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Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

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Donnerstag, 30. März 2017, 17:31

BIALAS, Günter: DIE GESCHICHTE VON AUCASSIN UND NICOLETTE

Günter Bialas (1907-1995):
DIE GESCHICHTE VON AUCASSIN UND NICOLETTE
Oper in dreizehn Bildern mit einem Prolog
Libretto von Tancred Dorst nach einer picardischen Liebeserzählung aus dem 13. Jahrhundert

Uraufführung am 12. Dezember 1969 im Münchner Cuvilliés-Theater


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Aucassin, Sohn des Grafen von Beaucaire (Bariton)
(im 8. und 9. Bild: Tänzer)
Nicolette, eine dunkelhäutige Schönheit (Sopran)
(im 8. und 9. Bild: Tänzerin)
Graf Garin von Beaucaire (Bass)
Vizgraf / Lehrer (Bass-Bariton)
Cirage, schwarze Amme (Mezzosopran oder Alt)
König von Karthago (Tenor)
Anton 1 bis 3 (Tenor, Bariton, Bass)
Die 3 Antons übernehmen zusätzlich folgende Partien:
Drei Köhler - Drei Wesire - Wegweiser - Herr und Frau Bartholomée - Drei Soldaten - 2 Mörder -
Riese - Stimmen des Waldes - Stimmen der Delphine - Stimmen des Windes
3 Soldaten (Tänzer)
2 Mörder (Pantomime)
2 Antipoden (Tänzer)
Seefahrer (Pantomime)
Schweine, Metzger, Angelique, Sylvia (Tänzer)
Valence (stumme Rolle)
Kleiner Kinderchor (etwa 5)
Bürger beiderlei Geschlechts von Torelore

In sagenhafter Märchenzeit.


INHALTSANGABE

Prolog (Vor geschlossenem Zwischenvorhang.)

Die drei Antons richten an das Publikum die Frage, ob es eine Liebe, wie die jetzt vorzustellende zwischen Aucassin und Nicolette, überhaupt geben kann. Denn in der Zeit, in der diese Geschichte spielt, ward sie nicht gerne gesehen - nicht nur durch den Standesunterschied der beiden (Nicolette war von unbekannter Herkunft), sondern auch, weil die Schöne eine dunkelhäutige Frau war. Aber vielleicht wissen wir ja alle am Ende des Stückes mehr...

Anton 1 öffnet den Zwischenvorhang.

Erstes Bild (Garten von Beaucaire.)

Aucassin gibt seiner großen Liebe Nicolette gerade Unterricht in seiner, der französischen Sprache, als der Vizgraf hinzutritt und ihn vor dem Zorn des Vaters warnt: Der Graf von Beaucaire ist strikt gegen die Verbindung seines Sohnes mit der dunkelhäutigen Schönheit. Die Warnung prallt jedoch an Aucassin ab, er träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Nicolette. Auch die nachgeschobene Drohung des Vizgraf, dass Aucassins Vater die Schöne als Hexe verbrennen lassen könnte, führt zu keinem Umdenken. Der Vizgraf gibt auf und spricht nun vom Krieg (dessen Hintergrund erst später klar wird), doch auch dieses Thema interessiert Aucassin nicht. Der Französisch-Unterricht ist ihm wichtiger, der Krieg muss warten.

Anton 2 zieht den Zwischenvorhang zu und erläutert, dass der alte Graf über die Haltung Aucassins wütend wurde und in der Nacht durch seine Getreuen Nicolette entführen und in einen Turm werfen ließ. Alle mussten schweigen, niemand durfte von dem Versteck erfahren; der Graf bestimmte dann Nicolettes Amme, die ebenfalls dunkelhäutige Cirage, zur Bewacherin. Zwischenvorhang auf.

Zweites Bild (Vor der Burg Beaucaire.)

