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teleton

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1

Freitag, 26. August 2005, 08:28

Bernstein: Sinfonien Nr.1, 2, und 3

Hallo Bernstein-Freunde,

daß in diesem Forum eher ein Ives-Sinfonien – Thread vorhanden ist als für Bernstein´s Sinfonien ist für meinen Geschmack schon sehr verwunderlich. Allerdings ist in anderen Thread´s schon mehrfach über Bernstein´s Werke geschrieben worden.

Leonard Bernstein ist jüdischer Abstammung und diese Thematik prägt und durchzieht sein gesamtes Schaffen. Seine eindrucksvollen Sinfonien sind geprägt von seinem tiefen Glauben, seiner verbundenheit zum Judaismus und enthalten zudem die bernsttypischen Jazzelemente.

Seine Sinfonie Nr.1 „Jeremiah“ schrieb Bernstein im Jahre 1942 für einen Kompositionswettbewerb des NewEngland Conservatory. Bei der Preisvergabe ging Bernstein zwar leer aus, doch der Leiter seiner Dirigentenklasse Fritz Reiner war überaus angetan von der Sinfonie und wollte diese in Pittsburg uraufführen. Er überließ diese Aufgabe dann am 28.Januar1944 Bernstein selbst. Der Erfolg, auch in Boston im Februar 1944 bestimmte die Sinfonie zur besten Neukomposition des Jahres.
Die Sinfonie Jeremiah hat kein direktes Programm. Es wird in gerigem Maß häbräisches Themenmaterial aus der Lithurgie verwendet.
Im ersten dramatischen Satz „Weissagung“geht es um die inständigen Bitten des Propheten an sein Volk.
Der zweite emotionale Satz „Entweihung“ beschreibt die Zerstörung und das Chaos, die durch die heidnische Verderbtheit der Priester und des Volkes ausgelöst wurde.
Der dritte Satz „Lamentation“ für Sopran und Orchester enthält die biblischen Klagelieder Jeremias um sein geliebtes Jerusalem, der am Ende dann Trost bringt.

Die Sinfonie Nr.2 für Klavier und Orchester „The age of aniexty“ (Das Zeitalter der Angst) von 1948/49 ist eine Art Programmmusik, die sich eng an das gleichnamige Gedicht von W.H.Auden hält.
Es wird die Stimmung von 4Menschen in einer Bar geschildert, die dann zusammen in die Wohnung der Frau fahren, weiter feiern und später zu sich selbst finden (absolute Kurzbeschreibung). Das ist von Bernstein sehr gut durchdacht und hat seine kompositorische Berechtigung. Das Ergebnis ist jedenfalls eine höchstinteressante Sinfonie mit vielen Jazzelementen, dramatischen Momenten und ein großes Meisterwerk des 20.Jahrhunderts, das für den Hörer an keiner Stelle uninteressant oder langweilig ist.
Bernstein widmete die Sinfonie seinem Mentor Serge Kussewitzky, der am 08.April 1949 mit Bernstein am Klavier die Uraufführung leitete.
Bernstein erstellte 1965 eine revidierte Fassung, die er als die Gültige und Zufriedenstellende bezeichnete, weil der Klaviersolist im Finale nun eine gewichtige Rolle im konzertanten Gesamtzusammenhang hat.

Die Sinfonie Nr.3 „Kaddish“ für Sprecher und Orchester ist im November 1963 fertig gewesen. Sie basiert auf dem jüdischen Totengebet Kaddish.
Der Zufall wollte es so, das das John F.Kennedy-Attentat in diesem Jahr am 22.11.1963 stattfand und so hat Bernstein diesem ersten katolischen Präsidenten der USA seine Sinfonie gewidmet.
Im darauffolgenden Jahr unter dem Eindruck und der Trauer zum Tode Kennedy´s wurde die schwergewichtigste Aufnahme in der Erstfassung mit Bernstein/NewYorker PH und als Sprecher seine Frau Felicia Montealgre. Die New Yorker Musiker und Frau „Bernstein“ standen unter dem Eindruck der Trauer zu dem Ereignis und so ist eine atemberaubende Interpretation seitens aller Beteiligten entstanden, in der sich die tiefe Trauer wiederspiegelt. Die weibliche Sprecherstimme ist absolut herzzerreißend (zum Glück singt sie nicht). Ausgerechnet paßt auch der Inhalt der Sinfonie um diese Trauer auszudrücken.
Wohlgemerkt --- die Sinfonie wurde 1963 ursprünglich nicht von Bernstein zum Tode Kennedy´s geschrieben.
Bernstein hat 1976 die Sinfonie bearbeitet um unter anderem die Länge der Sprecherauftritte zu reduzieren. So ist die DG-Aufnahme von 1976 mit dem Israel Philharmonic Orchestra in der zweiten Fassung der Sinfonie Nr.3 mit einem männlichen Sprecher (Micheal Wagner) besetzt, eine willkommene Ergänzung zur CBS-Aufnahme von 1965.

Zu den Bernstein-Aufnahmen bei DG und CBS/SONY:

Die 3 Sinfonien habe ich in den 70er Jahren aus dem Rundfunk in der NewYorker-Aufnahme kennengelernt und aufgenommen. Später habe ich mir dann die DG-Aufnahmen mit Bernstein / Israel PO incl. andere Sinf.Werke auf LP gekauft und war von der atemberaubenden Klangqualität auf LP begeistert. Die DG-Übernahme auf CD ist nicht so einwandfrei gelungen, wie man es sonst gewohnt ist – aber auch nicht so schlecht, das man diese nicht kaufen könnte oder sollte, denn die Interpretation ist absolut autentisch.

:] Nun habe ich mir Dank INFO zweier Forumsmitglieder im Thread „Wo kauft ihr Eure CD´s“gelungen, die beiden SONY-CD´s mit den drei Bernstein-Sinfonien (Bernstein / NewYorker PH aus 1961-65) zu bekommen. Das sind die CBS-Aufnahmen, die ich damals im Rundfunk aufgenommen habe und die es auch auf CBS-CD´s gab – sie waren mir damals zu teuer.
Diese CBS-Aufnahmen mit Bernstein sind perfekt und klangtechnisch auf sehr hohem Niveau (meinen alten Bandaufnahmen haushoch überlegen).
Die DG-Aufnahmen geben in kammermusikalischen Passagen machmal hier und da noch mehr Informationen frei und klingen in Schlagzeugpassagen präzisier. Welcher Aufnahme man letztendlich den Vorzug gibt bleibt Geschmackssache – sie sind Beide großartig.

