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Felix Meritis

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31

Dienstag, 1. Oktober 2013, 13:36

ad JR: Das war ja einmal eine Begründung nach allen Regeln der Kunst!


etwas anderes: Bach scheint mir unter Barockliebhabern ein gewisses Reizthema zu sein (nicht auf die jüngeren Beiträge hier bezogen!), was eindeutig an seiner suggerierten Sonderstellung liegt. Wenn man von der Barockästhetik ausgeht, ist Bach wahrscheinlich gar kein so dominierender Komponist - wen auch ohne Zweifel einer der wirklich bedeutenden. Dass Bach so eine Sonderstellung hat, liegt darin begründet, dass er auch für Musikliebhaber, denen Barockmusik sonst eher fremd ist, faszinierend ist. Seine Art zu komponieren, oder besser gesagt seine Ziele als Komponist, sind voll und ganz mit der nach-beethovenschen Ästhetik kompatibel. Bachs Konzentration auf musikalische Strukturen hat zudem das Praktizieren seiner Musik auf moderneren Instrumenten ohne allzu große Einbußen an Qualität ermöglicht - etwas was für seine dauerhaft Präsenz in der europäischen Kunstmusik sicherlich mitentscheidend war.

Alfred_Schmidt

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32

Dienstag, 1. Oktober 2013, 16:04

Zitat

Selbst bei Bach blieb es lange bei einigen "Großwerken, die teilweise auch vielleicht mehr bewundert als geschätzt wurden. Erst nach beinahe 10 Jahren Klassikhörens begann ich Bachs Klavier- und Kammermusik wirklich zu schätzen.

Das ging mir nicht wesentlich anders.

Zitat

Dass Bach so eine Sonderstellung hat, liegt darin begründet, dass er auch für Musikliebhaber, denen Barockmusik sonst eher fremd ist, faszinierend ist.

Das mag teilweise damit zusammenhängen, dass Bach seine wichtigen Werke ja eigentlich dem Spätbarock zuzuzählen sind, die Ära des Hochbarock war ja ca von 1650 - 1710. Wobei Spätbarock jene Etappe des Barock ist, welche uns heute am vertrautesten zu sein scheint...

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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33

Dienstag, 1. Oktober 2013, 21:43

ad JR: Das war ja einmal eine Begründung nach allen Regeln der Kunst!

Da ich den thread ja gut zwei Jahre lang ignoriert hatte, dachte ich, wenn schon alles in einem Posting, dann etwas ausführlicher. Es ist freilich immer noch nicht ausführlich genug, wenn man wirklich versuchen wollte, zu erklären, was genau einen an bestimmter Musik fasziniert.

Zitat

Bach scheint mir unter Barockliebhabern ein gewisses Reizthema zu sein (nicht auf die jüngeren Beiträge hier bezogen!), was eindeutig an seiner suggerierten Sonderstellung liegt. Wenn man von der Barockästhetik ausgeht, ist Bach wahrscheinlich gar kein so dominierender Komponist - wen auch ohne Zweifel einer der wirklich bedeutenden. Dass Bach so eine Sonderstellung hat, liegt darin begründet, dass er auch für Musikliebhaber, denen Barockmusik sonst eher fremd ist, faszinierend ist.

Auch nicht für alle... Ich glaube der Eindruck, den Du von zwei oder drei Ex-Forianern in alten Threads erhalten hast, ist nicht repräsentativ. Die meisten Barockhörer hören und schätzen Bach. (Und nicht wenige, für die Musik erst mit Beethoven anfängt, ignorieren Bach ebenso (weitgehend) wie anderen Barock, frag mal Norbert und Teleton, wie viel Bach sie so hören... :angel: ) Unter einigen Barockhörern scheint es eine Gegenreaktion zu geben, weil gerade auch in der theoretischen Rezeption seit Spitta und Co Bach überproportional dominiert hat und andere Komponisten, wie etwa Telemann polemisch abgetan wurden. Das dürfte aber eine Minderheit sein.

Zitat


Seine Art zu komponieren, oder besser gesagt seine Ziele als Komponist, sind voll und ganz mit der nach-beethovenschen Ästhetik kompatibel. Bachs Konzentration auf musikalische Strukturen hat zudem das Praktizieren seiner Musik auf moderneren Instrumenten ohne allzu große Einbußen an Qualität ermöglicht - etwas was für seine dauerhaft Präsenz in der europäischen Kunstmusik sicherlich mitentscheidend war.

Die Instrumente waren, glaube ich, erst einmal egal. Bis weit ins 20. Jhd. wurden Bachs Chorwerke ebenso wie Händels für Aufführungen fast immer in der Instrumentation bearbeitet. Selbst ein dezidierter Bachianer wie Busoni hat die Klavierwerke bearbeitet usw. Und man sollte sich auch nichts vormachen: So präsent wie seit den 1960ern war Bach niemals vorher. Allein die großen Chorwerke wurden vorher regelmäßig (meist gekürzt) aufgeführt, dazu einige wenige Klavier- und Orchesterstücke (ebenfalls meist bearbeitet) und natürlich Orgelwerke. Das Gros der Klavierwerke fungierte wie schon vorher in der Ausbildung, spielte im Konzertsaal aber kaum eine Rolle. Es wäre interessant zu sehen, ob die Schallplatte hier vielleicht erheblich zur Verbreitung beigetragen hat.

Alfred_Schmidt

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34

Dienstag, 1. Oktober 2013, 22:00

Zitat

Es wäre interessant zu sehen, ob die Schallplatte hier vielleicht erheblich zur Verbreitung beigetragen hat.


Hier kann ich nur für mich selbst sprechen: In meinem Fall war es der etwas schlankere Klang der Originalinstrumente UND der Mut zu lebendigerer Tempogestaltung. Da betrifft nicht nur Bach , sondern sogar Vivaldi. Ich hatte immer den Eindruck, auch die Interpreten erstarrten vor Ehrfurcht und getrauten sich - wo "ad libitum" stand, nicht wirklich eine Entscheidung in Sachen Tempo zu fällen - man wählte meist den goldenen Mittelweg und erzielte ein mittelmäßiges Resultat. Hier gab es in der Tat einen Fortschritt. Interessant ist - es hat mich selber sehr gewundert - dss ich heute wieder Bach mit modernen Instrumenten mögen kann....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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Felix Meritis

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35

Mittwoch, 2. Oktober 2013, 09:26

Unter einigen Barockhörern scheint es eine Gegenreaktion zu geben, weil gerade auch in der theoretischen Rezeption seit Spitta und Co Bach überproportional dominiert hat und andere Komponisten, wie etwa Telemann polemisch abgetan wurden. Das dürfte aber eine Minderheit sein.

Gut, da kann ich sogar verstehen, weshalb manchem Alte-Musikfreund da die Hutschnur platzt. Diese Anti-Telemanie habe ich nie ganz verstanden. Mein Lieblingskomponist wird er nie werden, aber kompositionstechnisch ist das alles sehr hochstehend (die Pariser Quartette z.B. brauchen sich vor Bach nicht zu verstecken). Traurig ist halt, dass Bach, der mit Telemann eng befreundet war, da alles Zielobjekt für beide Gruppen herhalten muss.

Die Instrumente waren, glaube ich, erst einmal egal. Bis weit ins 20. Jhd. wurden Bachs Chorwerke ebenso wie Händels für Aufführungen fast immer in der Instrumentation bearbeitet. Selbst ein dezidierter Bachianer wie Busoni hat die Klavierwerke bearbeitet usw. Und man sollte sich auch nichts vormachen: So präsent wie seit den 1960ern war Bach niemals vorher. Allein die großen Chorwerke wurden vorher regelmäßig (meist gekürzt) aufgeführt, dazu einige wenige Klavier- und Orchesterstücke (ebenfalls meist bearbeitet) und natürlich Orgelwerke. Das Gros der Klavierwerke fungierte wie schon vorher in der Ausbildung, spielte im Konzertsaal aber kaum eine Rolle. Es wäre interessant zu sehen, ob die Schallplatte hier vielleicht erheblich zur Verbreitung beigetragen hat.

Ich glaube, Du unterschätzt die Rolle des häuslichen Muizierens im 19, und frühen 20. Jahrhundert. Amateurmusiker trafen sich sehr oft in kleinen Zirkeln und musizierten. Man spielte auch Freunden oder Verwandten sehr oft vor. Das war der Rahmen, in welchem auch Bachs Klaviermusik und auch Mendelssohns Lieder o. W. sehr oft erklangen. Und eigentlich gehören sie da auch hin und nicht in den Konzertsaal. Vor Etablierung des Tonträgers waren Konzerte auch viel öfter als Vehikel für die Bekanntmachung aktueller Musikproduktion gedacht. Dementsprechend war der Konzertbetrieb viel weniger museal als er heute ist.

Felix Meritis

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36

Mittwoch, 2. Oktober 2013, 09:29

Ich hatte immer den Eindruck, auch die Interpreten erstarrten vor Ehrfurcht und getrauten sich - wo "ad libitum" stand, nicht wirklich eine Entscheidung in Sachen Tempo zu fällen - man wählte meist den goldenen Mittelweg und erzielte ein mittelmäßiges Resultat.

Ja, diese ehrfurchtsvolle Haltung vor Bachs Musik ist tatsächlich ein ernstes Problem bei alten Aufnahmen. Werke wie die Violinsoli sollten bspw. wirklich musikantisch daherkommen und nicht wie misanthropische Meditationsmusik. Bach schrieb fast alle seine Kammermusikwerke für den Fürsten von Anhalt-Köthen - der wollte sicher nicht gelangweilt werden.

seicento

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37

Montag, 7. Oktober 2013, 21:56

Diese Anti-Telemanie habe ich nie ganz verstanden.

Kann die auch politisch motiviert gewesen sein ? Man hat ihm schon früh vorgeworfen, dass er sich zu sehr "von Franzosen" hat beeinflussen lassen. Vielleicht war er ein Opfer der stark anti-französischen Haltung vieler Deutscher im 19ten Jahrhundert.

Zitat

Christoph Daniel Ebeling (1741-1817): Die Instrumente unterbrechen den Fluss der Melodie öfter als dass sie sie voranbringen, das ist ein großer Fehler in allen seinen Werken, den er von den Franzosen gelernt hat.
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814): „Wenn er [Telemann] aber von den Franzosen lernte, sich zu sehr nach dem Geschmacke der Nation oder der Leute, unter denen man lebte, zu bequemen, so weiß ich auch viel nachtheiliges über die Reise zu sagen. Er bequemte sich wirklich oft nach Leuten vom übelsten Geschmakke, daher man auch unter seinen vortreflichen Werken so viel mittelmäßige Arbeiten findet, und in diesen die ungeheuren und läppischen Schildereyen“

Felix Meritis

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38

Dienstag, 8. Oktober 2013, 09:58

Kann die auch politisch motiviert gewesen sein ? Man hat ihm schon früh vorgeworfen, dass er sich zu sehr "von Franzosen" hat beeinflussen lassen. Vielleicht war er ein Opfer der stark anti-französischen Haltung vieler Deutscher im 19ten Jahrhundert.

Ich persönlich vermute eher eine schwärmerische Überidentifizierung mit Bach als Grund. Dass Telemann zu Lebzeiten wesentlich berühmter und erfolgreicher als Bach war, dürfte manchen sehr gewurmt haben. Klarerweise ist das hoffnunglsos unwissenschatlich, aber das hat ja Geisteswissenschaftler im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht allzu sehr gestört. Gott sei Dank hat sich da inzwischen vieles gebessert.

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39

Dienstag, 8. Oktober 2013, 10:52

Ich habe Zweifel, dass sich dieselben Kritikpunkte an Telemann von Ebeling und Reichardt über Spitta bis Adorno durchziehen. Ebelings Einwand erinnert mich eher an vergleichbare Kritik der "Galanten" und Klassiker an Bach; anscheinend wird eine solche "Unterbrechung" als Verstoß gegen natürliche Eingängigkeit gesehen. Dagegen sind die späteren Vorwürfe ja immer in die gegenteilige Richtung: zu leicht und zu flach.

Konkret lässt sich das Runterputzen Telemanns wohl bei dem berühmten (und einem der ersten) Bachforscher Spitta festmachen. Freilich war das Mitte/Ende des 19. Jhds. eh eine weitgehend theoretische Angelegenheit unter Historikern.

Höchstens hätte der Einsatz eines Telemann-begeisterten Herausgebers vielleicht zu dem Versuch führen können, ein paar Werke von Telemann für Aufführungen zu bearbeiten. Aber an monumentalen Chorwerken ist da tatsächlich sehr wenig, was man Bach und Händel an die Seite stellen könnte und an instrumentaler Kammer- oder Orchestermusik bestand kaum Bedarf oder Interesse. (Selbst bei Bach wurden ja z.B. von Mahler um 1900 mehr oder minder die Handvoll bekanntester Einzelstücke aus den Suiten zusammengeklaubt und aufgeführt.)

Ich glaube nicht, dass ich die Bedeutung von Bach in der Hausmusik (bzw. Klavierunterricht) unterschätze. Aber das ist eben noch mal etwas anderes als im Repertoire professioneller Musiker und im öffentlichen Konzert präsent zu sein. Auch da hat sich gewiss am dem Beginn des 20. Jhds. einiges getan (Ab ca. dieser Zeit gab es ja auch verstärktes Interesse an noch älterer Musik und alten Instrumenten, wenn auch zuerst auf Nischen begrenzt.) Aber so sehr Bach von Komponisten wie Mendelssohn, Brahms oder Busoni verehrt wurde, selbst im späten 19. Jhd. dürfte vielen Musikfreunden von seiner Instrumentalmusik nur wenig bekannt gewesen sein. Bearbeitungen von Gounods "Ave Maria" über Schumanns Begleitung für die Soloviolinsonaten bis zu Busonis zeugen ja von der Distanz, die diese Komponisten zwischen dem Stil Bachs und der Gegenwart empfanden. Oder man erinnere sich an die verständnislose Rezension Shaws zu Joachims Aufführung einer Solosonate.

Felix Meritis

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40

Dienstag, 8. Oktober 2013, 11:04

Aber so sehr Bach von Komponisten wie Mendelssohn, Brahms oder Busoni verehrt wurde, selbst im späten 19. Jhd. dürfte vielen Musikfreunden von seiner Instrumentalmusik nur wenig bekannt gewesen sein.

Wikipedia meint dazu anderes:

Zitat

Schließlich war das Publikum ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Bachs Instrumentalmusik besser vertraut als mit den geistlichen Werken, einschließlich der Passionen. Im Jahr 1850 wurde unter Beteiligung von Schumann, Liszt, Ignaz Moscheles, Louis Spohr, Otto Jahn, Carl von Winterfeld, Siegfried Wilhelm Dehn, Carl Ferdinand Becker und des Thomaskantors Moritz Hauptmann in Leipzig die Bach-Gesellschaft gegründet, die das Ziel hatte, die Werke Bachs in einer Gesamtausgabe herauszugeben. Auch Johannes Brahms (1833–1897), dessen musikalischer Historismus sich auf J. S. Bach gründete, war maßgeblich an dieser ersten Gesamtausgabe von Bachs Werken beteiligt.

Tatsächlich waren die Instrumentalkonzerte Bachs, auch die Violinkonzerte aber vor allem die "Klavier"-Konzerte ziemlich beliebt und wurden häufig aufgeführt. In den protestantischen Teilen Europas war Bach auch mit seinem Orgelwerk omnipräsent. Die Kammermusik Bachs hat zumindest in Deutschland immer Anhänger gefunden. Die Chaconne für Violine solo wurde ja nicht nur von Busoni bearbeitet sondern auch von Schumann und Mendelssohn. Mendelssohn spielte in Leipzig auch immer wieder Sonaten für Violine und obligater Begleitung (v.a. die E-Dur-Sonate). Inwiefern hier beispielsweise die Violinsonaten Mozarts besser ausstiegen, weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass auch dieses - ebenso olympische - Repertoire im Vergleich mit heute weniger gegeben wurde.

Telemann fand immerhin einen bedeutenden Fürsprecher in Romain Rolland, der Händel und Telemann gegenüber Bach hochhielt.

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41

Dienstag, 8. Oktober 2013, 14:14

Der zitierte Abschnitt liefert allerdings keine Begründung für die Behauptung in seinem ersten Satz. ;)

Man müsste sich Konzertprogramme ansehen. (Es dürfte auch lokale Differenzen gegeben haben: Leipzig kann man sicher nicht als exemplarisch sehen. Vielleicht wurde dort mehr Bach gegeben als in 10 anderen Großstädten zusammengenommen.)
Meines Wissens dürfte es meistens nur um einige wenige ausgewählte Werke gehen, zB die Doppelkonzerte für zwei Klaviere, evtl. auch die Violinkonzerte. (Das war bei Mozart natürlich ähnlich, auch wenn der nicht "wiederentdeckt" werden musste.)

Die Gründung der Bach-Gesellschaft durch Komponisten und berühmte Musiker spricht m.E. eher dafür, dass Experten den Bedarf einer umfassenden Notenausgabe sahen; wenn schon gute Drucke usw. vorgelegen hätten, hätte man das ja nicht gebraucht.
Warum sollte z.B. Mahler um 1900 noch eine Hybrid-Suite zusammengestellt haben, wenn die Instrumentalmusik breit bekannt war? Dann wäre es doch wohl sinnvoller gewesen, die h-moll-Suite komplett zu spielen, statt die eingängigsten Einzelstücke wie Badinerie aus der 2. und "Air" aus der 3. Suite zusammenzukoppeln, oder?

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es einen Knick Ende des 19. Jhds. gegeben haben sollte, der dann dazu führte, dass z.B. im Konzert-Repertoire vieler Ende des Jahrhunderts geborener Musiker Bach nur eine kleine Rolle spielte und bei Pianisten fast immer Busonis Bearbeitungen gespielt wurden, während das einige Jahrzehnte vorher anders gewesen wäre. Im Zusammenhang mit den Cellosuiten wird auch oft hervorgehoben, dass Casals um 1900 der erste bekannte Cellist gewesen sei, der die im Konzert gespielt hätte. Natürlich war es gerade bei den Klavierwerken so, dass die Musik größtenteils als wenig konzertgeeignet gesehen wurde. Von Schnabel gibt es meiner Erinnerung nach eine explizite Äußerung in die Richtung, dass Bachs Musik zu intim für den Konzertsaal sei; anderen Pianisten war sie vielleicht nicht spektakulär-virtuos genug (Es wurden ja bis in die Mitte des 20. Jhds. kaum Schubert- oder Mozart-Sonaten im Konzert gespielt). Jemand wie Rachmaninoff spielte eine eigene Bearbeitung der E-Dur-Violinpartita Bachs statt originaler Klavierstücke. D.h. Bachs Musik war zwar präsent, aber ziemlich sicher oft in Bearbeitungen und einer aus heutiger Sicht ziemlich ungewöhnlichen Auswahl.

Mehr Informationen fände man vermutlich in diesem Buch, das ich aber nicht kenne:


Felix Meritis

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42

Dienstag, 8. Oktober 2013, 14:20

Warum sollte z.B. Mahler um 1900 noch eine Hybrid-Suite zusammengestellt haben, wenn die Instrumentalmusik breit bekannt war? Dann wäre es doch wohl sinnvoller gewesen, die h-moll-Suite komplett zu spielen, statt die eingängigsten Einzelstücke wie Badinerie aus der 2. und "Air" aus der 3. Suite zusammenzukoppeln, oder?

Vielleicht weil Mahler nicht gerade der Leipziger Schule zuzuordnen ist sondern der "Zukunftsmusik". Ich denke, dass die meisten Musiker, die sich in der Tradition Mendelssohns und Schumanns sahen (also Reinecke, Clara Schumann, Brahms, Bruch, etc..) durchaus immer wieder Bach in Konzerten gespielt haben. Allerdings hast Du schon recht: ohne genauere Informationen können wir hier nur spekulieren.

William B.A.

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43

Dienstag, 8. Oktober 2013, 15:47

Es ist ja für mich doch ein wenig peinlich, dass ich diesen Thread bisher nicht entdeckt habe. Für mich steht an erster Stelle natürlich Bach, dessen Weihnachtsoratorium wir zur Zeit mit meinen beiden Chören einstudieren und schon in der Vergangenheit verschiedene Kantaten aufgeführt haben, und natürlich Händel, dessen Messias ich im Abstand von neun Jahren schon zweimal mit aufgeführt habe.
Noch nicht aufgeführt haben wir Claudio Monteverdi, vielleicht wird das ja noch, und instrumental schätze ich Domenico Scarlatti und
Antonio Vivaldi, von denen ich Einiges habe.
Weiter kann ich mich erinnern, folgende Komponisten des Frühbarock, Hochbarock und Spätbarock schon aufgeführt zu haben:
Allessandro Grandi, Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Johann Crüger, Antoni Lotti, Henry Purcell, Dietrich Buxtehude, Johann Krieger, Georg Böhm, Georg Philipp Telemann, von dem ich auch einige Kantaten in meiner Sammlung habe, Christoph Graupner und Johann Adolph Hasse. (Die fett gedruckten Komponisten schätze ich besonder).

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

seicento

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44

Dienstag, 8. Oktober 2013, 20:29

Telemann fand immerhin einen bedeutenden Fürsprecher in Romain Rolland, der Händel und Telemann gegenüber Bach hochhielt.

Lieber Felix, danke für die Antwort. Ist es nicht aber doch bezeichnend, dass dieser Telemann-Befürworter Franzose war. ;)

Der Vollständigkeit halber - und weil Alfred dazu aufgefordert hat - will ich auch noch meine beiden andern Lieblingskomponisten aus dem Barock nennen: von Biber hab ich fast alles, was er an Instrumentalmusik geschrieben hat, zum Beispiel das hier , was inzwischen wohl eine Kostbarkeit ist.
Von Albinoni gefallen mir die Sinfonie e Concerti Op. 2 sogar noch besser als die noch bekannteren Op, 5, 9 und 10 Concerti.

Felix Meritis

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45

Dienstag, 8. Oktober 2013, 22:47

ieber Felix, danke für die Antwort. Ist es nicht aber doch bezeichnend, dass dieser Telemann-Befürworter Franzose war. ;)

Auschließen kann man natürlich nichts - allerdings war dann JSB auch ein ziemlich schlimmer Finger (4 Orchesterouvertüren im französischen Stil, zwei Cembalosuitenkompendien im französischen Stil, eine französische Ouvertüre für Cembalo, etc...). Monsieur "Baque", sozusagen.... ;)

seicento

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46

Mittwoch, 9. Oktober 2013, 09:03


Toby Edward Rosenthal, 1870
Vater Bach im Kreise seiner Lieben.

Vielleicht liegt in diesem Bild der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sich Bach so gut für eine romantische Verklärung eignete. Strebten all die unglücklichen Genies der Klassik und Romantik insgeheim nicht doch nach einem Familienleben wie Bach es führte - trotz aller tragischen Todesfälle in der Familie? War er der Beweis dafür, dass man ein erfülltes Familienleben haben und trotzdem großes leisten konnte, so dass ihr Schicksal vor diesem Hintergrund noch tragischer erschien? Der ideale Gegenentwurf.
Telemann hatte ja - soweit ich weiß - ziemlich viel Zoff mit seiner Alten und es war eher ein Wunder, dass er dabei seinen Humor nicht verlor. Er war zum Beispiel als Vorbild völlig ungeeignet.

Felix Meritis

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47

Mittwoch, 9. Oktober 2013, 13:33

Die Stilisierung Bachs als "deutscher Michel" hat sicherlich zum früheren Bachbild etwas beigetragen. Ich persönlich vermute aber weiterhin persönliche Motive der Musikwissenschaftler. Es mag widersinnig klingen, doch viele Wissenschaftler sehnen sich einerseits nach zu beforschendem Material, andererseits wollen sie es eng umrissen wissen. Im 19. Jahrhundert war man schwer damit beschäftigt Bachs Werke zu katalogisieren - für Händel galt dasselbe, wobei hier die Ausgangslage wohl wegen der Sorgfalt der Engländer eine bessere war. Telemann aber hat unglaubliche Mengen am Musik geschrieben, die schwer zu katalogisieren ist, deren Ignorieren vom fachlichen Standpunkt her aber schwer gefallen wäre. Viele Wissenschaftler wollen aber am Ende ihres Arbeitsleben etwas "fertiges" und "klares" hinterlassen, umso mehr wenn sie charakterlich dem autistischen Persönlichkeitsspektrum zuneigen (alles andere als selten ;)) . Wie löst man das Problem? Man redet Telemann schlecht, sagt, dass man sich mit der "Dutzendware" gar nicht beschäftigen müsse, und "Deckel drauf". Wenn jemand den Deckel anheben möchte, wird er weggebissen. Das mag wie eine Verschwörungstheorie klingen, aber ich bin in der Wissenschaft tätig und muss sagen, dass solche Praktiken leider gang und gäbe sind. Früher, als es viel weniger Transparenz und mehr wissenschaftliche Seilschaften gab, war dieses Problem viel noch akuter als es heute ist.

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48

Mittwoch, 9. Oktober 2013, 14:19

Auch die Händel- und Bach-Ausgaben überstiegen eigentlich die Möglichkeiten einzelner Wissenschaftler. Chrysanders Händel-Ausgabe war jedoch im wesentlichen ein idealistischer Ein-Mann-Betrieb und ein Zuschussunternehmen. (Ich finde die Quelle nicht mehr, aber ich meine, ich hätte gelesen, dass er sich u.a. durch den Verkauf von Gemüse aus eigenen Gewächshäusern mitfinanziert hat...)
Es gab im 19. Jhd. keine akademische Musikwissenschaft und insofern auch keine "Seilschaften", die Stipendien oder Pöstchen zu vergeben hätten. Spitta dürfte der erste Musikhistoriker gewesen sein, der solch einen akademischen Posten (außerordentlicher Professor, vermutlich ein Titel ohne festes Einkommen) bekleidet hat.

Ihr geht m.E. zu unhistorisch an die Sache heran. Bach und Händel waren immerhin im Musikleben präsent. Einigermaßen zuverlässige und vollständige Ausgaben waren ein Desiderat; Musiker, die sich an der Gründung der Gesellschaft beteiligten, wurden oben aufgezählt.
Telemann war eine rein historische Größe, nur wenigen Musikern und Forschern, die in einer noch nicht einmal akademisch etablierten Disziplin arbeiteten, überhaupt näher bekannt. Weder bestand praktischer Bedarf für eine Telemann-Ausgabe noch waren nennenswerte akademische Ehren oder gar ein gesicherter Job drin, wenn man sich damit befasst hätte.

Was Du schreibst, mag vielleicht eine Erklärung dafür sein, dass HEUTE immer noch keine Telemann-GA vorliegt und man sich in den letzten 50-60 Jahren nicht in dem Maße darum gekümmert hat, wie man sich vielleicht vorstellen könnte. Aber die Situation vor 100 oder gar 150 Jahren war völlig anders.

Felix Meritis

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49

Mittwoch, 9. Oktober 2013, 14:36

Na, sagen wir einfach ausgehendes 19. Jahrhundert und erste Hälfte 20. Was natürlich stimmt, ist, dass es sich um verhältnismäßig wenige Leute gehandelt hat. Umso größer war dadurch aber der Einfluss des einzelnen. Wobei ich noch darauf verweisen möchte, dass damals ein viel autoritäreres Klima im akademischen Betrieb herrschte und dass es sehr problematisch war, Ansichten zu vertreten, die denen der "Ranghöheren" widersprachen. Ich denke, die ziemlich erfolglosen Karrieren von Boltzmann, Freud oder auch Gödel belegen, dass Originalität, also Widerspruch zur etablierten Ansicht, relativ karriereschädigend war. Gerade die Tatsache, dass die meisten Aussagen über Telemanns Musik aus dieser Zeit sehr emotional sind, kritische Distanz vermissen lassen und stark pauschalisierend daherkommen, lässt erahnen, wie zögerlich Andersdenkende sein mussten, das Thema zu berühren. Es ist klar, dass Telemann oder auch Vivaldi aus praktischen Gründen im allgemeinen Bewusstsein viel weniger präsent waren als heute, aber der Ton der "wissenschaftlichen Auseinandersetzung" hat den unvoreingenommenen Zugang zu Telemann oder Vivaldi eindeutig erschwert. Ähnlich negativ wirkten sich ja Adornos Tiraden gegen Sibelius aus (allerdings nur in Deutschland).

Eine Telemann-GA wird schließlich vorliegen, aber natürlich stark verspätet gegenüber Bach und Händel. Bei Mendelssohn war es ja ähnlich! Ein brauchbares Werkeverzeichnis liegt erst seit wenigen Jahren vor - das muss man sich mal vorstellen....

Melante

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50

Mittwoch, 9. Oktober 2013, 16:17

auch aus meiner Sicht: die Sicht ist nicht stimmig.
Man lese die Arbeiten eines Michael Maul zu Leipzigs Oper, zur Chortradition und dem Umfeld Bachs und damit Telemanns in den Jahren um 1720 und man könne einen völlig anderen Blickwinkel entwickeln als den bisherigen.

Musik lebt ganz sicher nicht von Werkverzeichnissen.
Um das zu untermauern: Bachs"h-moll-Messe" in Gedanken all der Leser hier für Dresden komponiert. Weit gefehlt!
Wir machen uns unsere Grenzen selbst und übertragen sie auf vorangegangene Generationen.
BWV 232 ist für Wien geschrieben!
"Man kann die Menschen zur Vernunft bringen, indem man sie dazu verleitet, daß sie selbst denken." Voltaire

Schneewittchen

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51

Mittwoch, 9. Oktober 2013, 20:58

Ist Sardelli ein Barockkomponist?
Er komponiert Barockmusik.
Allerdings im 21.Jahrhundert.
mfG
Michael

Marco

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52

Mittwoch, 28. Mai 2014, 19:31

Im Barock bin ich mehr der Italiener, Pergolesi, Vivaldi, Corelli, Scarlatti, Frescobaldi

Meine absolute Lieblingsaufnahme ist von Pergolesi - Stabat Mater



Habe da jetzt keinen favoriten, mir gefallen beide gleich gut :)

Direkt dahinter die Violinkonzerte von Frescobaldi



:hello: