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musikwanderer

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1

Donnerstag, 5. Februar 2015, 10:47

GLINKA, Mikhail Iwanowitsch: IWAN SUSSANIN / EIN LEBEN FÜR DEN ZAREN

Mikhail Iwanowitsch Glinka (1804-1857):
IWAN SUSSANIN /
EIN LEBEN FÜR DEN ZAREN

Oper in vier Akten mit einem Epilog
Libretto der vier Akte von Baron Grigori Feodorowitsch von Rosen - Text des Epilogs von Wassili A. Shukowski

Uraufführung mit dem Titel „Ein Leben für den Zaren“ am 9. Dezember 1836 in St. Petersburg
Erstaufführung als „Iwan Sussanin“am 21. Februar 1939 im Moskauer Bolshoi


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Iwan Sussanin, ein Bauer aus Domnin (Bass)
Antonida, seine Tochter (Sopran)
Bogdan Sobinin, ihr Bräutigam (Tenor)
Wanja, von Sussanin adoptierter Waisenjunge (Alt)
Zygmunt, König von Polen (Bass)
Ritter Adelhof aus Schwaben (Bass)
Der Anführer der Polen (Bariton)
Ein polnischer Bote (Tenor)
Ein russischer Krieger (Bass)
Chor: Russische Bauern und Bäuerinnen, Soldaten, Krieger, Volk
Ballett: Polnische Hofgesellschaft

Ort und Zeit der Handlung: Das Dorf Domnin bei Moskau, das Schloss des polnischen Königs in Warschau, ein Kloster bei Domnin und Moskau im Winter 1612/1613.


INHALTSANGABE

Vorbemerkung: Nach dem Tode des letzten Zaren Boris Godunow hatte der polnische König Zygmunt (Sigismund) III.Waza (Wasa), das Chaos im Zarenreich benutzt, mit der Hilfe seiner Armee einen Polen auf dem Zarenthron zu installieren.

ERSTER AKT
Das Dorf Domnin bei Moskau.

Die männlichen Bewohner des russischen Dorfes Domnin haben sich einer Landwehr zur Verteidigung gegen polnische Invasoren angeschlossen und kommen tatsächlich aus dem Feld als Sieger zurück. Die Zurückgebliebenen - Alte, Frauen und Kinder - begrüßen die Heimkehrer voller Freude. Nur die Tochter des Bauern Iwan Sussanin, Antonida, ist unglücklich und verunsichert, weil ihr Liebster Bogdan nicht unter den Heimkehrern ist. Sollte ihm etwas zugestoßen sein? Daran will sie nicht denken! Wenn sich auch ihr Vater beharrlich einer Heirat mit dem Jungbauern Bogdan Sobinin bisher widersetzt hat - nicht etwa aus Ablehnung, sondern weil er es in so unruhigen Zeiten für nicht angeraten hält, eine Familie zu gründen - hat sie keineswegs die Hoffnung auf eine Hochzeit aufgegeben.

In diesem Augenblick hört man vom Fluss her Stimmen: Mit einem Boot kommt Bogdan zurück und wird von Antonida überschwänglich begrüßt. Seine den Dorfbewohnern dann sofort übermittelten Nachrichten verursachen einen Jubelschrei: Die polnischen Invasoren wurden besiegt und in Moskau hat der Große Rat endlich einen neuen Zaren gewählt, und zwar Sussanins Nachbarn Mikhail Romanow. Diese erfreulichen Neuigkeiten bewirken bei Sussanin ein Umdenken: Er gibt jetzt seinen Widerstand gegen eine Heirat seiner Tochter mit Bogdan auf - zur Freude der Brautleute, aber auch der Dorfbewohner, die sich auf ein Hochzeitsfest und damit eine willkommene Abwechslung im Dorfalltag freuen.


ZWEITER AKT
Der Thronsaal im Warschauer Schloss.

In Warschau feiert König Zygmunt mit dem Adel den vermeintlichen Sieg über Russland; es herrscht eine ausgelassene Stimmung und die Gesellschaft tanzt zu den Klängen einer Polonaise, eines Krakowiak und einer Mazurka, den beliebten polnischen Nationaltänzen. In diese Freudenstimmung hinein platzt, durch Boten überbracht, die Hiobsbotschaft, dass ein russisches Volksheer die Polen vor Moskau zurückgeschlagen und Władysław, den von König Zygmunt eingesetzten Zaren, verjagt und an seiner Stelle einen gewissen Mikhail Romanow zum neuen Zaren gewählt habe. Allerdings, so der Bote weiter, wisse dieser Romanow, der in einem Kloster bei Kostroma lebe, noch nichts von seiner Wahl. Dieser letzte Hinweis wirkt wie elektrisierend auf König und Adel, lässt bei ihnen das Gefühl der Machtlosigkeit dem der Siegeszuversicht weichen, denn die militärische Niederlage könnte zu einem Triumph werden, wenn man sich dieses Romanow bemächtigen würde! Und in genau in diesem Sinne werden umgehend Entscheidungen getroffen und eingeleitet.


DRITTER AKT
Im Hause von Iwan Sussanin.

Während der Vorbereitungen für die Hochzeit bringt der Waisenjunge Wanja, den Iwan Sussanin wie seinen eigenen Sohn aufzieht, seinen Dank für die Güte des Stiefvaters ihm gegenüber zum Ausdruck. Als Wanja von dem Erfolg des Heeres über die Polen und der Wahl Romanows zum Zaren hört, wünscht er sich nichts sehnlicher, als erwachsen zu sein, um auch an den Kämpfen gegen die Polen teilnehmen zu können.

Nun treten die Dörfler auf, und auch Antonida und Bogdan kommen auf die Szene, um die Glückwünsche der Dorfgemeinschaft zu ihrer Vermählung entgegen zu nehmen. Nachdem Sussanin die Brautleute gesegnet hat, verabschieden sich die Dorfleute, während sich Vater Sussanin mit Schwiegersohn Bogdan auf den Weg machen will, um noch Hochzeitsgäste abzuholen. Nachdem Bogdan das Haus verlassen hat, stürmen plötzlich, von ihm nicht mehr bemerkt, polnische Soldaten ins Haus und verlangen von Sussanin, sie sofort zum Versteck des Zaren zu führen. Der versucht, den Soldaten Unwissenheit vorzutäuschen, lädt sie sogar zur Hochzeitsfeier ein. Doch die Polen lassen sich nicht darauf ein, halten die Unwissenheit (zu Recht) für Taktik; sie drohen zunächst Sussanin, und bieten schließlich, weil ihre Drohungen nicht verfangen, viel Geld für die Preisgabe des Romanow-Verstecks. Ein voller Beutel Geld, so meinen sie, weicht die besten Vorsätze auf. Sussanin aber sieht im Augenblick nur einen Ausweg: Er muss die Soldaten in die Irre zu führen; ihm gelingt es, von der Soldateska nicht bemerkt, Wanja zum Kloster zu senden, damit er den Zaren warnen und zur Flucht veranlassen kann. Also geht er zum Schein auf das Geld-Angebot ein und nimmt unter Tränen von Antonida Abschied. Er ist überzeugt, seine Tochter nicht mehr wieder zu sehen.

Antonida ist nach dem Weggang ihres Vaters verzweifelt, hatte sie sich doch den schönsten Tag ihres Lebens ganz anders vorgestellt. Als jetzt auch noch die Dorfmädchen erscheinen, um dem Brautpaar das traditionelle Hochzeitsständchen zu bringen, bricht sie verzweifelt in Tränen aus und berichtet von dem soeben abgelaufenen Drama; sie ruft damit bei den Mädchen Entsetzen hervor. Als in diesem Moment Bogdan mit den auswärtigen Gästen eintrifft und von dem Geschehen hört, ruft er sofort die Männer des Dorfes auf, zu den Waffen zu greifen, und sich auf den Weg zum Kloster zu begeben, um sich schützend vor den Zaren zu stellen.


VIERTER AKT
Das Kloster.

Wanja hat, trotz Dunkelheit und misslichem Wetter, das Kloster erreicht. Er macht sich lautstark bemerkbar und man öffnet ihm schließlich schlaftrunken die Pforte. Erst unwillig und dann erstaunt hört man Wanjas Bericht; schließlich begreift man die Gefahr, in der sich der Zar befindet und eilt zu den Waffen, um den anrückenden Polen Paroli zu bieten.

