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  • »Reiner_Klang« ist männlich

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Registrierungsdatum: 18. Dezember 2006

61

Mittwoch, 25. Juni 2008, 10:35

Hugo Distler zum 100. Geburtstag

Leider habe ich es gestern leichtsinnig vergessen, daran zu erinnern: am 24. Juni 1908 wurde Hugo Distler geboren. Für mich - trotz seines kurzen Lebens - einer der ganzen Großen!

Schade, daß er trotz seines großen Einflusses auf gleichzeitig und nach ihm lebende Komponisten heute so wenig Beachtung findet.

Meine Hochachtung und Verehrung!

Liebe Grüße :hello:

62

Mittwoch, 25. Juni 2008, 11:13

Zitat

Original von Klawirr
Selbstverständlich kommt es Nono mit seiner Musik auch auf »Kommunikation« an.

Lieber Medard,

möglicherweise habe ich da nicht völlig eindeutig formuliert: Pollini hat von Nono nicht gesprochen. Er ist über abgeblich Neue Musik hergezogen, die sich bemühe, einen kommunikativen Kontext mit dem Publikum herzustellen. Aus dem Zusammenhang wurde klar, dass er Musik meinte, die sich für seine Begriffe zu tonal gebärdet, also auf der Herstellung tonaler Bezüge beruht. Weiter als bis zu dieser Tonalität reiche der Geschmack des Publikums eben nicht, das dann völlig irrig meine, Neue Musik verstanden zu haben, obwohl das gehörte gar keine solche sei.

Der Gedanke, dass Nono in seinen Chorwerken Kommunikation verweigere, war der meine, ich fand ihn durch Pollinis Abweisung von durch tonale Tonsprache den kommunikativen Kontext suchender Musik bestätigt.

Die Verweigerung ist ja auch nur eine teilweise. Indem er sein Chorwerk zur Aufführung freigibt, setzt er es mindestens der Wahrnehmung aus und kann eine Erörterung des Chorwerks - in welcher Form auch immer - nicht verhindern. Was mich irritiert ist seine - von Hermann, a. a. O., Seite 14 - mitgeteilte Haltung, beim Rezipienten nicht ankommen zu wollen, den Response darauf beschränkt sehen zu wollen, dass der Rezipient nachdenken und ihn so verstehen soll. Mit dieser Auffassung passiert nämlich genau das, was Du andeutest: Am Ende ist es immer der Rezipient schuld, wenn er meint, ein Chorwerk von Nono nicht zu verstehen. Entweder hat er schlicht nicht die für Nonos Gedanken - von transportierten Gefühlen kann ja bei dieser Konstruktion schon von vornherein nicht die Rede sein, nach meinem Dafürhalten eine echtes Manko von so angegangener Musik - erforderlichen intellektuellen Fähigkeiten oder aber er hat bewusst in die falsche Richtung gedacht.

Zitat

Original von Klawirr
Aber es ist nicht immer allein die Aufgabe des Künstlers, alles in der Sprache seiner Rezipineten zu formulieren sondern vielleicht ist es hin und wieder auch Aufgabe des Rezipienten sich auch die Codes des Künstlers einzulassen, sich ihnen auszusetzen, ...

Da sind wir uns völlig einig, aber auch wenn ich mich dem Code aussetze und mich mit heißem und innigem Bemühen auf ihn einlasse, nehme ich mir das Recht heraus, das Wahrgenommene auch zu bewerten. Oder siehst Du es so, dass hier ein meditativer Vorgang abläuft, in dem ich allenfalls wertfreier Spiegel des Wahrgenommenen sein sollte?

Wenn ich also bewerten darf, dann sehe ich es so, dass Nono mit seiner Behandlung des Textes, des Wortes, mit der Zerstörung des Sinns, eine Grenze überschritten hat, die ich nicht akzeptieren will. Hermann hebt a. a. O., Seite 12, hervor, dass Nono in seinen Chorwerken sich innerhalb der herkömmlichen stimmtechnischen Grenzen bewegt. Das trifft sicher zu, jedoch habe ich die Erweiterung der technischen Möglichkeiten bei Singstimmen ebenso wie bei Instrumenten stets als eine Bereicherung empfunden. Die Zerstörung der Worte, Sätze, des Sinns kann ich nicht als Bereicherung empfinden. Den Weg, den Nono da geht, will ich nicht mitgehen.

