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Alfred_Schmidt

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1

Freitag, 30. Mai 2014, 20:23

Paul Graener - ein vergessener Spätromantiker

Paul Graener (1872 Berlin -1944 Salzburg ) ist der typische Fall eines (beinahe) vergessenen Komponisten.

Umso begrüßenswerter sind die Bemühungen der Label STERLING und CPO seine Werke wieder einer Breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der geringen Menge von eingespielten Werken ist es geschuldet, daß ich diesen Thread ALLEN Sparten seines Schaffens widme.
Über Graeners Tonsprache kann man einiges nachslesen - so wird ihm zum Beispiel bei seinen Liedern nachgesagt, sie wären in der Nachfolge von Brahms und Nähe von Richard Strauß zu sehen. ich kann das nicht beurteilen, weil es derzeit meines Wissens keine einzige Aufnahme davon gibt - wenngleich Lieder in Graeners Schaffen einen großen Anteil hatten.
Ich möchte heute indes seine 2. Sinfonie op 110 "Wiener Sinfonie" hier kurz vorstellen, die am 25.11. 1941 von den Berliner Philharmonikeren unter Hanns Knappertsbusch uraufgeführt wurde. Das Werk ist stilistisch rückwärtsgewandt, mit Anklängen an die alten Meister versehen. Das dreisätzige Werk ist durchwegs klangschön, strahlend, aber auch teilweise "wienerisch -volkstümlich", klingt stellenweise vertraut im Ohr. und man würde ihm das Entstehungsjahr nicht anmerken. Den Titel erklärte der Komponist in einem Interview bzw Zeitungsartikel mit den Worten "Die schönsten Sinfonie sind in Wien entstanden" - und er hat in der Tat (imo erfolgreich) versucht an diese Tradition anzuknüpfen, wenngleich die Sinfonie in Berlin geschrieben wurde. Allerdings hatte Graener durchaus eine Affinität zu Wien, wo er kurze Zeit am "Neuen Wiener Konservatorium" Musiktheorie unterrichtete (1910?) bevor er nach Salzburg ging, wo er für kurze Zeit (1911-13) Direktor des Salzburger Mozarteums wurde...

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Alfred_Schmidt

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2

Freitag, 12. Dezember 2014, 20:40

Hat mich schon Graeners 2. Sinfonie "Wiener Sinfonie" op 110 von 1941 beeindruckt - nein begeistert, so ist das auch bei der viel früher, nämlich 1911 komponierten Sinfonie in d-moll op 39 "Schmied Schmerz" der Fall.
Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige Gedicht von Otto Julius Bierbaum (1865-1910) das mit den Worten beginnt
„Der Schmerz ist ein Schmied, sein Hammer schlägt hart“ - Graener versucht auf diese Weise den Tod seines 8. jährigen Sohnes zu überwinden, der in London, wo Graener lange Zeit lebte gestorben war. 1911 übersiedelte Graener nach Wien., aber kurz darauf wurde er einstimmig zum neue Direktors des Mozarteums in Salzburg berufen. Er nahm die Wahl an und übersiedelte erneut - diesmal nach Salzburg. Dort reformierte er in kurzer Zeit den Schulbetrieb seines Instituts und konnte auch das Niveu des zugehörigen Orchesters heben. Er war allgemein geliebt und geachtet, und so war es ihm möglich dort 1912 seine eigene Sinfonie - von der hier die Rede ist - zu Aufführung zu bringen. Der Erfolg bei Publikum und Presse war ausserordentlich. Schon nach dem ersten Satz wurde (gegen alle Regeln) stürmisch applaudiert.

Gut und schön - Wie habe aber ich diese Sinfonie - in der hier gezeigten Aufnahme erlebt ?
Das Werk ist stellenweise recht düster, aber er ist eine "erhabene Düsterkeit", keine wirklich bedrückende. Man findet auch "kämpferische" Stellen von geradezu beeindruckender Wucht und stellenweise sehr prägender Rhythmik, in seiner Art irgenwie einzigartig, denn zu keiner Sekunde gibt es das was man einen "verstörenden Klang" des Schmerzes nennen könnte.
"Bombast" ist vorhanden - aber so geschickt dosiert, daß er niemals die Grenzen des guten Geschmacks sprengt. Der Autor des Booklets findet Anklänge an Beethovens 5. Sinfonie - und wenn ich das auch eher für sehr weit hergeholt empfinde - ein Körnchen Wahrheit ist hier doch drinnen...