Verwandlung in eine sumpfige Wildnis.

Iwan Sussanin hat die Soldaten in eine unwegsame Wildnis geführt und aus anfänglicher Siegeszuversicht ist bei der Soldateska inzwischen Unruhe geworden, weil das Ziel, trotz des langen Ritts, immer noch nicht erreicht wurde. Da sich mittlerweile Dunkelheit über Land und Menschen gesenkt und sich bei allen Müdigkeit eingestellt hat, wird an Ort und Stelle das Nachtlager aufgeschlagen. Man beschließt einmütig, das weitere Vorgehen am nächsten Morgen zu erörtern. An den nächsten Tag denkt Sussanin allerdings mit Sorge: Kann ihm die Flucht gelingen? Oder wird es sein letzter Tagesanbruch sein? Eines hofft er inständig, dass nämlich Wanja den Zaren warnen konnte und sich in Sicherheit befindet. Am nächsten Morgen gesteht Sussanin ohne Umschweife den Polen, dass er sie getäuscht und in die Irre geführt hat. Die heimliche Freude über seinen Coup kann er jedoch nicht lange genießen, denn die zunächst ungläubig zuhörenden Soldaten geraten dann so in Wut, dass sie sich auf den Bauern stürzen und ihn erschlagen. Nachdem sie das Nachtlager geräumt haben, reiten sie davon, nicht wissend, wo sie sind und wie sie nach Hause finden sollen.

Kurz darauf kommt Sobinin mit seiner Schar und findet seinen Schwiegervater leblos am Boden liegen...


EPILOG
Großer Platz vor dem Zarenpalast in Moskau.

Die Bevölkerung Moskaus feiert die Befreiung von den polnischen Invasoren. Wanja ist auch dabei und erzählt den erstaunten Bürgern von der mutigen Tat seines Stiefvaters, des Bauern Iwan Sussanin, der den neuen Zaren rettete. Durch den gezeigten Heldenmut hält man Iwan Sussanin für würdig, in den Kreis der großen russischen Helden aufgenommen zu werden.


INFORMATIONEN ZUM WERK

Mikhail Glinka hatte den „Sussanin“-Stoff schon in den 1820er Jahren durch das Epos von Kondrat Rylejew kennengelernt; 1834 in Berlin wies ihn der Dichter Wassili A. Shukowski erneut auf das Sujet hin, und Glinka begann sofort Musik zu schreiben, ohne eine Textzeile davon zu kennen. Zurück in St. Petersburg hat er die Oper innerhalb eines Jahres vollendet - allerdings auf das Libretto deutschstämmigen Barons Georgi F. von Rosen, einem Lehrer des Zarewitsch, da sich Shukowski wegen Arbeitsüberlastung dazu außerstande sah. Der Dichter hat aber auf Bitten Glinkas den Text des Epilogs geschrieben.

Der Komponist hat, wie wir wissen, den Text von Rosens als „zu zaristisch“ empfunden. Das hat ihn, der den Dekabristen nahestand, allerdings nicht davon abgehalten, ihn zu vertonen. Zar Nikolai I., der die Uraufführung besuchte und begeistert war, ernannte den Musiker aus dieser Begeisterung heraus nicht nur zum Kapellmeister des Hofchores, er soll auch die Umbenennung von „Iwan Sussanin“ in „Ein Leben für den Zaren“ vorgeschlagen haben. Die Begeisterung des Herrschers für Glinkas Musik mochte das höfische Publikum nicht teilen: Die an italienische Musik Gewöhnten sprachen höchst verächtlich von einer „Kutschermusik“- was allerdings dem Erfolg in Russland keinen Abbruch tat. Dieser Erfolg sprach sich in Europa herum und 1866 wurde die Oper in Prag, 1874 in Mailand, 1878 in Hannover (unter Hans von Bülow), 1887 in London und 1896 in Paris nachgespielt.

