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musicophil

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1

Sonntag, 31. Mai 2009, 14:37

Opern zeitlich versetzen

Zitat

Original von Dreamhunter
Die Inszenierung war so was von belanglos - im Prinzip die Personenführung der STOP-Schenk-Inszenierung in eine modernere Zeit versetzt (und das dann komplett gegen das Libretto.). Ich finde, dass der Rosenkavalier zeitlich nicht rübergehoben werden kann - das geht nicht gut...

Dieser Absatz ließ mich sinnen.
Ungeachtet ob einer Staubi ist oder nicht, hier wird ein prinzipielles Problem ganz nebenbei erwähnt: eine Oper kann bzw darf nicht zeitlich versetzt werden.
Hierüber läßt sich gut streiten. :D

Ich gebe ein Beispiel von Opern, wovon ich finde, daß sie nicht versetzt werde dürfen: Opern, wobei es Feen und Elfen gibt, sind schwer wenn nicht unmöglich zu versetzen. Gilt das aber auch für einen "Deus ex machina" (Amor in Glucks Orpheus)?
Auch die Zauberflöte darf nicht versetzt werden. Oder Webers Oberon.
Kurz: Opern, wobei Märchenfiguren eine wichtige Rolle spielen, können sich m.E. nicht in der heutigen Zeit abspielen.

Wenn wir eine Liste zusammenstellen können von Opern, wobei der Regisseur sehr behutsam sein muß, ist schon viel gewonnen.

LG, Paul
Wirklich schöne Musik rührt

diotima

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2

Sonntag, 31. Mai 2009, 19:25

» Opern zeitlich versetzen »

Opern zeitlich versetzen ist m. E. so, als wolle man Werke von Dürer, Rembrandt oder Caspar David Friedrich überarbeiten um diese unserer Zeit anzupassen!
Es gibt doch allemal genug junge Komponisten/innen und ebenso auch viele junge Drehbuchautoren/innen (Librettoschreiber), die sich in unserer Zeit auskennen und diese auch entsprechend vertexten und vertonen können.
Die häufigen Neuinszenierungen sind u. a. auch ein wichtiger Grund warum ich seit Jahren nur noch höchst selten in die Oper gehe. Hier oute ich mich ganz freimütig als "Staubi"!
Mit lieben Grüßen,
Diotima. :hello:
Ich glaube an die Magie der Liebe (H. Hesse)

musicophil

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3

Sonntag, 31. Mai 2009, 21:25

Ich denke, daß z.B. Fidelio fast zeitlos ist. Die könnte man ohne viel Probleme ins 20. Jhdt abspielen lassen.
Der Waffenschmied könnte m.E. bis ins 19. Jhdt versetzt werden. Auch damals gab es noch Waffenschmieden.
Dagegen ist Zar und Zimmerman wegen Czar Peter deutlich zeitlich lokalisiert.
Die Traviata ist auch ziemlich zeitlos.

Dies sind nur einige Beispiele von Opern, wo ein Regisseur m.E. mehr oder weniger Freiheit haben könnte.
Ungeachtet der Tatsache, daß ich persönlich dagegen bin.

LG, Paul
Wirklich schöne Musik rührt

kopiroska

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4

Sonntag, 31. Mai 2009, 21:31

Opern zeitlich versetzen


Ich habe vor vielen, vielen Jahren einmal Mozarts Don Giovanni in modernem Gewand gesehen. Ich kann mich noch ganz genau an die Szene erinnern, wo Donna Elvira erschien. Die Szene spielte vor einer Wurstbude, an einem Brückenkopf. Die Wurtsbude und die Brücke spielten auch später eine wichtige symbolische Rolle. Ich kann mich noch an die Überraschung erinnern, angesichts der ersten Szenen, und aber auch an die zweite Überraschung: dass die Inszenierung funktionierte!

:hello:

Knusperhexe

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5

Sonntag, 31. Mai 2009, 21:42

Ich finde das mal ganz witzig, interessant und ungewohnt. Aber damit hat's sich auch. Ich möchte sowas nicht ständig und auf Teufel komm raus immer und immer wieder sehen.

Mir sind Inszenierungen, die sich an die vom Librettisten vorgegebene Epoche halten, bedeutend lieber. Bestes Beispiel für die zur Pflichtübung erstarrte Transaktion in eine andere Zeit war der gestrige "Rosenkavalier" aus Baden Baden.
Regietheater? Nein, danke!