Aucassin reagiert entsetzt, als er seine Liebste nicht vorfindet. Er irrt er überall suchend herum - in den Räumen der Burg, in der Stadt, aber Nicolette bleibt verschwunden. Dass sein Vater hinter dem Verschwinden steckt, ist ihm natürlich klar, doch als er mit dem Vater darüber reden will, spricht der alte Graf sofort von dem grausamen Krieg, den der Herr von Valence gegen Beaucaire angezettelt hat. Verantwortungslosigkeit ist der Vorwurf, den sich Aucassin anhören muss. Die Tirade des Alten haben in Aucassin einen Gedanken aufkommen lassen, den er jetzt vorträgt: Er will in den Kampf eingreifen, verlangt aber, bei einem Sieg seine Geliebte wiedersehen zu dürfen. Ein Verlangen, das dem Alten nicht gefällt, dem er aber er schließlich doch zustimmt.

Zwischenvorhang zu. Anton 3 berichtet, dass Aucassin in die Schlacht zog, und zwar dorthin, wo sie am schlimmsten wütete.

Drittes Bild (Die hohen Mauern der Burg.)

Während sich die Truppen derer von Beaucaire und Valence gnadenlos bekämpfen, stehen der alte Graf und sein Vize auf dem Wehrgang, beobachten und kommentieren das Geschehen - und das ist für sie beunruhigend, denn die fremde Soldateska drängt die eigenen Kräfte in die Defensive. Die Wende kommt aber, als (die drei Antons in der Rolle von valencianischen) Soldaten laut den Kopf von Aucassin fordern. Das stachelt den nahe an der Niederlage agierenden Grafensohn wütend an: Er stürzt sich erneut todesmutig in den Kampf und reißt dadurch auch seine Männer mit, denen auf einmal der Sieg und die Gefangennahme des Grafen von Valence gelingt. Als der dann vor seinem Standesgenossen, dem alten Grafen, steht, muss er sich nicht nur Vorwürfe über das Wüten seiner Truppe unter der Landbevölkerung anhören, sondern auch körperliche Übergriffe gefallen lassen.

Aucassin beachtet das Scharmützel der beiden alten Männer nicht weiter, er denkt nur noch an seine Nicolette und fordert vom Vater die Einlösung des mündlichen Vertrages. Der Alte ist, wie sich jetzt zeigt, ein guter Schauspieler, denn er behauptet, nichts von einen Vertrag zu wissen. Das bringt den Herrn Sohn zu offener Empörung und einer folgenschweren, unüberlegten Tat: Er lässt den Grafen von Valence frei und wird dafür auf Befehl seines Vaters von Kriegsknechten entwaffnet und (mit einem Sack über dem Kopf) in den Kerker geworfen. Als der alte Graf abgeht, lässt er gegenüber seinem Vize die Bemerkung „Die Hexe muss weg!“ fallen.

Anton 1 schließt den Zwischenvorhang und erklärt, dass Aucassin im Gefängnis immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand schlägt, schließlich aber einsieht, dass diese Tortur nutzlos ist. Weil er durch die Gitterstäbe den Frühling der Provence riecht, stimmt er ein Lied an, während Anton 1 den Vorhang zum 4. Bild zurückzieht.

Viertes Bild (Simultanbühne: Rechts Aucassin hinter Gittern, links Nicolette auf einem Turm, eine niedrige Mauer dazwischen; vor dem Turm sitzt Cirage, strickend.)

Nach einer Romanze, in der Aucassin über seine verlorene Liebste klagt und Nicolette vom Turm her ihre eigenen Ängste, durch gedungene Mörder des alten Grafen getötet zu werden, ausdrückt, kommt es zu einem Zwiegespräch zwischen Nicolette und der Amme Cirage, in dem es nicht nur um die Liebe, sondern auch um Nicolettes Flucht geht. Und Cirage ist tatsächlich bereit, ihrer Nähr-tochter zur Flucht zu verhelfen. Sie gibt aber auch zu, Angst zu haben, weil man sie für ihre Taten töten wird.

Während Nicolette abgeht, sich aber mehrmals umdreht und Cirage zuwinkt, wird das Licht am Turm langsam dunkler, erleuchtet wird dafür die andere Seite mit Aucassins Gefängnis, auf das Nicolette zugeht.

Nicolette teilt Aucassin ihre Entschlossenheit mit, dem Land zu entfliehen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlt. Sein Vater lehnt sie als Schwiegertochter ab und wird sie töten lassen. Aucassin geht mit keinem Wort auf die schlimmen Vorwürfe ein, sondern versucht mit immer neuen Argumenten, Nicolette von der Flucht abzubringen - und scheitert. Nicolette geht, trotz lauten und wehleidigen Rufens von Aucassin, eilig ab.

Das Licht strahlt auf den Turm; zwei Mörder umschleichen ihn (als Tanzpantomime), Cirage ist nur als Silhouette sichtbar.

Die beiden Mörder glauben, dass sie in Cirage die gesuchte Nicolette gefunden haben. Als die aber ihren Schleier lüftet, nehmen die Männer, den Irrtum bemerkend, Reißaus.

Das Licht erlischt; Anton 2 zieht den Zwischenvorhang zu und Anton 3 erklärt dabei Nicolettes Weg in den Wald. Anton 2 zieht den Zwischenvorhang zurück zum 5. Bild; es bildet den Waldrand mit einer seitlich sichtbaren Köhlerhütte ab. Die Köhler werden von den 3 Antons dargestellt.

Fünftes Bild (Im Wald; Nicolette und die Köhler.)

Nicolette tritt, ihre Schritte in der gelernten französischen Sprache zählend, auf die Szene, während aus dem Wald unheimliche Stimmen zu hören sind. Das macht sie ängstlich wie unentschlossen und drückt das in einer Arie aus: Geht sie in den Wald zurück, wird sie vom Wolf getötet; wartet sie bis zum Morgengrauen, werden die Häscher sie hier finden und als Hexe verbrennen. Dieses Schicksal wird sie aber auch in der Stadt ereilen, weshalb sie dahin ebenfalls nicht zurück kann. Die Situation abwägend wählt sie schließlich den Tod durch den Wolf und geht auf den Wald zu. Der Weg führt an der armseligen Köhlerhütte vorbei, deren Bewohner, ein Köhler mit seinen zwei Söhnen, sich ihr gegenüber sehr ablehnend verhalten. Erst als sie ihre wenigen Groschen als Lohn anbietet, wenn jemand in die Stadt zu Aucassin eilt und ihn zur Jagd auf eine Hirschkuh auffordert, tauen sie auf.

Anton 1 schließt den Zwischenvorhang und kündigt an, in die Stadt zu eilen, um sich die Groschen Nicolettes zu verdienen. Inzwischen ziehen sich die beiden anderen Antons für ein Fest, bei dem sie die Eheleute Bartholomée darstellen werden, um. Nach ihrer Maskerade öffnen sie gemeinsam den Zwischenvorhang.

Sechstes Bild (Das Fest.)

In der Burg des Grafen von Beaucaire wird eine pompöse Siegesfeier abgehalten. Während eines pantomimischen Tanzes strahlt der alte Graf vor großer Freude über den Sieg: Der Krieg war gut, denn nun gehöre die Grafschaft Valence zum eigenen Territorium. Und dass er mit nur zweitausend Gefallenen, fast nur Bauern und Gemeine, errungen wurde, ist doch hervorragend, denn es wurde ja aufgeräumt unter den Dummen! Aber die gute Laune ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die „Hexe“ endlich fort ist und Aucassin sich wieder gefangen hat, wenn er momentan auch noch den Kopf hängen lässt; das wird sich aber wieder geben. Unterdessen hat eine Komödie begonnen, die jene oft behauptete Unvereinbarkeit von Männern und Frauen behandelt und von Anton 2 und 3 als Eheleute Bartholomée dargestellt wird. Während des Spiels geht Anton 1 als Köhlerjunge auf den traurig drein blickenden Aucassin zu und fordert ihn auf, im Wald zu jagen, denn dort werde er von einer „brunftigen Hirschkuh“ voller Ungeduld erwartet. Aucassin versteht, wer hinter der Nachricht steckt und beeilt sich, in den Wald zu kommen. Derweil geht das Fest mit Tanz und Gesang weiter...

