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Engelbert

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1

Montag, 31. Mai 2010, 10:10

Die ganze Geschichte von Tristan und Isolde

Frank Martin (1890-1974)

Le vin herbé

Der Kräuterwein

Oratorium in drei Teilen mit einem Prolog und einem Epilog

französisch gesungen

Entstehung: 1938-1941

Libretto vom Komponisten auf Anregung von Robert Blum

Vorlage: Roman “Tristan et Iseut” von Joseph Bédier, sowie die Novelle ”Sparkenbroke” von Charles Morgan

Quelle: Die altfranzösischen Epen des Mittelalters

Uraufführung: April 1942 in Zürich


Charaktere:

Teil I und II: Isot Blondhaar, Tristan, Isots Mutter, Brangäne, König Marke, Junge Magd, Ogrin n, Teil III: Tristan, Kaherdin, Herzog Hoël, Bedalis, Isot Weisshand, Isot Blondhaar

Die Handlung spielt in Irland, in Cornwall und in der Bretagne,
Als Zeitraum wird das 12. Jahrhundert angesetzt
Die Ursprünge reichen eventuell noch weiter zurück


INHALTSANGABE




PROLOG

Der Madrigalchor fragt die Konzertbesucher, ob sie ein schönes Lied von Liebe und Tod hören möchten. Es handele sich um die Geschichte von „Tristan und Isot“, die sich liebten in großer Lust und in großem Kummer und am gleichen Tag daran starben.

Durch beharrliches Schweigen und gelegentliches Hüsteln bringen die Konzertbesucher ihre Zustimmung zum Ausdruck.

Erster Teil: DER LIEBESTRANK

Erstes Bild:

Die Mutter von Isot ist sehr besorgt und möchte, dass die eheliche Verbindung mit dem älteren König Marke sich auf Liebe gründet. In Wald und Feld sucht die Heilpraktikerin nach Kräutern, Blumen und Wurzeln, mischt diese in Wein und braut daraus mit Weisheit und zauberischer Kunst ein machtvolles Tränklein. Sie füllt das Gemisch in ein Fässchen und übergibt es Brangäne zu treuen Händen. Das Mädchen ist Isoldes treue Freundin, die auf das kostbare Gepäckstückchen während der Seereise aufpassen soll, damit kein Auge es erblickt und keine Lippe an dem Getränk nippt. Wenn es soweit ist und die Nacht der Vermählung mit König Marke naht, soll sie den Kräuterlikör in einen Becher gießen, und sorgen, dass beide reichlich davon trinken. Da eine geheime Kraft in dem Tränklein verborgen liegt, darf kein Tröpfchen an fremde Lippen gelangen; deshalb muss der Becher hinterher sorgfältig ausgespült werden.

Der Madrigalchor weiß seltsamerweise trotzdem Bescheid, denn er verkündet den Konzertbesuchern, dass alle, die gemeinsam aus dem Fässchen trinken, sich mit allen Sinnen und Gedanken lieben werden, immerdar, sogar bis über den Tod hinaus. – Amore auf keltisch!

Zweites Bild:

Isot ist auf Tristan nicht gut zu sprechen. Einst hat er ihren Onkel Morolt im Zweikampf erschlagen und jetzt entführt er sie gegen ihren Willen per Schiff an die fernen Gestade einem unbestimmten Schicksal entgegen. Ihrer Vertrauten Brangäne klagt sie ihren Kummer. Der als Held berühmte Tristan bezeugt selbst kein Interesse an ihr, worüber sie ein bisschen ärgerlich ist, weil alle Menschen ihre außerordentliche Schönheit loben und sie begehrenswert finden. Lediglich als Brautwerber für einen ihr unbekannten König, der aus dynastischen Gründen auf seine alten Tage noch einen Sohn zeugen möchte, ist er aufgetreten. Irlands Küste entschwindet und das Heimweh und die Sehnsucht nach der Mutter erfassen die Jungfrau. Tristan versucht mit sanfter Stimme ihr die Namen der vorbeiflatternden Seevögel beizubringen. Ihre Reise in das unbekannte Land zu einem unbekannten Gemahl will er ihr schmackhaft machen, stößt aber nur auf Ablehnung. Isot fühlt sich als Beute, die der Unverfrorene mit List geraubt hat und stellt hochmütig eine finstere Miene zur Schau. Verflucht sei das Meer und verflucht sei das Schiff, das sie trägt. Lieber in der Heimat sterben, als in dem Land von König Marke leben. Der Madrigalchor ist gleicher Ansicht.

Drittes Bild:

Wenn kein Wind die Segel aufbläht, kann ein Segelschiff nicht segeln. Die Ruderer kommen nur langsam vorwärts und da ist es besser, man läuft eine Insel an, bis es wieder Wind gibt. Die Ritter und das Schiffsvolk verlassen den Segler, um sich an Land ein bisschen die Füße zu vertreten. Isolde ist misslaunig und bleibt unter der Obhut von Tristan und einer Dienstmagd auf dem Schiff zurück. Herr Tristan gibt sich alle Mühe, das Gemüt seiner zukünftigen Königin aufzuheitern. Die Mittagssonne brennt und beide haben Durst. Die junge Magd soll das Handgepäck nach Trinkbarem durchsuchen und findet das Fässchen mit Wein, welches die Mutter von Isot in die Obhut Brangänes gegeben hat. Das Mädchen füllt den Becher und überreicht ihn der Herrin. Diese trinkt in langen Zügen. Auch Tristan bekommt einen Anteil ab und beide trinken so lange, bis das Fässchen leer ist.

