Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

1

Montag, 15. Juni 2009, 15:52

Schubert: Klaviersonate B-Dur D 960 - Ein Überblick von "Zelenka"

"Das Hoffen auf die ultimative Aufnahme geht weiter , ebenso wie das Hoffen auf eine bessere lichte Welt , die es vielleicht geben mag und nach der sich Schubert so sehr sehnte" .

- "Zelenka" ( verstorben 2008 ) in seinem phänomenalen Übersichtsaufsatz über Franz Schuberts Klaviersonate in B - Dur D 960 . London , 7. Juli 2007 -

V O R B E M E R K U N G :


Manfred Voss ("Zelenka" ) hatte nach mehr als sechs Monaten intensivsten Recherchen , Hörvergleichen , Korrespondenzen den nachfolgend abgedruckten Aufsatz am 7. Juli 2007 in London in das damalige Forum der "Klassikakzente" ( DG / Universal ) gesetzt .

Dieser bahnbrechende Artikel in einem der Foren für klassische Musik ist von Manfred Voss damals bewusst in diesem Forum gepostet worden . Dieses Forum ist seit 2008 geschlossen und es sind kaum noch Beiträge daraus erhältlich . "ab" hat den Text dann für einen breiteren Leserkreis dankenswerterweise gerettet ( 10. März 2009 ) .

Persönlich habe ich dieses halbe Jahr der immensen Vorbereitungs - Leistungen von Manfred ( Voss ) mit ihm durch wechselseitige Korrespondenz , Mitteilung mir bekannter Aufnahmen und wichtige Hinweise durch ihn sowie durch den Austausch von unseren vergleichenden Hörerfahrungen teilen können .

Meinen eigenen vorgesehenen und fertigen kürzeren Aufsatz über diese letzte Schubert - Klaviersonate habe ich daher zurückgestellt und Manfred Voss zur Verfügung gestellt aus meiner Reihe "Meine 100 definitiven Werke und Interpretationen" ( Klassikakzente-Forum ab 2004 im Anschluss an die Edition druch Norman Lebrecht ab September 2004 - 2007) .


Zu der von Manfred Voss noch in einem Hinweis geplanten eigenen Überarbeitung seines Übersichtsartikels in der grossen Tradition von "Gramophone" , "International Piano Quarterly" oder "Diapason" unter Einbeziehung neuer Aufnahmen ( etwa durch Gerhard Oppitz oder G. Wallisch ) sowie Tendenzen der Schubert - Forschung ist es nicht mehr gekommen .


Leider ist Manfred Voss am 12. August 2008 plötzlich verstorben . In einer Widmung im Rahmen meines durch ihn mitangeregten Aufsatzes "Panthéon der Pianisten" ( Forum der Klassikakzente vom 29. Oktober 2008 ) sind auch gerade Pianisten enthalten , die von ihm hochgeschätzt und verehrt worden sind und auch wichtige Interpreten dieser Klaviersonate Franz Schuberts bis heute geblieben sind .


Walter Tydecks ( www.tydecks.info ) , 2008 , sowie zuvor in einer Stellungnahme zu meinem Beitrag in dem Klassikakzente - Forum hat sich auch aus philosophischer Sicht auch mit der Frage der "Weisen des Klavierspiels im 20. Jahrhundert" befasst und ausdrücklich auf "Zelenka" / Manfred Voss hingewiesen und die Frage aufgegriffen , in welcher Form im Internet eines Verstorbenen gedacht wird und werden kann ( näheres bei Walter Tydecks , aaO ) .


Grundsätzlich halte ich es für angemessen , dass wir eines sehr geschätzten Menschen auch dadurch gedenken , indem wir seine uns zugänglichen Publikationen erhalten und einem breiteren Leserkreis weiterhin zugänglich machen .


Es gab zu keinem Zeitpunkt von Manfred Voss einen Hinweis , dass er mit dem www.Tamino-Klassikforum.at als Publikationsort nicht einverstanden wäre . Das Gegenteil ist eher der Fall , weil er - wohl aus privaten Korrepondenzen - einige der hier schreibenden Mitglieder auch persönlich sehr geschätzt hat .


Meinerseits habe ich bewusst darauf verzichtet , als Anhang zu dem Aufsatz von Manfred Voss inzwischen erschienene neuere Aufnahmen der Klaviersonate von Franz Schubert in B - Dur D 960 vorzustellen und zu besprechen oder auf neuere Ergebnisse und Tendenzen in der Schubert - Forschung einzugehen . Dies soll der hoffentlich regen Diskussion hier überlassen bleiben .


Da ich gut in Erinnerung habe , dass und wie sich Alfred Schmidt , Wien , als Begründer und Leiter dieses Forums in 2007 auch selbst aktiv in die Diskussion über diesen Artikel mehrfach und ausführlich eingebracht hat , habe ich ihn gefragt und gebeten , diesen Übersichtsaufsatz von "Zelenka" / Manfred Voss über Franz Schuberts letzte vollendete Klaviersonate hier quasi als Reprint publizieren zu können . In erster Linie , um die herausragende Leistung eines begeisterten Musikliebhabers , eines stets sehr besonnenen , weitsichtigen und klugen Mannes wie Manfred Voss für Musikkenner und auch an wissenschaftlichen Arbeiten interessierten Menschen weiterhin zugänglich zu machen .


Frank G. Bechyna

_______________________________________________

Zitat



Schubert, Klaviersonate D 960


Das Zeug [Schuberts Klaviersonaten D 784 und D 960] kann Einen ...
noch in der Imagination unglücklich machen.



Carl Fuchs in einem Brief an Friedrich Nietzsche vom 14.4.1874


Licht und Schatten, Dur und Moll: Schuberts Klaviersonate in B-Dur D 960 und ihre Aufnahmen


0. VORBEMERKUNG

Gleich zu Anfang eine Melodie, die man nicht wieder vergißt, ein zweiter Satz, der erschüttert, und anderes mehr, z.B. Gedanken an Leben und Tod und je nach Standort himmlische oder höllische Längen: Nachdem mich D 960 etwa ein halbes Jahr lang in den verschiedensten Stimmungen fast täglich begleitet hat, ist es wohl an der Zeit, wenigstens eine längst überfällige vorläufige Bilanz zu ziehen, auch wenn, wie jetzt ganz zuletzt zweimal geschehen, immer wieder hochinteressante Neuerscheinungen auf den Markt kommen. In den letzten Monaten habe ich 73 Versionen gehört, die wiederum allenfalls ein Drittel der jemals veröffentlichten Aufnahmen ausmachen dürften. Vollständigkeit konnte und wollte ich nie erreichen, aber das intensive Eingraben in die Diskographie hat mich doch einige Male im positiven wie im negativen Sinn überraschen können. Meine D 960-Welt vor Beginn dieser diskographischen Entdeckungsreise war eher klein und bestand im wesentlichen aus Aufnahmen von Schnabel, Curzon, zweimal Kempff, Dalberto, Uchida und Staier.

Die in jeder Hinsicht große Sonate gehört sicher zu den Werken, die, um mit Schnabel zu reden, besser sind als sie jemals gespielt werden können, ihr Status zieht allerdings auch öfter Pianisten an, die nichts Rechtes mit ihr anzufangen wissen. Daß wiederum sehr unterschiedlich interpretiert worden ist, wird schon dadurch klar, daß der schnellste hier vertretene Pianist (Erdmann) nur halb so lang für seinen Durchgang braucht wie der langsamste (Afanassiev). Es sei gleich vorneweg gesagt: Ich habe meine Idealversion, die eine Mischung aus wohl sich gegenseitig ausschließenden Vorgaben darstellt, noch nicht gehört.

Es wäre vielleicht wünschenswert gewesen, Schuberts letzte drei Sonaten zusammenfassend zu besprechen, es gibt ja zwischen ihnen, wie es z.B. Brendel vielleicht etwas zu weitgehend gezeigt hat, enge Verbindungen. Leider hat mich schon diese letzte Sonate allein völlig ausgelastet.

Eine detaillierte Liste der gehörten Versionen, auf die ich mich in der Diskussion beziehe, und Hinweise auf ungehörte Interpreten des Werks sind unter GEHÖRTES UND UNGEHÖRTES am Ende des Beitrags zu finden.

1. ENTSTEHUNG UND INTERPRETATION

Dieser Abschnitt stützt sich ganz wesentlich auf Brendels Aufsatz "Schubert's Last Sonatas" in Music Sounded Out (1990) (deutsch als "Schuberts letzte Sonaten" zuletzt in Über Musik (2007)). Er sei hier ausdrücklich zur Lektüre empfohlen, auch wenn ich im einzelnen nicht immer von Brendels Argumenten überzeugt bin und ich seine Aufnahmen der Sonate nicht recht empfehlen mag. Von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen sind die meisten Booklets der besprochenen Aufnahmen unzulänglich, hingewiesen sei hier besonders auf Badura-Skodas eigenen Kommentar, auf den meisterhaften bündigen Text von Kurt Oppens zu Goodes Einspielung und Peter Gülkes Text zu Staiers Aufnahme.

Schubert schloß das Manuskript der Sonate am 26. September 1828 weniger als zwei Monate vor seinem Tod ab. Er hatte an den letzten drei Sonaten vom Frühjahr an immer wieder gearbeitet, wobei D 960, nach Brendel die schönste, zuletzt fertig wurde. Es ist ganz unwahrscheinlich und sollte auch nicht als Grundlage für eine Interpretation in Betracht gezogen werden, daß Schubert seine letzten Sonaten quasi als letztwillige Verfügung betrachtete und mit seinem baldigen Ableben rechnete. Er litt zwar schon einige Jahre an Syphilis, die die zeitgenössische Medizin nicht wirklich kurieren konnte, die unmittelbare Todesursache war aber wohl eine Infektion möglicherweise durch Bauchtyphus, die plötzlich kam, nicht die übliche schleichende Vergiftung mit Quecksilber. (Diese Ferndiagnose über die Zeiten hinweg ist natürlich mit Vorsicht zu genießen.) Schubert hat u.a. kurz vor seinem Tod eine längere Wanderung unternommen und Kontrapunkt-Stunden genommen, eher keine Aktivitäten, die man geschwächt kurz vor seinem erwarteten Hinscheiden in Angriff nimmt. Obwohl er verschuldet war, konnte Schubert in der Zeit vor seinem Tod insgesamt eher optimistischer als gewöhnlich in die Zukunft sehen, er war keineswegs ein Unbekannter mehr, selbst Verleger aus dem deutschen Ausland fragten bei ihm an.

Brendel charakterisiert die einzelnen Sätze der Sonate so:

Molto moderato: Im Grundcharakter gefaßt, unschwärmerisch, zart-hymnisch. Große Zusammenhänge, die gegen Ende von Exposition und Reprise aufgesplittert werden: in Süßigkeit ermüden. Demuts-Coda.

Andante sostenuto: Hellsichtig-melancholisch, mit rühmendem Mittelteil.

Scherzo: Allegro vivace con delicatezza: Schwebend verspielt. Im Trio zugleich bockig und umflort.

Allegro ma non troppo: "Ermüdung und Resignation"? Nein: graziöse Entschlossenheit, spielerische Kraft. Ironisches Augenzwinkern; großer kantabler Fluß; obstinate Streitlust. Überwindung der c-Moll-Fixierung beim neunten Anlauf: Moment größter Selbstvergessenheit. Betont fröhliche Miene am Schluß.


Was kann oder will uns die Sonate sagen? Ein Programm hat uns Schubert auch hier nicht mitgeteilt. Häufig zu lesen ist, daß hier ganz simpel ein Weg aus dem Dunkel ins Licht beschritten wird. Eine weniger wahrscheinliche Spielart dieser Sichtweise ist nach Cassard die eines "Lebensweg, der von der Gegenwart und dem nahenden Ende ausgeht und bis zur unbeschwerten Zeit der Jugend in verklärter Erinnerung zurückverfolgt wird." Ein erster Anhaltspunkt könnte Schuberts Wahl der Grundtonart B-Dur für die Sonate sein, die u.a. "heitere Liebe, gutes Gewissen, Hoffnung, Hinsehnen nach einer bessern Welt" (Ch.F.D. Schubart) ausdrückt. Die Partien in cis-moll in der Durchführung des 1. Satzes und im 2. Satz könnten eine "Bußklage" oder "trauliche Unterredung mit Gott" suggerieren, während das A-Dur des tröstenden Mittelteils des Andante sostenuto u.a. für "Erklärungen unschuldiger Liebe, Zufriedenheit über seinen Zustand; Hoffnung des Wiedersehens beym Scheiden des Geliebten; jugendliche Heiterkeit, und Gottesvertrauen" steht. Die Bandbreite der Inhalte, den man den genannten Tonarten zuordnen könnte, scheint eher Richtungen, aber keine eindeutigen Hinweise für die Interpretation geben zu können. Ein andere Möglichkeit, die sich im Falle Schuberts natürlich besonders anbietet, ist, nach musikalischen Zitaten oder Anspielungen auf seine Liedvertonungen zu forschen. Die zugehörigen vertonten Texte könnten dann Schlüssel für ein Verständnis der Sonate liefern. Badura-Skoda z.B. sieht am Anfang der Sonate eine melodische Verwandtschaft mit dem Lied "Am Meer" ["Schwanengesang" D 957] ("Das Meer erglänzte weit hinab im letzten Abendscheine …"), "wehmutsvolle Erinnerungen werden hervorgerufen, die zu Unruhe und Trübung führen." In der Durchführung wird das dritte Thema nach Badura-Skoda in Motive und Harmonien umgeformt, die dem Lied "Der Wanderer" [D 489] entsprechen, Verzweiflung und Heimatlosigkeit könnten dargestellt sein. Der tröstende Mittelteil in A-Dur des zweiten Satzes ruft vielleicht die Stimmung des Liedes "Der Lindenbaum" ["Winterreise" D 911] wach: "Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu: Komm her zu mir, Geselle, hier find'st du deine Ruh!"

Wie andere vor ihm und nach ihm spielt auch Badura-Skoda mit dem Gedanken, daß die Sonate durchaus mit ihrem zweiten Satz hätte enden können (und in dieser Hinsicht Beethovens letzter Sonate ähnlich wäre). Auch wenn die Klage nach dem tröstenden Mittelteil, wieder neu in cis-moll beginnt, endet der Satz in einem beruhigten und beruhigenden Dur. Das Andante sostenuto ist öfter direkt mit dem Tod selbst in Verbindung gebracht worden. Es ist nun einerseits möglich, daß dem Tod nur ins Angesicht geschaut wird, andererseits liegt der Gedanke auf der Hand, daß die letzten beiden Sätze als Mitteilungen aus dem Jenseits aufzufassen sind, wie es z.B. Uchida tut. Die zweite Möglichkeit scheint mir eher unwahrscheinlich. Der Kampf zwischen Dur und Moll, Licht und Schatten geht ja weiter, nichts ist aufgelöst, Schubert holt uns wohl doch ins Diesseits zurück (oder hält uns auf der Erde zurück). Es folgen noch das Scherzo mit seinem trüben Trio in B-moll und das Rondo mit seinem Wechselspiel von cis-moll und B-Dur, um dann beim neunten Versuch endlich bei Dur anzukommen. Wie es Brendel im Hinblick auf den Schluß der Sonate so schön salopp formuliert: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst."