Allerdings berührt mich da auch nichts außer Ärger, aber der wird ja gerade nicht durch die Musik transportiert, sondern ist meine Reaktion auf die von mir nicht akzeptierte Kompositionstechnik.

Ich respektiere Nono für seinen Protest, für die Umsetzung seiner politischen Haltung in seiner Musik. Gerade in Da un diario italiano wird das sehr unmittelbar deutlich - würde es, wenn er nicht den Text, seine Worte und seinen Sinn zerstört hätte. Es ist auch nicht so, dass Nonos Musik mir generell nichts sagte. "... sofferte onde serene ..." beispielsweise mag ich sehr, auch mit "Diotima" kann ich mich auseinandersetzen. In dem Film "Eine Kielspur im Meer" weist Nono auf die Angst der Menschen vor der Stille hin, die nicht verstünden, dass die Stille eine Bedeutung habe. Das Unhörbare und Ungehörte sei es, das die Leere nicht fülle, sondern sie erkunde, sie entdecke, als ob auch wir Teil des Klangs werden könnten und ihn in uns widerhallen ließen. Das geht einher mit Deiner Aussage,

Zitat

Original von Klawirr
..., ohne immer gleich »verstehen« so wollen, was da »gemeint« sein könnte. Kommunikation geht ja nicht nur über den Verstand und im Wort »begreifen« steckt ja – anders als im Wörtchen »verstehen« – etwas tastendes, sinnliches.

Vielleicht willst Du einfach nur zu schnell zu viel von den Werken wissen und verstehen. Und vielleicht schweigen sie Dich gerade deshalb an.

Eigentlich machen Nonos Chorwerke auf dieser CD mich ja eher zornig wegen ihrer kompositionstechnischen Grenzüberschreitung. Dass diese Hilflosigkeit nicht mehr als eine Projektion meiner Angst vor der Stille (Nono) ist, weil ich mich auf Nonos Kompositionstechnik nicht einlassen will, kann ja sein, spielt im Endergebnis aber auch keine Rolle. Mit solchen Totschlagsargumenten von dem "Unhörbaren" und "Ungehörten", und dass ich "Teil des Klangs" werden soll, habe ich eben so meine Probleme ...

Zitat

Original von Klawirr
Andererseits: ...Es gibt ja noch sooo viel andere Musik.

So ist das. Und was Bruckner angeht, kann ich Deinen Abstand mindestens nachvollziehen, da es mir lange genug genauso ging.

Liebe Grüße, Ulrich

Chorknabe

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63

Donnerstag, 4. Dezember 2008, 17:04

Um den Thread etwas zu beleben, möchte ich zwei CDs der Kölner Kantorei vorstellen.



Diese beiden CDs sind außergewöhnliche Zusammenstellungen (mehrheitlich) moderner Chormusik. Die vorgetragenen Chorwerke sind jedoch nicht etwa selten zu hören oder harren in verstaubten Komponisten-Schubladen auf ihre Aufführung, sondern spiegeln vielmehr ein gängiges Konzert- und Wettbewerbsrepertoir der Chorlandschaft in Mitteleuropa wider. Dabei zeigen sie auf, das moderne Vokalmusik nicht nur spannend und abwechslungsreich ist, sondern dass sie sich beim Konzertpublikum großer Beliebtheit erfreuen.

Neben bekannten Komponisten wie Messiaen, Penderecki oder Poulenc sind auch wichtige Chormusikgrößen wie Miskinis, Busto, Burckhard und Nystedt vertreten:


