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Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 803

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

31

Sonntag, 18. September 2011, 19:24

Ach du liebe Zeit!!

Diesen Beitrag von Glockenton habe ich mit tiefer Betroffenheit und noch tieferem Erschrecken gelesen.

Ich meine ja, er sei, aus rein sachlichen Gründen, in gar keiner Weise nötig gewesen, weil sich die Anwürfe, die ihn auslösten, aus sich heraus als unsinnig demaskierten. Sie dokumentieren eine Haltung, die einem Menschen, dem es darum geht, sich reflexiv auf Musik einzulassen und sich darüber mit anderen auszutauschen, den Aufenthalt hier im Forum gründlich verleiden kann. Sie sind zutiefst dialogfeindlich.

Aber diese Erfahrung, die man zuweilen hier nun einmal leider machen muss, ist immer die gleiche: Man fühlt sich - bei aller offensichtlichen Unsinnigkeit der Vorwürfe - persönlich getroffen und genötigt, darauf zu reagieren.

Es kommt mir auf das Wort "genötigt" an. In diesem verdichtet sich das Erschrecken, von dem ich eben sprach.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

32

Montag, 19. September 2011, 11:40

Ich kehre nach dem ausgiebigen OT (zu dem ich nur zu sagen habe, dass die Klangästhetik der Instrumente jeder Zeit mit den Werken derselben Zeit besser harmonieren als die "modernen" und dass die Komponisten natürlich ihre realen Instrumente im Hinterkopf hatten und nicht für Zukunftsintrumente oder fiktive Kopfinstrumente schrieben) zum (schwierigen) Thema zurück:

"Pianoforte - Nachbau versus restauriertes Originalinstrument"
... wer hört den Unterschied?

Ich würde sagen jeder, der sich intensiv mit der Materie beschäftigt. Nachbauen kannst du nur die historische Vorlage. Und in das nachgebaute Instrument kannst du beim besten Willen nicht die natürliche Alterung der Materialien "einbauen". Aus diesem Grund spielen auch alle Geiger, die es sich leisten können, Originale von Stradivari, Guarneri und Co. und nicht Kopien derartiger Instrumente...

Das würde bedeuten, dass gealterte Materialien grundsätzlich besser klingen würden als neue, dass also die Stradivaris nur deshalb so gut klingen, weil sie so alt wären. Nun - die Stradivaris waren auch mal neu und damals auch berühmt, das wird nicht an dem hohen Alter des Holzes liegen.
Die Frage wäre jetzt, wie alt das Holz war, mit dem man die Intrumente baute, als man es baute und wie stark die Materialalterung sich auf den Klang auswirkt. Ich würde annehmen, dass sie sich nicht so sehr auf den Klang auswirkt, da doch sonst die Stradivaris kaum noch akzeptabel wären?
Wenn wir beim Alter der Materialien bleiben, ist die Frage bezüglich restauriertem Altbau und Neubau auch nicht geklärt. Schließlich kann man auch Neubauten aus sehr altem Holz machen (z.B. aus schrottreifen alten Klavieren - wird tatsächlich auch gemacht). Und beim Restaurieren kann man auch entweder historisches Material verwenden oder modernes.
Ich glaube, das Thema ist eher eines für Klavierbauer mit Schwerpunkt historischer Instrumente als für uns - aber wir können natürlich Aufnahmen anhören und uns fragen, ob wir Unterschiede hören oder uns Unterschiede einbilden ...
:D
Ich empfehle den Blindtest. Hier z.B. sind sowohl Neubauten als auch restaurierte Altbauten in Verwendung:

Wer ohne nachzulesen hört, welche Sonaten auf Neubauten gespielt werden, hat mich überzeugt.
:hello:

Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 803

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

33

Mittwoch, 21. September 2011, 19:30

Zitat kurzstueckmeister: "...dass die Komponisten natürlich ihre realen Instrumente im Hinterkopf hatten und nicht für Zukunftsintrumente oder fiktive Kopfinstrumente schrieben)"

Das Wörtchen "natürlich" lese ich mit einer gewissen Verwunderung. Da ich kein Experte, dieses Thema betreffend, bin, zitiere ich einfach mal aus einem Kommentar zu einer Faksimile-Edition von Beethovens Diabelli-Variationen, auf den ich gerade in der FAZ gestoßen bin. Da heißt es:

Die Diabelli-Variationen seien dem "visonären Kritiker" Paul Bekker überhaupt nicht als spielbar erschienen, "weil der physisch wahrnehmbare Klang auf jedem existierenden Instrument lediglich eine Vergröberung der künstlerischen Idee wiedergebe, die eigentlich nur dem geistigen Ohr vernehmbar werde: >Wir sehen, wie hier die Instrumentalmusik, an der Spitze ihrer Entwicklung angelangt, im Entmaterialisierungsdrang sich gleichsam überschlägt: Sie verleugnet sogar ihren Klang<".

Und jetzt denke ich, an die "Abschweifungen" Glockentons vom Thema und seinen Gedanken von der "Urmusik" mich erinnernd:

Wie erfreulich eigentlich, dass es zuweilen auch so etwas "OT-Beiträge" hier im Forum gibt.

Wolfram

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Beiträge: 4 158

Registrierungsdatum: 5. August 2006

34

Mittwoch, 21. September 2011, 20:21

Vielleicht liegt ein Stückchen Wahrheit darin, dass es "die Komponisten" eben nicht gibt - es gab und gibt solche und solche.

Es gab Komponisten, die sehr realistisch für die Instrumente und Ausführenden komponierten, denen die Werke zugedacht waren. Etwa J. S. Bach, dessen "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach" Stücke eines anderen Schwierigkeitsgrades aufweist als etwa die Triosonaten für Orgel, die er für seinen Sohn Wilhelm Friedemann Bach zu dessen Vervollkommnung als Organist komponierte. Auch in den Kantaten gibt es auffällige Abweichungen in den Ansprüchen an Chöre, Solisten und Instrumentalisten - Bach komponierte offenbar mit Blick auf die Praxis des nächsten Sonntags.

Beethoven scherte sich nicht sonderlich darum, ob die Chorsänger seiner Zeit die Stimmen der Missa Solemnis aufführen konnten - noch heute ist das Werk eine Herausforderung für jeden Laienchor (und nicht nur für die). Auch die Hammerklaviersonate konnte keiner spielen - Liszt war der erste, der sie aufführte. Beethoven scheint es nicht gekümmert zu haben. Eventuell hat er durch seine Taubheit davon profitiert, von den Grenzen der seinerzeit real existierenden Instrumente befreit zu sein - wer weiß. Das ist natürlich Spekulation.

Jedenfalls sieht man schon an diesen beiden Beispielen: Komponisten haben sich beim Komponieren teils eher an der Praxis, teils eher an ihrer Vision vom Werk orientiert.

Na ja - das kennen wir ja auch aus dem "richtigen Leben" - da gibt es die Ideenverfechter, die nicht danach fragen, was realistisch ist, und es gibt die Praktiker, die von hochgeistigen Ideen wenig halten, dafür aber das Machbare häufig zielstrebig und effizient erreichen.
Viele Grüße, Wolfram

Theophilus

Administrator

  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 824

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

35

Donnerstag, 22. September 2011, 00:23

Das würde bedeuten, dass gealterte Materialien grundsätzlich besser klingen würden als neue, dass also die Stradivaris nur deshalb so gut klingen, weil sie so alt wären. ...
Nein, nicht grundsätzlich besser, sondern anders - und zwar in einer Weise, die mit einem neuen Instrument nicht erzielbar ist. Das wird dir jeder Geigenbauer bestätigen ("You can't beat age..."). Dabei liegen die Dinge natürlich nicht so einfach, dass man sie mit einem Satz erklären kann. Etwas simplifiziert kann man sagen, je größer das Instrument, desto stärker die Auswirkung der Alterung des Materials. Das bedeutet, dass eine moderne Violine bei Bedarf sehr nahe an die klangliche Qualität eines historischen Vorbildes herankommen kann, bei einem Cello ist es fast unmöglich. Und ein Pianoforte gehört nicht unbedingt zu den kleineren Instrumenten...