:) Wenn man die SONY/CBS-Aufnahmen hat braucht man die DG-Aufnahmen nicht unbedingt, aber wenn man, wie ich bisher die DG-LiveAufnahmen hat, dann sind die CBS-Aufnahmen eine wunderbare Ergänzung, besonders wegen der emotionsgeladenen Erstfassung der Sinfonie Nr.3.
:yes: Es ist einfach gut, wenn man beide Bernstein-Aufnahmen DG und SONY/CBS besitzt.
Die DG-Aufnahmen der Sinf.Nr.1 und 2 sind live in der Berliner Philharmonie 1977 aufgenommen, die Nr.3 live in Mainz (BRD) und haben ebenfalls eine Qualität, die nur durch einen Dirigenten wie Bernstein erreicht wurde. Bernstein bewegt die Musiker des Israel Philharmonic Orchestra zu Höchstleistungen; nicht anders als 16Jahre zuvor in NewYork.

;) Die beim Erscheinen so hochgelobte NAXOS-Aufnahme der Sinfonie Nr.2 mit J.Judd ist sauber und perfekt eingespielt (mehr nicht), doch bei genauem und mehrmaligem Hören stellt man doch fest, das kein anderer als Bernstein seine eigenen Werke besser interpretieren konnte. Da werden Emotionen frei gesetzt, die mit dem Tode Bernsteins verpufft sind.

:jubel: Wie gut das Bernstein in einer Zeit gelebt hat in der er seine Werke in mustergültiger Qualität aufnehmen konnte.


Gruß aus Bonn, Wolfgang

Maik

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2

Freitag, 26. August 2005, 11:03

Hallo Wolfgang,

ich kenne bis jetzt nur die 1.Symphony "Jeremiah".

Ich höre sie nun nicht wer weiß wie oft, aber an sich finde ich sie klanglich nicht schlecht.
Es ist kein Kracher, aber bei weiten auch keine schlechte Symphony.
Bei Schostakowisch gefielen mir die Syphonien mit Gesang nicht so sonderlich, aber hier (auch wenn nach meinem Empfinden viel weniger Gesang dabei ist) stört es mich nicht.

Von den drei Sätzen gefällt mir am liebsten und besten der Zweite: Profanation.




Gruß, Maik
Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.

Sirach 32, 7

C.Huth

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Samstag, 27. August 2005, 11:05

RE: Bernstein: Sinfonien Nr.1, 2, und 3

Hallo teleton,

ich mag die Bernstein-Sinfonien gern, dennoch:

Zitat

Original von teleton
das in diesem Forum eher ein Ives-Sinfonien – Thread vorhanden ist als für Bernstein´s Sinfonien ist für meinen Geschmack schon sehr verwunderlich.


Warum findest Du das sehr verwunderlich? Ich denke, es dürfte kein Streit darüber bestehen, dass Ives nicht nur sozusagen der "Vater" der amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts war, sondern auch ein wichtiger Schritt in der Musikgeschichte allgemein. Bernsteins Sinfonien sind sicher bemerkenswert, aber ob sie in Ihrer Bedeutung (auch wenn das immer schwer einzuschätzen ist) etwa an Ives dritte oder vierte Sinfonie im Ansatz heranreichen, bezweifle ich doch.

Beste Grüsse,

C.
Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

teleton

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4

Montag, 29. August 2005, 07:33

RE: Bernstein: Sinfonien Nr.1, 2, und 3

Hallo C.Huth,

das Ives der Vater der amerikanischen Musik ist, da gebe ich Dir Recht !
Aber da spielt der persönliche Geschmack wiedermal eine Rolle -- mir gefallen und liegen die drei Bernstein-Sinfonien und alles was man von Bernstein sonst kennt einfach mehr, als die Ives-Werke.
Es ist sicher, wie Du schreibst, schwer einzuschätzen, ob die Bernstein-Sinfonien an die Ives-Sinfonien Nr.3 und 4(die ich auch schätze), für mich sind sie von größerer Bedeutung.

Ives hat ja teilweise doch sehr chaotische und unverständliche Werke hinterlassen, wenn ich zum Beispiel an die Robert-Browning-Ouvertüre denke. Da kommt für meinen Geschmack keine richtige Hörfreude auf, sondern eher der Gedanke an reine Zeitverschwendung :stumm: !
Gruß aus Bonn, Wolfgang

C.Huth

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5

Mittwoch, 31. August 2005, 22:31

Hallo teleton,

das heisst, dein Erstaunen speist sich aus Deiner subjektiven Einschätzung, also daraus, was Ives und Bernsteins werke für Dich bedeuten, OK.

Ich denke, insgesamt lässt sich zweifellos auch über die Wirkung der Ives'schen Werke schon deutlich mehr sagen. Bei Bernstein würde ich andere Werke - etwa die West Side Story, "Mass" oder das späte Ballett "Dybukk" als wichtiger als die Sinfonien einstufen - wie gesagt, unter der Prämisse, dass mir die Sinfonien hervorragend gefallen.

Zur dritten nur schnell: Ich finde dir vor allem im gesprochenen Part "entschlackte" zweite Fassung, die neben Bernstein auch Sado (mit Menuhin als Sprecher) aufgenommen hat, etwas überzeugender als die gelegentlich im Text etwas peinlich bemühte frühere Fassung.

Beste Grüsse,

C.

P.S.: Das vermeintlich "chaotische" in manchen Ives Werken (Central Park in a Dark, Vierte Sinfonie etwa) sollte gelegentlich an anderer Stelle ein Thema sein. Es gibt die schöne Geschichte, dass ein entscheidender Einfluss für Ives das Klangerlebnis war, als er auf einem Kirchturm verschiedene unterschiedliche Sachen spielende Blaskapellen hörte, die auf den Turm zu und um ihn herum marschierten. Ich denke, das kann man mehr als einmal in seinen Werken hören.
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teleton

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6

Montag, 9. Januar 2006, 12:15

Hallo C.Huth,

die Antwort komtt spät, aber sie kommt.

