Tobit mit einem schwarzen Tuch die Augen zu verbinden, um es nach und nach durch immer leichtere zu ersetzen. Und tatsächlich hat dieser Rat geholfen, denn Tobit kann nun das Tageslicht ertragen!

Der Geheilte kommt, ohne fremde Hilfe, aber gefolgt von seinen Freunden, auf die Szene, und lobt zunächst den „göttlichen Wohltäter“, zeigt sich dann erstaunt über Annas noch immer „strahlende Schönheit“ und dankt seinem Sohn und seiner Schwiegertochter für ihren Einsatz - aber auch Asarias Hilfe vergisst Tobit nicht. Er befiehlt, die Hälfte des Vermögens, das durch Tobias Geschäftsreise gewonnen werden konnte, dem freundlichen Reisebegleiter seines Sohnes zu übergeben.

Nun kommt Asaria und kündigt allen seinen Abschied an, außerdem lehnt er das Angebot von Tobits Vermögen ab, denn
ich bin kein Sterblicher, (…)
ich bin Raphael, einer jener sieben Engel, die auserwählt sind,
Gott die heiligsten Bitten vorzutragen. (…)
der unendlich Gütige sandte mich herab,
um Tobia zu verteidigen, ihm Sarah anzutrauen
und Tobit das Augenlicht zurückzugeben
Er fügt noch hinzu, dass alle fortfahren sollen, dem ewigen Gott treu zu dienen, die harte Sklaverei zu ertragen, denn die Stunde, da Ninive untergehen werde, sei nicht mehr fern. Danach, so heißt es im Libretto, schwebt „eine Wolke vom Himmel herab; sie verhüllt ihn, und er steigt mit ihr in die Höhe“- in einer Oper käme an dieser Stelle die Maschinerie der Theaterbühne zum Einsatz.

Im jubelnden Schlusschor danken alle Jehovah für seine Hilfe:
Decantiam quel Dio pastore
Lasst uns den Herrn, unseren Hirten, lobpreisen,
der gegen uns, seine erwählte Herde,
nicht der Gott der Rache,
sondern der Gott der Barmherzigkeit war.


INFORMATIONEN ZUM WERK

Mit der „Schöpfung“ und den „Jahreszeiten“ hat Joseph Haydn seinen festen Platz in der Geschichte des Oratoriums. Dass er sich freilich schon ein Vierteljahrhundert zuvor mit IL RITORNO DI TOBIA an einem Oratorium erprobt hatte, ist manchem Musikfreund nicht bekannt. Denn nach seiner Uraufführung 1775 konnte sich das Werk nicht dauerhaft im Repertoire halten und verschwand schließlich in den Archiven.

Zunächst gilt es aber festzustellen, dass die ersten beiden Aufführungen des für die Wiener „Tonkünstler-Societät“ entstandenen Werkes in zwei Benefizkonzerten „zum Unterhalt ihrer Witwen und Waisen“ einen Gewinn von 1712 Gulden erbrachten und zugleich einen künstlerischen Erfolg für den Komponisten bedeuteten. Das allgemeine Lob für Haydns Werk hielt die Wiener „Realzeitung“ vom 6. April 1775 fest:

(…) der berühmte Herr Kapellmeister Hayden hat seine bekannte Geschicklichkeit abermals auf der vortheilhaftesten Seite gezeiget. Ausdruck, Natur und Kunst war durchgängig in seiner Arbeit so fein verwebt, daß die Zuhörer das eine lieben und das andere bewundern mußten. Besonders glühten seine Chöre von einem Feuer, das sonst nur Händeln eigen war, kurz, das gesammte, außerordentlich zahlreiche Publikum wurde entzückt.

Das Libretto des Oratoriums stammt von Giovanni Gastone Boccherini, Theaterdichter am Wiener Hof und Bruder des Komponisten Luigi Boccherini, der das alttestamentarische Buch Tobias (bei den Evangelischen Christen ein apokryphes Buch) zu einem der klassischen italienischen Tradition verpflichteten Text geformt hatte. Dabei hat Boccherini nicht nur die Handlung erheblich gekürzt (von den vierzehn Kapiteln behandelt sein Libretto nur die Rückkehr Tobias von einer Reise und die Heilung seines blinden Vaters), sondern auch die handelnden Personen erheblich eingeschränkt: es treten nur Anna und Tobit, Tobia und Sarah, sowie der Reisebegleiter Asaria, der sich am Ende als Erzengel Raphael zu erkennen gibt, auf. Tobias Reiseanlass, ein Abenteuer mit einem Fisch und die Eheschließung mit Sarah wird nur in nachträglichen Erzählungen erwähnt.

