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Dr. Holger Kaletha

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Dienstag, 24. Oktober 2017, 16:05

Klavierwerke von Jean Sibelius

Vladimir Ashkenazy - Jean Sibelius: Klavierwerke (Aufnahme Exton 2007)



Vladimir Ashkenazy - Pianist am Prüfstand(?)

Wenn es einen Thread zu den unbekannten Klavierwerken des Symphonikers Anton Bruckner gibt, sollte auch einer über Jean Sibelius nicht fehlen. Auch hier steht dieser Teil seines Schaffens im dunklen Schatten des symphonischen Werkes. Durch Vladimir Ashkenazys vorzügliche Aufnahme sind die Klavierkompositionen des großen Finnen nun endlich in meinen Blick gerückt:

Sibelius ist eigentlich kein „Klavier“-Komponist. Zwar lernte er das Instrument schon mit 5 Jahren, doch für ihn wurde die Violine schließlich das dominierende Solo-Instrument, das ihm am Herzen lag. Dem Klavier hielt er vor, ein mechanisches Instrument zu bleiben, dass „nicht singen“ könne. So entstanden die Klavierkompositionen zunächst eher aus pragmatischem Anlass. Der Komponist Sibelius musste Geld verdienen. Erst ziemlich spät entdeckt Sibelius das Klavier für sich. So stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum sollte man sich Sibelius´ Klavierstücke anhören? Vladimir Ashkenazys Affinität zu Sibelius rührt sicher von seiner Aktivität als Dirigent her. Zum symphonischen Werk von Sibelius mit seiner nordischen Herbheit hat er eine besondere Affinität. Mit dieser Aufnahme von 2007, die er bei seinem eigenen Label Exton machte, gelingt es ihm, auf den Klavierkomponisten Sibelius nicht nur aufmerksam zu machen, sondern den Hörer für ihn einzunehmen.

Jean Sibelius ist ein Komponist, der einfach in keine Schublade passt. Das zeigen auch seine Kompositionen für Klavier. Sie bewegen sich irgendwo zwischen romantischen Charakterstücken und modernen musikalischen Aphorismen. „Melodisch“ bleiben sie, aber weder werden sie jemals sentimental noch betören sie den Hörer mit üppigen Fin de Siècle-Klangreizen. Sibelius´ Klavierstil bleibt herb-abstrakt ohne aber spröde zu werden, formuliert die Gedanken knapp und lakonisch, wie Skizzen. Besonders beeindruckt „Rêverie“ aus den Klavierstücken op. 58. Das klingt mit seiner atomisierten, gleichsam pulverisierten impressionistischen Klangsinnigkeit schon fast wie ein Klavierstück von Frederico Mompou. Sibelius´ Stil überschreitet die Grenzlinie von der Romantik zur Moderne durch eine sehr eigene und eigenwillige musikalische Minimalisierung, die bezeichnend das Fugato mit einbezieht: Statt impressionistischer Mischklänge gibt es die karge und trockene Durchsichtigkeit des Dialogs der Stimmen. Ashkenazy hat die Klavierfassung des „Valse triste“ zweimal eingespielt – und die beiden Aufnahmen rahmen als Anfang und Ende das Programm der CD gleichsam ein: zunächst eingespielt auf dem modernen Flügel im Jarvenpaa-Saal und am Schluss in Sibelius´ Domizil in Ainola auf dem Instrument des Komponisten. Sehr schön ist die unterschiedliche Räumlichkeit eingefangen und der Klang von Sibelius´ Flügel, der einen sehr stimmungsvollen Bass hat aber auch weniger „analytisch“ klingt. So spielt Ashkenazy auf diesem Instrument entsprechend flüssiger (minus 20 Sekunden). Die Aufnahmetechnik ist übrigens superb – eine der besten Klavieraufnahmen aus meiner Sammlung. Im Booklet (komplett auf Japanisch mit einem Einlagetext auf Englisch) gibt es schöne Fotos, wo Ashkenazy an Sibelius´ Flügel sitzt und seine isländische Frau Dody ihm zuschaut. :) :) :)

Schöne Grüße
Holger