In „Iwan Sussanin“ kennzeichnet der Komponist seine Landsleute durch die Verwendung volksliedähnlicher Motive und dem aus der orthodoxen Liturgie bekannten Vorsänger-und Chorrefrain-Prinzip, während die Polen durch deren Tänze wie Polonaise, Krakowiak und Mazurka charakterisiert werden. Am auffälligsten vertont ist der Epilog, der mit Chören, Bläsern und Glockenklang bereits die Massenszenen in Mussorgskijs Opern erahnen lässt. 1837 komponierte Glinka Wanjas Arie im vierten Akt nach und eliminierte dafür eine im italienischen Stil gehaltene Arie Sobinins. Die wichtigste Solonummer in diesem Akt ist der Abschied Sussanins von seiner Tochter; „Sie ahnen die Wahrheit“ ist sowohl patriotisches Bekenntnis als auch ein erster zentraler Moment der russischen Oper überhaupt.

Die verschiedenen Librettofassungen und Titel bedürfen einer kurz gefassten Erläuterung:
1. Die Anregung zu diesem historischen Opernstoff erhielt Mikhail Glinka von dem Dichter Wassili A. Shukowski, das Libretto verfasste allerdings der deutschstämmige Baron von Rosen. Noch vor der Uraufführung wurde der ursprüngliche Operntitel „Iwan Sussanin“ auf Anregung von Zar Nikolai I. in „Ein Leben für den Zaren“ abgeändert.
2. Nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde eine das Zarentum verherrlichende Oper obsolet - da man aber der Musik wegen auch nicht auf sie verzichten wollte, gab es einige Versuche, den Noten einen neuen Text zu unterlegen. Einen nennenswerten Erfolg hatte keine dieser Fassungen, nur die 1924 erstmals aufgeführte Version „Hammer und Sichel“, deren Text aus der Feder eines gewissen N.A. Krascheninnikow stammte und der seinen Titelhelden Grigori Suslow nannte, hielt sich bis zu Stalins Hinwendung zum nationalen Erbe auf den Bühnen.
3. 1936 brachte Sergej M. Gorodezkij eine neue Fassung heraus, in der die an den Zaren erinnernden Passagen allerdings eliminiert waren und zusätzlich eine weitere historische Figur, nämlich die des Nowgoroder Kaufmanns Kusma Minin, eingeführt wurde. Diese Version kam 1939 mit dem von Shukowski und Glinka vorgesehenen Titel „Iwan Sussanin“ im Moskauer Bolshoi auf die Bühne und hielt sich lange im Programm der Theater.


© Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2015
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Klavierauszug (o.J.) aus dem Verlag M. P. Belaieff (russisch, französisch, deutsch)
Biographische Details aus Wikipedia und den Opernführern Kloiber, Konold, Maschke sowie Fath
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musikwanderer

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2

Donnerstag, 5. Februar 2015, 10:56

Diskographische Hinweise

Glinkas Oper spielt auf den Bühnen Europas eine eher stiefmütterliche Rolle, ist auf dem Plattenmarkt hauptsächlich auch nur in historischen Aufnahmen zu bekommen. Einige seien hier vorgestellt, was nicht als Ranking zu verstehen ist:



Nebenstehend eine bei Brilliant neu aufgelegte Aufnahme mit (u.a.) Nicola Ghiuselev, Cristina Angelakova, Elena Stoyanova, Roumen Doikov; das Orchester und der Chor der National-Oper von Sofia leitet Ivan Marinov.












Line Music bietet eine historische Einspielung von 1954 (in italienischer Sprache) mit Boris Christoff, Virginia Zeani, Anna Maria Rota, Giuseppe Campora; Alfredo Simonetto dirigiert Chor und Orchester des Mailänder Rundfunks der RAI.












Hier die Melodya-Aufnahme von 1979 mit Chor und Orchester des Moskauer Bolshoi unter Mark Ermler; als Solisten wirken sind in den Hauptpartien Jewgeni Nesterenko (Sussanin) und Bela Rudenko als Antonida, sowie Wladimir Schtscherbakow als Sobinin zu hören.













Auch dies ist eine historische Produktion (aus Belgrad 1955) in der Miro Changalovic, Maria Glavachevic, Militza Miladinovic, Drago Startz und Ivan Murgashki singen, Chor und Orchester der Nationaloper Belgrad unter Oscar Danon zu hören sind.













