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Edwin Baumgartner

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1

Donnerstag, 2. März 2006, 21:20

Die schönste Musik, die ich kenne - Claude Vivier

Es war vor etwa 20 Jahren. Mein Freund Reinhard, ausgebildeter aber nicht ausübender Musiker, hatte ein halbes Jahr Kanada hinter sich. Wir saßen beisammen, eine Flasche kanadischen Whiskys vor uns, dazu Lachs und ein paar andere Leckereien, und plauderten über - na ja, halt über Kanada. Natürlich konnte ich mein loses Mundwerk nicht halten (nett von Dir, Alfred, Dir einen diesbezüglichen Kommentar zu versagen) und ich stänkerte über kanadische Musik: "Das ist sicher sowas über Quintenbässen und einer chamanentrommel dazu". "Mitnichten", sagte Reinhard, "ich habe dort die schönste Musik gehört, die ich kenne."
Ich wurde neugierig, denn Reinhard kennt wirklich verdammt viel vom 10. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Und dann spielte er mir eine Schallplatte vor mit einem wirklich einzigartigen Stück. Da gibt es kurze, ekstatisch zuckende Floskeln. Und dann entfaltet ein Sopran eine Melodie, die ganz entfernt an die Gregorianik erinnert, voll mit raffinierten Synkopen. Das kleine Orchester begleitet in leuchtenden Akkorden, die eigentlich nichts tun, als diese wunderbare, wirklich vollendete Melodie gleichsam in eine Gloriole zu hüllen. Kein Kontrapunkt, nicht einmal Harmonie nach herkömmlichen Vorstellungen. Dieses Werk namens "Lonely Child" schien mir nur aus Klang zu bestehen, aus Klang von überirdischer Schönheit. Wie heißt der Komponist? - Nie gehört:
Claude Vivier


Damals waren Aufnahmen nur in Kanada aufzutreiben, Viviers Werke waren außerhalb Kanadas nur einem relativ kleinen Kreis bekannt: Nur in Frankreich wies Olivier Messiaen in seinen Analyseklassen immer wieder auf Vivier hin. Es dauerte noch Jahre (und bedurfte der Mithilfe György Ligetis), bis sich herumsprach, dass es da einen genialen Kanadier gab, der eine völlig einzigartige Musik schreibt.
Aber als es sich herumsprach, lebte Vivier nicht mehr.
Allein sein Leben liest sich wie ein Roman.
1948 in Montréal geboren, Eltern unbekannt, wird mit drei Jahren adoptiert.
Mit 16 Jahren von einem Seminar wegen „unreifen Benehmens“ verwiesen. Danach Beginn eines Studiums am Conservatoire de Musique in Montréal.
1971 geht Vivier nach Europa, studiert bei Gottfried Michael Koenig in Utrecht elektro-akustische Musik und bei Karlheinz Stockhausen in Köln Komposition. Seine Persönlichkeit ist stark genug, nicht einen Moment lang unter des einen oder des anderen Einfluss zu geraten. Der Preis: Weder Koenig noch Stockhausen, denen die enorme Begabung aufgefallen sein muss, rühren auch nur einen Finger für ihn.
1976 unternimmt Vivier eine ausgedehnte Asienreise. Seither werden seine Werke von imaginierten Landschaften geprägt - die Titel verweisen auf Orte, mitunter verballhornt, wie aus halb verschütteter Erinnerung hervorgeholt.
1983 wird Vivier in Paris das Opfer eines mit äußerster Brutalität durchgeführten Mordes, der Hintergrund scheint homosexueller Natur zu ssein, der Täter wird nie gefasst.

Vivier hinterließ trotz seines nur 34 Jahre dauernden Lebens 50 Kompositionen, von denen einige zu den vollendetsten gehören, die das 20. Jahrhundert hat.
Viviers Stil baut fast immer auf einer zentralen, aus kleinen Zellen breit entwickelten Melodie auf, die von den Instrumenten bzw. dem Orchester gefärbt, eingebettet, umhüllt, unterstrichen wird. Mitunter verwendet Vivier Mikrotöne und nähert sich der reinen Stimmung an, ohne in die Nähe der Spektralen Musik zu geraten.
Ebenso wenig hat Vivier mit den Zwölftönern zu tun, wenngleich seine Melodien manchmal alle Töne der chromatischen Tonleiter verwenden - aber Vivier folgt in der Melodiegestaltung nicht einem System, sondern seiner Intuition. (Eher gibt es Parallelen zur Gregorianik.)
Wenn Vivier Vokalmusik schreibt, verwendet er eigene Texte, in denen er (meistens französische) Worte und Wörter mit phonetischem Material kombiniert.
Zu Viviers bedeutendsten Werken, neben der Solokantate "Lonely Child", gehören die Orchesterwerke "Orion" und "Siddharta", ferner "Zipangu" für ein Streichorchester, das unerhörte Klänge erzeugt (da singt doch jemand - und das ist jetzt doch ein Blasinstrument, oder?).
Es ist eine Tragödie, dass Vivier nur eine Oper geschrieben hat, nämlich "Kopernikus", dessen philosophischer Text jede Linearität durchbricht. Eine Oper über Tschaikowskij war zum Zeitpunkt der Ermordung Viviers erst im Planungsstadium, eine Oper über Marco Polo war als Work in Progress angelegt, der "Prologue pour un Marco Polo" offenbart aber, welches Werk uns da verloren gegangen ist. (Es gibt eine DVD der offenbar rekonstruierten Oper - oder sollten da doch Teile aufgetaucht sein, die eine Komplettierung erlauben? In Kürze werde ich's wissen...)
Einzigartig ist auch die Solokantate "Bouchara" für Sopran und ein Kammerensemble, das wie ein volles Orchester klingt: Der Sopran singt die rund 13 Minuten Aufführungsdauer ohne eine einzige Pause eine Melodie von magischer Schönheit. "Wo Bist Du Licht", ebenfalls für Sopran und kleines Orchester, wird getragen von echtem Pathos. Wie immer bei Vivier ist das eine sehr offene Musik, eine Musik, die sich nicht hinter einem System verbirgt, sondern sich dem Musiker ebenso wie dem Zuhörer in all ihrer Emotionalität und Verletzlichkeit darbietet.