Der Vorhang fällt zur anschließenden Pause.

Siebtes Bild (Wald; Aucassin und der Riese.)

Als Aucassin auf die Szene kommt, zuckt er zusammen: Ein Riese steht vor ihm - und winselt um Gnade. Es stellt sich heraus, dass ihm ein Ochse weggelaufen ist und dass er in Aucassin den vom Patron geschickten Bestrafer sieht. Seine Angst ist jedoch sofort verflogen, als Aucassin ihn über seine Identität und sein Vorhaben aufklärt. Der Riese bietet sich schließlich an, bei der Suche nach Nicolette zu helfen; er steigt auf einen der höchsten Bäume, sieht sich um, kann sie aber nicht sehen und lässt Aucassin dann einfach stehen. Der klagt daraufhin in einer Canzone der Natur sein Leid und macht sich dann erneut auf den Weg, seine Liebste zu suchen.

Währenddessen sind die 3 Antons in der Rolle des Köhlervaters und seiner zwei Söhne unbemerkt hinzugekommen und gehen nun Aucassin heimlich nach.

Achtes Bild (Eine Laube im Wald.)

Pantomime: Nicolette baut noch an der Laube, als Aucassin auf die Szene kommt. Als sie sich erkennen, sind sie stumm vor Entzücken. Ohne sich zu berühren gehen sie in die Laube und der Köhlervater beobachtet durch Lücken das Geschehen im Inneren, dabei hält er seine beiden Söhne auf Abstand. Ein Trompeter und ein Klarinettist treten aus dem Orchester an die Rampe und spielen für Aucassin und Nicolette eine Serenade. (Dazu kann ein Pas de deux getanzt werden.) Dann zieht Anton 2 den Zwischenvorhang zu, wirft den Köhleranzug ab und erklärt dem Publikum den Weg der Verliebten: Zunächst trägt Aucassin seine Nicolette auf dem Arm, dann gehen sie Hand in Hand, später auch wechselnd hintereinander weiter. So gehen sie durch dreißig Grafschaften, an fünfzehn bekannten Städten vorbei und über etliche Gebirge. Als sie schließlich auf einer Weide zwei Pferde entdeckten, reiten sie auf ihnen weiter und weiter...

Neuntes Bild (Beide zu Pferde; Pantomime vor bewegtem Hintergrund.)

Das kurze Frage- und Antwortspiel dreht sich um die Entfernungen zu bestimmten Punkten in der Landschaft: Eine halbe Stunde über das Feld, bis zum nächsten Hügel wird es Abend sein. Dann folgen viele Weinberge und Hügel. Wo endet es? Sie wissen es nicht! Hält ihre Liebe das aus? Beide behaupten von sich, dass sie es aushalten wird. Und sie reiten weiter...

Anton 3 schließt den Zwischenvorhang und maskiert sich als Wegweiser, während Anton 2 erklärt, dass die armen Pferde vor Erschöpfung starben und Aucassin und Nicolette zu Fuß weiter gingen. So kamen sie zu einer Stadt, die nahe am Meer lag. Jetzt wird der Zwischenvorhang von den Antons 1 und 2 wieder zurückgezogen. Eine Wegkreuzung; hinten das Panorama der Stadt Torelore. Anton 3 stellt sich als Wegweiser auf.

Zehntes Bild (Die phantastische Stadt Torelore.)

Aucassin und Nicolette kommen erschöpft auf die Szene; sie bekennt, nicht mehr weitergehen zu können und beklagt sich, dass sie das Meer nicht sehen kann. Er aber meint, das Meerwasser schon riechen zu können, dass es also nicht mehr weit sein kann. Dann sollten sie den Rest noch gehen, schlägt Nicolette vor, denn sie möchte ihre brennenden Füße ins Wasser halten. Doch für Aucassin ist das Meer uninteressant, eher schon die Stadt, die fluoreszierend im Hintergrund zu sehen ist. Er geht zu dem Wegweiser und fragt nach dem Namen und erfährt, dass sie Torelore heißt. Aucassins Entschluss steht fest: Er wird dorthin gehen und den Herrn der Stadt begrüßen. Nicolette ist traurig, dass er sie verlässt.

Nicolette läuft Richtung Meer davon und Aucassin geht auf die immer stärker leuchtende Stadt zu.

Und dort traut er seinen Augen nicht: Er steht vor einer Antipoden-Stadt! Hier gehen die Menschen auf den Händen, hier führen die Frauen Kriege und die Männer gebären Kinder, die dann später das Richteramt ausüben. Und der König dieser Stadt, so erfährt Aucassin, liegt im Kindbett. Nein, rufen andere, der liegt zwar im Bett, aber mit einem Messer im Kopf! Dann kann es, vermutet Aucassin, nur ein Tyrannenmord gewesen sein und das war dann eine gute Tat! Aber keiner will es gewesen sein. Den ganzen Widersinn des Lebens in Torelore erfährt Aucassin, als eine tobende Kinderschar in Richter-Roben mit ihrem Lehrer (der, so stellt Aucassin erstaunt fest, dem Vizgraf bis aufs Haar gleicht) und einer großen Puppe auftritt. Über sie soll nun Gericht gehalten werden.

Doch nachdem die Kinder-Richter Platz genommen haben, wird mit lautem Getöse ein Metzger von Schweinen (Tänzer) über die Bühne gejagt, gefangen genommen und sofort geschlachtet. Während sich die Bürger erschrocken zeigen, klatschen die Kinder mit Bravo-Rufen laut Beifall.


Der Lehrer versucht, mit seinem Zeigestock Ruhe in die Runde zu bringen, scheitert aber damit. Die Kinder haben Gefallen an der Puppe gefunden, wollen nicht mehr über sie richten, sondern sie zum König ausrufen. In diesem Moment fliegt eine Taube herein, lässt einen Brief fallen und fliegt wieder hinaus. Die Kinder balgen sich um das Schriftstück, doch müssen sie feststellen, dass sie zwar alle singen, aber nicht lesen können. Sie wollen daher ein Schiffchen daraus formen und damit über das weite Meer fahren. Der Lehrer sorgt für Ruhe und Anton 1 liest den Inhalt des Briefes vor: Der alte Graf von Beaucaire ist gestorben und Aucassin ist jetzt der neue Graf. Auf Bitten des Lehrers hält Aucassin eine Rede, in der er das Ende der alten Welt und die Freiheit in einer neuen, einer herrlicheren Zeit verkündet. Und er erinnert sich plötzlich an seine Nicolette, ruft sie, bekommt aber keine Antwort; auch die um ihn stehenden Bürger wissen nicht, wo sie ist.

Die Stadt verblasst und verschwindet schließlich. Bis auf Aucassin haben alle die Bühne verlassen. Leise hört man aus dem Off Frauenstimmen, die mehrmals das Wort „Sarazenen“ formulieren und Aucassin ruft leise den Namen seiner Geliebten. Anton 2 und 3 ziehen den Zwischenvorhang und berichten dabei, dass Nicolette ihre Füße im Meer gewaschen habe, dass Sarazenen sie überrascht haben und auf ein Schiff entführten.

Elftes Bild (Nicolettes Meerfahrt; Pantomime.)

Das Schiff gleitet bei schönem Wetter über das Mittelmeer und Nicolette lauscht dem Gesang der als intelligent bekannten Delfine, doch versteht sie die Tiere nicht, denn die singen in lateinischer Sprache - mal ein Solo, mal nur einige, mal als Tutti.

Anton 1 schließt den Zwischenvorhang und zieht sich dann mit den beiden anderen Antons auf der Bühne zu Wesiren um. Dazu erklingt Musik „alla turca“.

Zwölftes Bild (Karthago; am Meeresstrand stehen der König und seine drei Wesire.)

Das Quartett sieht gelangweilt auf das Meer hinaus und man stellt in geeinter Melancholie fest, dass es heute so wie jeden Tag aussieht:
Diese Traurigkeit! Diese Morgenspaziergänge! Verlorenes Paradies!
Das Meer! Immer die gleichen Wellen! Aber die Traurigkeit.
Der König fragt, ob nicht doch ein Schiff am Horizont zu sehen ist, aber die Wesire verneinen und sie wiederholen den melancholischen Gesang. Doch dann, plötzlich, taucht in der Ferne ein Schiff auf und als es nahe genug ist, vermelden die Wesire dem König eine „kostbare Ladung“, eine Dame nämlich, für die bestimmt ein gutes Lösegeld zu erzielen sein wird. Aber dem Herrscher ist heute nicht am Lösegeld gelegen, sondern an Abwechslung im langweiligen Alltag. Er schickt die Herren zum Schiff, um die Dame in seinem Namen willkommen zu heißen und sie dann vor ihn zu bringen. Als sie vor ihm steht, nimmt er mit zunehmendem Interesse ihre Antworten auf seine Fragen wahr: Sie kommt zwar aus Frankreich, ist aber keine Französin; sie kennt ihre Eltern nicht, sondern wurde als Baby vor achtzehn Jahren während eines Krieges geraubt und nach Frankreich gebracht. Dort kennt sie aber nur den Grafen von Beaucaire und dessen Sohn Aucassin, der sie liebte und sie ihn, während der alte Graf sie hasste, weil sie keine adäquate Schwiegertochter war. Der König bittet Nicolette, ihm ihren Nacken zu zeigen und er erkennt an einem Muttermal sein vor achtzehn Jahren geraubtes Kind wieder. Die unvermutete Familienzusammenführung soll im Lande gefeiert werden, ordnet der König an (über seine Gattin und die Mutter von Nicolette schweigt das Libretto). Doch die Freude hält bei Nicolette nicht lange an, sie langweilt sich und klagt sieben Wochen später über das tägliche Einerlei.

Die 3 Antons streifen die Kostümierung der Wesire ab und schieben danach einen Turm herein, den Nicolette besteigt.

Nicolette ruft den Wind herbei um von ihm Neuigkeiten zu erfahren - und der Wind raunt ihr, etwas flattrig zwar, aber doch zu verstehen, den Namen Aucassin zu. Das hebt ihre Laune und sie möchte mehr wissen, worauf der Wind säuselt, dass er Graf von Beaucaire wurde. Dass aber bedeutet doch, freut sich Nicolette, dass der alte Graf gestorben sein musste. Sie empfindet Genugtuung darüber. Dann erfährt sie eine weitere Neuigkeit vom säuselnden Wind: Aucassin wird heiraten! Nicolette glaubt, sich verhört zu haben und reagiert wütend, als die „flattrige“ Wiederholung der Nachricht die Heiratspläne ihres Geliebten bestätigt: Dann soll er doch heiraten! Sie hat ihn ohnehin längst vergessen! Außerdem hat sie sich mit einem schönen Mann, einem Sultan, verlobt! Doch langsam schwindet die Wut und Traurigkeit überkommt sie...

Die Antons ziehen den Zwischenvorhang und zeigen in einer Pantomime, wie der Wind von Afrika Nicolette nach Beaucaire bringt. Dann öffnen sie den Vorhang wieder.

