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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

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farinelli

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31

Samstag, 16. Juli 2011, 18:50

Unbestritten, die Wirkung ist unvergleichlich. Mein Argument war aber, daß eine neue eine veraltete Technik restlos verdrängt, wie das elektrische z.B. das Gaslicht. - Ich hab mal ein Fersehfeature gesehen, wo man den Musiksaal in Sanssouci à la Menzels "Flötenkonzert" ausschließlich mit Kerzen illuminierte und die architektonische und atmosphärische Wirkung als ganz wundervoll pries. - Dennoch gibt es keine Kerzenbeleuchtung mehr, die nicht von Kunstlicht überstrahlt würde. - Es ist einfach unwahrscheinlich, daß ein modernes Opernhaus ohne Spezialisierungsabsicht (Drottningholm) zur gemalten Kulisse zurückkehrt.

Zudem fiel mir noch ein, wie ja manche Theatermacher ursprüngliche Bühnenauffassungen wieder fruchtbar machen - z.B Ilka Schönbein auf der Grundlage des Marionettentheaters. Dabei kommt aber eine theatralische Unmittelbarkeit heraus, die so stupend wie schockierend ist.

Die gemütvolle Wirklichkeitsauffassung, die in den märchenhaft realistischen (romantischen) Szenarien eine phantasievolle Verlängerung ihrer Sehnsüchte erfand, eine ganz einfach erzeugbare Illusion, die sich als solche genügte und überzeugte, würde unseren heutigen Auffassungen nicht mehr gerecht werden. Die gemalten Kulissen würden wie altmodische Kinderbücher kostümierte Sehweisen reproduzieren, eine heile Großvaterwelt, die mit modernen Phantasmen nichts mehr gemein hat. Wir müssen eine Form der Illusion wählen, die uns zum Träumen mitreißt, statt eine betuliche Ästhetik von vorgestern, die uns innerlich fremd ist.

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

Milletre

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32

Samstag, 16. Juli 2011, 19:50

Schlag nach bei Schneider-Siemssen. Der hatte den Salzburger (und auch den Wiener) "Tristan" mit ganz einfach anmutenden Projektionen realisiert - und diese Art der Bildgestaltung war ungemein faszinierend. Im 2. Aufzug etwa hatte man im Auditorium das Gefühl, die beiden Liebenden würden sich sachte aus dieser Welt in die unendlichen Weiten des Kosmos "transzendieren" - ohne Bühnenmalerei, ohne Schnickschnack, lediglich durch Beleuchtung und Projektionen imaginiert. Karl Löbl schrieb darüber im Wiener "Kurier" einen hymnischen Bericht unter der Titelzeile: "Das Mysterium im kosmischen Raum" - daß der Setzer dann daraus einen komischen Raum machte, führte schlussendlich dazu, daß der Unglückliche tags darauf in der Chefredaktion (Löbl war damals auch Chefredakteur) habtacht stehen mußte und die Bastonade ausfaßte ...

Also es geht auch mit relativ einfachen Mitteln, vor allem ohne die heutzutage gehäuft anzutreffenden Holz-Keuschen, die z.B.Walhall sein sollen, aber eher an einen Heuschober in den Tiroler Alpen gemahnen. Ganz zu schweigen von dem häßlich-kitschigen Gerümpel, der unsere Bühnen füllt. Wenn dann noch die Akteure in Straßenanzügen auftreten, so daß man nicht erkennen kann, wer wer ist, ist neben dem zweifelhaften Genuß derartiger peinlichen Stümpereien die (gewollte?) Verwirrung bewußt vorprogrammiert.

Grüße aus Wien
von Fritz
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dr.pingel

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33

Samstag, 16. Juli 2011, 19:57

In der legendären Intendantenzeit von Grischa Barfuß in Düsseldorf in den Siebzigern war es der Bühnenbildner Heinrich Wendel ( der dritte im Bunde war Regisseur Georg Reinhardt), der mit einfachen Mitteln (Licht und Projektionen) eindrucksvolle einfache Bühnenbilder schuf, an die ich mich heute noch erinnere (Pelléas, Orfeo usw.).
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"Facebook ist von vorneherein als sozialer 'Validierungs-Feedback-Loop' angelegt gewesen, der die anthropologische Sehnsucht seiner Nutzer, von anderen Bestätigung zu erfahren, in Verweildauer umwandelt, die dann wiederum die Anzeigenkunden interessiert" (dieser Satz ist nicht von Peter Sloterdijk, sondern von Facebook-Mitbegründer Sean Parker).

Milletre

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34

Samstag, 16. Juli 2011, 20:00

Wir müssen eine Form der Illusion wählen, die uns zum Träumen mitreißt, statt eine betuliche Ästhetik von vorgestern, die uns innerlich fremd ist.

:hello:



Das ist meiner Meinung nach ein fundamentales Mißverständnis. Denn wären wir konsequent, dann müßte ebenso das Instrumentarium ("betuliche Instrumente von vorgestern") durch heutige elektische Lärmerzeuger ersetzt werden, die "Sänger" gleichfalls mit ungeschulten Naturstimmen à la Waterloo und Nena möglichst heiser krähend einen Mikrofon-Galgen umgehängt erhalten - ja dann wären wir endlich im 21. Jahrhundert angekommen!
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farinelli

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35

Samstag, 16. Juli 2011, 20:49

Lieber Milletre,

ich habe mich, fürchte ich, allzu mißverständlich ausgedrückt.

Was bei mir im Kopf zusammenlief, war die Assoziation von den mir wohlvertrauten, von Knusperhexe so sehr geliebten gemalten Tableaus und Dioramenfonds zu den märchenhaft phantasievollen Kinderbuchillustrationen der Jahrhundertwende, von Ludwig Richter bis zum Blumenelfchen.