Allerdings müssen noch zwei recht ernste Probleme Erwähnung finden, die immer wieder zu teils erbitterten Meinungsverschiedenheiten führen. Soll oder muß die Wiederholung der Exposition im ersten Satz mit ihren "zuckenden Überleitungstakten" (Brendel) gespielt werden? Brendel wehrt sich mit z.T. grotesken Argumenten vehement dagegen und greift wie viele andere seiner Kollegen ungeniert in den Notentext ein. Er unterstellt, die Überleitung fortissimo sei aus einer früheren Arbeitsphase Schuberts stehengeblieben, sei viel zu melodramatisch und stehe auch sonst völlig isoliert. Gewöhnlich wird sie mit den bedrohlichen Baßtrillern, die schon früh wie aus der Ferne eine Gefahr anzudeuten scheinen, in Verbindung gebracht. Grundsätzlich gehen Kürzungen am Text der Sonate schon in das 19. Jahrhundert zurück, weil der erste Satz im Gesamtzusammenhang einfach als zu lang empfunden wurde. Möglicherweise hat man deswegen auch die ersten beiden Sätze oft eher schneller als heutzutage üblich gespielt, was vielleicht auch schon von Schubert so erwartet wurde, denn ich gehe davon aus, daß die Tempi zu seiner Zeit schneller genommen wurden. Die zweite Streitfrage ist also, was unter den Tempobezeichnungen molto moderato und andante sostenuto denn nun zu verstehen ist. Eindeutig ist sie nicht zu lösen. Die Tempi liegen benachbart, wobei das Tempo des ersten Satzes, wenigstens am Anfang, etwas schneller als das des zweiten Satzes sein sollte. Bei Richter und einigen anderen wird aus dem Molto moderato allerdings ein Adagio molto oder noch Langsameres.

2. REZEPTION

Einen Tag nach Abschluß des Manuskripts von D 960 spielte Schubert die letzten drei Sonaten in privatem Kreis am 27. September vor. Er war ganz offensichtlich kräftig genug, diese ungeheuere Anstrengung durchzustehen. Die nicht seltenen Programme, die D 958-60 an einem Abend bringen, können sich auf dieses Vorbild berufen. Kommentare der Zuhörer scheinen nicht überliefert zu sein. Schubert selbst bot die Sonaten, noch mit einer Widmung an Hummel, dem Verleger Probst in Leipzig an. Zu einer Drucklegung kam es aber erst lange nach seinem Tod 1838 bei Diabelli. Der Verleger widmete die Werke aus durchsichtigen Gründen Schumann, der in seiner Rolle als Musikkritiker günstig zu stimmen war. Mit seinen kritischen Bemerkungen in der Neuen Zeitschrift für Musik hat Schumann allerdings der Rezeption der späten Sonaten eher einen Bärendienst erwiesen. Da ist von "eine[r] viel größeren Einfalt der Erfindung" und der "Ausspinnung von allgemeinen musikalischen Gedanken" die Rede, weiter von einem "freiwilligen Resignieren auf glänzende Neuheit, wo er sich sonst so hohe Ansprüche stellt." "Als könne es gar kein Ende haben, nie verlegen um die Folge, immer musikalisch und gesangreich, rieselt es von Seite zu Seite weiter, hier und da durch einzelne heftigere Regungen unterbrochen, die sich aber schnell wieder beruhigen."

Mit öffentlichen Aufführungen seiner Sonaten konnte Schubert nicht rechnen, Werke dieses Typs für Soloklavier waren zu seiner Zeit, vor der Erfindung des öffentlichen "Klavierrecitals" durch Liszt, für den privaten Bereich bestimmt. Vorzugsweise waren sie selbst zu spielen. Als es dann öffentliche Klaviervorträge gab, hatten es Schuberts Sonaten wohl für den ganzen Rest des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus sehr schwer. Auch der Einsatz der meisten namhaften Komponisten der Zeit für Schuberts Werk insgesamt hat an diesem Tatbestand nichts verändert. Eine eigentliche Aufführungstradition hinsichtlich der Sonaten konnte sich nicht herausbilden, Schubert hatte auch keine Klavierschüler wie etwa Liszt. Vieles weitere bleibt mir einstweilen leider unklar. Von Karl Halle (später Sir Charles Hallé und Orchestergründer in Manchester) weiß man, daß er Ende der 60er Jahre komplette Zyklen der damals veröffentlichten Sonaten spielte, nach einem zeitgenössischen Bericht korrekt und kalt, und auch aus den U.S.A. gibt es Nachricht, daß es wenigstens in einem Fall einen Zyklus gegeben hat. In Frankreich wurden in den 70ern immerhin einzelne Sonaten präsentiert, etwa von Alkan. Von den Verhältnissen in Rußland weiß ich nichts. Was Deutschland angeht, so ist mir nur bekannt, daß von Bülow und von Dohnányi in den 90ern gelegentlich einzelne Sonaten öffentlich spielten. Dafür, daß man sich privat mit Schuberts Sonaten auseinandersetzte, ist das Motto über meinem Beitrag ein Indiz. 1892 oder 1893 geschieht dann Entscheidendes in den Annalen der Schubert-Rezeption (zumindest nach der üblichen Geschichtsschreibung): Der große Leschetitzky schlug dem Knaben Artur Schnabel, einem seiner Schüler, vor, Schuberts (angeblich) völlig vergessene Sonaten zu spielen. So ist jedenfalls in Schnabels Erinnerungen zu lesen. Er hatte übrigens theoretischen Unterricht bei Mandyczewski, einem der Herausgeber der ersten Schubert-Gesamtausgabe, an der auch Brahms beteiligt war. Leschetitzky prophezeite Schnabel, aus ihm würde kein Pianist, sondern eben nur ein Musiker werden. Die Scheidung in Pianisten und Musiker mag uns unsinnig vorkommen, aber Schuberts Sonaten waren offenbar gut genug für jemanden, der ungeeignet für eine Virtuosenkarriere schien. Aber auch andere Leschetitzky-Schüler, möglicherweise manuell begabtere als Schnabel, haben sich Schuberts Sache angenommen, nämlich Horszowski und der Amerikaner Richard Buhlig, der 1909 D 960 als erster vollständig auf Abspielrollen für das Reproduktionsklavier aufnahm. Schon 1906 hatte Carl Friedberg allein das großartige Andante sustenuto auf Klavierrolle eingespielt. (Diese Aufnahme war auf Telefunken-LP und Teldec-CD zeitweise verfügbar. Ich habe die recht eindringliche Version auf einer ziemlich abgenutzten LP gehört. Grundsätzlich ist den Klavierrollen allerdings mit einigen Zweifeln zu begegnen.)

Auf das Schubert-Jahr 1928 hin hat sich dann langsam eine erste "Schubert-Industrie" entwickelt. In England spielte Myra Hess Sonaten, 1928 erschien pünktlich ihre Aufnahme von D 664, wohl die erste Einspielung einer Schubert-Sonate auf Schallplatte überhaupt. Horszowski, Serkin und Arrau waren aktiv, von denen es erst sehr viel später, in Arraus Fall z.B. erst 1980, Aufnahmen von D 960 gibt. Friedrich Wührer ist hier zu erwähnen. Ende der 20er begann auch Kempff Sonaten zu spielen, ein öffentlicher Vortrag von D 960 ist allerdings erst für 1940 belegt. Es sind aber wohl Schnabel und neben ihm der mit ihm befreundete Eduard Erdmann, die sich die größten Verdienste bei dem Versuch erworben haben, dem Publikum die Sonaten möglichst textgetreu, wie es modern im Zuge der "Neuen Sachlichkeit" wurde, näherzubringen. 1928 wußte angeblich Rachmaninov noch nicht einmal von der Existenz von Schubert-Sonaten. Horowitz mag sich unsäglich gelangweilt haben, aber Schnabels Schubert-Abende im Schubertjahr in Berlin und andernorts waren wohl insgesamt zumindest ein großer Achtungserfolg, der letztlich aber nicht recht von Dauer war. Auch die ab Ende der 30er einsetzende, allenfalls durch den letzten Weltkrieg unterbrochene Aufnahmetätigkeit auf Schallplatte kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Schuberts Sonatenwerk in seiner Gesamtheit sich bis heute nicht richtig auf dem Konzertpodium durchgesetzt hat. In jüngerer Zeit ist es Brendel, der sich besonders für die Sonaten eingesetzt hat, allerdings sich nur auf die späteren Sonaten konzentrierend. (Brendel räumt auch, ohne Namen zu nennen, "den Russen" Verdienste bei der Popularisierung der Sonaten insgesamt ein.) Auch hier bleibe ich ein wenig skeptisch. Möglicherweise hatte Rubinstein nicht ganz unrecht, wenn er meinte, daß die Sonaten in den häuslichen Bereich gehörten, wenn man sie schon nicht selbst spielte, dann sollte man sie eben mittels der Schallplatte hören. Rubinstein selbst hat nach eigenem Bekunden schon lange sehr viel und sehr gern Schubert privat gespielt, ehe er dann spät Aufnahmen von D 960 machte.

3. AUFNAHMEN

Was erhoffe ich mir von einer Aufnahme der Sonate? Zuerst möchte ich kein "vermaledeytes Hacken" (Schubert) oder Hämmern hören, das "weder das Ohr noch das Gemüth ergötzt", sondern einen schönen Anschlag, ein sauberes Spiel voll Geist und Empfindung und Finger, die den Tasten nicht wie Stoßvögel zu Leibe rücken, Charakteristika, die man Schuberts eigenem Spiel zuschrieb. (Allerdings war Schubert selbst, folgt man anderen Berichten, keineswegs ein brillianter Pianist, oft genug in seinem Leben hatte er nicht einmal ein eigenes Klavier zur Verfügung.)

Für die ersten beiden Sätze wünsche ich mir keine schleppenden Tempi, die an Trauermärsche oder Gänge zum Schafott erinnern. Das hymnische erste Thema etwa sollte kantabel und nicht zögerlich und unsangbar langsam gegeben werden. Die Pausen sollten nicht überdehnt werden, es sollte stets ein sich vorwärtsbewegender Puls und ein Fließen zu spüren sein. Wenn Schuberts himmlische Längen zu höllischen werden, liegt es, wie Kempff geschrieben hat, am Interpreten. Mit Schnabel erwarte ich, daß man auch im Takt die vielstimmigen, oft sich abrupt ändernden Gefühlslagen angemessen darstellen kann. Unmarkierte Ritardandi, Schneckentempi und andere Mittel machen das Spiel nicht tiefgründiger, sondern im schlimmsten Fall nur melodramatisch-schmalzig und plakativ. D 960 ist nicht das Werk eines alten Mannes und nur zufällig Schuberts letzte Sonate. Nicht hören möchte ich auch Wiener Heurigenseligkeit, "Österreichelei", und harmlos schönklingendes, "lyrisches" Spiel, das den dramatischen Bestandteilen der Sonate nicht gerecht wird. Schubert war kein sentimentaler Einfaltspinsel. Strengstens abgewertet werden allerdings Interpretationen, die emotional sozusagen "außen vor bleiben" und sich nicht engagieren wollen.

Was die Wiederholung der Exposition samt der "zuckenden Überleitung" angeht, würde ich es generell vorziehen, wenn sie gespielt würde. Großzügigkeit in dieser Hinsicht wird allerdings fast schon dadurch erzwungen, daß 32 von den 73 gehörten Versionen, darunter sogar die neueste, auf die Wiederholung verzichten.

Die Besprechung der gehörten Aufnahmen geht grundsätzlich chronologisch vor, allerdings werden beim ersten Erscheinen eines Pianisten oder einer Pianistin alle seine/ihre Versionen zusammenhängend besprochen. Ich habe mich nach einigem Überlegen doch entschlossen, die Aufnahmen auf Instrumenten der Schubert-Zeit oder kurz danach separat zu behandeln, weil ihre Klangwelt eine recht andere ist.

Die 30er

Die Einspielung von Schnabel (1939) ist nicht die erste der Sonate auf Schallplatte, wenigstens Ern(e)st Victor Wolff ist ihm 1937 auf der amerikanischen Columbia zuvorgekommen. Wolff ist vergessen, Schnabel dagegen, obwohl sicher nicht mehr auf seinem pianistischen Höhepunkt, genießt klassischen Status und steht verdientermaßen immer wieder am Anfang von diskographischen Überblicken. Für meinen Geschmack verwendet Schnabel besonders im ersten Satz ein wenig viel Rubato, gerät aber insgesamt keineswegs aus dem Rhythmus, das Drama, das abläuft, wird angemessen dargestellt. Das bewegende Andante sostenuto ist bis auf den heutigen Tag eines der längsten geblieben. Insgesamt zeichnet die Version einen weniger lyrischen als robusten Schubert. Bedauerlich, aber Schule machend, war allerdings das Weglassen der Wiederholung der Exposition durch Schnabel, das schon der Rezensent des Gramophone (1/1941) bedauerte.

Die 40er

Yudina (1947) beginnt ihre, um es milde auszudrücken, sehr eigene oder eigenartige Interpretation ungeheuer tastend, was für den weiteren Verlauf schon ganz früh Ungewöhnliches ahnen läßt. In der Tat bleibt ihr Spiel von extremen Temposchwankungen und nicht immer notengetreuen dynamischen Akzenten gekennzeichnet. Es ist kein Wunder, daß Richter nach eigener Aussage Kopfschmerzen bekam, wenn er Yudina hörte. Ihr Allegro ist gewiß nicht ma troppo und das kürzeste der gehörten Versionen. Die sicher tiefempfundene Aufnahme fällt durch praktisch alle Raster meiner Erwartungen an eine Interpretation von D 960, trotzdem sollte man sie wenigstens einmal gehört haben. Der Originaltonträger ist im zweiten Satz beschädigt, was leider erst im Booklet mitgeteilt wird. Eine weitere Aufnahme (Kiev, 1954) scheint derzeit nicht erhältlich zu sein. Die Version von Hess leidet unter einer schlechten Tonqualität und zahlreichen bronchialen Eruptionen, sie ist im ganzen respektabel, bleibt aber leider nicht im Gedächtnis haften.


Die 50er

Kempffs erste Einspielung von 1950 ist wohl als die etwas späte Antwort von Decca auf Schnabels Version bei HMV zu verstehen. Sie scheint leider bislang nicht auf CD erschienen zu sein, obwohl sie vielleicht insgesamt die überzeugendste ist. Kempff ist Schnabel technisch sicher überlegen. Sein singendes Spiel ist hier wie auch in den späteren Aufnahmen von 1967 über einem steten Puls erwartungsgemäß farbig, expressiv oder zart, wo nötig, und alert, was die häufigen plötzlichen Stimmungswechsel angeht. Vielleicht fehlt bei ihm ein wenig mehr Biß im Finale. In der Studioaufnahme von 1967 spielt er die Wiederholung der Exposition. Eine der großen Überraschungen dieser diskographischen Entdeckungsreise war für mich Eduard Erdmann (1950, 1951, 1952), den ich vorher nur als Interpreten einer kurzen eigenen Komposition gehört hatte. Er ist bei der Schubert-Interpretation einen ganz anderen Weg gegangen als sein Freund Schnabel, dem er technisch hochüberlegen ist. Grundsätzlich wählt er schnellere Tempi, von ihm werden langsame Sätze nicht nach Schnabels Modell eher noch langsamer gespielt. Sein Spiel bleibt trotzdem warm und klar im Hinblick auf Nebenstimmen. In allen drei Rundfunk-Studioaufnahmen (WDR, Radio Bremen, BR) sind leider zahlreiche Patzer nicht zu überhören, Erdmann übte nicht gern, u.a. weil er als Bibliomane lieber Bücher kaufte und sie auch noch intensiv las. Die Flüchtigkeitsfehler sollten allerdings niemanden abschrecken. Die neuerschienene Orfeo-Ausgabe der WDR-Version könnte seine Kunst endlich ein wenig bekannter machen. Eine Studioaufnahme von EMI Electrola aus dem Jahre 1953 harrt noch einer Veröffentlichung auf CD. Haskil (1951 und 1957) scheint mir die Sonate in beiden hier gehörten Versionen nur schlecht und recht gefühllos (und recht schnell) herunterzuspielen. Manche schätzen diese angeblich "klassische" (im Gegensatz zu einer "romantischen") Spielweise, ich tue es nicht. In Kennerkreisen wird von der Sonaten-"Gesamtausgabe" (der ersten überhaupt) von Wührer mit Ehrfurcht gesprochen, nur kennt sie fast niemand, da sie bisher nicht auf CD erschienen ist. Seine D 960-Version, die ich auf LP hören konnte, ist elegant und flüssig. Eher erstaunlich ist, daß Horowitz sich der Sonate angenommen hat, auffälligerweise kurz bevor er sich auf 12 Jahre vom Konzertpodium zurückzog. Was zu befürchten ist, trifft auch ein: Er scheint sich am wohlsten zu fühlen, wenn er fortissimo hämmern kann, ansonsten findet er sich in der Architektur der Sonate nicht zurecht und verliert sich in meist unbedeutenden Einzelheiten. Eine späte digitale Version (DG) habe ich mir einstweilen erspart.

Richter

Wer sie gesehen hat, wird die Anfangssequenz in Monsaingeons Film über den Pianisten nicht vergessen, in der Richter zu den Klängen des Andante sostenuto durch eine verschneite sozialistische Stadtlandschaft stapft. Nach eigener Aussage spielte er als erster Schubert-Sonaten in der UdSSR (Monsaingeon, Richter), D 960 hat er allerdings nach den erreichbaren Quellen zuerst 1949 im Konzert gespielt, nachdem Yudina ja schon 1947 die Sonate aufgenommen hatte. Die Sonate hat Richter ganz offensichtlich über eine lange Zeit sehr viel bedeutet. Derzeit sind auf CD die 4 Versionen von 1957, 1961, 1964 und 1972 (Anif) mehr oder weniger leicht erhältlich, die fünfte hier vertretene (1972, Prag) ist ebenso vergriffen wie eine Konzertaufnahme aus Kiev (1964), von der ausgerechnet der Kopfsatz fehlt. (Der traurige Rest ist auf der Website von tnc gegen einen bescheidenen Obolus herunterladbar. Ich kenne die Aufnahme nicht.) Privat zirkulieren weitere Aufnahmen ab 1949.

Richter ist bei der Interpretation der Sonate einen ganz eigenen Weg gegangen, der bis heute höchst kontrovers bleibt. Besonderer Stein des Anstoßes ist der erste Satz, der von ihm in ungewöhnlich breitem Tempo gegeben wird, wobei sich von 1957 bis 1972 eine Tendenz zur Verlangsamung andeutet. (In seinen Gesprächen mit Meyer-Josten hat Richter, man möchte es kaum glauben, gesagt, er spiele nur moderato, nicht einmal molto moderato.) Die Folge dieses Ansatzes ist, daß die Architektur der ganzen Sonate ins Wanken gebracht wird. Sie wird, wenn man den zweiten Satz mitheranzieht, endgültig kopflastig. Richters Spiel ist derart intensiv, daß die letzten Sätze, die ihn letztlich nicht mehr so recht zu interessieren scheinen, als überflüssige, nicht aus dem Vorausgegangenen erklärbare Anhängsel erscheinen. Man kann sich einfach nicht recht vorstellen, was nach den ersten beiden intensiven Sätzen noch sinnvoll gesagt werden könnte. Dementsprechend halte ich Richters Interpretationen für verfehlt. Dies heißt aber keinesfalls, daß ich seine Aufnahmen nicht ganz dringend zum Hören empfehlen würde, ganz im Gegenteil! Die vielleicht besonders dunkle Prager Version, die ich als erste der fünf Aufnahmen kennenlernte, hat mich tief berührt, aufnahmetechnische Mängel dürfen hier nicht im geringsten abschrecken. Es ist einfach erstaunlich, wie Richter den überlangen ersten Satz zusammenhalten kann. (Pianisten, die Richter imitieren wollen, scheinen zum Scheitern verurteilt zu sein.) Von den anderen Aufnahmen ist vielleicht die von 1964 besonders hervorzuheben, mit der Studioaufnahme von 1972 ist Richter selbst offenbar ganz zufrieden gewesen.

Die 60er

Sofronitzky (1960, live) erinnert mich in mancher Hinsicht an Erdmann. Sein Spiel ist elegant und flüssig (technisch sicherer als Erdmanns), nicht kalt und teilt alles mit, das gesagt werden muß, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe mich sehr gefreut, diese Interpretation kennenzulernen. Eine Studioaufnahme aus dem Jahr 1956 ist offenbar derzeit vergriffen. Annie Fischer (1960) ist eine weitere hochempfehlenswerte Aufnahme, die derzeit leider nur gebraucht zu schwindelerregenden Preisen verfügbar ist. Die Interpretation ist aus einem Guß und konzentriert, das Spiel wärmer als in der späteren Version von 1968. Auf Anda hatte ich einige Hoffnungen gesetzt, die rein pianistisch gesehen gewiß nicht enttäuscht worden sind, bedauerlich ist u.a. eine Anzahl von Manierismen bei der Wahl der Tempi, die die Interpretation sehr eigenwillig machen. Die zwei Versionen von Rubinstein haben ihre eigene, etwas merkwürdige Geschichte. Freigegeben zur Veröffentlichung hat er nur die spätere Aufnahme von 1969, die im Gesamteindruck ein wenig düsterer ist als die frühere von 1965, die spielerisch eher mehr betört und harmloser wirkt. Die Genehmigung zur Veröffentlichung kam erst nach seinem Tod von seiner Witwe. Ich habe beide Versionen gern gehört und Rubinsteins Klavierton in vollen Zügen genossen, vielleicht mit ähnlich schlechtem Gewissen wie im Falle von Haebler (1967). Von einem Hörgenuß kann man im Hinblick auf Horszowski (1966) leider nicht sprechen, im Gegenteil, die Tonqualität, möglicherweise auch ein schlecht regulierter Flügel, sind eine Zumutung. Von besonderem Interesse ist die Aufnahme, weil Horszowski sehr früh an der Durchsetzung der Schubert-Sonaten im Konzertsaal mitgewirkt hat. Mit seinem eher bedächtigen ersten Satz und dem schnellsten Scherzo innerhalb dieses Überblicks (dazu einigen Fehlgriffen in die Tasten) ist diese Version leider nur von historischem Interesse. Seit dem Erscheinen einer BBC-Fernsehaufnahme von 1968 auf DVD vor kurzem, ist Curzon schon hier zu besprechen. Das andere Medium bringt einiges an Zugaben, neben Wortbeiträgen von Curzon u.a. auch die Wiedergabe seiner D 960-Ausgabe, die mit zahllosen sorgfältigen Anmerkungen in verschiedenen Farben übersät ist. Curzon war ein Perfektionist, der offenbar nichts dem Zufall oder, wie im Falle Kempffs, der plötzlichen Eingebung überlassen wollte. Die neue BBC-Version der Sonate (Mono) zeigt sein hochkonzentriertes Spiel, seine Mimik und seine ungeheuere Versenkung in die kleinsten Details. Die beiden anderen Versionen von 1970 und 1974 (live) belegen ähnlich Curzons teils herrlich singendes Spiel, wobei seine letzte Version einen etwas freieren Eindruck macht. Die eher enttäuschende Live-Aufnahme von Firkusný ist sicher flüssig gespielt, vernachlässigt aber die lyrischen Momente und hält die Sonate nur über relativ rasche Tempi zusammen.

Die 70er

Während ich die schriftlichen Leistungen von Brendel anerkenne, stehe ich seinen drei hier vertretenen Versionen (1971, 1988, 1997, live) eher ablehnend gegenüber. Er ist sicher wie Curzon vom Temperament her ein Perfektionist, ohne aber dessen spielerisches Niveau erreichen zu können. Die analoge Aufnahme wirkt im ganzen eher wie eine trockene akademische Vorlesung, die eine Folge von einzelnen Notizzetteln verarbeitet. Es fließt nichts richtig, der große Zusammenhang wird nicht deutlich und sein Spiel singt nicht recht, wo Leichtigkeit am Platze wäre, wird es etwa im Scherzo staubtrocken. Die späteren digitalen Versionen bringen keine Fortschritte. Klien, recht häufig gelobt und Interpret einer billigen Gesamtausgabe, zu der diese Version gehört, ist gewissenhaft und klingt besser als Brendel, ist im übrigen interpretatorisch nicht bemerkenswert. Ciccolini (1974) verstört mich mit einigem melodramatischen Gehämmere, Serkin (1975) mit einem durchgehend perkussiven Klavierton, der wohl zu nah aufgestellten Mikrophonen zu verdanken ist. Die Interpretation ist völlig ohne Wärme. Die Version von Goode ( 1978 ) mit ihrem vielleicht eher düsteren Grundcharakter ist für mich eine der großen Aufnahmen der Sonate. Es scheint hier alles im genau richtigen Maß an seinem Platz zu sein, hier gibt es keine Längen. Eine Enttäuschung war Kraus (1979), die eher unbeteiligt und monoton wirkt. Lefébure (1979) scheint mir ebenfalls eher distanziert.

Die 80er

Arrau (1980) ist mit seinem baßlastigen, sonoren und unsteten Spiel, Kennzeichen seines Altersstils, in dieser Schubertsonate letztlich fehlbesetzt. Schon die völlig mangelhafte Aufnahmetechnik sorgt im Verbund mit allerlei Nebengeräuschen und einem wohl nicht perfekten Flügel dafür, daß Bermann (1980) mit seiner eher melodramatischen Interpretation keine Freude bereitet. Weitere Aufnahmen bei EMI und Discover sind derzeit vergriffen. Die Version von Rösel (1984) ruhte bis zu ihrer Veröffentlichung 16 Jahre im Archiv der Plattenfirma. Sie hätte dort weiter ruhen sollen, sie bereichert die Diskographie leider nicht. Keinerlei Freude bereitet haben mir auch die beiden Aufnahmen von Afanassiev (1985, 1997), denen ich, gewitzt durch frühere schlimme Erlebnisse mit dem Pianisten, schon mit einigem Herzklopfen gegenübergetreten bin. Schon in der früheren Version siecht die Sonate gleich im Kopfsatz unter seinem unbeständigen, breiten, von Gehämmer unterbrochenen Spiel dahin, gerade in den eher konventionell gespielten letzten Sätzen werden auch pianistische Defizite deutlich, die Joachim Kaiser in seiner im Booklet abgedruckten, grundsätzlich positiven Rezension aus der Süddeutschen Zeitung auch zu Recht moniert. Noch weiter zerdehnt wird die Sonate in der späteren Version von 1997, die für mich die endgültige pianistische Hölle darstellt. Viel weiter kann man sich vom Schubertschen Geist nicht mehr entfernen. Vielleicht sollte man aber die Hölle wenigstens einmal geschaut haben, damit man sich umso besser auf den Pfad der Tugend besinnt, meine Aufnahmen werden jedenfalls bis auf weiteres ungespielt bleiben. Nach diesen höllischen Erlebnissen ("Laßt, die ihr eingeht, fahren alle Hoffnung!") wirkt Katsaris (1986) noch glatter und gefälliger als er ohnehin schon ist. Auch Pollini (1986) verweigert uns eine Interpretation und spielt im wesentlichen nur sehr schön die Noten. Man erinnert sich an Richters Urteil, daß Pollini Schubert wie Prokofiev oder andere Komponisten des 20. Jahrhunderts spiele. Sehr viel erfreulicher ist Cooper (1988, ursprünglich Ottavo), die bei Brendel Unterricht hatte und auch Hinweise zum Schubertspiel von Curzon einholte. Sie spielt die Sonate mit einem wunderschönen Ton und einer gewissen Freiheit, die den beiden genannten Herren eher abgeht.

Die 90er

Bei Lupu (1991 ) gefällt mir schon der relativ straff gespielte erste Satz sehr, der sich deutlicher als sonst üblich vom langsamen zweiten Satz abhebt. Angesichts seines wunderschönen Tons und seiner rhythmischen Kontrolle müssen kleinere Einwände hinsichtlich des vielleicht nicht scharf genug gezeichneten Finales verstummen. Dies ist eine der großen Versionen der D 960-Diskographie. Einen fast ähnlichen Status möchte ich Orozco (1992 ) zubilligen, bei dem das Tempo im ersten Satz vielleicht mehr fluktuiert und das Scherzo etwas zu langsam wirkt. Sokolov (1992 ) bleibt mir vor allem wegen seiner durchlaufenden Tempofluktuationen und einem Mangel an Vorwärtsbewegung im Gedächtnis. Schiff (1993 ) zeichnet auf seinem Bösendorfer leider zu weich und ist einfach zu zurückhaltend, um nicht zu sagen, langweilig. Die Bulgarin Marta Deyanova (1993 ) spielt eine insgesamt sehr solide Version, in der das verhalten beginnende Scherzo ungewöhnlich ist. Kovacevich (1994 ) betont, wie es wohl kein anderer hier vertretener Pianist tut, das in der Sonate auch vorhandene Drama. Die "zuckenden Überleitungstakte", die zur Wiederholung der Exposition gehören, klingen hier gewaltig. Ich empfinde großen Respekt vor Kovacevichs tiefdurchdachter Aufnahme und bin dankbar, sie kennengelernt zu haben, aber ich habe leider die größten Schwierigkeiten mit seiner Spielweise und besonders mit seinem in meinen Ohren unschönen Ton. Im Gegensatz unterbetont Koroliov (1994 ) das Drama des Kopfsatzes, an den weiteren Sätzen habe ich wenig auszusetzen. Die Version von Endres (1994 ) ist Teil einer Gesamteinspielung, die mittlerweile billig zu haben ist. Der Preis sagt nichts weiter über die Qualität aus, die Fassung ist sauber gespielt, farbenreich und sehr akzeptabel, auch wenn sie nicht in das Pantheon gehören dürfte. Fiorentino (1994 ) spielt für meinen Geschmack zu meditativ, aber auch sehr schön. Die Einspielung von Dalberto (1995 ) ist wieder Teil einer Gesamtausgabe, die inzwischen bei Brilliant angekommen ist. Sein D 960 ist mir vielleicht ein wenig zu verhalten, ich würde mir auch mehr Farbigkeit des Spiels wünschen. Leonskaja (1997 ) mißfällt mir mit ihren generell breiten Tempi und einem übersonoren Spiel. Die Version von Uchida (1997 ) ist für mich dagegen ein weiterer Höhepunkt innerhalb der D 960-Diskographie, auch wenn ich leider Vorbehalte habe. Die Fülle an Einzelbeobachtungen und der Klangfarbenzauber sind berückend und so vielleicht noch nicht gehört, allerdings geht diese Detailversessenheit samt Auskosten von Pausen auf Kosten eines kontinuierlichen Fließens. Die Neuhaus-Schülerin Malikova (1997 ) schlägt einen ganz anderen Weg ein, hier ist einfach alles im Gleichgewicht. Sie hat es nicht nötig, irgendetwas überzubetonen, alles fließt folgerichtig aus dem Vorausgehenden. Ihr Spiel ist wunderschön. Der einzige Minuspunkt, den ich verteilen möchte, ist, daß sie leider die Wiederholung der Exposition nicht spielt. Planès (199 7) und Hough (1998 ) bemühen sich ehrlich, ohne etwas Wesentliches mitteilen zu können.

Nach der Jahrtausendwende

Cassard (2001 ) erschöpft sich hauptsächlich in Schönklang. Der von mir bewunderte Perahia (2002 ) sorgt ebenfalls für eine Enttäuschung. Auch er klingt über weite Strecken wunderschön, ist stellenweise aber fast geistesabwesend. Ein interpretatorisches Konzept ist für mich nicht erkennbar. Korstick (2003 ) verbreitet gepflegte öde Stimmung mit seinen überlang geratenen ersten zwei Sätzen. Die Aufnahme stellt vielleicht die Vorhölle zu Afanassievs Vollversion dar. (Im aktuellen Heft 11 der Zeitschrift Partituren stellt Korstick in einem Blindhören einigen Schubertaufnahmen von Pianistenkollegen sehr gepfefferte Zeugnisse aus. Von den hier vertretenen Namen ist nur Perahia betroffen.) Lazic (2004 ) hat eine sehr schöne Version eingespielt, die mir leider dann doch etwas lang vorkam und letztlich wirklichen Charakter vermissen läßt. Andsnes (2004 ) ist eine überragende Einspielung gelungen, die ohne Extreme und billige Effekte die Stimmungswechsel innerhalb der Sonate perfekt darstellt. Ich hätte mir allerdings den ersten Satz gern ein wenig straffer gespielt vorgestellt. Fleisher (2004 ) hat mich beim ersten Hören völlig überzeugen können, beim Wiederhören schien mir sein Spiel vielleicht doch ein wenig zu monochrom und steif. Zhu (2004 ) steigt in die Sonate etwas zögerlich ein, überwältigt dann allerdings mit einem geradezu unglaublich schönen Spiel, das eher nicht mehr von dieser Welt ist. Ich hoffe, es ist nicht nur die hervorragende Aufnahmequalität, die mich überrumpelt haben könnte. Barnatan (2005 ) besticht an seinem Steinway von 1904 ebenfalls mit einer Fülle des Wohllauts, erreicht aber nicht die schwindelnden Höhen, in denen sich Zhu bewegt.

Originalklang

Das Hammerklavier ist hier leider nur mit drei Aufnahmen vertreten, obwohl ich seinen Klang, der u.a. durch den sehr unterschiedlichen Charakter der Lagen und einen schnelleren Verfall des Tons gekennzeichnet ist, sehr schätze. (Ich habe leider bislang noch niemanden von den Vorzügen der alten Flügel so recht überzeugen können.) Badura-Skoda (1992 ) spielt auf einem Graf-Flügel aus dem Jahre 1826, der in meinen Ohren nicht sonderlich attraktiv klingt. Mein Höreindruck ist, daß es dem Pianisten einigermaßen schwerfällt, dem Instrument die richtigen Töne zu entlocken. Bei Staier (1996 ), der einen Fritz-Flügel von 1825 spielt, ist dies ganz anders. Hier gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Die Baßtriller im ersten Satz klingen hier ganz anders, entfernter, aber vielleicht noch bedrohlicher als gewöhnlich. Die Interpretation braucht den Vergleich mit Interpretationen auf dem modernen Flügel nicht zu scheuen. Dies ist nur etwas eingeschränkt der Fall bei der Aufnahme von Lahusen (2000), der auf einem wohlklingenden Graf-Flügel spielt, der erst 1835 nach Schuberts Tod gebaut wurde. Rhythmische Unregelmäßigkeiten im ersten Satz gefallen mir z.B. nicht sehr.

4. UNVERZICHTBARE AUFNAHMEN

Zur Zeit habe ich eine Schwäche für Interpretationen, in denen die ersten beiden Sätze relativ rasch gespielt werden. Das mag sich alles ändern, und ich hoffe, dies hängt nicht etwa damit zusammen, daß ich nach 73 gehörten Versionen ungeduldig geworden wäre. Wie eingangs ja schon bemerkt, meine ich nicht, daß ich meine ideale Aufnahme wirklich gefunden hätte. Es wäre auch sonst wenig sinnvoll, eine Rangliste der gehörten Aufnahmen zu versuchen oder Punkte, Stimmgabeln und Sterne zu verteilen. Die sieben Pianisten, die mir zur Zeit besonders viel bedeuten, sind Kempff (1950 ), auch mit seinen anderen Aufnahmen, Curzon (1968 ), Goode (1978 ), Lupu (1991 ), Staier (1996 ), Malikova (1997 ) und Uchida (1997 ). Weitere Aufnahmen, die mir aus ganz unterschiedlichen Gründen viel bedeuten, sind Schnabel (1939), Erdmann (1950, 1951, 1952), Richter (1957, 1961, 1964, 1972, Prag und Anif), Sofronitzky (1960 ), Cooper (1988 ), Orozco (1992), Kovacevich (1994), Andsnes (2004) und Zhu (2004). Das Hoffen auf die ultimative Aufnahme geht weiter, ebenso wie das Hoffen auf eine bessere lichte Welt, die es vielleicht geben mag und nach der sich Schubert so gesehnt hat.

5. ANDERE MEINUNGEN DER LETZTEN ZEIT

Building a Library (BBC Radio 3) empfahl von 1987 bis 2005 Brendels analoge Aufnahme von 1972, derzeit ist Uchida die Spitzenempfehlung (wenn man die Einspielung schon geschenkt bekommt, sollte man sie nicht unbedingt für EUR 3.77 bei ebay verramschen), im Niedrigpreissegment wird zu Richter (1972, Anif) und im Bereich der historischen Aufnahmen zu Schnabel (im Transfer von Pearl) geraten. Der Penguin Guide vergibt Rosetten an drei Einspielungen: Rubinstein (1965), Kempff (1967, DG) und Kovacevich (1994 ). Im Mai/April-Heft 2007 von International Piano hat Benjamin Ivry 33 Versionen gehört. Er empfiehlt Schnabel, Horszowski, Zacharias, Perahia und Andsnes. Beim französischen Diapason (9/2003) ist Serkin das Maß aller Dinge, neben der von mir gehörten Aufnahme von 1975 wird auf eine derzeit nicht greifbare Live-Version von 1978 hingewiesen. Weiter werden Curzon (1970), Arrau und Lupu besonders.

6. GEHÖRTES UND UNGEHÖRTES

(oW) = ohne die Wiederholung der Exposition und ohne die "zuckenden Überleitungstakte"; das Nichtbeachten anderer Wiederholungen ist nicht vermerkt

Schnabel (1939) EMI Références CHS7642592 (oW) 13.50 11.18 4.09 7.11
Yudina (1947) Vista Vera The Legacy of Maria Yudina vol. 6 VVCD00074 22.00 9.43 3.25 6.37
Hess (1949) Appian Musique-Verité APR5520 (oW) 13.12 9.04 3.46 7.33
Erdmann (1950) Orfeo Orfeo d'Or C722071B (oW) 12.23 8.04 3.59 6.53
Kempff (1950) Decca LXT2577 (LP) (oW)
Haskil (1951) Philips Great Pianists of the 20th Century 4568292 (oW) 13.21 8.03 3.33 6.51
Erdmann (1951) Tahra TAH386/387 (oW) 12.13 7.59 3.53 7.03
Erdmann (1952) Tahra TAH218/219 (oW) 12.05 7.23 3.47 6.42
Wührer (1953) Vox PL8210 (LP) (oW)
Horowitz (1953) RCA Victor Gold Seal GD60451 (oW) 13.08 8.28 3.57 6.56
Richter (1957) Parnassus Sviatoslav Richter in the 1950s vol. 5 PACD 96017/18 23.14 9.20 3.28 7.30
Haskil (1957) Orfeo Orfeo d'Or C706061B (oW) 13.15 7.31 3.36 7.42
Sofronitzky (1960) Denon COCQ83667-8 17.33 8.10 3.25 7.14
A. Fischer (1960) EMI Les Introuvables 72435692176 (oW) 12.45 8.47 3.54 7.28
Richter (1961) Brilliant Historic Russian Archives 92229 24.16 9.20 3.24 6.54
Anda (1963) DG Original Masters 002894775289 (oW) 14.54 10.30 4.36 6.58
Richter (1964) BBC Legends BBCL41962 25.23 10.09 3.34 7.26
Rubinstein (1965) RCA Victor Red Seal Arthur Rubinstein Collection vol. 54 09026630542 (oW) 14.17 9.24 4.12 7.49
Horszowski (1966) Arbiter 145 (oW) 15.06 8.55 3.07 7.47
Kempff (1967) DG Collectors Edition 4637662 21.09 9.18 4.48 8.01
Kempff (1967) BBC Legends BBCL41692 (oW) 15.42 9.12 4.22 7.37
Haebler (1967) Philips Eloquence 4646332 (oW) 14.55 9.22 4.16 8.33
Curzon (1968 ) Decca 0743186 (DVD) (oW) 12.42 9.26 4.08 7.35
A. Fischer (1968 ) Hungaroton HCD31494 (oW) 13.23 10.05 4.03 7.54
Firkusný (1969) BBC Legends BBCL41732 (oW) 13.10 8.13 3.35 7.27
Rubinstein (1969) RCA Victor Red Seal Arthur Rubinstein Collection vol. 55 09026630552 (oW) 15.29 10.31 4.21 8.01
Curzon (1970) Decca Original Masters 4750842 (oW) 13.16 9.17 4.14 7.38
Brendel (1971) Philips Duo 4387032 (oW) 14.35 8.52 3.55 8.28
Klien (1971-3) Vox VoxBox CDX5175 21.12 9.11 4.22 7.50
Richter (1972, Anif) Regis RRC1049 24.31 10.04 3.51 7.52
Richter (1972, Prag) Praga PR254032 25.52 9.58 3.36 7.45
Curzon (1974) Orfeo Orfeo d'Or C401951B (oW) 14.01 9.21 4.17 8.12
Ciccolini (1974) EMI Les Introuvables 724357359528 (oW) 14.35 9.32 3.49 7.39
Serkin (1975) Sony the art of interpretation 5128742 20.44 10.03 4.22 8.38
Goode (1978 ) Elektra Nonesuch 9791242 (oW) 13.55 11.03 4.08 7.43
Kraus (1979) Vanguard COCQ83792 18.59 10.06 3.43 8.00
Lefébure (1979) Solstice FYCD078 (oW) 13.11 8.04 3.47 7.07
Arrau (1980) Philips 4739262 20.15 10.52 4.50 8.28
Berman (1980) Brilliant Historic Russian Archives 93006 22.05 10.04 4.31 8.52
Rösel (1984) Capriccio 1 plus 51078 22.00 9.50 4.07 8.55
Afanassiev (1985) ECM New Series 1682 4627072 22.45 11.25 4.12 9.56
Katsaris ((P) 1986) Teldec Digital Experience 4509996902 20.58 10.56 3.50 7.58
Pollini (1986) DG Originals 4746132 18.56 9.42 3.52 7.26
Brendel (1988 ) Philips 4220622 (oW) 14:47 9.18 3.46 8.30
Cooper (1988 ) Philips 4762095 (oW) 15:03 9.33 3.50 8.40
Lupu (1991) Decca 4757074 18.17 9.33 3.50 7.41
Badura-Skoda (1992 ) Arcana A410 19.37 8.52 3.58 8.00
Orozco (1992 ) Auvidis Valois V4683 19.07 9.53 4.26 7.52
Sokolov (1992 ) Naive Opus 111 OP30387 20.15 10.47 4.08 8.06
Schiff (1993 ) Decca Double Decca 4751842 20.08 9.00 3.59 9.15
Deyanova (1993 ) Nimbus NI5476 22.21 8.08 4.45 8.37
Kovacevich (1994 ) EMI Great Artists of the Century 724356281721 20.06 9.28 3.57 8.00
Koroliov (1994) Tacet 46 19.32 9.54 3.51 7.27
Endres (1994) Capriccio 49456 19.40 8.15 3.40 7.46
Fiorentino (1994) Appian APR5553 (oW) 16.02 10.30 4.27 9.15
Dalberto (1995) Denon CO18027-28 21.01 9.54 3.47 8.05
Staier (1996) Teldec Das alte Werk 0630131432 21.59 9.48 4.18 8.48
Leonskaja (1997) Warner Apex 2564619092 23.58 10.04 4.08 8.17
Uchida (1997) Philips 4756282 22.00 10.40 3.57 8.02
Malikova (1997) Real Sound RS9510021 (oW) 15.01 9.30 3.59 7.52
Afanassiev (1997) Denon Crest 1000 COCO70804/5 28.13 12.40 5.06 10.20
Planès (1997) Harmonia Mundi HMX2908201.08 21.12 10.11 4.16 8.48
Brendel (1997) Philips 4757191 (oW) 15.05 9.08 4.02 8.46
Hough (1998 ) Hyperion CDA67027 19.57 10.32 4.10 8.40
Lahusen (2000) Celestial Harmonies 131952 20.38 10.26 4.10 8.44
Cassard (2001) Ambroisie AMB9923 20.56 10.26 4.02 7.41
Perahia (2002) Sony S2K87706 19.00 9.48 3.54 7.56
Korstick (2003) Ars Musici AM13732 25.39 11.10 3.53 8.11
Lazic (2004) Channel Classics CCSSA20705 20.22 9.51 3.52 8.44
Andsnes (2004) EMI 724355790125 20.32 10.17 3.46 7.53
Fleisher (2004) Vanguard ATMCD1551 20.47 11.05 4.01 7.36
Zhu (2004) Mandala MAN5085 19.26 9.00 4.02 7.47
Barnatan (2005) Bridge 9197 (oW) 15.09 10.15 4.08 8.14

Von einigen der aufgeführten Pianisten/Pianistinnen existieren weitere Versionen, die in der Diskussion weiter oben nicht unbedingt erwähnt werden.

Auch Christian Zacharias (EMI 094636754529 ) sollte ursprünglich Gehör finden, zwei gelieferte Boxen enthielten aber Fehlpressungen (CDs 4 und 5), auf denen französisches Liedgut aus der Zeit um 1945 (Piaf etc. ) statt Schubert-Sonaten erklang. (D 960 hätte sich auf CD 4 befinden sollen. )

Im Finale der Sonate ist Rudolf Serkin auf der DVD The Golden Age of the Piano (Philips 0750929) zu hören und mit seinen charakteristischen Manierismen auch zu sehen. Der Klavierton ist schöner als auf der gehörten CD weiter oben. Von Brendel gibt es als Geschenk zu seinem gewesenen 75. eine DVD mit den letzten drei Schubert-Sonaten (Philips 07011393 ). Die enthaltene D 960-Version wird hier nicht berücksichtigt, zumindest Ausschnitte sind aber bei YouTube zu sehen.

Pianistinnen und Pianisten, die aus verschiedenen Gründen (u.a. Unerreichbarkeit der Aufnahmen, Kosten, Vorurteile, schieres Desinteresse meinerseits, negative Rezensionen) unberücksichtigt bleiben, sind:

Adni, Aitken, Ashkenazy, Bärtschi, Barenboim, Benend, Berkowitz, Betz, Bilson, Braun, Buchbinder, Cazal, Chodos, Ciocarlie, Corbett-Jones, Crow, Dähler, Damerini, Damgaard, Demus, Elzeser, Eschenbach, Farkas, Filatova, Foldes, Frank, Goldsmith, Goldstone, Gothóni, Grubert, Gulda, Hatto oder "Hatto", Hatzopoulos, Hautzig, Hecher, Hierholzer, Hobson, Holtmann, van Immerseel, Jandó, Joeres, Katin, Kazakevich, Kitchin, Kissin, Kronenberg, Kruchin, Krumpöck, Kuerti, de Larrocha, Lauriala, Lee, Leibnitz, Leonhardt, Lévinas, Levine, Levy, Lewis, Leygraf, Lisney, Litwin, Madzev, Marengoni, Marks, Marseille, Marshev, Marsoner, J. Menuhin, Milic, Moser, Nadelmann, Nalley, Naoumoff, Ohmen, O'Hora, Palsson, Passigli, Pennetier, Perelman, Petermandl, Petrov, Pierce, Pires, Pludermacher, Rangell, Ránki, Roberts, Rose, Rosenberger, Scharapan, Schuchter, Sherman, Shure, Södergren, Solar-Kinderman, Y. Solomon, Stan, Stein, Tabe, Tan, Tirimo, Ts'Ong, Ullrich, Volpa, Vosgerchian, Watts, Wayenberg, Weichert, Wolff, Würtz, Zacharias, Zayas, Zitterbart

Im Falle der genannten 113 Namen konnte ich die Existenz von Aufnahmen (in einigen Fällen nicht nur einer Version) zweifelsfrei feststellen. Ich wäre natürlich für Hinweise auf weitere Aufnahmen dankbar, ebenso für Empfehlungen. Es wäre kurios, wenn hier nicht noch einige Schätze zu heben wären. Die Zahl der Einspielungen wird unbarmherzig weiterwachsen: Oppitz wird D 960 demnächst aufnehmen, Hamelin und Fellner hatten die Sonate letztes Jahr in ihren Programmen, Demidenko hat sie in jüngerer Zeit gespielt … Und in den Archiven wird sich auch noch einiges finden und veröffentlicht werden.

Zelenka

Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

2

Montag, 15. Juni 2009, 18:39

RE: Schubert : Klaviersonate B - Dur D 960 - Ein Überblick von "Zelenka"

Liebe Schubert - Verehrer ,


ich hatte nicht erwartet , dass direkt nach der Vorstellung dieses trotz seiner mit wissenschaftlicher Akribie und mit grossem Impetus geschreibenen Aufsatzes nun direkt Antworten kommen würden .

Es wird von mir noch einiges zu schreiben sein zu einigen der von "Zelenka" zu recht besonders hervorgehobenen Aufnahmen wie auch der , für manche vielleicht überraschenderweise , trotz ihres berühmten Namens - z.B. Alicia de Larrocha oder Horowitz - nicht in die Spitzengruppe gewählten Interpretationen .

Man muss einfach zugestehen , dass dieser zutiefst beindruckende Text auch mit sehr viel Herz und nicht nur Verstand , von Manfred Voss verfasst worden ist .

Darin steckt sehr viel mehr Liebe zu dem unglaublichen Melodienreichtum Schuberts , der Struktur und Architektur in dieser Sonate , der Psychologie der Komposition als dies auf den ersten Blick deutlich zu werden scheint . Matthias Kornemann hatte in seiner Besprechung der Edition "Great Pianists of the Century" in "Rondo" anhand der Schubert - Deutungen durch Clara Haskil und Sir Clifford Curzon Grundsätzliches i hiblick auf die Seele der Kompositionen und somit auch die Seele des Komponisten dargstellt .

Ganz wichtig scheint mir zu sein , dass Manfred Voss sich von jedem der leider noch immer bestehenden Schubert - Vorurteile und leider auch Urteile ferngehalten hat . Bedauerlicherweise ist diese Versachlichung in den beiden Schubert - Handbüchern noch immer nicht durchgängig zu finden .

M. Uchida , jetzt London - Nottig Hill , hat in einem sehr analytischen Interview gesagt , dass Franz Schubert der "wienerischste aller Komponisten" gewesen sei . Dies ist von ihr im Hinblick auf die berühmte Wiener Klassik und ihrern eigenen Lebensjahren in Wien als junge Frau bewusst so formuliert worden .

Manfred Voss hat dies vor Erscheinen des Interviews in dem vorstehenden Artikel ebenso gesehen .

Kurz vor der endgültigen Niederscharft hat er noch geringe , aber nicht unbedeutende , Änderungen in der Wertung seiner herausgehobenen Interpretationen vorgenommen , die noch dargestellt werden sollen . Nach einiger Zeit der Disskussion , nachdem dieser Atikel publiziert worden war , hat er drei grundsätzliche Interpretationsansätze noch einmal zentral erörtert .

Dies soll gegebenefalls gerne hier diskutiert werden .


Beste Grüsse ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 085

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

3

Dienstag, 16. Juni 2009, 17:41

Danke Frank für diese gute Tat! :jubel:

Eine sehr eindrucksvolle Leistung des leider verstorbenen Autors. Mir gefällt zudem, daß er nicht zu sachlich distanziert schreibt, vermeintlich >objektiv<, sondern aus einer persönlichen Perspektive. Das ist sehr lebendig und an manchen Wertungen kann man sich dann reiben.

Ich persönlich würde Richter, Pollini, C. Haskil oder Lazar Berman anders bewerten. Auch die späte Horowitz-Aufnahme finde ich sehr hörenswert!

Bei Schnabel muß man natürlich bedenken, daß es damals keine Möglichkeit gab, die Aufnahme durch Schnitte zu korrigieren - Direktschnittverfahren! Schnabel legte auf Perfektion nicht so großen Wert, was nicht heißt, daß er nicht technisch >potent< war. In dieser Zeit spielen die Pianisten bei der Aufnahme so wie im Konzertsaal, heute hat sich das umgekehrt: Dir Konzerte sind so perfekt, daß sie gleich mitgeshnitten werden können: man spielt im Konzert so wie im Studio! Kempff war nie einer der größten Techniker (was bei diesem Ausnahmemusiker kein Einwand ist!), aber mit dem Medium Schallplatten-Aufnahme viel besser vertraut als Schnabel.

Lazar Berman erzählt sehr humorig die Umstände seiner Aufnahme bei der DGG. Die Sowjetunion kassierte die Gage ein und bezahlte die Musiker nach einer Minutenpauschale! Unfaßbar, aber wahr! Da dachte sich Berman: Warum spiele ich den 1. Satz der B-Dur-Sonate nicht noch langsamer als Richter? Dann müssen die mir in Moskau eine höhere Gage zahlen! Also wurde seine Aufnahme noch langsamer als die von Richter und die Kritik überschüttete ihn mit Lob ("Meilenstein der Schubert-Interpretation") - worüber er sich lustig macht. Er - ein sehr bescheidener Mensch - mochte wohl keine Lobhudeleien... :pfeif:

Beste Grüße
Holger

Christian B.

Prägender Forenuser

  • »Christian B.« ist männlich

Beiträge: 772

Registrierungsdatum: 1. Juni 2006

4

Dienstag, 16. Juni 2009, 18:39

Zitat

Original von Dr. Holger Kaletha
Lazar Berman erzählt sehr humorig die Umstände seiner Aufnahme bei der DGG. Die Sowjetunion kassierte die Gage ein und bezahlte die Musiker nach einer Minutenpauschale! Unfaßbar, aber wahr! Da dachte sich Berman: Warum spiele ich den 1. Satz der B-Dur-Sonate nicht noch langsamer als Richter? Dann müssen die mir in Moskau eine höhere Gage zahlen! Also wurde seine Aufnahme noch langsamer als die von Richter und die Kritik überschüttete ihn mit Lob ("Meilenstein der Schubert-Interpretation") - worüber er sich lustig macht. Er - ein sehr bescheidener Mensch - mochte wohl keine Lobhudeleien... :pfeif:

Beste Grüße
Holger


Hallo Holger, das ist ja eine interessante Anekdote, Zelenka bezieht sich oben aber offensichtlich auf eine andere Bermann-Einspielung, in der der erste Satz nicht länger als bei Richter ist:

Berman (1980) Brilliant Historic Russian Archives 93006 22.05 10.04 4.31 8.52

Ich kenne diese Aufnahme und schätze sie sehr, weil sie als eine der wenigen auch die beiden letzten Sätze in ein Licht zu rücken vermag, das zu den beiden ersten Sätzen passt. Der letzte Satz ist bei Bermann ein trauriger Abgesang - nichts bleibt von der sonst hier üblichen aufgesetzten Fröhlichkeit.

Die von Dir erwähnte DG-Aufnahme ist mir völlig unbekannt, gibt es die noch irgendwo???

Liebe Grüße,
Christian

PS: Frank, Danke für das Einstellen dieser Besprechung !

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 085

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

5

Dienstag, 16. Juni 2009, 19:34

Zitat

Original von Christian B.
Hallo Holger, das ist ja eine interessante Anekdote, Zelenka bezieht sich oben aber offensichtlich auf eine andere Bermann-Einspielung, in der der erste Satz nicht länger als bei Richter ist:

Berman (1980) Brilliant Historic Russian Archives 93006 22.05 10.04 4.31 8.52

Ich kenne diese Aufnahme und schätze sie sehr, weil sie als eine der wenigen auch die beiden letzten Sätze in ein Licht zu rücken vermag, das zu den beiden ersten Sätzen passt. Der letzte Satz ist bei Bermann ein trauriger Abgesang - nichts bleibt von der sonst hier üblichen aufgesetzten Fröhlichkeit.

Die von Dir erwähnte DG-Aufnahme ist mir völlig unbekannt, gibt es die noch irgendwo???


Hallo Christian,

auch ich habe nur diesen tollen Konzertmitschnitt aus der Brilliant-Box. Ich ärgere mich schon seit langem, daß die DGG nicht endlich eine Box mit sämtlichen Berman-Aufnahmen herausbringt, wie sie das gerade bei S. Richter getan hat! Der Schubert ist wie so vieles andere, was er bei der DGG aufgenommen hat (Liszt h-moll Sonate, Rachmaninow, das Tschaikowsky-Konzert u.a.) nicht mehr zu bekommen!

Beste Grüße
Holger

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

6

Dienstag, 16. Juni 2009, 22:25

Objektivität und Subjektivität

Lieber Holger ,


dies ist einer der fundiertestenb Beiträge ( die aus den grossen Zeiten von etwa Gramophone , International Piano Quarterly , Diapson , Classica Répértoire usw. eingschlossen ) , die ich kenne .


Zwischen den ersten Plänen und der hier vorliegenden Endfassung vom 7. Juli 2007 sind interessante Diskussionen vergangen . In diesem Mittelpunkt stand die Frage des zur Verfüguing stehenden Materiales ( also einer sehr relativen "Objektivität" ) , des eigenen , also subjektiven Höreindruckes ( diesre hat sich bei "Zelenka" wie bei mir in Grundfragen teilweise modifiziert ) oder Frage des eigenen Bildes über den Komponisten ( auch im Wandel der Zeit ) wie die uns vorliegenden und zugänglichen Aufnahmen .


Manfred ( Voss ) und ich hatten auch bezüglich der Auffassung , wie diese wundervolle Klaviersonate , eine der bedeutensten , die ich überhaupt kenne , überhaupt in ihrer grossen Architektur denn wohl am nächsten an den Vorstellungen , die Schubert vorgeschwebt haben könnten , orientiert sind , freundschaftlich ausdiskutierte unterschiedeliche Meinungen . Dies kam in meiner nicht veröffenltichten Fassung ebenso deutlich heraus wie auch in dem , was Manfred hier am Ende formuliert hat .

Manfred und mir war immer bewusst , dass wir niemals alle Aufnahmen würden erreichen können , ws ich selbst im Falle von Freidrich Wührer als besonders schmezhaft empfunden habe , weil er der Weiner Klassik sehr nahe gewesen ist . Ja einer ihrer ganz grossen Repräsenentanten war . Einer meiner früheren Klavierlehrer war einer seiner Schüler .

Vorab zu LAZAR BERMAN : Durch meine damlige Mitgliedschaft in der robert-Schumann-Gesellschaft e.V. , Düsseldorf , hatte ich das Glück persönlich mit Frau Kollegin Dr. Gisel Schäfer , ehamls geschäftsführendes Vortandsmitlied der gesellschaft , mit Maestro Beman einige Zeit in sehr kleinem Kreis sprechen zu können . Er war eine der beeindruckensten Menschen , die ich je kennengelrnt habe . Natürlich , offen , weitsichtig, von vielen Qualen gezeichnet - er erlitt wirklich viele mit seiner Familie als wie Gilels z. B. ständig gegänngelter , isolierter Künstler und Familienvater und auch als eben jüdischer Pianist - , ein pinaist , den selbst ein Vladimir Horowitz bewundert hat , ein Mann , der aussergewöhnlich bescheiden war , der sich für seine Kunst tatsächlich auch physisch wie psychisch aufgeopfert hat .

Es gibt relativ viele Aufnahmen von ihm ( auch gerade Livemitschnitte aus Kanada 9 . Leider hat die DGG / uiversal es nicht für nötig befunden einige seiner epochalen Interpretationen neu aufzulegen . Dazu zählen die hier aufgeführten Werke ebenso wie die Wiedergabe des d-Moll-Klavierkonzertes von Johannes bRahms , die ich zuletzt 1996 im Radio noch einmal hören konnte . unter Kennern galt seine Wwiedregabe des Tschaikowsky - Klavierkonzertes Nr. 1 b - Moll lange als d i e Aufnahme schlechthin ( mit Herbert v. Karajan ) .

Bermans Repertoire war deutlich breiter angelegt gewesen , als wir dies anhand der vorliegenden Aufnahmen möglicherweise annhemen .

Bermans Interpretationen waren wohl insgesamt stärkeren Schwankungen ausgesetzt , was mit dem enormen Druck , dr auf ihm gelastet hat , zu erklären ist .

Dies Schubert - Sonate B - Dur D 960 hat er selbstverständlich häufiger gespielt als dies angenommen werden könnte .

Manfred hat ja ausdrücklich auf die Problematik hingewiesen , die jeder dieser noch so sorgfältig zusammengestellten Diskogarphien immanent ist .

Es dürfte hier so sein , dass nicht wenige der besten , wichtigsten Aufnahmen / mitschnitte von Lazar berman leider in Archiven lagern oder in Privathänden sind .

Die hier besprochene Aufnahme hat sowohl bei Manfred ( Voss ) als auch bei mir von Anfang an denselben Eindruck hinterlassen .


Beste Grüsse ,


Frank

PS.: Ich muss noch einmal Alfred Schmidt sehr herzlich danken , dass er sein Forum bereitgestellt hat , um diesen Übersichtsaufsatz vor dem ewigen verlust zu retten .

Der Versuch , Diskussionsmaterial aus 2007 zu retten für diesen Thread , sind leider nicht mehr möglich gewesen .

Alfred Schmidt hat schon in einer ersten Antwort auf einen Kurkommenatr von mir weitsichtig notiert , dass dies einer der grossen Rezensionsleistungen sei ( KlassikAkzente.de / Forum , 2007 ) .