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6

Sonntag, 31. Mai 2009, 22:01

Märchenopern spielen ja meistens in gar keiner bestimmten Zeit bzw. in einer Phantasie-Zeit, daher kann man wohl kaum versetzen, oder? ;)
Daß Oberon 1825 als realistische Darstellung der Zeit Karls des Großen gesehen wurde, ist nicht sehr plausibel.
In früheren Zeiten war eine "Versetzung" üblich (jedenfalls hatte man überhaupt kein Interesse an dem präzisen Nachstellen einer Epoche). Händels Cäsar trug keine Toga, sondern ein Phantasiekostüm, Mozarts Don Giovanni ist gewiß eher 1780 als 1600 anzusiedeln. Wie anderswo schon gesagt wurde, sind wir eher einen "Freischütz" im Biedermeier als in der 2. Hälfte des 17. Jhds. gewöhnt.
Opern wie Mozarts Figaro, Cosi, Entführung, Beethovens Fidelio, La Traviata oder Butterfly sollten damals die jeweilige Gegenwart wiedergeben. Konsequenterweise müßte man solche Handlungen in die heutige Zeit verlegen, um dasselbe Verhältnis von Bühnengeschehen und Zuschauerzeit herzustellen, oder?

Der Rosenkavalier ist ja ein Spezialfall, weil das sozusagen Figaro mit vierfachem fin-de-siecle -Zuckerguß ist (auch wenn er nach der Jahrhundertwende geschrieben wurde). Da ist also schon ein heute wieder historischer Blick auf eine seinerzeit über 120 Jahre vergangene Epoche mit hineinkomponiert, was eine besondere Spannung von Zeitbezug und historischer Verortung mit sich bringt.

:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Operngernhörer

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7

Sonntag, 31. Mai 2009, 22:02

Don Giovanni - zeitlich versetzt

Liebe Kopiroska,

ich habe diesen "Don Giovanni" auch gesehen und fand ihn gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick wirkte. Aber die Schlußszene mit dem (?) Komtur war lächerlich .

In meinem VC - Fundus sollte die Casette noch zu finden sein.

Liebe Grüße -

vom Operngernhörer :hello:
Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

Alfred_Schmidt

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8

Sonntag, 31. Mai 2009, 22:11

Mit Kunstkniffen kann man JEDES Werk in eine andere Zeit versetzen -man lässt Geschichten erzählen, Realität mit Traum vermischen - ach ich hätte da - so ich wollte - eine ganze Palette auf Lager.
Bedauerlicherweise handelt es sich nach solch einer Zeitverschiebung eigentlich nicht mehr um dasselbe Werk - es müssen immer Wieder klienere oder grössere Manipulationen stattfinden um durch die Zeitverschiebung entstandene logische Brüche zu kitten oder wenigstens zu cachieren.

Stellt sich die Frage nach dem WARUM !!
Warum siedle ich beispielsweise ein Werk wo der Textdichter/Librettist dezidiert geschrieben hat "Venedig im 15. Jahrhundert"
in einer Munitionsfabrik im Palermo des 20. Jahrhunders an ???
Was soll das briingen ?

Die Umgebung ist triste, das Bühnenbild einfallslos und das Publikum sehr oft frustriert.

Ein Jugendlicher der solch eine Bearbeitung - und es ist eine, wenngleich geschickt als Regie versteckt - erstmals sieht wird sich vermutlich mit Grausen zurückziehen und ausrufen:
"Nie wieder Oper"

Und das scheint das Hauptmotiv zu sein, Zerstörung eines Teils dessen was vielen als "Hochkultur" so sauer aufstösst...

mfg aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Alfred_Schmidt

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9

Sonntag, 31. Mai 2009, 22:45

Zitat

Opern wie Mozarts Figaro, Cosi, Entführung, Beethovens Fidelio, La Traviata oder Butterfly sollten damals die jeweilige Gegenwart wiedergeben. Konsequenterweise müßte man solche Handlungen in die heutige Zeit verlegen, um dasselbe Verhältnis von Bühnengeschehen und Zuschauerzeit herzustellen, oder?


Dieser Meinung bin ich absolut nicht.
Dagegen sprechen - zieht man meine Vorurteile mal ab (geht das überhaupt ?-ich meine ja) einige Gegebenheiten.

Diese Geschichten, die zur Zeit der Entstehung des Librettos spielen sind oft nur in eben dieser Epoche denkbar, bzw glaubhaft zu vermitteln - bei der Zeitübertragung entwickelt sich ein an sciche gutes Stück zur Klamotte....
Wenn man nun ins 20. Jahrhundert transferiert, dann passt im besten Falle die Musik nicht mehr....
Man kann letztlich auch ein Theaterstück, das im 20. oder 21. Jahrhundert spielt, nicht ins Mittelalter tranferieren....

Auch die spanische Inquisition gab es nur in einem gewissen Zeitraum.