Haydn vertonte die Vorlage in der damals üblichen Form, indem er den Chor nur an den Eckpunkten der Handlung einsetzt, während die Solisten mit Rezitativ und Arie den Handlungsfortgang alternierend betreiben. Dabei werden beispielsweise in den meist vom ganzen Orchester begleiteten Rezitativen dramatische Effekte eingesetzt, die eindrucksvoll die im Text beschriebenen Seelenzustände und Naturgewalten unterstreichen. Und für die oft ausladenden Arien findet Haydn so virtuose Melodien, dass der TOBIA eine enorme Herausforderung für Solisten darstellt.

Kein Wunder also, dass IL RITORNO DI TOBIA ein großer Erfolg war. Binnen kurzem kursierten Abschriften der Partitur in ganz Europa und Haydn selbst zählte das Werk zu seinen erfolgreichsten. Es ist allerdings bekannt, dass eine 1781 in Wien geplante Reprise nicht zustande kam, weil sich inzwischen nicht nur der Publikumsgeschmack gewandelt hatte, sondern man das fast dreistündige Werk auch als zu lang empfand. Die von der Tonkünstler-Societät geforderte Kürzung für die Wiederaufnahme lehnte Haydn schließlich ab, weil man seine Bitte um „Benefiz-Billetten, oder eine andere Bonification für seine Mühe“ ablehnte. Diese Ablehnung wurde allerdings mit dem zusätzlichen Argument verbunden, dass sich für die besonders anspruchsvolle Partie der Anna keine geeignete Solistin gefunden habe. Damit war das Schicksal des TOBIA besiegelt.

Trotzdem hat Haydn sein Oratorium später doch noch einer Überarbeitung unterzogen; das Autograph bezeugt dies auf mannigfache Weise: so wurde manches vom Orchester begleitete Rezitativ in ein Secco umgewandelt, wodurch den Interpreten größeren gestalterischen Freiraum zugestanden wurde. Die hohen technischen Anforderungen in den Arien reduzierte Haydn durch die Streichung von allzu ausladenden Koloraturen oder Wiederholungen; das erleichterte die Besetzung der entsprechenden Partien.

Möglicherweise hängt diese Bearbeitung mit einer Wiederaufführung des TOBIA im Jahre 1784 zusammen. Die 1797 geplante Aufführung auf Wunsch von Kaiserin Maria Theresia (gebürtige Prinzessin Maria Theresia von Neapel und beider Sizilien [1772-1807], Gattin des Kaisers Franz II.) kam dagegen nicht zustande, weil die Orchester- und Chorstimmen nicht mehr auffindbar waren. Die letzte Aufführung zu Haydns Lebzeiten fand am 22. und 23. Dezember 1808 statt, und zwar in einer Bearbeitung seines Schülers Sigismund von Neukomm. Trotz der von Neukomm vorgenommenen Striche wurde die Aufführung auf zwei Abende verteilt, weil man die Aufnahmefähigkeit des Publikums offensichtlich nicht über Gebühr strapazieren wollte.


© Manfred Rückert für Tamino-Oratorienführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Italienisch-Deutsches Libretto
Werkinformationen im Booklet der NAXOS-Einspielung
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Donnerstag, 4. Oktober 2012, 17:54

Diskographische Hinweise

Nachstehend die bei den Tamino-Werbepartnern erhältlichen Aufnahmen:


die Interpreten der nebenstehenden Hungaroton-Aufnahme sind
Magda Kalmár, Zsolt Bende, Klára Takács, Attila Fülöp, Veronika Kincses;
es spielt das Ungarische Staatsorchester, es singt der Budapester Madrigalchor, die Leitung hat Ferenc Szekeres.



in der auch hier im Forum vielfach gelobten NAXOS-Einspielung sind als Solisten Roberta Invernizzi, Sophie Karthäuser, Ann Hallenberg, Anders J. Dahlin und Nikolai Berchev zu hören; es spielt das Orchester Capella Augustina, es singt das VokalEnsemble Köln; die Leitung hat Andreas Spering.



die nebenstehende NAXOS-Box vereinigt die drei Haydn-Oratorien.



auch Antal Dorati hat die Haydn-Oratorien für DECCA aufgenommen; seine Solisten sind im TOBIA
Hendricks, Jones, Langridge, Zoghby, Luxon.
Es singt der Brighton Festival Chorus, es spielt das Royal Philharmonic Orchestra.
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