Eine Bassstimme und ein Tenorsolo müssen ohne einschreiten zu können, alles hilflos mit ansehen. Es war kein Wein, was die beiden getrunken haben, sondern die Leidenschaft, die bittere Freude und Herzensnot ohne Ende.

Die Gesichter des schicksalhaft füreinander bestimmten Paares hellen sich zusehends auf. Brangäne, vom Inselrundgang endlich zurück, sieht wie die beiden sich verzaubert anschauen. Das leere Fässchen und die Trinkgefäße sagen ihr, dass die beiden genippelt haben. Temperamentvoll wirft sie das Trinkgeschirr in die Wogen, macht sich heftige Vorwürfe und verflucht den Tag ihrer Geburt. O Jammer!

Viertes Bild:

Das Schiff ist wieder auf Kurs gegangen. Ein Brombeerstrauch mit spitzen Dornen und duftenden Blüten hat seine Wurzeln in sein Herz gesenkt und fesselt den kampferprobten Helden mit starken Ranken an den schönen Leib Isots. All sein Sinnen und all sein Begehren ist bei ihr. Wie soll er sich als angenommener Sohn und Vasall vor König Marke verantworten. Die Vergangenheit beschwert sein Gemüt.

Vier Schurken, Andret, Denovalen, Ganelon und Gondoin hatten ihn bei König Marke angeschwärzt, dass er das Land Cornwall für sich begehre. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch so, dass König Marke den Sohn seiner Schwester Blanchefleur, die bei der Geburt des Kindes gestorben war, auf Grund seiner Tugenden gern als Thronerben sehen würde. Mit der Begründung, dass er, Tristan, väterlicherseits unbekannter Herkunft sei, weigern sich die Herzöge, seine Nachfolge anzuerkennen. Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, sieht König Marke sich genötigt, auf seine alten Tage noch selbst Nachkommenschaft zu zeugen, obwohl er aus emotionalen Gründen gar nicht interessiert ist. Als würdige Partnerin käme die irische Prinzessin Isot Blondhaar in Betracht.

König Marke hatte einst Vaterstelle an dem Jungen angenommen und ist ihm unentwegt mit Wohlwollen begegnet. Jetzt hat Tristan das Gefühl, ihn wider wirklichen Wollens auf unredliche Weise zu verraten und seine Ehre zu zerstören. Isot ist die zukünftige Frau des Königs und es ist ihm nicht erlaubt sie zu besitzen oder zu lieben. Wie soll er diesen Knoten lösen. Der Madrigalchor weiß es auch nicht.

Fünftes Bild:

Isot ist krank vor Liebe. Ursprünglich hatte sie Tristan begehrt, doch da er sie verschmähte, begann sie ihn zu hassen. Weshalb der Wind sich nun plötzlich gedreht hat, vermag nur Brangäne zu erklären. Sie sieht die Entwicklung der Dinge mit Bestürzung und fühlt sich schuldig. Aufmerksam studiert sie das Verhalten der beiden Liebenden, wie sie sich umschleichen und versuchen, aufeinander zuzugehen, ohne dass es zu einem erlösenden Geständnis ihrer Liebe käme. Sie selbst, die genau weiß, wodurch die Katastrophe verursacht wurde, schreckt noch vor einer Offenbarung des wahren Sachverhaltes zurück.

Sechstes Bild

Auch Isot holt die Vergangenheit ein. Als Spielmann verkleidet suchte „Tantris“ einst bei ihr und ihrer Mutter Heilung. Er hatte Morolt im Zweikampf besiegt, war aber von dessen vergiftetem Schwert verletzt worden. Nun macht sie sich Vorwürfe, weshalb sie ihn nicht einfach hat verbluten oder im Moor sterben lassen. Sie hätte ihn auch erstechen können, als er im Bade lag. - Nun legt sie den Arm auf Tristans Schulter und Tränen verdunkeln den Glanz ihrer Augen. Ihre Lippen erbeben und sie gesteht ihm ihre tiefempfundene Liebe.

Der Madrigalchor passt genau auf, wie er seine Lippen auf die ihren drückt und ihren Leib umfasst, als sie zum ersten Mal die Freuden der Liebe kosten.

Brangäne stößt einen Schrei des Entsetzens aus, wirft sich den beiden zu Füßen und will nun endlich 'auspacken'. Die Unseligen sollen einhalten, denn der Zaubertrank, den die Mutter ins Fässchen gefüllt hat, ist für Isot und König Marke bestimmt, damit es zwischen dem ungleichen Paar funken soll. Für ihre Unachtsamkeit verdiene sie den Tod. Recht hat sie, aber nun ist es zu spät!

Die Leiber der beiden Liebenden beben vor Verlangen und der Tod soll ganz einfach kommen, wenn es ihm gefällt, Unregelmäßigkeit zu bestrafen. Das Schiff zieht seine Bahn in Richtung Cornwall dem drohenden Unheil entgegen. Der Abend sinkt hernieder und beide verlieren sich endgültig an die Liebe.