"Die schönste Musik, die ich kenne"? - Nun: Auf jeden Fall hat Vivier einige der schönsten, verletzlichsten und ästhetischesten Werke geschrieben, die mir unter die Ohren kamen.
Seine Musik ist wahrhaft einzigartig.
...

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2

Donnerstag, 2. März 2006, 22:03

Wie es der Zufall will, hielt ich gerade heute eine vor zehn Tagen neu erschienene Doppel-DVD über Vivier in Händen. Da ich vor geraumer Zeit einen höchst interessanten Bericht über Vivier in der 3sat-Sendung Kulturzeit gesehen hatte und mit seiner Lebensgeschichte etwas vertraut war, erwog ich eine Anschaffung, ließ die DVD dann aber aufgrund des stolzen Preises von 40 Euro erstmal stehen.



Meine weitere Recherche ergab bislang, dass auf CD zur Zeit wirklich nicht viel zu holen ist. Gerade das von Edwin angesprochene "Lonely Child" konnte ich bislang nicht entdecken. Da scheint noch gewaltiger Nachholbedarf zu bestehen. Ich kann nur hoffen, dass gerade die Nischenfirmen in naher Zukunft den einen oder anderen Schatz heben werden...

Gruß
B.
"Once you've seen your face on a bottle of salad dressing, it's hard to take yourself seriously."
Paul Newman

Edwin Baumgartner

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3

Freitag, 3. März 2006, 00:53

Hallo Barbirolli!
Also wieder einer der ungeliebten Links, aber für Vivier tu' ich alles: http://www.centremusique.ca
Da gibt's neben dem "Child" noch ein paar andere Viviers - nicht ganz billig, aber 100% zuverlässig; die ganze Angelegenheit gehört dem Kanadischen Komponistenverband, und man ist extrem bemüht!
...

Theophilus

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Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

4

Freitag, 3. März 2006, 00:55

So wird's gemacht:

"http://www.centremusique.ca"


Übrigens, die Preise auf dieser Site sind wohl in kanadischen Dollars, die etwas günstiger sind als der US-Nachbar. Sie halten sich somit durchaus im Rahmen.

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

klingsor

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5

Freitag, 3. März 2006, 01:05

hallo, ich besaß vor einigen jahren mal eine cd mit werken viviers, die ich mir aufgrund einer radiosendung voller begeisterung gekauft hatte .. doch irgendwie sprach mich dann die musik bis auf ausschnitte nicht mehr an, ich fand sie ziemlich langweilig ... vielleicht wäre ich jetzt reifer dafür ...wer weiß ... geschmack ändert sich ja bekanntlich
ich werde mich also nochmals nach der vorgetragenen begeisterung damit beschäftigen
--- alles ein traum? ---

klingsor

Edwin Baumgartner

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6

Freitag, 3. März 2006, 22:52

Eine Erfahrung, die ich mit Vivier gemacht habe: Entweder man verfällt seiner Musik, oder man zuckt gelangweilt die Schultern. In meinem Bekanntenkreis steht's etwa 50:50 - wobei der größte Fan eine Frau ist, die im Grund keine nach 1600 geschriebene Musik freiwillig hört und zerfließt bei Gregorianischen Gesängen, den Hymnen Hildegard von Bingens und der frühen Renaissancepolyphonie.
...

BigBerlinBear

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7

Sonntag, 5. März 2006, 18:42

Edwin:

Zitat

die im Grund keine nach 1600 geschriebene Musik freiwillig hört und zerfließt bei Gregorianischen Gesängen, den Hymnen Hildegard von Bingens und der frühen Renaissancepolyphonie.


Hm Edwin, also das könnte dann durchaus was für mich sein, wobei ich es mit dme Stichjahr 1600 nicht SOO genau nehme, sind die die beiden Bände der "Gradualia" von William Byrd 1605, bzw. 1607 im Druck erschienen.... :D
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Edwin Baumgartner

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8

Sonntag, 5. März 2006, 20:19

Hallo BBB!
Aber Vorsicht! Das klingt nicht nach Alter Musik. Die Parallele besteht zur Gregorianik durch die völlige Einstimmigkeit. Allerdings wird sie bei Vivier intensiv koloriert. Am ehesten erinnert diese Musik an Messiaen - aber wie alle Vergleiche, so hinkt auch dieser. Ich kenne nichts, was wie Vivier klingt. Stell Dir eine Gregorianische Melodie vor, die über einer liegenden Bassquinte gesungen wird während die Streicher mit der Melodie mitgehen - und zwar in ungenauen, mit Vierteltönen angereicherten Parallelen.
LG
...

