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Eponine

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1

Freitag, 12. Oktober 2007, 13:19

Tomaso Vitali - Chaconne

Ja, so hat es manchmal seine Vorteile, wenn man das britische Pendant zum deutschen Klassikradio hoert (hier nennt sich das Classic FM). Ich bin dabei gestern ueber ein Stueck gestolpert, was ich schon ewig nicht mehr gehoert habe, in mir aber gleich Erinnerungen an meinen Lehrerwechsel verursachte, als ich noch aktiv Violine gespielt habe:
Eines der ersten Stuecke, die ich mit meiner damaligen Lehrerin erarbeitete, war Vitalis Chaconne in g-moll.

Nun kann man ja drueber streiten, ob diese wirklich von Vitali komponiert wurde - nein, eigentlich nicht, denn der Stil ist alles andere als barock, ich bin eigentlich fest davon ueberzeugt, dass sie ihm untergeschoeben wurde.

Wie dem auch sei, da wir um die wahre Autorenschaft nicht wissen, ist es eben immer noch "Vitalis Chaconne".
Meine Frage: Wer, ausser aktiven Geigern, die meist frueher oder spaeter damit zu tun haben, kennt dieses Stueck eigentlich?

Es gibt unzaehlige Versionen, mit Orchesterbegleitung, mit Klavier, Orgel und sogar Cembalo oder auch ganz A-capella. Neuerdings scheinen sich die romantisierten, leicht verkitschten Orchesterversionen durchzusetzen - eine solche durfte ich auch gestern hoeren. Ich zaehle sie NICHT zu meinen Favoriten, bin aber trotzdem dankbar, da sie mir dieses Stueck wieder ins Gedaechtnis gerufen hat. Es handelte sich dabei um diese Version:



Ich besitze selbst eine CD mit einer Einspielung von Milstein, die ich besser finde (trotz Klavierbegleitung):



Welche Einspielungen gehoeren zu Euren Favoriten bzw. wie steht Ihr zu dem Stueck generell (oder kennt Ihr es ueberhaupt)?

Es ist strukturell sehr einfach aufgebaut und eigentlich nur eine ellenlange Variation ueber ein Thema, aber ich kann mich erinnern, dass ich es damals heiss und innig geliebt habe ...
"Whenever people talk to me about the weather, I always feel quite certain that they mean something else." - Oscar Wilde

Jacques Rideamus

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2

Samstag, 13. Oktober 2007, 12:58

RE: Tomaso Vitali - Chaconne

Liebe Eponine,

ich kenne das Stück leider (noch) nicht - jedenfalls bewusst - habe aber mal nachgesehen.

Wenn es diese Aufnahme ist, die Du haben solltest, verwahre sie gut, denn derzeit glaubt jemand, bei Amazon dafür € 106 erlösen zu können.

:D Rideamus
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der Lullist

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3

Samstag, 13. Oktober 2007, 14:45

ich kannte dieses Stück auch nicht, und so hab ich mal in diverse Hörschnipsel hingelauscht.

allerdings wird es meist mit ziemlich viel Schwulst interpretiert, dass es einem schlecht werden kann.
Die wenigen Sekunden die man hören kann sagen vor allem eines:

kann das mal jemand anständig spielen ?


Die Aufnahme von Colliard geht, der spielt mit weniger Vibrato, was äußerst angenehm ist.

Ansonsten würde ich das Werk nicht unbedingt als Fälschung bezeichnen - Wikipedia ist mit sowieso mit Vorsicht zugenießen. :D
Solche Kompositionen sind aus der Zeit nichts ungewöhnliches, man denke nur an ähnliche Werke von Bertali und Biber.
Aber um wirklich was dazu sagen zu können müsste ich mir das Stück mal ganz anhören.

:hello:

WolfgangZ

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4

Samstag, 13. Oktober 2007, 15:24

Henze

Hallo, miteinander!

Ich muss gestehen, dass ich die Originalkomposition nicht kenne, hingegen aber das Violinkonzert Il Vitalino Radoppiato, also "Der verdoppelte Vitali", von Hans Werner Henze aus dem Jahre 1978 mal vom Rundfunk mitgeschnitten habe, mit James Tocco und dem BR-Sinfonieorchester unter Leitung des Komponisten. Jeder der neu orchestrierten Variationen des Italieners wird hier eine Variation Henzes gegenübergestellt, die Tonsprache wird im Laufe des Werks, das mich sehr beeindruckt hat, zunehmend moderner.

Ob es eine CD gibt, weiß ich nicht; auf die Schnelle finde ich nichts.

Besten Gruß, Wolfgang
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Eponine

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5

Samstag, 13. Oktober 2007, 17:44

Lieber Rideamus,

danke fuer den Tipp, vielleicht kann ich ja irgendwann noch reich werden :D

Was Wikipedia dazu sagt, weiss ich nicht mal, aber es ist fast schon allgemeiner Tenor, dass das Stueck wahrscheinlich untergeschoeben ist (genauso wie bei "Dank sei Dir Herr" findet man sogar ganz gerne das "attr." ;) ).