1.) Zum Thema Dybuk-Ballett:
Ich habe mir jetzt die Dybuk-Suiten mit Bernstein nach langer Zeit wiedermal angehört um festzustellen, ob ich immer noch "langeweile" für diese Suiten empfinde - es hat sich nichts geändert und ich kann nicht feststellen wo diese Musik gem.Deiner Aussage wichtiger einzustufen wäre als die Sinfonien. Für meine Ohren hat die Musik zu wenig Pepp ! Ich halte die Dybuk eher für ein schwaches Bernstein-Werk. Über West Side Story brauchen wir dagegen nicht zu reden - das ist Bernstein at his best.

2.) Zum Thema Sinfonie Nr.3 Frühfassung mit der Sprecherin:
Die entschlackte zweite Fassung hat sicher auch ihre Vorzüge (bei mir die DG-Bernstein-Fassung mit Micheal Wagner als Sprecher), doch finde ich die CBS-Aufnahme 1964 der Erstfassung mit Bernsteins Frau Felicia Montealgre wegen der zeitlichen Umstände einfach umwerfend und betroffen machend. - Das Kennedy-Attentat war zum Zeitpunkt der Aufnahme in den Gedanken der Aufführenden frisch vorhanden und so entstand eine herzzereißende Aufnahme voller Trauer, die ich nicht als peinlich einstufen würde. Man muß diese Umstände einfach mit berücksichtigen, wenn man diese Aufnahme hört.

An die Moderatoren möchte ich noch den Hinweis geben, das im Themenverzeichnis der Eintrag zu den Bernstein - Sinfonien fehlt.
Bitte nachholen - wie soll manl sonst die Bernstein - Sinfonien hier im Forum finden ?


Wunsch erfüllt (bzw. in arbeit, für das Verzeichnis ist ja der Chef zuständig), TB
Nachtrag: Hey, Moment mal, steht doch schon im Verzeichnis... ?(
Gruß aus Bonn, Wolfgang

C.Huth

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7

Montag, 9. Januar 2006, 19:05

Hallo teleton,

besser spät als nie ;)

Zitat

Original von teleton
1.) Zum Thema Dybuk-Ballett:
Ich habe mir jetzt die Dybuk-Suiten mit Bernstein nach langer Zeit wiedermal angehört um festzustellen, ob ich immer noch "langeweile" für diese Suiten empfinde - es hat sich nichts geändert und ich kann nicht feststellen wo diese Musik gem.Deiner Aussage wichtiger einzustufen wäre als die Sinfonien. Für meine Ohren hat die Musik zu wenig Pepp ! Ich halte die Dybuk eher für ein schwaches Bernstein-Werk. Über West Side Story brauchen wir dagegen nicht zu reden - das ist Bernstein at his best.


Ich spreche nicht von den beiden extrahierten Suiten, sondern von der kompletten Ballettmusik zu "Dybbuk", die meines Wissens von Bernstein nur für CBS/Sony aufgenommen wurde.



Kurzum, ich kann Deinen Geschmack nicht beeinflussen, aber alleine der für Deine Ohren fehlende Pepp der Musik sagt IMO noch wenig über die Qualität der Partitur im Vergleich zu den Sinfonien. Sonst müssten wir Haydns Sieben letzte Worte für sein schlechteses Werk halten, was wir - so denke ich doch - beide nicht tun. Es fehlt der Pepp dabei (und wenn er dann kommt, im "Erdbeben", ist es reichlich spät dafür).

Ich will gerne in einem separaten Thread auf "Dybbuk" etwas mehr eingehen, möchte aber dazu noch um etwas Geduld bitten. Was meine EInschätzung zu "Dybbuk" angeht vielleicht ganz generell: Ich denke, Bernstein hat auf dem Gebiet der Musik für Theater aller Art besseres geleistet als auf rein sinfonischem. Ich zähle Bernstein zu den großen Theatermusikern und -praktikern des 20. Jahrhunderts, zu den großen Sinfonikern eher nicht (und das, wie schon gesagt, obwohl ich seine Sinfonien sehr gerne höre, das verhält sich ein wenig wie mit Malcolm Arnold, falls Du diesen Thread gelesen hast). Die von mir vorher genannten Werke - "West Side Story", "Mass" und eben "Dybbuk" sind nach meiner Einschätzung Meilensteine auf ihrem jeweiligen Gebiet - bei keiner der Sinfonien ist mir je die Idee gekommen, sie als "Meilenstein" zu bezeichnen.

Vielleicht und wahrscheinlich treffen wir auch hier wieder auf das Problem der Verschmelzung von persönlichem Wohlgefallen und Qualitätseinschätzung. Ich versuche, das immer strikt zu trennen - und warum auch nicht! Ich gebe gerne zu, dass es sehr oft das "unvollkommene", "zweitklassige" ist, was mich an bestimmten Werken fasziniert und was sie interessant macht. Ich habe keine Scheu, zuzugeben, wieviel zweit- und gar drittklassiges ich sehr gerne höre, ich hatte die Scheu auch nie. Entsprechend bin ich nur immer wieder dagegen, dass die Tendenz immer stärker wird, das persönliche Wohlgefallen mit Qualität gleichzusetzen. Ich finde es nicht ehrenrührig, von einem Werk, das mir sehr gefällt - wie die zweite Sinfonie Bernsteins etwa - zu sagen, dass ich es nicht zu den TOP-Sinfonien des 20. Jahrhunderts zählen würde. Das jetzt nur vorausgeschickt, wie gesagt, auf das komplette Dybbuk-Ballett komme ich gerne wieder zurück - an anderer Stelle.

Zitat


2.) Zum Thema Sinfonie Nr.3 Frühfassung mit der Sprecherin:
Die entschlackte zweite Fassung hat sicher auch ihre Vorzüge (bei mir die DG-Bernstein-Fassung mit Micheal Wagner als Sprecher), doch finde ich die CBS-Aufnahme 1964 der Erstfassung mit Bernsteins Frau Felicia Montealgre wegen der zeitlichen Umstände einfach umwerfend und betroffen machend.


Ohne Zweifel. Das ändert nur nun wiederum meine Bedenken gegen diese Fassung *als Werk* nicht. Ich finde die zweite Fassung geschlossener und dichter und damit besser, unabhängig von der bewegenden Aufnahme der ersten Fassung (ich glaube, man sollte zwischen der Aufnahme und den Fassungen nicht vermengen).