BigBerlinBear

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9

Sonntag, 5. März 2006, 22:06

Danke für die Aufklärung, Edwin ! :D Also ich denke mir das ganze wie ein Organum von Leonin, das eine arabische Sängerin melsimenreich über einem stehenden Orgelpunkt intoniert ! :D

Übrigens wie die Aufnahme unter de Leeuw mit "The Lonely Child" ein amerikanischer "Sammler" für 60 Euro über Amazon verscherbeln !
Ich las mir dann doch erstmal die DVD kommen, um einen ersten Eindruck zu erhalten.
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Edwin Baumgartner

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10

Sonntag, 5. März 2006, 22:40

Hallo BBB!
Das trifft's sogar ziemlich gut; und jetzt stell Dir noch vor, dass die Stimmen in Mixturklängen multipliziert werden, und Du hast Vivier fast in Reinkultur!
:hello:
...

petemonova

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11

Dienstag, 16. Mai 2006, 23:13

Eine neue Aufnahme mit Vivier-Werken ist gestern erschienen.
Mit dem Schlagzeuger Christian Dierstein, den ich bereits live in Birtwistles Doppelkonzert erlebt habe. Der hat was drauf. :P



Orion für Orchester
+ Siddhartha für Orchester in 8 Gruppen;
5 Chansons für Schlagzeug
Christian Dierstein, RSO Köln, Rundel
Kairos


Gruß, Peter.


P.S.: Habe gerade mal reingehört. Sehr interessant sind die Chansons für Schlagzeug. Das sind richtige Lieder, die nur mit Percussion gespielt werden. Hört sich etwas chinesisch an, hat aber was.
Musik zu hören ist zweifellos eine der extravagantesten Arten, sein Geld auszugeben.
- Mauricio Kagel

Reinhard

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12

Dienstag, 16. Mai 2006, 23:42

Danke für den Hinweis. Ich glaube die muß ich haben :yes:

Habe bereits die philips-Aufnahme mit Lonely Child, Prologue pour un Marco Polo, Zipangu, Bouchara.

Habe mich zwar hier noch nicht geäußert, ist aber für mich sehr beeindruckende Musik, die mir - je öfter ich sie höre - immer besser gefällt.
Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
(Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

Edwin Baumgartner

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13

Mittwoch, 17. Mai 2006, 00:07

Hallo Petemonova!
Danke für den Hinweis, ist mir glatt entgangen. "Orion" und "Siddharta" sind Orchesterwerke, die entfernt, ganz entfernt, an Messiaen erinnern. Die Chansons kenne ich noch nicht.
LG
...

14

Freitag, 13. Oktober 2006, 23:06

Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele

Lieber Edwin,

hab`herzlichen Dank dafür, dass du diesen Thread eröffnet hast und so anregend über Claude Vivier geschrieben hast.

Deine Beiträge ermutigen mich, das letzte Werk Viviers vorzustellen.

Es handelt sich um die etwa zehn Minuten lange Partitur von "Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele". "Glaubst du" wurde auch innerhalb des Musiktheaterprojektes "Rêves d'un Marco Polo" der Nederlandse Opera Amsterdam aufgeführt, die jetzt die gleichnamige DVD dazu veröffentlicht hat.

Es ist für zwölf Sänger (3S, 3A, 3T, 3B), einen Sprecher, Schlagzeug (leise),
3 Synthesizer (davon einer auch als Vocoder für den Sprecher).
Das Stück ist ein Liebeslied, aber sein Text nimmt in rätselhafter Weise das Geschehen um Viviers gewaltsamen Tod vorweg. Es ist von einer rätselhaft verschleierten Harmonik, in der die Färbung romantischer Klangwelten noch durchscheint. Allerdings führen in den Akkorden zusätzliche Töne zu komplexen und aus den Obertonskalen abgeleiteten Resonanzklängen. Irgendwo ist da auch die Musiksprache Messiaens zu spüren. Gleichzeitig werden die Akkorde in kleinschrittigen Tonbewegung einer 12-stimmigen Mikropolyphonie erzeugt, und ein scheinbar improvisierter, sehr spontaner und ruhevoller rhythmischer Fluß entsteht durch ständige Veränderungen des Taktmaßes, wobei zwischendurch auch Taktwechsel vorkommen können wie erst ein 4-Viertel-Takt, dann ein 1 Achtel + 2/3 Viertel-Takt, dann ein 6-Viertel-Takt
und dann wieder etwas neues. Alles bei ruhigem Tempo und meistens im pianissimo.

Ich hatte einmal eine Aufführung des Stückes projektiert. Leider fand letztendlich das Konzert statt, nicht aber die Aufführung von "Glaubst du". Immerhin gab es schon einen Textentwurf für das Programmheft, und daraus möchte ich ein wenig an dieser Stelle veröffentlichen. Ich möchte euch, liebe Forianer und liebe Leser, auch die letzten Sätze des Textes im Schlußteil des Werkes nicht vorenthalten, aber nicht in der französischen Originalsprache, sondern in einer Übersetzung. (An dieser Stelle nochmals vielen Dank an einen Pfälzer Netzwerkadministrator von der Weinstraße, welcher mir in diesem Zusammenhang mit seinem glänzenden Französisch hilfreich zur Seite stand).