;)

Alfred_Schmidt

Administrator

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Beiträge: 18 973

Registrierungsdatum: 9. August 2004

36

Donnerstag, 22. September 2011, 08:23

Zitat

Das würde bedeuten, dass gealterte Materialien grundsätzlich besser klingen würden als neue, dass also die Stradivaris nur deshalb so gut klingen, weil sie so alt wären. ...


Irgendwann in meiner Jugend habe ich mal folgenden Satz gehört oder gelesen:

Eine Violine erblüht im Alter, ein Klavier stirbt.....

Das Holz wird mürber und spröder, der Lack hingegen härter.....

Es ist ja auch so, daß jede Reparatur an einem Instrument den Klang geringfügig verändert, aber daß solche Reparaturen in der Regel unausweichlich sind (Quelle: Thomas Kakuska - un einem persönlichen Gespräch mit mit - etwa um 1978/80)

Ferner ist ja nicht gesagt, daß eine Stradivari (nur als Beispiel) genauso klingt wie zu ihrer Entstehungszeit, ich vermute vielmehr, daß es sich beim vielgepriesenen "Stradivariklang" um ein Phänomen wie den "Galerieton" bei Ölbildern handelt (hervorgerufen durch Vergilben bzw Bräunen des Firniß) - eine Alterserscheinung, die jedoch von den meisten Kunstliebhabern als angenehm und edel empfunden wird...

Womit wir wenigsten ANSATZWEISE wieder beim eigentlichen Thema angelangt wären.

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

flutedevoix

Schüler

  • »flutedevoix« ist männlich

Beiträge: 140

Registrierungsdatum: 23. August 2010

37

Donnerstag, 22. September 2011, 09:08

Zitat

Können wir denn nicht davon ausgehen, dass wenigstens Haydn und Mozart für ihre Instrumente die Musik geschrieben haben, die darauf am besten klingt? Weil die geräuschhaften Anteile eventuell sogar mit berücksichtigt sind? Weil sie mit dem schnell verklingenden Ton ihrer Hammerklaviere rechneten und die Musik daraufhin anlegten? Eines ist doch klar: Sie hatten keinen Steinway im Hinterkopf bei der Komposition - weil sie keinen kennen konnten. Dass sie sich eventuell in Einzelfällen ein Instrument mit länger klingendem Ton gewünscht hätten - mag sein oder auch nicht.


Ich sehe das ganz genau so. Komponisten sind in den seltensten Fällen Traumtänzer, sondern in den meisten Fällen durch und durch Praktiker. Natürlich gab es und gibt es immer wieder Werke, die als unspielbar gelten. Das aber bezieht sich zumindest in den mir bekannten Fällen auf die Spielfähigleiten der Interpreten und nicht auf das jeweils zur Entstehungszeit vorhandene Instrumentarium. nicht umsonst sind etwa einige der "großen" will sagen bekannten Violinkonzerte in enger Zusammenarbeit mit führenden Interpreten ihrer Zeit entstanden, die natürlich Einfluß auf die technische Ausgestaltung des Soloparts nahmen. Diese Zusammenarbeit wurde ja von beiden Seiten gesucht.


Zitat

Ausgehend davon, dass man sich als guter Pianist immer entweder eine Gesangsstimme, eine Oboe, Klarinette, Hörner, Streicher, Celli und Bässe oder auch Perkussionsinstrumente vorstellt, stelle ich die These auf, dass auch ein Komponist sich zunächst eine abstrakte, singende "Urmusik" vorstellte, bevor er daran ging zu überlegen, wie er solche Effekte auf die Parameter eines Tasteninstruments übertragen kann. Er hat also am Anfang vielleicht eine melodische oder rhythmische Idee, oder auch eine bestimmte Akkordprogression im Kopf. Vielleicht hat er sich die Melodie selbst vorgesungen, was ja urmenschlich ist (aus diesem Grunde singen ja gute Pianisten immer mehr -hörbar- oder weniger- nur im Kopf- mit, nicht nur Gould, Gulda oder Brendel, sondern z.B. auch Martha Argerich "kaut" die Töne durch, was nichts anderes als ein gedankliches Mitsingen der Linien für Aussenstehende sichtbar macht - wer wirklich Klavier spielen kann, versteht genau, wovon ich jetzt rede)

Wenn der Komponist z.B. eine bewegte streicherartige Klangfläche haben möchte, über der eine Oboe einen Klagegesang anstimmen soll, dann kann er das pianistisch in triolischen Arpeggio-Akkorden in der linken Hand mit Pedal darstellen, während darüber die rechte Hand die gesangliche Melodie spielt.
Dass ein Komponist, schon bevor er zur Feder griff, sofort das drahtige Peng Peng eines Hammerflügels oder das runde Bomm Bomm eines heutigen Flügels im Kopf hatte, bezweifle ich.