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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Rheingold1876

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3

Freitag, 12. Dezember 2014, 21:33



Wer mehr über Graener erfahren will, dem sei dieses Buch empfohlen. Es ist der Versuch einer Annäherung an diesen Komponisten. Der Autor Knuth Andreas gilt als ausgewiesener Kenner. Graener ist wohl vornehmlich deshalb vergessen, weil er ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus gewesen ist und auch Mitglied der NSDAP. Davon ist sein vielseitiges Werk völlig überschattet. Er starb noch vor Kriegsende im fernen Salzburg, nachdem er bei Bombenangriffen in Berlin seinen gesamten Besitz und seine Manuskripte verloren hatte. Nach 1945 wollte sich so schnell niemand mehr an ihn erinnern, was verständlich ist. Er war wie niemals vorhanden. Obwohl er auf hohen kulturpolitischen Posten saß, schätzten die Nazi seine Werke nicht sonderlich - ein Grund, ihn interessant zu finden? Ich weiß es nicht. Hier tun sich auch Parallelen auf zu Pfitzner. Das Unverständnis seiner Führer grämte ihn ungemein. Goebbels sprach in seinen Tagebüchern von "mittelmäßiger Musik". Es war ohnehin ein Problem im Nationalsozialismus, dass es keine aktuelle Musik gab, die die Massen erreichte und mitriss. Dabei dienten sich sehr viele Komponisten dem Regime an. Die meisten sind noch vergessener als Graener. Als - wie sich ebenfalls Goebbels ausdrückte, "ein Oberschlauberger" herausfand, dass Johann Strauß "ein Achteljude" sei, verbot er, dies "an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn ersten ist es noch nicht erwiesen und zweitens habe ich keine Lust, den ganzen deutschen Kulturbesitz so nach und nach unterbuttern zu lassen. Am Ende bleiben aus unserer Geschichte nur noch Widukind, Heinrich der Löwe und Rosenberg übrig". (Tagebuch 5. Juni 1938)

Operetten standen bekanntlich hoch im Kurs. Selbst Hitler soll sie viel mehr geliebt haben als die Musikdramen von Wagner, der fürs Offizielle "zuständig" war. Mehrfach spendierte Hitler aus seiner Privatschatulle große Summen, um Operetten pachtvoll auszustatten, wie Dokumente aus der Reichskanzlei belegen.
Dazu möchte ich als weiterführende Literatur dieses Buch nicht unerwähnt lassen:


Und das alles wegen Graener? Ja. Der Mann bringt einen sehr zum Nachdenken und Nachlesen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Alfred_Schmidt

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4

Freitag, 12. Dezember 2014, 22:51

Zitat

Graener ist wohl vornehmlich deshalb vergessen, weil er ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus gewesen ist und auch Mitglied der NSDAP. Davon ist sein vielseitiges Werk völlig überschattet.

Auch wenn ich jetzt Widerspruch ernten werde - Zumindest in Österreich ist das dem Publikum heute weitgehend egal. In Deutschland vermutlich auch - aber man getraut sich das scheinbar nicht laut zu sagen. Im Unterschied zu Pfitzner - damit wir nicht vom Thema wieder in die Politik abgleiten - sind Graeners Werke sehr gut anzuhören, quasi in der Nachfolge der großen deutschen Symphoniker (Ich werde das in diesem Thread anhand einiger auf Tonträger verfügbarer Instrumentalwerke noch ausführlich behandeln)
Hitler (ich weiß gar nicht was der in meinem Forum immer wieder verloren hat ?) war sicher kein Sachverständiger in Sachen Musik, Dr. Goebbels indes schon. Vermutlich hat er mit seinem analytischen Verstand völlig richtig gesehen, daß diese sich anbiedernden Komponisten im Nationalsozialismus lediglich ein Vehikel sahen, ihre Karriere voranzutreiben, die Ideologie ihnen indes völlig gleichgültig war....und dem entsprechend hat er sie abgewertet.

Wie ich zu meiner Freude gesehen habe wird im Jänner eine weitere Veröffentlichung mit Musik von Graener folgen:
cpo veröffentlicht das Klavierkonzert op 72 mit Olver Triendel als Solisten......

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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musikwanderer

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5

Samstag, 13. Dezember 2014, 09:34

Es ist mir entfallen, wann und wo ich vor Jahren Musik von Paul Graener gehört habe. Nicht entfallen ist mir, dass seine Musik mir als langweilig, langatmig und eklektizistisch vorkam. Ich war mir damals (und bin mir auch heute noch) sicher, dass diese Empfindungen durchaus auf angelesenen Urteilen von Musikwissenschaftlern beruhen, denn die ließen damals, als ich mich dafür interessierte (und heute wird es wenig anders sein!), an der "epigonalen Musiksprache" kein gutes Haar.

Ich habe jahrzehntelang keinen Gedanken an Graener verschwendet - erstes Interesse kam wieder hoch, als ich Graeners Oper "Friedemann Bach" beschrieb. Die gibt es leider nicht auf Silberscheiben. Jetzt sind die Hörschnipsel greifbar (aus Alfreds Beiträgen) - und interessant zu hören.

Schaun mer mal...

:hello:
.

MUSIKWANDERER

Rheingold1876

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6

Samstag, 13. Dezember 2014, 09:42

Lieber Alfred, entschuldige, dass ich mich geäußert habe, aber man kann nach meiner festen Einsicht und angesichts dessen, was ich weiß und gelernt habe, über Graener nicht sprechen, ohne diese dunklen Seiten zu betrachten. Da müssen auch Namen fallen, Ross und Reiter genannt werden. Es sei denn, die Forumsregeln fassen noch klarer und deutlicher, was hier erlaubt ist und was nicht. Es ist ein Leichtes, festzulegen, dass bestimmte Namen oder eben dieser eine Name nicht mehr fallen dürfen. Peter Weiss ist es gelungen, in seiner "Ästhetik des Widerstands" über drei Bände hinweg ohne diesen Namen auszukommen. Ich habe verstanden und werde mich an diesem Thema, das sehr interessant werden könnte, nicht mehr beteiligen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Stimmenliebhaber

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7

Samstag, 13. Dezember 2014, 10:56

aber man kann nach meiner festen Einsicht und angesichts dessen, was ich weiß und gelernt habe, über Graener nicht sprechen, ohne diese dunklen Seiten zu betrachten. Da müssen auch Namen fallen, Ross und Reiter genannt werden.
Das sehe ich ganz genauso. Mir ist dieser Komponistenname bislang ehrlich gesagt nur in meiner Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" untergekommen, in einem anderen Zusammenhang habe ich ihn nie gehört, seine Musik und gerade die Frage nach der Ursache ihres Bedeutungsverlustes lässt sich unabhängig davon nicht wirklich betrachten.

Dass heute kaum noch Opern von Werner Egk gespielt werden, dass Pfitzners Musik immer seltener gespielt wird, dass selbst Strauss und Orff auf dem "Rückzug" sind, hat meiner Meinung nach ganz wesentlich mit dem "Dritte Reich"-Aspekt zu tun. Wenn selbst eine Strauss-Würdigung zu seinem 150. Geburtstag nicht ohne diesen Aspekt auskommt, wie sollte das dann gerade ausgerechnet bei Graener möglich sein? Letztlich gilt er als DER "Nazi-Komponist" schlechthin.

Erstaunlich, dass der große Antifaschist Arturo Toscanini Graener noch 1938 in den USA dirigierte:



Die Musik gefällt mir sehr gut und sie würde heute gewiss häufiger gespielt, wenn der Name ihres Komponisten nicht so "verbrannt" wäre.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Alfred_Schmidt