Dreizehntes Bild (Glückliches Ende; Saal in der gräflichen Burg zu Beaucaire.)

Der Vizgraf ist gerade bemüht, Aucassin mit einer Parade adliger Damen eine Heirat schmackhaft zu machen, schließlich hat er ja auch dynastische Pflichten zu erfüllen. Da treten zum Beispiel die jungen Damen Angelique und Sylvia nacheinander vor Aucassin.
(Tänzerinnen stellen pantomimisch die Damen in der Art von Automaten dar.)
Doch Aucassin muss immer an Nicolette denken und lehnt deshalb beide Bewerberinnen ab. Aber dann kommt eine gewisse Margot auf die Szene, für deren Körperfülle und Hässlichkeit der Vizgraf nach schmeichelhaften Worten suchen muss, damit der junge Graf nicht ausrastet. Doch genau diese Margot begeistert Aucassin, denn sie erinnert ihn nicht an Nicolette - die er schließlich immer noch liebt - und deshalb wird er diese Margot heiraten. Plötzlich aber wirft sie ihre hässliche Verkleidung ab und steht zu aller Überraschung als Nicolette da.

Anton 1 berichtet, dass sie sich einen Tag und eine Nacht wortlos gegenüberstanden. Dann legt der glückliche Aucassin seinen Arm um Nicolette und beide gehen ab. Anton 1 und zwei ziehen langsam den Zwischenvorhang zu.

Finale

Abwechselnd berichten die drei Antons, dass ein großes Fest gefeiert wurde, dass es ein Feuerwerk gab, dass sechshundert Schweine geschlachtet und achthundert Fässer Wein geleert wurden. Dazu wurden vierzig Reden gehalten und später dreiundfünfzig Kinder je nach Geschlecht auf die Namen Nicolette oder Aucassin getauft und doppelt so viele an diesem Tag gezeugt. Aucassin erließ an die sechsundfünfzig Gesetze, die alle gebrochen wurden, stiftete Frieden, begann einen Krieg und so wurden zwanzig Menschen reich, tausend arm. Trotzdem ging es allen besser als zuvor und alle, die singen konnten (und das konnten alle!) sangen:
Gott schütze alle, die sich lieben!


INFORMATIONEN ZUM WERK

Die Uraufführung der hier vorgestellten Oper am 12. Dezember 1969 an der Bayerischen Staatsoper in München dirigierte Matthias Kuntzsch, die Regie lag in den Händen von Dietrich Haugk und die Hauptrollen waren mit Ingeborg Hallstein und Hans Wilbrink besetzt.

Das Libretto zu „Aucassin und Nicolette“ schrieb Tancred Dorst nach einem bereits zu Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstandenen Marionettenspiel, das wiederum auf einer anonymen Chantefable* aus dem 13. Jahrhundert basiert und 1964 von Dorst zu dem Schauspiel „Die Mohrin“ umgearbeitet wurde.
*Eine mittelalterliche Liebeserzählung aus Prosa und Versen (Prosimetrum) bestehend. „Aucassin und Nicolette“ ist das einzige bekannt gewordene Beispiel einer Chantefable, Prosateile werden gesprochen, Verse gesungen.

Bialas' zweite Oper ist (nach des Komponisten eigener Definition) kein Werk im traditionellen Sinn, sondern „unpsychologisches Theater“ mit heiterem Hintergrund. An keiner Stelle wird unterdrückt, dass es sich um ein Spiel handelt. Das wird durch die drei Spielmacher (Antons) deutlich gemacht, die außerdem noch andere Rollen übernehmen müssen und dadurch aus der Bühnen-Wirklichkeit ausbrechen und ständig Kontakt mit dem Publikum halten. Musikalisch verwendet Bialas tradierte Nummern wie Lieder, Arien, Chansons, Ensembles und flechtet Jagd- und Schlachtmusiken ein.


© Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2017
unter Hinzuziehung des Librettos aus dem Bärenreiter-Verlag (Alkor-Edition)
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