Buch der Psalmen
Heinrich Kaminski - Psalm 130 (Aufruf der Tiefe rufe ich, Herr)
Vic Nees - Psalm 130 (De profundis clamavi)
Krzysztof Penderecki - Psalm 130 (De profundis)
Charles Ives - Psalm Settings: Psalm 67
Jens-Peter Ostendorf - Psalm 67 (Deus misereatur nostri)
Willy Burkhardt - Psalm 13 (Herr, wie lange willst du mein so gar vergessen)
Egil Hovland - Psalm 13 (How Long, O Lord)
Leland B. Sateren - Psalm 46/Psalm 72 (The Works Of The Lord)
Knut Nystedt - Psalm 77 (I Cry Alodu To God)
Hugo Distler - Psalm 98 (Singet dem Herrn eine neues Lied)
Vytautas Miskinis - Psalm 98 (Cantate Domino)
Francis Poulenc - Psalm 81 (Exultate Deo)
John Hoybye - Psalm 100 (Jubilate Deo)
Knut Nystedt - O crux op. 79


Lux aeterna
Max Reger - Du höchstes Licht
Max Reger - Nachtlied
Max Reger - Der Mensch lebt
C. Villiers Stanford - Beati quorum via
Sigfrid Karg-Elert - Requiem aeternam
Johannes Klassen - Domine, salvum fac populum tuum
Max Baumann - Ave Maria
Willy Burkhard - Gottes Bund mit Noah und der Regenbogen (aus Die Sintflut)
Hugo Distler - Ich wollt', dass ich daheime wär'
György Ligeti - Lux aeterna
Knut Nystedt - Immortal Bach
Edwin Fissinger - Lux aeterna
Olivier Messiaen - O sacrum convivium
Vytautas Miskinis - O sacrum convivium
Javier Busto - Ave Maria
Vytautas Miskinis - Ave Maria
Colin Mawby - Alleluia, Christus resurrexit
Jósef Swider - Cantus gloriosus


Echte Entdeckungen für mich sind Edwin Fissingers Lux aeterna, John Hoybyes Jubilate Deo (Psalm 100) und Max Baumanns Ave Maria.

Die Kölner Kantorei unter der Leitung von Volker Hempfling aggiert auf einem wirklich beachtlichen Niveau. Der Chorklang ist geschlossen, was den oft komplexen Akkordschichtungen sehr zugute kommt.Selbst intonatorisch anspruchsvollste Werke wie Ligetis Lux aeterna oder Messiaens O sacrum convivium sind souverän vorgetragen. Manchmal vermisst man bei den hohen Sopranen etwas Lockerheit, was dem Chor an gespannten Stellen etwas angestrengt wirken lässt. Dafür zeigen die Bässe satte Tiefen (hier muss man die Aufnahmetechnik loben, vielen Chor-CDs fehlt es aufgrund aufnahmetechnischer Mängel genau daran). Bei schnelleren und virtuoseren Werken (Distlers Singet dem Herrn ein neues Lied oder die bekannte Fuge "So lange die Erde noch steht" aus Willy Burkhards Die Sintflut beeindruckt der Chor durch eine hohe Präzision.
Insgesamt meine ich, die CD "Lux aeterna" ist etwas besser gelungen als das "Buch der Psalmen".

Für Liebhaber des Chorgesangs und der Chormusik gibt es auf diesen CDs viel zu entdecken! :yes: Daher eine dicke Empfehlung.

Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

Chorknabe

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64

Freitag, 13. Februar 2009, 14:57

Nach einer längerem Pause möchte ich hier wieder einmal eine CD kurz vorstellen:



Enthalten sind zeitgenössiche Chorwerke schwedischer Komponisten. Neben zahlreichen unbekannten Komponisten erfreuen sich zumindest Sven-David Sandström und Thomas Jennefelt größerer Bekanntheit.

Inhalt:
+ Sven-David Sandström - Laudamus te
+ Bo Hansson - Som när handen
+ Joakim Unander - O vos omnes
+ Tomas Jennefelt - Bön
+ Tomas Jennefelt - Vinamintra elitavi
+ Bror Samuelsson - Ave maris stella
+ Sven-David Sandström - Veni sancte spiritus
+ Sven-Erik Bäck - Se vi ga upp till Jerusalem
+ Georg Riedel - Psalm 148
+ Johan Hammerth - Agnus Dei
+ Anders Hillborg - Muoayiyoum

Die Kompositionen wirken allesamt ausgesprochen baltisch. Meist bestehen die Werke eher aus flächig angelegten, komplexen (aber keineswegs atonalen!) Klängen.

Ganz besonders herausheben möchte ich die Komposition Muoayiyoum von Anders Hillborg. Das Werk wird vollständig von stetigen Repitationen durchzogen und ist damit extrem minimalistisch aufgebaut. An zahlreichen Stellen erinnert mich die Musik extrem an Steve Reich oder John Adams ("Harmonium). Überspannt wird die Musik zusätzlich durch weit tragende Klangflächen, welcher der Musik die Hektik nehmen und im Gegenteil regelrecht meditaiv wirkt. Daneben finden auch ungewöhnliche Stilelemente wie Mirkointervalle und Obertöne Verwendung in der Komposition Hillborgs.

Ein wirklich in jeder Hinsicht außergewöhnliches Chorwerk, ich kenne nichts auch nur annähernd vergleichbares. Es ist eines dieser Perlen, welche man mit großem Glück ab und an entecken kann. :jubel: :jubel: :jubel:

Der St. Jacob's Chamber Choir unter seinem leiter Gary Graden aggiert auf einem sehr hohen Niveau. Der Chorklang ist ebenfalls sehr baltisch, gerade die Frauenstimmen sind sehr gerade geführt. Insgesamt wirkt der Chorklang sehr reif, was gerade den Klangflächen bei Sandström und co sehr zugutekommt.

Für Freunde der modernen Chormusik ist diese CD mit Sicherheit eine Bereicherung. :yes:

Chorknabe

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65

Donnerstag, 5. März 2009, 17:46

Hallo,

ich möchte auf folgende CD aufmerksam machen:



Enthalten sind folgende Werke:

György Ligeti
* Sonata for solo viola - 1. - Hora lunga
* Lux aeterna (Motette)
* Sonata for solo viola - 3. - Facsar
* Drei Phatansien nach Hölderlin
* Sonata for solo viola - 2. - Loop

Robert Heppner
* Im Gestein (cycle of six choral songs)
* Libera me, Domine

Das bekannte Lux aeterna ist sehr transparent interpretiert. Die meisten Einspielung welche ich kenne, gehen hier nebulöser und flächiger zu Werke, mit allen und Vorteilen. Insofern ist diese Einspielung eine Bereicherung.

Eine positive Überraschung sind für mich die Chorwerke Robert Heppners. Bislang war mir dieser Komponist völlig unbekannt. Die Musik verträgt sich gut mit der Ligetis, insofern ist die Zusammenstellung auf deiser CD sehr geglückt. :yes:

Die Capella Amsterdam unter Daniel Reuss (ehemals Leiter des RIAS-Kammerchores, nunmehr Leiter des Estonian Philharmonic Chamber Choirs) aggiert übrigens auf einem sehr hohen Niveau und gefällt durch einen agilen und geschlossenen Chorklang. Für meinen Geschmack ist der Klang insgesamt man etwas zu durchsichtig, was jedoch auch an der Aufnahmetechnik liegen kann.

Insgesamt jedoch eine in jeder Hinsicht zu empfehlende CD! :yes:

Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

Chorknabe

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  • »Chorknabe« ist männlich

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Registrierungsdatum: 13. Dezember 2006

66

Freitag, 6. März 2009, 15:55

Zitat

Original von Chorknabe


Diese beiden CDs sind außergewöhnliche Zusammenstellungen (mehrheitlich) moderner Chormusik. Die vorgetragenen Chorwerke sind jedoch nicht etwa selten zu hören oder harren in verstaubten Komponisten-Schubladen auf ihre Aufführung, sondern spiegeln vielmehr ein gängiges Konzert- und Wettbewerbsrepertoir der Chorlandschaft in Mitteleuropa wider. Dabei zeigen sie auf, das moderne Vokalmusik nicht nur spannend und abwechslungsreich ist, sondern dass sie sich beim Konzertpublikum großer Beliebtheit erfreuen.


Eine weiter CD der Kölner Kantorei hat den Weg zu mir nach hause gefunden. Und auch für diese gilt uneingeschränkt das zu den obigen CDs bereits gesagte.



Mit Menschen und Engelszungen
* Felix Mendelssohn Bartholdy - Gloria sei dir gesungen
* Hugo Distler - Wachet auf, ruft uns die Stimme
* Eric Whitacre - Lux aurumque
* Knut Nystedt - Peace I leave with you
* Wolfram Buchenberg - Als vil in gote, als vil in vride
* Felix Mendelssohn Bartholdy - Denn er hat seinen Engeln
* Volker Wangenheim - Audiam quid loquatur
* Eric Whitacre - hope, faith, life, love...
* Eric Whitacre - Cloudburst
* Eric Whitacre - Water Night
* Urmas Sisask - Benedictio
* John Rutter - Cantate Domino
* Merrill Bradshaw - Sing unto the Lord
* Eric Whitacre - Sleep

Auch unter gehobenen Erwartungen kann man die CD genießen. Die Aufnahmequalität ist wieder sehr gut, und auch der Chor aggiert auf einem mehr als annehmbaren Niveau. Leider gibt es bei einigen Stücken einige intonatorische Schnitzer, wo meist Tenor und Sopran deutlich an den Zieltönen vorbei intonieren. Hier hätte eine größere Sorgfalt bei der Produktion Not getan, vermutlich ist dies jedoch auf die (übliche) knapp bemessene Zeit solcher Produktionen zurückzuführen.

Hübsch wiederum sind die von dem offensichtlich sehr großen Chor gesungenen Chorwerke von Whitacre. Die Klangmasse geht zu Lasten der Transparenz, dafür verleihen sie den Klangwolken einen noch unergründlicheren und zugleich mächtigeren Schein. Insofern endlich mal wieder eine Einspielung der Whitacre-Standards (die in den letzten 10 Jahren mit Sicherheit mehr als 100 mal eingesungen wurden..), welche sich positiv abzuheben vermag.

Fazit: Eine sehr schnöne und rundherum stimmige CD.

Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • »Kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 665

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

67

Montag, 4. Januar 2010, 15:11

Zitat

Original von Ulrich Kudoweh
Die Verweigerung ist ja auch nur eine teilweise. Indem er sein Chorwerk zur Aufführung freigibt, setzt er es mindestens der Wahrnehmung aus und kann eine Erörterung des Chorwerks - in welcher Form auch immer - nicht verhindern. Was mich irritiert ist seine - von Hermann, a. a. O., Seite 14 - mitgeteilte Haltung, beim Rezipienten nicht ankommen zu wollen, den Response darauf beschränkt sehen zu wollen, dass der Rezipient nachdenken und ihn so verstehen soll. Mit dieser Auffassung passiert nämlich genau das, was Du andeutest: Am Ende ist es immer der Rezipient schuld, wenn er meint, ein Chorwerk von Nono nicht zu verstehen. Entweder hat er schlicht nicht die für Nonos Gedanken - von transportierten Gefühlen kann ja bei dieser Konstruktion schon von vornherein nicht die Rede sein, nach meinem Dafürhalten eine echtes Manko von so angegangener Musik - erforderlichen intellektuellen Fähigkeiten oder aber er hat bewusst in die falsche Richtung gedacht.

Ich habe den Verdacht, dass das "beim Rezipienten nicht ankommen wollen" eine Art Mißverständnis ist. Man müßte einmal Nonos Äußerungen, auf die das zurückzuführen sein soll, im Kontext betrachten. Nono wollte doch übrigens Musik für die Arbeiter machen und es gab Aufführungen in Fabriken - von intellektueller Onanie mit Publikumsverarschung kann ja wohl nicht die Rede sein ...

Zitat

Wenn ich also bewerten darf, dann sehe ich es so, dass Nono mit seiner Behandlung des Textes, des Wortes, mit der Zerstörung des Sinns, eine Grenze überschritten hat, die ich nicht akzeptieren will. Hermann hebt a. a. O., Seite 12, hervor, dass Nono in seinen Chorwerken sich innerhalb der herkömmlichen stimmtechnischen Grenzen bewegt. Das trifft sicher zu, jedoch habe ich die Erweiterung der technischen Möglichkeiten bei Singstimmen ebenso wie bei Instrumenten stets als eine Bereicherung empfunden. Die Zerstörung der Worte, Sätze, des Sinns kann ich nicht als Bereicherung empfinden. Den Weg, den Nono da geht, will ich nicht mitgehen.

Ich komme als Hörer hauptsächlich von der Instrumentalmusik und als ich mich in meiner Jugend :D mit Nonos Musik angefreundet habe, habe ich mich um den Text nicht gekümmert - außerdem war ich gewohnt, bei Vokalwerken den Text nicht zu verstehen. Die Fragmentierung und Zerdehung des Textes ist mir somit nie aufgestoßen und stößt mir nach wie vor nicht auf - schließlich ist schon in der Gotik das ewige Zerdehnen von Textsilben (Perotins "Viderunt omnes") üblich gewesen, da geht es nicht um rasches Übermitteln von Textinhalten. Und kaum jünger ist die Methode, mehrere verschiedensprachige Texte gleichzeitig singen zu lassen (Motetten). Nono zerstört insofern wenig - er nimmt nur die einzelnen Texte auch noch auseinander, wenn man sich also mit den Texten beschäftigen will, muss man eben nachlesen, aber das ist bei sehr vieler alter Vokalmusik auch so. Diese zusätzlichen Brüche (eben des fragmentierten Textes) wird man dann aber wohl als weiteren Ausdruck empfinden.

Zitat

Allerdings berührt mich da auch nichts außer Ärger, aber der wird ja gerade nicht durch die Musik transportiert, sondern ist meine Reaktion auf die von mir nicht akzeptierte Kompositionstechnik.

Es freut mich aber, dass Du trotz Ärgers so differenziert und gar nicht aggressiv schreibst. Ich kann aber zu dem Ärger nur sagen, dass man einfach offen sein muss und vorhandene Maßstäbe und Wünsche möglichst außer Kraft setzen muss, will man sich etwas nähern, was man bislang nicht mochte (und Du scheinst ja gewollt zu haben). Das klingt sehr banal, ist aber mitunter schwierig (ich habe Jahre gebraucht, um endlich gerne Rock-Musik zu hören).

Zitat

Es ist auch nicht so, dass Nonos Musik mir generell nichts sagte. "... sofferte onde serene ..." beispielsweise mag ich sehr

Pardauz, das habe ich jetzt nicht erwartet.

Zitat

Eigentlich machen Nonos Chorwerke auf dieser CD mich ja eher zornig wegen ihrer kompositionstechnischen Grenzüberschreitung.

Was für Grenzüberschreitungen denn?
?(
:hello:

William B.A.

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68

Donnerstag, 16. Dezember 2010, 00:07

Chormusik der Moderne

Zitat

Zitat von Chorknabe:

John Rutter hat nicht nur einige bemerkenswerte Chorsinfonik geschrieben...
Eines seiner Werke studieren wir gerade mit unserem Chor ein: die "Mass of the Children". Obwohl das Werk erst vor sieben jahren entstanden ist, klingt es sehr vertraut, fast wie Fauré, und selbst die eingefleischten Konservativen in unserem Chor singen es auch sehr gerne.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

zweiterbass

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69

Freitag, 1. März 2013, 19:29

John Tavener (nicht John Taverner)

Hallo,

ob nun Moderner, oder Postmoderner…oder was weiß ich noch in welche Schublade man ihn stecken will - ist mir Alles ziemlich egal.

Es ist mir genauso egal ob der 1.Chorsatz als Hymne nun der Mutter Gottes gewidmet sein soll.

Oder ob Tavener deswegen und…im alten Thread "Postmodern" in die Nähe von abstrusen Religionsabsplitterungen gestellt wird.

Der 1. Chorsatz dieser CD - gewidmet wem auch immer, es gibt bestimmt auch in anderen Religionen verehrungswerte, anbetungswürdige (Jung?-)Frauen/junge Frauen - ist eine sehr hörenswerte Chorkomposition "A cappela"! Diese sehr differenzierte Harmonik spricht bestimmt die Musikfreuden an, die sich nicht nur von dem gewaltigen Klang beeindrucken lassen (wenn überhaupt - wer hört schon A cappella, wie es in einem anderen Forum hier indirekt gefragt wurde). Und dass der Satz hymnisch, euphorisch klingt, dürfte hörbar sein und dadurch kann ich die Musik, ohne den speziellen Textbezug, aber als Hymne, sehr gut hören.