ZWEITER TEIL DER WALD VON MOROIS

Erstes Bild:

Nach außen sieht es so aus, als ob Isot mit König Marke glücklich sei, aber das Herzleid ist groß. Die vier erwähnten Schurken haben längst mitbekommen, was sich hinter dem Rücken des Königs abspielt. Informiert, ist der König erzürnt über die heimliche Liebe und den begangenen Verrat der Menschen, die er wertschätzte und denen er grenzenlos vertraute. Die Ehre und das Ansehen des Königs fordert drakonische Bestrafung, auch wenn sein Herz den Weg des Verzeihens gehen möchte.

Tristan kann sich mit einem Sprung aus der brennenden Kapelle retten. Es gelingt ihm auch, Isot zu befreien, die König Marke zu den Aussätzigen gesteckt hat. Im Wald von Morois halten sich die beiden Ausgestoßenen versteckt und müssen ihren Tagesablauf und die Nahrungsbeschaffung den Umständen anpassen.

Zweites Bild:

König Marke sucht nach beiden Missetätern höchstpersönlich. Der Hinweis seines Försters hat ihm die Möglichkeit gegeben, den notdürftigen Unterschlupf in einer alten Hütte, in dem die beiden Zuflucht gefunden haben, ausfindig zu machen. Schöne Blüten ranken zur sommerlichen Jahreszeit empor und der König findet beide schlafend im Innern der Behausung. Marke bringt es nicht fertig, die einst so sehr geliebten Menschen mit einem Schwertstreich ins Jenseits zu befördern. Er erwägt stattdessen, sich selbst zu töten, kommt aber auch hier zu keinem Resultat.

Es liegt ein blankes Schwert zwischen den Schlafenden, woraus er schließt, dass beide das königliche Ehebündnis respektieren. König Marke ist ehrlichen Herzens erschüttert. Trotz glühend heißer Liebe, die das verräterische Paar verzehrt, wollen sie sich körperlich offenbar nicht näher kommen. Bei so viel Anständigkeit, will der Erzürnte an Großzügigkeit nicht nachstehen. Die Gnade Gottes und seine eigene soll ihnen Schutz gewähren.

Drittes Bild:

Der Hintergangene lässt es sich jedoch nicht nehmen, den beiden Liebenden seine Anwesenheit kund zu tun. Das Schwert, welches zwischen beiden liegt, wechselt er gegen sein eigenes aus. Tristan hat die Fährte eines Hirsches verfolgt und sich mit der Heimkehr verspätet. Nachts überfallen ihn die Gedanken und er rekonstruiert die Vergangenheit. Er begreift, dass König Marke ihm zwar nicht verziehen hat, aber der Adel seines Herzens ihn daran hindert, ihm Schaden zuzufügen. Der Oheim hat viel für ihn getan, umgekehrt war sein Einsatz für die Interessen des Königs ebenfalls bedeutsam.

Isot könnte an der Seite des Königs ein angenehmes Leben führen und in seidebespannten Gemächern wohnen. Stattdessen ist sie verurteilt, ein kärgliches unbeständiges Leben an seiner Seite zu führen. Seine Tränen kann er nicht zurückhalten, denn die Erinnerungen an seine Kindheit in der sorgsamen Obhut des Onkels überwältigen ihn. Wie gern hat der Liebenswerte seinem Harfenspiel gelauscht!

Viertes Bild:

Isolde findet einen kostbaren Ring an ihrem Finger. Es ist der Ring des Königs. Schuldgefühle quälen auch sie wegen ihrer verbotenen Liebe zu seinem Vasallen. Das ist nicht mehr der zornerfüllte Mann, der sie den Aussätzigen preisgab, welcher versucht, ihrer habhaft zu werden. Sie empfindet, dass sie Tristans wonniges Leben durch ihr Dazwischentreten zerstört hat. Anstatt mit den Baronen durch die Grafschaft zu reiten und mit den Ritterfräulein der Minne zu pflegen, ist er nun gehetzt und verbannt zu wildem Leben in freier Natur.

Fünftes Bild:

Beide möchten gern die Zeit zurückdrehen und ergehen sich in Gedanken, wie schön es wäre, König Marke wieder zu versöhnen. Gern würde Tristan auf den Anblick Isots verzichten und nach Friesland oder in die Bretagne gehen, wenn er dadurch ihr beklagenswertes Schicksal verbessern könnte. Herz und Gedanken bleiben natürlich am alten Platz.

Das Paar kommt zu dem Schluss, den Eremiten Ogrin aufzusuchen, damit er für sie bete. Isot besteigt das Pferd, das Tristan am Zügel führt und die ganze Nacht wandern sie wortlos dahin.

DRITTER TEIL: DER TOD

Erstes Bild:

Trotz Liebe und Verzweiflung hat Isot es offenbar durchgesetzt, an den Hof von Tintagel zu König Marke zurückzukehren. Tristan irrt durch die Welt, kann getrennt von Isot nicht leben und nicht sterben. Seinem Freund Kaherdin klagt er sein Leid, seit über zwei Jahren keine Nachricht aus Cornwall bekommen zu haben. Deshalb glaubt er, dass Isot sich ihm entfremdet und ihn vergessen habe. Herzog Hoël, der Vater seines Freundes, will sich dankbar erzeigen und bietet Tristan für geleistete Dienste an der Waffe seine Tochter, die auch Isolde heißt, zur Frau an. Die „Weisshändige“ sei von königlichem Geblüt. Tristan nimmt das Angebot an, ein Entschluss, der vom Madrigalchor bedauert wird.