Ich habe mich mal auf youtube umgetan und mehrere Versionen gefunden, u.a. auch Milstein. Wenn man hier mal insbesondere um 5:50 herum reinhoert, kommt einem das doch eher spaetklassisch bis romantisch vor. Muss man nicht so empfinden - ich tu's aber :yes:
Der Verdacht draengt sich insbesondere anhand der Fuehrung der Begleitung auf. Selbst die Stimmfuehrung der Violine scheint mir sehr im romantischen "Show-Off-Modus" (wobei es schwerer klingt als es tatsaechlich ist).

Ihr findet dort auch Vergleichversionen, u.a. von Heifetz und Chang (die mir beide, in diesem Fall, zu weich klingen), sowie verschiedene Orchesterversionen...

http://www.youtube.com/watch?v=WhS75OIfFIg
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der Lullist

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6

Samstag, 13. Oktober 2007, 18:10

o.K. jetzt wird es kompliziert:

diese Chaconne hat eine frapierende Ähnlichkeit mit einer Chaconne in f-moll von Johann Pachelbel für Orgel bzw. Cembalo

Durch den Youtube Tipp :lips: hatte ich jetzt auch die Möglichkeit das Stück mal ganz zu hören.

Ab 5:50 wird es wirklich etwas ungewöhnlich - aber das muss nicht unbedingt etwas bedeuten - seit dem ich Rebels "Chaos" gehört habe weiß ich dass man nach stilistischen Gesichtspunkten nicht 100% sicher sein kann.

Was mich eher stuzig macht ist diese Ähnlichkeit zu dem Werk von Pachelbel und die konsequente Vermeidung der italienischen Violinschule...

ich tendiere auch dazu - eine Fälschung.

Hildebrandt

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7

Samstag, 13. Oktober 2007, 18:31

Wird nicht sowieso meistens die Version gespielt, die Respighi überarbeitet, dabei stark verändert und in dem Gewand zum Schlager gemacht hat?

Die Frage der Echtheit hat damit jetzt zwar nichts zu tun, aber das wäre eine Erklärung für die Befremdlichkeiten, die anscheinend da zu hören sind.

BigBerlinBear

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8

Sonntag, 14. Oktober 2007, 08:57

In Dresden befindet sich ein Manuskript aus dem 18. Jh. mit dem Titel
"Chaconne“ und „Parte del Tomaso Vitalino“, was wohl die "Urquelle" aller heute
zu hörenden Bearbeitungen durch Respighi oder wen auch immer, darstellt.

Vielleicht habe ich, wenn ich von Sizilien zurückbin, einmal Gelegenheit, dieses Manuskript einzusehen. Eingespielt wurde es zumindest bei dem, was unter youtobe abgelegt ist, wohl noch garnicht.

Von den da zu hörenden Varianten fand ich jene mit Heifetz unter Begleitung einer (Wurlitzer) Orgel (or what ever) als die mit Abstand Schrillste :hahahaha:
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Hildebrandt

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9

Sonntag, 14. Oktober 2007, 09:05

Zitat von »BigBerlinBear«

Vielleicht habe ich, wenn ich von Sizilien zurückbin, einmal Gelegenheit, dieses Manuskript einzusehen. Eingespielt wurde es zumindest bei dem, was unter youtobe abgelegt ist, wohl noch garnicht.

Meinen aufrichtigen Neid wg. Sizilien. :wacky:

Aber wenn Du dann mal zurück oder in Dresden bist, kannst Du vielleicht auch gleich noch hier reinschauen:
W. Reich: Die Chaconne g-moll von Vitali? in: Beitr. z. Mus.wiss. VII/2, 1965.

Gute Reise!

Jacques Rideamus

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10

Sonntag, 14. Oktober 2007, 10:30

Zitat von »BigBerlinBear«

Von den (bei YouTube) zu hörenden Varianten fand ich jene mit Heifetz unter Begleitung einer (Wurlitzer) Orgel (or what ever) als die mit Abstand Schrillste :hahahaha:

Danke für die Verbindung zu den YouTube - Beispielen, Eponine. Auf den Gedanken wäre ich nicht gekommen, ausgerechnet da nachzuschauen.

Wie ich nach meinem ersten Posting feststellte, ist die Heifetz-Variante auch die einzige, die ich kannte. Kein Wunder, dass mir das Stück kein Begriff war. Ich habe es nämlich beim damals ersten und wahrscheinlich einzigen Hören mental gleich neben solchen Monstren wie Giazzottos Arrangement von Albinonis ADAGIO abgelegt, die manche Leute ernsthaft für klassische Musik halten.

Dabei sind die Originale wirklich sehr schön, wenn man sie überhaupt noch zu hören bekommt.

:hello: Rideamus
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m-mueller

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11

Sonntag, 17. März 2013, 22:26

Schönes Stück, bei youtube sehr anhörenswert in einer Orchesterversion mit Sarah Chang. Ausdrucksstark, sehr melodisch, vielleicht an manchen Stellen ein wenig überexpressiv, aber sicherlich mehr als einmal anhörbar. Jedenfalls erstaunlich, daß diese Musik, in der es kaum Anflüge von Kontrapunkt oder Fuge gibt, zur Barockzeit komponiert wurde - vom Hören hätte ich sie eher der Romantik zugerechnet. Aber wie weiter oben bemerkt wurde, scheint die Urheberschaft fragwürdig zu sein.