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zweiterbass

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91

Mittwoch, 27. März 2013, 01:07

Hallo,

"Lied eines Verliebten", a-Moll, 3/2, 2/2, ¾, 4/2, Allabreve - gehende Halbe, ja nicht zu langsam - auch frisch voran - etwas robust schlicht, in tief gesetztem, 1- und 4/5-stimmigen Männerchor (T1, T2, B1 geteilt, B2)

CD wie bei "Der Gärtner"

Ich beziehe mich auf die Beiträge ab Nr.406 mit vollständigem Text im Thread "Wolf und Eduard Mörike".

Mein Verständnis zum Gedicht von Mörike:
Distler hat das Gedicht sehr verändert. Neben den für ihn typischen polyphonen Textwiederholungen (dazu mehr siehe unten), macht er in der 4. Strophe aus erstmalig "tummelt" dann das Wort "tummel" das er 32 x über 12 Takte homophon und textgleich wiederholen lässt. Distler gibt dem Gedicht eine ironische, fast sarkastische Wendung. Dies ist auch daran zu erkennen, Wolfs Lied benötigt ca. knapp 2 Minuten - Distler verw(schw)endet 3.12 Minuten um den Hörer zu verwirren, ihm seine musikalische Textdeutung nahe zu bringen.


Mein Verständnis zur Vertonung von Distler:
Es handelt sich erneut um ein "durchkomponiertes Strophenlied". Für alle Strophen: Die Wirkungen der oftmaligen Taktwechsel kann ich nicht beschreiben - hören. Die 1. und 5. Strophe stehen in einem beinnahe identischen, homophonen, 1-stimmig oktavierten (TB) Chorsatz, gesetzt in tiefer Stimmlage - was der "gesunden Jugend" nicht gerade entspricht und Harmonik und Stimmführung schon gleich gar nicht; die 2. - 4. Strophe 4-stimmig.
Die 2. Strophe beginnt für T1 und B1 kanonartig, T2 und B2 setzen 6 ½ Takte später mit einem homophonen Satz ein, aber T1 und B1 sind schon polyphon und der homophone Satz von T2 und B2 ist zu T1 und B1 auch polyphon (ein fast schon "heilloses" Durcheinander) und am Ende auf "…ge - dacht" einstimmig oktaviert (= "auf Wiedersehn bei der Fermate"*).
3. Strophe "Wär' ich ein Fischer stünd' ich auf" Tempo frisch voran - "ja, ja" lange Fermate, einheitliche Viertelpause, "stünd' ich auf" (na, soweit her ist's mit dem stünd' ich auf und frisch voran wohl nicht). Dann kommen wieder die polyphon gesetzten Textwiederholungen und erst bei "…Ver-kauf " wieder einstimmig oktaviert zu*.
4. Strophe: T1 und geteilter B1 setzen homophon ein, T2 und B2 auch homophon aber 1 ½ Takte später und dann trennen sich die Stimm- und -Textführung völlig, ein wüstes "tummel dich…" und "…Gänge klappern…" setzt ein, was sich dann bei den 32-maligen Wiederholungen "tummel" homophon fängt und sich sequenzartig in halbtongeführten Akkorden schrittweise erhöht. Bevor die 5. Strophe beginnt endet die 4. Strophe in 3-maligem einstimmig oktavierten "tum" auf eine Viertelnote, je durch zwei Viertelpausen (wir sind im ¾-Takt) getrennt, was als dumm zu hören ist.

Es ist wieder der vergebliche Versuch, die Distlerschen Vertonungskünste - diesmal spaßig, ironisch - zu verbalisieren. Bitte anhören - es lohnt wirklich, sich die CD zu kaufen!!!

Ein Vergleich mit dem Wolf-Lied - selbst als Kontrast - ist nicht möglich, zu unterschiedlich sind die Textausdeutungen - bei Distler eine Verzerrung (?) von Mörike?

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Dr. Holger Kaletha

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92

Donnerstag, 28. März 2013, 20:10

Lieber Horst,

das "Lied eines Verliebten" ist finde ich eins der spannendsten Distler-Vertonungen, das zum Nachdenken und Wiederhören geradezu auffordert. Wie er da die Polyphonie nutzt um aus dem Schönen Kakophonie wird in der hochkomplexen Polyphonie. Ironische Wiederholungen gibt es auch. Ich finde auch, daß die Musik hier die Dichtung "weiterdichtet" - aber sehr konsistent! Wirklich faszinierend! :)

Schöne Grüße
Holger

zweiterbass

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93

Samstag, 30. März 2013, 08:23

Hallo,

"Feuerreiter", a-Moll, Alla breve, 3/8, ¾, recht geschwind - für bis zu 6-stimmig gem. Chor (S1, S2, A1, A2, T1, T2, B1, B2)

CD wie bei "Der Gärtner"

http://www.youtube.com/watch?v=JzwBZKcu790 Distler

http://www.youtube.com/watch?v=OXLLZhVmIy4 Wolf

Ich habe nun für beide Vertonungen (weil vorhanden) youtube-Links eingefügt um einen direkten Hörvergleich möglich zu machen.

Ich beziehe mich auf die Beiträge ab Nr. 412 im Thread "Wolf und Eduard Mörike".

Mein Verständnis zum Gedicht von Mörike:
Wie schon so oft habe ich der Analyse von Helmut nichts hinzuzufügen.

Mein Verständnis zur überwiegend durchkomponierten Vertonung Distlers (meine Bemerkungen beziehen sich auf die CD, weil die youtube-Einspielung deren Niveau nicht erreicht):
Die 1. Strophe beginnt Distler in mf (er macht deutlich auf den - vielleicht noch nicht bemerkten "sehet ihr…?" - Vorgang aufmerksam und spricht auch so den Zuhörer an) und einem homophonen Satz in überwiegend Achtelnoten; die später z. T. sehr dissonante Vertonung deutet sich schon in den ersten 6 Takten an. Mit einer ganz simplen Textverschiebung auf Gewühle zwischen Bass und dem Rest des Chores wird das Gewühle so was von deutlich hörbar!
Und wenn dann das Feuerglöcklein "gellt, hinterm Berg…" ist der Chorsatz 6-stimming und natürlich, wie von Distler nicht anders zu erwarten, nutzt er wieder die unterschiedliche Textverteilung auf die Frauenstimmen aus, die in Ganztönen nach oben gehend die Angststeigerung ausdrücken (ständig ertönt in den textlich versetzten Frauenstimmen "hinterm Berg"), während die Männerstimmen das "gellt" über 4 Takte unisono ("als Warnton") aushalten und erst in den letzten 4 ½ Takten der 1. Strophe "brennt es (dissonant, aber homophon) in der Mühle!", während es im 5.-letzten Takt auf die 1. Halbe einen höchst dissonanten Frauenchor"aufschrei" auf "Berg" - mit Fermate! - gibt. (Dieser Teil wird in jeder Strophe stets fast identisch wiederholt.)
Der Chorsatz der 2. Strophe hat große Ähnlichkeit mit der 1. Strophe, aber "Schaut" wird wiederholt, zuerst eine Halbenote dann eine punkt. Viertelnote, so ein überdeutlicher Aufforderungscharakter (!) für den "Feuerreiter auf dem rappendürren Tier als auf einer Feuerleiter" (eine überragende Wortwahl von Mörike!). Und wieder ist es der Bass, der durch eine kleine aber äußerst wirkungsvolle andere Textverteilung gegenüber dem Restchor "Qualm und Schwüle" verüberdeutlicht (das ist eben nur in einem Chorsatz möglich). Diesmal ist der Frauenchor"aufschrei" auf "Berg" noch weitaus dissonanter, auch 6-stimmig, gegenüber 4-stimmig in der 1. Strophe.
In der 3. Strophe ist die Textverteilung auf "Weh! Dir grinst vom Dachgestühle…" besonders wirkungsvoll und textüberhöhend und der homophone Satz auf "Gnade Gott der Seele" ist gegenteilig ebenso wirkungsvoll.
Die 4. Strophe hat unisono Achtelnoten "bis" - auf einer Halbe- und dann Viertelnoten ist das "Bersten" zu hören, es folgt eine (sehr bedeutsame!) halbe Pause - dann sieht man den (unisono) Reitersmann nicht mehr und das "hinterm Berg…" verklingt allmählich.
Die 5. Strophe als Abgesang in fast legato bringt ab "…kühle reitest du…fällt's wie Asche ab" äußerst dissonante Akkorde und -verbindungen (da kann der CD-Chor mit Intonationsreinheit glänzen!).


