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Beiträge: 4 018

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

1

Dienstag, 13. März 2012, 19:32

EYSLER, Edmund: BRUDER STRAUBINGER

Edmund Eysler (1874 bis 1949):

BRUDER STRAUBINGER
Operette in drei Akten, Libretto von Moritz West und Ignaz Schnitzer

Uraufführung am 20. Februar 1903 im Theater an der Wien

DIE PERSONEN DER HANDLUNG


Landgraf Philipp
Landgräfin Lola, seine Frau
Exzellenz Naupp, Hofintendant
Fräulein von Himmlisch, Hofdame
Rückemich, Ratsherr
Bruder Straubinger
Oculi, genannt „das wilde Mädchen“
Schwudler, Schaubudenbesitzer
Liduschka, seine Frau
Bonifaz, ein Deserteur
Wimmerer, Stadtschreiber
Bierschopf, Ratsdiener
Chor, Ballett und Statisterie: Hof-Damen und -Herren, Offiziere, Handwerksburschen, Dienstpersonal,
Bürgerinnen und Bürger

Das Geschehen ereignet sich in einer fiktiven Stadt am Rhein in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

INHALTSANGABE

ERSTER AKT: Platz vor dem Stadttor.

Große Volksfeststimmung vor dem Stadttor einer kleinen Stadt am Rhein. Der Landgraf Philipp wird von einem militarischen Einsatz zurückerwartet. Schwudler, der Besitzer einer Schaubude, preist lautstark seine neueste Attraktion an: Oculi, das „wilde Mädchen“; sie ist so hübsch, daß sie allen Männern, ob jung oder alt, den Kopf verdreht. In Wirklichkeit ist Oculi aber gar nicht wild, sondern die äußerst zahme Bäckerstochter Marie, die durch den Bankrott ihres Vaters in Not geriet, sich aus purer Not Schwudler anschloß und mit ihm herumreist..

Und jetzt lernen wir auch den Handwerksgesellen Straubinger kennen, der den Weg hierher gefunden hat, weil er in diesem Flecken nicht nur seine Liebste wiederzufinden hofft, sondern auch eine Stelle beim Landgrafen Philipp antreten möchte. Aber die lange Wanderschaft hat ihn so ermüdet, daß er sich erst einmal auszuruhen gedenkt. Und kaum, daß er sich hingesetzt hat, schläft er auch schon ein.

Diese Szene hat ein gewisser Bonifaz beobachtet; für ihn ist der Schläfer die Rettung, denn er verschafft ihm die Gelegenheit, sich mit dessen Papieren eine neue Identität zu verschaffen. Und die benötigt er als Deserteur dringend. Als er sich sicher ist, daß der Wanderbursche fest schläft, geht er zu ihm, durchsucht dessen Ranzen und entwendet ihm die Papiere.

Das bringt wiederum Straubinger in Nöten, als er aufwacht und seine Papiere nicht findet; denn ohne seine Identität nachweisen zu können hat er beispielsweise auch keine Chance auf eine Anstellung beim Landgrafen.

Als er den Schaubudenbesitzer Schwudler hört und sieht, hat er die rettende Idee, sich ihm als Gehilfe anzubieten. Und der ist hocherfreut über den neuen Mitarbeiter. Seine Freude wird noch gesteigert, als er beim Blick in die Papiere Straubingers bemerkt, daß dessen Großvater vor einhundertvierzehn Jahren geboren wurde und seinerzeit in dem Regiment diente, das jetzt Landgraf Philipp befehligt. Schwudler ist ein großer Schwindler vor dem Herrn und hat durch die Großvater-Papiere eine wahnwitzige Idee: er steckt den jungen Mann in eine alte Uniform und trimmt ihn mit falschem Bart zu einem 114-jährigen Veteranen, der sich vom Publikum bestaunen lassen muß.

An dieser Stelle tritt der Landgraf Philipp in die Handlung ein und es ist nötig, ihn kurz zu charakterisieren: Philipp liebt das Militär, aber noch viel mehr die Frauen. Er hat seiner Gattin, der Landgräfin Lola, zwar versprochen, keiner anderen Frau mehr den Hof zu machen und hält sich, juristisch korrekt, auch daran - nur mit der kleinen Einschränkung, daß er sich jetzt mehr den jungen Mädchen widmet. Frau Gemahlin fand ein leider nur bedingt taugliches Gegenmittel: sobald sie ein solches Mädchen wahrnimmt, wird es umgehend verheiratet, und schon ist die Gefahr beseitigt - denkt sie.