Aus ganz persönlichen Gründen wollte Manfred Voss / "Zelenka" diesen Aufsatz zum damaligen Zeitpunkt eben in dem seit langem geschlossenen Forum schreiben . Dies ist auch von Alfred Schmidt so mit Respekt angemerkt worden . F.
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Thomas Pape

Moderator

  • »Thomas Pape« ist männlich

Beiträge: 3 907

Registrierungsdatum: 30. August 2006

7

Dienstag, 16. Juni 2009, 23:36

Lieber Frank,

neben Alfred, der diesem Thema und Zelenkas Aufsatz Raum gibt, danke ich Dir, daß Du diesen Text hier verfügbar gemacht hast.

D 96o ist eine der mir liebsten Musikschöpfungen. Eine zeitlang war ich bemüht, das Werk immer in greifbarer Nähe zu haben. Bei der Arbeit, im Auto, Daheim (die mich Auto begleitende Cassette war übrigens gekoppelt mit Bruckner's "Te Deum").

Ich fände es fabelhaft, wenn wir Zelenkas Aufsatz ergänzen würden. Und zwar um Einspielungen, die er -warum auch immer- vernachlässigen musste. Unter den Namen der ihm nicht greifbaren taucht Stein auf. Gemeint ist wohl Max Martin Stein. Ein 1911 in Jena geborener Pianist. Stein hat sich früh für die nachgelassenen Sonaten von Schubert eingesetzt; seit 1937 standen sie regelmäßig auf seinen Programmen. Eingespielt hat er sie für das Label "Motette" (muss nach 1979 gewesen sein). Auf LP. Als CD sind sie mir nie untergekommen.

Wie nun lernt man Max Martin Stein kennen?

Nun, in der Nachkriegszeit hat ein musikbegeisterter Manfred Wundram sich bei ihm ausbilden lassen. Wundram wurde allerdings dann doch nicht Musiker, sondern Kunsthistoriker (ein Renaissance-Fachmann von Graden). Und in den mittleren 1980ern mein akademischer Lehrer. Bei einem Besuch bei ihm zuhaus' setze er sich an seinen Blüthner-Flügel und bat mich um zweierlei: "Hör zu und blättere die Noten um, wenn ich nicke". Das war mein erster Kontakt mit D.960, mit dem Klavierwerk Schuberts. Ich war hin und weg. Und habe mir hernach die Platte von Wilhelm Kempff gekauft. Und das Werk nicht mehr wiedererkannt.

Mit dem verehrten Lehrer und Freund stand ich damals in intesivem schriftlichen und fernmündlichen Austausch und hatte mich umgehend über die Diskrepanz zwischen Kempff und dem, was ich bei ihm gehört hatte beklagt. Und zu seiner nächsten Vorlesung brachte er mir die LP-Box "Max Martin Stein spielt Schubert" mit.

Nein, es geht jetzt nicht um besser oder schlechter. Manfred Wundram war mein Erstkontakt. Und der hatte das Werk in sehr ruhiger Gelassenheit gespielt (so erinnere ich es jedenfalls). Alles war klar und sauber herausgespielt. Und Kempff wirkte in einigen Teilen unsauber, schien über Stellen, die mir wichtig waren hinwegzuspielen (fangen wir da ruhig bei den Baß-Trillern im ersten Sazt an).

Max Martin Stein vollführt kein Spektakel, war ja auch nicht der Star, musste sich nicht beweisen. Er zerdehnt nirgends, treibt nirgends übermäßig an. Die Baß-Triller im ersten Satz werden sauber ausgespielt.

Was an der Platte begeistert: es klingt, als spiele jemand für einen kleinen Kreis interessierter Freunde. Unvorstellbar beim Hören der Platte, daß da vor einem großen Publikum -sagen wir der ausverkauften Kölner Philharmonie- gespielt würde.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn diese Aufnahme allgemein zugänglich gemacht würde (ebenso wie der live-Mitschnitt ihrer Aufführung durch Aldo Ciccolini im April 2008 in Montpellier -wie ich nicht müde werden werde einzufordern).

Und an Frank gerichtet: Hast Du die Aufnahme mit Wührer nicht? Da könnte ich Dir aushelfen. Melde Dich diesbezüglich gerne bei mir.

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

s.bummer

Prägender Forenuser

  • »s.bummer« ist männlich
  • »s.bummer« wurde gesperrt

Beiträge: 828

Registrierungsdatum: 11. Mai 2009

8

Dienstag, 16. Juni 2009, 23:46

Wir wissen, das wir nix wissen.

Beeindruckend, sehr beeindruckend.
Was für eine Leistung auf den ersten Blick!!
Auch wenn Fleishers Erstaufnahme(=Schnabel mit vollkommener Technik) fehlt, die ausgerechnet bei Classics Today Referenz ist.

Doch beim Lesen kommen mir so seltsame Gedanken:

Was suchte Herr Zelenka?: Etwa die ultimative Schubert D960 Aufnahme?.
Und wenn man so stücka 20 Aufnahmen gehört und intus hat, geht das überhaupt noch?
Ist das nicht ein faustisches Unterfangen?
Ist nicht das Gehör irgendwann voreingenommen, will man nicht dann einen bestimmten Stil?
Ärgert man sich nicht darüber, das man es nicht selbst machen kann?

Diese wirklich WUNDERBARE Sammel-REZENSION ist auch ein Dokument des großen Scheitern, des Scheitern an der Aufgabe, sich diesem Werk durch alternierendes Hören so zu nähern, dass man eine Rezension schreiben kann.
Es ist sehr schwer; die zunehmende Vertrautheit mit dem Werk steht neuen Aufnahmen zunehmend im Wege, bis sie schließlich diesen Aufnahmen den Zugang komplett versperrt. Von spezifischen Tagesbefindlichkeiten des Rezensenten mal ganz abgesehen.
Daher bleibt Zelenka angreifbar, die Fülle des Materials ist nur ein bedingt hilfreich.
Da werden von anderen als hervorragend bezeichnete Aufnahmen von Brendel oder Serkin mit einem Satz abgefertigt, die spez. Richtersche Dimension der Interpretation (U.Schreiber) wird ignoriert und zu einem Torso mit drei anhängenden Sätzen verkürzt.
DAS kann man so sehen, aber muss man das??
Ist Zelenka nach der x-ten Aufnahme betriebsblind geworden?

Ich denke an all die Kollegen, die jeden Tag 20 Winzer durchprobieren, weil es ihr Beruf ist, Wein zu verkosten.
Und die dann freudigst ein Bier zischen, um die Geschmacksnerven zu neutralisieren.
Und an den Lehrer, der 30 Arbeiten zu korrigieren hat und weiß, dass er den ganzen Kram nochmals lesen sollte, weil sich beim Korrigieren die Maßstäbe unmerklich verschieben.

Am Ende bleibt dann für mich nur eine kommentierte Diskographie mit Hinweisen
Sorry!

Und sollte der Herr Berman, sehr lustig übrigens und schlau gemacht, nach Minuten bezahlt worden sein, es hat meines Erachtens keinerlei Einfluss auf die Rezeptionsgeschichte, dazu ist die von Zelenka angeführte Fülle von Aufnahmen viel zu groß und Berman für Schubert viel zu klein.

Wichtig ist für mich mich die Konklusion, dass es keine beste Aufnahme jemals geben wird, sondern nur eine, wie wir Mathematiker sagen, Bestapproximation, die wiederum jeweils in der aktuellen Perspektive geschuldet ist.
So erinnere ich mich an meine erste Begegnung mit diesem Werk in Neumünster mit Steven de Groote zum SH Festival. Beeindruckend.
Ich habe ca. 10 weitere Einspielungen zuhause, doch dieses Erlebnis klingt immer noch nach.
Leider ist De Groote tot und es gibt meines Wissens keine Aufnahme dieses Werkes von ihm.
Und so geschieht es, dass ich, wenn ich ne CD dieses Werkes auflege, immer wieder zu der schlichten Aufnahme von Frau Haskil aus der Great Pianist of the Century Serie greife.
Sie lässt mir meine Träume mit der Musik. Oder die Version von (4-Hands) geändert: 2 Hands natürlich mit Fleisher von 2004.
Gruß S.
Johannes Richter: Neue Ideen setzen sich nur durch, weil die Anhänger der alten aussterben

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »s.bummer« (17. Juni 2009, 07:56)


Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

9

Mittwoch, 17. Juni 2009, 11:02

4. Satz der Sonate : Welche Bedeutung ?

Lieber Christian ,


Danke für Deine Deutung des Schlusses durch Lazar Berman .

Die meisten Interpreten scheinen sowohl mit dem Übergang vomn 2. zum 3. Satz nichts rechtes anzufangen wissen wie auch besonders mit dem Schlussatz .

Ich selbst hate ( 2004 - 2007 ) diesen Schluss so gedeutet , als ob jemand , eie höhere Kraft uns regelrecht hinunterzieht . Festgemacht habe ich dies voer allem an der Interpretation durch Sir Clifforfd ( Cuzon ) in Salzburg ( ORFEO ) .

E gibt vom psychologischen Aspekt her , nicht einem gewollten Psychologisieren ! , eine Parallele in dem Schluss von Chopins b-Moll-Klaviersonate Opus 35 oder auch seinem h - Moll - Scherzo Opus 20 .

Da Lazar Berman ja als Neuhaus - Schüler S. Richter auch persönlich gut kannte , ist es schon erstaunlich wie drei der Neuhaus - Schüler ( der dritte ist Radu Lupu ) dieses Werk so unterschiedlich auffassen .

Dies beweist natürlich auch die grosse Kunst von heinrich Neuhaus , seine Schüler nicht in ein starres Konzept einer bestimmten "Schule" zu pressen .

Neuhaus hat dazu Kluges in seinem Buch , das auf Deutsch vorleigt , geschrieben . Sehr lesenswert .

Beste Grüsse ,

Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

10

Mittwoch, 17. Juni 2009, 11:07

Die DGG / Universal und ihre Politik !

Lieber holger ,

lieber Christian ,


es erscheint mir sehr sinnvoll , in einem g e m e i n s a m e n Breif an die Geschäftsleitungder Universal Group auf diesen doch ärgerlichen und dramtischen Misstand hinzwiesen !

Sonst wir man niemals etwa erreichen ( falls man überhaupt eine Antwort bekomt ) .

Diese Geschäftspoltik ist mit ein Grund dafür , dass soviel Kopien hergestellt werden ! Der fianzielle Verlust der DGG / universal dürfte erheblich sein .

Der "Fall der Klassikindustrie" ( Norman Lebrecht , 2007 ) ist hausgemacht und hat gerade im Klassikbereich auch mit den enttäuschungen der vieljährigen , treuen Käufer der Produkte von grossen Labels zu tun .

Beste Grüsse ,

Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Christian B.

Prägender Forenuser

  • »Christian B.« ist männlich

Beiträge: 772

Registrierungsdatum: 1. Juni 2006

11

Mittwoch, 17. Juni 2009, 12:53

RE: 4. Satz der Sonate : Welche Bedeutung ?

Zitat

Original von Frank Georg Bechyna
Die meisten Interpreten scheinen sowohl mit dem Übergang vomn 2. zum 3. Satz nichts rechtes anzufangen wissen wie auch besonders mit dem Schlussatz .

Ich selbst hate ( 2004 - 2007 ) diesen Schluss so gedeutet , als ob jemand , eie höhere Kraft uns regelrecht hinunterzieht . Festgemacht habe ich dies voer allem an der Interpretation durch Sir Clifforfd ( Cuzon ) in Salzburg ( ORFEO ) .


Hallo Frank,

ja das ist wohl die Krux dieser Sonate: die fröhliche Hemdsärmeligkeit vieler Interpreten im 3. und 4. Satz führt automatisch zu einem Zerfall. Die ersten beiden Sätze und die letzten beiden Sätze passen dann nicht mehr zusammen und wirken unhomogen. Vielleicht muss diese Sonate auch gar nicht homogen sein, vielleicht ist gerade dieses Auseinanderfallen das Signum eines eigentlich romantischen Fragments, das eben gerade noch vollendet wurde. Man kann da auch an Schubert 8. Symphonie denken, von der ja gesagt wird, dass sie eben gar nicht mehr zu vollenden gewesen sei. Insofern wäre dann D. 960 ein Kompromiss, den Schubert noch einmal eingegangen ist, in dem er sich doch noch zu einem Ende durchgerungen hat.

Das ist nur eine These - der ich aber nicht folgen will. Denn es gibt schon ein paar wenige Aufnahmen, denen es gelingt, die Homogonität einer klassischen Sonate auch hier herzustellen. Meines Erachtens sind das aber nicht die Aufnahmen, die die ersten beide Sätze zügig nehmen, so dass der Bruch dann nicht so groß ist, sondern eher Aufnahmen, die die letzten beiden Sätze im Licht der vorhergehenden Ereignisse deuten, Berman gehört da m.E. dazu.

Eine der schönsten Wiedergaben habe ich in einem Konzert von Anne Queffelec erlebt - sie spielte den letzten Satz wie eine sphärische Wanderung und plötzlich passte dann alles zusammen. Leider gibt es von ihr keine Aufnahme der Sonate.

Danke für den Curzon-Hinweis, kenne die Aufnahme noch nicht.

:hello:

Herzliche Grüße,
Christian

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

12

Mittwoch, 17. Juni 2009, 13:53

Schubert-Interpretationen : Weiterführung .

Lieber Thomas :



Es ist sehr interessant , was Du schreibst ..

Die Frage der Aufführungspraxis und der Aufführungsorte von Schubertsonaten hat "Zelenka" ja kurz betont . Franz Schubert selbst hat an einem Abend ja seine letzten drei Klaviersonaten in einem Freundeskreis selbst gespielt . Möglicherweise wurde daraus , fälschlicherweise ! , abgeleitet , dass dies eine Art "Hausmusik" sei . Das sehe ich nicht so .

Du nimmst auf diese Problematik auch direkt Bezug ( Absatz : "Was an der Platte begeistert:....." ) . Die fast intime Deutung in der von Dir beschriebenen Interpretation , die ich leider nicht kenne , aber ich kann mir sehr gut vorstellen , welchen persönlichen Eindruck gewonnen hast .

Bei den ganz unterschiedlichen Interpretationen , die "Zelenka" und ich gehört haben , gibt es alleine technisch bedingt sehr grosse Unterschiede , wie diese Interpretationen klingen .

Glenn Gould hat dies Problem für seine eigene Konzertätigkeit in den USA in der Serie "Denkansösse" ( Reihe im Piper - Verlag ; 1998 ) dargestellt . Eben welch ein immenser Unterschied gerade auch für den Interpreten besteht , ob er etwa in einem Saal für Kammermusik dasselbe Werk spielt wie in einem umgebauten Saal , der früher einmal für Pferdeauktionen gedient hat ( Fassungsvermögen bis zu 20 000 Zuhörer ; das entspricht etwa der KölnArena oder dem New Yorker Madison Square Garden ) .

Ich selbst denke , dass sich im Vergleich zu Franz Schuberts Klaviersonaten manche der Beethoven - Sonaten so leicht durchgesetzt haben , weil sie mit irreführenden "Titeln" dem Publikum so etwas wie ein ( nicht ) zugrunde liegendes Programm geradezu plakativ vorgeben . Besonders in den sog. Namenssonaten . Gerade noch habe ich eine Rezension über die Klaviersonate c - Moll , also der "Pathetique" -Sonate gelesen . Darin wird für eine Interpretation des Werkes eines 29jährigen alles Bedienen der Beethovenklischees überhaupt gefordert , um eine "richtige" (!) Interpretation zu spielen . Ziel einer Werkanalyse muss es auch sein , diese unrichtigen ( Wunsch- ? ) Vorstellungen zu beseitigen .

Leider hat auch Alfred Brendel sich nie die Mühe gemacht , auch die frühen Schubertsonaten aufzunehmen . Das halte ich für mindestens grob fahrlässig .

F a z i t : ich selbst halte die Schubert - Klaviersonaten für absolut geeignet , auch in Deinem Beispiel der "Kölner Philharmonie" gespielt zu werden .

KEMPFF . Er war, was möglicherweise ein wenig hier aus "Zelenkas" Text herauskommt , sein ganz bevorzugter Pianist .

Einzelheite hier darzustellen würde zu weit führen .

Eines scheint mir aus der Fülle der von ihm besprochenen Aufnahmen ersichtlich zu werden . Dass wir doch dann am Ende eine langen Hörerlebens in den interpretationen eines Pianisten auch Teile unsere Persönlichkeit wiederfinden .

( Der beste Text über Wilhelm Kempff stammt übrigens von Alfred Brendel aus einem Booklet zu einer Kemppff - CD mit Werken von Robert Schumann bei 'BBC Legends' . Und Brendel war glühender bewunderer der kunst von Wilhelm Kempff gewesen . )


DEINE ANREGUNG , Zelenkas Aufsatz zu ergänzen finde ich grossartig . Dadurch würde sein ursprünglicher Text nicht verändert , sondern es würden , dann etwa durch Beispiele , die Du hier kenntnisreich beschreibst , Fortsetzungen erfolgen , in denen der jeweilige neue , ergänzende Verfasser klar erkennbar wäre .

CICCOLINi wie der von Dir erwähnte Max Martin STEIN wären sicherlich hervorragende Beispiele verschiedener Interpretationskulturen . Bei Aldo Ciccolini ( Du bist bekanntemassen ein profunder kenner seiner Kunst ) liegt das Problem auch darin , dass leider viele seiner Aufnahmen in Deutschland nicht ( mehr ) zugänglich sind . Ich wäre Dir daher sehr dankbar , wenn Du Dich entschliessen könntest , mehr zu gerade seiner Aufnahme aus 2008 ( montpellier ) etwas zu schreiben . Und Zu M M STEIN bitte auch !

FRIEDRICH WÜHRER war, aus meiner Erinnerung heraus , auch in den grossen Musikbliotheken nur mit alten ( Tonband ? ) Schnipseln zu hören ( etwa in London ) . Zu meiner Gymnasialzeit mit etwa 15 , 16 Jahren war Wührer einer der bedeutenden Beethoven- oder Brahms-Interpreten gewesen . Er scheint dann leider in der Plattenindustrie nicht mehr die nötigen Lobbyisten gehabt zu haben , um zu erreichen , dass seine Kunst weiterhin zu erreichen ist .

Du erwähnst im Zusammenhang mit M M Stein das interessante Phänomen , dass hier jemand sich nichts zu beweisen braucht und auch nicht einem starsüchtigen Publikum . Stein brauchte wahrscheinlich nie eine ganz bestimmte Erwartungshaltung eines bestimmten Publikums zu erfüllen .

Es gibt von Alexis Weissenberg eine Analyse der Pianisten , die direkt auf das Publikum zugehen und eben andeer Interpreten , die das Publikum zu sich förmlich aufs Podium zu ziehen scheinen . Er hatte dies an seinen Kollegen Arthur Rubinstein und Vladimir Horowitz dargestellt .

Kempff , den ich selbst Anfang der 1970er jahre noch in Soloabenden erleben konnte , hinterliess rein pianistisch einen nachhaltigen Eindruck , aber auch eine nie gekünstelte Distanz .

Beste Grüsse ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

13

Mittwoch, 17. Juni 2009, 14:17

RE: Wir wissen, das wir nix wissen. RE

Lieber S. ,


Du reflektierst diesen Text von "Zelenka" berechtigt kritisch hinterfragend mit dann doch einem konstruktiven Ergebnis der
"Bestapproximation" .

Ich bin nun nicht "Zelenka" und daher kann ich auf Deine Einzelpunkte nicht angemessen antworten .

Die Probelem , die er mit einigen Interpretationen wie Interpreten grundsätzlich hatte , hat er in der Endfassung des textes zusammenfassend dargestellt .

Bei S. Richter hat er seine grundsätzlichen Bedenken klar formuliert .
Und es wäre sicherlich einen eigenen Artikel wert gewesen , sich nur mit den verschiedenen vorliegenden AUfnahmen Richters näher zu befassen . Den n , so meine ich , man kann auch i n den Wiedergaen durch S. Richter Unterschiede heraushören . Auch Pianisten haben Tagesstimmungen . Und von Richter wissen wir , dass er manche frühen Interpretatione später zumindest in ihrer Aussagegültigkeit relativiert hat .

Ich denke , das es Zelenkas ergebnisoffenes Ziel und Streben war , sich dieser Sonate am Ende aus ihr selbst heraus zu nähern in seinen Aussagen .

Damit ist schon viel gewonnen .

Manfred Voss hat nie , dies lag ihm auch völlig fern , einen Anspruch auch nur angedeutet , das seine Gewichtungen unveränderbar seien .

Zu seiner von ihm selbst im Sommer 2007 angekündigten Überarbeitung dieses Artikel ist es leider nicht gekommen .

Deine Stellungnahme hier halte ich für sehr nachdenkenswert , weil Du mehrere Kernprobleme ansprichst .

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

14

Mittwoch, 17. Juni 2009, 15:08

RE: 4. Satz der Sonate : Welche Bedeutung ?

Lieber Christian :


an die "Unvollendete" von Franz Schubert habe ich auch zeitweise denken müssen . Aber Schubert hat sich in der Klaviersonate genau so entschieden , das die Sätze 3 und 4 Bestandteil der Komposition sind und auch so gespielt werden müssen .

Ich selbst habe bezüglich der Tempi genau auf das hingewiesen , was Du besonders herausstreichst : Die Wahl der tempi in der grossen Architektur .
Mir sagen daher etwa die Interpretationen durch Rafael Orozco ( Auvidis Valöous ; also seine späte Einspielung ) oder Zhu Xiao-Mei deswegen beonsder szu , weil sie die Sonate als Ganzes verstandne haben ; bei ihnen gibt es kein Abbrechen nach dem zwieten Satz .

Bei der wundervoll spielenden Anna Malikova ( sie habe ich wahrschienlich am häufigsten neben Clifford Curzon gehört ) ist ebenfalls eine grosse innere Dichte und Darstellung des Sonatenzusmamenhanges hörbar , auch wenn sie die Wiederholungen , wie Curzon , nicht spielt .

Als RADU LUPU seinen Londoner Schubert - Zyklus Anfang der 1970er Jahre gespielt hat , gab es sicherlich auch einen Mitschnitt der letzten Schubert - Klaviersonate . Er ist aber leider nicht mehr erhältlich .

Die späte Aufnahme durch Lpu ist eine der pinaistisch feinsinnigsten Interpreattionen , die ich kenne . Man mag anmerken , dass sie nicht die "Tiefgründigkeit" , die inner Trauer , die eine Clara Haskil so erschütternd darzustellen vermochte , hörbar macht . Aber auch bei Clara Haskils Interpretationen der Sonbate stürzen sich alle mir bekannten Rezensenten auf die Sätze ein und zwei . Schubert hat danach nichts "hinzugefügt" , um einem Sonatenanspruch zu genügen , sondern diese Sätze sin d für mich Teil eines in sich geschlossenen Ganzen .

Daher möglicherweise auf Deine Bewunderung der Interpretation ,die leider nicht zu kaufen zu sein scheint .

Bedauert und nachgefragt wurde immer , warum Emil GILELS nicht mehr Schubert gespielt hatte ( dies zumal nach seiner Salzburger Interpretation von D 784 ; ORFEO ; lLivemitschnitt ) ? Niemand weiss dies . Vielleicht hat er sehr viel mehr Schubert gspielt als uns bekannt geworden ist . Auch Emil Gilels stand ja zeitlebens unter strenger Kontrolle des Regimes der UdSSR .

Herzliche Grüsse ,

Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

15

Mittwoch, 17. Juni 2009, 20:33

Einzelne Aufnahmen und andere Schubertinterpreten

Lieber Holger ,


jeder hat seine wie auch immer begründete bevorzugten Interpreten .

SVJATOSLAV RICHTERs Schubert ist eine vieljäjrige Auseinandersetzunmg mit den wichtigsten Sonaten Schuberts .
Aufgrund meiner Hörerfahrungen auch anderer Komposition hat Richter doch einen ganz eigenen Zugang zu Schubert ; und er schreibt oder sprach nicht nur darüber ( etwa wie Gottlieb Wallisch , NAXOS ) , sondern er setzt dies auch in seinen Interpretationen um .


MAURIZIO POLLINIs Interpretationen halte ich für technisch - manuell perfekt . Es fehlt ihnen dann für mich doch das unter der Oberflächliche Hineinblicken in die Tifen der Seele Franz Schuberts .
Mir sind diese Interpretationen, ähnlich wie seine Aufnahmen der späten Klaviersonmaten Beethovens , wahrscheinlich auch zu früh in seiner langen Karriere gekommen .


CLARA HASKIL hat wahrscheinlich drei Aufnahmen hinterlassen , wobei die beiden von "Zelenka" genannten sich sehr ähnlich sind .
Matthias Kornemann ( RONDO , Heft 03 / 199 ) spricht hier von einem "zarten heroismus" in dieser Interpetation . Hier ist mit grosser Konseqeunez das tradierte liebliche Schubertbild beiseite gespielt worden . Clara Haskil vermag es auch , nach meiner Sicht auf diese Sonate , die beiden letzten Sätze lückenlos an die gewichtigen ersten beiden anzufügen . Hier wird die grosse Gesamtarchitektur hörbar . Bei Haskil läme wohl niemand auf den Gedanken , die Sonate könnte schon nach dem zweiten Satz aufhören . Das straffe Spiel von Clara Haskil finde ich interpretatorisch überzeugender als das von Artur Schnabel oder Edurd Erdmann .


VLADIMIR HOROWITZ' Interpretation ist für mich wie aus dem Chemielabor zusammengesetzt : auf einer aussichtlosen Suche nach der richtigen "Interpretationsformel" .


HÖCHST INTERESSANT ist für mich die Frage geblieben , die E. Büning in der "FAZ" ( 2008 ) aufgegriffen , aber leider nicht zu Ende gedacht hat : Wie spielen Pianisten Schubert , die vielleicht nur eine Sonate ( offiziell ) aufgenommen haben ? Ich denke hier besonders an Arturo Bendetti MICHELANGELI ( Zusammenstellung von D 537 mit den Brahms - Balladen ; DGG /Ubiversal ) .

Dies möchte ich unbedingt hier zur Diskussion stellen .

Über Antworten würed e ich mich freuen .


Beste Grüsse ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

Beiträge: 5 360

Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

16

Donnerstag, 18. Juni 2009, 10:13

RE: Einzelne Aufnahmen und andere Schubertinterpreten

Lieber Frank,

nach den sehr gelungenen Einspielungen sämtlicher Beethoven-Sonaten bei Hänssler soll Gerhard Oppitz im Reitstadel in Neumarkt das gesamte Klavierwerk von Franz Schubert aufnehmen. Weißt Du oder einer der anderen Tamino-Klavierexperten etwas über den Stand dieses Projekts?
Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 085

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

17

Donnerstag, 18. Juni 2009, 19:16

RE: Einzelne Aufnahmen und andere Schubertinterpreten

Zitat

Original von Frank Georg Bechyna
Lieber Holger ,


jeder hat seine wie auch immer begründete bevorzugten Interpreten .

SVJATOSLAV RICHTERs Schubert ist eine vieljäjrige Auseinandersetzunmg mit den wichtigsten Sonaten Schuberts

MAURIZIO POLLINIs Interpretationen halte ich für technisch - manuell perfekt . Es fehlt ihnen dann für mich doch das unter der Oberflächliche Hineinblicken in die Tifen der Seele Franz Schuberts .
Mir sind diese Interpretationen, ähnlich wie seine Aufnahmen der späten Klaviersonmaten Beethovens , wahrscheinlich auch zu früh in seiner langen Karriere gekommen .


CLARA HASKIL hat wahrscheinlich drei Aufnahmen hinterlassen , wobei die beiden von "Zelenka" genannten sich sehr ähnlich sind .
Matthias Kornemann ( RONDO , Heft 03 / 199 ) spricht hier von einem "zarten heroismus" in dieser Interpetation . VLADIMIR HOROWITZ' Interpretation ist für mich wie aus dem Chemielabor zusammengesetzt : auf einer aussichtlosen Suche nach der richtigen "Interpretationsformel" .

HÖCHST INTERESSANT ist für mich die Frage geblieben , die E. Büning in der "FAZ" ( 2008 ) aufgegriffen , aber leider nicht zu Ende gedacht hat : Wie spielen Pianisten Schubert , die vielleicht nur eine Sonate ( offiziell ) aufgenommen haben ? Ich denke hier besonders an Arturo Bendetti MICHELANGELI ( Zusammenstellung von D 537 mit den Brahms - Balladen ; DGG /Ubiversal ) .


Hallo Frank,

das mit Horowitz und dem Chemielabor ist wirklich gut! Mein ehemaliger Klavierlehrer und Freund F.-J. würde sagen: da geht einer mit der Wünschelrute durch die Partitur. Trotzdem bereitet Horowitz unnachahmlich facettenreiches Spiel besonders in der späten Aufnahme dann doch ein wirkliches Hörvergnügen - trotz des fehlenden Sinnes für großformale Architekturen!

Pollinis Sternstunde ist für mich seine frühe Aufnahme der großen a-moll Sonate und der Wanderer-Fantasie. Eine ideale und zeitlos gültige Aufnahme, die Joachim Kaiser finde ich zu Recht sehr bewundert. Für mich absolut unerreicht! Die spätere Aufnahme der Sonaten D 958-960 kommt da vielleicht nicht ganz heran. Ich habe die D 960 schon lange nicht mehr gehört, aber in Erinnerung, daß er den 1. Satz sehr melodisch-organisch spielt. Dadurch bekommt der 2. Gewicht, wird vom 1. eben nicht erdrückt, indem er ihn sehr expressiv gestaltet - deutlich expressiver jedenfalls als Kempff.

Es stimmt natürlich, daß der Kopfsatz bei Richter überdominant wird. Aber das kann man vertreten, denn die letzten Sätze sind wohl als Aufhellungen der beiden ersten gedacht, das Finale steht in der klassischen Tradition eines "lieto fine", eines erleichternden Kehraus-Finales, bei dem allerdings Heiterkeit nicht so recht aufkommen will, eher ein überdrüssiges "Ich muß immer so in der Welt weiter laufen".

Klar, daß die Haskil nicht plakativ aufträgt, aber ihre Hintersinnigkeit wirkt um so eindringlicher!

Bei Brendels Schubert - besonders der den frühen Aufnahmen - fällt auf, daß er betont gegen das Klischee des holden Liedsängers Schubert angeht, oft sehr forsch zupackend gestaltet. Diesbezüglich muß ich mir seine B-Dur-Sonate noch einmal anhören - es könnte also Methode dahinter stecken! Manchmal fehlt ihm so etwas wie einfaches, natürlich-fließendes Melos. Sehr merkwürdig - auch der langsame Satz der "Pathetique" ist ja sehr spröde und wenig gesanglich!

ABMs unglaublich tiefsinnige Aufnahme der D 537 finde ich singulär, gerade weil er keinen vermeintlich einheitlichen "Schubert-Stil" kultiviert. Das ist eine frühe Sonate, und nur bei ABM merkt man, wie schwer es Schubert hatte, einen eigenen Stil erst einmal zu finden, sich vom großen übermächtigen Vorbild - Übervater Beethoven - endgültig zu lösen. Die meisten Interpreten nivellieren die von Schubert in dieser Soante auch so notierten sehr unromantisch >klassischen< Kontraste, nur ABM meißelt sie mit aller Schärfe heraus! Und seine Anschlagsakribie im langamen Satz ist dermaßen ausgekocht, daß selbst ein Alfred Brendel dagegen grobschlächtig wirkt.

Beste Grüße
Holger

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

18

Freitag, 19. Juni 2009, 00:15

Oppitz und Schubert

Lieber Operus ,


die Leute bei Hänssler ins eigentlich immer sehr kooperativ .

Wenn es tatsächlich ein solches fast gigantisches Projekt geben sollte , dann müsste man dies bei HÄNNSSLER direkt erfragen .

Von Gerhard Oppitz wäre dies das dritte immense projet .

Es ist sehr schade , dass Gerhard Oppitz , ein stilller Könner , so vernachlässigt wird .


Herzlichst ,

Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

kopiroska

Fortgeschrittener

  • »kopiroska« ist weiblich

Beiträge: 243

Registrierungsdatum: 7. Mai 2009

19

Freitag, 19. Juni 2009, 00:36

Der Reichtum an Informationen ist überwältigend! Einerseits wirkt das deprimierend - wann wird man das alles nachholen können... Andererseits ist das auch ermunternd: es gibt noch so viel schönes, was man vielleicht einmal erleben wird...
__________________________

Ich hätte nur zwei Fragen. Vielleicht hat jemand etwas da hinzuzufügen.

Mir gefällt die Sonate in der Interpretation von Andras Schiff auch sehr gut. Wird das auch von anderen (wie von "Zelenka") für etwas langweilig gehalten? (Zwar ist von den leider nur drei Varianten, die ich (stolz!) besitze, mein "Liebling" auch nicht die Aufnahme mit Schiff, sondern die mit Radu Lupu. Er spielt für mich "geheimnisvoller" - schlimm, dass man als Laie immer nur nach Metaphern greifen muss/kann... )

Die zweite Frage bezieht sich auf das "Wienerische" bei Schubert. Der Hinweis darauf, dass es hier um die Wiener Klassik (und nicht etwa um das "Gemütliche" usw. ...) gehen könnte, war für mich wichtig. Denn "Wienerisch" im Sinne, wie es mir von meinem ungarischen Geschichtsbewusstsein eingegeben wird (vielleicht ganz falsch...!) hat für mich nichts mit Schubert zu tun.

An Frank:
Vielen Dank für den Hinweis auf Anna Malikova - inzwischen ist es mir gelungen, eine CD mit ihr zu hören, hat mir sehr gut gefallen, eine Entdeckung, dank TAMINO und Frank. :jubel:

Gruss
Piroska

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

20

Freitag, 19. Juni 2009, 14:11

Schubert : Das "Wienerische" & A. Schiff

Liebe Piroska :


Danke für Deine Hinweise wie Deine fragende Anmerkung /( "wienerisch" ) .

Dazu folgendes :


(1) . Unter der Bezeichnung , Schubert sei der "wienerischste" aller Komponisten gewesen hat Frau M. Uchida Schubert etwa im Vergleich zu Haydn , Beethoven , Mozart usw. gemeint . Dieser Formulierung hat nichts mit "gemütlich" in dem Dir bekannten Sinn zu tun .


(2). Andras Schiff .

Als "Zelenka" seinen Artikel schrieb , gab es meines Wissens keine einzige Aufnahme hier auf dem Markt .

Und auch keine etwa in der "Bristish Library" ( Abteilung Musik , London ) war kein Tondokument von Schiff erreichbar .

es wäre sehr schön und auch hilfreich , wen Du uns mitteilen könntest , wo mindestens eine der Aufnahmen von A. Schiff erschienen ist ( Bestell-Nummer ; Plattenfirma ) .

Dafür im voraus ganz herzlichen Dank !

Beste Grüsse Dir ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

21

Freitag, 19. Juni 2009, 14:22

Richters D 960

Lieber Holger :


Deine Ausführungen über Richters Interpretation(en) teile ich .

Und persönlich kann ich mit gutem Gewissen sagen : Gäb es keine andere Aufnahme , so könnte ich mit den Richter - Interpretationen alleine besser leben als mit fast allen anderen Einspilungen zusammen .

( Herausnehmen würde ich Lupu , London ca. 1971 ud 1991 , Richard Goode , CD und 2009 in der londoner "Wigmore Hall" , Zhu Xiao - Mei , Rafael Orozco - beide Einspielungen - Anna Malikova - auch wenn sie die Wiederholungen leider nicht spielkt - und aus grundsätzlichen Überlegungen Clifford Curzon - vor allem die Salzburger Aufnahme - und die durch Clara Haskil .


Michelanglis Spiel ist einfach etmebraubend beeindruckend !


Beste Grüsse ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Theophilus

Administrator

  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 824

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

22

Freitag, 19. Juni 2009, 15:33

RE: Schubert : Das "Wienerische" & A. Schiff

Zitat

...
(2). Andras Schiff .

Als "Zelenka" seinen Artikel schrieb , gab es meines Wissens keine einzige Aufnahme hier auf dem Markt .

Und auch keine etwa in der "Bristish Library" ( Abteilung Musik , London ) war kein Tondokument von Schiff erreichbar .
....


Andras Schiff hat D.958-D.960 Anfang der 90er eingespielt.




:hello:

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

23

Freitag, 19. Juni 2009, 16:01

Andras Schiff D 960 bei DECCA

Lieber Theophilus :



herzlichen Dank für diesen Hinweis .

Dem Aufdruck auf der CD entnahme ich , dass diese beiden CDs wohl für den anglo - amerikanischen Markt herausgegeben hat .

Kennst Du diese Interpretationen ?

Beste Grüsse ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Theophilus

Administrator

  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 824

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

24

Freitag, 19. Juni 2009, 16:17

RE: Andras Schiff D 960 bei DECCA

Zitat

Original von Frank Georg Bechyna
..
Dem Aufdruck auf der CD entnahme ich , dass diese beiden CDs wohl für den anglo - amerikanischen Markt herausgegeben hat .

Kennst Du diese Interpretationen ?
...


Schiffs Schubert-Aufnahmen waren sehr wohl bei uns erhältlich. Hat er doch alle Sonaten auf 7 CDs eingespielt. D.960 kenne ich von ihm nicht, andere Schubert-Aufnahmen waren nicht so mein Ding. Allerdings hat er mit seiner Frau eine wirklich sehr schöne Phantasie D.954 aufgenommen. Diese Platte ist höchst empfehlenswert.


Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

kopiroska

Fortgeschrittener

  • »kopiroska« ist weiblich

Beiträge: 243

Registrierungsdatum: 7. Mai 2009

25

Freitag, 19. Juni 2009, 22:33

RE: Schubert : Das "Wienerische" & A. Schiff

Lieber Frank,

es geht um die CD-, die hier von Theophilus auch schon abgebildet wurde. Die Angaben sind die folgenden:

Schubert: Piano Sonatas D9.58, D.960, D.959, Impromptus D.899

Label Decca
All Time Sales Rank 64991
CD Universe Part number 6649296
Catalog number 475184
Discs 1
Release Date Sep 02, 2008
Mono/Stereo Stereo

im Youtube gibt es eine Aufnahme der Sonate mit Maria Yudina - tatsächlich sehr kurios! (Natürlich wirken auch die Aufnahmequalität plus die YouTube-Geräusche auch recht verfremdend). Aber wenn jemand neugierig ist, ist das wohl auch eine Möglichkeit...

Grüsse :hello:
Piroska

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

26

Samstag, 20. Juni 2009, 16:12

D 960 mit A Schiff und M Yudina

Liebe piroska ,

lieber Theophilus !


Zu Euren freundlichen Hinweisen folgendes :

(1) Andras Schiff :

Ich habe keine Stelle gefunden , in der "Zelenka" oder ich über eine oder gar die GA durch Andra Schiff miteinander korrespondiert haben.

Der Preis für die GA ( Heute ; etwa bei amazon.de ) ist ..... ) .

Es gab auch in den Fachzeitschriftemn, die "Zelenka" zitiert hat und soweit ich diese auch kenne , keinen einzigen Hinweis auf Schiffs Schubert .

Die letzte drei Klaviersonaten werde ich mir dennoch besorgen .



(2) Marua Yudina .

Über sie ist hier im TAMINO-KLAAIKFORUM.at schon mehrfach gerschrieben worden .

Ihre Interpretationen sehr unterschiedlicher Werke sind selten sofort "eingängig" .

Dadurch unterscheidet sie sich von ihren grossen russischen Kolleginnen Maria Grinberg , Nadia Reisenberg oder Nina Milkina .

Und bis zum Erscheinen der beiden CDs in der Edition "Great Pianist of the Century" dürfte kaum jemand Aufnahmen von ihr präsent gehabt haben . Für diese Edition war sie eine wirkliche Bereicherung als "Great Pianist " . Meiner Meinung nach über das 20. Jahrhundert hinaus .

Übrigens wie die erwähnten N. Reisenberg , N. Milkina oder M. Grinberg .

Es lohnt sich schon , abseits vom Jubel in den Zeitschriften der grossen Labels nachzusehen und vor allem nachzuhören .

Ich könnte mir vorstellen , dass , liebe Piroska , dass es in Ungarn unter Umständen noch mehr Aufnahmen gerade von Milkina oder Reisenberg gibt .

Beste Grüsse ,


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

kopiroska

Fortgeschrittener

  • »kopiroska« ist weiblich

Beiträge: 243

Registrierungsdatum: 7. Mai 2009

27

Sonntag, 21. Juni 2009, 10:45

RE: D 960 mit A Schiff und M Yudina

Schiff und die großen Pianistinnen Yudina, Reisenberg, Milkina, Grinberg

Lieber Frank,
Schiff spielt soweit ich es beurteilen kann wirklich etwas zurückhaltend-träumerisch, jedoch nicht ohne Spannung. Deswegen meine Fragerei, in bezug auf den folgenden Satz von "Zelenka" (Zitat aus dem Artikel unter der Kopfzeile "Die 90er):

"Schiff (1993 ) zeichnet auf seinem Bösendorfer leider zu weich und ist einfach zu zurückhaltend, um nicht zu sagen, langweilig."

Seine Schubert-Aufnahmen sind auf jeden Fall zu empfehlen.

Die großen Pianistinnen muss ich mir noch entdecken. Leider kann man die Produkte der sowjetischen Plattenfirme "Melodia" nicht mehr so ohne Weiteres wiederfinden... Auch war jene Produktion etwas "zufällig" zusammengestellt... Über Yudina gibt es auch einen interessanten Konversationsfaden, den habe ich gerade entdeckt.

:hello:

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

28

Sonntag, 21. Juni 2009, 12:44

Schubert und seine InterpretINNEN

Liebe Piroska ,



einen sehr interessanten Aspekt lese ich in Deinem letzten Beitrag hier :

Spielen Interpretinnen Franz Schubert , allgemein und die letzten drei Klaviersonaten im Besonderen , anders als ihre männlichen Kollegen ?

"Zelenka" hat ja wohl alle damals ihm zur Verfügung stehenden Aufnahmen hier aufgelistet .

Nach meiner hier im Forum auch früher mitgeteilten Meinung sind auf jeden folgende Pianistinnen aus den doch vielen Interpreten ( allgemein ) herausragend :

> Anna Malikova

> Zhu Xiao - Mei u n d

> Clara Haskil .


Alle drei Aufnahmen möchte ich selbst n i c h t missen !

Dir beste Grüsse und einen schönen Sonntag


Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

Prägender Forenuser

  • »Frank Georg Bechyna« ist männlich
  • »Frank Georg Bechyna« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 161

Registrierungsdatum: 18. April 2005

29

Montag, 22. Juni 2009, 23:01

S. Richter & sein Schubertbild

Liebe Schubert - wie Richter - Bewunderer !


Zelenka jhat darauf hingewiesen , dass S Richter bei der interpretation von D 960 seine eigenen Weg geganbgen ist , der deutlich von allen übrigen ihm ( und mir ) bekannten Interpretationen abweicht .

Im Mittelpunkt der Analyse steht das ( extrem ) breite Tempo des ersten Satzes bzw. die Verscheibung dadurch der Architektur der ganzen Klaviersonate .


In der Klaviersonate a - Moll D 958 scheint mir dies im direkten Vergleich etwa zu den herausragenden Interpretationen durch Radu Lupu , John Ogdon oder Richard Goode genauso zu sein . Erwähnt werden müssen Artur Schnabel wie auch Eduard Erdmann.


Wer den - nach aussen hin - so melodischen Zugang durch Anna Malikova ( dieselbe CD wie die ihrer vorzügliche Deutung von D 960 )
als Masstab nimmt , der findet etwa bei Richters Konzertmitschnitt vom 01. Februar 1979 in Tokyo ( Label : Olympia ) dieselbe durchgängige Schwermütigkeit ( etwa gegenüber Solomon - "Testament" - oder der Deutung durch Radu Lupu - "DECCA" oder im Konzert - .

Bei Richter bleibt , wie mindestens in dem ersten Satz von D 960 , diese Seite der Persönlichkeit von Franz Schubert als Lebenskonstante erhalten .

Richter hatte also nicht nur einen singulären Blick auf Schuberts letzte Klaviersonate , sondern auch , und vor allem auf alle anderen von ihm uns bekannten eingespielten Klaviersonaten einen ganz persönlichen Blick . Es mag vielleicht zu spekultaiv klingen , aber ich persönlich bin zutiefst überzeugt , dass Richter in Schuberts einzigartigen Kompositionen eine Teil seiner eigenen Persönlichkeit für sich entdeckt hat und uns diesen inneren Blick durch seine Interpretationen hat mitteilen wollen .

Beste Grüsse ,



Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 19 088

Registrierungsdatum: 9. August 2004

30

Dienstag, 23. Juni 2009, 06:13

Zitat

"Schiff (1993 ) zeichnet auf seinem Bösendorfer leider zu weich und ist einfach zu zurückhaltend, um nicht zu sagen, langweilig."


In der Tat ist das oft auch mein Eindruck bei Aufnahmen von Schiff.
Jedoch bin ich der festen Überzeugung, daß dies auch der Aufnahmetechnik anzulasten ist.
Flügel klingen auf Konserve oft weicher als im Original, was den Gesamteindruck doch sehr verändert.
Manches, das in der Natur besonders zart und nuanciert ist, wird durch die Aufnahmetechnik - trotz aller angeblichen Naturnähe - dennoch verfremdet.
Eigenartigerweise gibt es nur wenige Aufnahmen wo das Wunderbare eines Bösendorfer zum Tragen kommt, beispielsweise fast bei allen Aufnahmen mit Paul Badura Skoda.

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Zurzeit ist neben Ihnen 1 Benutzer in diesem Thema unterwegs:

1 Besucher