So sehr auch diese Vertonung äußerst gut gelungen ist, die explosive, expressive Kraft der Wolfschen Vertonung fehlt etwas - und das scheint mir bei diesem Gedicht doch sehr wichtig.


Viele Grüße
zweiterbass
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Dr. Holger Kaletha

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94

Dienstag, 2. April 2013, 18:47

Lieber Horst,

ich finde die Vertonung beim Wiederhören (ganz bewußt ohne Wolf vorher!) sehr eindrucksvoll. So dramatisch wie die Solo-Gesangstimme kann der Chor natürlich nicht sein, aber psychologisch ist das äußerst einfühlsam, wie Distler da die entstehende Aufregung nachzeichnet. Und die Schlußstrophe finde ich genial! Das ist äußerst ungewöhnlich und originell. Das "Ruhe wohl" als kaum vernehmliches Echo zu "da fällts in Asche ab". Das klingt magisch! Sehr eindrucksvoll!

Schöne Grüße
Holger

zweiterbass

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95

Montag, 22. April 2013, 20:57

Hallo,

ich beziehe mich auf Helmuts Beitrag Nr. 477 im Hugo Wolf - Mörike - Thread.

Nachdem nun keine Wolfvertonungen von Mörike-Gedichten kommen, die auch Distler vertont hat, ein kleiner Zwischenstatus:

Wie nicht anders zu erwarten war, ist die von beiden Komponisten getroffene Auswahl der zu vertonenden Gedichte nicht besonders kongruent.

Insgesamt hat Distler für sein Mörike-Chorliederbuch je 12 Chorsätze für Frauen- und Männerchor und 24 für gem. Chor vertont, insgesamt also 48.

Hugo Wolf hat 53 Mörike-Gedichte zu Vertonung ausgewählt, von denen Distler 19 vertont hat; 15 davon sind auf der CD mit dem Berliner Vocalensemble enthalten, die ich vorgestellt habe und zu denen ich, im Vergleich zu Wolf, bereits hier gepostet habe. Auf der von mir vorgestellten CD sind 27 Chorsätze enthalten, sodass ich nun zu den 12 fehlenden Mörike-Gedichten mit Distler-Chorsätzen wieder hier posten werde.

Die fehlenden 5 Chorsätze s. o. (und weitere 16) sind auf anderen CDs enthalten, für deren Kauf ich mich noch nicht entschieden habe, da ich gravierende Tempounterschiede festgestellt habe zwischen den mir vorliegenden Aufnahmen mit dem Berliner Vocalensemble - deren Tempowahl die ich für sehr passend halte - und den anderen CD-Aufnahmen.

Viele Grüße
zweiterbass
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Dienstag, 23. April 2013, 00:00

Hallo,

ich zitiere Holger (zu "Er ist's"):

"Bei Distler ist das ein sakraler Ton, der Jubel hat etwas von einem Lobgesang des Herrn. Bei Wolf ist das eine sehr "weltliche" Freude, viel menschennäher - in diesem Punkt glaube ich allerdings, steht Wolf Mörike näher. Denn dieses Gedicht hat bei Mörike keinen erkennbaren religiösen Bezug finde ich. Bei Distler wird die Textvorlage sakralisiert - wahrscheinlich, weil er alle Mörike-Gedichte so vertont, vermute ich mal. Oder stimmt das nicht?

Das habe ich gepostet:
"…religiösen Bezug hat weder Mörike, noch Distler - aber gläubigen Bezug wohl Beide (den aber Wolf nicht hat), weswegen Mörike näher bei Distler ist (nein, ich habe das nicht irrtümlich verdreht!)."

Ohne Zweifel hat sich Distler in seinen Kompositionen überwiegend im geistlichen Bereich bewegt, was auch an seinen weltlichen Kompositionen sicher nicht ganz spurlos vorbei gegangen ist.

Nun als ganz kleines Gegengewicht, um zu zeigen Distler kann auch anders:


Der Text zu "Jedem das Seine" (den roten Text hat Distler erweitert)

Aninka tanzte
Vor uns im Grase, hei! hei! O hei-ras-sas-sas-sa!
Vor uns im Grase, die raschen Weisen, o hei-ras-sas-sas-sa!
Vor uns im Grase, die raschen Weisen, o hei-ras-sas-sas-sa! o hei-ras-sas-sas-sa!
Vor uns im Grase, die raschen Weisen, Hei-ras-sas-sas-sa! hei-ras-sas-sas-sa!

Wie schön war sie! O!
(Diese Texterweiterung wird in jeder Strophe analog vorgenommen.)

Mit den gesenkten,
Bescheidnen Augen
Das stille Mädchen –
Mich macht’ es toll!

Da sprang ein Knöpfchen
Ihr von der Jacke,
Ein goldnes Knöpfchen,
Ich fing es auf –

Und dachte Wunder
Was mirs bedeute,
Doch hämisch lächelt’
Jego’r dazu,

Als wollt er sagen:
Mein ist das Jäckchen
Und was es decket,
Mein ist das Mädchen,
Und dein – der Knopf!

"Jedem das Seine" - C-Dur/a-Moll wechselnd, 3/8 - Im Zeitmaß und Charakter eines raschen Tanzes - sehr rhythmisch, 4-stimmig gem. Chor

Track 3

http://www.youtube.com/watch?v=p7ncYOMVIiY
(Das Berliner Vocalensemble interpretiert den Chorsatz schneller, besonders aber im Chorklang leichter, zierlicher, tanzender, die können's eben!)

Nachdem der Chorsatz auf youtube angehört werden kann, nur ganz kurze Anmerkungen:

"…tanze…", vier Sechzehntelnoten und eine punkt. Achtelnote - das tanzt!
"…Weise…", wie vor, nur eine ganz wenig veränderte Melodieführung (auf diese Weise wird ja getanzt!), die Wiederholungen ganz anders
In der letzten Zeile jeder Strophe gibt es vor dem "O" einen ganzen Takt Pause, dann das "O" als punkt. Viertelnote - also einen ganz Takt lang! - mit zusätzlicher Fermate, in a-Moll, zart verhaltend. So verspottet "der hämisch lächelnde Jego'r" seinen nicht ernst zu nehmenden "Nebenbuhler"- von Distler treffend vertont!
Der ganze Chorsatz wird in der Harmonik und im Rhythmus "balkanisiert"

Der Beweis: Distler kann auch ganz anders, aber immer genau am Text!!!

Viele Grüße
zweiterbass
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97

Dienstag, 7. Mai 2013, 16:31

Hallo,

"Auf dem Spaziergang"

"Vierfach Kleeblatt, selt'ner Fund!
Glückspfand! Holde Feengabe!
Vielgesegnet sei der Grund,
wo ich dich gepflücket habe"

"Von dem Felde aus dem Klee
will ich mir kein Pfand erwarten,
gibst du mir, du süße Fee,
eins aus deinem Rosengarten."

Ich erinnere an meinen letzten Beitrag - schon allein des Textes wegen ist auch die Vertonung weit weg von religiösem oder sakralem Bezug.
Mit einer sehr knappen (die Verse 1 + 2 der 1. Strophe kommen ohne Sätze aus), aber noch mehr ausdrucksstarken Sprache erzählt Mörike nicht nur einen "Spaziergang". Zur Interpretation des Gedichtinhaltes mögen sich individuelle Gedanken einstellen - wozu die Form der Vertonung noch beitragen könnte.

Es ist ein weiteres, ganz kleines Gegengewicht, dass Distler nicht nur ein Erneuerer der ev. Kirchenmusik ist.

Track Nr. 6

"Auf dem Spaziergang" - C-Dur, ½, leicht bewegte Halbe

Die 1. Strophe singen die Frauen einstimmig, dann singen die Männer, 1 Oktave tiefer, die 2. Strophe auch einstimmig. Dann wird die sehr einfache Melodie zu einem 2-stimmigen Kanon verarbeitet; die Frauenstimmen beginnen und singen den Text der 1. Strophe, die Männerstimmen setzen 4 Takte später ein singen die 2. Strophe, jede Stimmgruppe singt 2 mal ihren Text und bei der Wiederholung enden die Frauenstimmen auf "Fund" und die Männerstimmen auf "Garten", wobei in beiden Stimmgruppen eine kleine Anpassung der Melodie erfolgt.

Die äußerst schlichte Melodie, die Beschränkung auf je eine Frauen- und Männerstimmgruppe mit ihrem jeweils individuellen Text, verbunden mit der Form des Kanons gibt eine behutsame, feine Textausdeutung.
So wie Mörike mit einer sehr knappen Sprache nicht nur einen Spaziergang "erzählt", so wählt Distler eine Musiksprache, die in ihrer Schlichtheit den Kern des Gedichtes trifft und durch die Form mehr (?) aussagt als das Gedicht.

Leider ist der Chorsatz auf youtube nicht zu hören

Viele Grüße
zweiterbass
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98

Mittwoch, 29. Mai 2013, 16:26

Hallo,

der Text zu "Kinderlied für Agnes*"

"Dort an der Kirchhofmauer,
da sitz' ich auf der Lauer,
da sitz' ich gar zu gern;
es regt sich im Holunder,
es regnet mir herunter,
Rosin' und Mandelkern.

Waldwibichlein, das kleine,
das goldige, das feine,
das hat es mir gebracht.
Es hat ein Schloß im Berge,
das hüten sieben Zwerge,
darin ist große Pracht.

Und es hat mir versprochen,
in aber hundert Wochen,
wenn Agnes wacker sei,
da käm' es in dem Schlitten,
zu Gaste mich zu bitten,
da seid fein auch dabei"

(*oder ein beliebig anderer Kindername)

Die feine Naturbeobachtung (ja, an Kirchhofmauern wachsen oft Holunderbüsche), gepaart mit der fein versteckten Botschaft, wer (welche Art von Mensch - 3. Strophe) und wann dort lauert; auch über das Alter von "Agnes" besteht ab der 3. Strophe keine Unklarheit. Die Situation in einer schlichten, aber märchenhaften Sprache, in der es auch erfühlte/erfüllte "Wunder" gibt.


"Kinderlied für Agnes" - C-Dur, 4/8 und 6/8, Viertelnote in 4/8 = punkt. Viertelnote in 6/8, Recht einfach, für 4-stimmig gem. Chor

Die Verszeilen 1-3 jeder Strophe stehen in cis-Moll-Akkorden und im 4/8-Takt (da wird die wundersam - Moll auf der kleinen Terz stehend und ruhig, aber zugleich schwebend - 4/8 - empfundene Gegenwart zur Musik). Aber schon auf dem letzten Wort "gern" (mit anschießender Pause!) - Strophen 2 + 3 analog - Wechsel nach Cis-Dur und 6/8-Takt (die märchenhaft schön - Cis-Dur - und freudig erwartete - mit lebhaftem 6/8 - Zukunft wird zu Musik). Das "recht einfache" der Musik gibt dem Text Raum, ohne dass die Musik simpel wirkt, was die Oktav-Schlussakkorde noch unterstreichen.

Distler kann auch dieses Gedicht in Strophenform vertonen, da die jeweiligen Hälften der Strophen von der Aussage, vom Charakter fast identisch sind (ein nicht zu unterschätzender Verdienst von Mörike).

CD wie im letzten Beitrag.
Leider ist der Chorsatz auf youtube nicht zu hören.

Wieder ein weiteres, kleines Gegengewicht, dass Distler nicht nur ein Erneuerer der ev. Kirchenmusik ist.

Viele Grüße
zweiterbass
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99

Donnerstag, 30. Mai 2013, 15:59

Hallo,

der Text zu "Lieb in den Tod" (in schwäbischer Mundart)


"Uffem Kirchhof am Chor blüeht e Bloholder-Strauß
//:do fliegt e weiß Täuble, vors tage tuet raus://

Es streicht wohl e Gäsele nieder und zwue,
//:es fliegt mer ins Fenster, es kommt uf mi zue://

Jetzt siehn i mein Schatz und sei linneweiß Gwand
//:und sei silberes Ringle von mir an der Hand://

Es nickt mer en Grueß, setzt se nieder am Bett,
//:frei luegt mers ins Gsicht, aber aruehret me's net.//

Drei Woche nach Ostern, wenn’s Nachthuele schreit,
//:do mache mer Hochzig; mei Schotz hot mer's gseit://

Fei still ist mei Hochzig, mer halte kein Tanz.
//:Wer goht mit zur Kirchen? Wer flicht mer de Kranz?://



Auch hier meine ich, dass für Distlers Vertonung die schlichte, ohne große Worte auskommende Art und Weise der Aussage ausschlaggebend war; erneut kommt bei Mörike die unbestimmte, nicht exakt greifbare Zeit des Wandels, die Zeit der Morgendämmerung, ins Spiel.


"Lieb in den Tod" - C-Dur, 3/8 , 4/8 , 3/4, Recht zart und schwebend, für 5-stimmig gem. Chor (S1/S2/A/T/B)

Leider gibt es den Satz auf youtube nicht zu hören.
CD wie in allen Beiträgen.

Um seine chromatischen, tonal gebundenen Akkordfolgen (Harmonik) zu notieren, ist für Distler eine mit Vorzeichen festgelegt Tonart nur hinderlich, es würde das Schwebende, sich nicht festlegen Wollende (was m. E. oft in seiner Musik zu finden ist) konterkarieren.
Im dis-Moll-Septakkord (ich hoffe es stimmt?) setzt der Satz ein und allein ein Blick auf das Notenbild verrät, durch wie viele zwischen meist Moll (aber auch Dur) schwebende Tonarten die Harmonik führt. Die Rhythmik, die wechselnden Taktarten, tun ein Übriges, diesen Schwebezustand zu verfestigen - besser, den Bewegungsfortgang musikalisch zu verdeutlichen. Der Wechsel von 3/8 nach 4/8 bei "Täuble" (folgende Strophen analog), damit das statische des Kirchhofes zum dynamischen Flug der Taube in Musik zum Klingen zu bringen. Der Wechsel von 4/8 zu ¾ bei der 1. Wiederholung von "tage" - das ist nat. kein Walzertakt - aber in Verbindung mit der einzigen halben Note während des Satzes dann bei "raus" (nur der Schlussakkord hat noch eine halbe Note) und den dann folgenden vier Viertelnoten bringt die liebevolle Erinnerung in den nun verweilenden Schmerz zum Ausdruck, was im dis-Moll-Schlußakkord endet.

Erneut ein Gegengewicht, dass Distler nicht nur ein Erneuerer der ev. Kirchenmusik ist.

Viele Grüße
zweiterbass
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100

Montag, 3. Juni 2013, 00:18

Hallo,

der Text zu "Die traurige Kroenung":


Es war ein Koenig Milesint,
Von dem will ich euch sagen:
Der meuchelte sein Bruderskind,
Wollte selbst die Krone tragen.
Die Kroenung ward mit Prangen
Auf Liffey-Schloss begangen.
O Irland! Irland! warest du so blind?

Der Koenig sitzt um Mitternacht
Im leeren Marmorsaale,
Sieht irr in all die neue Pracht,
Wie trunken von dem Mahle;
Er spricht zu seinem Sohne:
"Noch einmal bring die Krone!
Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?"

Da kommt ein seltsam Totenspiel,
Ein Zug mit leisen Tritten,
Vermummte Gaeste gross und viel,
Eine Krone schwankt in Mitten;
Es draengt sich durch die Pforte
Mit Fluestern ohne Worte;
Dem Koenige, dem wird so geisterschwuel.

Und aus der schwarzen Menge blickt
Ein Kind mit frischer Wunde;
Es laechelt sterbensweh und nickt,
Es macht im Saal die Runde,
Es trippelt zu dem Throne,
Es reichet eine Krone
Dem Koenige, des Herze tief erschrickt.

Darauf der Zug von dannen strich,
Von Morgenluft berauschet,
Die Kerzen flackern wunderlich,
Der Mond am Fenster lauschet;
Der Sohn mit Angst und Schweigen
Zum Vater taet sich neigen, -
Er neiget ueber eine Leiche sich.


Es handelt sich um eine Ballade, dabei scheint es unbedeutend ob die "Story" nun tatsächlich passiert ist oder ob sie Mörikes Phantasie entsprungen ist. Wichtig ist, der moralische/ethische Anspruch, der sich daraus ergibt: Mord (schwere Schuld) wird gesühnt - hier auf Erden! In diesem Fall sehr schnell - es gibt auch "Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein".
Inwieweit sich Mörikes persönliche Lebensumstände auf die "schnellen Lösung" (als Wunsch) in der Story ausgewirkt haben - unterstellt es sei seiner Phantasie entsprungen - ???


Was kann der Text für Distler bedeutet haben, der ihn 1939 vertont hat?
(1933 war er der NSDAP beigetreten, ein Mitläufer wie Viele. Je länger das NS-Regime dauerte, umso mehr wurde Distler klar, das war nicht "sein Reich". Die Verfolgungen für ihn nahmen zu, besonders in Berlin bekam er in seinem kirchlichen Amt große Probleme seitens des NS-Staates (ob das auch von den "Deutschen Christen" ausging, weiß ich nicht). Distler war musikalisch eine sehr starke Persönlichkeit; ob das, kindheitsbedingt, auch für seine übrigen Lebensseiten zutraf? (Wie sehr hat es ihn getroffen, dass er in seiner Geburtsstadt Nürnberg nicht ins Konservatorium aufgenommen wurde? Warum man die hiesige nun Musikhochschule nicht nach ihm benennt?) Der über viele Jahre (wie ein Damoklesschwert) über ihm schwebende Gestellungsbefehl zur "Wehr"macht und die laufenden äußerst massiven Anfeindungen zermürbten ihn so, dass er 1943 seinem Leben selbst ein Ende setzte.)

"O Irland! Irland! warest du so blind?"

"Sieht irr in all die neue Pracht,
Wie trunken von dem Mahle;"

"Da kommt ein seltsam Totenspiel,
Ein Zug mit leisen Tritten", (leise bezogen auf die wahren Absichten des NS-Staates)

"Ein Kind mit frischer Wunde;
Es laechelt sterbensweh und nickt,
Es macht im Saal die Runde",



CD wie in den bisherigen Beiträgen.
http://www.youtube.com/watch?v=r1YqdVP_ZuM eine sehr mäßige Interpretation (Intonation!), erreicht die CD längst nicht.

"Die traurige Krönung", Alla breve, Fast gesprochen, rhythmisch sehr frei, für gem. Chor (SATB)
Wie hat Distler diese Ballade vertont? In einer Strophenvertonung, einer Ballade entsprechend, nur die letzte Verszeile der 5. Strophe wird anders vertont.

Der ganze Chorsatz ist überwiegend auf fis-Moll-Akkorden aufgebaut und ist/wird psalmodierend vor/zu/ge/tragen. Dadurch entsteht ein fast archaischer Klangeindruck, der durch die völlig gleich bleibende Dynamik noch verstärkt wird; nur das Tempo wird dem Textinhalt angepasst.


Die Akkorde: "O - Ir - land" (2.-5. Strophe analog) cis,dis - e,a,c - e,h,fis

"Lei - che - sich" - e,h,a,c - e,a,dis,fis - Dis-Dur

Irland ist aus dem fis-Moll-Rahmen.
Die Modulation in der letzten Verszeile der 5. Strophe von fis-Moll zu cis-Moll und über "Lei-che" zu "sich" in Cis-Dur ist "atemberaubend" und zugleich in der Dur-"Auflösung" die ethisch-moralische Mörike-Lösung: Der Schuldige ist durch Tod ("Leiche") bestraft, die Welt ist mit ("sich") im Dur-Frieden.

Viele Grüße
zweiterbass



Nachsatz: Liebe Moderation, bitte den Beitrag von 23:38 wegen Formatierungsfehler löschen.
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Dr. Holger Kaletha

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101

Mittwoch, 5. Juni 2013, 23:25

Auf dem Spaziergang, Lieb in den Tod und Kinderlied für Agnes habe ich mir gerade angehört. Analysieren will ich die Musik nicht - mir gefällt einfach sehr der behutsame Stil, in dem die Vertonung Distlers die feinen Stimmungsunterschiede wiedergibt und natürlich die kunstvolle Art, wie die Mittel des mehrstimmigen Gesanges (Kanon) sehr organisch eingesetzt werden. Das ist einfach sehr schön anzuhören - und lädt ein zum wiederholten Nachhören! :hello:

Schöne Grüße
Holger

zweiterbass

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Donnerstag, 27. Juni 2013, 00:07

Hallo,

der Text zu "Die Tochter der Heide":
„Wasch dich, mein Schwesterchen, wasch dich!
Zu Robins Hochzeit gehn wir heut':
Er hat die stolze Ruth gefreit.
Wir kommen ungebeten;
Wir schmausen nicht, wir tanzen nicht
Und nicht mit lachendem Gesicht
Komm' ich vor ihn zu treten.

Strähl dich, mein Schwesterchen, strähl dich!
Wir wollen ihm singen ein Rätsel-Lied,
Wir wollen ihm klingen ein böses Lied;
Die Ohren sollen ihm gellen.
Ich will ihr schenken einen Kranz
Von Nesseln und von Dornen ganz:
Damit fährt sie zur Höllen!

Schick dich, mein Schwesterchen, schmück dich!
Derweil sie alle sind am Schmaus,
Soll rot in Flammen stehn das Haus,
Die Gäste schreien und rennen.
Zwei sollen sitzen unverwandt,
Zwei hat ein Sprüchlein festgebannt;
Zu Kohle müssen sie brennen!

Lustig, mein Schwesterchen, lustig!
Das war ein alter Ammen-Sang.
Den falschen Rob vergaß ich lang.
Er soll mich sehen lachen!
Hab' ich doch einen andern Schatz,
Der mit mir tanzet auf dem Platz –
Sie werden Augen machen!“

In wie weit sich in dieser Ballade Verbindungen zu Mörikes Lebensumstände herstellen lassen? Da gibt es verschiedene Spekulationen, auf die sich einzulassen zu weit führen würde. Der Anklang an den „Feuerreiter“ in der 3. Strophe wird in Strophe 4 als „alter Ammen-Sang“ zurück genommen, d. h. es geht in der Ballade nur um die eindrückliche, aber gewaltfrei Vergeltung einer um ihre Liebe betrogenen Frau, die sich, zumindest vordergründig, bereits getröstet hat.

Mörike und Distler waren m. E. beide, allerdings auf unterschiedliche Weise, zerrissene Persönlichkeiten. Es könnte denkbar sein, dass dies für Distler ein Beweggrund war, diese Ballade zu vertonen.


CD wie in den bisherigen Beiträgen.
http://www.youtube.com/watch?v=MA5AG0Y8C8E eine sehr schlechte Interpretation, viel zu langsam im Tempo, negiert die Tempovorgaben von Distler völlig, verfehlt den Charakter des Chorsatzes - erreicht die CD längst nicht.


"Die Tochter der Heide", für gem. Chor (S1,S2,A,T,B)
Wie hat Distler diese Ballade vertont? In einer Strophenvertonung, einer Ballade entsprechend, Strophe 4 wird allerdings völlig anders vertont.

Strophen 1 – 3: 2/2-Takt, mit kurzen Einschüben in 3/2 und ¾, sehr bewegt, rasche Halbe – es beginnt über 2 ½ Takte Alt, einstimmig, sehr rhythmisch und synkopiert; Gehöreindruck aus der Melodie A-Dur, der restl. Chor, im Klang weit gespreizt, setzt aber dann mit cis-Moll ein. „Wir kommen ungebeten“, einstimmig oktaviert (in Sinn von wir sind einig), Gehöreindruck weiter cis-Moll, „ungebeten“ über viele Noten verteilt und stark synkopiert. „Wir schmausen nicht wir tanzen nicht“, 3-stimmiger Frauenchor sehr bewegt und leicht. Die letzten beiden Verszeilen werden auf die einzelnen Stimmen verteilt oftmals kanonartig wiederholt und in den 3 Unterstimmen wird „dideldumdei“ als Tanzerei eingefügt. Der Chorsatz wechselt nun von überwiegend Viertel- und Achtelnoten zu überwiegend Halbe- und Viertelnoten, weiterhin stark synkopiert, was einen bestimmenden Charakter verleiht (und nur die Silbe „tre..“, von treten, wird auf fallende Achtel verteilt) und in Fis-Dur endet.

Strophe 4: Wechselnde Taktarten wie vor, die „beißende Ironie“ erklingt in abgehakt gesungenen „Ha-ha-ha-ha“, oftmals in den Text eingestreut. Der ganze Chorsatz schwebt zwischen den Harmonikwendungen der Strophen 1 – 3 und durch die vielen „Ha-ha-ha-ha“ entsteht doch ein mehr „dur-artiger“ Klang, der in den schwebenden Akkordfolgen unecht klingt, aber in A-Dur endet.

Der ganze Charakter des Chorsatzes bringt die im Text etwas versteckte, noch nicht verwunde/nen Zurückweisung/Stolz zum Ausdruck, immer wieder in einem leichten Klang verpackt, der aber auch immer wieder durch ungewohnte Harmonikwendungen in böser Ironie endet. „Hab‘ ich doch einen anderen Schatz, er tanzt mit mir auf dem Platz“ immer mit „dideldumdei“ untermalt, „sie werden Augen machen“ endet der Chorsatz in vielmals wiederholtem „Ha-ha-ha-ha“.
Dieses negative „Engagement“ gegenüber dem früheren Geliebten verrät die tiefe, noch nicht überwundene Verletzung - für mich wieder ein Beweis, dass Distler in seinen Chorsätzen nicht nur geradezu unheimlich dicht am Text vertont, sondern deren Tiefen auslotet und verdeutlicht.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

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103

Dienstag, 16. Juli 2013, 14:08

Hallo,
der Text zu „Schön Rohtraud“:

Wie heißt König Ringangs Töchterlein?
Rohtraut, Schön-Rohtraut.
Was tut sie denn den ganzen Tag,
Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?
Tut fischen und jagen.
O daß ich doch ihr Jäger wär!
Fischen und Jagen freute mich sehr.
-Schweig stille, mein Herze!
Und über eine kleine Weil,
Rohtraut, Schön-Rohtraut,
So dient der Knab auf Ringangs Schloß
In Jägertracht und hat ein Roß,
Mit Rohtraut zu jagen.
O daß ich doch ein Königssohn wär!
Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb ich so sehr.
-Schweig stille, mein Herze!
Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,
Da lacht Schön-Rohtraut:
„Was siehst mich an so wunniglich?
Wenn du das Herz hast, küsse mich!“
Ach! erschrak der Knabe!
Doch denket er: Mir ists vergunnt,
Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.
-Schweig stille, mein Herze!
Darauf sie ritten schweigend heim,
Rohtraut, Schön-Rohtraut;
Es jauchzt der Knab in seinem Sinn:
Und würdest du heute Kaiserin,
Mich sollts nicht kränken!
Ihr tausend Blätter im Walde wißt,
Ich hab Schön-Rohtrauts Mund geküßt!
-Schweig stille, mein Herze!

Die Besonderheiten der Struktur dieses Mörike Gedichtes sind:
Die Verszeilen 1 + 2 jeder Strophe können als Überschrift der jeweiligen Strophe verstanden werden.
Die Verszeilen 3 + 4 jeder Strophe haben die unterschiedlichen Tätigkeiten der zwei Personen zum Inhalt, sind aber insgesamt vom Stimmungscharakter ähnlich.
Die Verszeilen 5 - 7 jeder Strophe haben wieder die unterschiedlichen Tätigkeiten der zwei Personen zu Inhalt, sind insgesamt vom Stimmungscharakter ähnlich, aber sehr verschieden vom Stimmungscharakter der Verszeilen 3 + 4.
Die Verszeile 8 ist in jeder Strophe inhalts- und wortidentisch und gibt dem Gedicht den Sinn.
Dies gestattet Distler eine Strophenvertonung, auf deren Eigenheiten ich nun eingehe, es ist aber keine Balladenvertonung.




CD wie in den bisherigen Beiträgen
Leider gibt es keine Einspielung bei YouTube

„Schön Rohtraut“, 2/4 + ¾, (Halbe 2/4 = Halbe ¾), sehr rasch und leicht, für gem. Chor (S,A,T,B)

Alle Textzeilen in allen Strophen, bis auf die Textzeile 8, sind überwiegend in homophonem, 3-stimmigen (S,A,T) Chorsatz.
Die Verszeilen 1 + 2 in allen Strophen stehen in 2/4 und „Rohtraut“ ist zweimal identisch vertont (=die Eintönigkeit der Tagesabläufe von Rohtraut).
Die Verszeilen 4 sind melodieidentisch mit den Verszeilen 3, nur einen Ton höher (= die Unlust der Gleichförmigkeit), was auch wieder für alle Strophen gilt,
Mit den Verszeilen 5 – 7 (in allen Strophen) „kommt Leben ins Leben“. Wie verdeutlicht Distler das musikalisch? Der Takt wechselt von 2/4 auf ¾ (s. o.), das Tempo zieht an, „tut fischen und jagen“ (= Verszeile 5, 1. Strophe, gilt auch für die Verszeile5 der Strophen 2-4) wird 4 mal wiederholt, die Stimmen setzten kanonartig ein, es wird ein polyphoner Satz, mit reicherer Harmonik und aufsteigender Melodieführung. „0 daß ich doch ihr Jäger wär“ (=Verszeile 6, 1. Strophe, gilt auch für die Verszeile 6 der Strophen 2-4) ist einstimmig mit absteigender Melodik. Bei „Fischen und Jagen“ (= Verszeile 6, 1. Strophe, gilt auch für die Verszeile 6 der Strophen 2-4) Takt- und Tempowechsel zurück zu 2/4, wird mehrfach wiederholt im homophonen Chorsatz.

Die identische Vertonung der gleichlautenden Verszeile 8 in jeder Strophe ist der Schlüssel zum Verständnis von Gedicht und Vertonung. In den Strophen 1-3 ist „Schweig stille, mein Herze“ wie eine im Unterbewusstsein ausgesprochene Warnung des Verstandes an das Gefühl, welche das Gefühl „überhört“. Erst in Strophe 4 wird die Warnung zur Gewissheit.
Es ist ein 8-stimmiger (S1, S2, A1, A2, T1, T2, B1, B2) homophoner Satz, aber: „Schweig“ ist auf den Tönen f, b, des – „stil…“ ist auf den Tönen g, f, c, und „le…“ auf den Tönen g, e, c, die weiteren 5 Stimmen sind Oktaven bis zur 3. Oktave. Dann eine sehr deutliche „Atempause“, bevor Gleiches für „mein“ auf den Tönen f, b, es, h, - „Her…“ auf den Tönen g, es, b, und „ze“… auf den Tönen g, d, b, gilt. Der 1. Sopran hat von „Schweig“ zu „stille“, ebenso von „mein“ zu „Herze“ ein Septsprung abwärts und die Harmonik des Chorsatzes erzeugt eine Enge des Klanges, der die Enge des Gefühls (durch die Warnung des Verstandes) überdeutlich macht (das Zusammenkrampfen des Gefühls wird durch Distlers Musik physisch spürbar).