Zweites Bild:

Tristan wurde in die Pflicht genommen, seinem Waffenbruder Kaherdin zu helfen, den aufmüpfigen Baron Bedalis in seine Schranken zu verweisen. Dieser hatte noch sieben Brüder, die ihm einen Hinterhalt legten. Einer nach dem anderen wurde von Tristan niedergemacht, doch er selbst wurde dabei unglücklicherweise von einer vergifteten Lanze schwer verwundet. Die Ärzte konnten mit ihren Kenntnissen in der Naturheilkunde nicht helfen, und das langsam wirkende Gift überwältigte seinen Leib. Sein Gesicht ward ganz bleich und er verlor zusehends an Gewicht, so dass die Knochen hervortraten. Das Gift bereitet ihm starke Schmerzen. Er fühlt sein Leben dahinschwinden und hat nur noch den einen Wunsch, Isot, die Blonde, noch einmal zu sehen. Aber wie sollte er zu ihr gelangen und das Meer überwinden.

Drittes Bild:

Sein Freund Kaherdin ist der einzige, dem er in seiner Not noch vertraut. Niemand darf sein Gemach betreten, ebenso wenig die angrenzenden Räume. Über das seltsame Verlangen wundert sich sein Weib sehr und sie lauschte eines Tages an der Wand, an der das Bett von Tristan steht. Sie wollte erfahren, was die beiden Freunde zu besprechen haben. Tristan hat das dringende Verlangen, die unvergessene „Isot Blondhaar“ wiederzusehen. Er bittet Kaherdin um den Freundschaftsdienst, das Abenteuer zu wagen, mit einem Boot zu ihr zu segeln, die Sachlage für ihn zu erkunden. Der Chor beobachtet, wie Tristan weint und klagt und der Freund sich ihm voller Zärtlichkeit zuwendet und tröstend auf ihn einspricht. Der Gutmütige entschließt sich zur Reise und Tristan soll ihm doch bitte sagen, was er der Königin auszurichten gedenkt. Als Zeichen von ihm soll er ihr einen Ring überreichen und ihr vermelden, dass er sie von ganzem Herzen grüße. Labung kann nur von ihr kommen, und wenn sie nicht kommt, wird er wahrscheinlich sterben. Sie soll an vergangene Freuden und an die großen Bekümmernisse denken, die sie gemeinsam durchmachten, an die tapfere und zarte Liebe, die ihnen beschieden war. Der verhängnisvolle Kräuterkelch soll nicht in Vergessenheit geraten. Weiterhin soll sie an seinen Schwur denken, dass er niemals eine andere lieben würde und dass er das Versprechen bis jetzt gehalten habe.

Die „Weisshändige“, die an der Wand gehorcht hat, fällt ob solch abwegiger Sprüche aus allen Wolken, glaubte sie doch bisher, ihr Ehemann sei ihr in Liebe zugetan. Diesen maßlosen Verrat wird sie nicht überwinden. Der Madrigalchor ahnt Fürchterliches!

Der Freund soll sich sputen und ihm Isot Blondhaar zuführen. Er darf dazu sein Schiff benutzen, und wenn er zurückkommt soll er das weiße Segel setzen, falls er das Objekt seiner grenzenlosen Begehrens dabei hat. Das schwarze Segel möge er hissen, wenn die Geliebte keine Lust hatte, mitzukommen und die Annehmlichkeiten des königlichen Hofes nicht missen möchte. Der Freund soll gesund und bald zurückkommen und Gott soll mit ihm sein. Mehr hat er ihm zum Abschied nicht zu sagen.

Viertes Bild:

Lustig eilt das Schiff dahin und hat fast die Küste von Cornwall erreicht, als ein fürchterlicher Sturm aufkommt. Dieser schlägt gegen die Segel und lässt das Schiff sich im Wirbel drehen. Der Wind brüllt und gewaltige Wogen türmen sich. Das Meer wird schwarz und schauerlich ergießt sich ein Wolkenbruch. Das Schiff befindet sich in Seenot und kann nicht manöverieren.

Isot Blondhaar hat sich Regenkleidung angezogen, steht erwartungsvoll auf der hohen Klippe von Tintagel und klagt fassungslos dem Sturm und den Wellen ihr Herzeleid. Wie ein Aufschrei kommt es von ihren Lippen. Die Ärmste! Nur ein einziges Mal noch möchte sie Tristan wiedersehen, bevor sie diese Welt verlässt. Gern will sie ertrinken in diesem ungastlichen Meer, wenn ihr ein Wiedersehen mit dem Geliebten verweigert ist. Der Schmerz ist grimmig und der Tod bedeutet ihr nichts. Wenn sie das Zeitliche gesegnet hat, kann er getrost die andere Isot lieben. Doch die Weissagung lautet, dass sie gemeinsam sterben werden. Der Madrigalchor berichtet, dass nach anhaltender Windstille das schadhafte Schiff zeitverzögert wieder an die Küste der Bretagne zurückfand.

Isot Blondhaar hatte einen furchtbaren Traum. In ihrem Schoss hielt sie den Kopf eines toten Ebers, der ihr Kleid mit Blut besudelte. Nun weiß sie, dass sie ihren Freund nicht lebend wiedersehen wird.

Fünftes Bild:

Die Wartezeit hat Tristan mit Seufzen und Klagen verbracht. Isot will offenbar nicht kommen und die körperlichen Schmerzen werden unerträglich. Endlich frischt der Wind sich auf und am fernen Horizont kommt ein weißes Segel in Sicht. Isot Weisshand tritt ans Bett des Gemahls und berichtet, dass sie am Horizont ein Schiff gesehen habe, welches nun hoffentlich bringt, was er heiß ersehnte und Heilung verspricht.

Verständlicherweise ist ihr Herz auf Grund der ihr zugefügten Schmach voller Bosheit. Tristan erkundigt sich nach der Farbe des Segels. Die Unwahrheit berichtend, erklärt sie oben am Mast habe es gehangen, es sei schwarz. Tristan dreht sein Gesicht zur Wand und kann sein Leben nicht länger halten. Dreimal hintereinander spricht er die Worte: „Isot, Geliebte“ und gibt dann seinen Geist auf. Seine Gefährten heben ihn aus dem Bett und legen seinen Leichnam auf einen kostbaren Teppich.

Sechstes Bild:

Der Wind bläst mit neuer Kraft in die Segel und schiebt das Schiff auf den Strand der Bretagne. Isot Blondhaar entsteigt als erste dem Schiff und hört von überall her lautes Wehklagen und Glockenläuten.

Die Baritonstimme hat nun die beklagenswerte Aufgabe, die Trauernachricht zu übermitteln. Das größte Unheil, welches das Land jemals betroffen habe, sei eingetreten: Tristan ist tot! Der Madrigalchor bestätigt die traurige Wahrheit und der Mezzosopran hält Ausschau, wie Isot mit wallendem Schleier den Weg zum Schloss emporsteigt, unfähig ein Wort zu sagen. Die Bretonen sehen ihr mit Bewunderung hinterher. Noch nie sahen sie eine Frau von solcher Schönheit. Wer ist sie, woher kommt sie? Isot, die Weißhändige, kauert an der Leiche und stößt aus Verzweiflung wilde Schreie aus, nachdem sie sieht was sie angerichtet hat und wer da kommt.

Isot, die Blonde, scheucht die Frau des Geliebten sofort von der Leiche weg und behauptet, dass sie wohl die größeren Rechte habe, ihn zu beweinen, weil sie ihn ganz sicher weitaus mehr geliebt habe. Zärtlich legt sie sich an die Seite des Freundes, küsst Mund und Gesicht und zieht besitzergreifend den Leichnam eng an sich. Sie beschließt, ihre Seele aufzugeben und stirbt an seiner Seite, damit die Weißsagung in Erfüllung gehe.

Siebtes Bild:

König Marke erfährt bald vom Tod der beiden lieben Menschen und lässt zwei schöne Särge anfertigen. Einen aus Chalcedon für Isot und einen anderen aus Beryll für Tristan. Die teuren Körper bringt er auf seinem Schiff nach Tintagel. Bei einer Kappelle lässt er zwei Gräber ausschaufeln, eines zur rechten und eines zur linken Seite der Apsis. In der Nacht wächst aus Tristans Grab ein Brombeerstrauch, grün und blattreich, mit starken Ranken und würzigen Blüten. Er wuchert über das Dach der Kappelle hinüber und senkt sich auf der anderen Seite auf das Grab Isots. Mit seinen Gehilfen hat der Friedhofsgärtner den Strauch bis auf den Stumpf zurückgeschnitten, aber jede Nacht wächst er wieder aufs neue mit üppigem Blattwerk und herrlichen Blüten. Dreimal hat man noch versucht, den Strauch zu stutzen, um dann resigniert aufzugeben. Befehl des Königs!

EPILOG:

Die braven Minnesänger von einst, Béroul und Thomas, Herr Eilhart und Meister Gottfried, haben diese Geschichte nur für diejenigen Konzertbesucher, die lieben - und nicht für die anderen erzählt. Die Verblichenen sind hoffentlich nicht Vergessenen geraten bieten ihren Gruß allen, die Probleme mit der Liebe haben, egal ob sie nun glücklich oder missvergnügt oder vielleicht voller Sehnsucht sind. Bei den Minnesängern und Troubadouren der Vergangenheit finden sie Trost gegen den Schmerz, gegen die Unbeständigkeit, gegen die Geldnot, gegen das Unrecht, gegen die Qual, kurzum gegen alle Leiden, welche die Liebe mitbringt.



Anmerkung

Der Musikfreund ist es gewohnt, seine Kenntnisse über Tristan und Isolde ausschließlich an Richard Wagner zu orientieren. Dieser bietet jedoch nur einen kleinen Ausschnitt der Tragödie. Die Minnesänger und Troubadoure wussten viel mehr über das tragische Liebespaar zu berichten. Der Handlungsstrang verwirrt sich häufig, wird unübersichtlich, umständlich und unlogisch, weil jeder der mittelalterlichen Dichter die Akzente anders verteilt und kein Ende finden kann. Vieles bleibt konfus, weniges ist schmeichelhaft! Insbesondere in den Bilderhandschriften und Miniaturen kommen Isolde und König Marke äußerst schlecht weg. Marke verstreckt sich in einer Baumkrone, um die Liebenden beim Stelldichein zu belauschen. Der Liebestrank muss als Alibi für die Flatterhaftigkeit Isoldes (altfranzösisch Iseut) herhalten.

Liebe, Kampf, Wahnsinn und Magie waren die Zutaten aus denen die alten Heldenlieder gewoben wurden. Das ist bei Lancelot und König Artus nicht anders als bei Roland, dem Paladin Karl des Großen, und was der alten Sagen mehr sind. Das Schicksal ist unerbittlich und folgt auf verwirrtem Pfade einer beängstigenden Konsequenz.

Der Schweizer Komponist Frank Martin hat sich nun der alten Heldendichtung angenommen und bedienst sich der musikalischen Form des Oratoriums, den Menschen der heutigen Zeit die Geisteswelt des Mittelalters näher zu bringen.

© 2010 für Tamino - Engelbert

Frank Georg Bechyna

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2

Montag, 31. Mai 2010, 15:00

Die ganze Geschichte von Tristan und Isolde

Lieber Engelbert !


Ich neige nicht zu Jubelstürmen über Artikel , Beiträge in Musikforen .

Aber Deine Ausführungen sind ganz grossartig . Meinen aufrichtigen Glückwunsch dazu .

Angeichts der eigenen Vorbereitungen auf den am letzten Samstag i Düsseldorfs Deutscher Oper am Rhein als Neuproduktion gestalteten " Rristan & Isolde " von Richard Wagner sind doch die wichtigeren Fakten nicht bei Wagner , sondern , wie Du dies zu recht schreibst , bei den Minnesängern und Troubadouren zu finden . Und bei diesen in allen ihren Verästelungen . Das ist sehr viel spannender als Wagners Oper .

Und die Forschungen über " Tristan und Isolde " halten bis heute an .

Tatsächlich ist der Stoff selbst vor Richard Wagner sehr viel diffenerzierter gesehn und ausgearbeitet worden . Man kann angesichts der historischen Kenntnisse in der Literatur dann mit recht sagen, dass es sehr guter Darsteller bedarf . Auf ein Bühnenbild im weiteren Sinn kann man ruhig verzichten .

Den stoff als ein Oratorium darzustellen ist genial . Frank Martin hat dies vermocht . Und sicherlich dramaturgisch wirksam mit einem Prolog und einem Epilog versehen .

Deine Anmerkung verführt gerade dazu , sich völlig neu mit den Hauptpersonen auch in Wagners Oper , die doch dann eine deutliche Eindimensionalität hat , tiefer zu befassen . "Iseut = Isolde als treibende , Handelnde oder eher doppelgleisige Frau ? Oder doch die durch äussere Zwänge Getriebene ? Und Marke ? Das Bild mit ihm in dem Baum sitzend erinnert stark an Voyeurismus .
Und war Tristan nur der Edle , der Bestmensch ?

Du hast mit Deinem Text viele Anregungen gegeben !

Und hoffentlich manchen hier damit auch im guten Sinne aufgeregt, sich nähere gedenken zu machen .

Beste Grüsse


Frank


PS.: könnste Du bitte noch einige Zeilen über die von Dir hier eingestellte Aufnahme machen ? Danke .
Frank Georg Bechyna
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Engelbert

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3

Dienstag, 1. Juni 2010, 19:25

RE: Die ganze Geschichte von Tristan und Isolde

Hallo Frank,

es freut mich, dass Dir meine Beschreibung gefallen hat, und dass Du Neuland erobern konntest. In der Tat tut sich hier eine ganz neue Welt auf. Mit Eschenbachs Parzifal wird es Dir ähnlich erhehen, wenn Du das Original studierst - den Tristan auch am besten anhand der mittelalterlichen Miniaturen und Bilderhandschriften.

König Marke war aus Eifersucht in den Baum geklettert, doch die Liebenden haben sein Spiegelbild im Brunnen gesehen und ihre Konversation auf 'harmlos' umgebaut.

Zu der eingestellten CD kann ich selbst nicht allzuviel sagen, schätze aber, dass die Besetzung optimal ist, denn beide Darsteller sind mir ein Begriff. Den Australier kenne ich aus der Oper Hélène von Saint-Saens, die Piau aus der Oper Les Paladins.

Ich besitze von dem Martin-Oraratorium eine LP mit unbekannten Solisten aus Winterthur, die ich damals, als ich noch in Konstanz am Bodensee wohnte, bei Ex-libris erhandelte. Die neue CD gibt es zur Zeit auch bei Zweitausendeins, aber 29,90 war mir noch ein bisschen zu viel Geld und habe mich dann für Leoncavallos 'Medici' entschieden.

Mit freundlichen Grüßen
:angel:
Engelbert

Frank Georg Bechyna

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4

Dienstag, 1. Juni 2010, 21:33

Oper und Geschichte .

Lieber Engelbert :


Ich denke, dass solche kompositionen auch unseren Blick auf den zu Grunde liegenden Stoff schärfen .

Daher vor allem finde ich Artikel wie Deinen so grundlegend wichtig . Daher auch mein Dank .

Es gibt sicherlich weitere Stoffe und literische wie musikalische bearbeitungen, die wert sind , so sorgfältig analysiert zu werden wie du dies hier geschrieben hast .

Ich werde mir die von Dir herangezogene Aufnahme jedenaflls bestellen .

Sandrine Piau war mir von anderen Aufnahme her als sehr gute Interpretin bekannt .

In Frank Martins Kompositionstechnik müssen wir uns wohl immer neu einarbeiten .

Angesichts des Stoffes ist dies jedoch sicherlich eine lohnende Arbeit .

Mit vielen Grüssen

Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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5

Dienstag, 1. Juni 2010, 23:34

Lieber Engelbert!

Ich schieße mich Frank an. Ein wirklich hochinteressanter Beitrag.

Wobei ich mich zunächst frage, woher nimmt jemand den Mut, die Chuzpe, nach Wagner diesen Stoff noch einmal zu vertonen. Dies konnte natürlich nur mit einer völlig anderen musikalischen Form und der Rückbesinnung auf die eigentliche Geschichte gut gehen. War diesem Oratorium eigentlich irgend ein Erfolg beschienen oder haben ihn die Zeitgenossen dann doch nur an Wagner gemessen?

Übrigens finde ich einen Vergleich mit Wagner gar nicht so angemessen. Ähnlich wie im Ring oder beim Parsifal ging es ihm ja nur um die äußere Form, den Mythos und die großen Handlungsstränge, um seine eigentliche Botschaft zu transportieren. Die wirklichen Geschichten waren ihm doch eher egal.

Von daher stimmt es natürlich, dass die Figuren viel von ihrer Mehrdimensionalität einbüßen, aber das war ja auch gewollt. Wobei sie dann wenigstens im Ring und beim Parsifal andere Züge hinzugewinnen.

:hello: Gustav
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

Frank Georg Bechyna

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6

Mittwoch, 2. Juni 2010, 19:46

Die Tristan- Erzählungen .

Lieber Gustav !


In einer Oper wie Wagners " Tristan und Isolde " ist es unmöglich die bis heute ergebnisoffenen Forschungsergenisse darzustellen . Dies ist auch nicht der Sinn der komposition .

Wer allerdings nur die Oper kennt und dessen Handlung als " real " ansieht, der irrt gewaltig .

Hier könnten die Rezensenten von " Tristan " - Abenden allerdings mehrere Ansatzpunkte finden für ihre Ausführungen .

Auch n a c h Wagner gibt es hochinteressante Deutungen des Stoffes wie Frank Martin dies beweisen hat .

Für ein Hauptseminar wäre eine vergleichende Besprechung sicherlich höchst reizvoll .

Engelberts Vorstellung der Komposition von Frank Martin ist daher weit über das Musikalische hochinteressant !

Gerade auch die kenner von " tristan und Isolde " m ü s s e n dieses Oratorium kennenlernen .

Für mich jetzt schon ein grosser Gewinn !

Beste Grüsse , natürlich auch an Engelbert ,

Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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7

Mittwoch, 2. Juni 2010, 23:20

Lieber Frank!

Zitat

Wer allerdings nur die Oper kennt und dessen Handlung als " real " ansieht, der irrt gewaltig .


Das ist genau der Punkt, da hast du vollkommen recht. Wagner benutzte den Mythos als Gefäß, mit dem er seine "Botschaften" transportieren wollte. Aber bedeutet das nicht, dass man bei Inszenierungen des Tristan dann doch wegkommen muss, von schlichten Bebilderungen (Ring und Parsifal ähnlich) und eine ganz andere Bildersprache entwicklen muss. Vielleicht hat Guth in Düsseldorf dann doch recht?

Aber ganz so weit würde ich einfach nicht gehen. Konkretisierungen des Mythos machen ihn, wie gesagt ärmer. Mit ist dann der Wielandsche Ansatz oder der von Bob Wilson oder auch Berghaus in Hamburg eindeutig lieber.

Jedenfalls ist das, was du oben richtig festgestellt hast, ein schlagendes Argument gegen schlichte Umsetzungen und dem reinen Nacherzählen einer Geschichte, die Wagner ja nicht ohne Grund massiv verändert hat.

Ich kämpfe mich gerade durch das Nibelungenlied. Dort sind die Veränderungen ja noch deutlicher. Wagner erzählt keine Geschichten nach, er findet Bilder, zeitlose Bilder und dies muss man umsetzen. Aber das eben auch zeitlos.

Interessant ist, dass sich Martin der szenischen Umsetzung von vornherein widersetzt hat. Sehr klug. Theater im Kopf! Es macht wirklich neugierig und deshalb, lieber Engelbert, noch enmal die Frage: Was weißt du über die Rezeption dieses Werkes? Gab es vielleicht auch einmal szenische Lösungen und wie sahen die aus? Wurde es überhaupt häufiger aufgeführt?

Übrigens finde ich es sehr gelungen, wie er den Madrigalchor einsetzt. So, wei du es geschildert hast, Engelbert, erinnert er mich an die Funktion des Chores im antiken Theater, womit Martin den Mythos sozusagen nach "hinten" verlängern würde. ("Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.") Während dann die beiden "namenlosen" Stimmen (habe ich das richtig verstanden) als kommentierende Individuen vielleicht eher in unsere Zeit weisen sollen.

:hello: Gusatv
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

Frank Georg Bechyna

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8

Donnerstag, 3. Juni 2010, 13:53

Zeitlose Bilder - Antikes Theater

Lieber Gustav !


Zwei sehr wichtige , wen n icht entscheidende punkte , hast du angesprochen :

(1) " Zeitlose Bilder " .

Dies komt meinen Vorstellungen , wäre ich Regissuer , sehr mahe bei Wagner und wahrscheinlich aich im " Otello " con Giuseppe verdi . Das bühnenbild hat nur eine ergänzend e funktion . In Düsseldorf war es , sieht man sich die zig Fotos an , kontraprudktiv auf das hin , was in der Oper von Anbeginn ( Musik im berühmten Vorspiel ) beginnt und dann mit Isoldes " mild und leise.... " endet . Meiner meinun g nach kann man geradezu ein Hauptsenmiar abhalten mit dem Thema " Wie sollte die Isolde das ' Mild und leise interpretieren' ? " .