Man kann nun ein Stück auch so umarbeiten, daß andere Diktatoren als abschreckendes Beispiel in die Bresche springen - leider passen dann wieder einige spezifische Textstellen nicht dazu.
Das kann man ändern - nun fehlt nur noch die richtige Musik, wer will denn schon die verzopfte und störende Komposition hören bei so einem tollen Stück .. ?

Deren Verbesserung wird das sein was als nächste
auf unserer ToDo-Liste aufscheint......

mfg aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Theophilus

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10

Montag, 1. Juni 2009, 04:19

Zitat

Original von Johannes Roehl
...
Opern wie Mozarts Figaro, Cosi, Entführung, Beethovens Fidelio, La Traviata oder Butterfly sollten damals die jeweilige Gegenwart wiedergeben. Konsequenterweise müßte man solche Handlungen in die heutige Zeit verlegen, um dasselbe Verhältnis von Bühnengeschehen und Zuschauerzeit herzustellen, oder?

Das Problem dabei ist, dass es sich um Personen des 18. oder 19. Jahrhunderts handelt, die sich auch genau so verhalten. Versetze ich die Figuren in die Jetztzeit (z.B. Peter Sellars bei Mozart), dann komme ich zwar drauf, dass sich ihre Probleme nicht verändert haben, aber ihre Verhaltensmuster und ihre Sprache wollen überhaupt nicht zur Gegenwart passen. Derartige Transformationen funktionieren teilweise oder eine Zeit lang, aber es fängt sich immer irgendwo zu spießen an...

Zitat

Der Rosenkavalier ist ja ein Spezialfall, weil das sozusagen Figaro mit vierfachem fin-de-siecle -Zuckerguß ist (auch wenn er nach der Jahrhundertwende geschrieben wurde). Da ist also schon ein heute wieder historischer Blick auf eine seinerzeit über 120 Jahre vergangene Epoche mit hineinkomponiert, was eine besondere Spannung von Zeitbezug und historischer Verortung mit sich bringt.

Hier gilt ähnliches. Hofmannsthal erfindet zwar ein fiktives 18. Jahrhundert, aber der größte Teil der Ausstattung, die Figuren, ihr Handeln und ihr Denken wurzeln genau in dieser Zeit. Betrachtet man eine Inszenierung, die "werkgetreu" daherkommt, erhält man einen mehr oder weniger informativen Blick in die Vergangenheit und sieht Menschen, die zwar einer anderen Zeit angehören, aber ganz ähnliche Probleme haben wie wir heute. Vor vierzehn Tagen ist in Graz die letzte Vorstellung einer Rosenkavalier-Inszenierung über die Bühne gegangen, die im frühen 20. Jahrhundert spielt. In der optischen Ausstattung waren die Figuren näher dran, sie wirkten weniger distanziert. Aber hilft das jemandem? Vielleicht Leuten, die keinen Wert auf historische Genauigkeit legen. Aber auf der anderen Seite gab es im frühen 20. Jahrhundert keine Feldmarschälle im Sinne des 18. Jahrhunderts, keinen mittleren, geschweige denn niederen Adel, der sich riesige Dienerschaften leistete, keine Levers, keine überkandidelten Zeremonien für Hochzeitsvorbereitungen und Klatschblätter waren die Regel und keine Spezialität der Hauptstadt. Irgendwie funktioniert das Ganze für mich dann nicht mehr und ich muss meine Phantasie bemühen, um die unlogischen Vorgänge wieder zurecht zu rücken. Etwas interessanter war da die Wernicke-Inszenierung, die in altem Ambiente spielte (das teilweise mit modernen Gestaltungsideen kombiniert war), in das eigentlich moderne Figuren hineingestellt waren, die aber teilweise zwischen Originalzeit und Gegenwart changierten, was dem ganzen Spiel eine gewisse Zeitlosigkeit verlieh. Da eben gar nicht versucht wurde, auch nur irgendetwas "richtig" darzustellen, konnte man sich auf die Figuren und die sehr gekonnte Personenführung konzentrieren. Es fehlte natürlich etwas an Atmosphäre, aber es gab dafür auch einige schöne optische Momente.

:hello:

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Ulli

Erleuchteter

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11

Montag, 1. Juni 2009, 08:37

Hallo,

das zeitliche versetzen funktioniert m. E. bei Märchenopern noch am besten bzw. am wenigsten kompliziert, da die 'Märchenzeit' per se nicht definierbar ist. In der Regel jedoch spielt diese ja stets ein paar hundert Jahre vor der jeweiligen Jetztzeit, in der das Märchen gelesen oder gespielt wird. Da Märchen in der Regel eine bestimmte Aussage befolgen und sich verschiedener Symboliken oder Synonyme bedienen, können diese auch eher gegen 'heute passendere' ersetzt werden. Andererseits spielen Märchen ja absichtlich in einer ungewissen und nicht definierbaren Vergangenheit und sollen nur als Beispiel dienen, das man für sich selbst ins Heute übertragen soll.

Ansonsten wurde ja das meiste hier zutreffend eruiert.

Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum ausgerechnet der 'Fidelio' ein so zeitloses Stück sein soll? Nur weil es 'Fidelio' ist und dieser dummerweise vom schändlichen Beethoven stammt? Nee, Paul, das zieht nicht... :D

Zitat


Opern wie Mozarts Figaro, Cosi, Entführung, Beethovens Fidelio, La Traviata oder Butterfly sollten damals die jeweilige Gegenwart wiedergeben. Konsequenterweise müßte man solche Handlungen in die heutige Zeit verlegen, um dasselbe Verhältnis von Bühnengeschehen und Zuschauerzeit herzustellen, oder?


Wieso das? Konsequenterweise muß man sie also genau so darbieten, wie sie damals geboten wurden, da die drei Demiensionen Text, Musik und Kleidung aufeinander abgestimmt waren. Verändert man auch nur einen Faktor (egal welchen) wirkt das Stück schon irgenwie seltsam...

Zitat


Das Problem dabei ist, dass es sich um Personen des 18. oder 19. Jahrhunderts handelt, die sich auch genau so verhalten. Versetze ich die Figuren in die Jetztzeit (z.B. Peter Sellars bei Mozart), dann komme ich zwar drauf, dass sich ihre Probleme nicht verändert haben, aber ihre Verhaltensmuster und ihre Sprache wollen überhaupt nicht zur Gegenwart passen. Derartige Transformationen funktionieren teilweise oder eine Zeit lang, aber es fängt sich immer irgendwo zu spießen an...


Belasse ich aber die Figuren in ihrer Zeit, dann komme ich ebenfalls drauf, dass sich ihre Probleme oder Verhaltensmuster nicht verändert haben. Das finde ich viel erleuchtender.

:]

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

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12

Montag, 1. Juni 2009, 11:57

Zitat

Original von Johannes Roehl
Opern wie Mozarts Figaro, Cosi, Entführung, Beethovens Fidelio, La Traviata oder Butterfly sollten damals die jeweilige Gegenwart wiedergeben. Konsequenterweise müßte man solche Handlungen in die heutige Zeit verlegen, um dasselbe Verhältnis von Bühnengeschehen und Zuschauerzeit herzustellen, oder?

Dass man Cosi Fan Tutte sehr gut ins Jahr 1970 übertragen kann, konnte man am 10.05. im ZDF-Theaterkanal in der Inszenierung von Doris Dörrie sehen. Ein Genuss, zumindest für diejenigen, die sich noch an die Zeit der Hippies erinnern können.

musicophil

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13

Montag, 1. Juni 2009, 12:30

Zitat

Original von Ulli
Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum ausgerechnet der 'Fidelio' ein so zeitloses Stück sein soll? Nur weil es 'Fidelio' ist und dieser dummerweise vom schändlichen Beethoven stammt? Nee, Paul, das zieht nicht... :D

Lieber Ulli,

Die Geschichte von Fidelio hat Beispiele in der Literatur. Mit viel Genuß denke ich an Nikolai Gogols "Revisor" (19. Jhdt). Da ist das Thema auch Mißbrauch durch einen Beamten. Sogar Zolas "J'accuse" (20. Jhdt) ist eigentlich nicht anders.
Es ist ein universales Thema, worin die Zeit im Libretto kaum eine wichtige Rolle spielt.

Daß Gefangenen ermordet werden, geschieht öfter. Vide der Amerikaner, der gerade in den V.S. verurteilt wurde. Daß Minister einiges kontrollieren, passiert auch noch. Obwohl meist eine Kommission inspektiert.

Zufällig ist diese Oper eine Komposition von Beethoven, die ich sogar mag. Ausnahmsweise, ich gebe es zu. Sein Opus 80 (Chorfantasie) gehört z.B. auch dazu. Und vereinzelt noch einiges: Adelaide z.B. :P
Aber... nicht viel !!! Seine Neunte z.B. absolut nicht: Kakophonie. 8o :D :untertauch:

LG, Paul
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Ulli

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14

Montag, 1. Juni 2009, 12:40

Zitat

Original von musicophil
Die Geschichte von Fidelio hat Beispiele in der Literatur. Mit viel Genuß denke ich an Nikolai Gogols "Revisor" (19. Jhdt). Da ist das Thema auch Mißbrauch durch einen Beamten. Sogar Zolas "J'accuse" (20. Jhdt) ist eigentlich nicht anders.
Es ist ein universales Thema, worin die Zeit im Libretto kaum eine wichtige Rolle spielt.


Das trifft aber doch m. E. auf das Gros der Opernlibretti zu. Liebeleien, diverse Verwicklungen und Morde etc. pp. - eigentlich alles immer der selbe Sch... :stumm: Läßt sich im Prinzip immer auf die heutige Zeit übertragen. Die Schwierigkeit besteht eben darin, daß ein bestimmter Ort und eine bestimmte Handlungszeit vorgegeben sind und ein gewisser textlicher (und damit ggfs. musikalischer) Kontext vorhanden ist, der sich eben nicht mal eben anpassen lässt.

In wenigen Fällen gibt es höchst interessante und zudem amüsante Ergebnisse: z.B. die David-Alden-Rodelinda (Bolton): Der Spion Unulfo bekommt ein der Inszenierung zeitlich passendes Tonbandgerät für seine Spionagetätigkeit verpasst und die Verwicklungen, in die er sich der Unbeholfene begibt, werden dann bildlich umgesetzt: Er verheddert sich in den Kabeln und fliegt damit - deutsch gesprochen - voll auf die Fresse... :D :hahahaha: Deutlicher, greifbarer und zugleich witziger (in beiderlei Wortsinn) geht es wohl kaum: Eine wahrhaft geniale Inszenierung!

Weiterhin sehr passend: Die Cosí als Musical verpackt ins London (daher auch englisch) der 1970er Jahre verfrachtet: Einfach wunderbar!

Bearbeitungen dieser Art mag ich sehr gerne, sie machen Spaß und verfremden das Werk nicht. Und doch bleiben es Bearbeitungen.

:hello:

Ulli
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musicophil

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15

Montag, 1. Juni 2009, 12:56

Zitat

Original von Ulli

Zitat

Original von musicophil
Es ist ein universales Thema, worin die Zeit im Libretto kaum eine wichtige Rolle spielt.

Das trifft aber doch m. E. auf das Gros der Opernlibretti zu. Liebeleien, diverse Verwicklungen und Morde etc. pp. - eigentlich alles immer der selbe Sch... :stumm: Läßt sich im Prinzip immer auf die heutige Zeit übertragen.

In viele Opern, lieber Ulli, spielt die Zeit dennoch eine wichtige Rolle. Nehme ich mal wieder als Beispiel Lortzings Waffenschmied.
Ein echter Waffenschmied war ein aussterbendes Beruf im 19. Jhdt. Oder willst Du ihn ersetzen durch Krupp, Schneider, Wendell oder wie sie denn auch heißen mögen?
Zwar wurden kaum mehr Schwerter, sondern Gewehre gemacht. Aber dennoch, er war ein Waffenschmied.

Als ich jung war, gab es noch Hufschmiede. Heute sucht man die auch vergebens. Wäre also der Titel "Der Hufschmied" gewesen, dann müßte die Oper letztlich etwa 1950 situiert sein.
Das "Aha-Erlebnis" der Identifikation muß es immer geben !!

LG, Paul
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Ulli

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16

Montag, 1. Juni 2009, 13:13

Zitat

Original von musicophil
Als ich jung war, gab es noch Hufschmiede. Heute sucht man die auch vergebens. Wäre also der Titel "Der Hufschmied" gewesen, dann müßte die Oper letztlich etwa 1950 situiert sein.


Nee, falsch. Es müßte dann 'Der Atombombenbauer' heißen.

Du weißt natürlich, wie und was ich meine, denn selbst Libretti mit pseudooriginalem Hintergrund wurden bereits verfremdet: Verwicklungen publikumswirksam eingeflochten, Handlungen hinzuerfunden und weggelassen und ihnen wurde meistens ein lieto fine angebaut (falls nicht, ging der Komponist - wie Händel mit Fernando/Sosarme - baden). Insofern sind Libretti mit historischem Hintergrund (Caesar, Medea, Nero, Gustav III usw.) im Prinzip bereits freie Bearbeitungen mit einem bestimmten Ziel: Nämlich das Publikum der Uraufführungszeit zu erreichen. Monarchen wurden stets als einsichtig, milde und weise hingestellt - sie vergeben ihren Peinigern. Dies sollte eine Auswirkung auf den jeweils Amtierenden haben (entweder ihm in den Allerwertesten zu kriechen oder ggfs. eine gewagte Bitte sein). Ein solcher Text ließe sich sicherlich problemlos mit heutigen Figuren nachstellen - doch wen sollte der Sinn des Stückes heute erreichen? Weil dies eben m. E. sinnlos ist, ist es allemal besser, hier das Original wiederzugeben.

:hello:

Ulli
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17

Montag, 1. Juni 2009, 14:31

Zitat

Original von Johannes Roehl
Märchenopern spielen ja meistens in gar keiner bestimmten Zeit bzw. in einer Phantasie-Zeit, daher kann man wohl kaum versetzen, oder? ;)


Teilweise, wobei ich finde, dass viel Charme verloren geht, wenn z.B. Hänsel und Gretel in einer Hochhaussiedlung spielen und das Knusperhaus eine riesige Heroinspritze ist. Das ist zwar witzig aber auch eindimensional und lässt wenig Raum für eigene Gedankenspiele.

Und dann gibt es auch Märchen, die traditionell in einer bestimmten Zeit spielen, weil es sich so von Generation zu Generation, von Illustrator zu Illustrator überliefert hat - da finde ich es dann schade, wenn soclhe Traditionen gebrochen werden.

Zum letzten ies dann aber auch noch Märchen, die ganz konkrete Anweisungen des Autors haben. So gibt Elsa Bernstein bei ihren Königskindern vor: "Die Kleidung ist mittelalterlich phantastisch".

Zitat

Original von Johannes RoehlWie anderswo schon gesagt wurde, sind wir eher einen "Freischütz" im Biedermeier als in der 2. Hälfte des 17. Jhds. gewöhnt.

Bis vor 20 Jahren habe ich keinen einzigen Freischütz gesehen, der im Biedermeier gespielt hat. Loriot war mit der erste, der das gemacht hat.


Zitat

Original von Johannes Roehl Opern wie Mozarts Figaro, Cosi, Entführung, Beethovens Fidelio, La Traviata oder Butterfly sollten damals die jeweilige Gegenwart wiedergeben. Konsequenterweise müßte man solche Handlungen in die heutige Zeit verlegen, um dasselbe Verhältnis von Bühnengeschehen und Zuschauerzeit herzustellen, oder?



Grundsätzlich spricht mich persönlich mehr das an, was Ulli bereits formuliert hat:
Belasse ich aber die Figuren in ihrer Zeit, dann komme ich ebenfalls drauf, dass sich ihre Probleme oder Verhaltensmuster nicht verändert haben. Das finde ich viel erleuchtender.
Regietheater? Nein, danke!

Theophilus

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18

Montag, 1. Juni 2009, 20:20

Zitat

Original von Ulli
...

Zitat


Das Problem dabei ist, dass es sich um Personen des 18. oder 19. Jahrhunderts handelt, die sich auch genau so verhalten. Versetze ich die Figuren in die Jetztzeit (z.B. Peter Sellars bei Mozart), dann komme ich zwar drauf, dass sich ihre Probleme nicht verändert haben, aber ihre Verhaltensmuster und ihre Sprache wollen überhaupt nicht zur Gegenwart passen. Derartige Transformationen funktionieren teilweise oder eine Zeit lang, aber es fängt sich immer irgendwo zu spießen an...


Belasse ich aber die Figuren in ihrer Zeit, dann komme ich ebenfalls drauf, dass sich ihre Probleme oder Verhaltensmuster nicht verändert haben. Das finde ich viel erleuchtender.


So do I!

Deswegen bin ich nur in Ausnahmefällen ein Freund von Verfremdungen, denn die stimmigeren Ergebnisse lassen sich fast immer dann erzielen, wenn man sich an der Vorlage orientiert.

:hello:

Ciao

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musicophil

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19

Montag, 1. Juni 2009, 20:28

Liebe Menschen, ich finde es wunderbar, daß ihr mit mir die Meinung seid, daß besser nicht zeitversetz wird.

Stell aber, es muß unbedingt, welche denn...
Denn sonst packt irgendein Regisseur irgendeine Oper und ist die Schade vielleicht kaum zu übersehen...
Ich nannte bereits Fidelio. Bitte, denke nach, was ihr "opfernswürdig" findet.

LG, Paul
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Theophilus

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20

Montag, 1. Juni 2009, 20:38

Zitat

Original von musicophil
...
Stell aber, es muß unbedingt, welche denn...
...


Das ist eigentlich ein eigener Thread, Paul!

Es gibt eine Reihe von Opern, die derart auf die Handlung fixiert sind, dass das zeitliche Umfeld relativ wenig bis gar nicht relevant ist. Die schon erwähnte Così könnte man mit etwas Toleranz durchaus dazuzählen (ja, ich weiß, der Mesmerismus ist eine zeitlich gebundene Erscheinung), ein Fidelio könnte ohne große Probleme ins Chile eines Pinochet oder Spanien unter Franco verpflanzt werden, aber wie gesagt, man könnte dieses Thema auf einzelne Werke und ihre diesbezügliche Eignung ausdehnen...

:hello:

Ciao

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musicophil

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21

Montag, 1. Juni 2009, 21:18

Zitat

Original von Theophilus

Zitat

Original von musicophil
...
Stell aber, es muß unbedingt, welche denn...
...


Das ist eigentlich ein eigener Thread, Paul!

Lieber Theophilus,

Im Eröffnungsbeitrag schrieb ich aber

Zitat

Wenn wir eine Liste zusammenstellen können von Opern, wobei der Regisseur sehr behutsam sein muß, ist schon viel gewonnen.

Darum paßt es m.M.n. hier... :untertauch:

LG, Paul
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Johannes_Krakhofer

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22

Montag, 1. Juni 2009, 21:59

Zitat

Original von musicophil

Zitat

Original von Theophilus

Zitat

Original von musicophil
...
Stell aber, es muß unbedingt, welche denn...
...


Das ist eigentlich ein eigener Thread, Paul!

Lieber Theophilus,

Im Eröffnungsbeitrag schrieb ich aber

Zitat

Wenn wir eine Liste zusammenstellen können von Opern, wobei der Regisseur sehr behutsam sein muß, ist schon viel gewonnen.

Darum paßt es m.M.n. hier... :untertauch:

LG, Paul


Einfach welche, die keine Zeitangabe im Libretto haben... :D :untertauch:
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)

Waltrada

Fortgeschrittener

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23

Montag, 1. Juni 2009, 22:53

Für mich bleibt das Wichtigste bei einer Inszenierung, dass die Handlung überzeugend umgesetzt ist. Wenn das mit einer zeitlichen Versetzung gelingt, ist nichts gegen diese einzuwenden.

Aber eine zeitliche Versetzung sollte nicht als Vorwand für eine unfähige oder einfallslose Regie missbraucht werden.
Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
Di glorie e di sublimi rapimenti
Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
Percè in suo grembo non trovai la tomba?

Johannes_Krakhofer

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24

Dienstag, 2. Juni 2009, 00:15

Zitat

Original von Waltrada
Aber eine zeitliche Versetzung sollte nicht als Vorwand für eine unfähige oder einfallslose Regie missbraucht werden.


Meiner Meinung nach ist das aber meist so - die Konzepte mögen ja manchmal ganz logisch und ansprechend klingen - aber was dabei herauskommt, ist meist (zumindest sehe ich das so) Schrott.
(Siehe Rosenkavalier Salzburg - 1.WK statt Maria Theresia
Graf von Luxemburg -VO Wien - 1960er statt Jahrhundertwende
Clemenza di Tito Salzburg undundund)


LG Joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)

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25

Dienstag, 2. Juni 2009, 09:51

Zeitversetzen - gerne. In der überwältigenden Mehrheit der Libretti geht es um das Drama, nicht um die Zeit, in der es spielt.
Gelungenstes Beispiel: Carmen Jones und die Xosa-Carmen, die im modernen Südafrika spielt. La Belle Hélène von Pelly - ein Meisterwerk.

Oper wird immer neu produziert, und jedes Libretto muß wie ein Gedicht oder ein Theaterstück immer neu interpretiert werden, sonst wird es langweilig. Werktreue heißt nicht Mumifizierung, ganz im Gegenteil.

Libretti, die nicht dezidiert auf die Zeit aufmerksam machen, in der sie spielen (wie etwa Andrea Chenier oder ähnliches) kann man getrost verpflanzen, wenn das Drama in einer anderen Form stärker bewegen kann. Rigoletto könnte ich mir gut im heutigen Berlin vorstellen - mit Rigoletto als strengem Muslim-Vater und dem Zusammenstoßen zwei völlig verschiedener Weltanschauungen. Es gäbe unzählige weitere Beispiele.

Schwer zu versetzen ist sowas wie Aida, weil Aida schon im Text so deutlich auf Ort und zeit Bezug nimmt. Allein schon die Übersetzungen in andere Sprachen wirkten komisch. Auf Deutsch ist Amonasro ein Fürst, auf Russisch ein Zar. Trotzdem... da Aida auch im Original ahistorisch ist, überhaupt keinen Sinn macht und das Drama (Kernfrage Frau oder Vaterland) für heute ziemlich unaktuell ist, würde ich das ganze gerne mal in Star-Trek-Kostümen sehen, mit Kirk als Föderations-Feldherr Radames und Amonasro als Häuptling der Klingonen...

:hello:
M.
Mein Wort hörtest Du... hüte Dich wohl.

kopiroska

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26

Dienstag, 2. Juni 2009, 10:00

Zeitliche Versetzung UND alles, was das moderne Theater bieten kann

Vielleicht ist die zeitliche Versetzung nicht einmal das Wichtigste dabei, wie ein Stück (Theaterstück Oper usw.) neu gedacht und interpretiert wird.

Eine Entführung aus dem Serail kann auch so inszeniert werden, dass man immer wieder die Gefahr erlebt und dass es einem gruselig wird - und auch so, dass man über den alten Osmin lacht. Die erste VAriante scheint den modernen Inszenierungen näher zu stehen, wenn man den Berichten und Kritiken glauben kann.

Ich habe zwei Inszenierungen von Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" gesehen, eine märchenhaft-historische und eine hochmoderne und die zweite war für mich wichtiger und tiefer. Die Philosophie des Stückes brauchte keine märchenhaften Kostüme - aber die Farbensymbolik und all das, was das Theater an Bildern zeigen konnte, haben den symbolischen Inhalt sehr gut hervorgehoben.

Das moderne Theater kann so viel, warum sollte es das nicht auch an den Opern zeigen? Natürlich kann das recht schief gehen, wenn es nur um "Mode" und um die "Selbsverwirklichung" des Regisseurs usw. geht.

:hello:

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27

Dienstag, 2. Juni 2009, 12:22

Zitat

Original von kopiroska
Ich habe zwei Inszenierungen von Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" gesehen, eine märchenhaft-historische und eine hochmoderne und die zweite war für mich wichtiger und tiefer.

Da war wohl auch die märchenhaft-historische eine Verfremdung?
?(
Die Bühne im Original (also im Text) habe ich als sehr karg und vor allem von Licht-Regie belebt im Gedächtnis.
:hello:

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28

Dienstag, 2. Juni 2009, 12:31

Zitat

Original von Mengelberg
Schwer zu versetzen ist sowas wie Aida, weil Aida schon im Text so deutlich auf Ort und zeit Bezug nimmt. Allein schon die Übersetzungen in andere Sprachen wirkten komisch. Auf Deutsch ist Amonasro ein Fürst, auf Russisch ein Zar. Trotzdem... da Aida auch im Original ahistorisch ist, überhaupt keinen Sinn macht und das Drama (Kernfrage Frau oder Vaterland) für heute ziemlich unaktuell ist, würde ich das ganze gerne mal in Star-Trek-Kostümen sehen, mit Kirk als Föderations-Feldherr Radames und Amonasro als Häuptling der Klingonen...

Na ja eben, wenn man grundsätzlich unempfindlich gegenüber sich ergebenden Inkonsistenzen stilistischer und logischer Natur ist (oder das reizvoll findet) und die Möglichkeit der Freude an einem "befreiten" Regie-Kunstwerk voraussetzt, kann natürlich alles überallhin zeitversetzt werden.

Wenn man quasi das sehen will, was im Textheft steht (oder wie es verstanden sein wollte), darf man gar nichts zeitlich versetzen.

Welches Werk jetzt in den möglichen Varianten wie schwierig umzusetzen ist, ist dann schon eine sekundäre Frage.

Dreamhunter

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29

Dienstag, 2. Juni 2009, 13:20

Zitat

Original von Alfred_Schmidt


Ein Jugendlicher der solch eine Bearbeitung - und es ist eine, wenngleich geschickt als Regie versteckt - erstmals sieht wird sich vermutlich mit Grausen zurückziehen und ausrufen:
"Nie wieder Oper"

Und das scheint das Hauptmotiv zu sein, Zerstörung eines Teils dessen was vielen als "Hochkultur" so sauer aufstösst...

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred


Also ich weiß nicht - das finde ich schon sehr, sehr weit hergeholt - erinnert mich ein bisschen an das "Cultural Warrior"-Segment der konservativen Fox-News-Show des Bill O'Reilly...
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Dreamhunter

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30

Dienstag, 2. Juni 2009, 13:24

Opern, die JEDERZEIT spielen können, sind Janaceks "Aus einem Totenhaus" oder Brittens "Billy Budd, Owen Wingrave" oder sogar auch "Peter Grimes".

Adelige könnte man unter Umständen durch "Geldadelige" ersetzen (da könnte man den Barbiere di Siviglia "ausprobieren"), bei meinen vielen Reisen, die mich auch in ländliche Gegenden gebracht haben, ist mir schon der eine oder andere Nemorino begegnet, auch die Pagliacci behandeln ein zeitloses Thema. Inwieweit sich Sizilien seit 100 Jahren verändert hat weiß ich nicht (Cavalleria Rusticana), die Geschichte der Madama Butterfly wurde schon zu einem Musical über den Vietnam-Krieg umgewandelt. Und auch Romeo & Juliette funktioniert in der Jetztzeit (siehe Film mit Leonardo di Caprio).
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