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Ob der Dichter und/oder Komponist selbst erlebte Gefühlsenge verarbeitet haben/hat, ist nicht Gegenstand meines Beitrages.
Nachdem der Chorsatz auf YouTube nicht eingestellt ist, sollen die Notenangaben dazu dienen, Interessierten zumindest die Möglichkeit geben, die 8. Verszeile in Klavierakkorden hörbar zu machen.
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Dr. Holger Kaletha

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104

Mittwoch, 17. Juli 2013, 22:09

Lieber Horst,

Deine Mühe und Beharrlichkeit verdient es, doch noch einmal hier gewürdigt zu werden! Ich kann für diese tolle CD und wunderbare Musik von Distler nur werben - gerade, weil ich kein Chorspezialist bin! Es lohnt sich - ein rundum beglückendes Erlebnis! :hello:

Schöne Grüße
Holger

William B.A.

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105

Donnerstag, 18. Juli 2013, 14:38

Hallo lieber Zweiterbass,

nach der erfolgreichen Teilnahme meiner Tochter am ersten "Ironman" ihres Lebens in Roth haben wir uns am nächsten Tag in die Geburtsstadt deines Avatars, Albrecht Dürer, ferner der Komponisten Hand-Leo Haßler, Johann Krüger, Johann Pachelbel, Johann Krieger und Hugo Distler begeben. Ich habe nur die aufgezählt, von denen ich schon etwas aufgeführt habe bzw. häufiger Werke gehört habe.
Über Hugo Distlers Lied "Wer sich die Musik erkiest", das ja dein Wahlspruch ist, haben wir ja letztens gesprochen, und ich habe jetzt erfahren, dass er seine erste Organistenstelle an der Jakobikirche in Lübeck hatte. Da ich fast jedes jahr nach Lübeck zum Schleswig Holstein Musikfestival fahre, habe ich bei einem meiner Aufenthalte schon die Jakobikirche kennengelernt. Dieses Jahr musste meine Reise jedoch entfallen (s.o.).
Zufällig wohne ich nur 100 m von der Jakobikirche entfernt, allerdings in Coesfeld/Westfalen.
Jedenfalls habe ich die Kurzreise nach Nürnberg zum Anlasss genommen, mich in Zukunft etwas mehr um die Werke Hugo Distlers zu kümmern.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

zweiterbass

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106

Donnerstag, 18. Juli 2013, 15:15

Hallo William B. A.,

wie viel Zeit konntest Du Dir (und Deine Familie) denn nehmen, um eine der schönsten Städte Deutschlands zu "erkunden" - m. W. die einzige Großstadt in der BRD mit komplett erhaltenem bzw. wieder aufgebautem mittelalterlichem Altstadtmauerring incl. Wehrgraben und Befestigungstürmen, einer aus 2 Burgen bestehenden Burganlage, mit den Kunstschätzen nicht nur in St. Sebald und St. Lorenz (mit größter Orgel in einer ev. Kirche in der BRD), Germanischem Nationalmuseum mit größter Musikinstrumentensammlung in der BRD, Johannis- und Rochusfriedhof mit namhaften Gräbern bis ins 15. Jahrhundert zurück - aber auch Gerichtssaal der NS-Kriegsverbrecherprozesse, Dokumentationszentrum NS (das Beste in der BRD, mal sehen was München, die Hauptstadt der (frühen) Bewegung, auf die Beine stellt - recht spät) usw. usw.

LG
zweiterbass
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William B.A.

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107

Donnerstag, 18. Juli 2013, 15:47

Leider waren es nur zwei Stunden, die wir aber fleißig nutzten, um vom Weißen Turm, dem Brunnen "Ehekarussell", zur Lorenzkirche, der Karlsbrücke, dem Henkerhaus und dem Kettensteg zu gelangen. Ich habe noch nie erlebt, dass meine Tochter sich so begeistert über eine fremde Stadt und die harmonische Einheit und Schönheit von Natur und Architektur geäußert hat, vor allem auch entlang der Pegnitz und über allem thronend die Burg, zu der wir leider nicht mehr kommen konnten.
Aber wir haben für das nächste Jahr gelernt, wenn meine Tochter wieder an dieser größten Triathlonveranstaltung der Welt teilnehmen wird. Dann werden wir uns einige Tage mehr Zeit nehmen. So Einiges habe ich ja schon mit der Kamera festhalten können (53 Fotos), aber das meiste blieb sicherlich noch unentdeckt. Ich wohne ja in der Nähe der nach Theodor Heuss schönsten Stadt Deutschlands, Münster, aber ich kann nach den kurzen Eindrücken schon sagen, dass ihr Nürnberg mühelos das Wasser reichen kann.

Liebe Grüße

Willi :)

P.S. Vor einiger Zeit spielten die NürnbergerSymphoniker in unserem Konzerttheater in Coesfeld.
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108

Samstag, 27. Juli 2013, 15:56

Hallo,
das Mörike-Gedicht Mausfallensprüchlein:

Kleine Gaeste, kleines Haus.
Liebe Maeusin oder Maus,
Stell dich nur kecklich ein
Heut nacht bei Mondenschein!
Mach aber die Tuer fein hinter dir zu,
Hoerst du?
Dabei huete dein Schwaenzchen!
Nach Tische singen wir,
Nach Tische springen wir
Und machen ein Taenzchen:
Witt witt!
Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit.

Distler wiederholt viele Verszeilen ohne jedoch damit den Sinn des Gedichtes zu verändern, sondern um mit seiner Vertonung den Charakter des Gedichtes zu verdeutlichen. Im Folgenden stelle ich nun den Text (gilt für den Sopran) so ein, wie in Distler vertont hat (was mir meine Bemerkungen zu seiner Vertonung sehr erleichtert):

Kleine Gaeste, kleines Haus.
Liebe Maeusin oder Maus,
Stell dich nur kecklich ein
Heut nacht bei Mondenschein!
Stell dich nur kecklich ein
Heut nacht bei Mondenschein!
bei Mondenschein!
Mach aber die Tuer fein hinter dir zu,
Hoerst du?
Hoerst du?
Dabei huete dein Schwaenzchen!

Kleine Gaeste, kleines Haus.
Liebe Maeusin oder Maus,

Nach Tische singen wir,
Nach Tische springen wir
Und machen ein Taenzchen:
Nach Tische singen wir,
Nach Tische springen wir
Und machen ein Taenzchen
Und machen ein Taenzchen:
Witt witt!Witt witt!
Witt witt! Witt witt!
Witt witt! Witt witt!
Witt witt!
Und meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit.
Witt witt! Witt witt!
Witt witt! Witt witt


CD wie in den bisherigen Beiträgen
Leider gibt es keine Einspielung bei YouTube

Mausfallensprüchlein“, Takt, Tempo und Vortragsbezeichnungen werden oft variiert, für Frauenchor (S, A)

Strophe 1: Kursiv dargestellte Verszeilen werden ¾ , gemächlich, homophon in einer einprägsamen Dur-Melodie vertont; es gleicht einem Vorspruch.
Die normal dargestellten Verszeilen stehen in 3/8 (dabei sind die Achtel-Notenwerte gleich im ¾, also etwas schneller bei anderer Betonung) und Sopran und Alt setzen kanonartig ein, ohne dass ein echter Kanon entsteht, den die Textverteilung und die Melodien sind sehr unterschiedlich, wodurch fast ein polyphoner Chorsatz entsteht – und das bei einem Kinder-Rundtanz! – was der Leichtigkeit der Dur-Vertonung keinesfalls schadet.
Kursiv dargestellte Verszeilen stehen in 2/4, gemächlich, aber die Harmonik ist abwechslungsreicher und hat Aufforderungscharakter (was aber sehr behutsam vorgetragen wird, als sollten die Mäuse nicht verschreckt werden) .

Strophe 2: Kursive Verszeilen 1 + 2 wie Strophe 1.
Normal dargestellte Verszeilen stehen in alla breve, sehr rasch und polyphon wie in Strophe 1, mit einer anderen Melodie als die entspr. Verszeilen in Strophe 1, dabei wird Witt, witt abwechselnd von Sopran und Alt gesungen (aber nicht als Echo).
Die kursiv dargestellte Verszeile in ¾ aber im Tempo wie alla breve mit anderer Betonung. (Das im Vergleich zur 1. Strophe sehr bewegte Tempo lässt die Unbekümmertheit der Mäuse ahnen, die aber auch von einer „alten“ Katze gefangen werden können.)

Viele Grüße
zweiterbass
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109

Montag, 29. Juli 2013, 17:02

Zu: "Mausfallensprüchlein"

Das ist ein überaus vergnüglich zu hörender Chorsatz. Den feinen Humor von Mörikes Versen hat Distler musikalisch wunderbar eingefangen. Die beiden ersten Verse erklingen homophon, und das ist ja auch ganz textgemäß, denn es handelt sich hier um eine Anrede, - nicht nur an die „Maus“, sondern – ganz korrekt! – auch an die „Mäusin“. (Wie weit seiner Zeit voraus Mörike doch schon war!)

Dann aber geht´s bei den nächsten beiden Versen munter polyphon durcheinander. Wenn aber mit „Hörst du“ und „Hüte dein Schwänzchen“ die Maus/Mäusin wieder direkt angesprochen wird, ist wieder mehrstimmiger, nicht polyphon strukturierter Klaviersatz zu vernehmen. Auch das empfindet man als vollkommen textgemäß.

Klanglich bestechend sind die folgenden Bilder eingefangen, in deren Zentrum das „Tänzchen“ steht und denen mit dem "Wittwitt!" ein besonders schalkhafter lyrischer Akzent gesetzt ist. Der hier nun wieder das Klangbild prägenden Polyphonie wohnt unüberhörbar ein schalkhafter Ton inne.

(Ich bitte um Nachsicht, wenn das alles nicht so ganz korrekt sein sollte, was ich da schreibe. Ich habe die Noten nicht, und zudem ist mir die Terminologie in Sachen Chorlied nicht geläufig. Aber ich höre diese Mörike-Vertonungen von Hugo Distler mit wachsender Freude. Zweiterbass sein Dank!)

zweiterbass

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110

Montag, 29. Juli 2013, 18:04

Lieber Helmut,

danke für Deinen Beitrag - es ist gut zu hören, wenn auch nicht ganz so gängige Musik Freude bereitet.

Wenn ich etwas mehr "Luft" habe (bin gesundheitlich etwas angeschlagen) komme ich auf Pfitzner zurück - nicht dass ich zu Deinen Beiträgen schreibe, aber ich werde mir mind. 1 CD (welche empfiehlst Du mir?) kaufen und dann mit Sorgfalt hören.
Bis dahin
viele Grüße
zweiterbass
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111

Montag, 29. Juli 2013, 18:16

Schön zu lesen, dass Du Dich in die Pfitzner-Lieder einhören möchtest, lieber zweiterbass. Auf Deine Frage, welche Aufnahme ich Dir empfehlen würde, antworte ich ohne zu zögern: Dietrich Fischer-Dieskau, Pfitzner-Lieder, Klavierbegleitung Karl Engel, Aribert Reimann, Hermann Reutter, erschienen bei EMI.

Ich wünsche Dir gute Besserung, auf dass Du alsbald wieder genug Luft kriegst!

zweiterbass

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Samstag, 24. August 2013, 23:07

Hallo,

Nachtrag zu meinem Beitrag Nr. 103 "Rohtraut, schön Rohtraut":

Ich hatte neulich das "Vergnügen" auf Bayern 4 Klassik dieses Mörikegedicht in der Vertonung für gem. Chor von R. Schumann zu hören und habe diese nun auch auf YouTube gefunden.

http://www.youtube.com/watch?v=bpEYbnHVj…3CB2C27&index=2

Ich hätte es wirklich nicht für möglich gehalten, dass Schumann derart am Text vorbei vertont hat. Wer die Möglichkeit hat, die Distlersche Vertonung (in der Aufnahme mit dem Berliner Vokalensemble) mit der von Schumann zu vergleichen - ich kann es nur empfehlen!

Distler hat m. E. die Chorvertonung von Texten auf eine neue, höhere Ebene gestellt.

Viele Grüße
zweiterbass
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113

Sonntag, 25. August 2013, 17:29

Hallo,
das Mörike-Gedicht Wanderlied:

Strophe 1:
Entflohn sind wir der Stadt Gedränge
Wie anders leuchtet hier der Tag!
Wie klingt in unsre Lustgesänge
Lerchensang
hier und Wachtelschlag!
Nun wandern wir und lassen gerne
Herrn Griesgram zu Haus;
Ein frischer Blick dringt in die Ferne
Nur immer hinaus!
Wir wandern bis der späte Abend taut,
Wir rasten bis der Morgen wieder graut.

Strophe 2:
Man lagert sich am Schattenquelle,
Wo erst das muntre Reh geruht;
Aus hohler Hand trinkt sich der helle
Kühle Trank
wohl noch eins so gut,
Nun wandern wir und lassen gerne…usw.

CD wie in den bisherigen Beiträgen
http://www.youtube.com/watch?v=PWavrfKyDB4


Wanderlied“, Straffe nicht zu schnelle Halbenoten, für 3-stimmig gem. Chor(S, A, Männerstimmen)

Durch den oftmaligen - z. T. auch nur über einen Takt – Taktwechsel zwischen 2/2, 3/2, 3/4 entsteht eine Wanderlied, zu dem nicht im Takt gewandert (marschiert) werden kann.
Deswegen habe ich die YouTube–Einspielung eingestellt, weil dies verbal kaum zu beschreiben ist.
Es handelt sich dabei zwar nur um einen Jugendchor, der von der Interpretation und Intonation mit dem Vokalensemble Berlin nicht zu vergleichen ist, die „Taktunebenheiten“ aber klar erkennbar sind.

Der Chorsatz ist vom Melodie- und Harmonikaufbau recht „simpel“ – eben ein Wanderlied – aber die Taktwechsel und die Textverteilung, die z. T. gegen die Wortbetonung im Gedicht erfolgt, machen den Chorsatz doch nicht so simpel, wie es anfangs scheinen mag und der Intention von Distler deutlich Ausdruck gibt.

Viele Grüße
zweiterbass
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114

Samstag, 14. September 2013, 12:24

Hallo,

das Mörike-Gedicht Sehnsucht:
1. In dieser Winterfruehe
Wie ist mir doch zumut!
O Morgenrot, ich gluehe
Von deinem Jugendblut.

2. Es glueht der alte Felsen,
Und Wald und Burg zumal,
Berauschte Nebel waelzen
Sich jaeh hinab das Tal.

3. Mit tatenfroher Eile
Erhebt sich Geist und Sinn,
Und fluegelt goldne Pfeile
Durch alle Ferne hin.

4. Auf Zinnen moecht ich springen,
In alter Fuersten Schloss,
Moecht hohe Lieder singen,
Mich schwingen auf das Ross!

5. Und stolzen Siegeswagen
Stuerzt ich mich brausend nach,
Die Harfe wird zerschlagen,
Die nur von Liebe sprach.

6. - Wie? schwaermst du so vermessen,
Herz, hast du nicht bedacht,
Hast du mit eins vergessen,
Was dich so trunken macht?

7. Ach, wohl! was aus mir singet,
Ist nur der Liebe Glueck!
Die wirren Toene schlinget
Sie sanft in sich zurueck.

8. Was hilft, was hilft mein Sehnen?
Geliebte, waerst du hier!
In tausend Freudetraenen
Verging’ die Erde mir.

Zu Mörikes Biographie passt dieses Gedicht (und seine versteckte oder direkte Aussage - wie das der Leser eben empfindet!) - die Strophen 1 - 5 genauso wie die Strophen 6 - 8. Ob sie zu Distlers Biographie passen, kann ich schwer beurteilen.

CD wie in den bisherigen Beiträgen

Leider gibt es auch für diesen Chorsatz auch keine Einspielung bei YouTube.

„Sehnsucht“, rasche Halbenoten, für 3-stimmig gem. Chor(S, A, Männerstimmen)
Das Gedicht hat Distler in Strophenform vertont; die Verse 1 – 5 in Dur und überwiegend homophon. Nur die wenigen Wort – ich beschränke mich auf die 1. Strophe - werden leicht polyphon vertont: „…glühe von deinem Jugendblut“. Was wiederum die exakte Textausdeutung in Musik belegt, ebenso den durch das Tempo verursachten leicht erregten musikalischen Ausdruck, was die hervorragende Interpretation des Berliner Vokalensembles noch unterstreicht.
Die Strophen 6 – 8 stehen in Moll mit der Vortragsvorschrift „nur wenig langsamer“. Und diese Strophen sind meist polyphon vertont, was die „Verwirrtheit“ über die nun eingetretene Situation verdeutlicht und auch die Anspannung durch „nur wenig langsamer“. Ich habe schon oft geschrieben:

Distlers musikalische Sprache ist immer ganz nahe am Text.


Viele Grüße
zweiterbass
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Freitag, 25. Oktober 2013, 21:28

Hallo,

das Mörike-Gedicht Ritterliche Werbung:

Wo gehst du hin, du schönes Kind?
Zu melken, Herr! - sprach Gotelind.

Wer ist dein Vater, du schönes Kind?
Der Müller im Tal - sprach Gotelind.

Wie, wenn ich dich freite, schönes Kind?
Zu viel der Ehre! - sprach Gotelind.

Was hast du zur Mitgift, schönes Kind?
Herr, mein Gesicht! - sprach Gotelind.

So kann ich dich nicht wohl frein, mein Kind.
Wer hat’s Euch geheißen? - sprach Gotelind.


Leider gibt es auch hierzu keine Einspielung bei YouTube.

Ritterliche Werbung für gem. Chor (S,A,T,B) und zwei Einzelsänger (S,T)

Es ist unmöglich, diese Vertonung ähnlich zu beschreiben wie bislang. Distler erweitert das Gedicht in der ihm eigenen Art der Vers- und Wortwiederholungen und gibt dem Gedicht dadurch eine musikalische Tiefe und Intensität, die das Gedicht längst nicht hat. Ich kann nur einen allgemeinen Gehöreindruck posten

Die Strophen 1 – 4 sind einheitlich vertont. Es beginnt der Tenor-Einzelsänger (der die ritterliche Werbung ausspricht) jeweils mit dem Vers 1; wenn er den 1. Vers geendet hat, folgt von dem umworbenen Mädchen – Gotelind – Sopran-Einzelsängerin jeweils der 2. Vers, aber ohne „sprach Gotelind“; der gem. Chor setzt auch mit dem Text des jeweils 2. Verses ein – auch ohne „sprach Gotelind“ - wenn die Sopraneinzelstimme – Gotelind – geendet hat, sodass ein Chorsatz mit polyphoner Stimmführung entsteht. Erst nach der 3. Wiederholung „also sprach Gotelind“, welche die Sopraneinzelstimme singt, entsteht ein homophoner Chorklang. Die Harmonik ist indifferent schwebend zwischen Moll, Dur und wechselnden Tonarten und drückt damit die unterschiedlichen Erwartungen des „Ritters“ und „Gotelinds“ aus, was erst in der 5. Strophe zum Ausbruch kommt.
Und diesen Ausbruch in der 5. Strophe vertont Distler mit einem sehr heftigen Taktwechsel und insbesondere gesteigertem Tempo. Die sehr unterschiedlichen Ansichten, Erwartungen und Gefühle der Beteiligten kommen in einem polyphon geführten Chorsatz zum Ausdruck, der die Textverständlichkeit nur dadurch gewährleistet, dass manche Stimmgruppen zu bestimmten Worten einheitlich geführt werden. Die Harmonik ist nun klar Moll strukturiert mit großen Tonsprüngen in den einzelnen Stimmen und insgesamt kräftig gesteigerter Dynamik.

Wer an intensiv ausdrucksstarker Chormusik interessiert ist, dem kann ich die obige CD zum Kauf sehr empfehlen.

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Dienstag, 29. Oktober 2013, 20:26

Hallo,

das Mörike-Gedicht (die 1. Strophe stammt von Luther ob das auch für die 2. Strophe gilt konnte ich nicht eindeutig klären) Vorspruch:

Wer sich die Musik erkiest,
Hat ein himmlisch Gut bekommen,
Denn ihr erster Ursprung ist
Von dem Himmel selbst genommen,
Weil die Engel insgemein
Selbsten Musikanten sein.

Wenn einst in der letzten Zeit
Alle Ding' wie Rauch [verwehen] vergehen,
Bleibet in der Ewigkeit
Doch die Musik noch bestehen,
Weil die Engel insgemein
Selbsten Musikanten sein.


Vorspruch – gem.Chor (S1,S2,A,T,B),

Die ersten beiden Worte (Distler stellt die Worte des Gedichtes um in „Wer die Musik sich erkiest“) und Töne sind vom Sopran 1 auf langen Fermaten ausgehalten - Distler will also bewusst ausdrücken, nur „Wer die…“ - was ein aktives Tun voraussetzt - wird durch die Musik reich belohnt. Das Gedicht wird strophenartig vertont, teils homophon, meist aber polyphon; das beginnt schon mit einem Einsatz in der Art eines Kanons, was aber kein Kanon wird. Die Textverteilung auf die einzelnen Stimmgruppen bleibt über den ganzen Chorsatz nicht einheitlich und da auch die Stimmgruppen keinen Kanon haben, also eine differenzierte (aber doch wieder sehr ähnliche) Melodieführung haben, entsteht ein polyphoner Chorsatz, der sich immer wieder homophon anhört (ich weiß, ein Widerspruch, aber das ist die Kunst der Vertonung von Distler, dass die menschliche Individualität (=Polyphonie) in der Freude über die Musik die Homophonie durchscheint/-klingt). Es gibt häufige Takt- und Tempowechsel, was zu einem sehr, leichten, fröhlichen, beschwingt himmlischen (jedoch nicht ekstatisch jubelnden) Höreindruck führt. Die "Musikanten" werden in der für Distler wieder typischen Art 8 x wiederholt und am Ende mit Achtelnoten-Schleifen "verabschiedet". Die Harmonik absolut Dur-betont - die Molleinschiebungen, die zu diesem menschlichen Jubel eigentlich nicht passen wollen, verstehe ich in Distlers Vertonung als das, was der Musik nicht vom Menschen beigegeben worden ist.
Geradezu ein Musterbeispiel, wie Distler ganz, ganz, nahe am Text dessen Sinngehalt in Musik verwandelt und dadurch das Gedicht erst so recht begreiflich macht. (Was sind gelesene, gesprochene Worte gegen eine solche Musik?) Wer ein Loblied auf die Musik hören will - an diesem Chorsatz kommt kein Musikfreund vorbei!
Auf der CD ist eine lupenreine Intonation und Interpretation zu hören - der Sopran 1 auf dem höchsten Ton des Chorsatzes "lerchenartig"! Wie schon mehrfach geschehen – nicht nur von mir – kann ich den Kauf der vorgestellten CD sehr, sehr empfehlen.

Viele Grüße
zweiterbass


Nachsatz: Leider gibt es auf YouTube keine hörbare Einspielung - die dort eingestellte Interpretation des Tölzer Knabenchores ist grottenschlecht und absolut indiskutabel - bitte, nicht aufrufen, man bekommt einen völlig falschen Eindruck.
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

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