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Alfred_Schmidt

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1

Dienstag, 8. Mai 2012, 23:34

Kammermusik des 20. Jahrhunderts

Dieser Thread ist sozusagen ein Sprössling des Threads "Was verbindet Ihr mit dem Begriff STREICHQUARTETT?"

Was verbindet Ihr mit dem Begriff "Streichquartett" ?

Er ist mir während meines letzten Betrags dort eingefallen. Ich habe mir die Frage gestellt, inwieweit der typische Kammermusikliebhaber den Werken des 20. Jahrhunderts zugetan ist. Ich schätze, das ist eine Minderheit - aber man kann sich auch täuschen.Wenn das Ergebnis ein positives sein sollte, dann wären natürlich noch die Favoriten dieses Genres gefragt, die wir dann später in einem eigenen Thread wiederfinden sollten. Sollte es hier kein Interesse geben - wir haben es zumindest versucht.
Vielleicht aber erleben wir auch eine Überraschung... (?)
In diesem Thread geht es um alle Spielarten der Kammermusik

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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2

Mittwoch, 9. Mai 2012, 12:59

Ich glaube nicht, dass viele Hörer einen so strikten Unterschied machen.
Ravels und Debussy (sofern nach 1900) Kammermusik ist überschaubar, aber ziemlich beliebt. Die Quartette von Bartok und zumindest einige von Schostakowitsch werden sehr häufig gespielt und eingespielt. Ebenso die Werke von Berg, Schönberg, Webern, wobei diese natürlich genausowenig Popularitätspreise einheimsen wie deren andere Musik. Aber es gibt sehr viel hochklassige und einigermaßen bekannte Kammermusik, sowohl von gefürchteten Avantgardisten als auch von Spätestromantikern, Neoklassizisten oder "gemäßigt Modernen". Der große "Klassiker" des 20. Jhds., bei dem Kammermusik eine stark nachgeordnete Rolle spielt, ist Stravinsky (sofern man nicht "Die Geschichte vom Soldaten" mitzählt, gibt es nur Kleinigkeiten). (Und natürlich Strauss, von frühen Werken aus dem 19. Jhd. abgesehen.)
Schließlich fallen eine ganze Reihe von Werken Regers und Faurés schon ins 20. Jhd.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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3

Mittwoch, 9. Mai 2012, 13:20

Schließlich fallen eine ganze Reihe von Werken Regers und Faurés schon ins 20. Jhd.
Das englische Wikipedia listet 15 Kammermusikwerke von Camille Saint-Saens aus dem 20. Jahrhundert.
Bei Max Bruch gibt es mehreres (leider keine so schöne Liste wie bei Camille im Wiki) und natürlich wird auch Edward Elgars Kammermusik des 20. Jahrhunderts Alfreds Ohren nicht beleidigen.
:D

Ich habe mir die Frage gestellt, inwieweit der typische Kammermusikliebhaber den Werken des 20. Jahrhunderts zugetan ist.
Der typische Kammermusikfreund wird wahrscheinlich auch das eine oder andere Bartók-Streichquartett in seinem Herzen tragen.
Der typische Avantgarde-Freund verehrt u.a. Nonos Quartett.

4

Mittwoch, 9. Mai 2012, 14:00

Der typische Alfred wird an Pfitzners Sextett op. 55 seine wahre Freude haben - ein Werk von 1945. Kennst Du's, lieber Alfred?

Was ist der typische Kammermusikfreund? Ich glaube nicht, dass sich jene, welche einen Zugang zu Kammermusik gefunden haben, in der Auswahl der von ihnen bevorzugt gehörten Epochen von den Sinfoniehörern unterscheiden. Wer Spaß an im XX. und XI. Jahrhundert geschriebener Musik hat, wird diesen Spaß in allen Besetzungen haben.

Allerdings - ohne dass ich das jetzt näher belegen könnte - ist mein Eindruck, dass diese strikte Spartentrennung seit Beginn des XX. Jahrhunderts zunehmend aufgebrochen ist. Eine Erscheinung wie die "Kammersinfonie" oder die Kompositionen für gemischte kleinere oder größere "Ensembles" heben diese Besetzungsfragen offenbar bewusst auf.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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5

Mittwoch, 9. Mai 2012, 19:24

Allerdings - ohne dass ich das jetzt näher belegen könnte - ist mein Eindruck, dass diese strikte Spartentrennung seit Beginn des XX. Jahrhunderts zunehmend aufgebrochen ist. Eine Erscheinung wie die "Kammersinfonie" oder die Kompositionen für gemischte kleinere oder größere "Ensembles" heben diese Besetzungsfragen offenbar bewusst auf.
Das scheinen mir eher Einzelfälle zu sein. Hindemiths "Kammermusiken 1-7" sind m.E. keine Kammermusik i.e.S., sondern konzertante Musik für unterschiedlich besetze Kammerorchester. Auch Schönbergs Kammersinfonien sind für deutlich größeres Ensemble als die "klassischen" Kammermusikformationen, bei denen mehr Musiker als für ein Oktett die Ausnahme ist. Und gerade bei den gemischten Ensembles von Septett aufwärts gibt es in Klassik und Romantik auch schon Werke, die zwischen Kammermusik ind Orchester liegen, so etwa Serenaden u. Divertimenti Mozarts und Zeitgenossen oder später Brahms Serenaden oder Siegfried-Idyll in Ur-/Minimalbesetzung). Wie auch immer, mag sein, dass es nun mehr Werke in solch einem Zwischenbereich gibt, aber jedenfalls gibt es weiterhin sehr viel Musik für "klassische Besetzungen", besonders Streichquartett. Violin- und Cellosonaten auch noch eine Reihe, etwas schmaler wird es meinem Eindruck nach bei Klaviertrio u.a.

Ich glaube, dass der "typische" Kammermusikhörer vielleicht aufgeschlossener für Kammermusik des 20. Jdhs. ist als der "typische" Opern- oder Sinfonienhörer für modernere Werke in den entsprechenden Gattungen. Detailliert belegen kann ich es nicht; es ist ein vager, aber stabiler Eindruck, den ich im Laufe der Zeit gewonnen habe. Es mag daran liegen, dass auch in Barock, Klassik und Romantik Kammermusik mit wenigen Ausnahmen nicht gerade absoluter Mainstream ist, dass die Interpreten meist nicht so kultisch behandelt werden wie in anderen Sparten und vielleicht auch, dass es sich oft um nicht immer unmittelbar zugängliche, anspruchsvolle Musik handelt. Klischee oder nicht, kaum ein Kammermusikhörer verehrt nicht Beethovens späte Werke, die zum einen bis ins 20. Jhd. als sehr schwierig und sperrig galten, zum anderen oft als besondere Inspiration der musikalischen Neuerer um die Wende vom 19. zum 20. Jhd. genannt werden

Ein paar spontane Favoriten von mir:

Reger: Suiten f. Cello solo op.131c (1915) (bei den Streichquartetten bin ich noch am Hören...)

Kodaly: Sonate f. Cello solo (1915), eine unglaubliche tour de force, man suche die Ausschnitte mit Starker auf youtube, man traut seinen
Augen kaum (Hörenswert auch die Sonate f. Violine und Cello)

Bartok: Streichquartette, besonders 4 (1928) und 5 (1934)

Janacek: Streichquartette 1+2

Berg: Lyrische Suite (1926) und auch das Quartett op.3 (1910)

Ives: Violinsonaten 1-4 (1901-03) (erst kürzlich kennengelernt, die typische wilde Mischung mit vielen Volks- und Folk-Anklängen, auch das Trio (1905) recht eingängig, das 2. Streichquartett (1907) ist dorniger, das habe ich aber ewig nicht gehört)

Fauré: Klavierquintette (1905 und 1921), Klaviertrio (1923), Streichquartett (1924)

Schostakowitsch: Klavierquintett (1940), Trio (1944), Streichquartette, besonders 3,5,8

Prokofieff: Violinsonaten 1+2

Ravel: Streichquartett, Klaviertrio, Sonate f. Violine&Cello, Violinsonate

Debussy: Cellosonate

Alfred_Schmidt

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6

Mittwoch, 9. Mai 2012, 19:33

Zitat

Ich glaube, dass der "typische" Kammermusikhörer vielleicht aufgeschlossener für Kammermusik des 20. Jdhs. ist als der "typische" Opern- oder Sinfonienhörer für modernere Werke in den entsprechenden Gattungen.


Lieber Johannes,
wenn Du je darauf gewartet haben solltest, dass meine meinung mit Deiner übereinstimmt - dann freu dich: Dieser Augenblick ist jetzt gekommen !! (Wo ist denn unser Jubel-Smiley hingekommen ??)

Meine Definition hätte zwar gelautet;
Ich habe den Eindruck, dass Mitglieder von Streichquartetten etc., der zeitgenössischen Musik aufgeschlossener gegenüberstehen, als der typische Orchestermusiker - aber im Prinzip kommt es auf dasselbe hinaus.
Denn speziell eine kleine Formation, wie es das Streichquartett nun mal ist, kann es sich nicht leisten, Werke zu spielen die gegen sein (Stamm- ?)Publikum sind. es muss also ein gewisser Konsens in dieser Richtung als gegeben angenommen werden...

mfg aus Wien
Alfred

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Wolfram

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7

Mittwoch, 9. Mai 2012, 19:46

Schönbergs Verklärte Nacht op. 4 wurde leider im Jahre 1899 komponiert un gehört nicht hierher.
Aber seine genialen Streichquartette 1-4. In Nr. 2 betritt er erstmals atonale Gefilde.

Ravel: Streichquartett F-Dur nebst "Introduction et Allegro".

Schostakowitsch: Streichquartette 7+8+15, Klaviertrio Nr. 2, Klavierquintett, Violinsonate, Violasonate

Steve Reich: Different Trains für Streichquartett und Tonband

Ligeti: beide Streichquartette

Nono: Fragmente - Stille, an Diotima.

Schnittke: Streichquartett Nr. 3

Klar: Streichquartette von Bartok, Hindemith, Berg, Webern. Das sind sozusagen noch Klassiker.

:hello:
Viele Grüße, Wolfram

moderato

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8

Mittwoch, 9. Mai 2012, 20:57

Und wie steht es mit den Werken, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts entstanden?
Das Kronos-Quartett hat sein Schaffen konsequent der Streichquartett Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet. Seine Kompositionsaufträge sind Legion, 400 sollen es sein. Auf diesen 10 CD dieser BOX, die zum 25Jubiläum im Jahr 1999 herauskam, bekommt viel geboten, wer sich auf dieses Abenteuer einlässt.

Und, sie sind immer noch in unserem Jahrhundert tätig...
.
Um ein guter Zuhörer zu sein, muss man eine musikalische Kultur erwerben...man muss vertraut sein mit der Geschichte und Entwicklung der Musik, man muss zuhören...Um die Musik zu empfangen, muss man seine Ohren öffnen und auf die Musik warten, man muss glauben, dass man sie braucht...Zuhören ist anstrengend, und blosses Hören ist keine Leistung. Auch eine Ente kann hören.
Igor Strawinsky

.

WolfgangZ

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9

Mittwoch, 9. Mai 2012, 21:13

Fluss ohne Ufer - doch zum genussvollen Baden

Dann will ich auch eine spontane Mischung nennen, die - wie schon in den bisherigen Listen - von der unglaublichen Bandbreite der Kammermusik neuerer Zeit zeugen soll.

Ähnlich, wie oben schon angesprochen, würde ich das Spektrum des "Kammersinfonischen" beispielsweise bei Schönberg und Hindemith, aber auch in der Gegenwart rechnerisch noch näher stehender Musik (man denke etwa an die entsprechenden drei Streicherwerke von Allan Pettersson) ausklammern wollen.

Mit Bartoks Streichquartetten müsste ich mich noch genauer beschäftigen, an ihrem Rang besteht für mich kein Zweifel.

Recht intensiv auseinandergesetzt habe ich mich mit den beiden Streichquartetten Janaceks in diversen Einspielungen. Sie erheben einen monolithischen Anspruch und haben meines Erachtens nicht wirklich Schule gemacht - abgesehen davon, dass sie genial neuartig sind wie dessen gesamtes Spätwerk. Kann man darüber hinaus auch das Capriccio und das Concertino als Kammermusik betrachten? Meines Erachtens eher als bei den oben genannten "Kammersinfonien".

Es freut mich, dass das noch durch und durch romantische, aber ungemein verinnerlichte und in seinen Klangfarben geniale Spätwerk Faurés genannt wird, also vor allem die beiden Klavierquintette. Sehr schätze ich auch die melancholischen Quartette mit Klavier für die linke Hand von Franz Schmidt. Wunderschöne, weit unterschätzte Preziosen.

Schönberg atmet in seinem zweiten Streichquartett in der Tat Luft von einem anderen Planeten. Aber seltsamerweise ist auch Reger verblüffend modern dort, wo er stärker experimentiert, während er in den Trios, op. 77 und op. 144, eher Neoklassizist ist, im Klarinettenquintett wiederum ein Melancholiker wie Franz Schmidt. Den widerspenstigen Reger der Streichquartette beginne ich vorsichtig zu erkunden - angeregt durch Wolframs Beiträge.

Der Neoklassizismus Hindemiths in den Schulsonaten für verschiedene Instrumente oder in der Kammermusik für Streicher hat mich bis jetzt nicht so sehr gepackt - gut, man müsste Diverses erst einmal kennenlernen. Um so mehr begeistert mich seit vielen Jahren ein Werk wie Poulencs Sextett für Klavier und Bläser. Als klassizistisch empfinde ich auch die attraktiven beiden Streichquartette von Prokofieff oder dessen Flötensonaten. Sehr attraktiv, verspielt und rhythmisch ausgesprochen rassig ist das Trio für Flöte, Violoncello und Klavier von Martinu (ewig nicht mehr gehört - stimmt die Besetzung?).

Nicht vergessen darf man das Quatuor pour la fin du temps von Messiaen als ähnlichen Monolithen wie Janacek.

Schostakowitsch - wann gehe ich dessen Streichquartette endlich gezielter an? Gut kenne ich das Klavierquintett mit seinen packenden jüdischen Elementen.

Und wenn es beinahe schon rocken soll: Da wären die Streichquartette von Erwin Schulhoff.

Es gibt natürlich noch viel, viel mehr - allein in der klassischen Moderne vor dem Ende der Zweiten Weltkriegs - manch anderes wurde ja auch genannt - und von der Nachkriegskammermusik ganz zu schweigen. Hier fallen mir an erster Stelle die sehr interessanten Streichquartette von Britten ein. Für nicht so bewandert halte ich mich dann bei Nono und anderen etablierten Avantgardisten. Da gibt es viel Nachholbedarf für mich. Bisweilen packe ich es an ...

:hello: Wolfgang
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moderato

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10

Mittwoch, 9. Mai 2012, 21:20

Ein Tipp sind diese CDs, die Benjamin Brittens Kammermusik für Oboe enthalten. Ich spiele die Werke mit grossem Vergnügen.

Hansjörg Schellenberger und seine Mitmusiker interpretieren hevorragend.


Temporal Variations für Oboe und Klavier
Phantasy für Oboe, Violine, Cello op. 2
2 Insect Pieces für Oboe & Klavier op. posth.
6 Metamorphosen nach Ovid für Oboe solo op. 49
Gemini-Variations on an Epigram of Kodaly op. 73
Suite für Harfe solo op. 83



Ein ähnliches Programm ist auf dieser Mid-Price CD des Labels Hyperion zu finden. Die Gemini-Variationen und die Harfen-Suite fehlen, dafür sind drei Piano-Werke Brittens (Holiday Diary op. 5, Fives Waltzes und Night Piece) auf der Scheibe. Sarah Francis spielt die Oboe. Ich habe beide Aufnahmen in der Sammlung, beide finden meinen Beifall.
Um ein guter Zuhörer zu sein, muss man eine musikalische Kultur erwerben...man muss vertraut sein mit der Geschichte und Entwicklung der Musik, man muss zuhören...Um die Musik zu empfangen, muss man seine Ohren öffnen und auf die Musik warten, man muss glauben, dass man sie braucht...Zuhören ist anstrengend, und blosses Hören ist keine Leistung. Auch eine Ente kann hören.
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11

Mittwoch, 9. Mai 2012, 21:48

Von Faurè sind auch die beiden Cellosonaten sowie eine Violinsonate im 20. Jhd. komponiert; die hatte ich aber nicht so präsent, daher wollte ich sie nicht als Lieblingsstücke angeben. Über seine Einordnung als Romantiker (ich bin auch unschlüssig), kann man sicher streiten; als ich vorhin die Entstehungsdaten der Werke nachgesehen habe, fand ich ein Zitat (in der englischen wikipedia) von Aaron Copland ("Gabriel Fauré, a Neglected Master", Musical Quarterly Vol. 10, No. 4 (Oct., 1924), pp. 573-586) über das zweite Quintett: "... a pure well of spirituality ... extremely classic, as far removed as possible from the romantic temperament"

Aber es sind sicher auch keine Stücke, die sehr "modernistisch" wirken, selbst wenn sie gallisch-klare klassizistische Züge haben mögen. Obwohl es da durchaus Gemeinsamkeiten mit Ravel oder mit dem beginnenden Neoklassizismus gibt, ist Fauré (*1845) natürlich eine Generation älter und seine Werke bilden wohl doch eher einen Abschluss als einen Aufbruch. Ebenso wie die Spätromantik Korngolds, Schmidts und Dohnanyis, von dem ich bei der Gelegenheit, obwohl unverblümt spätromantisch, das Sextett empfehlen will, ein eingängiges und klangsinnliches Werk.

Prokofieffs Flötensonate, die der Komponist auf Anfrage Oistrakhs als Violinsonate bearbeitete, ist sicher auch ein ziemlich guter "Einstieg", gleich in welcher Fassung (hat jemand eine Empfehlung für eine Flötenversion, ich habe anscheinend nur mehrere der Violinfassung).
Schließlich noch ein Werk, auf das ich vor Jahren hier in einem der Rätsel von Radagast aufmerksam wurde, Vaughan Williams "Phantasy" Quintett mit prominenter 2. Viola und altenglischen Consort-Anklängen; die beiden Quartette sind weniger interessant, aber auch hörenswert.


WolfgangZ

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12

Donnerstag, 10. Mai 2012, 00:28

Gabriel Faurés Quintette

Zitat

Zitat (in der englischen wikipedia) von Aaron Copland ("Gabriel Fauré, a Neglected Master", Musical Quarterly Vol. 10, No. 4 (Oct., 1924), pp. 573-586) über das zweite Quintett: "... a pure well of spirituality ... extremely classic, as far removed as possible from the romantic temperament"

Ich bin einverstanden mit dieser Wertung, wenn man von romantischer Virtuosität oder von romantischem Pathos ausgeht, aber den filigranen Klaviersatz und die schwebende Harmonik würde ich nun nicht gerade als klassisch oder klassizistisch bezeichnen. Formstrenge wiederum sollte romantischem Geist auch nicht zuwiderlaufen.

Aber das mag jetzt für diesen Thread zu speziell sein.

:hello: Wolfgang
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  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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13

Donnerstag, 10. Mai 2012, 10:19

Allerdings - ohne dass ich das jetzt näher belegen könnte - ist mein Eindruck, dass diese strikte Spartentrennung seit Beginn des XX. Jahrhunderts zunehmend aufgebrochen ist. Eine Erscheinung wie die "Kammersinfonie" oder die Kompositionen für gemischte kleinere oder größere "Ensembles" heben diese Besetzungsfragen offenbar bewusst auf.
Das scheinen mir eher Einzelfälle zu sein. Hindemiths "Kammermusiken 1-7" sind m.E. keine Kammermusik i.e.S., sondern konzertante Musik für unterschiedlich besetze Kammerorchester. Auch Schönbergs Kammersinfonien sind für deutlich größeres Ensemble als die "klassischen" Kammermusikformationen, bei denen mehr Musiker als für ein Oktett die Ausnahme ist. Und gerade bei den gemischten Ensembles von Septett aufwärts gibt es in Klassik und Romantik auch schon Werke, die zwischen Kammermusik ind Orchester liegen, so etwa Serenaden u. Divertimenti Mozarts und Zeitgenossen oder später Brahms Serenaden oder Siegfried-Idyll in Ur-/Minimalbesetzung). Wie auch immer, mag sein, dass es nun mehr Werke in solch einem Zwischenbereich gibt, aber jedenfalls gibt es weiterhin sehr viel Musik für "klassische Besetzungen", besonders Streichquartett. Violin- und Cellosonaten auch noch eine Reihe, etwas schmaler wird es meinem Eindruck nach bei Klaviertrio u.a.
Da möchte ich doch widersprechen. Mit Schönbergs Kammersinfonie beginnt die Geschichte der "Ensemblemusik", also gemischter Besetzungen mit solistischen Streichern. Das geht ohne Zäsur von dem Stück für ein Instrument zu recht üppigen Zusammenstellungen. Auch die Existenz eines Dirigenten ist kein Unterscheidungsmerkmahl, da öfters auch Trios oder Quartette dirigiert werden müssen. Als klassische Besetzung hat sich das Steichquartett gehalten, das Klaviertrio geht aber in der bunten Fülle der Kombinationen unter (ebenso das Bläserquintett). Diese Besetzungen bilden seit einiger Zeit wohl den Hauptbestandteil der "Avantgarde-Musik" (die keine Avantgarde mehr ist). Damit es nicht zu mühsam ist, nehme ich die Komponisten mit den wenigsten Werken (Sänger unterschlage ich in den Besetzungsangaben):

Am Beginn steht Varèse:
Orchesterwerke: Amériques, Offrandes, Arcana, Nocturnal
Ensemble-Werk für eher klassische Kammermusikbesetzungen: Octandre (7 Bläser und Kb), Density 21.5 (Fl)
Ensemblewerke für sehr ungewohnte Besetzungen: Hyperprism, Intégrales, Ionisation, Ecuatorial, Déserts
Tonband: Poème électronique

Hyperprism vereint zwei Piccoloflöten, eine hohe Klarinette, 3 Hörner, hohe und tiefe Posaune mit einer Schlagzeugmannschaft.

Als typischen Nachkriegsavantgarde-Komponisten nehme ich Barraqué:
Klavier(-lied): Trois Mélodies, Sonate
Tonband: Etude
Orchester: Le Temps Restitué
Ensemblewerke für sehr ungewohnte Besetzungen: Séquence, … au delà du hasard, Concerto, Chant après Chant

Beim Concerto ist die Formation in Gruppen aufgeteilt:

Klarinette solo, Vibraphon solo
1: Violine, Fagott, Trompete
2: Viola, Englischhorn, Posaune
3: Violoncello, Altflöte, Tenorsaxophon
4: Harfe, B-Klarinette, Baritonsaxophon
5: verstärktes Cembalo, Oboe, Horn
6: verstärkte Gitarre, Flöte, Altsaxophon

"Normale Kammermusik" gibt es da gar nicht. Wenn man sich durch größere Werkkataloge durchfressen will, wird man bei Boulez, Nono und Stockhausen außer den paar Streichquartetten auch nicht viel finden, dafür diverse gemischte Besetzungen.

moderato

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14

Donnerstag, 10. Mai 2012, 13:23

Das Chamäleon der Musikgeschichte, man erlaube mir diesen Ausdruck, Igor Strawinsky (1882-1971), hat einige Kammermusik-Werke hinterlassen: Seine Beiträge an Kompositionen für Violine und Klavier sind hörenswert, will heissen, sie gehen dem Hörer "gut ins Ohr", stammen überwiegend aus der Zeit, als Strawinsky neoklassizistisch, dem Ohr durchaus schmeichelnd komponierte. Die Interpretation durch Olli Mustonen und Isabelle van Keulen ist für mich ein Glücksfall. Der finnische Pianist spielt eigenwillig, mit einer gewissen artistischen Kühle, die niederländische Geigerin findet in ihrem Spiel feine Abstufungen. Die Melange überzeugt.

Suite Italienne; Ballad; Danse Russe; Chanson Russe; Pastorale; Divertimento; Duo Concertant; Tango; Elegie; Prelude & Ronde de Princesses; Berceuse;Scherzo; La Marseillaise; Airs du Rossignol
Um ein guter Zuhörer zu sein, muss man eine musikalische Kultur erwerben...man muss vertraut sein mit der Geschichte und Entwicklung der Musik, man muss zuhören...Um die Musik zu empfangen, muss man seine Ohren öffnen und auf die Musik warten, man muss glauben, dass man sie braucht...Zuhören ist anstrengend, und blosses Hören ist keine Leistung. Auch eine Ente kann hören.
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Dieter Stockert

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15

Freitag, 10. Oktober 2014, 16:46

Ist es statthaft, eine Anfrage aus einem englisch-sprachigen Forum des schottischen HiFi-Herstellers LINN (http://forums.linn.co.uk/bb/showthread.php?tid=28313 – es handelt sich nicht um ein Forum, das sich speziell mit klassischer Musik beschäftigt) an die hiesige Gemeinde weiterzugeben? Wenn nein, dann möge der Administrator dies bitte löschen. Ansonsten:


»Anyone know of a good quality (perfomance, recording and pressing) full set of the Shostakovich String Quartets on vinyl? Currently available (unlikely I guess), past release.

A bit of a forlorn hope I suspect!«
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

lutgra

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16

Freitag, 10. Oktober 2014, 17:06

Meines Wissens kommen da nur zwei Aufnahmen in Frage, die mit dem Borodin auf Melodiya/Emi/Eurodisc und die mit dem Fitzwilliam String Quartett auf Decca. Letztere wurde in einem audiophilen Forum seinerzeit als klanglich gelungenste Kammermusikaufnahmen überhaupt gelistet. Beide wird man nur auf dem second hand Markt bekommen und beide werden nicht gerade häufig angeboten. Ich war vor ca. 10 Jahren sehr happy als ich die Kassette mit den Fitzwilliams mal für GBP 35 in England ersteigern konnte. Hier gab es sie für $ 114. Für die Borodin muss man üblicherweise von € 80 an aufwärts rechnen.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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17

Freitag, 10. Oktober 2014, 22:44

Es müsste auf Melodiya auch noch die Beinahe-GA der früheren Borodin-Besetzung (bis Anfang der 197oer) gegeben haben und auch Aufnahmen mit anderen sowjetischen Ensembles (aber vielleicht keine kompletten): Taneyev Q., Beethoven Q. ...
Die zweite "westliche" GA mit dem Brodsky (Ende 80er/Anfang 90er) kam vermutlich gerade nicht mehr auf LP heraus.

lutgra

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18

Montag, 13. Oktober 2014, 20:13

Eine Gesamtaufnahme mit dem Beethoven Quartett gibt es, die ist auch auf CD erhältlich. Das Beethoven Quartett hat ja immerhin 13 der 15 Quartette uraufgeführt. Ich befürchte nur, dass bei der Vinylausgabe die Kriterien
good quality (perfomance, recording and pressing)

in zwei Punkten nicht erfüllt werden. :D

Originellerweise sind die historischen Aufnahmen teurer als jede moderne GA.


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19

Dienstag, 4. November 2014, 14:08

Ich möchte diesen Thread gerne aufnehmen, weil zwei Themen aus meiner Sicht noch erörternswert sind:
1. Es geht (auch für Freunde desselben) nicht nur ums Streichquartett.
2. Im 20. Jahrhundert verwischt die herkömmliche Differenz zwischen Orchester-, Kammermusik und Kammerensemble.

Zu 1: mehr als Streichquartett
Neben den klassischen Besetzungen nehme ich eine Entwicklung zu unkonventionellen Besetzungen wahr:
Messiaen: Quatuor pour la fin du temps
Soli: Berio, Henze, B.A. Zimmermann, Britten (schon zitiert) und viele andere
verschiedenste Bläserbesetzungen

Zu 2: Kammerensembles
Die sinfonische Besetzung bleibt als Opus maximus erhalten: BA Zimmermann, Varèse, Lachenmann, ...
Daneben etstehen Kammerensembles in solistischer Besetzung: Schönberg und Hindemith wurden schon erwähnt. Diese spielen anstelle großer Orchesterbesetzungen auch in Bühnenwerken zunehmend eine Rolle. Ich verstehe das so, dass die Bedeutung von "Klangmalerei" die romantischen Gattungsgrenzen sprengt.

Erstens wird dadurch besetzungstechnisch "alles möglich". (Dies gilt für chorische (orchestrale) ebenso wie für solistische (kammermusikalische) Besetzungen.
Zweitens gibt es daneben weiterhin Bezug auf und Fortschreibung der überlieferten Gattungen.
Drittens setzt dies eine hohe Intensität des Zuhörens voraus, die über "Klassik zum Kaffee" hinausgeht - und da haben geübte Kammermusikhörer einen kleinen Vorteil. ;)