Beste Grüsse,

Claus
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Edwin Baumgartner

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8

Montag, 9. Januar 2006, 23:33

bernsteins judentum

@teleton!

Zitat

Leonard Bernstein ist jüdischer Abstammung und diese Thematik prägt und durchzieht sein gesamtes Schaffen.


Dieses Klischee liest man in Zusammenhang mit Bernstein immer wieder, und Lennie selbst hat dazu beigetragen. Bloß: Es stimmt nicht!
Kein einziges Musiktheaterwerk (mit Ausnahme des "Dybbuk") hat eine jüdische Thematik als Grundlage; nicht einmal die Oper "A Quiet Place", an der Bernstein so lange so verzweifelt gearbeitet hat.
Von den Orchester- bzw. Chor+Orchesterwerken mit dem Judentum direkt verbunden sind die Symphonien 1 und 3, das Flötenkonzert "Halil", die "Chichester Psalms", "Jubilee Games" und "Arias and Barcarolles", dazu kommen ein paar Gelegenheitswerke. Das ist relativ wenig für den Anspruch, das ganze Schaffen sei jüdisch geprägt.
Ich würde sagen, Bernstein war ein jüdischer Komponist so, wie Poulenc ein französischer Komponist war - und bei Poulenc stellt man ja auch nicht fest, dass sein Franzosentum die Thematik seines Schaffens prägt und durchzieht.

@Claus,
zuerst die Korrektur, dann die Anerkennung:

Zitat

Zur dritten nur schnell: Ich finde dir vor allem im gesprochenen Part "entschlackte" zweite Fassung, die neben Bernstein auch Sado (mit Menuhin als Sprecher) aufgenommen hat, etwas überzeugender als die gelegentlich im Text etwas peinlich bemühte frühere Fassung.


Die Sado/Menuhin-Aufnahme bedient sich NICHT der Worte Bernsteins. Der Sprechtext ist ein ewiges Problem. Er ist in der ersten Fassung extrem pathetisch (obwohl ich einige schöne Wendungen darin finde), wurde damm, wie bereits festgestellt, von Bernstein selbst entschlackt; und dann hat eine Tochter Bernsteins, nämlich Jamie, den Text bearbeitet und statt Gott ist jetzt Bernstein selbst der Vater, an den sich der Sprecher wendet.

Korrektur zurück, mein Fehler - die Sado-Aufnahme kenne ich gar nicht, habe sie mit der Slatkin-Einspielung verwechselt. Aber es bleibt jetzt so stehen, weil es auch ein Aspekt zur Diskographie der "Kaddisch" ist.

Die Anerkennung nehme ich dafür nicht zurück - ich bin nämlich auch der Meinung, dass, bei aller Liebe zu den Symphonien, vor allem "Kaddish", die Bühnenwerke der beste Teil von Bernsteins Schaffen sind.
Den "Dybbuk" muss man in der kompletten Version hören, die Suiten geben die archaische Kraft der Musik nicht adäquat wieder. "Mass" ist ein großer Wurf - und die "West Side Story" sowieso. Ein Musical so durchzustrukturieren, dass jede Nummer auf einem Tritonus und seinen Auflösungsmöglichkeiten basiert - das muss Lennie erst einer nachmachen!

Ich finde auch die Oper "A Quiet Place" sehr interessant, kann man einmal den nicht so unbedingt spannenden Inhalt (aber die Amerikaner stehen halt auf familiäre Konflikte, kennt man ja von Eugene O'Neill über Tennessee Williams bis hin zu "Dallas" und "Denver Clan") akzeptieren. Das ist eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Zwölftontechnik, die zu tonalen Praktiken in Spannung tritt. Sozusagen entwickelt Bernstein hier ein Konzept, in dem nicht mehr die Tonalität an sich die Spannung erzeugt (durch Funktionsstufen etc.), sondern der Konflikt zwischen Tonalität und Zwölftontechnik. Wobei der Ives-Fan Bernstein den Konflikt zwischen tonal-atonal als die "offene Frage" sah, die Ives in "Unanswered Question" stellte. Darüber hinaus ist auch die Deklamation des Englischen sehr originell und flexibel.

Zurück zum Symphoniker Bernstein: Ich mag seine leichten Werke wie das "Divertimento" sehr gerne, weil sie klug gearbeitet sind und Auseinandersetzungen um die Neue Musik mit viel Witz behandeln.
Man darf aber nicht übersehen, dass Bernstein in seinen symphonischen Werken mitunter ein gewisser Hang zu eigen ist, einzelne Abschnitte ohne vereinheitlichendes Konzept aneinander zu stellen.
Insoferne schätze ich ein einsätziges Werk wie "Halil" höher ein als etwa die "Jubilee Games" oder die Zweite Symphonie, deren pathetisches Finale mit seiner für mich sehr plakativen Affirmation etwas zu viel des Optimismus ist.

Insgesamt mag ich Bernsteins Symphonien durchaus - und wenn man sie im Rahmen der US-Musik betrachtet, sind sie wirklich gut. Man vergleiche nicht mit Ives, der war wohl ein unwiederholbarer Sonderfall, sondern mit dem durchschnittlichen symphonischen Niveau der USA, also mit Roy Harris, Walter Piston oder Vincent Persichetti, um zu begreifen, wie unheimlich gut Bernsteins Symphonien da abschneiden.
...

C.Huth

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9

Mittwoch, 11. Januar 2006, 12:49

Hallo Edwin,

als ich Deinen Beitrag gestern las, war es mir fast unheimlich ob der Übereinstimmung. Es sei fast jedes Wort unterschrieben! Slatkins Aufnahme der "Kaddish"-Sinfonie habe ich mir aus eben dem Grund des "neuen" Textes nicht zugelegt, weil ich es mir nach der überarbeiteten Bernstein-Fassung (unter Bernstein und unter Sado) schlichtweg nicht vorstellen konnte und wollte, diese Musik erneut mit einem anderen Text zu unterlegen.

"A quiet place" kenne ich leider nicht, nur den - köstlichen - Vorgänger "Trouble in Tahiti", der meines Wissens nach ja in "A quiet place" aufgegangen ist. Da zeigt sich Bernsteins Theatertalent von der allerbesten Seite, von daher war ich immer gespannt auf "A quiet place" - aber davon gibt es seit längerem in Deutschland keine Aufnahme mehr, und Lennies DG-Aufnahme über andere Händler wird zu Apothekerpreisen angeboten, die zu zahlen ich auch nicht bereit bin.

Hinsichtlich der zweiten Sinfonie und des - auch meiner Meinung nach problematischen Finales - empfehle ich Dir noch die erste Fassung, die es wohl nur in der frühen Bernstein-Aufnahme der Sinfonie auf CD gibt (in der Bernstein Century Edition gekoppelt mit der "Ureinspielung" der Serenade mit Isaac Stern):



Hier partizipiert der Pianist im Gegensatz zur späteren Fassung nicht an der Schlusssteigerung, er ist sozusagen davon distanziert. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Bernsteins spätere Entscheidung, dieses Finale zu revidieren und den Pianisten (vor allem aus Gründen des konzertanten Effekts) teilhaben zu lassen, wirklich der Aussage der Sinfonie dienlich war. Wenn Du diese erste Fassung nicht kennst, ich finde, es lohnt sich.

Beste Grüsse,

C.
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10

Mittwoch, 11. Januar 2006, 13:59

Zu "A Quiet Place":
Ich habe im April 1986 in der Wiener Staatsoper alle sieben Vorstellungen (Generalprobe, Premiere und fünf Repertoirevorstellungen) unter Bernsteins Leitung auf Stehplatz gesehen und gehört. Inszeniert hat damals der Librettist Stephen Wadsworth. Es geht um eine amerikanische Durchschnittsfamilie mit ihren Problemen untereinander. Im ersten Akt trifft man sich in einem Beerdigungsinstitut, nach dem Tod der Mutter der Familie. Im zweiten ist dann "Trouble in Tahiti" als Rückerinnerung von Sam eingeflochten. Und im dritten gibt es nach all den psychischen Brüchen wenigstens eine Spur einer Annäherung des Vaters mit dem Nachwuchs. "Trouble in Tahiti" ist von der Musiksprache her einfacher als der komplexere Rest gehalten. Nach siebenmal war ich aber auch in "A Quiet Place" schon ziemlich "zu Hause". Bernstein ist nach dieser letzten Vorstellung nach zwei Stunden (wohl direkt von einem Alkoholkübel) zum Signieren beim Ausgang Kärntnerstraße gekommen und hat in die erwartungsvolle Runde gefragt: "Habt Ihr auch nur ein Wort verstanden?"

Zu den Symphonien: Ich persönlich würde nicht das musiktheatralische Werk gegen das symphonische Werk aufwiegen. Leonard Bernstein ist für mich ein universeller, in seiner Zerrissenheit unglaublich authentischer Künstler gewesen, dessen Symphonien mich auf ganz andere Art genauso ansprechen wie die Werke für die Bühne.

Es gibt von der 1. Symphonie "Jeremiah" auch eine Ö 1-Radioaufzeichnung mit Bernstein, den Wiener Philharmonikern und Christa Ludwig von den Salzburger Festspielen 1987. Mehr dazu vielleicht demnächst, die habe ich auf MC, sollte sie wieder mal anhören ...

Herzlicher Gruß
Alexander
Freundlicher Gruß
Alexander

C.Huth

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11

Mittwoch, 11. Januar 2006, 14:36

Hallo Alexander,


Zitat

Original von Alexander
Zu "A Quiet Place":
Ich habe im April 1986 in der Wiener Staatsoper alle sieben Vorstellungen (Generalprobe, Premiere und fünf Repertoirevorstellungen) unter Bernsteins Leitung auf Stehplatz gesehen und gehört.


Darum beneide ich Dich und danke Dir für die kurze Schilderung - dass "Trouble in Tahiti" von der Klangsprache her einfacher gehalten ist als der Rest, das dachte ich mir nach Erwins Worten schon fast. Ich hoffe, es fügt sich trotzdem in das Ganze, das "A quiet place" sein soll. Ich bin aber eigentlich da ziemlich sicher.

Zitat


Zu den Symphonien: Ich persönlich würde nicht das musiktheatralische Werk gegen das symphonische Werk aufwiegen. Leonard Bernstein ist für mich ein universeller, in seiner Zerrissenheit unglaublich authentischer Künstler gewesen, dessen Symphonien mich auf ganz andere Art genauso ansprechen wie die Werke für die Bühne.


Damit wir uns nicht missverstehen: Mich sprechen die Sinfonien auch genauso an, und die Leistung Lennys als "universeller" Künstler ist nicht hoch genug einzuschätzen. Ich denke trotzdem, dass, musikhistorisch betrachtet, Bernsteins Beitrag zum Musiktheater aller Facetten wichtiger ist als der zur Symphonik. WIe gesagt, bei allem persönlichen Genuss, den mir die Sinfonien immer bereitet haben. Die Sinfonien sind auf Ihrem Gebiet einfach nicht das, was "West Side Story", "Mass" und "Dybukk" auf dem Musiktheaterbereich sind.

Beste Grüsse,

C.
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teleton

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12

Mittwoch, 11. Januar 2006, 15:22

Hallo C.Huth,

erstmal Danke für den Hinweis auf die SONY-Bernstein-Dybbuk-Gesamtaufnahme - vielleicht kann ich mal erwerben. Die Dybbuk-Suiten auf DG haben mich nicht begeistern können.

Zu Deiner Vorstellung Erstaufnahme der Sinfonie Nr.2:
In diesem Forum haben wir uns an anderer Stelle schon mal über die von Dir abgebildete MONO-CD der Sinf.Nr.2, Aufnahmen um 1955 unterhalten. Ich hatte diese CD auch zuerst erworben und empfand diese CD als absoluten Reinfall (total enttäuscht), weil diese nichts mit den späteren CBS-Aufnahmen von 1960 mit den NewYorker PH gemein haben. Die frühe Aufnahme klingt miserabel.
Die CBS-Aufnahmen von <1960 im ersten Beitrag dieses Threads habe ich dann auch auf CD gekauft und hatte nun das was ich schon lange gesucht habe (die hatte ich seit Jahrzehnten als Bandaufnahme).
Das Bernstein die Sinf.Nr.2 revidiert hat um dem Pianisten, wie er schreibt, mehr Spielraum zu lassen, finde ich voll OK und gefällt mir weitaus besser und kurzweiliger. Hinzu kommt die gute Stereo-Klangqualität der CBS-Aufnahmen der Sinfonien Nr.1-3, da braucht man sich das gekrazte mit dem Sinf.of the Air Orchestra nicht anzutun.
Das gleiche gilt für die Serenade für V und O, die mir in der späteren Stereo-CBS-Version nach 1960 und auch in der DG-Aufnahme von 1988 mit Kremer / Bernstein viel besser gefällt.