Während also die Landgräfin ihren Philipp von einer militärischen Aktion zurückerwartet, und ihren Hofdamen gerade einen Vortrag über die Flatterhaftigkeit der Männer hält, setzt Schwudler seinen neuesten Coup in die Tat um: er stellt Straubinger dem vorbeiziehenden Landgrafen als den ältesten noch lebenden Militär vor. Philipp ist begeistert und kann die jetzt ebenfalls hinzukommende Gattin überzeugen, dem vermeintlichen Veteranen eine Jahrespension von 1000 Gulden auszuloben.

Straubinger spielt begeistert mit, ist aber inzwischen fest davon überzeugt, in der „wilden“ Oculi seine geliebte Marie wiedererkannt zu haben. Er hat sich, Schwudlers Schwindeleien durchaus ebenbürtig, einen Trick ausgedacht und nennt Oculi/Marie seine „Pflegerin“. Er bittet die hohen Herrschaften frech, auch ihr wegen der schweren Aufgabe eine Pension zu gewähren. Was Veteran Straubinger allerdings nicht weiß: der Herr Landgraf hat mit Oculi kurz vorher schon ein privates Gespräch geführt und dabei beide landgräflichen Augen auf die hübsche Person geworfen. Philipp geht also recht gern auf die Bitten des „Veteranen“ ein und gewährt der „Pflegerin“ höchstselbst ebenfalls eine Pension von 1000 Gulden - und engagiert zusätzlich die ganze Schwudler-Truppe an seinen Hof.

Landgräfin Lola hat natürlich aufgepaßt und weiß jetzt, wie es um ihren Gatten steht - wieder einmal hat er bei einem hübschen jungen Ding Feuer gefangen. Aber sie wird ihre üblichen Methoden anzuwenden wissen!

ZWEITER AKT: Im Schloßgarten.

Landgraf Philipp verabredet, wie seine Frau es geahnt hat, mit Oculi ein Rendezvous, aber die „Wilde“ hat vor diesem Stelldichein Angst und vertraut sich deshalb dem „Veteranen“ Straubinger an. Dieses Gespräch gibt dem „jungen Alten“ die letzte Gewißheit, daß Oculi und Marie ein und dieselbe Person ist. Er warnt das Mädchen vor dem Stelldichein mit „Seiner Hoheit“ und Marie ist fest entschlossen, das Rendezvous platzen zu lassen.

Die Landgräfin, wissend, daß ihr Gatte beide Augen auf Oculi geworfen hat, beschließt, das Mädchen nach ihrem üblichen Procedere zu verheiraten. Und sie hat auch schon den Bräutigam fest im Blick: den Rosengärtner Bonifaz Straubinger! Diesen (falschen Straubinger) mag Oculi aber überhaupt nicht, liebt sie doch nur den echten Straubinger - der immer noch in der Veteranen-Kleidung steckt und von Oculi bisher nicht erkannt wurde. Als der nun begreift, daß Bonifaz der Dieb seiner Papiere ist, wächst der 114-jährige über sich hinaus und verprügelt ihn.

Nicht nur diese Prügelei hat dem angeblichen Veteranen Spaß gemacht, er ist vor allen Dingen über das Liebesgeständnis Maries völlig aus dem Häuschen. Kühn, wie ein Veteran nun mal ist, bietet er sich sofort der Landgräfin als neuer als Ehemann an, wobei er heimlich vor Marie seine Maske lüften kann, und sie ihn dadurch erkennt. Unter dem Gelächter der Umstehenden erklärt sich Oculi bereit, den Alten zu heiraten. Und der gibt sich, trotz des auf beide niederprasselnden Spotts, nicht nur völlig gelassen, sondern weiß auch noch von einem morgenländischen Patriarchen zu berichten, der den Ehestand als sehr angenehm empfand: „Küssen ist keine Sünd', mit einem schönen Kind“.

Landgräfin Lola läßt das „junge Paar“ zum Traualtar führen und äußert dabei viel Spott. Auch der Landgraf glaubt, spöttische Reden schwingen zu müssen (man wird den Verdacht nicht los, daß ein gewisser Neidkomplex eine Rolle spielt). Veteran Straubinger ficht das alles nicht an; er setzt sogar noch einen drauf: möchte es geschehen, daß die Zeitgenossen noch ihr Wunder erleben werden. Er würde jedenfalls seine Zeit nicht verschlafen und so
seien auch Kinder nicht ausgeschlossen.

DRITTER AKT: Eine Hütte im fürstlichen Wildpark.

Landgräfin Lola hat sich mit ihren Hofdamen her geschlichen, um ihren Philipp bei einem Stelldichein mit der jungen Oculi zu erwischen. Allerdings möchten sie auch zu gerne den „Alten“ und sein junges Frauchen zu beobachten. Die Hütte hat sie mit Einverständnis ihres Mannes dem frisch getrauten Paar zur Verfügung gestellt.

Oculi hat jedoch mit ihrem Straubinger die Freuden der Hochzeitsnacht mit allen Sinnen genossen. Gerade deckt sie im Freien das Frühstück ein, als Straubinger aus der Hütte tritt. Verschmitzt lächelnd erklärt sie ihren Liebsten für einen großen Schwindler. Zum gemeinsamen Frühstück kommt es aber nicht, weil jetzt gerade ein sehr reuiger Bonifaz die gestohlenen Papiere zurückbringt. Das löst bei dem 114-jährigen Veteranen einen freudigen Jubel aus und er wirft die Verkleidung ab: jetzt, wo er sich wieder ausweisen kann, wird er mit seiner Marie endlich weiterziehen.

Lachend muß die Landgräfin den Betrug erkennen, kann aber gleichzeitig, weil ihrem sauberen Herrn Gemahl ein Liebesabenteuer vermasselt wurde, ihre Schadenfreude nicht verbergen. Als der Landgraf nun auch noch in Erwartung eines Liebesabenteuers erscheint, macht es der Landgräfin noch mal soviel Spaß, ihren Mann zu verhöhnen. Und dem bleibt, blamabel genug, nichts weiter übrig, als dem Paar zu verzeihen und seiner Gattin Treue zu geloben (bis zum nächsten Mal?).

Einige der schönsten Melodien aus dieser Operette:
Man nennt das wilde Mädchen mich (Auftrittslied der Oculi)
In München eine Kellnerin (Auftrittslied dStraubingers)
Küssen ist keine Sünd’ bei einem schönen Kind (Walzerlied)
O süße Sommernacht (Walzerlied)
Vierblättriger Klee (Terzett)

INFORMATIONEN ZUM WERK

Beim „Bruder Straubinger“ handelt es sich um eine im 19. Jahrhundert vom Landshuter Medizinstudenten Carl Theodor Müller erfundene literarische Figur, die bis heute als Synonym des fleißigen Handwerksburschen gilt, der unbeschwert und fröhlich von einer Stadt zur nächsten zieht um seine Handwerkskunst unter Beweis zu stellen. Später wurde sie auch mit Vagabunden oder Landstreichern in Verbindung gebracht. Edmund Eysler hat der Figur mit seiner gleichnamigen Operette ein musikalisches, der Straubinger Künstler Karl Tyroller 1962 in Landshut ein bronzenes Bruder-Straubinger-Denkmal gesetzt.

© Manfred Rückert für Tamino-Operettenführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Wikipedia, Operettenführer von Reclam und Renner
Volker Klotz: Portrait und Handbuch einer unerhörten Kunst
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MUSIKWANDERER

musikwanderer

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2

Dienstag, 13. März 2012, 19:36

Diskographischer Hinweis

Auch diese Operette von Edmund Eysler ist auf CD's nicht dokumentiert. Die Tamino-Werbepartner bieten allerdings von verschiedenen Künstlern wie Franz Völker, Richard Tauber, Peter Anders, René Kollo oder auch Hermann Prey (um nur einige zu nennen) Operetten-Recitals an, auf denen das unverwüstliche „Küssen ist keine Sünd'“ enthalten ist - leider nicht mehr... ?(
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Harald Kral

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3

Mittwoch, 20. Februar 2013, 09:10

Premiere heute vor 110 Jahren


Bruder Straubinger
Operette in drei Akten,
Musik von Edmund Eysler,
Libretto von Moritz West und Ignaz Schnitzer

Uraufführung am 20.2.1903 Theater an der Wien, Wien
mit Alexander Girardi • Lina Abarbanell • Sarolta Rettich-Pirk • Karl Meister • Mary Hagen • Siegmund Natzler.

LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

9079wolfgang

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Beiträge: 6 863

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4

Samstag, 30. März 2013, 23:55

Zitat von »musikwanderer«

Die Tamino-Werbepartner bieten allerdings von verschiedenen Künstlern wie Franz Völker, Richard Tauber, Peter Anders, René Kollo oder auch Hermann Prey (um nur einige zu nennen) Operetten-Recitals an, auf denen das unverwüstliche „Küssen ist keine Sünd'“ enthalten ist - leider nicht mehr... ?(
Hallo, Manfred!

Das ist leider richtig. Aber wenn ich bedenke, "wie" diese Lieder von solch hervorragenden Interpreten gesungen wurden, dann ist dies mehr als nur ein kleiner Trost. Ich hatte an meinem Schellack-Abend das große Glück, zwei Lieder aus dem BRUDER STRAUBINGER "Küssen ist keine Sünd´" und aus DER LACHENDE EHEMANN "Fein, fein, schmeckt uns der Wein" mit Franz Völker zu hören. Dies war so großartig und mit einer Leichtigkeit gesungen, daß ich die Platte dreimal aufgelegt habe.

Herzlichst
Wolfgang
W.S.