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Melisma

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Registrierungsdatum: 4. Mai 2009

1

Donnerstag, 24. September 2009, 17:02

Das Volkslied im Klassenzimmer

Liebe Foristen und Leser,

angesichts des Themas von nebenan :

"Harte Diskussionen oder Konsens im Klassikforum"

möchte ich es wagen, ein Thema zur Diskussion zu stellen, das auch an den Bereich der Politik grenzt und in den Kultusministerien der deutschsprachigen Länder zur Diskussion gestellt werden sollte, nämlich:

Sollten die Verantwortlichen für den Schullehrplan wieder dafür sorge tragen, das gute und schöne deutsche Volkslied in den Lehrplan des Musikunterrichts der Elementar- und weiter führenden Schulen wieder aufzunehmen? -
Ich meine nämlich, dass durch die langjährige Vernachlässigung der Pflege des deutschen Volksliedes zu Gunsten der amerikanischen "Importware" der Bekanntheitsgrad der Volkslieder schlichweg verloren gegangen ist. - So ist zumindest meine Erfahrung! - Wie seht ihr die Dinge?

Auf rege und faire Diskussion freut sich

Melisma :hello:
"Wer immer die Wahrheit sagt, kann sich auch ein schlechtes Gedächtnis leisten."

(Zitat)

der Lullist

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2

Donnerstag, 24. September 2009, 17:22

ich denke das Unterfangen ist sinnlos - ich hätte den Musikunterricht - wenn er bei mir sowieso nicht ständig ausgefallen wäre - dann mit Sicherheit geschwänzt. :untertauch:

Ich denke die Zeiten sind lange vorbei wo man sowas noch im Unterricht unterbringen konnte.

Es ist an der Zeit gerade im Schulsystem nicht nach hinten zu sehen, sondern nach vorne und Volksliedern haftet nunmal eine gewisse Vergangenheit an (auch wenn sie damit vielleicht gar nichts zu tun haben)

Aber gerade das macht es fast unmöglich und ich persönlich möchte so etwas im Schulunterricht nicht haben - zum welchem Zweck auch ?


Kulturelle Wurzeln habe ich in anderem Repertoire für mich gefunden.

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3

Donnerstag, 24. September 2009, 18:06

Ich kann mich ehrlich gesagt nur noch fragmentarisch erinnern, was wir so gesungen haben (und wir mußten in meiner Schulzeit 1978-91 ziemlich viel singen...). Amerikanische Importe waren aber ziemlich selten dabei, vielleicht mal "What shall we do with the drunken sailor". In der Grundschule eben Kinderlieder, später manches, was man wohl im weiteren Sinne als Volkslied sehen mag ("Bunt sind schon die Wälder"). In der Oberstufe haben wir mal "Üb immer Treu und Redlichkeit" (Melodie: Ein Mädchen oder Weibchen) und einen Choral aus dem WO ("Seid froh dieweil") gesungen und vorher in der 8. Klasse oder so mal für ein Adventskonzert "Wachet auf, ruft uns die Stimme" (in einem einfachen Choralsatz?) und spanische/katalanische Weinnachtslieder, bei denen der Lehrer jede Woche neue Ausprachevarianten beibrachte, weil er immer wieder andere "Experten" gefragt hatte.

Wir mußten (absolut grauenvollerweise) auch in mehreren Klassen einzeln vorsingen, was benotet wurde! Allerdings waren es einfache Lieder, die wir vorher gesungen hatten, keine zweiten Stimmen oder so und wer einigermaßen die Töne getroffen hat, bekam eine zwei minus. Aber es bekamen, glaube ich, auch Leute, die nicht singen konnten, schlechte Noten, wenn auch wohl meistens ausreichend. Derart sadistische Praktiken sind wohl inzwischen abgeschafft...

Eine Aufgabe des Musikunterrichts bestünde wohl darin, junge Leute zum Singen zu motivieren. Angesichts der "Superstarshows" wäre das vielleicht gar nicht so schwierig, aber natürlich sollte man sich nicht nur an den dort vertretenen Stilen orientieren.

Irgendwann habe ich vielleicht wieder den Nerv die anderswo aufgekommene Kulturdiskussion adversus technocraticos weiterzuführen. Aber das "deutsche Volkslied" hat bei mir unter den Kulturschätzen, mit denen man in der Schule bekanntgemacht werden sollte, keinen besonders hohen Stellenwert.

:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
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(Bob Dylan)

musica

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4

Donnerstag, 24. September 2009, 19:29

Das ist ein Thema was auch mich immer wieder beschäftigt hat. Durch meine Enkelin, die in der ersten Klasse auf einem Gymnasium ist, gibt es einen Chor für Anfänger, Fortgeschrittene usw. Sie singen wunderschöne Literatur und haben nächste Woche ein Casting für ein Musical "vom Geist der Weihnacht" was will man mehr.

Auch ich habe während meiner Schulzeit das "Einzelvorsingen" machen müssen, mit Herzklopfen, obwohl ich schon damals immer ein Sehr gut auf dem Zeugnis hatte. Wir hatten auch während des Musikunterrichts chorisches Singen und bald wurde mir der Kinderchor ans Herz gelegt und folglich kam die Musikschule dazu. Dort wurde mit Blockflöte und Orff'schen Instrumenten begonnen und irgendwann kam die Geige hinzu.

Wie es in den heutigen Schulen sonst so steht mit Musikunterricht, weiß ich nicht.

Wichtig ist, wie ist das Elternhaus, wird dort noch gesungen oder gespielt? Die Eltern sind in erster Linie Ansprechpartner für die Kinder, dabei geht es aber nicht um die sog. Eislaufmamis, die ihren Kinder ein Klavierunterricht bezahlen, weil es zum guten Ton gehört.
musica

Wer selbst keinen inneren Frieden kennt, wird ihn auch in der Begegnung mit anderen Menschen nicht finden.
Dalai Lama


Jolanthe

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Registrierungsdatum: 31. Januar 2009

5

Donnerstag, 24. September 2009, 19:48

Der Bekanntheitsgrad des typisch deutschen Volksliedes ist bei der heutigen Schülergeneration tatsächlich sehr gering.