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8

Samstag, 13. Dezember 2014, 13:46

Man muß andrerseits verstehen, daß es eben vielen Menschen völlig gleichgültig ist. ich beurteile Komponisten nicht danach welche politischen Präferenzen sie haben, sondern ausschließlich nach ihrer Musik. Ein Verbot von Themen, die ich nicht mag, wird es nicht geben, ich werde mir aber - als Privatmann - nicht als Forenbetreiber - auch erlauben, zu sagen, daß mir dies oder jenes nicht gefällt. Und ich erwähne an dieser Stelle auch, daß es sicher nicht "alle" sind, die Musik ablehnen, weil irgendjemand irgendwann eine kulturelle Schlüsselposition innehatte, die heute von vielen als "bedenklich" (oder mehr) gesehen wird. Graener hat - das ist überliefert - die Avantgarde verabscheut - und natürlich war die Position des stellvertretenden Präsidenten der Reichsmusikkammer geradezu ideal hier seine Abneigung auszuleben. Das Problem ist hier lediglich, daß diese ästhetische (nicht politische ?) Einstellung auf große Sympathie in der musikalischen Welt stiess - und das gilt noch bis heute - wenngleich gerne durch die Medien totgeschwiegen.
Ich bin weder als Pfitzner- Richard-Strauß, noch als Egk Verteidiger geeignet, weil ich deren Musik auch nicht besonders mag. Ungeachtet dessen bekamen und bekommen sie ihren verdienten Platz im Forum - ebenso wie Komponisten die ich nicht ausstehen kann. Das gebietet die Neutralität eines Forums, das aus meiner Sicht auch ein wenig einen enzyklopädischen Charakter haben sollte - und teilweise auch hat.
Mir ist auch entgangen, daß Orffs Musik wenig gespielt wird - zumindest die Hauptwerke finden sich zuhauf in den Plattenkatalogen. Über Richard Strauß braucht man in diesem Zusammenhang gar nicht zu reden, seine Opern (ich mag sie nicht) sind einfach "Renner"
Kommen wir - über tausend Umwege - wieder zum Hauptpunkt der Musik von Graener zurück.
Wie klingt sie - und was macht ihren Reiz - oder ihre Eigenart - aus ?

Sie ist "traditionsbewusst" und "romantisch". Lange habe ich mit dem Begriff "Spätromantik" Kompositionen verbunden, die zwar tonal, aber auch ein wenig "gesichtslos" waren. Bei Graener ist das - zumindest meiner Meinung nach - nicht der Fall.
Die beiden Sinfonien sind eng mit der Vergangenheit verwurzelt, aber dennoch im 20. Jahrhundert geschrieben. Sie klingen niemals "unangenehm", und dennoch "interessant" - hier passt der Vergleich mit Beethoven vortrefflich. Man sollte nach ein- oder zweimaligem Hören nicht unbedingt ein Urteil fällen wollen - daher bitte ich das Folgende als eine Art "Ersteinschätzung" sehen zu wollen. Ich hatte den Eindruck, Graeners Sinfonien seien die logische Fortsetzung von jenen Raffs. Der "mendelssohnsche Tonfall" ist freilich verschwunden, und wir bekommen hier leicht aggressivere Töne zu hören, die aber durch ein hohes Maß an Wohlklang in Balace gehalten werden. Zudem liebt es Graener, seinen Werken Titel zu geben, bzw Gedichte oder Zeilen daraus voranzustellen, und er lässt auch manchmal die Vergangenheit - durchscheinen.
Eine optimale Mischung - und wie wir lesen konnten, war das Publikum durchaus angetan davon. Das Publikum wird ja oft unfreiwillig mit "neuen Tönen" konfrontiert - und reagiert, wie die Geschichte lehrt - darauf meist mit Unbehagen, Ablehnung und offenem Haß . Im Gegensatz zum Regietheater war das Netzwerk der "Traditionsvernichter" offensichtlich nicht stark genug, denn trotz aller Versuche diese Musik - nicht nur von Graener - totzuschweigen und durch "modernere" zu ersetzen ist das offensichtlich nicht gelungen - wie die zahlreichen "Ausgrabungen" der letzten Jahre trefflich belegen.

Von Graener erwartet uns auf alle Fälle noch ein Klavierkonzert auf CD, es gäbe noch ein Cello- und ein Violinkonzert. Seine oper dürfte schon zu Lebzeiten keine Freunde gefundenhaben, sehr wohl aber über 130 Lieder und etliche kammermusikalische Werke, darunter 4 Streichquartette...

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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9

Dienstag, 30. Dezember 2014, 14:01

Mir ist dieser Komponistenname bislang ehrlich gesagt nur in meiner Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" untergekommen, in einem anderen Zusammenhang habe ich ihn nie gehört, seine Musik und gerade die Frage nach der Ursache ihres Bedeutungsverlustes lässt sich unabhängig davon nicht wirklich betrachten.
Mir ist der Name bislang nur in Zusammenhang mit Musik begegnet.