Wenn Bernstein-Sinfonie Nr.2 dann nur diese, dann hat man auch gleich die Sinf.Nr.1 in autenter Qualität:
Gruß aus Bonn, Wolfgang

C.Huth

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13

Mittwoch, 11. Januar 2006, 15:37

Hallo teleton,

ich weiß, dass Du so über die frühe Aufnahme der zweiten Sinfonie denkst, ich denke anders, vielleicht, weil ich auf TOP-Stereoklang keinen gesonderten Wert lege. Die frühere Aufnahme der Sinfonie ist natürlich noch in Mono, aber dafür von erstaunlicher Durchhörbarkeit. Ich kann mich über die Klangqualität der Aufnahme nicht beklagen, verstehe aber, dass jemand, der mit Mono Probleme hat, mit der Aufnahme nicht recht kann.

Dennoch: Mit der späteren Aufnahme mit Entremont am Klavier bietet eben nicht den originalen, sondern den revidierten Schluss, und der führt IMO die Sinfonie in eine andere Richtung als der erste Schluss, bei dem das Klavier nur am Schlussakkord partizipiert. Ich finde die 50er-Aufnahme (Foss am Klavier, Mono), auch sonst feuriger und präziser als die spätere Variante, an der man freilich wegen der sehr guten Aufnahme der ersten Sinfonie und wegen der humorvollen Zugaben ("Bonne cuisine" und "I hate music"). Im übrigen gehst Du fehl, wenn Du die erste Sinfonie der "Symphony of the Air" in die Schuhe schiebst: Die Sinfonie ist mit dem New York Philharmonic aufgenommen.

Bei der Symphony of the Air handelt es sich im übrigen meines Wissens nach um das ehemalige NBC Symphony Orchestra, das so viele exzellente Aufnahmen mit Toscanini gemacht hat. Dieses Orchester dirigiert Bernstein auf der von mir vorgestellten Aufnahme in der Serenade, die hier nicht zuletzt durch Isaac Sterns wunderbaren Geigenton gewinnt - wenn man, wie gesagt, mit Mono kann.

Das Dybbuk-Ballet solltest Du Dir wirklich einmal in der Gesamtheit anhören. Bernstein hat selten Musik geschrieben, die auf so archaische Art von innen heraus so intensiv glüht.

Beste Grüsse,

Claus
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Edwin Baumgartner

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14

Mittwoch, 11. Januar 2006, 21:24

die andere ästhetik

Hallo Claus,
es hat eben nicht jeder die gleichen ästhetischen Ansichten. Ich kenne die frühe Bernstein-Aufnahme und auch ich finde sie trotz der schwächeren Technik musikalisch weit überlegen. Bernstein tendierte dazu, seine Werke mit zunehmendem Alter immer pathetischer zu interpretieren. Dadurch fallen jene Passagen, die mir nie unter meine kitschallergische Nase gegangen sind, noch stärker ins Gewicht.
Bei der frühen Aufnahme der Zweiten finde ich den Drive faszinierend, und ich finde es toll, wie das Werk blitzschnell Positionen wechselt - hier Symphonie, da kammermusikalischer Jazz, dort Klavierkonzert, mal tonal, mal zwölftönig. Ein klingendes Kaleidoskop der modernen urbanen Welt! Später hat Bernstein das Werk offenbar in die Richtung symphonisches Klavierkonzert drängen wollen, und ich finde, dass diese Festlegung just auf den Teil, der mir der am wenigsten interessante scheint, dem Stück nicht gut getan hat.

Überhaupt hat Bernstein später so eine Art Minderwertigkeitskomplex entwickelt, den er dadurch korrigieren wollte, dass er diversen Werken mehr Gewicht verlieh. Aus der brillanten Operette "Candide" etwa wollte er eine komische Oper machen, was dem Werk einiges von seiner Rasanz genommen hat. Die "West Side Story" spielte er mit Opernsängern ein - ein Fehlgriff, weil dieses Werk dadurch in den ariosen Nummern erstaunlich glatt klingt. Bei mir führt das dazu, dass mir die von Opernsängern gesungene Version musicalhafter erscheint als die von Musicalsängern gesungene (aber nicht die aus dem Film, die ist überhaupt grauenhaft).

ad "A Quiet Place"
Auch ich hatte die Freude, das Werk an der Wiener Staatsoper zu erleben. Die Produktion war eine eigentümliche Notlösung: Der damalige Operndirektor Egon Seefehlner war Bernstein im Wort, aber das Werk war überall durchgefallen und von der Kritik abgeschlachtet worden. Seefehlner traute sich nicht, das Werk ins richtige Repertoire zu nehmen, obwohl "Mass" zuvor wie eine Bombe eingeschlagen hatte und bei den letzten Aufführungen völlig ausverkauft war.
Dann kam die Chance: Die Staatsoper ging auf Tournee, man hätte, wie es Usus war, irgendein Haus aus Osteuropa einladen können. Aber Seefehlner glaubte, die Idee seines Lebens zu haben: Er setzte "A Quiet Place" an. Es gab nur eine Bedingung: Bernstein musste selbst dirigieren (in Mailand war es John Mauceri gewesen). In Wien hoffte man, den Komponisten Bernstein über den Dirigenten Bernstein verkaufen zu können. Und Bernstein, der damit zum ersten Mal eine szenische Produktion eines eigenen Bühnenwerks dirigierte, musste noch eine bittere Pille schlucken: Er bekam nicht die Philharmoniker, sondern musste mit dem Rundfunk-Symphonierchester Vorlieb nehmen, das weder vorher noch nachher je wieder so fabelhaft geklungen hat.

Dafür bekam Bernstein, was er wollte: Eine ungekürzte Aufführung, eine Besetzung seiner Wahl, einen Regisseur seiner Wahl.