Ich bin mir nicht sicher, auf welchem Platz in den oberen Rängen international bedeutender Chöre ich "The Sixteen" einsortieren soll - der Chor singt jedenfalls sehr, sehr gut (und wird nicht von Tavener geleitet).

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

zweiterbass

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70

Montag, 3. Oktober 2016, 21:52

Hallo,

ich beziehe mich auf die CD meines vorherigen Beitrags; es geht um das Werk von Tavener „Ikon of Light“. Um seine Musik nicht verstehen sondern wirken zu lassen, ein Zitat aus Wikipedia: „Was ein Ikon zu einem Ikon (also nicht zu einer Ikone - meine Einfügung) macht, ist nicht die Ähnlichkeit, sondern die Methode der Interpretation, der assoziative Schluss“. Ein Ikon wirke als „Assoziationsimpuls“"

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Tavener
Diesen Eintrag zu lesen halte ich für notwendig um einen ungefähren Zugang zu diesem Werk zu erhalten, besonders wenn schon der Komponist von der Notwendigkeit spricht (Zitat aus Wikipedia): - „Die religiöse Tradition sagt, dass nur das Spontane wahr ist – wenn ich zu komponieren versuche und es nicht spontan ist, dann kann nichts dabei herauskommen…“ – umso mehr gilt das m. E. für den Hörer. Obwohl das Werk erst 1984 komponiert wurde, ist es von Atonalität u. ä. ziemlich entfernt.

Viele Grüße sendet und ein entspanntes Einlassen auf die Musik (ohne mystische/spirituelle Hintergründe und ohne Ratio) wünscht
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

zweiterbass

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71

Dienstag, 18. Oktober 2016, 22:15






Hallo,
zu „Pater noster“ (1991) und „Dona nobis“ (1996) von Vasks habe ich schon in anderen Themen gepostet. Seine Missa ist 2000 als A-cappella-Werk entstanden und 2005 in dieser Version für Streichorchester und gem. Chor.






Kyrie – beginnend in p und in reinem Moll, steigert sich das Kyrie string. zu einem verzweifelten, gepeinigten Aufschrei in ff und Dissonanzen. (Textnah vertont, im Unterschied zu manchen barocken und spät …Vertonungen.)

Gloria – warum Vasks fast im Duktus des Kyrie vertont? Ist das dem „bonae voluntatis“ geschuldet (wäre aktuell – Aleppo)? Ab dem „Qui tollis…“ ist seine Tonsprache einleuchtend, aber zuvor?

Sanctus – der Anfang in pp und ca. 30x Sanctus (erinnert an sein „Dona nobis pacem“) schließt in ff und reinstem Dur. Bei „pleni sunt…“ mischen sich Dissonanzen ein, aber das letzte „Hosanna…“ kehrt zu strahlendem Dur zurück (eine textnahe Vertonung).

Benedictus – eine sich nicht festlegende Tonsprache zwischen Dur und Moll ("in nomine Domini"?) und string. nach ff. Dieses „Hosanna“ in fff ist mehr als aufwühlende Bitte in Dur (mit Zwischentönen!) vertont.

Agnus Dei – ohne mein näheres Eingehen auf die Tonsprache – auch wieder eine Vertonung äußerst nahe am Text (was für die ganze Missa gilt).

Die Einspielungen der Messteile auf YouTube poste ich nicht.

Viele Grüße
zweiterbass
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m-mueller

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72

Mittwoch, 5. April 2017, 23:56

Shenandoah, ein Fluß und ein Tal in den USA - und eines der besten modernen Chorwerke. Ursprünglich nicht so sehr modern, weil wohl im frühen 19. Jahrhundert entstanden, aber James Erb (1926 - 2014) hat diesem Stück einen wunderbaren Satz gegeben, der es m.E. zu einem der herausragenden Chorwerke des 20. Jahrhunderts macht.

Hier die Version der Salt Lake Vocal Artists (wohl eng verbunden mit der University of Salt Lake City)



Einer meiner Chöre wird sich demnächst auch daran versuchen, unser Dirigent hat das 6-stimmige Werk auf 5 Stimmen reduziert, was es für unseren männerarmen Chor wohl singbarer macht - ich bin schon gespannt.