Ehrlich gesagt möchte ich mich da auch wirklich dagegen aussprechen, dass das Singen alter Volkslieder in den Lehrplan aufgenommen werden soll. Man kann die Kinder wirklich nicht mehr dafür begeistern, selbst die Eltern der Schüler kennen diese Lieder kaum noch.

Zum Glück kann ich selbst bestimmen, welche Lieder ich mit meinen Schülern singe. Das schließt nicht aus, dass auch mal ein altes Volkslied dabei ist.
Würde ich hauptsächlich solche Lieder singen lassen, würde ich doch auf erhebliche Proteste stoßen. Selbst „Yellow Submarine“ von den Beatles gilt schon als altmodisch.
Ich singe eigentlich querbeet alles mit meinen Schülern und sie dürfen da auch schon mal mitbestimmen.
Musikunterricht findet bei uns in Klasse 5-7 statt. Es gibt viele 7. Klassen, die nicht mehr singen wollen.

Außerdem wird heute generell im Musikunterricht weit weniger gesungen als früher.

Das Einzelvorsingen kenne ich aus meiner eigenen Schulzeit auch noch. Ich fand das damals so schrecklich, dass ich das meinen Schülern nie zumuten würde.
Allerdings gibt es immer wieder Kinder, die zu zweit etwas vortragen möchten und das lasse ich dann auch gern zu.

LG
:hello:
Jolanthe

der Lullist

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6

Donnerstag, 24. September 2009, 20:27

ich denke das gemeine Volkslied ist auch nicht wirklich erhaltenswert.

bestimmte Melodien überdauern sowieso die Jahrhunderte - aber vieles verschwindet (zu recht) auf nimmer wiedersehen. Na und - das passiert seit hunderten von Jahren und niemanden schert es wirklich.
Wer kennt denn schon die ganzen Volkslieder aus dem 16. 17. oder 18. Jahrhundert - fast alle weg, nur ein paar überlebten - mit anderen Texten.

Und das gehört wohl auch einfach zu dieser Musik.



Das Singen in der Schule war zu meiner Zeit (vor ca. 15 Jahren) schon völlig out, und als unser seltsamer Rektor (Seitenscheitel wie mit der Axt gezogen) mit unserer Klasse das Deutschlandlied (1.Strophe) anstimmen wollte, war es ganz aus.
Es war schon kaum möglich bei den Schülern Interesse für klassische Musik zu wecken - wenn ich nicht diese Musik schon vorher gehört und geliebt hätte - dann hätte ich sie wahrscheinlich spätestens ab da gehasst.

Aber das ist wieder ein anderes Thema, aber so wie ich Schule vor 15 Jahren erlebt habe, ist das eine Institution der ich absolut gar nichts zutraue und keinerlei Achtung entgegen bringe (seitdem ich mitbekomme wie Lehrer ausgebildet werden und aus welchen Gründen viele diesen Beruf ergreifen ist der Rest an Respekt vollkommen weg :kotz: )

diotima

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7

Donnerstag, 24. September 2009, 21:38

» Das Volkslied im Klassenzimmer »

Meine Generation ist in den ""Fünfzigern" zur Schule gegangen und da wurde das Volkslied noch intensiv gepflegt. Da ich meine Schuljahre zwangsläufig in einer Dorfschule absolvieren musste, war mir die Musikstunde immer sehr willkommen. Und gesungen habe ich stets mit großer Begeisterung.
Es mag gewiss Volksieder geben auf die man leicht verzichten kann, aber es gibt auch eine Reihe von Liedern um die es schade wäre, wenn sie ganz in Vergessenheit gerieten. Sie sind doch schließlich auch ein Stück Kulturgut.

Mit lieben Grüßen,
Diotima
Ich glaube an die Magie der Liebe (H. Hesse)

Melisma

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8

Donnerstag, 24. September 2009, 22:09

Vielen Dank für die interessanten Beiträge! - Zwar treffen sie nicht ganz das Thema, aber das macht nichts! -

An einer Stelle möchte ich Lullist widersprechen, wenn du sagst, dass das Volkslied nicht mehr zeitgemäß ist. - Ich denke, es ist zeitlos und kann jederzeit gesungen werden! - Naturbeschreibungen, Abendstimmungen, Liebeslieder...Diese Texte werden in 500 Jahren noch aktuell sein, denke ich.

Wenn ich in das Schulliederbuich "Canto" schaue, das ich vor mir liegen habe, dann sehe ich Texte wie "Jeden Morgen geht die Sonne auf" oder "Es tagt der Sonne Morgenstrahl". Darüber stehen die Namen der Komponisten und Texter. - Sind es dann noch immer Volkslieder im engen Sinne? - Wikipedia schreibt folgendes:

http://de.wikipedia.org/wiki/Volkslied

Ich meinte jedenfalls diese Lieder beim Start des Themas.

Ich denke, das Repertoire solcher Lieder gehört zur allgeneinen Bildung, so wie das Gedicht von Goethe und Schiller.

Die Musiklehrer sollten mit vereinten Kräften unseren Schülern klar machen, dass das Singen nichts anderes als melodisches Sprechen ist.
Das Sprechen empfinden wir als natürlich und selbstverständlich. - Warum nicht auch das Singen?

http://www.youtube.com/watch?v=pAD0MvGOiMM

Hier ein YouTube, das die ARD einmal ausstrahlte. - Rechtlich ist also nichts zu befürchten, denke ich.

Mein Traum wäre es, wenn Kinder das Singen so normal empfinden würden, wie dieser Knabe!

Der Traum wird wohl nicht so schnell in Erfüllung gehen!

Melisma :hello:
"Wer immer die Wahrheit sagt, kann sich auch ein schlechtes Gedächtnis leisten."