Nebenstehend ein Angebot von Preiser Records mit dem Ensemble des Moskauer Bolshoi unter Aleksander Melik-Pashayev mit den Solisten Maxim Mikhailov, Natalia Spiller, Georgi Nelepp und Elisaveta Antonova in den Hauptrollen (1947).













Teresa Stich-Randall, Nicolai Gedda, Boris Christoff und Melanie Bugarinovic singen hier die Hauptpartien, Igor Markevitch dirigiert.
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9079wolfgang

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3

Donnerstag, 5. Februar 2015, 11:58

Lieber Manfred!

Da es in dieser Oper auch auf den Tenor ankommt mit der äußerst schwierigen Arie "Brüder folgt mir", würde ich die Aufnahmen unter Simonetto (mit Giuseppe Campora) oder die unter Markovitch (mit Nicolai Gedda) in die nähere Wahl nehmen. Die Tenöre der Alternativen, die auch gut besetzt sind, kenne ich leider nicht.
W.S.

lutgra

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4

Donnerstag, 5. Februar 2015, 13:06

Teresa Stich-Randall, Nicolai Gedda, Boris Christoff und Melanie Bugarinovic singen hier die Hauptpartien, Igor Markevitch dirigiert.


Wenn man sich für die Markevitch Einspielung (übrigens ist sie mono) interessiert, würde ich aber etwas mehr investieren und diese Ausgabe nehmen. Da ist ein Libretto dabei und die Aufmachung ist nicht die Häßlichkeit in Person.


Rheingold1876

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5

Donnerstag, 5. Februar 2015, 21:19

Da es in dieser Oper auch auf den Tenor ankommt mit der äußerst schwierigen Arie "Brüder folgt mir", würde ich die Aufnahmen unter Simonetto (mit Giuseppe Campora) oder die unter Markovitch (mit Nicolai Gedda) in die nähere Wahl nehmen. Die Tenöre der Alternativen, die auch gut besetzt sind, kenne ich leider nicht.


Lieber Wolfgang, in den meisten Aufnahmen wirst Du diese Arie vergeblich suchen. Sie wurde gegen den wichtigen Auftritt des Waisenjungen Wanja zu Beginn des vierten Aufzuges, der zunächst nur als Statist konzipiert war und nun stark aufgewertet wurde, ausgetauscht. Glinka selbst wollte es so. Er hatte die Szene nachkomponiert, sie erklang erstmals 1837. Manfred machte ja deutlich, dass die Oper, die ursprünglich sogar als Oratorium bzw. Kantate geplant war, einen langwierigen Entstehungsprozess durchlief. Er hat - was ziemlich kompliziert ist - sehr gut und präzise in seinen drei Punkten am Schluss des Opernführers zusammengefasst. Die Arie des Bogdan Sobinin, die Du so gern hörst und die ich auch phänomenal finde, passt stilistisch nicht in das Werk. Sie ist eine Referenz an den italienischen Zeitgeschmack und hat ja auch extreme Höhen nach Art Rossinis. Ich muss immer an den Arnold in seinem "Guillaume Tell" denken. Der war 1829 uraufgeführt worden, also sieben Jahre vor ersten Fassung von "Leben für den Zaren". Nicolai Gedda hat sie wirklich rasant interpretiert. Es hab mal bei der EMI eine einzelne Einspielung, die ich aber auf keiner CD-Übernahme gefunden habe. Ich müsste mal wieder genauer recherchieren. Als historische Aufnahme der artistischen Arie empfehle ich Helge Rosvaenge.

Im Übrigens gefallen mit die alten russischen Aufnahmen am allerbesten, weil sie diese Tiefe und Ehrlichkeit des Gefühls haben und diese Geschichten erzählen. Sie sind so schön unverstellt. Als ob man die Bärte rauschen hört. Diese Einspielungen sind sehr bildhaft. Je näher wir an unsere Zeit heran kommen, je mehr verliert sich das Idiomatische in neueren Produktion. Es wird förmlich herausgespült. Ich habe mal vor etwa zehn Jahren eine Übertragung aus Petersburg unter Gergiev gehört, die sehr gut musiziert gewesen ist. Die hätte aber auch aus Pittsburgh stammen können oder aus Madrid. Die älteste Plattenaufnahme, die ich kenne, stammt von 1938 mit Chor und Orchester des Bolschoi unter Samuel Samosud.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Manfred