Anmerkungen aus dem Programmheft:
"Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele" ist Viviers letztes, unvollendetes Werk und hat den Charakter einer Totenmesse. Ursprünglich was das Werk als dies irae eines Requiems gedacht. Im ersten Teil komponiert Vivier für zwölf Gesangssolisten und einen Sprecher einen Text in seiner Fantasiesprache, ähnlich wie in Bouchara. Im zweiten Teil des Werkes setzt er den Text auf Französisch fort. Dort beschreibt er die Konsequenz eines Lebens, das nicht nur von der Suche nach dem Fremden, sondern auch vom Bewusstsein des kommenden Todes bestimmt war. Und zugleich spricht dieser Text die Problematik von Viviers Lebensgefühl an, den Versuch, seine Identität als Homosexueller und einen Weg außerhalb der inneren und äußeren Restriktionen zu finden, die seine Jugend bei einem konservativ katholischen Adoptivelternpaar kennzeichneten. Pierre Audi (der Regisseur der Amsterdamer „Marco-Polo“-Aufführung) spricht Vivier außerdem in einer religiösen Metapher die Rolle eines Menschen zu, der sich für andere opfert. Pierre Audi inszenierte die zwei Abende der "Rêves d'un Marco Polo" als suggestives Ritual, gemäß Viviers Aussage, an Marco Polo interessiere ihn weniger die historische Figur als das Symbol: “Marco Polo ist ein großer Träumer”. (siehe Chris Engeler, Leven vorbij de dood, S. 24)

Es ist nicht ganz leicht, nachzuvollziehen, wie Vivier sich die Persönlichkeit Marco Polos vorstellte. Er scheint die Überschreitung geografischer und subjektiver Grenzen gesucht zu haben. Bezeichnend für seine Lebenshaltung sind Aussagen von Viviers Freunden zu seinen letzten Lebensjahren: Vivier provozierte regelmäßig Besucher in Strip-Bars in Toronto und provozierte Schlägereien mit ihnen, während er andererseits in muslimischen Nachtklubs lauthals erklärte, Jude zu sein. Rodney Sharman hatte berichtet, dass Viviers Tod für seine Freunde nicht überraschend kam und nur als eine Frage der Zeit gesehen wurde. In seinem letzten Lebensmonat habe Vivier ihm begeistert Stichwunden an seinem Hals gezeigt, die ihm ein junger Mann zugefügt hatte.
(John Keillor: 'It was only a matter of time', am 6. März 2003, für globe and mail, auch online bei Registrierung abrufbar)

In einem rätselhaften Sinn beschreiben die letzten Zeilen von „Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele“ ein Ziel seines Lebens und nehmen zugleich die Ereignisse vorweg, die wenig später eine Wirklichkeit wurden, und in denen das Leben die Kunst imitierte:

Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele

(Text: Claude Vivier)

...Ich fror, es war Winter
zumindest glaubte ich zu frieren
ich fror beinahe
das war nicht so wie tot zu sein
wovor ich Angst hatte
zu sterben
plötzlich habe ich gefroren
sehr gefroren
oder ich war kalt
Es wurde Nacht und ich hatte Angst
Es wurde Nacht und ich hatte Angst
Es wurde Nacht und ich hatte

Es war ein Montag oder Dienstag, ich erinnere mich sehr gut, doch all das ist nicht von Bedeutung. Wichtig ist jenes Ereignis, das sich an diesem Tage zutragen sollte. Ich erinnere mich, es war ein grauer Tag, daher hatte ich mich entschieden, die Métro zu nehmen. Ich musste Fahrscheine kaufen, da ich bereits keine mehr bei mir hatte. Ich trat ein Stück auf das Gleis hinaus und entzündete eine Zigarette um meine Langeweile zu vertreiben.
Ein metallisches Grollen kündete vom Eintreffen der Métropolitain. Das lange blaue Vehikel kam zum stehen. Ich steuerte eine der Türen an, den Griff anhebend drängte ich in den Waggon hinein, ich glaube, es war der vorderste Wagen.
Der Raum, welcher mich empfing, war nahezu leer, einzig gegenüber der Bank, auf der ich Platz genommen hatte, las eine etwas runzlige alte Dame lächelnd ihre Zeitung, man möchte meinen wie ein Priester, der sein Gebetbuch liest. Die Dame hatte ein nettes Äußeres, sie saß schief, beinahe so, als wolle sie auch niemanden stören.
Auf meiner Bank sitzend überkam mich dieses Gefühl, dass an diesem Tag etwas Wesentliches in meinem Leben geschehen würde.
Just in diesem Augenblick blieb mein umherschweifender Blick an einem jungen Mann mit sonderbarer, aufwühlender Aura hängen.
Ich konnte nicht umhin, ihn mit langen Blicken zu taxieren.
Es gelang mir nicht, meine Augen von dem jungen Mann abzuwenden. Es schien, als säße er mir bereits eine Ewigkeit gegenüber.
Da sprach er mich an. Er sagte: „Quite boring, this metro, wie?!“
Ich wusste keine Antwort und sagte, beinahe verlegen, meinen Blick verdrängt zu haben: „Yes, quite. “
Nun trat der junge Mann wie selbstverständlich heran, um sich neben mich zu setzen und sagte: „My name is Harry.“
Ich erwiderte, dass ich Claude heiße.
Dann, ohne eine weitere Form der Vorstellung, zog er einen Dolch aus seiner tiefschwarzen, wahrscheinlich in Paris erstandenen Jacke, und stieß ihn mir mitten ins Herz.


In der Nacht vom 6. zum 7. März 1983 wurde Claude Vivier in seiner Wohnung in Paris von einem jungen Mann, den er am gleichen Abend kennen gelernt hatte, ermordet.


Literaturhinweise:


Engeler, Chris: Leven voorbij de dood – Pierre Audi over Rêves d`un Marco Polo, in : ODEON. De Nederlandse Opera, Nr. 37, Mai/Juni/Juli 2000, S. 24-26


Rohde, Gerhard (2000): Die Sehnsucht nach Ferne und Tod. Claude Viviers „Marco
Polo“-Projekt beim Holland-Festival in Amsterdam. Neue Musikzeitung Nr. 7, 2000.
Regensburg, Gustav Bosse Verlag. Auch veröffentlicht unter der Website der Neuen Musikzeitung
Liebe Grüße!