(Zitat)

Alfred_Schmidt

Administrator

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Registrierungsdatum: 9. August 2004

9

Donnerstag, 24. September 2009, 22:36

Zitat

Es ist an der Zeit gerade im Schulsystem nicht nach hinten zu sehen, sondern nach vorne und Volksliedern haftet nunmal eine gewisse Vergangenheit an (auch wenn sie damit vielleicht gar nichts zu tun haben)


ich glaube nicht, daß das die Mehrheit der Bevölkeriung so sieht.
Zumindest in Österreich nicht.
Wir stehen vor eine Wende - der Amerikanismus ist passé - man besinnt sich wieder der eigenen Wurzeln - egal ob das wem passt oder nicht.
In Österreich hasst man mehrheitlich die internationalen Konzerne und die EU - wenngleich das gerne unterdrückt wird.l

Dennoch haftet dem Volkslied ein gewisser Ruf an Betulichkeit an - und es ist daher kaum mehr zeitgemäß - ebensowenig wie die Schutzengelbilder in Schlafzimmern.
Ich würde das Unterrichten von heimischen Volksliedern zwar nicht unterbinden - ein echtes Bedürfnis ist mir die Sache jedoch nicht.
Der Widerstand wird vermutlich von den Schülern kommen.

mfg aus Wien

Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

Thomas Pape

Moderator

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10

Donnerstag, 24. September 2009, 23:12

Zitat

ich denke das gemeine Volkslied ist auch nicht wirklich erhaltenswert.


Lieber Matthias, bei aller Wertschätzung: Deine zuweilen arrogant wirkenden Einschätzungen werden eine polemische Antwort gewiss nicht verübeln. Das gemeine Volkslied ist ebenso erhaltenswert - oder auch nicht - wie die Werke eine gewissen Lully (mit dem ich persönlich nicht warm werde).

Ein bisschen älter als Du bin ich nun doch, ging zur Schule in einem Vorort von Dortmund, der sehr konservativ war. Es wurden viele Volkslieder gesungen damals. Auf der Straße in Abzählreimen, bei Ausflügen und Wanderungen, in der Schule, in der Familie, sie waren einfach da.

Volkslieder - der Name sagt es ja - widerspiegeln einen Teil einer regionalen, meinethalben auch nationalen Identität. Ihrem Strickmuster nach sind sie so angelegt, dass man sie auch dann singen kann, wenn man wenig sangesbegabt ist. Vor allem: sie sind (waren) Allgemeingut. Noch vor wenigen Jahren konnte man davon ausgehen, dass, wenn man abends im Freien zusammensaß, gemeinsam "Wir lagen vor Madagascar" angestimmt werden konnte.

Und nicht nur das ist Volkslied. Volkslieder spiegeln auf einfache Weise den Jahresverlauf ("Im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt", "Bunt sind schon die Wälder"). Diese Lieder haben wir gemeinsam im Kindergarten gesungen, später in der Grundschule und auch im Musikunterricht auf dem Gymnasium waren sie in der Sexta präsent.

Der kirchliche Jahreslauf gehört auch in diesen Bereich und ich finde es fast schon peinlich, wenn für bestimmte Klassiker ("Macht hoch die Tür" u.ä.) das Gesangbuch aufgeschlagen werden muss.

Volkslieder waren Teil von Freizeiten, wenn man abends beim Lagerfeuer saß, aber auch beim Ausflug ins Grüne. Irgendjemand hatte ein Akkordeon oder eine Gitarre dabei und es ertönte "Im Frühtau zu Berge". Ich gebe offen zu Protokoll: wenn ich mich in der Natur irgendwo sehr wohl fühle, summe ich das Zuccamaglio-Lied "Kein schöner Land" vor mich hin. Oder "Wer hat Dich Du schöner Wald"

Die DDR hat das Volkslied intensiv auf Schallplatten dokumentiert (da ist ja ohnehin das gemeinschaftliche Singen in Singeclubs und sogen. "Hootenanys" gefördert worden). Von diesen Platten besitze ich einige. Vieles von dem, was mir früher geschmeidig über die Lippen ging, ist mir im Laufe der Jahre entfallen, zumal das Volkslied nicht gepflegt wird. Scheint mir ein typisch (West-)Deutsches Phänomen zu sein. Diese Platten dienen mir als Gedächtnis

In der DDR sind auch einige neue Volkslieder entstanden, Lieder die einen spezifischen Gemeinsinn widerspiegeln sollten, eingängig und einfach zu singen waren. Sie galten vor allem den Jugendbewegungen der Pioniere und der FDJ. Auch davon zählen einige zu meinen absolut unverzichtbaren. "Unsre Heimat" von Hans Naumilkat gehört dazu, oder "Die Heimat hat sich schön gemacht". Habe ich zumeist im Auto.

Als Kind des Ruhrgebietes wird mir natürlich wärmstens ums Herz, wenn irgendwo "Glück auf, der Steiger kommt" ertönt.

Ich halte es für absolut verfehlt, im Schulunterrich augrund der prospektiven Unterstellung, diese Lieder wären nicht mehr zeitgemäss, das Lernen von Volksliedern zu unterbinden. Wenn nicht dort, wo dann? Das ist das Gleich wie mit der E-Musik.

Du magst Deine Lehrer - lieber Matthias - schmähen, wie Du so manches und manchen schmähst. Das ändert nichts daran, dass sie in einer Mittlerfunktion vor den Klassen stehen und dieser nach bestem Wissen und Gewissen nachgehen. Die einen sind erfolgreicher, andere vielleicht nicht so sehr. Der letzte Fall ist schlecht für dumme Schüler, die lediglich Konsumenten ohne eigene Engagement sind und deren einzige Rechtfertigung für Bildungsversagen im Verweis auf einen unfähigen Lehrer besteht. Da solidarisiere ich mich gerne mit den Lehrern.

Um also auf Melismas Eingangsfrage zurückzukommen: Selbstverständlich sollten Volkslieder Teil des Schulunterrichts sein. Und ich hoffe sehr, dass in der Generation nach meiner Generation eine Generation herangewachsen ist, die nicht jeden Satz und jedes Wort auf mögliche NS-Tauglichkeit untersucht (was ja ein gerne gegen die Volkslieder vorgebrachtes Argument ist). Von mir geliebte Volkslieder sind: "Weißt Du wieviel Sternlein stehen", "Wenn die bunten Fahnen wehen", "Kein schöner Land", "Wo die Nordeewellen schlagen an den Strand", "Glück auf, der Steiger kommt", "Ade zur guten Nacht", "Guter Mond du gehtst so stille" oder "Schlafe mein Prinzchen schlaf ein". Gänzliche unverzichtbar und fast im Range einer Hymne ein Lied der Jungpioniere "Unsre Heimat"

Ich erinnere mich, dass Musica dereinst einen Thread über "Aba Heidschi Bumbeidschi" gestartet hatte. Vielleicht melden sich die Volksliedliebhaber hier mit ihren Lieblingsliedern zu Wort?!

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

kopiroska

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11

Freitag, 25. September 2009, 00:37

Volkslied, Bauernlied – die Rezeption ist wohl nicht nur zeitgebunden verschieden, sondern auch von Land zu Land unterschiedlich.

Ich würde einen Unterschied machen zwischen dem Problem „Wo und was wird noch überhaupt gesungen“ und dem Problem der Beurteilung von Volksliedern/ Bauernliedern.

Im ersten Fall sehe ich (soweit ich es beurteilen kann) keinen großen Unterschied zwischen der Reaktion der jüngeren Generationen in Deutschland, Österreich oder Ungarn usw. Es wird immer weniger gesungen. Genauer gesagt: immer weniger wird das gesungen, was die Schule anbietet und immer mehr möchte man das und so singen, wie es die beliebten Sänger in den Medien tun. Genau das ist aber im Falle der meisten Lieder einfach nicht möglich, sind sie doch nicht zum gemeinsamen Singen verfasst, im Gegenteil. Dabei kann das Singen vielen doch eine wichtige Freudenquelle bedeuten.

Unlängst habe ich einen verblüffenden, traurigen und zugleich lustigen Artikel gelesen: In einer Stadt irgendwo in Ungarn (es könnte sich in mehreren ereignet haben) gibt es regelrecht Sing-Mit-Konzerte mit einer volkstümelnden Musiktruppe, die einen so genannten Hochzeitsrock spielen. Diese musikalische Mischung ist normalerweise kaum zu ertragen, sie besteht aus den schlimmsten Kunstliedern und Pseudo-Volksliedern nach der Art wie die Zigeunertruppen sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gespielt haben, wird aber mit Hilfe des Instrumentariums einer bescheidenen Rocktruppe zustande gebracht. Die Leute können beim Zuhören auch mitsingen, und auf die Frage der Reporter haben die meisten Anwesenden (hauptsächlich in den mittleren bis späteren Lebensjahren, etwa 30-60) geantwortet, sie kommen in diese Konzerte, damit sie sich einmal so richtig „aussingen“ können. Mehrere Intellektuelle haben dabei verraten, dass sie das vor ihren Fachkollegen verheimlichen, weil sie sich schämen… Es ist doch eine kuriose Entwicklung, nicht wahr?...

Als paralleles Beispiel könnte man bestimmt viele ähnliche Szenen zitieren, ich habe von mehreren Country-Sängern gehört/gelesen, in deren Konzerten problemlos mitgesungen wird, von Schottland bis Irland usw. Dass man sich bei uns deswegen schämen kann/soll, ist wohl eine intrakulturelle Entwicklung und hier kommt das oben erwähnte zweite Problem ins Spiel.

Das Volkslied/Bauernlied ist bestimmt eine Art universelles Kulturerbe, es ist wohl kein Zufall, dass es diese Musik gibt, sie ist bestimmt eine Ausdrucksnotwendigkeit. In der Geschichte und Kulturgeschichte eines Landes kann das nun von Epoche zu Epoche ganz verschieden beurteilt werden. In meiner Heimat werden Bauernlieder hochgeschätzt, bestimmt nicht unabhängig von dem Einfluss eines Bartóks und anderer. Da sich in den ost- und ostmitteleuropäischen Ländern das Bürgertum erst in den letzten zwei Jahrhunderten herausgebildet hat (die Leibeigenschaft wurde in Ungarn erst 1848 aufgehoben), gab es hier eine tiefere Kluft zwischen den Schichten/Klassen der Gesellschaft: zwischen den Adligen und den Bauern, wobei letztere ihre eigenen Lebensformen und ihre eigene, hochwertige Kultur länger intakt aufbewahren konnten. Heute werden die Reste dieser Kultur mit besonderer Sorgfalt gepflegt. Dabei wird es für immer mehr Leute klar/bewusst, dass diese Kultur, die alten Bauernlieder und die echte Volkskunst nichts mit den früher so populären, volkstümelnden, Pseudo-Volksliedern zu tun haben. Daher das Schamgefühl...

Trotzdem spielen Bauernlieder für die jetzige Jugend nicht mehr die Rolle, die sie für meine Generation in den siebziger Jahren noch gespielt haben. Die Gründe zu analysieren würde sehr weit führen...

Ich finde es aber traurig, dass das Singen aus dem Alltag so sehr verdrängt wurde.

KP

der Lullist

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12

Freitag, 25. September 2009, 08:19

Hallo Thomas,


so polemisch fand ich Deine Antwort gar nicht :)


Ich kann eben nur aus eigener Erfahrung sprechen, wie eben jeder andere auch.
Weder im Kindergarten, noch in den Schulen wurde gesungen - bis auf wenige Versuche, die dann aber aufgrund des Widerstandes seitens der Schüler aufgegeben wurden.

Um dennoch das eventuelle Bedürfnis des Singens aufzufangen gab es einen Schulchor, der aber nie auftrat und irgendwann auch verschwand.
Übrigens war ich auch mal gut 1 Jahr bei den Pfadfindern - Gesang am Lagerfeuer ? Fehlanzeige.
Das ganze war eine trostlose Erfahrung die ich nicht gebraucht hätte...

Ich denke es hängt sehr damit zusammen wie man aufgewachsen, in welchem Umfeld.
In einer Großstadt ist für Lagerfeuerromantik kein Raum.
Die große Zeit des Volksliedes war nun mal die berüchtigte NS Zeit, das ist einfach auch der Grund warum nachfolgende Generationen damit nichts mehr zu tun haben wollen. Natürlich sind das Vorurteile - aber die Verbindung ist eben da.
Selbst der Mutantenstadel (der mit dem echten Volkslied natürlich nichts zu tun hat) wird schon in die rechte Ecke gestellt.

Und ich hab das oft genug erlebt:

Zuerst wird der harmlose Kram wie "hoch auf dem gelben Wagen" gesungen, dann steigt der Alkoholpegel und irgendwann singt der ganze Verein "Die Fahne hoch"
Diese Lieder sind mißbraucht worden, genauso wie eine bestimmte Form der Kunst. Es wurden politische Lieder geschrieben im gleichen Stil und Ton. Ich glaube nicht dass man das so ohne weiteres ignorieren kann.


Zumal ich glaube, dass jede Generation auch ihre eigenen Lieder haben wird - ob man die aber immer mitgrölen muss, ich weiß nicht.
Das ist ja auch kein Phänomen unserer Zeit.
Gerade in der von Dir ungeliebten Epoche Louis XIV wurde das Singen der Gemeinde bzw. des Hofes in der Kirche untersagt, allein schon aus klangästhetischen Gründen.



Und was die Lehrer betrifft. Auch da spreche ich nur aus eigener Erfahrung.
Ich hatte eine Menge Lehrer die es nicht interessierte ob ihre Schüler mitkamen.
Wäre ich ein Lehrer und meine Klasse würde zu 2/3 durch alle Klassenarbeiten fallen - dann würde ich den Fehler zuerst in meinem Unterricht suchen.
Denn ich als Lehrer habe da versagt.
Auch das habe ich erlebt, das ein Lehrer das zugab und mit uns einen Weg suchte und das klappte auch.
Aber ein Großteil verhielt sich äußerst arrogant und ließ sich gar nichts sagen - mit den zu erwartenden resultaten, die wohl auch gewollt waren.
Diese eine Schule war auf ihre Durchfallquote von über 70% auch noch stolz - für mich ist das ein Armutszeugnis.

Nur, wie ich schon sagte, ein ziemlich großerTeil übt diesen Beruf nur aus einem Grund aus: finanzielle Sicherheit und das Beamtenverhältnis.
Und mir wird da Angst und Bange wenn ich irgendwann mal selbst Kinder haben sollte und sie dann in die Obhut solcher Leute geben muss.
Denn ich bin der Meinung, dass man für diesen sehr speziellen Beruf eine Berufung haben muss.

aber das ist OT :O


Zitat

oder auch nicht - wie die Werke eine gewissen Lully (mit dem ich persönlich nicht warm werde).


das ist schade, dabei sind viele seiner Melodien zu Volksliedern geworden, die noch Heute bekannt sind (aber wohl weniger in der BRD) :D

Thomas Pape

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13

Freitag, 25. September 2009, 09:28

Lieber Matthias,

danke für die ausführliche Antwort. Den Unfug mit den alten NS-Liedern habe ich auch schon erlebt. In einem baierischen Urlaubshotel. An Heiligabend. Eine Horde alter Männer stimmt beim fröhlichen Stiefeltrinken "Lili Marleen" an und sang das immer und immer und immer wieder. Aber die sterben ja nun langsam aus. Wahrscheinlich werden die das auch gar nicht in politische Konnotation bringen.

Das sich dahinter verbergende Phänomen ist wohl eher ein durch beschworener Gemeinschaftsgeist. Und je mehr den Alten die Neue Zeit entgleitet und fremd wird, desto mehr beschwören sie alte Gemeinschaften. Und unsere Jetztzeit ist schon einsam geworden. In dem Lied "Schwarz zu blau" von Peter Fox finde ich den nachdenkeswerten Satz "Jeder hat 'nen Hund aber keinen zum Reden"

Mit den neuen Volksliedern hast Du recht. Nun wohne ich allerdings in einer mehr als singefreudigen Gegend. Und Köln ist keine ganz kleine Stadt. Bietet aber dennoch Platz für Lagerfeuerromantik. Und da hört man sie dann, die neuen Volkslieder: "Da simmer dabei, dat is prihimaaah, Vivaaaaa Colonia" Das haben auch die Pänz drauf. Sommers im Grüngürtel oder im Volksgarten, das Lagerfeuer ersetzt durch mobile Grills.

Um Dein OT aufzugreifen: Richtig schlechte Lehrer habe ich in meiner Schulzeit nicht kennengelernt. Eine Klassenarbeit mit einer Durchfallquote von 66% durfte gar nicht gewertet werden. Oder wenn dann nur mit Zustimmung des Direktor. Diese Blöße hat sich kein Lehrer gegeben. Es wurde neu geschrieben.

Irgendwie scheint Kassel wirklich keine gute Gegend zu sein.

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

der Lullist

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14

Freitag, 25. September 2009, 10:10

das war in Wiesbaden - in Cassel studier ich nur :pfeif:

ja die Arbeiten wurden meist auch wiederholt, war das Ergebnis dann immer noch so schlecht wurde sie gewertet.
Ich hatte aber auch auf einigen Schulen richtig gute Lehrer, die waren voller Begeisterung für ihren Beruf und auch den Stoff und das reißt einfach mit.

z.B. in Kunstgeschichte - der Lehrer hat fast immer seine Urlaubsbilder gezeigt - er fuhr halt immer auch selbst zu den ganzen denkwürdigen Plätzen - und das ist einfach richtig erfrischend und macht vieles weniger abstrakt.

Das Bild vor den Pyramiden werd ich nie vergessen :hahahaha:

musica

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15

Freitag, 25. September 2009, 10:19

Lagerfeuerromantik, früher gab es sie noch, doch gibt es noch Pfadfinder?
Mein Mann war ein solcher und die Fahrtenlieder wurden noch gesungen, wer kennt sie noch.

Genauso ist es doch in den Chören, überaltert, es kommt kein Nachwuchs.
Die "Alten" singen heute "mein kleiner grüner Kaktus" und ähnliche Lieder, ein Schubert kann mangels veralteter Stimmen nicht mehr gesungen werden, mein Mann leidet sehr darunter. Letzt habe ich ihn erwischt als er im Internet nach einem Mendelssohn Lied für Männerchor suchte, er fand es nicht, doch es hätte eh keinen Sinn gehabt.

Übrigens hatten wir das Thema schon mal hier, Singen in der Schule. Ich habe damals geschrieben dass es in erster Linie am Elternhaus liegt, dass gesungen wird. Die Mztter an der Wiege. Die Kinderlieder Lieder sind heute textlich entschärft, wer kennt nicht das Lied vom Maikäfer flieg....
Meine Engeltochter kam vom Kindergarten ganz stolz nachhause und erzählte ihrer Mutter, sie habe ein Lied gerlernt, dass die Oma ihr beigegracht habe.
musica

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Dalai Lama


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16

Freitag, 25. September 2009, 11:37

Nur mal als Anmerkung: "Lili Marleen" ist weder ein Volkslied noch ein Nazilied, sondern ein kommerzieller Schlager, der im Krieg auf allen Seiten sehr hohe Popularität genossen hat.
Bei meinen Eltern in den 50er Jahren war die Popularität von Volks- und volkstümlichen Liedern, Fahrtenliedern usw. jedenfalls ungebrochen. Daher kenne ich auch sehr viele davon. Die mit allzu deutlichem nationalistischen (und auch die waren ja meist älter, paßten aber eben zur Ideologie) wurden halt weggelassen oder abgemildert.

Das Ziel, Kindern und Jugendlichen die Hemmungen vor dem eigenen Singen und Musizieren zu nehmen, scheint mir jedenfalls wichtiger als die Pflege eines nationalen Liedguts. (Die meisten der beliebten Lieder sind nicht besonders alt und oft auch nicht wirklich überliefert, sondern wurden im 19. Jhd. auf volksnahe Art komponiert/gedichtet, wie etwa "Kein schöner Land".) Daß man sich daher ein wenig auf die Zielgruppe einstellen sollte, scheint mir selbstverständlich. (Und das sehe ich hier ganz anders als bei dem Kulturgut, das eher "passiv" oder an Oberstufe oder Uni nahegebracht werden soll.)

:hello:

JR

P.S.: auch bei uns mußten Klassenarbeiten mit >50% Durchfallern neu geschrieben werden. Nachdem wir in der 8. Klasse dann 10 statt 7 Mathearbeiten geschrieben hatten (eine davon war allerdings der "Hessentest", ein Mathewettbewerb, für den üblicherweise eine Ersatzarbeit geschrieben wurde, ich war im "Hessentest" besser als in der Ersatzarbeit... :rolleyes: ) hat unser Lehrer geschworen, daß in Zukunft nichts mehr wiederholt wird, zur Not hat er eben den Bewertungsschlüssel etwas geändert. Denn es hatten einige Schüler wirklich darauf spekuliert, daß es ohnehin eine zweite Chance geben würde und sich entsprechend vorbereitet....
Struck by the sounds before the sun,
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The morning breeze like a bugle blew
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(Bob Dylan)

Thomas Pape

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17

Freitag, 25. September 2009, 14:08

Zitat

Original von Johannes Roehl
Nur mal als Anmerkung: "Lili Marleen" ist weder ein Volkslied noch ein Nazilied, sondern ein kommerzieller Schlager, der im Krieg auf allen Seiten sehr hohe Popularität genossen hat.


Das darf ich ein wenig korrigieren? Das Lied ist 1939 kurz vor dem deutschen Überfall Polens aufgenommen worden und war mit seinem Marschrhytmus, den qüäkigen Männerstimmen als Chor und seinem Beginn mit dem preussischen Zapfenstreich-Signal durchaus militärisch und im Sinne der NS-Propagande lanciert worden. Jedenfalls die mir vorliegende Aufnahme mit Lale Andersen unter Bruno Seidler-Winkler. Dass das Lied international erfolgreich wurde steht auf einem anderen Blatt. Anne Shelton hat den Lilly Lantern Song, der bei ihr so gar nichts militärisches hat (ich besitze die alte DECCA-Schellack davon) 1942 aufgenommen und regelmäßig bei britischen Truppenbetreuungen gesungen.

Die deutsche Verbreitung war gigantisch. Und damit meine ich nicht die Plattenverkäufe. Das Lied wurde täglich im Rundfunk gesendet. Täglich. Über Jahre hinweg.

Sagen wir es so: es ist ein von den Nazis vereinnahmtes Lied, ein Kriegslied allemal - der Text wurde während des WK I geschrieben - und hat - zumindest im Refrain - einen sehr leicht singbaren Volksliedcharakter (die oben genannten Herren hatten auch nur den Refrain gesungen, mehr ließ der Suff nicht zu).

Ich gebe aber gerne zu, dass die Laternen-Lilli ein Sonderfall ist.

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
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18

Freitag, 25. September 2009, 14:31

Zitat

Original von Thomas Pape

Zitat

Original von Johannes Roehl
Nur mal als Anmerkung: "Lili Marleen" ist weder ein Volkslied noch ein Nazilied, sondern ein kommerzieller Schlager, der im Krieg auf allen Seiten sehr hohe Popularität genossen hat.


Das darf ich ein wenig korrigieren? Das Lied ist 1939 kurz vor dem deutschen Überfall Polens aufgenommen worden und war mit seinem Marschrhytmus, den qüäkigen Männerstimmen als Chor und seinem Beginn mit dem preussischen Zapfenstreich-Signal durchaus militärisch und im Sinne der NS-Propagande lanciert worden. Jedenfalls die mir vorliegende Aufnahme mit Lale Andersen unter Bruno Seidler-Winkler. Dass das Lied international erfolgreich wurde steht auf einem anderen Blatt. Anne Shelton hat den Lilly Lantern Song, der bei ihr so gar nichts militärisches hat (ich besitze die alte DECCA-Schellack davon) 1942 aufgenommen und regelmäßig bei britischen Truppenbetreuungen gesungen.

Die deutsche Verbreitung war gigantisch. Und damit meine ich nicht die Plattenverkäufe. Das Lied wurde täglich im Rundfunk gesendet. Täglich. Über Jahre hinweg.

Sagen wir es so: es ist ein von den Nazis vereinnahmtes Lied, ein Kriegslied allemal - der Text wurde während des WK I geschrieben - und hat - zumindest im Refrain - einen sehr leicht singbaren Volksliedcharakter (die oben genannten Herren hatten auch nur den Refrain gesungen, mehr ließ der Suff nicht zu).

Ich gebe aber gerne zu, dass die Laternen-Lilli ein Sonderfall ist.


Es besteht jedenfalls ein massiver Unterschied zum Horst-Wessel-Lied oder "Bomben auf England"! Genauso wie ein Unterschied zwischen einem Heimatfront-Beruhigungsfilm wie Münchhausen mit Hans Albers oder dem "Jud Süß" besteht (und die Riefenstahl-Filme wären irgendwo dazwischen; es gibt hier schon recht gut auszumachende Unterschiede).
Es handelt nicht einmal direkt vom Krieg, vielleicht ist das gerade der Trick. Jedenfalls tat alles seiner Beliebtheit unter den allierten Soldaten keinen Abbruch.
Aber es paßt eigentlich eh nicht hierher, denn Volkslieder sind es ohnehin keine.
Angeblich wurde in Liederbüchern der Zeit der von Heine stammende Text zur "Lorelei" als "volkstümlich überliefert" oder so ähnlich deklariert, um den Bogen zu kriegen und die These zu bestätigen, daß die meisten sog. "Volkslieder" keine im engeren Sinne sind (im Ggs. zu denen, die Bartok im Balkan gesammelt hat).

:hello:

JR
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19

Freitag, 25. September 2009, 23:15

Da wir ja glücklicherweise wieder mal beim dritten Reich angelangt wären - offenbar ein Lieblingsthema der Forianer - werde ich versuchen wiederzum Thema zurückzukommen - obwohl ja auch "Volkslied" mit "Klassikforum" wenig bis nichts zu tun hat. Aber seis drum.

EIGENTLICH sagt die Bezeichnung "Volkslied" gar nichts aus über seine Herkunft oder über seine Qualität.
Es handelt sich lediglich um ein durch mündliche Überlieferuing erhaltenes Lied, dessen Komponist nicht mehr eruierbar ist.
"Ännchen von Tharau" ist beispielsweise solch ein Lied - die Zuschreibung an Simon Dach ist ungewiss.

"Last Rose of Summer" ist weder ein Schlager obwohl von Heintje gesungen, noch eine Opernarie, abwohl von Flotow in seiner Oper Martha (mehrfach !!) verwendet, noch ein Volkslied....
weil nämlich der Komponist bekannt ist.

"Es ist ein Ros entsprungen" ist jedoch ein Volkslied.
Obwohl es im Speyerer Gesangsbuch von 1599 notiert ist , ist sein Komponist unbekannt, also "Volksgut"

mfg aus Wien

Alfred

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Thomas Pape

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20

Freitag, 25. September 2009, 23:22

Nun, bei den Volksliedern muss man sich schon nach dem ursprünglichen Zusammenhang von Lied und Text fragen. Letzlich auch danach, was wichtiger ist für das Lied: Melodie oder Text. Beim Volkslied sehe ich die Melodie als Mittler. Einer solchen Meldoie lässt sich einiges unterjubeln. Mit einem wunderbaren Beispiel bin ich in der Wikipedia fündig geworden. Da gab es dereinst ein böhmisches Prozessionslied. "Ubi est mea spes". 1797 wurde durch Joseph Haydn daraus eine österreichische Kaiserhymne "Gott erhalt uns Franz den Kaiser". Abgekoppelt vom Text wurde daraus der zweite Satz des Streichquartettes op. 76,3. Am Rande angemerkt: Deutschlandfunk spielt dieses Quarettvariante täglich um 0.00 Uhr als Nationalhymne. Denn das wurde dieses Werk, unterlegt mit einem gedicht von Hoffmann von Fallersleben.

"Ubi est mea spes" hat noch ein weiteres "Volkslied" hervorgebracht: "Oh wie wohl ist mir am Abend"

Hier beginnt es nun, kreutz und quer zu gehen. "Guten Abend, gute Nacht". Ein Kunstlied von Brahms oder ein Volkslied? Und wie halten wir's mit "Komm lieber Mai und mache" von Mozart? Und wenn ich mir Dvoraks slawische Tänze so anhöre, dann finde ich in der netten Polka op. 46,3 - naja - dann höre ich da das Kinderlied "Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unsrem Kreis herum" wieder.

Nicht nur der promineteste Musiker der Musikgeschichte überhaupt - der große Annonymus - ist für Volkslieder verantwortlich. Manchmal kann man die Urheber identifzieren. Sind's dann keine Volkslieder mehr? Bei der überwiegenden Mehrzahl von Volksliedern kennen wir keine Urheber. Oral History halt, irgendwann aufgezeichnet.

In der Rubrik "Volkstümlichkeit" würde allerdings auch ein gewisser Herr Verdi punkten "Flieg Gedanke, getragen von Sehnsucht" oder wie das auf italienisch so heißt.

Volkslieder haben wohl auch immer was mit gesellschaftlichen Gruppen zu tun. "Glück auf der Steiger kommt" (Bergleute) ist eine Beispiel dafür. Oder "Wo die Nordseewelle schlagen an den Strand" (Skipper). Und alles ist ausbaufähig. Bei den Skippern zum Beispiel "Eine Seefahrt, die ist lustig". Studenten- und Burschenschaftslieder fallen mir noch ein ("Es steht ein Wirtshaus an der Lahn" - Gaudeamus igitur") - stehen die nicht alle im Kommers-Buch?

Diese Gedanken nur, um den Thread zum Nachdenken darünber zu bringen, was denn Volklieder eigentlich sind.

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Ulli

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21

Freitag, 25. September 2009, 23:26

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Da wir ja glücklicherweise wieder mal beim dritten Reich angelangt wären - offenbar ein Lieblingsthema der Forianer -


Goodwins Gesetz

Zitat


obwohl ja auch "Volkslied" mit "Klassikforum" wenig bis nichts zu tun hat. Aber seis drum.


Hm. Es gibt schon einige nennenswerte Volksliedzitate in Werken klassischer Musik.

Letztlich sehe ich auch keinen Unterschied zwischen einem 'echten' Volkslied und einem zum Volkslied mutierten Kunstlied: Irgendwer hat irgendwann seinem röchelnden Kind ein Lied vorgetragen. Das war so einprägsam und gut (und vielseitig verwendbar), daß es auf Wanderschaft ging. Es wurde also komponiert und erst später in Schriftform gebracht.

:hello:

Ulli
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Freitag, 25. September 2009, 23:32

nun ich habe das eigentlich (für mich) immer so festgemacht, Melodien die einfach so populär waren, dass sie eben auch beim Volk gesungen und gespielt wurden.

Der Urheber ist da eigentlich völlig belanglos.

Man denke nur mal an die Beggars Opera, ausschließlich nur populäre Volkslieder, angefangen von Greensleeves, bis hin zu Arien die aus der Feder von Purcell und Händel stammten.

Und umgekehrt fand das nachweißlich ja auch oft genug statt, wieviel Volkslieder werden in bestimmten Opern, Symphonien oder Konzerten zitiert - genügend.

Playfords Dancing Master ist ja auch eine Sammlung mit Volksliedern und Melodien, deren Herkunft aber meist höfischen Ursprungs ist.
Viele dieser Meldoien und Lieder sind Heute vergessen, trotzdem kennt eigentlich jeder "Greensleeves"

Thomas Pape

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23

Freitag, 25. September 2009, 23:40

Völlig unabhängig davon wer's komponiert hat: VEM = Volkseigene Melodie.

Mit drei Studienkolleginnen habe ich vor vielen Jahren während einer Exkursion nach Florenz auf den Treppen des Doms gesessen. Vergnügt haben wir gepfiffen: die Eingangsmelodie des Violinkonzertes von Mendelssohn. Hätten wir einen passenden Text zur Hand gehabt, hätten wir wohl auch gesungen.

Das scheint mir die Grundlage der Volksmusik zu sein: die Melodie im Volkston, der man dann auch noch Texte unterlegt.

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24

Freitag, 25. September 2009, 23:46

Zitat

Viele dieser Meldoien und Lieder sind Heute vergessen, trotzdem kennt eigentlich jeder "Greensleeves"


Wikipedia schriebt hiezu unter anderem über die Melodie:

Zitat

Eine viel zitierte Legende behauptet, sie sei von König Heinrich VIII. (1509-1547) für seine zweite Frau Anne Boleyn komponiert worden.


Na wenn das kein Bezug zur Klassik ist !
Wie rührend: Der König von England schreibt für seine geliebte Frau eine zarte Weise. Wärend der Liebe nur eine begrenzte Haltbarkeit beschieden war, und wie wir wissen, ebenso der (angeblichen) Widmungsträgerin, überlebte die bewusste Melodei Jahrhunderte...

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25

Samstag, 26. September 2009, 00:18

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Wie rührend: Der König von England schreibt für seine geliebte Frau eine zarte Weise. Wärend der Liebe nur eine begrenzte Haltbarkeit beschieden war, und wie wir wissen, ebenso der (angeblichen) Widmungsträgerin, überlebte die bewusste Melodei Jahrhunderte...


Ich sags ja immer: Musik ist besser als Sex...

Zum Thema: An die Grundschule kann ich mich nicht mehr erinnern. Auf dem Gymnasium wurde im Musikunterricht viel gesungen, vermutlich auch eher Volksliedgut. Es gab sogar Stimmübungen und dergleichen. Dies diente alles einem einzigen Ziel: Chorknaben auszusieben... das Sieb war so grobmaschig, daß ich hängen blieb... und dann war's mit den Volksliedern vorbei: Charpentier (die weltberühmte Wetten-daß...?-Hymne), Mozart, Zelenka...

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26

Samstag, 26. September 2009, 00:43

Ich finde Volkslieder gut, sie sind meist sehr leicht zu singen, der Text ist leicht zu merken, sie gehen ins Ohr (oder wären keine Volkslieder) und haben keine zu komplexe, selbstquälerische Aussage.

Man sollte mal Zucchalmaglio (z.B. "Kein schöner Land") einen eigenen Thread widmen.

S.Kirch

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27

Samstag, 26. September 2009, 18:56

Lili Marleen

Vor einigen Wochen wurde im DLF die Edition Elke Heidenreich vorgestellt. In regelmäßigen Abständen werden Bücher zum Thema "Musik und Literatur" veröffentlicht. U.a. sprach Frau Heidenreich davon, daß in der nächsten Serie auch ein Buch über Lili Marleen veröffentlicht wird. Die Ankündigung der Veröffentlichung (Nov. 2009) findet sich schon im www, falls das hier von Interesse ist. Das gilt auch für das nachhören des Gespräches zwischen Scheck und Heidenreich im DLF.