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6

Sonntag, 8. Februar 2015, 10:49

Nicolai Gedda hat sie wirklich rasant interpretiert. Es hab mal bei der EMI eine einzelne Einspielung, die ich aber auf keiner CD-Übernahme gefunden habe. Ich müsste mal wieder genauer recherchieren. Als historische Aufnahme der artistischen Arie empfehle ich Helge Rosvaenge.
Lieber Rheingold,

meines Wissens existieren drei Einspielungen der Sobinin-Arie mit Nicolai Gedda: die von 1957 unter Igor Markewitch, die - für mich beste - unter Gika Zdrawkovich (enthalten in der 11-CD-Editon/EMI-Icon des Sängers) sowie die mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden Baden/Freiburg unter der Leitung von Ernest Bour von 1954/57 (erschienen bei Hänssler, CD: Nicolai Gedda sings Arias & Lieder).
"Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
Enrico Caruso

"Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
Giuseppe di Stefano

Rheingold1876

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7

Sonntag, 8. Februar 2015, 18:44

Lieber Manfred, ganz herzlichen Dank für Deine Antwort. Also drei Aufnahmen dieser Arien! Ich kannte nur zwei. Nun bin auch ich schlauer. Mit der "einzelnen Einspielung", von der ich in meinem Beitrag sprach, meinte ich mit Sicherheit die unter Gika Zdrawkovich. Sie ist inzwischen doch auf CD heraus gekommen in der großen Sammlung, die ich mir anschaffen werden. Eine gute Nachricht! In den Markewitch werde ich die Tage wieder hineinhöre und bin jetzt schon gespannt, zu welchem Eindruck ich nach längerer Zeit der Abstinenz von dieser Produktion kommen. Baden Baden klingt auch vielversprechend. Nimmt das nie eine Ende. Immer kommt etwas dazu, was man nicht kennt und haben muss. Segen und Fluch in einem! ;) Mich macht es glücklich.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Gerhard Wischniewski

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  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

Beiträge: 4 425

Registrierungsdatum: 7. April 2011

8

Samstag, 17. März 2018, 13:01

Dank eines Geschenkgutscheins konnte ich mir dieser Tage folgende DVD in einer wundervollen Inszenierung das Bolschoi-Theaters in opulenten Kulissen und hervorragenden Sägern in farbenfrohen Kostümen erweben. Als ich suchte, fand ich nur zwei gebrauchte Exemplare im Angebot. Die Aufnahme ist aber in einwandfreiem Zustand.

Die Musik ist weitgehend russischer Folklore angenähert. Der zweite Akt (Polenakt) besteht - außer der kurzen Unterbrechung durch den Boten, der die Nachricht von der Niederlage bringt und dem Auftritt der Soldaten, die den neuen Zaren gefangen nehmen wollen - überwiegend aus Ballett mit volkstümlichen polnischen Tänzen.
Eine sehenswerte Oper in einer rundherum beglückenden Inszenierung, die ich jedem Freund echter Operndarstellungen empfehlen kann. Inzwischen habe ich entdeckt, dass es wohl auch eine Neuauflage (mit abweichendem Titelbild) davon gibt.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

Melomane

Schüler

  • »Melomane« ist männlich

Beiträge: 171

Registrierungsdatum: 8. November 2017

9

Samstag, 17. März 2018, 15:54


Eine sehenswerte Oper in einer rundherum beglückenden Inszenierung, die ich jedem Freund echter Operndarstellungen empfehlen kann.


Was sind denn "echte Operndarstellungen"? Bedeutet das, dass echte Opern und keine falschen dargestellt werden? Oder bedeutet es, dass die Darstellung echt und nicht gespielt ist, ergo da der historische Iwan Sussanin leibhaftig auf der Bühne steht und durch ein Wunder die Jahrhunderte überdauert hat? Und gibt es demzufolge auch "Freunde unechter Operndarstellungen"? Fragen über Fragen... ?( ?( ?(

Rheingold1876

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Beiträge: 4 466

Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

10

Samstag, 17. März 2018, 22:28

Indessen auch bei YouTube zu sehen:


https://www.youtube.com/watch?v=xCc0uc3QoU4
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."