Ich hege die Befürchtung, daß wir dahin nicht zurückgelangen. Wovon wir uns damit heutigentags bezaubern lassen, ist ein nostalgisches Parfum, eine Nostalgie aus zweiter Hand. - Ich rede bloß von der Ästhetik der Bühnenbilder im 19. Jh, um pardon. Sie ist eben nicht mehr Ausdruck unserer Märchenphantasie, sondern die geliehene unserer Großeltern. Im Grunde drückt sich darin eine doppelte Sehnsucht aus, die nach der kindlich geglaubten Romantik und die nach der heilen Bilderbuchwelt von Anno dazumal - naiv und sentimentalisch zugleich quasi.

Dies bloß in Parenthese, zu meiner Verteidigung. - Eine Oper, die das von mir gemeinte im bildnerischen und stofflichen Zusammenhang bestens illustriert, ist Humperdincks "Hänsel und Gretel". - Eine andere, "Pelléas et Mélisande", wurde bei der Uraufführung genauso märchenhaft szenisch umgesetzt. Ich behaupte aber, das lag an der damals selbstverständlichen Genreauffassung. Die Pariser Bühnenentwürfe und Szenenfotos sehen aus wie eine wuchtige Stummfilmkulisse. Sie widersprechen aber dem Wesen von Debussys Oper, die etwas anderes als Wagnersche Ritterromantik mit Schloß und Turm und Kemenate darstellt. Wir haben heute adäquatere szenische Mittel an der Hand, um die Räume um Mélisande, née bien loin d´ici, ins rechte Licht zu rücken.

Aber ich rede immer zuviel, es tut mir leid ...

Alles Gute nach Wien!

:hello:
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Milletre

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36

Samstag, 16. Juli 2011, 21:05

Was heißt, Du redest zuviel. Ich persönlich kann von Deinen sachkundigen und klugen Beiträgen nicht zuviel bekommen, also mach bitte so weiter! Keine Frage, ich freue mich schon auf weitere Beiträge farinellischer Qualität.

Ebenso liebe Grüße aus der Stadt der Kapuzinergruft, die seit heute ein frisch eingelagertes Ehepaar beherbergt,
von Fritz
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Knusperhexe

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37

Sonntag, 17. Juli 2011, 09:28

Zitat

Es
ist einfach unwahrscheinlich, daß ein modernes Opernhaus ohne
Spezialisierungsabsicht (Drottningholm) zur gemalten Kulisse
zurückkehrt.

Wie gesagt, in Russland, Polen und
Tschechien, Italien und Spanien gibt es das noch zuhauf. Und auch
hierzulande immer mal wieder: In Hagen gab es eine Bohéme, wo alles
gemalt war. In Düsseldorf eine Carmen. Sogar die Thalbach hat für ihre
Berliner Inszenierung vom schlauen Füchslein eine gemalte Illusionsbühne
gewählt.

Zitat

Die
gemütvolle Wirklichkeitsauffassung, die in den märchenhaft
realistischen (romantischen) Szenarien eine phantasievolle Verlängerung
ihrer Sehnsüchte erfand, eine ganz einfach erzeugbare Illusion, die sich
als solche genügte und überzeugte, würde unseren heutigen Auffassungen
nicht mehr gerecht werden. Die gemalten Kulissen würden wie altmodische
Kinderbücher kostümierte Sehweisen reproduzieren, eine heile
Großvaterwelt, die mit modernen Phantasmen nichts mehr gemein hat. Wir
müssen eine Form der Illusion wählen, die uns zum Träumen mitreißt,
statt eine betuliche Ästhetik von vorgestern, die uns innerlich fremd
ist.

"Unseren Auffassungen", "Uns innerlich fremd"?
Deinen Auffassungen, Dir innerlich fremd - o.k. - aber nicht "uns".
Dagegen spricht schon der regelmäßig einsetzende Szenenapplaus beim
Aufgehen des Vorhangs.
Regietheater? Nein, danke!

farinelli

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38

Sonntag, 17. Juli 2011, 15:31

Ich dilettiere hier natürlich ein bißchen über Dein Thema, wie man im Spezialthread nachlesen kann.

Als kleine Abbitte: in dem schönen Kinofilm "Wenn Träume fliegen lernen" über den Peter-Pan-Schöpfer James M. Barrie gibt es am Ende eine herzzerreißende Theater-Passage, die sehr viel nostalgischen Bühnencharme besitzt und zeigt, wie ergreifend gerade die absonderlichen und fast dilettantischen Mittel eines improvisierten Zimmertheaters im viktorianischen England heute auf uns wirken. Ich habe damals im Kino ehrlich geweint ...

:hello:
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Knusperhexe

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39

Sonntag, 17. Juli 2011, 15:46

Wieso verallgemeinerst Du immer, farinelli? Und schreibst "uns"? Auf mich hat dieser Film gänzlich anders gewirkt.
Regietheater? Nein, danke!

dr.pingel

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40

Sonntag, 17. Juli 2011, 18:34

Ist immer nicht auch eine Verallgemeinerung?
"Zeitvernichtungsdienste wie Facebook, Twitter oder Instagram..." (Jaron Lanier, Computerexperte).
"Facebook ist von vorneherein als sozialer 'Validierungs-Feedback-Loop' angelegt gewesen, der die anthropologische Sehnsucht seiner Nutzer, von anderen Bestätigung zu erfahren, in Verweildauer umwandelt, die dann wiederum die Anzeigenkunden interessiert" (dieser Satz ist nicht von Peter Sloterdijk, sondern von Facebook-Mitbegründer Sean Parker).

Knusperhexe

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41

Sonntag, 17. Juli 2011, 19:05

Gut, warum schreibst Du so oft "wir" und "uns", wenn es eigentlich "ich" heißen müsste, farinelli?
Regietheater? Nein, danke!

Gerhard Wischniewski

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42

Sonntag, 17. Juli 2011, 20:16

Was die Diskussion um das Bühnenbild betrifft: Ich stelle da nicht ganz ganz die gleichen Ansprüche wie Knusperhexe oder Chrissy. Ich erwarte kein von Einzelheiten überladenes Bühnenbild (wie etwa im Biedermeier), aber es muss mir mit seinen Elementen die Illusion geben, dass ich mich am richtigen Ort der Handlung befinde, also im Wald, in einer Burg, in einem Festsaal, in einem Dom usw. Ich habe das in meiner Kritik zur DVD "Tristan und Isolde" aus Mailand zu erläutern versucht, dass mir das dortige - wenn auch sparsame - Bild von Peduzzi durchaus diese Illusion vermittelt hat. Leider hat sich zu diesem Thema dort (außer Dr. pingel) niemand geäußert, obwohl ich gerne die Meinungen anderer in Bezug auf das sog. "Regietheater" Gleichgesinnter gelesen hätte. Vielleicht kennen viele von euch diese Inszenierung nicht. Von der "Russalka" habe ich eine Aufnahme von 1998 aus Prag, die im damaligen ZDF-Theaterkanal gesendet wurde (auf DVD habe ich sie bisher noch nicht finden können). Dort wird im ersten und letzten Akt die Landschaft am See weitgehend mit farbig beleuchteten, durchsichtigen Vorhängen und Lichtprojektionen illustriert. Weitere Elemente sind ein Podium, auf dem später die Hexe Jesibaba ihre Zauberkünste vollführt, und ein großer Vollmond (der im letzten Akt zur dünnen Sichel geschrumpft ist). Auch der Saal im Schloß wird weitgehend durch Projektionen auf diese Vorhänge dargestellt, wobei zu dem Podium eine lange Treppe im Hintergrund und als weiteres bespielbares Element ein kleines Podium mit Geländer auf der anderen Seite hinzukommt. Dieses Bild lässt - zumindest in mir - durchaus die Illusion zu, im Land dieses schönen Märchens zu sein (Fritzls Keller dagegen wohl kaum oder z.B. die an anderer Stelle schon erwähnte Rumpelkammer, in der Siegfried auf einer alten Waschmaschine auf sein Schwert losschlägt). Was die Kostüme betrifft, auch sie müssen nicht überladen sein, aber sie müssen den Eindruck vermitteln, dass sie in die Zeit der Handlung passen (was die abgelegten Alltagsklamotten der Schauspieler oder die wohl noch haufenweise zur Verfügung stehenden Uniformen aus der Nazizeit in den neuerdings häufig damit bestückten Opern oder Operetten nicht tun). Allergisch bin ich, wenn die Handlung total verdreht, alles in für den Zuschauer ohne Anleitung nicht durchschaubare (und auch mit Anleitung oft nicht nachvollziehbare) Deutungen gezwängt wird oder - siehe z.B. Komische Oper Berlin - zur Blödelshow entstellt wird.
Gott sei Dank findet man wenigstens bei der DVD noch ansprechende Inszenierungen und es gibt gute Bild- und Tonanlagen fürs Heim. Zwar ersetzt das nicht den Opernbesuch, aber man ist als Opernfreund wenigstens nicht mehr allein darauf angewiesen.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

Bernward Gerlach

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43

Sonntag, 17. Juli 2011, 21:03

Allergisch bin ich, wenn die Handlung total verdreht, alles in für den Zuschauer ohne Anleitung nicht durchschaubare (und auch mit Anleitung oft nicht nachvollziehbare) Deutungen gezwängt wird oder - siehe z.B. Komische Oper Berlin - zur Blödelshow entstellt wird.
Gott sei Dank findet man wenigstens bei der DVD noch ansprechende Inszenierungen und es gibt gute Bild- und Tonanlagen fürs Heim.
Was ist nun leichter zu ertragen, eine Inszenierung, die nicht gefällt aber die Sänger sind hervorragend, oder schlechte Sänger und eine hervorragende Inszenierung, wenn beides zusammen nicht zu bekommen ist. Dann also der Griff zur DVD. Im Übrigen kann ich das obige Zitat voll und ganz unterstreichen.

LG, Bernward

"Nicht weinen, dass es vorüber ist
sondern lächeln, dass es gewesen ist"
Waldemar Kmentt (1929-2015)


Gerhard Wischniewski

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44

Sonntag, 17. Juli 2011, 21:21

Zitat

Was ist nun leichter zu ertragen, eine Inszenierung, die nicht gefällt aber die Sänger sind hervorragend, oder schlechte Sänger und eine hervorragende Inszenierung, wenn beides zusammen nicht zu bekommen ist.
Ja lieber Bernward, da meine ich noch, dass die schlechte Inszenierung leichter zu ertragen ist. Einfach die Augen schließen, wie ich es schon von mir selbst an einigen Stellen berichtet habe (Allerdings mit dem Bedauern, dass ich einen Großteil des Eintrittspreises verschleudert habe). Beim Fernsehen ist das einfacher: Bild abschalten und Übertragung über die Stereoanlage weiterhören.

Liebe Grüße
Gerhard
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Knusperhexe

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45

Montag, 18. Juli 2011, 09:42

Nee, ich kann besser schlechte Sänger ertragen als eine verfremdete Inszenierung.
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Gerhard Wischniewski

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46

Montag, 18. Juli 2011, 10:04

Hallo Knusperhexe,

das heißt nicht, dass ich in eine schlechte Inszenierung gehe, wenn ich es vorher weiß, nur um gute Sänger zu hören. Und in der Regel kann ich mich ja auch informieren und garnicht erst buchen. Ohne Abonnement ist das ungefährlicher als zu der Zeit, zu der ich noch Abonnements hatte. Aber war ich mal (in meiner Abonnementszeit) unversehens in eine schlechte Inszenierung mit gutem Gesang geraten, dann habe ich die Augen geschlossen und zugehört, damit wenigstens der Eintrittspreis nicht völlig umsonst ausgegeben war, denn ich bin ja kein Krösus. Nutzbringend wäre ein Verlassen des Saales ja nur, wenn das alle Unzufriedenen gleichzeitig machen würden. Und im Fernsehen verlierst du zwar etwas von dem schönen Abend, auf den du dich gefreut hast, aber kein Geld, und du kannst wenigstens einen Teil des Abends erhalten, indem du nur den Fernseher abschaltest und gute sängerische Leistungen über die Stereoanlage weiterhören kannst. In diesem Sinne hatte ich esa gemeint.

Liebe Grüße
Gerhard
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Knusperhexe

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47

Montag, 18. Juli 2011, 10:39

Es ist irgenwie alles so kompliziert geworden seit es das doofe Regigitttheater gibt: Früher musste man nicht erst studieren, von wem die Inszenierung ist, wie die Szenenfotos ausschauen und die Kritiken ausgefallen sind. Ich ging an die Abendkasse und gut. Seltenst wurde ich enttäuscht, konnte sicher sein, dass ich das Werk geboten bekam, wie es im Libretto stand.

Anneliese Rothenberger sagte mal, sie gehe gar nicht mehr in die Oper, da sie sich von dem modernen Mist nicht ihre schönen Erinnerungen zerstören lassen wolle. So geht es mir auch immer mehr. Ich kriege es nie vollständig hin, die Augen zu schließen. Bin dann einfach zu neugierig und bereue es direkt. Das Regigittheater ist so aggressiv, destruktiv und offensiv, dass es sich gleich in meinem armen Hirn festfrisst und die anderen Bilder negativ verfärbt. Die Rusalka wird für mich nie mehr dieselbe sein, auch wenn ich von der abartigen Müncher G`schicht nur Fotos sah. Jedesmal, wenn ich die Cd jetzt einlege kommen für kurze Zeit dieser doofe Fritzl-Keller und die ausgeweideten Rehe mitsamtblutverschmiertem Chor vor mein inneres Auge. Es ist wie ein Schock, den ich ganz schnell verdrängen muss.
Regietheater? Nein, danke!

Gerhard Wischniewski

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48

Montag, 18. Juli 2011, 10:56

Hallo Knusperhexe,

dem könnte ich schnell durch eine Aufnahme der Russalka abhelfen. Wie schon in Nummer 42 gesagt, besitze ich eine wunderschöne Inszenierung aus Prag, die ich aber als DVD im Handel noch nicht ausfindig machen konnte, wenn ein direkter Kontakt zustande käme. Ich bin allerdings einmal persönlich belehrt worden, dass das hier im Forum nicht erwünscht sei, als ich dir damals die Rheingold-Inszenierung, die du 2007 gesucht hattest, anbot, deshalb bin ich jetzt etwas zurückhaltender.

Liebe Grüße
Gerhard
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49

Montag, 18. Juli 2011, 11:46

Lieber Gerhard,

vielen Dank für Dein Angebot. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die Aufführung nicht kenne. Werden die projektionen nicht auf lang herabhängenden Streifen geworfen? Möchte heir ungern meine Mailadresse kommunizieren. Du findest mich aber auf youtube. gib einfach mal ein: "The Cologne Titanic - das alte Kölner Opernhaus" :-)

Lieben Gruß vom immer noch am Rheingold interessierten,

knuspi
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Gerhard Wischniewski

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50

Montag, 18. Juli 2011, 23:15

Hallo Knuspi,

ich habe mir "The Cologne Titanic" auf you tube angesehen, aber damit bin ich leider nicht weitergekommen. Ich bin da vielleicht etwas leichter zu finden. Mit Google findest du mich unter meinem Namen (der ja hier im Forum real angegeben ist) nicht nur mit vielen Beiträgen ins Forum, sondern auch mit einer Reihe von Berichten für unseren Filmclub (www.filmvideokreis-lev.de). In meinem letzten Bericht über das Landesfilmfestival (Aktuelles) kannst du mich sogar sehen (bei den Bildern zum Film"Trau Schau Wem"). Und noch etwas verrate ich dir: In der Adressangabe ist auch meine Frau E. genannt. Meine e-mail-Adresse steht leider nicht dabei und ich will sie hier ebenfalls nicht unbedingt nennen. Aber es gibt ja auch Postkarten.
"Rheingold" von Karajan schicke ich dir dann in jedem Fall und es schadet ja nichts, wenn ich dir "Rusalka" ebenfalls sende. Solltest du sie bereits kennen und besitzen, kannst du sie ja an Interessenten weitergeben. Ich freue mich auf deine Post.

Liebe Grüße
Gerhard
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51

Dienstag, 19. Juli 2011, 09:11

Lieber Gerhard,



herzlichen Dank! Und wie interessant!!!! Habe Dir über info@ geschrieben:-)



Viele Grüße,



Knuspi
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Bernward Gerlach

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Dienstag, 19. Juli 2011, 11:09

Ein weiteres Problem ist, dass wir heute das Jahr 2011 schreiben. Es gibt die großen alten Regisseure nicht mehr. Die Nachfolger, u.a. Konwitschny, haben andere Vorstellungen. Es ist auch von uns nicht ganz fair, die Aufführungen nur mit der verklärten Vergangenheit via DVD oder Video-Kassette zu vergleichen. Karajans und Kleibers Rosenkavalier, Böhms Figaros Hochzeit, ja wo gibt es denn heute noch so etwas. Aber: Heutige Regisseure wollen Oper für das und im 21. Jahrhundert auf die Bühne bringen. Dass das Regietheater heute zunehmend schrecklich anzuschauen ist, steht für mich außer Frage. Aber mit den alten Klamotten von früher, die heute mehr als 50 Jahre auf dem Buckel haben, kommt die "Jugend" wohl kaum in die Oper. Nebenkriegsschauplätze wie Preise, Entfernung, Kleidung kommen womöglich noch dazu. Vielleicht sollte an der Hochschule ein Lehrstuhl für Regisseure eingerichtet werden, wo man lernen kann, wie alte Opern in modernem Gewand auf die Bühne gebracht werden. Bei den "Alten" abkupfern will ja keiner. Der Ring unter Mehta war doch ein gutes Beispiel.


LG, Bernward

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rodolfo39

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Dienstag, 19. Juli 2011, 11:43

Der Regisseur Pier Luigi Pizzi hat in einem Interview einige interessante Dinge gesagt :

Am 22.Juli feiert Verdis „Maskenball“ Premiere, am 23. folgt „Rigoletto“. Mozart kommt mit „Così fan tutte“ im Teatro Lauro Rossi zu seinem Recht (ab 24.Juli). Intendant Pier Luigi Pizzi setzt auf junge Stimmen – und auf Regie-Arbeiten, die keine Zweifel darüber aufkommen lassen, welches Stück da eigentlich gespielt wird. Im Gespräch resümiert der Maestro mit gutem Humor: „Ich bin jetzt seit so vielen Jahren im Geschäft. Es hat sich viel verändert. Die Art, wie man Theater macht. Als ich anfing, da gab es große Stimmen. Und große Dirigenten. Die Regie war eigentlich nicht wichtig. Seit über Regie so viel diskutiert wird, gibt es eine Spaltung: Das Publikum wünscht sich große Show, die Kritiker suchen Verwirrung, Provokation vielleicht. Dadurch sind viele neue Gesichtspunkte auf die Bühne gekommen. Das ist nicht nur schlecht. Aber vieles, was provozieren soll, hat heute schon den Wert eines Déjà-vu-Erlebnisses. Es war ja alles schon da!“



„Größe gibt es ja immer“

Was nicht heißen soll, dass sich Pizzi gegen die fortwährende Erneuerung des Opern-Erlebnisses sträubt. „Größe“, sagt er, „gibt es ja immer. Auch heute. Es ist völlig falsch, wenn Menschen behaupten, die wirklichen Persönlichkeiten, die bedeutenden Bühnenerscheinungen seien ausgestorben. Was wir am Theater erleben, ist eine konstante Evolution. Theater, das ist ein notwendiger, unausgesetzter Veränderungsprozess. Dabei erleben wir gute, aber immer auch sinnlose Sachen.“

„Wichtig“, sagt er, „ist und bleibt die Ironie – die muss man immer haben, aber gegen sich selbst! Sie gegen ein Werk zu richten, das ist leicht. Eine Parodie kann jeder Student am Konservatorium sofort machen. Das ist keine Kunst. Aber das Publikum heute frisst alles. Die große Krankheit unserer Zeit ist die Gleichgültigkeit – in Wahrheit gilt das auch politisch. Ich glaube, das kommt vom Fernsehen. Kein Mensch sieht mehr ein wirkliches Bild, jeder sieht jeden Tag die Fernsehbilder. Die stumpfen ab.“

Was die Kunst dieser Abstumpfung entgegenzusetzen hat? „Schönheit“, sagt Pier Luigi Pizzi, „die Schönheit rettet zwar nicht die Welt. Aber sie hat Gewicht, solange sie nicht zum Selbstzweck wird. Und damit sich diese Schönheit entfalten kann, braucht es eine Atmosphäre. Eine schöne Inszenierung gibt es also nicht, ein schönes Bühnenbild allein hat noch keinen Sinn.“

Diese Erkenntnis war mit ein Grund, dass aus Pier Luigi Pizzi irgendwann ein Regisseur wurde. Berühmt war er zuvor bereits als Bühnenbildner. Er begann 1951 bei Giorgio Strehler in Mailand, arbeitete dann viel mit Luca Ronconi, freilich auch mit weitaus schwächeren Theatergeistern, an die er sich heute nur mehr pauschal erinnern will.



„Attila mit al-Qaida, das ist sinnlos“

„Ich habe unzählige Bühnenbilder gemacht für andere Regisseure. Aber da gibt es einen Moment, an dem man sagt: Basta. Viele Regisseure haben dann ja meine Ideen verarbeitet. Dann habe ich mir gesagt, ich mache das lieber unverfälscht selber.“ Und zwar in enormer Bandbreite – von der Barockoper bis zu Henzes „Elegie für junge Liebende“ oder Adés' „Powder Her Face“.

„Oper ist ja nicht tot, wie viele meinen“, sagt er, „es ist auch überhaupt nicht nötig, ein Stück in die heutige Zeit zu transferieren. Bei Komödien ist das zwar relativ leicht möglich, aber einem Attila mit der al-Qaida zu kommen, ist völlig sinnlos. Da mache ich lieber heutige Stücke.“



„Ein echtes Festival braucht Einheit“

Mittlerweile inszeniert er auch das Macerata-Festival, und zwar träumt er da durchaus von einer stimmigen Gesamtwirkung. „Ein echtes Festival“, sagt er, „braucht Einheit, nicht Auftritte von einzelnen Stars, um die herum halt irgendetwas arrangiert wird. Es geht um ein Gesamtprojekt, innerhalb dessen die Musikfreunde neue, gute Stimmen entdecken möchten. Anders als in Verona haben wir im Sferisterio eine exzellente Akustik, sodass die Sänger nicht brüllen müssen. Die Qualität einer Stimme kann sich hier wirklich entfalten. Auf diese Weise ist es uns immer wieder gelungen, jungen Sängern zu guten Starts zu verhelfen. Heuer haben Sie zum Beispiel Gelegenheit, mit Teresa Romano eine hinreißende junge Sopranistin zu entdecken. Sie ist 26 und singt die Amelia in Verdis ,Ballo in maschera‘. Sie hat bei Claudio Abbado begonnen und mit ihm Pergolesi aufgeführt und aufgenommen. Sie war bei uns Margarethe, Donna Elvira und Fiordiligi.“

Stimmen wie diese entdeckt Pizzi auf seinen vielen Reisen. „Ich höre Vorsingen, ich höre Vorstellungen, weltweit.“ Mit jungen Künstlern dieses Formats versucht er, seiner Maxime treu zu bleiben, die da lautet: „Auch in Zeiten der Finanzkrise kann man nüchtern kalkulieren und weiterarbeiten, ohne dass die Qualität leidet. Es stimmt zwar, dass man Gefahr läuft, immer weniger zu bekommen, je mehr man beweist, dass man sparen kann. Aber vielleicht ist das viele Geld ja auch nicht immer sinnvoll ausgegeben worden. Die Katze beißt sich in den Schwanz: Jeder neue Kulturminister sagt: Kultur ist wichtig. Und jeder Finanzminister sagt darauf: Nein.“

farinelli

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Dienstag, 19. Juli 2011, 21:36

"ich schließe die Augen und höre Mozart ..."

In den 50ern und 60ern wurden die Opern-Gesamteinspielungen perfektioniert.

Live-Aufnahmen bildeten die Ausnahme. Die DGG schnitt da noch am besten ab - ihr verdanken wir immerhin die Keilberth- und Böhm-Sträusse sowie den großartigen Böhm-Tristan aus Bayreuth.

Bei der Decca war die Livetechnik anfänglich eine Notlösung fürs Wagnerfach. Später hat Culshaws Perfektionismus die Studiotechnik bestimmt. Ihm verdanken wir den Verlust des Keilberth-Rings sowie den pseudo-räumlichen Breitwandklang ("Sonicstage") mit seinen Effekten.

Bei Columbia/ HMV kultivierte Legge einen surrogathaften Dramatikstil, in dem das Mikrofon die Hauptrolle spielte. In der De-Sabata-Tosca etwa meint man zu erleben, daß die Sänger ihren Rollen nichts schuldig bleiben. Eine hörspielhafte Verdichtung macht das Bühnengeschehen scheinbar überflüssig.

Bei RCA/ HMV muß man bis zu Toscaninis Konzertopern zurückgehen, deren ungefiltertes Live-Flair bis heute unerreicht blieb.

Zweifellos haben die Klassikhörer "gelernt", die Oper als bildloses Akustikphänomen zu genießen, den Film im Kopf. In diesem Vakuum entstand dann das Regisseurstheater, losgelöst von visueller Evidenz. Und so mancher Operfreund floh aus dem rauhen Thaterbetrieb in die Idealität seines heimischen Konzertsaals.

Aber auch das Regietheater läßt sich akustisch nicht einfangen. Der Chéreau-Ring klingt auf Langspielplatten nach dramatisch-plastischem Wagner. Umgekehrt bieten auch so sorgfältig erarbeitete Schallplatten auf der Grundlage von Bühnenproduktionen wie Karajans Salzburger Ring oder Molinari-Pradellis Rigoletto mit Grist und Evans keinen Anhaltspunkt für ihre Art der Dramaturgie. Oder Soltis Covent-Garden-Onegin: Man hört von der ausgefeilten Szenerie und den Kostümen nichts.

Erst die DVD macht aus der Oper wieder ein auch medial audiovisuelles Erlebnis. Schnittechnik und tontechnische Brillanz ersetzen die Theaterluft. Man kann vielfach zwischen alten und neuen, klassischen und modernen Inszenierungen wählen. Damit ist ganz bestimmt die Voraussetzung dafür geschaffen, daß sich Hör- und Seherwartungen wieder besser miteinander verbinden. Und vielleicht bekommen wir ja auch einen Culshaw oder Legge der DVD-Technik, die musterhaft dichte und klassische Bühnensurrogate für den Bildschirm entwerfen. Und unsere Enkel werden einmal besser beurteilen können, wie heutigentags die Theaterlandschaft beschaffen war.

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farinelli

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Mittwoch, 20. Juli 2011, 14:22

The chronicles of wasted time

Ein anderer Nebenaspekt des Themas berührt die Geschichte des Kostümdramas.

Im Stummfilm und bis in das Hollywood-Kino der 60er Jahre waren Ritter- Sandalen- oder Mantel-und Degen-Spektakel zugkräftige Genres.

Danach näherte sich das Kino unaufhaltsam der Gegenwart an und wurde zu einem Medium, die eigene Wirklichkeit zu begreifen - die Härten der Westernwelt und (im Krimi) des Großstadtjungels, die brutalen Kraßheiten des Jargons, der Sex-Verismus, die mafiösen Strukturen als Tiefenaufriß einer auch moralisch komplexen Gesellschaft bis hin zu den politischen Statements zu Watergate und Vietnam oder jüngst zu Afghanistan spielten sich in den Vordergrund eines aktuellen Realismus und Naturalismus.

Dadurch wandelte sich die Auffassung des Kostümdramas, das vor allem in Frankreich und England weiterhin gepflegt wurde. Schon in den 60ern boten Pasolini und Fellini Gegenmodelle zum Hochglanzkitsch des Sandalenkinos. Kubricks "Barry Lyndon" definiert die ästehtischen Richtlinien des Genres neu. Filme wie "Ridicule" oder "Der König tanzt" zeugen von einem kulturhistorischen Verständnis ganzer Epochen; und in James Ivorys Bloomsbury-Dramen wird die intime Vergenwärtigung der Viktorianik auf die Spitze getrieben.

Hollywood knüpft mit "Dangerous Liaisons" oder den Wilde- bzw. Austen-Adaptionen an beide europäischen Traditionen an. Mit "Troja", "Alexander" oder "Gladiator" wird aber auch das Sandalenkino fortgeschrieben, freilich ohne die kostümierte Naivität und Unbefangenheit der Ben-Hur-Ära. - Die alten Genres gibt es fast bloß noch gebrochen und ironisch zitiert, "Dead Man" oder "True Grit" z.B. für den Western, Sofia Coppolas "Marie Antoinette" für den Kostümfilm des 18.Jh oder Guy Ritchies "Sherlock Holmes".

Die realistische Ausgestaltung mißt sich vor allem an einem Thema jüngster Vergangenheit - dem zweiten Weltkrieg und den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Genrefreude des Westerns an der rauhen Welt der Urgroßväter verlagert sich in die semidokumentarische, ethnologisch ausgerichtete Erfahrung fremder Kulturen wie Tibet, was den globalen Zugriff von Dramen wie "Babel" vorbereitet.

Ohne die Emanzipation der Gewaltdarstellung wäre auch "Schindlers Liste" nicht möglich gewesen (Realismus hat viel mit Sehgewohnheiten und den ästhetischen Konventionen zu tun: Ein Kopfschuß aus kurzer Distanz ist nicht nur eine Unmenschlichkeit, sondern v.a. ein Bruch mit der gängigen, gemilderten Kinodarstellung).

Zurück zu unserem Thema: In Deutschland gibt es heute so gut wie keinen Kostümfilm mehr. Historisch ambitionierte Projekte beziehen sich meist auf die Kriegszeit, eher auf die jüngere Zeitgeschichte (Baader-Meinhoff-Komplex, Sonnenallee, Solino), seltener auf die Fontanezeit und gar nie etwa auf Friedrich II. Das hat zweifellos etwas mit unserem Geschichtsknick zu tun, dem schwierigen Anknüpfen an die deutsche "Große Zeit" Bismarcks z.B., es liegt an dem skeptischen Erbe unserer Literatur (Stechlin, Buddenbrooks), an der Geschichtslosigkeit der modernen Gesellschaft, der Schulbildung.

Auch hier liegt ein Grund dafür, daß in Deutschland eher als in England oder Frankreich (oder Amerika und Rußland) ein Bruch mit der dekorativen Funktion der Bühnenausstattung im Opernbereich vollzogen wurde. Und es kommt nicht von ungefähr, daß dies maßgeblich von Bayreuth ausging, wo man Wagner gegen eine schwierig gewordene Tradition in Schutz zu nehmen müssen glaubte.

Großartige deutschsprachige Biedermeier-Filme wie "Winterreise" (über Franz Schubert) oder "Requiem für eine romantische Frau" (über Clemens Brentano) verweigern sich dem Kostüm-Klischee und bieten schonungslosen psychologischen Realismus.

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Milletre

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Mittwoch, 20. Juli 2011, 15:47

Zweifellos haben die Klassikhörer "gelernt", die Oper als bildloses Akustikphänomen zu genießen, den Film im Kopf. In diesem Vakuum entstand dann das Regisseurstheater, losgelöst von visueller Evidenz. Und so mancher Operfreund floh aus dem rauhen Thaterbetrieb in die Idealität seines heimischen Konzertsaals.
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Lieber Meister farinelli,

der Film im Kopf, wie du es nennst, bildet alles andere als ein Vakuum, imaginiert doch eine Audio-Wiedergabe kraft der farblichen Sprache der Musik eine Vielzahl von Gefühlen wie Leidenschaften, Trauer, Zorn, Melancholie und was weiß ich, was noch alles. Wenn ich das Es-Dur-Klaviertrio von Schubert oder sein d-moll-Streichquartett erlebe, bilden sich in meinem Innern derart mannigfache Gefühlsregungen, dass von einem Vakuum wahrlich nicht gesprochen werden kann - Gleiches gilt auch für Solistenkonzerte, Sinfonien, Opern ...

Du zitierst im Folgethread den Chereau-"Ring". Der wiederum - für mich alles andere als ein Jahrhundertring! - zerstört permanent meine Imagination, die ich aus der Musik beziehe.

Für mich war der Karajan-Praetorius-"Ring" in Wien (ab 1959) das Maß aller Dinge, denn diese aus der Musik geschaffene Meisterleistung imaginierte exakt das, was ich darunter verstehe: einen mystischen Bogen vom Anfang in undefinierter Urzeit bis hin zum Ende - dem Weltenbrand. Der Ring, den die Rheintöchter wieder empfingen, gab Hoffnung auf neues, unbekanntes Entstehen. Ich bin davon überzeugt, dass man diesem grandiosen Werk Gewalt antut, wenn man aus dieser Mythologie ein zeitbezogenes Elaborat zusammenzimmert. Anmerken möchte ich aber, dass die Personenregie im Chéreau-"Ring" eine beeindruckende Meisterleistung war.

Grüße aus Wien
von Fritz
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Mittwoch, 20. Juli 2011, 17:59

Liber Milletre,

"Nicht Meister! Nein!
Will ohne Meister selig sein!"

- ich habe, wie Knusperhexe ja ganz richtig bemerkt, einmal wieder zuviel von mir selbst gesprochen. Denn ich war es, der sich das Opernrepertoire vornehmlich von der Schallplatte her erschlossen hat. Und das Vakuum besteht natürlich nicht im Kopf, sondern zwischen der imaginären Dramatik einer guten Plattenaufnahme und den realen Bedingungen des Theaterbetriebs.

Ein häufiger Theatergast wie Du wird diese Entfernung der Rezeption von der Bühne nicht nachvollziehen können. Ich denke auch, daß es früher einmal gar nicht üblich war, eine Oper anders als über die Aufführung kennenzulernen, und das zu einer Zeit, wo man sich an die Regieanweisungen hielt. Beides wurde völlig miteinander identifiziert. Erst die Schallplatte als Konkurrenzmedium eröffnet das Reich der "bildlosen" Imagination ohne Korrektiv. - Vielleicht ist das ja auch bloß eine persönlich Veranlagung von mir, ein Mangel an szenisch-plastischer Phantasie.

Schon bei Wagner habe ich fließende Raumvorstellungen, die mit starren Kulissen kollidieren. Und meine erste Begegnung mit dem "Pelléas" unter Karajan, über Kopfhörer zur Boosey&Hawkes-Partitur, war wie ein fluktuierender Film von einer Beweglichkeit, die auf keiner Bühne darstellbar wäre.

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Milletre

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58

Mittwoch, 20. Juli 2011, 19:40

Lieber farinelli (auch wenn du's nicht zugibst, du bist doch ein Meister)!

Meinst du die Studioaufnahme des "Pelléas" oder gar (ich kenne dein Alter ja nicht) die unglaublich stimmungsvolle und atmosphärisch dichte Produktion an der Staatsoper von und mit Karajan (1962)?


Grüße aus Wien
von Fritz
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59

Mittwoch, 20. Juli 2011, 21:14

Der Jude im Dorn

1962 zumindest war ich noch nicht auf der Welt, es war die Studioaufnahme. Aus jenen Wiener Jahren kenne ich aber die Elektra und die Frau ohne Schatten HvK´s.

Und so erging es mir heute: Eigentlich wollte ich was posten über die antisemitischen Konturen bei Mime und Beckmesser. Chéreau hat ja Loge und Mime die Züge des jüdischen Intellektuellen verliehen (zumindest kann man´s so sehen; Heinz Zednik macht das grandios). Es gab kürzlich erst ein großes Symposion zum Thema, und man stößt aus affirmativer Sicht auf Paul Becker, aus kritischer Sicht u.a. auf Adorno. Und dann fand ich noch einen sehr geistvollen Aufsatz von Gerhard Scheit (in Chilufim, 5/2008 ), der diese antisemitische Konturierung bereits für die zeitgenössische Rezeption namhaft macht und u.a. Gustav Mahler nennt. Der sei fasziniert gewesen von gerade diesem Zug der Mime-Figur und habe die grotesken, leibhaft sich gebärdenden Elemente in seiner Sinfonik, zumal den Scherzi, zu nutzen gewußt.

Da sieht man mal, wie weit das Regietheater im Grunde zurückreicht. Nun ist Mime ja in erster Linie ein tückischer Zwerg und erst in zweiter Linie mit einer meckernden Diktion, Habgier, Häßlichkeit und genealogischem Größenwahn ausgestattet. Seine praktische Unfähigkeit und seine zur Natur gewordene Verstellung, seine niedrige Bosheit, seine kleinbürgerliche Engherzigkeit und seine bis zur Kuckucksvaterschaft reichende planvolle Geheimexistenz runden dieses Charakterbild bedenklich ab.

Bei Beckmesser sieht es nicht besser aus. Der eigentlich auf Hanslick zielende Stadtschreiber vereint das Amt des überscharfen Kunstrichters mit der Ambition eines verhinderten Poeten. Wenn ich recht sehe, war Hanslick, in der Sprache des Tausendjährigen Reichs, von der Mutter her Halbjude, in der Sprache seiner Zeit ein getaufter Jude. Der angemaßten blonden Braut entspricht der angemaßte Lorbeer für ein angemaßtes Stück echter Kunst, daß in seinen Händen zur Entstellung, zur Karikatur gerinnt. Dieser befremdliche Gesang in seiner hohlen Melismatik kann sehr wohl als verhöhnter Kantorenvorgesang gehört werden. Die Zeitgenossen jedenfalls hörten es heraus, und vor dem Hintergrund unserer Mohammed-Karikaturendebatte sollten wir wissen, was solche Ohren schärft.

Die Demaskierung eines im Grunde mißgünstigen, neidischen, selbstgerechten und durch und durch unaufrichtigen Naturells verbindet Mime und Beckmesser als komische Figuren ebenso wie die nervtötend eloquente, grotesk sich windende Diktion.

Zu guter Letzt, um denn die Freunde klassischer Regie zu versöhnen, fand ich bei youtube einen Ausschnitt der Singeschulszene aus der Hamburger Staatsoper von 1970, mit Richard Cassily als großartigem Stolzing, Toni Blankenheim als tollem Beckmesser und dem verblüffend guten Giorgio Tozzi als Hans Sachs (Arthaus). - Thielemanns Wiener "Meistersinger" (Unitel Classica) in der opulenten Schenk-Inszenierung kenne ich nur vom Festwiesenbild. Vermutlich ist der Beckmesser mir hier zu harmlos genommen.

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Mittwoch, 20. Juli 2011, 22:31

Starker Toback

aus einem Interview mit Stefan Mickisch (Focus 2008 ):

FOCUS: Was meinen Sie, woraus der derzeit modische Inszenierungsstil resultiert?
Mickisch: Aus der 68er-Bewegung - deren wenige positive Aspekte anzuerkennen sind -, verbunden mit Unkenntnis der Materie, Abwesenheit von Geschmack, Bildung und ethischer Tiefe sowie der Sucht nach „Neuem" um jeden Preis, meist um den von Qualität und Seriosität. Neuheit ist aber kein Eigenwert. Nur das Kriterium der Qualität bestimmt, was wertvoll ist. Bach ist immer „neu", weil er gut ist, Regietheater ist nicht deswegen gut, weil es „neu" ist.


Dann treibt Herr Mickisch aber selbst ein wenig Regietheater:

Selbst die „Meistersinger von Nürnberg", von vielen als leicht verständliche Komödie eingestuft, behandeln ein religiöses Mysterium, das so genannte Johannes-Mysterium. Es gibt zwölf Meistersinger - zwölf Apostel -plus Hans Sachs - Johannes der Täufer-, der einem Größeren - Walther von Stolzing - Platz macht und der einen Taufvorgang ausführt in der Tonart der Transzendenz - Ges-Dur -, nämlich im berühmten Quintett des dritten Aufzugs. Diese Dinge sollte man wissen, bevor man mit dem Werk umgeht.

Er akzeptiert also in diesem Punkte die gleiche Art der Chiffrierung, die er für Beckmessers jüdische Wurzeln bestreitet:

Mickisch: Beckmesser ist keine jüdische und auch keine jüdisch gemeinte Figur, sondern ein sehr genauer, typisch deutscher Beamter und Kritiker. ... könnte übrigens ein Jude des 16. Jahrhunderts Sixtus heißen?

Könnte ein jüdischer Wanderprediger des 1. Jh. "Walther" heißen? - Wie gut aber die beiden Subtexte zusammenpassen, der erzjüdische und der hochchristliche:

Die Pharisäer erscheinen in den Evangelien meist als einheitliche Gruppe und Vertreter einer streng orthodoxen Gesetzesobservanz. Sie treten oft zusammen mit den „Schriftgelehrten“ als Gegner Jesu auf, die Anstoß an seiner Lehre nehmen. In Streitgesprächen nehmen sie die Rolle der spitzfindigen Frager ein, die Jesus in die Enge treiben wollen, um einen Grund für seine Verurteilung zu finden.

(Wikipedia)

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