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Dr. Holger Kaletha

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Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

1

Dienstag, 29. Dezember 2015, 18:02

Beeindruckende Bilder - gesehen und beschrieben

François Boucher: Les présents du berger ou Le nid

In Erinnerung an meinen tragisch früh verstorbenen Studienfreund Andreas P., der ein ganz großer Kenner und Liebhaber der Kultur und Philosophie des 18. Jhd. war.



François Boucher: Les présents du berger ou Le nid (Paris, Louvre)
(um 1740)
H. : 0,98 m. ; L. : 1,46 m.

Fasziniert und „in den Bann geschlagen“ hat mich Les présents du berger ou Le nid des bedeutenden Rokoko-Malers François Boucher. Da ist einmal diese wunderbar duftige und zugleich traumhafte Atmosphäre, die ein paradiesisches Gefühl der Leichtigkeit und Unbeschwertheit hervorruft, nicht zuletzt durch die wunderbar klaren und „reinen“ Farben. Und zum anderen verrät dieses Bild den Geist und die Kultur des 18. Jhd. in einer wahrlich meisterhaften Farb- und Bildkomposition. Es gibt in der Bildgestaltung deutliche Entsprechungen zu Charmes de la vie champêtre (s.u.!) von 1737



– doch ist Boucher hier finde ich in der Wahl der Bildmittel weit radikaler. Gemeinsam ist beiden Bildern die Art, wie zwei Bildebenen (Vordergrund-Hintergrund) voneinander abgegrenzt werden durch den Warm-Kalt-Kontrast, sogar einen komplementären, nämlich Blau-Orange. Das ist wahrlich erstaunlich, denn es weist voraus auf die moderne Malerei, den Impressionismus, etwa Auguste Renoir, der ein völlig kontrastloses Bild malt und Raumtiefe nur durch einen solchen Warm-Kalt-Kontrast erzeugt. Auch ergibt sich bei Boucher der „Blickeffekt“ in die Tiefe, wie man ihn aus der romantischen Malerei (wie bei C. D. Friedrich) kennt: Es wird der Mittelgrund sozusagen ausgespart, so dass das Auge vom Geschehen im Vordergrund durch ein ästhetisches Schaufenster gleich nach hinten in die Tiefe und Weite eindringt.

Während Charmes de la vie champêtre die doch eher konventionelle Szene eines locus amoenus schildert – der Liebhaber stellt seiner Geliebten nach – ist Les présents du berger ou Le nid ein „philosophisches“ Bild über das Verhältnis von menschlicher Gesellschaft und Kultur. Der Farbkontrast, er ist in Charmes de la vie champêtre zwar da, wird aber abgemildert, so dass es einen kontinuierlichen Übergang vom Vorder- zum Hintergrund gibt: Die Menschengruppe nutzt den außermoralischen Naturraum für ihre die gesellschaftliche Konvention missachtenden amourösen Abenteuer. Dagegen werden Vorder- und Hintergrund in Les présents du berger ou Le nid zum elementaren Kontrast, zu gegeneinander abgezirkelten Sphären. Die Naturlandschaft im kühlen Blauton als Symbol traumhafter Ferne setzt sich als Hintergrund vollständig ab von der Menschengruppe im Vordergrund, die in einem Raum platziert ist, der von warmen Orange und Gelbtönen exklusiv beherrscht wird, die menschliche Nähe spüren lassen. An diesem wichtigen Detail merkt man nicht zuletzt, dass es sich hier noch um vorromantische Malerei handelt: Die Natur (nicht als reine Natur, sondern als Naturlandschaft freilich, welche wie auch in Rousseaus Spaziergängen von menschlichen Artefakten durchsetzt) ist zwar schon ein Objekt der Sehnsucht, sie selbst bleibt aber anthropomorph im Hintergrund, „Umgebung“ des Menschen: Der Mensch (und sein Verhältnis zur Natur), nicht die Natur selbst steht im Vordergrund der Darstellung. Der Kontrast der beiden Welten wird nun noch unterstrichen durch solche Darstellungsmittel, welche den Gegensatz von Natur und Kultur evozieren. Während die Bäume und Schlingpflanzen eine geradezu phantastische, unkultivierte Wildheit zeigen, bleibt die Frauengruppe im Vordergrund höfisch-modisch gekleidet mit Hut und gar nicht wanderungstauglichen wallenden Stoffen – die vornehme, gebildete Gesellschaft macht einen Spaziergang in die Landschaft und verbleibt dabei doch in einem geschützten Kulturraum – an der Grenze und Schwelle zur Natur.

Geradezu bildnerisch virtuos, wie Boucher die Gestalt des Hirten platziert. Boucher hätte ihn ja auch inmitten der Schafe zeigen können, die er hütet. Aber genau das geschieht nicht im Bild! Statt dessen verwächst der Hirte fast mit dem „wild“ gewachsenen Baum und auch das Blau seine Kleidung sagt: er gehört zur Natur, im Bild zum Hinter- und nicht Vordergrund, schaut gleichsam „von außen“ auf die Gesellschaft. Gleichwohl ist er eine Art dämonisches Zwischenwesen, was zwischen Natur und menschlicher Welt vermittelt. Das zeigt sein mit den warmen Farben des Vordergrundes gemaltes Gesicht – wenn er mit dieser Frauengruppe redend kommuniziert, dann tritt er aus der Natur heraus, befindet sich also sowohl innerhalb als auch außerhalb. Geradezu hingerissen bin ich von Bouchers Farb-Dramaturgie. Er setzt nämlich links im Hintergrund mit dem strahlenden Blau einen Schwerpunkt, der mit der blauen Jacke des Schäfers korrespondiert. So entsteht nicht nur eine Kreisbewegung in der Blickführung (von rechts in der Mitte nach links unten und dann zum Hintergrund) sondern die Figur des Schäfers wird Anlass zum Träumen als Ausdruck von Sehnsucht („vom Bildzentrum aus blickend in die Ferne schweifen“) nach einem Leben in Harmonie mit der Natur.

Und die Figuren im Vordergrund? Es sind gebildete Damen aus der Gesellschaft, fein kultiviert, die nach Berührung mit der Natur suchen (die Schafe, hier als Kulturtiere im Vordergrund dargestellt, sehen fast aus wie die Exemplare eines Streichelzoos von heute), denen es aber wohl um Naturstudien geht. Man sieht einen Käfig, in dem offenbar Tiere gefangen werden und auch gepflückte Blumen. Zentral ist wiederum die Art der Begegnung von Mensch und Natur. Der Schäfer ist hier gerade kein Liebhaber, der die schönen Damen irgendwie bedrängt. Das Verhältnis ist vielmehr das – die schwerelose Leichtigkeit der Farbgebung unterstützend – distanziert-entspannte geselliger Konversation. Boucher gibt hier ein schön anmutendes, anmutiges Bild der Geselligkeitskultur, wie sie das 18. Jhd. entwickelt hat. Die Geste des Schäfers ist die des Zeigens – er deutet mit dem Finger auf das Nest. Das Verhältnis von Natur und Kultur – es ist damit kein schroffes und brüskes, sondern ebenfalls durch entspannte, gesellige Konversation bestimmt, welche jegliches Unfreundliche und Anstößige meidet: Das Verbindende zwischen dem Schäfer als Gestalt der Naturlandschaft und der städtischen Gesellschaft besteht also in lockerer und freier, geselliger Bildung, dabei stets mit Taktgefühl und Achtung die Würde der Person wahrend. Wie viel uns ein solch grandioses Bild doch sagen kann – ganz ohne die umständliche Gelehrsamkeit einer historischen Abhandlung!

Schöne Grüße
Holger

Dieter Stockert

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Registrierungsdatum: 27. September 2014

2

Dienstag, 29. Dezember 2015, 20:21

Eine schöne Beschreibung, die Du uns da gibst. Ich rätsle jetzt über die beiden Figuren auf dem gemauerten Wasserauslass (ist es eine Quelle oder nur der Auslass eines Bächleins, das hier zum Wasserfall wird?), die im Verhältnis zur Personengruppe im Vordergrund schier riesig sind.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Dr. Holger Kaletha

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3

Dienstag, 29. Dezember 2015, 23:46

Ich rätsle jetzt über die beiden Figuren auf dem gemauerten Wasserauslass (ist es eine Quelle oder nur der Auslass eines Bächleins, das hier zum Wasserfall wird?), die im Verhältnis zur Personengruppe im Vordergrund schier riesig sind.
Lieber Dieter,

wenn man im Louvre das Originalbild vor sich hätte... :) Ich denke, das sind Barock-typische, verspielte Putten. Das hast Du gut gesehen: Die Größen sind in diesem Bild in der Tat nicht "realistisch" - der Schäfer ist im Vergleich zum Baum, an den er sich lehnt, ja auch eigentlich viel zu groß und ebenso im Verhältnis zu der Frauengruppe im Vordergrund. Es ist eben eine Art paradiesisches Traumbild, so deute ich es jedenfalls. Das ist im übrigen lange Tradition der Malerei, dass die Größe der Figuren nach ihrer "Bedeutung" bestimmt wird, z.B. hier bei Cimabue:



:hello:

Herzlich grüßend
Holger