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10

Dienstag, 30. Dezember 2014, 14:52

Mir ist dieser Komponistenname bislang ehrlich gesagt nur in meiner Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" untergekommen, in einem anderen Zusammenhang habe ich ihn nie gehört, seine Musik und gerade die Frage nach der Ursache ihres Bedeutungsverlustes lässt sich unabhängig davon nicht wirklich betrachten.
Mir ist der Name bislang nur in Zusammenhang mit Musik begegnet.
Erstaunlich! :D

Dann hast du dich offenbar nicht mit der Geschichte der Musik im "Dritten Reich" auseinandergesetzt.

Und eigentlich ist jede seriöse Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Musik immer auch eine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Entstehungsumständen dieser Musik, also mit der Zeit und Gesellschaft, in der sie entstand.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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11

Dienstag, 30. Dezember 2014, 15:11

Also zu einem gewissen Grad muss ich Dir rechtgeben, aber zu wissen welcher Komponist welche Positionen innehatte, ist für eine seriöse Beschäftigung mit Musik sicher nicht notwendig. Im Gegensatz zum Stalinismus hat Hitler-Deutschland kaum Propagandawerke im Bereich der klassischen Musik hervorgebracht, da man Liszt und Wagner für geeigneter hielt. Der Top-Komponist aus Sicht der Führung war Richard Strauss. Orff hat bereits zu "afrikanisch" geklungen ... viel mehr habe ich zu dem Thema in der Tat nicht als bemerkenswert abgespeichert.

Stimmenliebhaber

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12

Dienstag, 30. Dezember 2014, 15:23

Im Gegensatz zum Stalinismus hat Hitler-Deutschland kaum Propagandawerke im Bereich der klassischen Musik hervorgebracht
Da gab es einige. Nicht nur zu Olympia 1936.

Der Top-Komponist aus Sicht der Führung war Richard Strauss.
Naja, da gab es durchaus unterschiedliche Meinungen. Er diente zwar als internationales Aushängeschild, vielen galt er aber - nicht ganz zu Unrecht - als von gestern. Und so aktiv wie Graener hat sich Strauss nicht mal annähernd für die "Sache" eingesetzt.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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13

Dienstag, 30. Dezember 2014, 15:35

Der Top-Komponist aus Sicht der Führung war Richard Strauss.


Das sehe ich etwas anders. Das Regime bediente sich vornehmlich seiner Popularität und Berühmtheit, die bekanntlich von vor 1933 herrührt. Die Opern waren aus nationalsozialistischer Sicht viel zu verquer und undurchsichtig. Strauss galt als unzuverlässig.

Es wurde sehr viel propagandistische Musik komponiert zwischen 1933 und 1945 in Deutschland. Da muss man nicht mal Graener zitieren. Allein die Produktionslisten des Reichsrundfunks sind in dieser Sache endlos. Es sind sehr unappetitliche Sachen darunter. In ihrer Schwülstigkeit und Anbebetungswut waren sie selbst Goebbels und Hitler, der Operetten mehr liebte als Wagner, zuviel. So gut wie nichts davon hat überlebt. Aber es gab es. Der Stalinismus hatte den Komponisten schließlich viel mehr Zeit gegeben. Die Revolution der Bolschewiki fand 1918 statt. Der Beginn war von vielen aufregenden Träumen und Illusionen begleitet, die bedeutende Kunstwerke hervorbrachten. Es gab viel Sympathie im Westen, auch bei den Intellektuellen. Die Situation war subtiler. Das Dritte Reich dauerte nur 12 Jahre und hat noch in seiner Sunde Null viel radikaler aufgeräumt, dann Bücher verbrannt und einen Großteil der Elite außer Landes gejagt. Es gab kaum mehr wen, mit dem man Staat machen konnte. Das war auch der Führung bewusst.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

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14

Dienstag, 30. Dezember 2014, 15:38

Die Revolution der Bolschewiki fand 1918 statt.
Die fand sogar schon im Herbst 1917 statt bzw. begann da. ;)

Aber ansonsten sind wir uns hier inhaltlich ja völlig einig. :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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15

Dienstag, 30. Dezember 2014, 15:46

Die fand sogar schon im Herbst 1917 statt bzw. begann da.


Aber natürlich, wo hatte ich meinen Kopf. Ich hätte ja wirklich noch wissen müssen. ;) Danke für die Korrektur.

Unsere Beiträge überschnitten sich wohl.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

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16

Mittwoch, 31. Dezember 2014, 17:55

Paul Graener: Prinz Eugen, der edle Ritter - Variationen op 108

Wie ich sehe, hat man auch diesen Thread schon zu einem "Antifa" Thread unfunktioniert. (Aber zu Eurer Beruhigung: Ich werde das Thema "Politik in Klassikforen" sogar mit einem eignen Thread belohnen - und bitte um zwei oder drei Tage Geduld)

Es wird Euch freuen zu lesen, dass man das nun von mir vorzustellende Werk von Graener
"Prinz Eugen, der edle Ritter - Variationen op 108" (1939= im weitesten Sinne - gemäß unserem Thread
Propagandamusik für Hitler-Deutschland
zur "Propagandamusik des dritten Reiches" zählen kann. Hier ist allerdings lediglich der Anlass, nämlich die "Reichsmusiktage", der diese Gedankenverbindung möglich macht. Diese "Reichsmusiktage" waren vom zuständigen Minister, Dr. Joseph Goebbels initiert. Natürlich- Schliesslich war es sein Ressort.
Nimmt man das Stück für sich - ist es unpolitisch. Daß es "patriotisch" im weitesten Sinne ist, verdankt es der gewählten Vorlage, die allerdings auf die Zeit der zweiten Türkenbelagerung zurückgeht. Die Melodie wurde ursprünglich zu einem anderen Text gesungen, als jener der heute gemeinhin bekannt ist - allerdings sind in beiden Fällen die Textdichter unbekannt. Genauso verhält es sich mit der (recht eingängigen) Melodie. Graener nimmt immer wieder Teilstücke der sehr bekannten und populären Musik und verarbeitet sie publikumswirksam. Agressive Stellen werden stets lyrisch, feierlichen gegenübergestellt. und am Schluß wird quasi das komplette Thema des Liedes zur Apotheose erhoben. Die gesamte Spieldauer beträgt etwa 16 Minuten

Ich habe die Vorzüge des Werkes erst beim mehrmaligen Abhören mit (zuletzt mit KH) zu schätzen gelernt, anfangs erschien mir alles ein wenig konstruiert und spröde.....

Wer hier allerdings "Propagandmusik " durchhört, der wird sie vermutlich in Haydns "Gott erhalte und beschütze" auch hören...

Ich gebe (aus forenstrategischern Überlegungen - und nicht aus Überzeugung) diesen Thread auch für den "politischen Aspekt" frei - unter der Voraussetzung, daß er nicht unangemessen über das Thema "Graener" hinausgeht und daß auch Platz genug für seine Musik gelassen wird. Vielleicht wird gerade durch diesen Thread das Interesse an einem Komponisten wieder geweckt , dessen Musik es wert wäre......

mfg aus Wien
Alfred

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17

Mittwoch, 31. Dezember 2014, 18:08

Wie ich sehe, hat man auch diesen Thread schon zu einem "Antifa" Thread unfunktioniert.
Wie gut, dass du immer so klar siehst... :D
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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  • »Joachim Schneider« ist männlich

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Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

18

Mittwoch, 31. Dezember 2014, 19:35

Es liegt mir wirklich fern, hier im Forum als Sachwalter einer wie auch immer gearteten "Antifa- Fraktion" aufzutreten, aber meine Leidenschaft als Hobbyhistoriker treibt mich immer wieder einmal, meinen Senf hinzuzugeben.

Prinz Eugen wurde wohl häufiger für die NS-Propaganda genutzt; insofern ist Graeners Wahl dieses Sujets nicht verwunderlich, wobei ich sicher bin, daß nur die wildeste Fantasie einen Zusammenhang zwischen dem Wirken des "edlen Ritters" und der hier zur Diskussion stehenden Epoche konstruieren kann; insofern ist es nicht verwunderlich, daß dieses Werk im Grunde unpolitisch und patriotisch nur im weitest denkbaren Sinne ist.

Prinz Eugen war auch unfreiwilliger Namensgeber eines schweren Schlachtkreuzers, der 1940 in Dienst gestellt wurde und nach wechselhaften Einsätzen, nach dem Kriegsende von den Amerikanern übernommen, im Bikini-Atoll im Rahmen der Atombombenversuche zerstört wurde.

Man kann wirklich froh sein, daß dieser große Feldherr, vor dessen Denkmal ich oft gestanden bin und die schlichte und vornehme Inschrift bewundert habe (weiser Ratgeber dreier Kaiser), diese Indienstnahme seines großen Namens nicht miterleben musste!

Viele Grüße

J.Schneider
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)