Einfach nur einige Anmerkungen zu der These.
Experte bin ich für Musik bis etwa 1750: für diesen Zeitraum kann ich sagen, daß die Komponisten sehr genau um die Möglichkeiten der Instrumente wüsten und diese auch in die Komposition einfließen ließen. Natürlich gibt es auch da Werke, die das weniger gut oder besser gut widerspiegeln, es gibt auch in dieser Zeit immer Werke, die an die Grenzen der Instrumente stießen. Dies dürfte auch einer der Gründe für Entwicklungen im Instrumentenbauer sein, und ich meine hier beeist Entwicklungen und nicht Verbesserungen.
Beim Improvisieren, damals wie heute, hat das Instrument natürlich einen erheblichen Einfluß auf die Entwicklung der Improvisation. Für mich kann ich sagen, daß ich an der Orgel anders Improvisiere als am Klavier und dort wieder anders als am Cembalo und dort wieder anders als auf der Blockflöte. Das gilt in gleichem Maße für die Realisierung eines Generalbasses: der sieht auf einem Hammerklavier anders aus als auf einem Cembalo, der Orgel oder einem Clavichord.
Zusammenfassend: Es gibt etwas wie eine "Ursuppe", eine musikalische Idee, die dann Gestalt bei der Ausformung annimmt. Und diese konkrete Ausformung hängt natürlich mit dem Instrument, mit den klanglichen Möglichkeiten dieses Mediums zusammen, für das sie gemacht wird. Nicht jedes Werk eignet sich für jedes Instrument, man höre sich nur einmal Mozarts Oboen-/ Flötenkonzert An oder Beethovens Violinkonzert, das es ja auch als Klavierkonzert gibt.

Es ist für uns heutige ja immer schwierig, einen klanglich unvoreingenommenen Blick auf Kompositionen zu haben, eben weil wir eine in der Geschichte der Musik niemals dagewesene Reichhaltigkeit im Instrumentarium haben. Auch sind wir einfach mit bestimmten Spiel- und Hörweisen sozialisiert worden, was bedeutet, daß wir zunächst einen gewissen klanglichen Anspruch, eine klangliche Erwartungshaltung an die aufgeführte Musik haben. Diese über Bord zu werfen ist nicht einfach, mitunter nicht nötig. Grundsätzlich sollte aber bei einer Bewertung der Machbarkeit, der Eignung für Instrumente oder bei der Abwägung von klanglichen Vorteilen des ein oder anderen Instrumentes nicht diese Vorstellungshaltung im Vordergrund stehen. Der richtige Weg ist, so wie es hier geschieht, erst einmal vom Werk, der Komposition auszugehen, auch wenn ich nicht zwangsläufig zu den Ergebnissen meiner Vorredner komme, weder bei Beethoven noch bei Schubert. Indem ich bestimmte Vorzüge des Steinways opfere, gewinne ich Vorzüge des Hammerflügels.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

38

Donnerstag, 22. September 2011, 09:40

Beethoven scherte sich nicht sonderlich darum, ob die Chorsänger seiner Zeit die Stimmen der Missa Solemnis aufführen konnten - noch heute ist das Werk eine Herausforderung für jeden Laienchor (und nicht nur für die). Auch die Hammerklaviersonate konnte keiner spielen - Liszt war der erste, der sie aufführte. Beethoven scheint es nicht gekümmert zu haben. Eventuell hat er durch seine Taubheit davon profitiert, von den Grenzen der seinerzeit real existierenden Instrumente befreit zu sein - wer weiß. Das ist natürlich Spekulation.

Jedenfalls sieht man schon an diesen beiden Beispielen: Komponisten haben sich beim Komponieren teils eher an der Praxis, teils eher an ihrer Vision vom Werk orientiert.

Das Entscheidende ist aber, dass es nicht an den Instrumenten lag, sondern an den Interpreten. Beethoven war natürlich praktisch genug, nichts zu schreiben, das nicht auf den Instrumenten seiner Epoche spielbar wäre. Letzteres wäre dann doch dilettantisch. Jeder Komponist muss sich um das (reale) Instrumentarium scheren.

Aber trotz aller Freude der Beteiligten finde ich dieses OT ätzend, da es dafür genug andere Threads gibt.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

39

Donnerstag, 22. September 2011, 09:48


Etwas simplifiziert kann man sagen, je größer das Instrument, desto stärker die Auswirkung der Alterung des Materials. Das bedeutet, dass eine moderne Violine bei Bedarf sehr nahe an die klangliche Qualität eines historischen Vorbildes herankommen kann, bei einem Cello ist es fast unmöglich. Und ein Pianoforte gehört nicht unbedingt zu den kleineren Instrumenten...


Eine Violine erblüht im Alter, ein Klavier stirbt.....

Das Holz wird mürber und spröder, der Lack hingegen härter.....

Hier spießt sich etwas.
:D
Nämlich die Bewertung "an die klangliche Qualität eines historischen Vorbildes herankommen" ... das suggeriert, dass das "mürbere" Instrument grundsätzlich "besser" klingt. Ich wüsste gerne mal etwas zu den Vorlieben der Musiker im 18. Jahrhundert, ob sie ältere Streichintrumente jüngeren vorzogen oder nicht?

Bei Klavieren war damals natürlich zuviel Entwicklung, da hat man wirklich alte Exemplare kaum brauchen können, oder?

Habt ihr Erfahrungen mit Blindtests Nachbau versus restauriert? Ich höre ja auch "gestorbene" Klaviere sehr gerne, die klingen auch sehr schön.
:hello:

flutedevoix

Schüler

  • »flutedevoix« ist männlich

Beiträge: 140

Registrierungsdatum: 23. August 2010

40

Freitag, 23. September 2011, 15:26

Von mir nun auch noch ein Beitrag zur eigentlichen Fragestellung ;)

Ich kann aus eigener Praktischer Erfahrung über Holzblasinstrumente vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert schreiben, speziell Blockflöte und Fagott, die ich in all Facetten ihrer Baugeschichte und damit auch in Originalen und Nachbauten bereits gespielt habe bzw. spiele. Klavieristisch liegt die Problematik nicht viel anders, wie ich ich von einem guten Freund, der Pianist und gelerntere Klavierbauer ist, gereichten kann.

Grundsätzlich bleibt festzustellen, daß ein Nachbau zwangsläufig anders klingt als das zugrunde liegende Material. Das hängt schon damit zusammen, daß einige Materialien nicht identisch sind. Das Holz ist zwangsläufig anders, länger od. kürzer gewachsen und gelagert, Lacke sind nur bedingt od. auch gar nicht rekonstruierbar, die Materialien für Saiten sind anders. Allerdings bewegen sich die klanglichen Veränderungen, die durch diese Parameter bedingt sind, in einem relativ begrenzten Umfang. Der Klang eines nachgebauten Fortepiano wird dem Original relativ nah kommen. Allerdings unterstütze ich die Iniative, die von vielen Instrumentenbauern und Musikern ausgeht, nicht von Kopien sondern bestenfalls von Nachbauten zu sprechen.

Im Bereich Blasinstrumente besteht seit Jahren ein Bestreben, Nachbauten historischer Insttmente zu "verbessern", um sie vielfältiger einsetzbar zu machen. Ich finde das eine sehr bedauerliche Entwicklung, die entscheidend an der Intention einer historisch informierten Aufführungspraxis vorbeigeht. Man erhält so zwar Instrumente, die zwar relativ nah an den Originalen dran sind, aber sich doch auch klanglich nicht nur marginal unterscheiden. Jede "Verbesserung" bringt eine "Verschlechterung" eines anderen Aspekt mit sich. So bedingt etwa eine fundierte tiefe Lage auf einer Blockflöte fast zwangsläufig eine weniger brillante Höhe.
Interessanterweise kann man an den Kompositionen eines bestimmten Umfeldes sehr genau feststellen, für welchen Typus sie geschrieben wurden. So liegen etwa englische Blockflötensonaten im 18. Jh von ihrem Tonumfang wesentlich tiefer als vergleichbare Sonaten von Telemann. Das entspricht genau den Stärken und Schwächen der in diesem Umfeld nachgewiesenen Instrumente.
Also auch in dieser Hinsicht kann man Unterschiede hören.

Zudem lassen sich Instrumente intonieren, also klanglichen Vorstellungen in gewissen Grenzen anpassen. Wir alle kennen das von Pianisten, die zwar das gleiche Modell eines Steinways spielen, der aber deutlich hörbar anders klingt. Diese Möglichkeiten hatte man zu allen Zeiten und man darf davon ausgehen, daß sie auch genutzt wurden. So macht es auch Sinn zwei baugleiche Instrumente zu besitzen, die aber verschieden intoniert sind. Zudem verändert sich die Intonation, also die klangliche Ausgestaltung eines Instrumentes, zwangsläufig mit der Zeit bedingt durch Alterung. So wird es schwierig, genau zu sagen, wie ein historisches Fortepiano geklungen hat, man kann aber jederzeit feststellen, welche klangliche Möglichkeiten es gegeben habt und immer noch gibt, wenn das Instrument ansonsten baulich unverändert und intakt ist.

Grundsätzlich kann man Unterschiede zwischen "Originalen" und Nachbauten hören. Allerdings halte ich diese Unterschiede bei gleicher Intonation eines Instrumentes für gering, zumal sich ja auch nicht sagen läßt, welches der "originalere" Klang ist.

Thomas Sternberg

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Beiträge: 735

Registrierungsdatum: 19. Juni 2010

41

Freitag, 23. September 2011, 17:20

Hallo flutedevoix,

danke für den informativen Beitrag. Besonders die Passage über die Stärken und Schwächen eines Instrumentes in Bezug auf eine Komposition und deren gezielten Abstimmung finde ich auch in Bezug zu anderen Komponisten interessant.

Viele Grüße Thomas

Alfred_Schmidt

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Beiträge: 18 973

Registrierungsdatum: 9. August 2004

42

Freitag, 23. September 2011, 17:50

Zitat


Original von Kurzstückmeister
Nämlich die Bewertung "an die klangliche Qualität eines historischen Vorbildes herankommen" ... das suggeriert, dass das "mürbere" Instrument grundsätzlich "besser" klingt

Da hast Du mich falsch verstanden. Es ist eher eine Frage des Zeitgeschmacks.
Vergleichbar mit der Aussage, ein Ölbild müsse erst mindestens 100 Jahre altern, damit die Farben "zusammenwachsen" und das Bild den schönen "Galerieton" annimmt. In Wahrheit sind das Alterserscheinungen.


Zitat

Ich wüsste gerne mal etwas zu den Vorlieben der Musiker im 18. Jahrhundert, ob sie ältere Streichintrumente jüngeren vorzogen oder nicht?

Ich glaube, diese Frage hat sich damals gar nicht gestellt. Zum einen, weil gute Geigen immer schon sehr teuer waren, die vererbte man über Generationen, zum anderen weil der Versuch, "historische" Klangbilder nachzuerleben, erst im 20. Jahrhundert als anstrebenswert galt - um derlei machte man sich in der Vergangenheit vermutlich wenig Gedanken...


Zitat

Original von Kurzstückmeister:
Habt ihr Erfahrungen mit Blindtests Nachbau versus restauriert? Ich höre ja auch "gestorbene" Klaviere sehr gerne, die klingen auch sehr schön

GENAU hier sind wir beim wirklichen Thema des Threads angelangt.
"Gestorbene Klaviere" klingen nicht sehr schön, nur alte, die gut restauriert wurden


Zitat

Original von Fluite devoix
Grundsätzlich bleibt festzustellen, daß ein Nachbau zwangsläufig anders klingt als das zugrunde liegende Material.