Ralf

15

Samstag, 9. Dezember 2006, 13:26

jetzt auch in Ludwigshafen - Claude Vivier

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Und dann spielte er mir eine Schallplatte vor mit einem wirklich einzigartigen Stück. Da gibt es kurze, ekstatisch zuckende Floskeln. Und dann entfaltet ein Sopran eine Melodie, die ganz entfernt an die Gregorianik erinnert, voll mit raffinierten Synkopen. Das kleine Orchester begleitet in leuchtenden Akkorden, die eigentlich nichts tun, als diese wunderbare, wirklich vollendete Melodie gleichsam in eine Gloriole zu hüllen. Kein Kontrapunkt, nicht einmal Harmonie nach herkömmlichen Vorstellungen. Dieses Werk namens "Lonely Child" schien mir nur aus Klang zu bestehen, aus Klang von überirdischer Schönheit. Wie heißt der Komponist?


Claude Viviers „Lonely Child“ :angel:soll in Ludwigshafen auf dem Programm stehen,
und zwar am

Dienstag,
19.12.2006
20.00 Uhr

Ludwigshafen, Konzertsaal im Pfalzbau
Benefiz-Weihnachtskonzert für die Bürgerstiftung Ludwigshafen
Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Caroline Melzer Sopran
Stefan Tarara Violine
Joseph Moog KLavier
Friedrich von Thun Sprecher
Ari Rasilainen Dirigent

Auf der Website des Orchesters ist dieses Stück nicht angekündigt, sondern nur das übrige Programm, das ganz im Stili eines populären Weihnachstkonzertes ist:

Edvard Griegs Klavierkonzert a-Moll und seine Peer Gynt Suite, ;)
Nicolo Paganinis Violinkonzert „La Campanella“ :pfeif:
mit jungen Solisten wie
Pianist Joseph Moog, Geiger Stefan Tarara und Sopranistin Caroline
Melzer. Durch das besinnliche Weihnachtsprogramm führt
Schauspielgröße Friedrich von Thun. Der Erlös des Konzertes wird der
Bürgerstiftung Ludwigshafen zu Gute kommen.


heißt es auf des Website des Orchesters dazu. Dass auch Lonely Child aufgeführt werden soll, steht in der Verlagswebsite von Boosey & Hawkes, und im Oktober hatte mir ein Mitarbeiter der Philharmonie auf E-mail-Anfrage die Vivier-Aufführung tatsächlich bestätigt. Allerdings: Bevor ich persönlich die 400 Kilometer in die Pfalz fahren würde, würde ich jetzt noch einmal nachfragen - ganz sicher erscheint mir die Sache nicht, wenn das Stück so wenig von Seiten des Veranstalters beworben wird.
Liebe Grüße!

Ralf

16

Mittwoch, 13. Dezember 2006, 23:47

Claude Vivier Journal

nach "Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele" nun noch ein anderes vokales Hauptwerk von Claude Vivier. Es stammt aus dem Jahr 1977. Es ist nicht bei JPC erhältlich, aber auf der Website des Französischen Labels "Nocturne", aufgenommen und hervorragend gesungen von Les jeunes solistes unter Leitung von Rachid Safir. (Titel: Claude Vivier Chants)

Dabei handelt es sich um Viviers "Journal". Die Aufnahme enthält auch noch drei weitere größere Chorwerke Viviers.

"Journal" ist für vier Solosänger (SATB), Chor und Schlagzeug (Gongs, Tam Tam, cymbales antiques, Röhrenglocken...). Musikalisch ist das Ganze ein harmonisch komplexer Satz in Viviers typischer, schillernder und Messiaen übersteigernder Moda-Tonalität, in vier Teilen, mit rund 45 Minuten Dauer. Die Vokalpartien bieten wunderschönen Gesang, aber manchmal auch diverse, der Schreibweise des Komponisten eigene Abwandlungen des Gesangs (teilweise à la Berio, Sequenza für Stimme), Rufen, Flüstern, Sprechen, Überlagerungen von Sprechstimmen wie in einem Rundfunkhörspiel.

Spannend ist auch die Zusammensetzung der Texte.
Diese beschreiben die Stationen des Lebens von der Kindheit bis zum Tod und darüber hinaus. Die Texte sind auf Französisch, Englisch und Deutsch sowie stellenweise in Viviers eigener Phantasiesprache, und sie sperren sich jeglichen Übersetzungsversuchen, welche in "Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele" noch gelangen.

Um einen Eindruck von der Athmosphäre des Werkes zu bieten, zitiere ich hier einige Textausschnitte gemäß dem Booklet der Aufnahme (Claude Vivier Chants, Nocturne, 13, rue Fernand Léger 75020 Paris, 2003) Es handelt sich nur um kurze Ausschnitte, im Booklet ist der Text 11 Doppelseiten lang (allerdings bietet die rechte Seite stets die englische Übersetzung bzw. die französische bei den Stellen, die im Original nicht auf Französisch sind):

"L´Enfance" zitiert u.a. Verse aus Lewis Caroll: Alice in Wonderland.

"L´Amour" beginnt mit der Anrufung von Juliette Tristan Isolde Roméo

und mit eigenen Liebesgedichten Viviers. Dazwischen deutschsprachige Einwürfe:

Hey! Mein Freund bist du jetzt am träumen.
Mein Freund, komm doch in die Kneipe ein Bier trinken.
Das ist toll
Aber lass mich doch nicht allein
Du weisst, dass ich Angst habe, allein zu sein.


"La Mort" beginnt

Ouvrez-vous!
Luminiscence!
Portail du lumière!
Univers lumineux!

und bringt dann Novalis, Hymnen an die Nacht Nr. 4:

Nun weiss ich, wenn der letzte Morgen sein wird - wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht - wenn der Schlummer ewig und nur Ein unerschoepflicher Traum sein wird. Himmlische Müdigkeit fühl ich in mir.- Weit und ermüdend ward mir die Wallfahrt zum heiligen Grabe...


und Verse des lateinischen Requiens, aber auch die Beschwörung MAYAKOWSKY.

"Aprés La Mort" besteht nur aus Viviers eigenen Versen.
Das Werk endet mit:

... Musiques subtiles emplissant mon âme.
Soudain l´amour devient possible.
The merlins from all dimensions of the univers gaze at you and love you.

Your eyes are no longer eyes
But starry openings
Upon fabulous constellations.
Yours ears perceive the subtile vibrations of the bodies celestial.
Temporal planes Grow within you.
The seven fundamental stars
Shall guide you toward eternal contemplation

No kazé
Di yonopou
Zamoreska oumè zo ta
O vay zoko mi ma
Komè siké.
A!
Minayokami, nayokamina

COME, LET´S Go!

YA!
Liebe Grüße!

Ralf

17

Samstag, 16. Dezember 2006, 00:47

Vivier-Aufführung der Nederlandse Opera

Zitat

Original von Barbirolli
... Meine weitere Recherche ergab bislang, dass auf CD zur Zeit wirklich nicht viel zu holen ist. Gerade das von Edwin angesprochene "Lonely Child" konnte ich bislang nicht entdecken. Da scheint noch gewaltiger Nachholbedarf zu bestehen. Ich kann nur hoffen, dass gerade die Nischenfirmen in naher Zukunft den einen oder anderen Schatz heben werden...


Die umfassundste Sammlung unter allen auf normalem Wege erhältlichen Medien dürfte sicher die DVD des Amsterdamer Vivier-Projektes der Nederlandse Opera sein.



Das Projekt bestand aus zwei Teilen, "Kopernikus" und "Rêves d´un Marco Polo".
Während "Kopernikus" die einzige fertig gestellte Oper von Vivier ist,
bietet der zweite Teil des Abends mit "Rêves d´un Marco Polo" Inszenierungen zahlreicher Hauptwerke Viviers,
darunter "Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele", "Lonely Child", "Prologue pour un Marco Polo", "Shiraz", "Wo bist du Licht!".

Im Jahr 2000 hat Gerhard Rohde in der Neuen Musikzeitung (Ausgabe 7) begeistert über dieses Projekt berichtet.
Liebe Grüße!

Ralf

18

Donnerstag, 26. Juni 2008, 12:51

Kopernikus von Claude Vivier in Berlin

Claude Vivier steht jetzt auf dem Programm einer Aufführungsserie der Universität der Künste in Berlin.
Seine Oper "Kopernikus" wird am 26., 27., 28., und 29 Juni aufgeführt.
Der "Lifestyle-Presseservice" schreibt dazu:

Die deutsche Erstaufführung dieses Werkes fand im Rahmen der UdK-Musikfestwochen "crescendo2008!" statt. Nun zeigt die Klangexekutive zum zweiten Mal das einzige abendfüllende Musiktheater des kanadischen Künstlers Claude Vivier (1948-1983).

Zentralperson der Handlung ist Agni. In ihrer Traumwelt erscheinen Figuren wie Lewis Carroll, Merlin, eine Hexe, die Königin der Nacht, ein blinder Prophet, ein alter Mönch, Tristan und Isolde, Mozart, der König der Gewässer, ihre eigene Mutter und zum Schluss des Werkes Kopernikus,"er öffnet das Tor zum Himmel". Die Handlung verläuft in Tableaus, in Stationen eines inneren Traumtheaters.

Musikalische Leitung: Errico Fresis, Regie: Tatjana Beyer, Dramaturgie: Prof. Wolfgang Heiniger,
Bühnenbild: Yassu Yabara, Kostüme: Sayyora Muinova, Licht: Detlef Graf
Solisten des Studiengangs Gesang/Musiktheater und Instrumentalisten der Fakultät Musik

Eine Veranstaltung von KLANGZEITORT, dem Institut für Neue Musik der UdK Berlin und der HfM "Hanns Eisler" sowie der Fakultät Darstellende Kunst der UdK Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung der Botschaft von Kanada

26. bis 29. Juni, 19.30 Uhr
UdK Berlin . UNI.T - Theater . Fasanenstraße 1 B . Berlin-Charlottenburg
Karten: UdK-Konzertsaalkasse, Hardenbergstraße/Ecke Fasanenstraße
Tel: 3185-2374, E-Mail: udkkasse@udk-berlin.de
Eintritt: 8 Euro, erm. 4 Euro
Liebe Grüße!

Ralf

19

Freitag, 5. September 2008, 18:15

Vivier in Bonn

Eine Aufführung der Love Songs in Kombination mit kunstvollen Vokalbearbeitungen nach Beethovens Neunter (Scherzo) und nach Titeln von The Beatles, Yes und anderen gibt an diesem Sonnabend in der Nähe vonBonn. Die Website des Musikverlages Boosey&Hawkes kündigt für die nächsten Monate noch eine ganze Reihe von Aufführungen mit größeren Werken von Claude Vivier an. Zusätzlich zu den in dieser Liste angekündigten Konzerten gibt es noch Anfang Januar in Hannover eine Aufführung von Shiraz durch den Pianisten Shai Wosner im Rahmen der Pro-musica-Konzerte.
Liebe Grüße!

