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GalloNero

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Beiträge: 918

Registrierungsdatum: 19. November 2005

1

Freitag, 15. September 2006, 21:44

Instrumentales Singen

Hallo Forum!

Ich habe heute etwas interessantes von Peter Schreier, dem weltberühmten Thenor gelesen. Er, der er sich vor allem dem Werk des J.S. Bach sehr verbunden fühlt schreibt:

"Für die Zeit des Barock und der Frühklassik bis hin zu Mozart braucht man eine ganz bestimmte Tongebung, nämlich ein instrumentales Singen, das aber nicht emotionslos sein darf. Vielmehr bedeutet instrumentales Singen für mich, daß man die Disziplin des Instrujmntes als Sänger übernimmt und sich enem Klangkörper unterordnet - also das völlige Gegenteil von Virtuosentum, das sich in den Vordergrund drängt. Der Sänger muss sich vielmehr als mitgestaltendes Element fühlen. Dazu bedarf es eben dieser sehr flexiblen, instrumentalen Tongebung. Diese Art des Singens braucht hohe technische und künstlerische Voraussetzungen. Im modernen Opernbetrieb drohen diese Fähigkeiten unterzugehen. Infolge eines oft übermäßigen Forcierens kann die Stimme dann nicht mehr instrumental geführt werden, sondern sie schlägt aus. Und das ist für die bei Bach geforderte Art des Singens überhaput nicht brauchbar!"

Mich haben diese Äußerungen zum nachdenken angeregt. Könnten darin die Gründe zu suchen sein, warum ich mit der Oper des 19ten Jahrhunderts recht wenig anzufangen weiß, von Kantate, Oratorium und Lied aber sehr angetan bin.

Wie geht das Euch. Gebt Ihr Peter Schreier recht? Wenn ja, wird er seinen eigenen Ansprüchen gerecht? Kann das jemand noch besser? Wie wichtig ist Euch eine instrumentale Tongebung? Wenn ja, in welchem Zusammenhang, bei welchen Werken?

Und zu guter Letzt natürlich, könnt ihr Einspielungen bennenen, auf denen dieses instrumentale Singen besonders gut gelungen ist?

Auf eine angeregte Disussion freut sich
GalloNero
... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

Glockenton

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Beiträge: 2 014

Registrierungsdatum: 27. Juli 2006

2

Samstag, 16. September 2006, 19:12

RE: Instrumentales Singen

Hallo GalloNero,

ich gebe Peter Schreier in allen Punkten recht.
Genauso wie er es beschreibt, sehe ich es auch.

Musik finde ich immer dann besonders interessant, wenn die Unterschiede zwischen Instrumental- und Vokalstimmen kaum noch bestehen, wenn es ineinander übergeht.
Bei Bachs Musik ist das natürlich sehr gut möglich, alleine schon von der Komposition her.
Aber auch bei Renaissance und Frühbarock ist es ja oft den ausführenden Interpreten überlassen, was nun "instrumentaliter" oder "vokaliter" gemacht werden soll ( mit allen reizvollen Mischungen, denke gerade an Schütz)

Zitat

Könnten darin die Gründe zu suchen sein, warum ich mit der Oper des 19ten Jahrhunderts recht wenig anzufangen weiß, von Kantate, Oratorium und Lied aber sehr angetan bin.


Ein wichtiger Grund wird es sein, und mir geht es ganz ähnlich.
Die instrumentale Tongebung ist mir beim Sänger sehr wichtig, vor allem, wenn es sich um Musik handelt, die vor dem 19.Jahrhundert komponiert worden ist.
Genauso wichtig finde ich allerdings auch, dass ein Instrumentalist singend spielen kann, auch auf Tasteninstrumenten.
Ähnliche Zusammenhänge gibt es ja auch zwischen den Polen Sprache und Gesang.

Peter Schreier wird seinem Anspruch m.E. gut gerecht.
Ich denke da an seine Beiträge als Sänger und Dirigent von Bachscher Musik. Zu seinen Richter-Zeiten gab es noch andere ästhetische Grundvorstellungen, weshalb ich diese Aufnahmen hier nicht miteinbeziehen würde, obwohl er in seinen dortigen Partien sicher auch Grossartiges geleistet hat.

Ich kenne viele Einspielungen, bei denen das instrumentale Singen gut gelungen ist.
Spontan und ohne grosses Überlegen fällt mir jetzt die Motette "Jesu meine Freude" in solistischer Ausführung unter der Leitung von Herreweghe ein: Klick



Hier denke ich im Besonderen an die Fuge"Ihr aber seid nicht fleischlich..."

Es gibt aber noch viel mehr.

LG :hello:
Glockenton
"Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)