Aber nach sieben Vorstellungen (war das en suite oder lagen da ein bis zwei Tage dazwischen, daran erinnere ich mich nicht mehr) war es aus, da fing das Normal-Repertoire wieder an.
Die Konzentration auf die sieben in kurzem Zeitraum gespielten Vorstellungen führte dazu, dass es sogar im Bernstein-verliebten Wien zu einer Übersättigung kam - der Besuch war mäßig, der Erfolg hielt sich in Grenzen. Und wieder schien "A Quiet Place" auf der Bühne versagt zu haben. Wer aber zumindest die DG-Aufnahme kennt, beginnt zu ahnen, dass es sich um einen direktions-verschuldeten Flop gehandelt hat, nicht um einen des musikalischen Teams oder gar des Komponisten.

Nun zum Werk selbst: Alexander hat alles richtig geschildert. Zu ergänzen ist noch, dass es sich ursprünglich um zwei Werke handelte: Die bitter-satirische Oper "Trouble in Tahiti" von rund 50-minütiger Dauer und den im Grunde sehr ernsten etwa zweistündigen Einakter "A Quiet Place", in dem erzählt wird, wie es mit dem Ehepaar des "Trouble" weitergeht.
Auf diese Weise floppte das Stück bei der Uraufführung.

Da kam Bernstein auf die Idee, den "Trouble" als Rückblende in den "Place" zu integrieren. Was zu einer aufregenden Stilmischung führte. Denn bernstein hatte aus Motiven des "Trouble" allerhand Zwölftonmanipulationen abgeleitet. Und in der Neufassung werden die beiden Sprachen miteinander konfrontiert. Es ist mit der Sprache des "Trouble" etwas geschehen, was auch mit den Menschen geschehen ist, um die es geht: Sie haben sich entwickelt, es ist etwas Anderes aus ihnen geworden, aber der Kern ist derselbe geblieben.
Und das ist für mich das vielleicht Faszinierendste an diesem Werk.
Das Problem ist nur, dass viele herausgingen mit dem Kommentar: "Schade, dass ihm nichts eingefallen ist" oder "Klingt gar nicht wie Bernstein sonst" ("man" hatte halt eher die "West Side Story" im Ohr als "Songfest").

Wie dem auch sei: Ich halte den "Place" für Bernsteins großes Meisterwerk. Und wenn ich diese unpathetische, unendlich beredte und delikate Musik Musik höre, kommen mir dagegen die ersten beiden Symphonien vor, als wäre ihre Größe etwas gesucht, etwas erzwungen.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass Bernstein viel lockerer, fantasiereicher und genialer komponiert hat, wenn er keine historisch belasteten Modelle vor sich hatte, etwa bei "Songfest" oder "Halil"; während er als Dirigent die internationale, vor allem aber auch die zeitgenössische amerikanische Symphonik viel zu genau kannte, um wirklich nur er selbst sein zu können. Insoferne halte ich die "Kaddish" auch für einen brillanten Umweg um die Antwort auf die Frage: Und was habe ich in der Form der Symphonie noch zu sagen?
...

15

Donnerstag, 12. Januar 2006, 11:39

Leonard Bernstein wollte ja in den letzten Jahren seines Lebens ein Werk zum Thema "Holocaust" komponieren, das dann nicht zustande kam.
Ich persönlich finde es oft spannend, Musik mit außermusikalischen Zusammenhängen ohne Berücksichtigung dieser zu hören. Bernsteins 2. Symphonie "Age of Anxiety" z. B. wirklich "nur" als "Klavierkonzert", und keine sieben Zeitalter usw. sondern nur die Musik selbst, ohne den philosophischen Hintergrund. Das geht natürlich bei der Zweiten einfacher als bei den Texte beinhaltenden anderen Symphonien. Nach einer Ö 1-Liveübertragung aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien am 4.3.2005 mit Markus Schirmer (Klavier), Philippe Jordan (Dirigent) und dem Radio Symphonieorchester Wien habe ich das Werk so empfunden: Der große Bogen des Prologs führt ein in diese Klangwelt, Stimmen fügen sich ineinander, das Klavier träumt gedankenverloren. Die anspruchsvollen Variationen lassen Stimmungen rasch wechseln. Das schillernde, schräge Largo fordert dem Hörer auch einiges ab. Die Masken entschädigen reizvoll rhythmisch. Und der schwer beginnende Epilog endet nahezu als Apotheose, per aspera ad astra.

"A Quiet Place" ist eine ganz wertvolle Erinnerung meines Lebens, ich werde die Daten demnächst hier nachliefern.
Freundlicher Gruß
Alexander

C.Huth

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16

Donnerstag, 12. Januar 2006, 12:48

RE: die andere ästhetik

Hallo Edwin, hallo Alexander und halle Wolfgang,

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Hallo Claus,
es hat eben nicht jeder die gleichen ästhetischen Ansichten. Ich kenne die frühe Bernstein-Aufnahme und auch ich finde sie trotz der schwächeren Technik musikalisch weit überlegen. Bernstein tendierte dazu, seine Werke mit zunehmendem Alter immer pathetischer zu interpretieren. Dadurch fallen jene Passagen, die mir nie unter meine kitschallergische Nase gegangen sind, noch stärker ins Gewicht.
Bei der frühen Aufnahme der Zweiten finde ich den Drive faszinierend, und ich finde es toll, wie das Werk blitzschnell Positionen wechselt - hier Symphonie, da kammermusikalischer Jazz, dort Klavierkonzert, mal tonal, mal zwölftönig. Ein klingendes Kaleidoskop der modernen urbanen Welt! Später hat Bernstein das Werk offenbar in die Richtung symphonisches Klavierkonzert drängen wollen, und ich finde, dass diese Festlegung just auf den Teil, der mir der am wenigsten interessante scheint, dem Stück nicht gut getan hat.


Das ist sehr treffend beschrieben, worin die Qualitäten der früheren Aufnahme liegen. BTW habe auch ich nicht verstanden, wieso Bernstein die Sinfonie später eben in diese Richtung "sinfonisches Klavierkonzert" zu verschieben sucht, denn der Aspekt erschien mir auch weniger interessant.

Es ist genau dieser "urbane" Charakter, der in der späteren Aufnahme meines Erachtens nach fehlt. Sie ist sicherlich eleganter und runder, auch wesentlich gepflegter - aber damit fehlt eben viel Witz und auch viel Schmerz, der eigentlich in der Musik steckt. Die Musik höre ich auch als absolut und habe mich mit dem "Programm" erst viel später befasst. Meines Erachtens nach spricht die Musik, wie jede gute Musik letztlich, auch für sich, es bedarf der programmatischen Erklärung nicht unbedingt zum Verständnis.

