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lutgra

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Registrierungsdatum: 9. April 2013

1

Mittwoch, 13. Juli 2016, 21:54

Leila Josefowicz - vom Kinderstar und Model zur Interpretin zeitgenössischer Musik

Leila Josefowicz wird geboren als Leila Bronia Josefowicz am 20. Oktober 1977 in Mississauga, westlich von Toronto in der Provinz Ontario. Ihre Eltern sind beide Naturwissenschaftler (Genetik und Physik). Trotzdem erlernt Leila schon als 3-jährige das Violinspiel mit der Suzuki-Methode. Schon vor dem 10. Lebensjahr - die Familie lebt inzwischen in Kalifornien - tourt sie als Wunderkind durch Partys und Galas in Hollywood und Beverly Hill, die zu Ehren von Präsidenten und Stars gegeben werden. Mit 10 tritt sie in einer NBC-Show zu Ehren des Komikers Bob Hope auf, bei der auch Ronald Reagan, Andrew Lloyd Webber, die Martha Graham Dance Company und Van Cliburn anwesend sind. Als sie 13 wird ziehen die Eltern nach Philadelphia um und Leila hat Unterricht bei nicht weniger als vier der bedeutendsten Lehrer am Curtis Institut: Jaime Laredo, Joseph Gingold, Felix Galimer und Jascha Brodsky. Seiji Ozawa und vor allem Neville Marriner unterstützen sie früh und verhelfen ihr zum internationalen Durchbruch. Neben ihrem zweifellos außergewöhnlichen Talent tragen sicher auch ihr Aussehen zu einer frühen Karriere bei. Jedenfalls arbeitet sie eine Zeitlang auch als Model für Chanel. Wie viele Wunderkinder kommt sie mit Ende der Teenager-Jahre in eine Krise. Sie realisiert irgendwann, dass die Vermarktungsstrategen auf dem besten Wege sind, aus ihr eine zweite Vanessa Mae zu machen.
Aus der Krise geht sie gestärkt hervor und entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einer ernsthaften Interpretin, die sich besonders der Musik des 20. Jahrhunderts und speziell für sie komponierter Werke zeitgenössischer Komponisten annimmt. Wenn man ihren aktuellen Konzertplan auf der eigenen website anschaut, finden sich dort fast ausschließlich Konzerte mit zeitgenössischer Musik, das älteste Konzert ist das von Alban Berg. Derzeit tourt Leila weltweit vor allem mit dem Konzert für Violine und Orchester "Sheherazade.2" von John Adams, das sicher bald auch auf CD zu haben ist. Ihre aktuelle CD ist dem ebenfalls für sie komponierten Violinkonzert von Colin Matthews gewidmet, darüber bald mehr.



William B.A.

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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

2

Mittwoch, 13. Juli 2016, 23:10

Ich habe Leila Josefowicz am 19. 5. 2015 in der Kölner Philharmonie erlebt,



als sie das Violinkonzert von Bernd Alois Zimmermann unter James Gaffigan mit dem Gürzenichorchester interpretierte. Obwohl Zimmermann nicht auf meiner Linie liegt, war ich doch von der Art und der Fertigkeit, mit der Leila Josefowicz das Konzert spielte, begeistert, und nicht nur ich, sondern das ganze, fast voll besetzte Haus, denn es standen ja noch zwei Beethoven-Sinfonien, die Nr. 2 und die Nr. 8, auf dem Programm. Dann kommen sie immer. Vielleicht kommt ja das Konzert noch mal als Aufnahme heraus, denn das Gürzenichorchester hat eine Reihe laufen: Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts, in der schon Karl Amadeus Hartmann, Dmitri Schostakowitsch und Alban Berg vertreten sind. Sollte das der Fall sein, würde ich mir die Aufnahme zulegen und hier auch über sie sprechen.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

lutgra

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3

Donnerstag, 14. Juli 2016, 20:52

Colin Matthews Violinkonzert

Colin Matthews ist ein englischer Komponist - geboren am 13. Februar 1946. Sein älterer Bruder ist David Matthews, der ebenfalls komponiert und nicht weniger als 12 Streichquartette geschrieben hat, ich habe über einige davon berichtet. Colin wurde u.a. von Nicholas Maw ausgebildet und war eine Zeitlang Assistent von Benjamin Britten und Imogen Holst. Für die Planeten von Gustav Holst hat er "Pluto" nachkomponiert, der zu Gustavs Zeiten noch nicht entdeckt war. Colin hat auch intensiv mit Deryck Cooke an der "Kompletierung" von Mahlers Zehnten mitgewirkt und darüber auch promoviert. Die Orchestrierung von Werken fremder Hand scheint ihm besonders zu liegen, so gibt es von ihm eine Orchesterversion der kompletten Preludes 1 und 2 von Claude Debussy, ein Werk, das ich gerne mal hören würde.
Das Violinkonzert schrieb Colin Matthews 2007-2009 für Leila Josefowizc, die es mit Oliver Knussen und dem Bournemouth SO auch uraufführte, die vorligende Aufnahme entstand bei den Proms mit dem BBC SO unter dem gleichen Dirigenten.
Das Violinkonzert hat 2 fast gleichlange Sätze und dauert exakt 20 min. Der Stil ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Die Tonsprache ist zeitgemäß modern mit gelegentlichen Anklängen an die Minimal Music, die Textur ist licht und transparent und die Atmosphäre, die das Stück entfaltet, würde ich als eher positiv bezeichnen. Weitgehend kann man noch tonale Bezüge ausmachen und ich denke, wer mit Bergs und Bartoks Beiträgen klar kommt, hat auch mit diesem Stück keine größeren Probleme. Die Geige spielt teils in stratosphärischen Höhen und ist praktisch ununterbrochen im Einsatz, ein durchaus virtuoses Stück. Das Leila natürlich problemlos meistert. Ob sich das Stück durchsetzen wir - Leila spielt es immer noch regelmäßig - muß man abwarten. Ich werde es sicher noch öfters hören.

Neben dem Violinkonzert findet sich auch ein Orchesterstück mit dem Namen Cortege auf der CD, eingespielt von Riccardo Chailly in Amsterdam und dieses viertelstündige schlagzeuglastige Stück kommt auch ziemlich gut rüber. Das Cellokonzert muß ich noch hören.

lutgra

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Registrierungsdatum: 9. April 2013

4

Freitag, 13. Oktober 2017, 21:34

Dass aus dem medienverwöhnten, fotogenen Teenager inzwischen eine überaus ernsthafte Musikerin geworden ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Wenn es noch eines Beleges bedurft hätte, würde ihn diese Aufnahme des 1. Violinkonzertes liefern. Schon die im Booklet niedergelegten Gedanken der Geigerin zu diesen Werken zeigt, wie intensiv sie sich mit ihnen und ihrem Schöpfer beschäftigt hat. Und vom ersten Ton dieses Livemitschnitts an wird klar, dass hier nicht an der Oberfläche herumpoliert wird, sondern es tief ins Herz dieser wunderbaren Musik geht. Der erdige, in den tiefen Lagen fast bratschenartige Ton, der Verzicht auf jegliche Wizardry, dafür ein umso intensiveres Spiel ergeben eine Interpretation, die den großen Einspielungen ebenbürtig aber doch auch anders ist. Die lange Kadenz zwischen der Passacaglia und dem Schlußsatz spielt sie etwas langsamer als die Konkurrenz, aber dafür umso intensiver und eindringlicher. Für mich eine ganz große Aufnahme.