Ralf

20

Montag, 10. November 2008, 16:48

Shiraz von Vivier in Detmold

Die explosive Klaviertoccata Shiraz gibt es am 11.11. auch in Detmold, im Rahmen des Messiaen-Festivals der Hochschule für Musik Detmold. Allerdings nicht um 11.11, sondern um 19.30 Uhr.
Liebe Grüße!

Ralf

21

Sonntag, 11. Januar 2009, 16:51

Vivier Shiraz nicht in Hannover

Zitat

Original von Kulturvermittler
... Die Website des Musikverlages Boosey&Hawkes kündigt für die nächsten Monate noch eine ganze Reihe von Aufführungen mit größeren Werken von Claude Vivier an. Zusätzlich zu den in dieser Liste angekündigten Konzerten gibt es noch Anfang Januar in Hannover eine Aufführung von Shiraz durch den Pianisten Shai Wosner im Rahmen der Pro-musica-Konzerte.



... spielt er in Hannover natürlich nicht. Das aktuelle Programm von Shai Wosner in Hannover am 13. Januar ist jetzt:

Schumann Nachtstücke op. 23
Debussy Préludes
Schumann Carnaval op. 9

:boese2: :boese2: :boese2:
Liebe Grüße!

Ralf

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22

Donnerstag, 22. Januar 2009, 23:01

Zitat

Original von petemonova



Orion für Orchester
+ Siddhartha für Orchester in 8 Gruppen;
5 Chansons für Schlagzeug
Christian Dierstein, RSO Köln, Rundel
Kairos


Habe gerade erstmals Vivier gehört, die beiden Orchesterwerke von der oben schon von petemonova vorgestellten Aufnahme. Die Erfahrung lässt mich wenig beeindruckt zurück. "Siddartha": ewige Orgeltöne im Bass, wechselnde Haltetöne in den Mittelstimmen, Mikrointervallgewusel im Diskant. Rhythmisch ein äußerst getragener Grundduktus. Das Ganze teilweise etwas aufgehübscht durch den ein oder anderen Instrumentationswechsel. "Orion" kommt etwas rhythmischer daher mit einem "Sacre"-Zitat zu Beginn, einigem Blechbläserbombast, dann aber dem gleichen Quintenfestival wie in "Siddartha". Raffiniert kann ich das alles nicht finden; es erinnert mich ehrlich gesagt von der Machart her eher an Grofé als an Messiaen. Ich habe den Eindruck, ich soll überwältigt werden durch die geradezu physische Schwere dieser ewig liegenbleibenden Töne. Eine pathetische Musik ohne Sinnlichkeit und letztlich ohne inneren Kern, so kommt es mir vor.

Grüße,
Micha

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23

Donnerstag, 22. Januar 2009, 23:28

Die Chansons für Schlagzeug finde ich aber sehr schön, stelle ich beim Weiterhören fest!

Grüße,
Micha

Aquarius

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24

Freitag, 23. Januar 2009, 16:01

RE: Die schönste Musik, die ich kenne - Claude Vivier

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Es war vor etwa 20 Jahren. Mein Freund Reinhard, ausgebildeter aber nicht ausübender Musiker, hatte ein halbes Jahr Kanada hinter sich. Wir saßen beisammen, eine Flasche kanadischen Whiskys vor uns, dazu Lachs und ein paar andere Leckereien, und plauderten über - na ja, halt über Kanada. Natürlich konnte ich mein loses Mundwerk nicht halten (nett von Dir, Alfred, Dir einen diesbezüglichen Kommentar zu versagen) und ich stänkerte über kanadische Musik: "Das ist sicher sowas über Quintenbässen und einer chamanentrommel dazu". "Mitnichten", sagte Reinhard, "ich habe dort die schönste Musik gehört, die ich kenne."
Ich wurde neugierig, denn Reinhard kennt wirklich verdammt viel vom 10. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Und dann spielte er mir eine Schallplatte vor mit einem wirklich einzigartigen Stück. Da gibt es kurze, ekstatisch zuckende Floskeln. Und dann entfaltet ein Sopran eine Melodie, die ganz entfernt an die Gregorianik erinnert, voll mit raffinierten Synkopen. Das kleine Orchester begleitet in leuchtenden Akkorden, die eigentlich nichts tun, als diese wunderbare, wirklich vollendete Melodie gleichsam in eine Gloriole zu hüllen. Kein Kontrapunkt, nicht einmal Harmonie nach herkömmlichen Vorstellungen. Dieses Werk namens "Lonely Child" schien mir nur aus Klang zu bestehen, aus Klang von überirdischer Schönheit. Wie heißt der Komponist? - Nie gehört:
Claude Vivier


Damals waren Aufnahmen nur in Kanada aufzutreiben, Viviers Werke waren außerhalb Kanadas nur einem relativ kleinen Kreis bekannt: Nur in Frankreich wies Olivier Messiaen in seinen Analyseklassen immer wieder auf Vivier hin. Es dauerte noch Jahre (und bedurfte der Mithilfe György Ligetis), bis sich herumsprach, dass es da einen genialen Kanadier gab, der eine völlig einzigartige Musik schreibt.
Aber als es sich herumsprach, lebte Vivier nicht mehr.
Allein sein Leben liest sich wie ein Roman.
1948 in Montréal geboren, Eltern unbekannt, wird mit drei Jahren adoptiert.
Mit 16 Jahren von einem Seminar wegen „unreifen Benehmens“ verwiesen. Danach Beginn eines Studiums am Conservatoire de Musique in Montréal.
1971 geht Vivier nach Europa, studiert bei Gottfried Michael Koenig in Utrecht elektro-akustische Musik und bei Karlheinz Stockhausen in Köln Komposition. Seine Persönlichkeit ist stark genug, nicht einen Moment lang unter des einen oder des anderen Einfluss zu geraten. Der Preis: Weder Koenig noch Stockhausen, denen die enorme Begabung aufgefallen sein muss, rühren auch nur einen Finger für ihn.
1976 unternimmt Vivier eine ausgedehnte Asienreise. Seither werden seine Werke von imaginierten Landschaften geprägt - die Titel verweisen auf Orte, mitunter verballhornt, wie aus halb verschütteter Erinnerung hervorgeholt.
1983 wird Vivier in Paris das Opfer eines mit äußerster Brutalität durchgeführten Mordes, der Hintergrund scheint homosexueller Natur zu ssein, der Täter wird nie gefasst.

Vivier hinterließ trotz seines nur 34 Jahre dauernden Lebens 50 Kompositionen, von denen einige zu den vollendetsten gehören, die das 20. Jahrhundert hat.
Viviers Stil baut fast immer auf einer zentralen, aus kleinen Zellen breit entwickelten Melodie auf, die von den Instrumenten bzw. dem Orchester gefärbt, eingebettet, umhüllt, unterstrichen wird. Mitunter verwendet Vivier Mikrotöne und nähert sich der reinen Stimmung an, ohne in die Nähe der Spektralen Musik zu geraten.
Ebenso wenig hat Vivier mit den Zwölftönern zu tun, wenngleich seine Melodien manchmal alle Töne der chromatischen Tonleiter verwenden - aber Vivier folgt in der Melodiegestaltung nicht einem System, sondern seiner Intuition. (Eher gibt es Parallelen zur Gregorianik.)
Wenn Vivier Vokalmusik schreibt, verwendet er eigene Texte, in denen er (meistens französische) Worte und Wörter mit phonetischem Material kombiniert.
Zu Viviers bedeutendsten Werken, neben der Solokantate "Lonely Child", gehören die Orchesterwerke "Orion" und "Siddharta", ferner "Zipangu" für ein Streichorchester, das unerhörte Klänge erzeugt (da singt doch jemand - und das ist jetzt doch ein Blasinstrument, oder?).
Es ist eine Tragödie, dass Vivier nur eine Oper geschrieben hat, nämlich "Kopernikus", dessen philosophischer Text jede Linearität durchbricht. Eine Oper über Tschaikowskij war zum Zeitpunkt der Ermordung Viviers erst im Planungsstadium, eine Oper über Marco Polo war als Work in Progress angelegt, der "Prologue pour un Marco Polo" offenbart aber, welches Werk uns da verloren gegangen ist. (Es gibt eine DVD der offenbar rekonstruierten Oper - oder sollten da doch Teile aufgetaucht sein, die eine Komplettierung erlauben? In Kürze werde ich's wissen...)
Einzigartig ist auch die Solokantate "Bouchara" für Sopran und ein Kammerensemble, das wie ein volles Orchester klingt: Der Sopran singt die rund 13 Minuten Aufführungsdauer ohne eine einzige Pause eine Melodie von magischer Schönheit. "Wo Bist Du Licht", ebenfalls für Sopran und kleines Orchester, wird getragen von echtem Pathos. Wie immer bei Vivier ist das eine sehr offene Musik, eine Musik, die sich nicht hinter einem System verbirgt, sondern sich dem Musiker ebenso wie dem Zuhörer in all ihrer Emotionalität und Verletzlichkeit darbietet.

"Die schönste Musik, die ich kenne"? - Nun: Auf jeden Fall hat Vivier einige der schönsten, verletzlichsten und ästhetischesten Werke geschrieben, die mir unter die Ohren kamen.
Seine Musik ist wahrhaft einzigartig.


Obenstehende Worte habe ich ersteinmal einfach nur offenen Mundes verschlungen, so fasziniert bin ich von dessen Informationsgehalt:

Mal nachschauen und Kaufen... ?
alle Menschen werden Brüder ...

25

Freitag, 24. April 2009, 20:31

Claude Vivier im Radio WDR 3

Sonntag, 26.04.09 um 23:05 Uhr

Der Musiker Claude Vivier

Vagabund Vivier – Leben und Sterben eines Musik-Weltreisenden

Shiraz, Bouchera, Paramirabo, Pulau Dewata (die Insel der Götter) oder Zipangu (wie Marco Polo Japan einst nannte).
Schon die Titel seiner Werke lassen die Atmosphäre sagenumwobener, ferner Orte anklingen. Claude Vivier hat diese exotische Reisen tatsächlich unternommen. Der Kanadier bereiste Ende der 70er Jahre mehrfach den nahen und fernen Osten – getrieben von Sehnsucht, Fernweh und Neugier.
Von Begegnungen mit Vivier und seiner außergewöhnlichen Musik erzählen Weggefährten, Freunde und Bewunderer: Clarenz Barlow, Johannes Fritsch, Denys Bouliane, Robert HP Platz, Reinbert de Leeuw, György Ligeti ...

Redaktion Frank Hilberg
Liebe Grüße!

Ralf

26

Mittwoch, 29. April 2009, 22:46

Claude Vivier bei der Ruhr-Triennale: Sing für mich, Tod

Willy Decker hat als neuer Intendant der Ruhr-Triennale das neue Programm vorgestellt. Es gibt nicht nur Schönbergs "Moses und Aron", sondern ab dem 5. September eine Reihe von Inszenierungen zu Claude Vivier, unter dem Titel "Sing für mich, Tod". Dabei wird anscheinend auch
Crois-tu en l' immortalité de l' âme? (Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?) aufgeführt.
Wer noch Karten möchte, sollte sich beeilen.
Liebe Grüße!

Ralf