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musikwanderer

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Sonntag, 19. August 2012, 16:40

HÄNDEL, Georg Friedrich (u.a.): BROCKES-PASSION

Tamino Oratorienführer
Georg Friedrich Händel (1685-1759):

DER FÜR DIE SÜNDE DER WELT


GEMARTERTE UND STERBENDE JESUS

Oratorium für Soli, Chor (SATB) und Orchester, HWV 48
Dichtung von Barthold (Berthold) Hinrich (Heinrich) Brockes, 1712

Uraufführung (wahrscheinlich) am 3. April 1719 im Hamburger Dom unter der Leitung von Johann Mattheson

SOLILOQUENTEN

Der Evangelist, Tenor
Jesus, Baß
Tochter Zion, Sopran
Gläubige Seele, Sopran
Petrus, Tenor
Kaiphas, Baß
Hauptmann, Baß
Pilatus, Baß
Judas, Alt
Drei Mägde, Soprane
Maria, Sopran


INHALTLICHE INFORMATIONEN

Nach der einleitenden Sinfonia (4/4-Takt, B-Dur), eröffnet das zweistrophige Sopran-Alt-Duett, in das der Chor, die Menge der Gläubigen repräsentierend, einstimmt, die Passion:
(1) Mich von Stricken meiner Sünden zu entbinden wird mein Gott gebunden.
Von der Laster Eiterbeulen mich zu heilen, lässt er sich verwunden.
(2) Es muss, meiner Sünden Flecken zu bedecken, eignes Blut ihn färben
Ja, es will, ein ewig Leben mir zu geben, selbst das Leben sterben.
Den ersten Vers hat, mit kleiner Textänderung, auch Johann Sebastian Bach als Arie für Alt in den ersten Teil seiner Johannes-Passion eingefügt.

Dann beginnt der gereimte Bericht des Evangelisten mit der Abendmahlsszene und hält sogleich eine theologische Überraschung bereit. Wer den tiefen Religionsstreit hinsichtlich der „Wandlung“ kennt, erfährt hier ein eindeutiges Bekenntnis der Autoren: Das ist mein Leib / Das ist mein Blut. Jesu Einsetzungsworte und seine mit einem Accompagnato geschilderte Ankündigung, für „euch und viele“ in den Tod zu gehen, umrahmt die Tochter Zion kommentierend mit zwei bekenntnishaften Arien.

Den Abschluss dieser „Eingangsszene“ bildet der Choral
Ach wie hungert mein Gemüte, Menschenfreund, nach deiner Güte;
Ach, wie pfleg' ich oft mit Tränen, mich nach dieser Kost zu sehnen;
Ach, wie pfleget mich zu dürsten nach dem Trank des Lebensfürsten.
Wünsche stets, dass mein Gebeine sich durch Gott mit Gott vereine.
Händel greift für die Choräle in diesem Oratorium zum Teil auf die ihm vertrauten Melodien evangelischer Kirchenlieder zurück, vertont einige aber auch völlig neu, behält aber in allen Fällen die harmonische Schlichtheit des Choralgesangs bei.

Der Bericht des Evangelisten versetzt den Hörer an den Ölberg, wo Jesus seinen Jüngern ankündigt, dass sie sich in dieser Nacht an ihm ärgern werden. Das weisen die natürlich weit von sich; Simon Petrus will seinem Meister sogar bis zum Ende der „ganzen Welt“ zur Seite stehen. Aber der später als Fels, auf dem die Kirche Christi stehen soll, bezeichnete Fischer Petrus muss sich von Jesus sagen lassen, dass er völlig versagen wird, weil er seinen Herrn noch vor Tagesanbruch dreimal verleugnen wird - was der so Beschuldigte aber weit von sich weist.

Dann begibt sich Jesus abseits, um zu seinem Vater im Himmel zu beten; es ist eine lange zweiteilige, von einem Rezitativ unterbrochene Arie, die dem Hörer die menschliche Not Jesu, seine Angst vor dem Tod, verdeutlicht, dann jedoch, im zweiten Vers, Ergebenheit in den göttlichen Willen und damit Größe und Stärke ausdrückt. Die beiden gegensätzlichen Gemütszustände kommentiert wieder die Tochter Zion, hier arios mit der Aufforderung an den sündigen Menschen, sich der bevorstehenden Liebestat Jesu anerkennend bewusst zu werden.

Der Evangelist weicht an dieser Stelle von seiner objektiven Berichterstatter-Funktion ab, und weiß mit barocker Poesie von Seelenkämpfen zu erzählen, die nicht in den Evangelien stehen, die der Dichter jedoch aus dem Geschehen ableitete:
Die Pein vermehrte sich mit grausamem Erschüttern, so dass er kaum vor Schmerzen röcheln konnt; man sah die schwachen Glieder zittern, kaum atmete sein trockner Mund. Das bange Herz fing an, so stark zu klopfen, dass blutger Schweiß in ungezählten Tropfen aus seinen Adern drang, bis er zuletzt, bis auf den Tod gequält, mit Angst, zermartert, halb entseelt, gar mit dem Tode rang.
Von dieser bildhaften Erzählung zeigt sich die Tochter Zion so beeindruckt, dass sie mit der gleichen barocken Inbrunst ihren Schmerz in einer Arie ausdrückt:
Brich, mein Herz, zerfließ in Tränen, Jesus' Leib zerfließt in Blut.
Hör sein jämmerliches Ächzen, schau, wie Zung' und Lippen lechzen
Hör sein Wimmern, Seufzen, Sehnen, schau, wie ängstiglich er tut!

Jesus ist betrübt, dass seine Jünger während seiner Abwesenheit eingeschlafen sind; er weckt sie auf, denn der, der „mich verrät ist da“! Judas kommt mit bewaffneten Kriegern und küsst seinen Rabbi als dem verabredeten Zeichen für die Kriegsknechte, dass sie auch ja den richtigen Mann verhaften. Petrus wird über diesen Vorgang wütend und darf sich mit einer stürmischen Arie äußern:
Gift und Glut, Strahl und Flut, ersticke, verbrenne, zerschmettre,
verbrenne den falschen Verräter voll mörd'rischer Ränke.
Man fesselt Jesum jämmerlich und keine Wetter regen sich?

und in der er gleichzeitig auch auf sein Vorhaben hinweist:
Auf denn, mein unverzagter Mut,
vergieß das frevelhafte Blut, weil es nicht tut Gift und Glut.
Das aber will Jesus nicht, denn wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert erkalten. Außerdem, so verkündet er, könnte er ohne weiteres durch den himmlischen Vater Engel zur Hilfe bekommen, doch muss geschehen, was die Schrift verlangt.

Also wird Jesus jetzt vor den Hohenpriester Kaiphas geführt und Brockes, der Volljurist, lässt seinen Evangelisten über eine Gerichtsverhandlung berichten, die es in sich hat: Weil der hohe jüdische Priester nicht viel Gerichtsverwertbares in der Hand hat, müssen zwei falsche Zeugen gegen Jesus auftreten - aber Kaiphas bekommt von den beiden nicht das, was ihm in seinen Absichten weiterhilft. Also will er näheres über Jesu Lehre wissen, der aber weist ihn nur auf die vielen Menschen hin, die seinen Predigten gehört haben und die gerne darüber Auskunft geben würden. Diese Antwort findet ein Kriegsknecht gegenüber der hohen Geistlichkeit so frech, dass er Jesus schlägt. Das empfindet die Tochter Zion als Unverschämtheit, und äußert sich, musikalisch entsprechend charakterisiert, wütend:
Was Bärentatzen, Löwenklauen, trotz ihrer Wut sich nicht getrauen,
tust du, verruchte Menschenhand!
Was Wunder, dass in höchster Eile, der wilden Wetter Blitz und Keile
dich, Teufelswerkzeug, nicht verbrannt.

Hier ist gedanklich ein szenischer Einschub zu denken: In der Zwischenzeit hat Petrus, wie Jesus ihm prophezeit hat, seinen Herrn und Meister tatsächlich dreimal verleugnet. Er muss erkennen (und gesteht es sich auch ein), dass er ein sündiger Mensch ist und der Gnade Gottes bedarf. Und die Menge der Gläubigen stimmt in diese bittere Erkenntnis mit einem zweistrophigen Choral ein:
(1) Ach, Gott und Herr, wie groß und schwer, sind mein' begangne Sünden!
Das ist niemand der helfen kann, in dieser Welt zu finden.
(2) Zu dir flieh ich, verstoß mich nicht, wie ichs wohl hab verdienet.
Ach Gott, zürn nicht, nicht ins Gericht, dein Sohn hat mich versühnet.

Die imaginäre Szene geht zurück in des Hohenpriesters Palast: Vor Kaiphas stehend bejaht Jesus dessen präzise Frage, ob er der Sohn Gottes sei, und liefert damit jetzt Kaiphas den langersehnten Grund: Auf Gotteslästerung steht nach jüdischem Gesetz die Todesstrafe. Endlich kann man den „Aufwiegler“ los werden. Die anwesende Menge ist begeistert und schreit sich, die Forderung des Hohenpriesters unterstützend, Er hat den Tod verdienet aus dem Hals.

Abermals wird eine neue Szene gebildet: Judas Ischarioth, so berichtet der Evangelist, ist über das Geschehen, an dem er große Mitverantwortung trägt, in Gewissensnöte geraten und gesteht sich Fehlverhalten ein. Diese Einsicht verkündet aber nicht der Evangelist, sondern Judas äußert sich selber zu seiner Schuld und zieht eine gradlinig anmutende Konsequenz: Er sucht den Tod durch „Erhenken“. Die Erkenntnis, dass er ein Werkzeug im Plan Gottes war, kommt ihm nicht.

Unvermittelt berichtet der Evangelist, dass Jesus vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus steht. Der stellt ihm die einfache Frage, ob er der Juden König sei, die Jesus ebenso schlicht mit einem „Ja“ beantwortet. Und das Volk ruft für diese Aussage nach Strafe, denn damit werde der Feind des Kaisers klar erkennbar. Auch hier wird aus dem dichterischen Text der Jurist Brockes erkennbar, da der Römer auf einen fairen Prozess Wert legt:
Hast du denn kein Gehör? Vernimmst du nicht, wie hart sie dich verklagen,
und willst du nichts zu deiner Rettung sagen?
Doch Jesus schweigt, wie der Evangelist berichtet. Allerdings gibt Brockes an dieser Stelle der allegorischen Tochter Zion und Jesus ein das Geschehen reflektierendes Duett.

Dann zeigt sich Pilatus verwundert über den Angeklagten, der sich nicht verteidigt und den Tod offensichtlich nicht scheut. Aber eine Schuld, die den Tod juristisch rechtfertigen würde, vermag er nicht zu erkennen. Vielleicht, so mag er gedacht haben, hilft eine Volte aus dem juristischen Dilemma: Er bietet den Juden einen Verbrecher zum Austausch für Jesus an, und ist sich eigentlich sicher, dass man seinen Vorschlag ablehnen wird. Doch Pilatus hat sich geirrt, das Volk will diesen Barrabas frei haben und man schreit immer wieder Kreuzige! Kreuzige“ Laß ihn kreuzigen! Und jetzt gibt Pilatus genervt auf. Sollen sie ihren Willen haben. Das kommentiert die Tochter Zion in einem Arioso mit einer Warnung an den Statthalter, er möge sich bewußt sein, dass er verdammt sei, wenn er Gott verdammt:
Besinne dich, Pilatus, schweig, halt ein! Vermeide doch der Höllen Schwefelflammen!

Der Evangelist weiß jetzt von Jesu Geißelung zu berichten und die allegorische Gläubige Seele sinniert über das Geschehen:
Ich sehe (…) aus jedem Tropfen Blut der Liebe Funken springen. (...)
Dem Himmel gleicht sein bunt gefärbter Rücken,
den Regenbogen ohne Zahl als lauter Gnadenzeichen schmücken,
die, da die Sündenflut unsrer Schuld versieget,
der holden Liebe Sonnenstrahl in seines Blutes Wolken zeiget.

Nun zieht man Jesus einen Purpur an und krönt ihn mit einer Dornenkrone, abermals von der Tochter Zion betrachtend kommentiert. Das Volk ist nicht mehr zu bremsen, es spottet über den Blutenden und spuckt ihm ins Gesicht. Auch diese Ereignisse begleitet die Tochter Zion mit barocken Formeln des Mitleids und der Anteilnahme. Diese Szene wird mit einer Arie der Tochter Zion, die von einem Chor begleitet wird, und jedem Musikfreund aus Bachs „Johannes-Passion“ bekannt ist, abgeschlossen:
Eilt, ihr angefochtnen Seelen, wenn auch Angst und Schrecken quälen,
(oder als Textvariante: geht aus Achsaphs Mörderhöhlen)
kommt (Chor: Wohin?) nach Golgatha! Eilt auf des Glaubens Flügel,
fliegt (Chor: Wohin?) zum Schädelhügel, eure Wohlfahrt blüht allda!

Hier, auf Golgatha steht nun Jesu Mutter und ist verzweifelt über das Leiden ihres Sohnes. Doch Jesus versucht, sie zu beruhigen, dass er auch für sie in den Tod gehe, um „dir den Himmel zu erwerben“. Die Gläubige Seele ist entsetzt über das schreckliche Geschehen. Aber das Ende ist schnell da: man kreuzigt Jesus, wirft um sein Kleid das Los, erregt sich aber auch über des Pilatus Kreuzesinschrift (was den völlig kalt lässt) und spottet über den Wundermann, der sich selber nicht zu helfen weiß.

Der Bericht des Evangelisten bringt Dramatik in die Erzählung, denn der Himmel verdunkelte sich über das ganze Land und Jesus ruft laut, wie das Volk meint, nach dem Elias, in Wirklichkeit jedoch „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einer der Soldaten glaubt, Jesus habe Durst und bringt den Ysoppen voll Essigs, den er aber nicht trinken will, sondern nur noch ruft „Es ist vollbracht.“

Rezitative, Ariosi und Arien der Tochter Zion, der Gläubigen Seele und des Hauptmanns der Kriegsknechte kommentieren die Ereignisse vor dem Choral, der die Brockes-Passion mit Inbrunst beendet:
Ich bin ein Glied an deinem Leibe, des tröst' ich mich von Herzen;
von dir ich ungeschieden bleib' in Todesnot und Schmerzen;
wann ich gleich sterb', so sterb' ich dir,
ein ewig's Leben hast du mir mit deinem Tod erworben.


INFORMATIONEN ZUM WERK

Die BROCKES-PASSION ist eines der letzten Werke, die Händel in seiner Muttersprache vertonte. Es wird angenommen, dass die Kompositionsarbeit bereits 1716 während einer Dienstreise des königlichen Hofkapellmeisters Händel nach Deutschland in Angriff genommen, und dann in London 1717 beendet wurde. Eine genaue Datierung ist allerdings nicht möglich, da das Autograph verschollen ist. Es gibt jedoch eine zeitlich passende schriftliche Bestätigung von Johann Mattheson über den Empfang der Partitur aus London. Händels Oratorium ist weder in Teile, noch in Szenen eingeteilt und ist somit durchgängig aufzuführen.

Die Annahme, dass Mattheson Auftraggeber diese Passionsmusik war, wird heute zwar allgemein verworfen, erschließt sich überhaupt erst aus der Tatsache, dass er nach Erscheinen des Librettos von Brockes den Entschluss fasste, diesen Text zu vertonen und außerdem noch drei berühmte Komponisten einzuladen: Georg Philipp Telemann und Reinhard Keiser entsprachen dem Wunsch, und Händel schickte, wie schon erwähnt, die Partitur aus London. Die vier Kompositionen sind in der Karwoche 1719 durch Mattheson aufgeführt worden. Der in manchen Druckwerken zu lesende Hinweis, Mattheson habe die Aufführung aller vier Werke an einem Tag der Karwoche geplant, wird wohl mit Recht angezweifelt. Auch eine früher angenommene Aufführung der Händelschen BROCKES-PASSION schon im Jahre 1717 in Hamburg ist nicht belegbar.

Bis 1724 gab es in Hamburg fünf weitere Aufführungen von Händels Oratorium. Der Händel-Forscher Prof. Albert Scheibler geht sogar von Aufführungen bis zu Mozarts Zeiten aus, kann das aber nicht näher belegen. Händel hat seine Musik offensichtlich für wertvoll gehalten, denn er übernahm insgesamt fünfzehn Nummern in Opern (Julius Cäsar), in Oratorien (Esther und Deborah) und Concerti grossi (näheres in: Händel-Handbuch, Band 2, Seite 61). Von Johann Sebastian Bach gibt es eine zwischen 1746 und 1749 entstandene Abschrift der BROCKES-PASSION von Händel.

Erwähnenswert, wenn auch nur als ein zeitbedingtes Kuriosum, ist eine fünfte BROCKES-PASSION, in der 53 Musikstücke von Telemann, 34 von Keiser, 13 von Händel und 5 von Mattheson zu einem Pasticcio gemixt wurden; auch diese Passion wurde mit großem Erfolg in Hamburg aufgeführt. Immerhin gibt es einen Zeitungsbericht in „Die Welt“ vom 30. März 2012, der eine Wiederaufführung dieser „Pastete“ nach dreihundert Jahren im alten Katalogsaal der Staatsbibliothek durch das „Barockwerk Hamburg“ würdigt.

Nach Scheibler (Georg Friedrich Händel, Oratorien-Führer) kannten sich Händel und Brockes aus gemeinsamen Studienzeiten in Halle und blieben lebenslang gute Freunde. Der Lizentiat der Rechte Brockes, später auch Ratsherr in Hamburg, veröffentlichte von 1721 bis 1748 eine neunbändige Sammlung von Gedichten unter dem Titel „Irdisches Vergnügen in Gott“, die nicht nur eigene Gedichte, sondern auch Übersetzungen fremdsprachlicher Werke enthielt, darunter beispielsweise auch Fabeln von Antoine de la Motte-Houdart. Händel entnahm neun Gedichte aus der Anthologie für seine „Deutschen Arien“ (HWV 202-210).

Der 1712 erstmals veröffentlichte gereimte Passionstext von Brockes erlebte mehrere Druckauflagen, die textlich voneinander abweichen. Das dichterische Werk fand breite Zustimmung und war den zeitgenössischen Komponisten wohlbekannt. Wurde es später als „pietistisch“ und zu „barock-drastisch“ abgelehnt, sieht man heute in der Literaturkritik die Dichtung mit anderen Augen: Brockes wird als erster „Impressionist“ angesehen, der mit rhetorischer Sprachgenauigkeit die Natur ebenso zu beschreiben wusste, wie er die Not und das menschliche Unglück und ihrer Seelen nachzeichnen konnte. Und eben diese „lebhaften Bilder“ haben Händel und die anderen Komponisten offenbar anzusprechen gewusst.

Die unterschiedlichen Textversionen der BROCKES-PASSION spiegeln sich auch in den Vertonungen von Keiser, Telemann, Mattheson und Händel wieder: So hat der Hamburger Operndirektor Keiser offensichtlich die ursprüngliche Version von 1712 vertont, während Telemann (1716, Frankfurt am Main), Mattheson (1718, Hamburg) und Händel (1716/1717, Hamburg) auf spätere Text-Fassungen zurückgegriffen haben. Trotzdem ist diese Inhalts-Beschreibung im Grundsatz auch für die Werke Telemanns, Keisers und Matthesons gültig.

Erwähnt seien an dieser Stelle auch noch die Vertonungen der BROCKES-PASSION durch Johann Friedrich Fasch (1688-1758) und Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749). Letzterer hat noch 1725 Brockes Text vertont. Stölzel genoss seinerzeit einen ausgezeichneten Ruf als Komponist; Lorenz Mizler stellte ihn über Johann Sebastian Bach. Dieser kannte seinen Gothaer Kollegen persönlich und schätzte ihn: er bearbeitete dessen Partita g-Moll und nahm sie in das „Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach“ auf.


© Manfred Rückert für Tamino-Oratorienführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Text der Brockes-Passion
Oratorienführer von Scheibler und Harenberg
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Sonntag, 19. August 2012, 16:56

Diskographische Hinweise


Diese 1968 erschienene Archiv-Produktion mit den Solisten Paul Esswood, Maria Stader, Edda Moser, Jakob Staempfli, Theo Adam, Jerry J. Jennings und Ernst Haefliger, dem Regensburger Domchor und der Schola Cantorum Basiliensis unter dem bedeutenden August Wenzinger, bietet, wie bei diesem Label üblich, eine profunde Einführung in das Werk und hat auch sicherlich heute noch mehr als nur historische Bedeutung.


Der Carus-Verlag wirbt mit dem Hinweis, eine Bearbeitung von Händels Werk durch Johann Sebastian Bach vorzulegen, der seine eigenhändige Abschrift mit geändertem Text des Eingangschores versah. Die Interpreten sind Nele Gramß, Johanna Winkel, Markus Brutscher, Elvira Bill, James Oxley, Jan Thomer, Michael Dahmen und Markus Flaig; es singt der Kölner Kammerchor, es spielt das Collegium Cartusianum; musikalische Leitung Peter Neumann.


Hier legt Brilliant als lizensierte Aufnahmen von Hungaroton neben der BROCKES-PASSION (unter Nicholas McGegan) auch die Johannes-Passion Händels (unter Pál Németh) vor. In beiden Aufnahmen singt Martin Klietmann den Evangelisten und spielt die Capella Savaria. Den Chorpart in der Brockes-Passion hat der Stadtsingechor Halle, in der Johannes-Passion ein nicht näher benannter Kammerchor. Als Solisten sind u. a. Mária Zádori, Drew Minter, István Gáti, Guy de Mey und Judith Németh aufgeführt.


Telemanns Vertonung hat René Jacobs in gekürzter Version mit Brigitte Christensen, Lydia Teuscher, Marie-Claude Chappuis, Donat Havar, Daniel Behle und Johannes Weisser, dem RIAS Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin, bei Harmonia Mundi vorgelegt.


Stözels Komposition ist bei cpo erschienen (und viel gelobt worden). Ludger Remy leitet den Kammerchor Michaelstein und das Telemann-Kammerorchester Michaelstein. Als Solisten werden genannt Constanze Backes, Dorothee Mields, Henning Voss, Knut Schoch, Andreas Post, Klaus Mertens und Florian Mehltretter.


NAXOS bietet die Aufnahme in der Vertonung von Johann Fredrich Fasch an: mit Zoltan Megyesi, Peter Cser, Maria Zadori; Schola Cantorum Budapestiensis, Capella Savaria Baroque Orchestra; Mary Terey-Smith.
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