Und wieder eine Aussage zum eigentlichen Thema.


Zitat

Original von Fluite devoix
Im Bereich Blasinstrumente besteht seit Jahren ein Bestreben, Nachbauten historischer Insttmente zu "verbessern", um sie vielfältiger einsetzbar zu machen. Ich finde das eine sehr bedauerliche Entwicklung, die entscheidend an der Intention einer historisch informierten Aufführungspraxis vorbeigeht.

Diesen Gedanken hatte ich - als ich diesen Thread startete. Nachbauten Historischer Klaviere klingen auch ein wenig nach ihrem Kopisten. Oder sehe ich das falsch ?

mfg aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

flutedevoix

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Registrierungsdatum: 23. August 2010

43

Freitag, 23. September 2011, 18:17

Jedes Instrument wird zwangsläufig nach seinem Erbauer klingen, da er die Intonation macht. Das ist auch richtig so, denn so erhält das Instrument seinen Charakter.

Die sich in diesem Zusammenhang stellende Frage ist nur, inwiefern dieser Charakter dem klanglichen Charakter der Vorlage nahekommt. Ein seriöser Instrumentenbauer wird mit einem Nachbau versuchen, die Qualitäten der Vorlage einzufangen. Für mich gehört dazu, eben auch die Stärken und Schwächen zu haben, denn nur dann sind auch die Qualitäten des Original eingefangen.

Die Entwicklung einer Auffassung, das Original verbessern zu müssen, führt zu einer Uniformität, die nicht gewollt sein kann. Eine Blockflöte nach Stanesby hat anders zu klingen als nach Bressan, Anciuti oder Denner. Das findet man nur immer seltener, alles soll möglichst auf allen Instrumenten spielbar sein. Eine Fehlentwicklung, wie ich finde, die ich auch boykotiere. Das ist eine dieser "Fehlentwicklungen" in der historisch informierten Aufführungspraxis, die ich zunehmend mit unguten Gefühlen verfolge! Daraus folgt daß ich über 60 Blockflöten mein eigen nenne, um für die meisten Werke gewappnet zu sein.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

44

Montag, 26. September 2011, 12:14

Hm ja, da gibt es im Pianoforte-Bereich eine vielleicht vergleichbare uniformisierende Vorliebe für den Walter-Klang, wenns denn ums späte 18. Jahrhundert geht. Oder?

Alfred_Schmidt

Administrator

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Registrierungsdatum: 9. August 2004

45

Montag, 26. September 2011, 12:39

Zitat

Hm ja, da gibt es im Pianoforte-Bereich eine vielleicht vergleichbare uniformisierende Vorliebe für den Walter-Klang, wenns denn ums späte 18. Jahrhundert geht. Oder?

Soo würde ich da nicht sehen. Natürlich haben Klaviere von Walter einen Bonus, weil sowohl Mozart, als auch Haydn und nicht zuletzt auch Beethoven entweder ein Klavier von Walter besassen oder es zumindest positiv beurteilt haben.
Aber es gab auch Instrumente von Graf, Schantz, Stein, Pleyel und Broadwood, um nur die wichtigsten zu nennen. All diese Instrumente - und auch solche italienischer Provinienz - werden heute gerne für Tonaufnahmen eingesetzt. Ich werde bei Gelegenheit einen entsprechenden Thread darüber starten. Vielleicht gelingt es uns auch, beim Stöbern Aufnahmen mit historischen Hammerflügeln weniger bekannter Hersteller zu finden und auf sie zu verweisen...

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

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Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

46

Montag, 26. September 2011, 17:36

Aber es gab auch Instrumente von Graf, Schantz, Stein, Pleyel und Broadwood, um nur die wichtigsten zu nennen. All diese Instrumente - und auch solche italienischer Provinienz - werden heute gerne für Tonaufnahmen eingesetzt. Ich werde bei Gelegenheit einen entsprechenden Thread darüber starten

Es überrascht mich ja nicht, dass im neu gestarteten Thread eben kein Flügel des 18. Jahrhunderts genannt wurde.
(So wie die eingespielten Klavierkonzerte Beethovens nicht dem 18. Jahrhundert entstammen.)