Du hast je viel mehr " Material " als ich . Aber es gibt enorme interpretatorische Unterschiede .

U n s e r e konzentration muss ausschliesslich der Musik , dem gesang gelten .

Da kommt für mich nur eine ganz auf die beiden , also Isolde und tristan , konzentrierte regie mit einem minimalistischen bühnenbild in Frage .

Etwas Ähbnliches habe ich zwei- oder dreimal bei verdis " Otello " tieffbeindruckend gesehen .

es würd e hier zu weit führen : Aber wir könne dieses Minimalisierung des Bühnenbildes auf weitere Opern übertragen . Und dadurch den Focus auf das konzentrieren , was tatsächlich passiert .

Karajan war berühmt ( und für nicht wenige berüchtigt ) für seine Lichteffekte ( etwa in New York ) . Rudolf Bing hat dann spöttisch angemerkt : " Warum legt er nicht direkt den Hebell um und alles ist völlig dunkel " .

Diese Sicht von karajan wäre meine persönliche Ausgangsposition gerade für viele Wagner - opern . Aber auch für manche von Giuseppe Verdi .


(2) Antikes Theater .


Wer die Meister der griechischen Tagödien ( auch auch kommödien ) gelsen hat und die damaligen Spielstätten - so erhaltebn - kennt ( oder ihre zum teil wundervoll erhaltenen , akustisch grossartigen Nachahmungen - kennt, , der weis s doch , dass es zu jener Zeit tatsächlich auf die Schauspieler , die ja hoch anerkannt waren ! , ankam und nicht auf diese schrecklichen , heutigen karnevalsähnlichen Farbmischungen .

Der test muss im mittelpunkt stehen !

Schon immer ist es - gerade in Deutschland - sehr schwergefallen , etwa die werke Corneilles oder racines zu lesen und zu verstehen .

Man muss in der regel tatsächlich nach Paris fahren und dort in die beiden grossen Sprachbühnen gehen , um - gut vorbereitet - endlich einmal das miterleben zu können , was Werktraue tatsächlich bedeutet .

Ich möchte Wagners Musik hören und den gesang so gut es geht in mich aufnehmen und verarbeiten . Und nicht und nie bunte Bildchen sehen .

Beste Grüsse


Frank


PS,. Da ich mich seit zig Jahren etwa zu den Inszenierungen von Franco Zeffirelli bekenne , so liegt dies in der Qualität der jeweiligen Zeffirelli - Inszenierung begründet .

PPS.: Die Willkür der eitlen , narzisstischen Selbstdarstellung zu vieler einfalssloser Regissuere heute vertreibt mich aus den Opernhäusern .
Und hat seit inzwischen Jahrzehnten dazu geführt , dass berühmte Dirigenten sich geweigert haben, Opern noch zu dirigieren .

Die musikalische Qualität und der Rang der Komposition des Tristan - Stoffes durch Frank Martin liegt ja gerade auch in der Form des Oratoriums begründet . Engelbert hat dies sehr treffend zu beschreiben vermocht .

Musik darzustellen ist grundsätzlich auch ein ästhetisches Problem .
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Gustav

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9

Donnerstag, 3. Juni 2010, 23:47

Minimalismus

Lieber Frank!

Eigentlich gebe ich dir recht (vor allem auch was das Vertreiben aus den Opernhäusern angeht, das kenne ich leider auch).

Aber mir fällt auch der Tristan aus Hamburg ein (Berghaus), der ein unglaublich aufwendiges Bühnenbild hat. Aber immerhin nicht zeitgebunden. So gibt es im 2. Akt eine riesige Turbine, die vor dem Weltall steht. Und in dieser Turbine stehen und singen die beiden Protagonisten. Aber das Bühnenbild unterstützt sie und verdeutlicht ganz viel vom Subtext. Es erschlägt sie aber nie oder lenkt ab.

Von daher, es muss nicht immer minimalistisch sein, es muss nur dem Geschehen (wobei die Berghaus hier eine ganz andere Deutung inszeniert, nämlich die Unmöglickeit der Liebe, beide können nicht zueinander finden) dienen. Wenn es so wie in Hamburg funktioniert, dann ist es eine wirklich geniale Lösung.

Die Liebestod singt Isolde in Hamburg übrigens vor dem Eisernen Vorhang, auf dem erneut ein Weltall zu sehen ist inkl. eines Planeten. Und in der völligen Einsamkeit, zum Schluss diesen Planeten umarmend, singt sie den Liebestod. Das ist wirklich atemberaubend. (Das Bünenbild vorher war übrigens alles andee als miimalistisch.)

Aber das sind Ausnahmen, große Würfe. Im Grundsatz bin ich auch für: Weniger ist mehr. Eben Theater im Kopf.

:hello: Gustav

PS: Sei froh, dass es mit Racine und Corneille in Paris noch funktioniert. In England kann man Shakespeare, wenn man Glück hat, noch im West End relativ gut verdauen. Die Aufführungen der Royal Shakespeare Company, die ich gesehen habe, waren alle auf eine Weise modernisiert, dass es mich schauderte. Nein, stimmt nicht, einen "minimalistischen" Romeo konnte ich noch erleben, es geht also.
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner