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musikwanderer

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Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

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Montag, 25. Juni 2012, 17:08

MENDELSSOHN-BARTHOLDY, Jakob Ludwig Felix: CHRISTUS

Tamino Oratorienführer
Jakob Ludwig Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847):

CHRISTUS
Oratorienfragment für Soli (STBB), Chor (SATB) und Orchester, dem posthum die Opuszahl 97 zugewiesen wurde.

Julius Rietz leitete im Jahre 1854 eine Aufführung des Fragments im Gewandhaus Leipzig und benutzte dabei die 1852 erschienene Druckausgabe des unvollendeten Werkes.


INFORMATIONEN ZUM WERK

In seinem letzten Lebensjahr begann Felix-Mendelssohn-Bartholdy mit der Komposition seines dritten Oratoriums, in dessen Mittelpunkt der Religionsstifter Jesus Christus stand. Sein früher Tod am 4. November 1847 ließ dieses Werk Fragment bleiben. Da das Libretto von Christian Carl Josias von Bunsen seit den 1930er Jahren verschollen ist, läßt sich der von seinen Autoren angedachte Gesamtplan des Oratoriums nicht mehr rekonstruieren. Das überlieferte Material hat jedenfalls eine Aufführungsdauer von etwa 20 Minuten.

Die Musikforschung ging bisher von einem dreiteiligen Werk aus, das die Geburt, das Sterben und die Auferstehung Christi zum Inhalt haben sollte. Diese Einteilung wird inzwischen von manchen Musikwissenschaftlern angezweifelt, hat sich aber bis in die aktuellen Partiturausgaben erhalten. Während sich die 1984 bei Breitkopf und Härtel herausgekommene Edition an die Druckausgabe von 1852 hält, orientiert sich die 1994 im Carus-Verlag erschienene Fassung an einer neuen Übertragung aus dem Autograph. Es bleibt natürlich ungeklärt, ob Mendelssohn die fertiggestellten Teile zum Druck freigegeben hätte, da er seine Kompositionen sogar nach Aufführungen noch mehrfach überarbeit hat.

Der erste Teil des Oratoriums, der mit „Geburt Christi“ überschrieben ist, beginnt mit dem Sopran-Rezitativ „Da Jesus geboren war zu Bethlehem“ (Matthäus 2, 1), in dem über die drei Weisen aus Morgenland berichtet wird, die das Jesuskind im Stall von Bethlehem anbeten wollen.

Ein kurzes Trio, „Wo ist der neugeborne König der Juden?“ (Matthäus 2, 2), erzählt zu einer ruhigen Streicherbegleitung vom Stern, der den Weisen das Kommen eines neuen Herrschers angezeigt hat. Darauf folgt ein vierstimmiger, dramatischer Chorsatz, der eine Textstelle aus dem vierten Buch Mose, Kapitel 22, Vers 17ff, abgewandelt zitiert: „Es wird ein Stern aus Jacob aufgehen und ein Zepter aus Israel kommen, der wird zerschmettern die Fürsten und Städte.“ Der Gemeindechoral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, dem vorangegangenen Chor inhaltlich verwandt, schließt diese Szene lyrisch-betrachtend ab.

Aus dem zweiten Teil, der den Titel "Leiden Christi" trägt, ist ein Tenor-Rezitativ erhalten, das in der Art des Evangelisten in Bachs Passionen nach Lukas 23, 2 („Und der ganze Haufe stand auf, und fingen an, ihn zu verklagen und zu schmähen“) den beginnenden Leidensweg Jesu schildert. Der Klagechor der Juden, die Jesus vor Pilatus führen („Diesen finden wir, daß er das Volk abwendet […] und spricht, er sei Christus, ein König“), ist einer von mehreren Turba-Chören in diesem Teil des Oratoriums.

Im nächsten Teil dieser Szene kommt der Vertreter Roms, Pilatus, zu Wort, der die Anklagen der Juden offensichtlich für übertrieben hält, denn er „findet keine Ursach' an diesem Menschen“ und bekommt daraufhin den geballten Zorn der Juden zu hören: „Er hat das Volk erregt“ (Lukas 23, 4+5). Doch Pilatus bleibt, wie der Tenor weiter berichtet, zunächst ruhig und bekennt nochmals, an Jesus „keine Schuld“ feststellen zu können, will ihn aber, um die Juden zu beruhigen, züchtigen, danach aber frei lassen. Der wütende Widerspruch des Volkes ist musikalisch von höchster dramatischer Ausdruckskraft gestaltet: „Hinweg mit diesem, und gib uns Barabam los“ schreien sie, doch immer noch sieht Pilatus keinen Grund, dieser Forderung nachzukommen (Lukas 23, 15-18). Dieses Unverständnis durch Pilatus führt zu den aberwitzigen „Kreuzige ihn“-Rufen (Lukas 23, 20+21), in dem Mendelssohn das musikalische Motiv mit dem „diabolus-in-musica“-Intervall chromatisch nach oben schraubt.

Jetzt hat das Volk Pilatus da, wo es ihn haben will: Zwar bekennt er immer noch Zweifel, um sich aber eines unangenehmen „Falls“ zu entledigen, übergibt er Jesus den Juden zur Kreuzigung. Und die geben dem Römer sogleich eine gesetzliche Begründung für die Rechtmäßigkeit ihres Verlangens: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Diesen Text fanden Bunsen und Mendelssohn bei Johannes 19, 6ff und 7. Mendelssohn vertont das Johannes-Zitat mit einer Fuge, das in eine Unisono-Phrase mündet.

Der Bericht des Tenors fährt fort mit dem Johannes-Text, wonach Jesus vom Volk gepackt und zur Schädelstätte geführt wurde, wendet sich dann jedoch wieder nach Lukas (23, 27); dort wird von einem großen „Haufe Volks und Weibern“ gesprochen, die dem Zug folgten, um Jesus klagten und weinten.

Diesem Evangelisten-Rezitativ folgt ein bewundernswertes Stück der unvollendet gebliebenen Partitur: Der g-Moll-Klagechor (Lukas 23, 28-30) „Ihr Töchter Zions, weint über euch selbst und über eure Kinder! Denn siehe, es wird die Zeit kommen, da werdet ihr sagen zu den Bergen: fallt über uns! Und zu den Hügeln: deckt uns!“ Die Trauer und die Verlorenheit der weinenden Menschen kann man mit musikalischen Mitteln nicht emotionaler ausdrücken.

Der Klagechor geht direkt in das letzte der erhaltenen Stücke über: Der vierstimmige, sehr schlicht gehaltene Choral für Männerchor „Er nimmt auf seinen Rücken die Lasten, die mich drücken bis zum Erliegen schwer“ wird nur von den tiefen Instrumenten Fagott, Bratsche, Cello und Kontrabaß begleitet. Die Melodie stammt zwar aus Georg Forsters Choral „O Welt ich muß dich lassen", sie geht aber auf das weltliche „Innsbruck ich muß dich lassen“ des Flamen Heinrich Isaac zurück. Die gesungenen Strophen wurden den Paul-Gerhardt-Liedern „O Welt, sieh’ hier dein Leben“ (6) und „Nun ruhen alle Wälder“ (12) entnommen. Sie haben allerdings keinen Bezug zueinander und passen inhaltlich und stilistisch nicht zusammen:
Er nimmt auf seinen Rücken die Lasten, die mich drücken bis zum Erliegen schwer,
er wird ein Fluch, dagegen erwirbt er mir den Segen, und o wie gnadenreich ist der!

Der Vers umschreibt in dichterischer Form die Last, die Jesus auf dem Weg nach Golgatha durch sein Kreuz auf sich genommen hat, und fügt sich thematisch in den bisherigen Handlungsverlauf des Oratoriums ein. Anders dagegen die nächste Strophe:
Wo bist du Sonne blieben, die Nacht hat dich vertrieben, die Nacht, des Tages Feind.
Fahr' hin, du Erdensonne, wenn Jesus, meine Wonne, noch hell in meinem Herzen scheint.

Der Vers stammt aus dem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“, das, im übertragenen Sinne, vom Sterben alles Irdischen handelt. Inhaltlich wird die in den Evangelien erwähnte „Finsternis“ bei Jesus Tod aufgegriffen; das könnte damit einen von Mendelssohn angedachten Satzablauf denkbar erscheinen lassen, würden wir ihn denn kennen. So aber sind diese Überlegungen rein spekulativ.

Zum dritten Teil, der sich mit der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu befassen sollte, ist keine Notenzeile überliefert. Der unerwartet frühe Tod des Komponisten machte diesen Plan zunichte.


© Manfred Rückert für Tamino-Oratorienführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Libretto der erhaltenen Stücke
Oratorienführer von Pahlen und Harenberg
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Montag, 25. Juni 2012, 17:12

Diskographische Hinweise

Trotz seines fragmentarischen Charakters wurde Mendelssohns CHRISTUS immer wieder aufgeführt und sogar eingespielt; bei den Tamino-Werbepartnern sind die folgenden CD's im Angebot:

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