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ThomasBernhard

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1

Donnerstag, 17. November 2005, 11:14

Ein Orgelbauthread

Hallo

Ein Orgelbauthread, der sich um verschiedene Strömungen des Orgelbaus kümmern soll. (Für haarkleine Detailfragen und Grundlagenerklärungen könnte man vielleicht einen zweiten Orgelbauthread eröffnen)

Ich würde mich freuen, unter anderem über das "sogenannte Phänomen des Französismus" zu diskutieren. "Französismus" soll nicht die großartige französische Orgelbaukunst a la Cavaille-Coll abwerten, sondern die Tendenz, daß hierzulande häufig Orgeln gebaut werden, die Allzweckinstrumente mit zu starkem frankophilen Schwerpunkt sind.

Kann man sagen, daß die Orgelwerke von Franck, Widor, Vierne, Alain, etc. etc. für das Klangideal Cavaille-Coll komponiert wurden und Reger für diese Orgeln ungeeignet ist? (bzw. diese Orgeln für Reger ungeeignet)

Durch was zeichnet sich die deutsche romantische Orgelbaukunst aus? Was ist das Idealinstrument für Reger?

Was ist/war die Orgelbewegung?

Was ist zu beachten/bemerken, wenn Bach auf dem "Gottfried Silbermann-Idealtyp" / "Deutschen romantischen Orgel-Idealtyp" / "französischem Idealtyp" etc, etc gespielt wird. (am besten mit Beispielen aus dem Tonträgerbereich)


Gleich meine erste Frage:

Ist dieses schöne Klais-Instrument (10 Jahre alt) zu "französistisch" (ich persönlich vermisse an dem Instrument die ein oder andere warme Solostimme, Daniel Roth zum Beispiel mag das Instrument aber scheinbar, da er daran unterrichtet)



Dispostition:

Hauptwerk:


Bordun 16´
Principal 8´
Rohrgedackt 8´
Octave 4´
Blockflöte 4´
Quinte 2 2/3´
Superoctave 2´

Mixtur 4f
Cymbel 3f
Tromp. (-ete?) 8´
Cromm. 8´

(und die üblichen Koppeln)

Bombardwerk:

Doppelflöte 8´
Gemshorn 8´
Offenflöte 4´
Waldflöte 2´
Larigot 1 1/3

Cornet 5f
Tromp. (-ette?) 8´
Clairon harm. 4´

(Tremulant und Koppeln)


Schwellwerk:

Viol di Gamba 8´
Vox Coelestis 8´
Nachthorn gedackt 8´
Geigenprinzipal 4´
Traversflöte 4´
Nasard 2 2/3
Octavin 2´
Terz 1 3/5

Plein jeu 5f
Basson 16´
Tromp harm. 8´
Hautbois 8´
Vox humana 8´

(Tremulant)

Pedal:

Principal 16´
Subbaß 16´
Quintbaß 10 2/3
Oktavbaß 8´
Gedecktbaß 8´
Tenoroctave 4´

Bombarde 16´
Tromp. (-ete?) 8´

(und die üblichen Koppeln I-III - P)
Frauen und Kinder zuerst

good night and good luck

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ThomasBernhard

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2

Donnerstag, 17. November 2005, 11:36

RE: Ein Orgelbauthread

Und noch ne Frage mit Beispielcharakter:

Wie wird diese Orgel von den Sachverständigen unter Euch eingeschätzt?
Sie ist das Hausinstrument von Martin Lücker, er kitzelt da oft hochinteressante Klänge heraus, ich habe schon viele beeindruckende Konzerterlebnisse gehabt, doch scheint mir die Orgel etwas sehr wuchtig für die doch eher kleine und trockene Kirche.




man höre:

Frauen und Kinder zuerst

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thomasbernhards-1[ätttttt]yahoo[punkt]de

sebastian

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3

Donnerstag, 17. November 2005, 12:06

Hallo Markus,
jetzt habe ich natürlich das Problem, dass es zweierlei Posts gibts, auf die ich gleich antworten sollte.
Zuerst zu Reger: Hans Klotz schreibt in seinem "Buch von der Orgel" (bis auf die Abschnitte über die Romantik sehr informativ), für Reger brauche man "wie für jede gute Musik" eine "etwa barock disponierte Werk-Orgel mit recht vielen Grundstimmen, damit die Unterschiede in den Manualen gut zur Geltung kommen(...)". Man kann bei Rosalinde Haas' Gesamteinspielung der Regerschen orgelwerke schön nachverfolgen, zu was das führt.
Die heute eher verbreitete Ansicht ist die, dass man für Reger eine hoch- oder spätromantische "mittlere Orgel" (mittel bei Reger = 3 Manuale, +70 Register) benötigt, mit freien Kombinationen und allem, was dazugehört. Hierauf habe ich eine Abstufung von I nach II nach III (f-mf-p), also Regersch gedacht "nah-weit-fern" mit einem gigantisch großen Spektrum an Lautstärke und Klangfarbe - ich kann aufgrund der feinen Klangabstufungen der Äqualregister also sehr viele verschiedene Klänge des gleichen Klangilds (zB "sehr dunkle Registrierung") verwirklichen und somit auch perfekt ein Orchester simulieren, das mal mit sordino spielt, mal ohne, mal mit Holzbläsern, mal ohne etc.
Durch die pneumatische Traktur habe ich auch nicht die Probleme, die sich bei einer mechanischen Kegellade einer Orgel der gleichen Göße stellen würde (bis zu 400g Tastendruck ohne pneumatische Hebel). Insofern ist es nicht allzu schwer für mich, auch hochvirtuose Stellen mit totaler Lockerheit zu spielen - vorausgesetzt, ich habe mit der oft üblichen Verzögerung zwischen Tastendruck und Tonansprache keine Probleme.
Die Frage, ob Reger für französische Orgeln ungeeignet ist, lässt sich sehr leicht beantworten, hingegen die Frage, ob sich Vierne etc auch auf deutschen Instrumenten gut anhören ist viel schwieriger zu beantworten.
Zu Reger: Orgeln von Cavaille-Coll haben (im verhältnis) relativ wenige Grundstimmen - im Hauptwerk findet man da etwa (übersetzt) Prinzipal, Bourdon, Gambe und Flute harmonique; schon bei E.F. Walcker (1797-1844) finde ich im Hauptwerk mindestens einen leisen Streicher und dann auch anderer Stimmen wie Quintatön, Doppelgedeckt etc.
Der nächste Punkt ist bei den zungen zu finden - bei französischen Orgeln habe ich im Recit immer die Hautbois als Klanggrundlage, auch insgesamt werden die Zungen viel öfter und effektiver benutzt als die Mixturen, die dort reine Plenumsfunktion haben. In deutschen hochromantischen Orgeln hingegen haben die Zungen reine Plenumsfunktion und sind solistisch (zumindest im hauptwerk) nicht zu verwenden. Insgesamt unterscheidet sich die Idee des Crescendos dadurch, dass bei den Deutschen möglichst viele gleichfüßige Register zum allmählichen Crescendo verwendet werden, wohingegen man in Frankreich ein sehr starkes Recit hat, das aber auch im Tutti eine derartige Schwellwirkung hat, dass man mit dem geschlossenen vollen Schwellwerk die Hauptwekrsflöte oder was auch immer begleiten kann. Für Reger fehlen also in Frankreich die mannigfaltigen Abstufungen, die die deutsche hoch-und spätromantische Orgel in Hülle und Fülle bietet. Rein spieltechnisch ist Reger als "echter" Reger auch schwer auf einer CC verwirklichbar, weil man dort "nur" mechanische Einführungstritte "Zungen Recit an", "Zungen Hauptwerk an" etc hat, nicht hingegen die freien Kombinationen in Deutschland, mit Hilfe derer man vom Vollen Werk zu einer Vox-coelestis-Registrierung und von dort zu einem mittelstarken forte schalten kann - je nach Belieben. Reicht das fürs erste?
Zu den franzosen auf deutschen Orgeln: bei hoch- und spätromantischen Orgeln hat man (wenn sie nicht schon von Rupp und Schweitzer beeinflusst sind) ebenfalls das Problem, dass die Zungen ihrer Rolle nicht gerecht werden - es sieht da anders aus bei den Instrumenten von E.F. Walcker (noch zu finden in Hoffenheim, Schramberg und Zagreb) - er versuchte, eine Synthese aus süddeutscher Vielfalt an Grundstimmen mit französischen Zungen und seiner Idee der "Windharfe" zu gewinnen: das Resultat ist, dass man auf diesen Orgeln Muffat, Bach, Mendelssohn, Reger, Vierne, Szathmary etc viel besser darstellen kann als auf modernen "universal-Orgeln" - hierbei verweise ich auf das Hörbuch von Christoph Bossert "Die verlorene Spur - zum Klangbild der Orgeln Eberhard Friedrich Walckers" (erschienen in ORGAN - Journal für die Orgel II/2003).
Wenn es irgendwelche Probleme mit fremden Begriffen geben sollte, einfach fragen - es ist schwer, in einem Post alles, was zur Sprache kommt, zu erklären...
Viele Grüße
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

ThomasBernhard

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4

Donnerstag, 17. November 2005, 12:24

Zitat

Original von sebastian
Reicht das fürs erste?


:jubel: :jubel: Hut ab für die schnelle und ausführliche Reaktion!

Grüsse, Markus
Frauen und Kinder zuerst

good night and good luck

thomasbernhards-1[ätttttt]yahoo[punkt]de

sebastian

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5

Donnerstag, 17. November 2005, 12:25

Zur Frage mit der Katharinenkirche Frankfurt/Main:
hier hast du (wenn sie so klingt, wie ich vom Lesen und von meinen Erfahrungen her denke) eine typisch französistische Orgel - das Rückpositiv eher barock ausgerichtet bis zum Larigot und ohne die im pos. einer CC-typischen trompette, ein deutsch ausgerichtetes Hauptwerk, dessen Zungen aber vermutlich ähnlich knödelig klingen wie die anderen, und eben das Recit mit dem vollen Zungenchor, aber einer "deutschen" Streichermixtur. Im Pedal finden sich dann der unvermeidliche, sicher Boden erschütternde 32' sowie - wirklich interessant - ein Gemshorn 4', Nachthorn 2' und eine Mixtur - eine Reminiszenz an die Orgelbewegung?
Insgesamt präsentiert sie sich allerdings - im diesem Rahmen - als sehr interessant disponierte Orgel, doch wie du sagst - sie ist (zumindest klanglich) für diesen Raum total überdimensioniert.
Es wäre interessant, wer von dieser Orgel Tondokumente hat - ich werde vorerst wohl leider nicht in die Kirche kommen; wenn ich aber dort gewesen bin, dann kann ich ja von meinen Erfahrungen berichten.
Ich denke aber zusammenfassend, dass da Menger eine sehr ausgewogene Disposition entworfen hat. Wie gesagt - mein Fall ist es nicht.
Viele Grüße
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

Bombarde 32

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6

Sonntag, 20. November 2005, 00:34

Eine subjektive (Klang)Beschreibung

Die Orgel in der Katharinenkirche Frankfurt/Main ist vom Klang her eine typische Rieger Orgel mit starkem frankophilem Einfluss. Die Zungen sind etwas drahtig*, die Mixturen neigen zum "Kesseln" in den Ohren (liegt aber auch am Raum wie z.B. im Fuldaer Dom), Die Solostimmen sind schön charakteristisch, der Prinzipalchor im Hauptwerk dominant. Die 16’ Prinzipale klingen samtig und strahlend zugleich. Die Register sind lautstärkemassig gut dem Raum Angepasst, das Tutti ist durch die Masse trotzdem gewaltig. (Einigen Organisten scheint immer noch eine 32' Zunge zu fehlen, sie spielen dann z.B. den ganzen Schlussakkord lang einen schnellen Pedaltriller.)
Der Bourdon 32' wirkt je nach Sitzplatz unterschiedlich. Am stärksten ist er auf den seitlichen Bänken an der Wand.
Den Registernamen nach ist hier Deutsch-Französisch bunt gemischt. Würde man alle Register in französischer Nomenklatur schreiben, hätte man ein Neosymphonisches Instrument mit ein paar klassischen Erweiterungen...

Die auf dem Markt erhältlichen CD Einspielungen von Hänssler klingen etwas asketisch.

*„Knödeln“ auch ein wenig, sind zu spitz. Die Zungenstimmen, die ich auf meiner Orgelreise in Paris gehört habe sind viel runder und tragfähiger. Die beste Zungenstimme in Frankfurt dürfte die Chamade in der Heiliggeistkirche sein. Als ich sie nach der Paris-Reise wieder hörte,
kam es mir vor als säße ich in La Madeleine.

----
PS. Was haltet ihr von so einer Disposition?


http://www.kmv-frankfurt.de/OT/orgelframe.htm

Hauptwerk (II. Manual)

Ged. Pommer 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Gemshorn 8'
Oktave 4'
Nachthorn 4'
Oktave 2'
Waldflöte 2'
Mixtur 6-8 fach
Chamade 8' Zinn volle L. (Urspr. Span. Trompete 8’ Kupfer halbe L.)


Brustwerk (III. Manual) Schwellwerk (schweller nachträgl. eingebaut)

Holzgedackt 8'
Violflöte 8'
Vox Coelestis 8' (hinzugefügt)
Prinzipal 4'
Spillflöte 4'
Nasat 2 2/3'
Spitzflöte 2'
Terz 1 3/5'
Quinte 1 1/3'
Sifflöte 1'
Scharf 4-5 fach
Oboe 8' (urspr. Krummhorn 8’)
Tremulant


Positiv (I. Manual)

Bleigedeckt 8'
Rohrgedeckt 4'
Prinzipal 2'
Oktavcymbel
Dulzian 16'
Holzregal 8'
Tremulant


Pedal

Prinzipal 16'
Subbaß 16'
Quintbaß 10 2/3' (urspr. Sordun 32’)
Oktave 8'
Gedacktpommer 8'
Harfenprinzipal 4'
Bauernflöte 2'
Mixtur 6 fach
Bombarde 32' (wiederverwendetes Kontrafagott/Posaune aus der Domorgel)
Posaune 16'
Trompete 8'
Schalmei 4'

Normalkoppeln: I/II, III/II, III/I, I/Ped, II/Ped, III/Ped
Subkoppeln: III, III/II

Setzeranlage mit 4000 freien Kombinationen

Tutti, Registerschweller
Gruss, Boris

Bei Fragen: bombarde32@freenet.de

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Bombarde 32« (20. November 2005, 00:36)


7

Sonntag, 20. November 2005, 01:35

RE: Eine subjektive (Klang)Beschreibung

Zitat

Einigen Organisten scheint immer noch eine 32' Zunge zu fehlen, sie spielen dann z.B. den ganzen Schlussakkord lang einen schnellen Pedaltriller.)


Hey, sowas hör ich zum ersten Mal...

Woher kommt diese schwachsinnige Idee, bzw. wer spielt so? Studenten?
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

8

Sonntag, 20. November 2005, 01:52

RE: Eine subjektive (Klang)Beschreibung

Wie sieht es eigentlich in Deutschland mit "Orgelbewegungsinstrumenten" aus?

Gibts da noch viele?

Ich nehme an, die "überwundenen" elektropneumatischen Instrumente haben allmählich (hoffentlich nur mehr) Museumswert. (so ist die alte Wiener Domorgel tatsächlich denkmalgeschützt... :motz: )

Die letzte Erwähnte Disposition mit Bauernflöte und Sordun im Pedal erinnert mich unwillkürlich an Registrieranweisungen bei J.N.David und Zeitgenossen...sonst sieht die Dispo ganz gewöhnlich aus - so richtig sagen kann ich nix, ohne die Orgel zu hören... also bringen solche Auflistungen sehr wenig..

Damals in der Orgelbewegung wurde ja fleißig experimentiert mit Registrierungen, das Gute daran, es wurde das Orgelbauhandwerk wiederentdeckt...

ist das französische tatsächlich noch immer so beliebt, ich kenne den Trend seit 15 Jahren und mittlerweile gibt auch in Österreich repräsentative Instrumente für die franz. Romantik...

die Frage ist bloß: brauchen wir das wirklich? hat das den gewünschten Effekt, die Orgelmusik interessanter zu machen?

In Ö ist die Situation für Orgelmusik katastrophal... Konzerte sind eine Randerscheinung und auf wenige Kirchen beschränkt...

Das Publikumsinteresse ist nicht vorhanden...

Wozu werden die neuen Orgeln gebaut, wenn niemand darauf spielt - daran verzweifle ich seit jahren...
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

sebastian

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  • »sebastian« ist männlich

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Registrierungsdatum: 15. Juli 2005

9

Sonntag, 20. November 2005, 14:15

Hallo Tastenwolf,
zum Glück haben wir in Deutschland noch recht viele orgelbewegte Instrumente erhalten. Nun stellt sich mir natürlich gleich die Frage: Was ist für dich Orgelbewegt? Darunter würden fallen zB die Walcker-Orgeln in der Lutherkirche Wiesbaden und St. Reinoldi, Dortmund, die Steinmeyer in Corpus Christi, Berlin (Prenzlauer Berg), die Orgel der Konzerthalle Magdeburg, die Riesenorgel in der Nürnberger Luitpoldhalle (Gelände der Reichsparteitage), die (jetzige) Walcker im Hamburger Michel, die Kauffmann im Stephansdom Wien, die Ratzeburger Rieger etc etc - alle stehen in der Tradition der Orgelbewegung.
Könnten wir uns darüber verständigen, dass wir die Teilung "Orgelbewegung - Neobarock - Avantgardistisch" so ziehen, dass zur Orgelbewegung alle romantisch disponierten Instrumente mit von Anfang an in das Konzept eingebundenen "fremden" Register (z.B. Dortmund), zum Neobarock die Kauffmann in Wien und zur Avantgarde die Orgeln eines H. Bornefeld oder H.H. Jahnn? Ansonsten reden wir ständig aneinander vorbei.
Dann: was ist an diesen elektropneumatischen Instrumenten schlecht - was ist an den "Schnurrpfeifereien" schlecht? zB kann eine Flöte 2' im Pedal bei Trioregistrierungen oder Fugen etc sehr schön Klarheit ins Pedal bringen, ohne den Klang zu sehr zu verändern. Und mit einem Sordun im Pedal kann man tolle Klangschattierungen machen - als Pedalzunge, als Solozunge, als "Obertonbringer" fürs Plenum etc.
Alles Ding hat zwei Seiten - nur weil dir diese Orgeln nicht behagen, brauchst du sie ja nicht gleich zu verdammen. Mir zB gefallen sie sehr - wenn man sich etwas einarbeitet und auch offen für andere Klänge ist, bekommt man oft total neue Ideen bei einem Bach...
Viele Grüße

Ach ja - zum Thema Studenten: Was ist schlimm dran, wenn man Dinge ausprobiert, bzw warum sollte man es nicht machen, wenn der Effekt schön ist?!
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

reklov29

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Registrierungsdatum: 5. Oktober 2004

10

Dienstag, 22. November 2005, 00:46

Situation der Orgel in Oesterreich

Hallo Wolfgang,
Zitat:
In Ö ist die Situation für Orgelmusik katastrophal... Konzerte sind eine Randerscheinung und auf wenige Kirchen beschränkt...
--------------------------------------------------------------
Diese obige Aussage ist wohl aus der Historie in Oesterreich zu sehen.

Ausgedehntes solistisches Orgelspiel in der Kirche kam nur beim Einzug und Auszug in Betracht. Für die
liturgische Rolle der Orgel waren dabei Kompositionen im Allgemeinen weniger bedeutsam, wichtiger waren das Stehgreifspiel und die traditionelle Aufgabe der Continuobegleitung von Orchestermessen und anderen Kirchenkompositionen, was die gelegentliche Übernahme von solistischen Partien nicht ausschloss, z.B. im Benedictus von Orgel-Messen, in Mozarts Kirchensonaten und Haydns Concerti.

Wie ganz anders gelagert in Deutschland.

In der "Lutherischen Kirche" besass bzw. besitzt die Orgel für die liturgische Gestaltung des Gottesdienstes eine ungemein hohe Wertschätzung. Als Instrument des Choralvor- und Nachspiels besitzt sie einen hohen Stellenwert. In dem Vespergottesdienst und der Abendmusik gestaltete sie ein konzertantes Orgelsolo.
Diesen Stellenwert nimmt sie mittlerweile auch in der Katholischen Kirche in Deutschland ein.

Zu benennen sind die hervorragenden Orgelkomponisten aus Norddeutschland, Mittel- und Süddeutschland, ausgehend seit dem 17. Jahrhundert. Hiervon ausgehend kann die Orgel seine ungemein hohe Popularität und seinen Stellenwert als unangefochten angesehen werden.
Die Orgelkonzerte geniessen einen guten Ruf und brauchen über Besuchermangel kaum klagen.

Diese obige Ausrichtung fehlt mir aus der Historie gesehen in Oesterreich. Ausnahmen wie Albrechtsberger, Bruckner, etc. bestätigen diese These, zumal Mozart und Haydn überwiegend
ihre Orgelkompositionen für selbstspielende Orgelinstrumente iniziert hatten.


Grüsse
reklov29
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

sebastian

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11

Dienstag, 22. November 2005, 20:17

Zitat

Hiervon ausgehend kann die Orgel seine ungemein hohe Popularität und seinen Stellenwert als unangefochten angesehen werden.
Die Orgelkonzerte geniessen einen guten Ruf und brauchen über Besuchermangel kaum klagen.

das ist mir neu, reklov, denn wo liest man noch von Namen wie J.U. Steigleder, den Muffats (eher Österreich, ich weiß) etc? Und zu den gut besuchten Orgelkonzertreihen: In Zeiten zunehmend leerer werdenden Kassen (gerade bei den Sponsoren) muss man froh sein, wenn man überhaupt noch Konzertreihen veranstalten kann. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es gerade für junge Organisten nicht einfach ist, in diese Konzertreihen zu kommen - entweder braucht man hervorragend funktionierende Verbindungen oder muss bedeutende Wettbewerbe gewonnen haben oder sonst irgendwie auf sich aufmerksam gemacht haben. Und wenn man eben das Glück dieser gewissen Verbindungen (zu denen auch gerne der eigene Lehrer zählen kann) nicht hat, dann hat man es zumindest auf dem Konzertmarkt nicht wirklich einfach. Umgekehrt ist es natürlich so: Wenn ich schon da und da und da und da gespielt habe, dann gibt es vonseiten der Veranstalter weniger Bedenken gibt. Infolgedessen muss man, will man später in diesem Rahmen konzertieren, schon sehr früh Wettbewerbe und Meisterkurse besuchen und immer hoffen, dass einmal das Glück winkt und man gerade die Person beeindruckt, die dann denn Weg frei macht. Das wiederum bedeutet, dass man nicht wirklich "gut" studieren kann, da man ja immer für Konzerte und Wettbewerbe üben muss - und welcher Veranstalter nimmt schon Rücksicht darauf, dass man bei seinem Konzert keinen Reubke spielen kann, weil man gerade die gesamten Ritter-Sonaten vorbereitet? Es gibt genug andere, die auch gerne spielen wollen...
Es ist sehr, sehr schwer, sich auf diesem Markt durchzusetzen (ein "konzertleben" zu führen, ist schlicht unmöglich). Traurig, aber wahr.
Viele Grüße
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

reklov29

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  • »reklov29« ist männlich

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Registrierungsdatum: 5. Oktober 2004

12

Dienstag, 22. November 2005, 22:53

Orgelbesuch vor leeren Kirchen in Deutschland?

Hallo lieber Sebastian,
Zitat:
Und zu den gut besuchten Orgelkonzertreihen: In Zeiten zunehmend leerer werdenden Kassen (gerade bei den Sponsoren) muss man froh sein, wenn man überhaupt noch Konzertreihen veranstalten kann. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es gerade für junge Organisten nicht einfach ist, in diese Konzertreihen zu kommen -
----------------------------------------------------------------------------

Hier muss ich ein wenig widersprechen, in Ostwestfalen werden großartige Orgel-Konzertveranstaltungen
durchgeführt, ob von den Stadtkirchengemeinden in Bielefeld oder Rheda-Wiedenbrück, etc. sie
haben ihre Besucher, dass die Kirchen von Besuchern nicht überquellen, brauche ich wohl nicht zu
erwähnen, aber zwischen 150-200 Besuchern kann jeweils gerechnet werden.
Aus dieser Sicht, und als ein fleißiger Orgel-Konzertbesucher habe ich dies einmal angemerkt.

siehe auch hier!

Woran mag das liegen, das der Besucherzuspruch sich bei uns immer in dieser Größenordnung bewegt?
Sicherlich werden immer großartige und namhafte Orgelinterpreten mit eingeladen, die das Niveau hoch halten, aber unsere Organisten brauchen sich auch nicht zu verstecken, sie besitzen das künstlerische Potential, sich gegen die namhafteren Gastorganisten sich zu behaupten.
Zwei gute Musikhochschulen in Ostwestfalen (Detmold, Herford) mit Orgelklassen bestückt, werden
sicherlich das Ihrige an Besuchern beitragen.

Das Jungorganisten einen schweren Stand haben, kann ich nur beipflichten, um als Gastorganist
in eine Konzertveranstaltung vermittelt werden zu können, braucht dieser schon seine Fürsprecher
oder er besitzt künstlerische Fähigkeiten, die weit über dem Normalen hinausgehen.


Grüsse
reklov29
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

tongenerator

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  • »tongenerator« ist männlich

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Registrierungsdatum: 17. Dezember 2005

13

Donnerstag, 5. Januar 2006, 01:44

RE: Eine subjektive (Klang)Beschreibung

Habe gerade die Disposition der Walcker-Orgel in der Heiliggeistkirche in Frankfurt gesehen. Offenbar ein "aufgebohrtes" Instrument aus der Hochphase der Orgelbewegung. Typisch der unvermeidliche Gedackt-Pommer im Hauptwerk, wahrscheinlich ein "schlankes" Register, das wenig trägt, dazu passend dann - recht steil disponiert - das Schwellwerk ohne 16' und ein Brustwerk - auch unvermeidlich - auf Pr2'-Basis. Etwas aus dem Rahmen fällt dagegen das mehr gravitätisch ausgelegte Pedal mit ursprünglich einem echten 32' - eher ungewöhnlich für ein kleineres Instrument mit 40 Registern in den 1960igern. Mit Vox Coelestis, Sub-Koppeln, 4000fach Setzer ist das Instrument vermutlich in den 1990igern "aufgebohrt" oder leicht romantisiert worden (ist der Registerschweller noch ein Relikt aus Walckers "romantischen" Zeiten?). Interessant, dass die Quinte 10 2/3' mal ein Sordun gewesen sein soll. Ich dachte immer, das sei eine leise Zunge ... Insgesamt also ein Instrument, dessen Klang ich gern mal hören würde, denn 1. sind Registernamen nur ein grober Anhaltspunkt und 2. würde ich gerne wissen, ob sich mit diesen leichten Eingriffen das Klangbild tatsächlich merklich geändert hat ...