(Wie ist eigentlich die noch spätere Aufnahme für die DG, da spielt meines Wissens nach auch wieder Lukas Foss den Klavierpart? Ich kenne sie nicht bisher...).

Die Tendenz, die Du in Bernsteins Eigeninterpretationen zutreffend beschreibst, glaube ich auch in seinen sonstigen Interpretationen zu erkennen. Man vergleiche einmal die beiden frühen Aufnahmen der Mahler-Sinfonien 7 und 9 mit den späteren "Remakes" bei der DG (ich meine bei der Neunten nicht die vielgerühmte Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern, die ich nicht kenne, sondern die mit dem Concergebouw Orchestra)!! In den späteren Aufnahmen fehlt mir die Spontanität der frühen Aufnahmen, sie scheinen mir zu sehr "gemacht" und "gewollt", gerade wenn man mit der sehr spontanen Herangehensweise der früheren Aufnahmen vergleicht. Aber das gehört wohl eher in einen Thread über Bernstein als Dirigenten ;)

Abschließend noch eine Frage: Gibt es von dem "urspünglichen" Candide eigentlich noch eine brauchbare Aufnahme? Ich liebe die spätere Fassung sehr, aber der erste Wurf erscheint mir auch interessant....

Beste Grüsse,

C.
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Edwin Baumgartner

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17

Donnerstag, 12. Januar 2006, 14:52

candide

Weder jpc noch tower haben die alte Broadway-Aufnahme im Programm. Die Bersntein-Website http://www.leonardbernstein.com verzeichnet die Aufnahme, die ich selbst habe und die mich ziemlich begeistert so:
Original cast (1956): Max Adrian/Robert Rounseville/Barbara Cook/Ira Petina/William Olvis/William Chapman et al/Samuel Krachmalnick, cond.
CBS OL 5180, OS 2350, AOS 2350/Phillips BBL 7305(E), B 07399L(G)
Re-released on Sony Broadway p SK 48017

Ich habe sie noch auf Platte - und bin immer wieder weg, wie unglaublich frech und bissig dieses Stück da ist. Es gibt dann noch eine Aufnahme unter John Mauceri bei New World, aber die geht schon in Richtung Oper; Bernsteins eigene Einspielung ist dann der Versuch, die opernhaften Qualitäten des Werkes nachzuweisen, die ohnedies niemand je bezweifelt hat. Aber ich spüre da schon wieder diesen Krampf, ein brillantes, einzigartiges Werk eines Genres in ein anderes Genre stupsen zu wollen.

Übrigens - weil es hier gerade passt, sonst würde es in den Dirigenten-Thread gehören: Am extremsten ist die Entwicklung meiner Meinung nach nicht bei Mahler, sondern bei Sibelius: Man höre sich die grandiosen Ersteinspielungen an und zum Vergleich die bleischwere, schwitzend pathetische Zweite in der DG-Aufnahme. Ich sinke bei Bernstein in der Regel auch dann auf die Knie, wenn er ein Werk völlig ummodelt, weil das stets mit großem Empfinden geschieht. Aber diese Zweite ist für mich fast schon geschmacklos.

Die DG-Aufnahme von Bernsteins eigener Zweiten ist IMO sehr gut, plastisch (natürlich auch pathetisch). Aber wenn ich mir das Stück anhöre, greife ich nahezu immer zur CBS/Sony-Einspielung. Der Vergleich macht sicher.
...

C.Huth

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18

Donnerstag, 12. Januar 2006, 15:21

RE: candide

Hallo Edwin,

die Mauceri-Aufnahme des Candide hatte ich auch schon im Blick, aber dann doch nicht gekauft - und den Broadway-Mitschnitt, den ich immer gerne gehabt hätte, kriegt man ja nicht. Und Sony hat es offenbar auch verpennt, ihn in irgendeiner der Bernstein-Reihen wieder zugänglich zu machen (wie im übrigen auch die erste Aufnahme von "On the town", die man in keiner der Reihen bekommt, obwohl IIRC von Bernstein selbst dirigiert).

Zu den Sibelius-Aufnahmen kann ich nichts sagen, weil ich sie nicht kenne - mir ist es nur bei Mahler besonders aufgefallen, aber ich glaube Dir gerne, dass dem so ist. Im entsprechenden Thread wirst Du sicher Widerspruch dazu finden ;)

Beste Grüsse,

C.
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19

Freitag, 13. Januar 2006, 10:57

Hallo C.Huth und Edwin,

ich schätze Bernsteins Aufnahmen seiner Sinfonien beide Gleichermaßen (CBS 1960 und DG 198x). Es ist interessant zu hören, welche Interpretatiorische Veränderung sich vollzogen hat.
In der Änderung sehe ich aber nicht wie ihr einen Nachteil. Warum sollte Bernstein nicht nach mehr als 20Jahren eine andere Sicht auf sein Werk haben und diesem jetzt einen anderen gewichtigeren Ausdruck verleihen ?

Die DG-Aufnahme der Sinfonie Nr.1 und 2 kannte ich zuerst (ich hatte diese schon im ersten Thread erwähnt und abgebildet). Lukas Foss, der Pianist Deiner bevorzugten CBS-Aufnahme spielt auch wieder bei der Sinf.Nr.2 und macht es feuriger und etwas besser als Entremont. Da es aber bei dem Werk nicht auf die solistische Qualität so 100% ankommt - es ist ja kein Klavierkonzert in dem Sinne, ist dies nicht von so imenser Bedeutung. Die Durchhörbarkeit und Detailgenauigkeit ist bei der DG-Aufnahme jedenfalls noch etwas besser als bei CBS. Das Israel PO wird durch Bernstein wieder zu Höchstleistungen animiert und es entstand eine TOP-Aufnahme mit Weltklasseniveeu des Orchesters der Sinfonien Nr.1 und 2.
Das kann man bei anderen Dirigenten mit dem Israel PO wirklich seltener behaupten.
Gruß aus Bonn, Wolfgang

lutgra

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20

Dienstag, 7. August 2018, 09:09

Bernsteins Symphonien scheinen langsam aber sicher Repertoire zu werden.


Maurice

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21

Dienstag, 7. August 2018, 10:59

Die Sinfonien No 2 und No 3 sind auch in dieser Compilation zu finden:

Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)