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Helmut Hofmann

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91

Sonntag, 13. Februar 2011, 17:53

Lieber zweiterbass,

ich habe mich in meine Absicht verstrickt, eine in sich geschlossene Darstellung des Liedes "Auf einer Burg" zu geben, und habe infolgedessen versäumt, da und dort einen Bezug zu Deinen Ausführungen herzustellen. Ich möchte das hier nachholen.

Die Sache mit dem "alten Wieck" und diesem Lied hast Du wohl selber nicht so ganz ernst genommen. Da ist nichts dran. Das Gedicht stammt von Eichendorff, und Schumann hat es unverändert in seine Komposition übernommen. Übrigens im Unterschied zu MONDNACHT. Dort müsste es heißen "Von ihm nun träumen müsst" statt "Von ihm nur träumen müsst", wie der Vers bei Schumann lautet. Der Grund: Clara hat bei der Reinschrift einen Kopierfehler gemacht! (Dies als Nachtrag.)

Das Bild vom "alten Ritter" habe ich ein wenig anders gedeutet als Du. Das hat aber keine Auswirkungen auf das Verständnis des Liedes. Eichendorff spielt hier lyrisch mit dem Bild, das sich die Romantik vom Mittelalter gemacht hat. Das galt als eine - im Unterschied zur Gegenwart! - beseelte und vom christlichen Glauben sinnhaft erfüllte Zeit, in der es noch eine feste Ordnung mit einer unangezweifelten Wertwelt gab. Novalis hat dazu eine von allen Romantikern hochgeschätzte Schrift verfasst. Der alte Ritter ist ein mausetoter Überrest aus dieser Zeit. Er ist versteinert, und in den leeren Fensterbögen seiner zerfallenen Burg sitzen Vögel. Die Natur nimmt ihn wieder in sich auf. Für Eichendorff, den Spätromantiker, ist der Glaube an eine mögliche Neuausrichtung der Gegenwart auf die Wertwelt des Mittelalters als Zukunftshoffnung erloschen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das mit diesem Bild sagen will.

Das Bild von der Hochzeit, das von Eichendorff ganz bewusst "da unten", also weitab vom versteinerten Alten, angesiedelt wird, soll zeigen, dass das gegenwärtige Leben von der versunkenen Welt des Mittelaters nichts mehr zu erwarten hat. Da gibt es keine irgendwie geartete Verbindung mehr. Dass er die Braut weinen lässt, kann eigentlich nur so verstanden werden, dass diese Gegenwart nicht uneingeschränkt positiv und von Zukunftshoffnung erfüllt erlebt wird. Das ist nun wieder ein typischer Bestandteil der romantischen Erfahrung von zeitgenössischer Gegenwart.

zweiterbass

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  • »zweiterbass« ist männlich

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92

Montag, 14. Februar 2011, 08:26

Robert Schumann - op. 39

dass in "MONDNACHT" keine Tonmalerei betrieben wird.

Lieber Helmut,
das soll keine "Rechthaberei" sein, aber: Ich meinte auch nicht, dass hier allgemein Laut/Tonmalerei betrieben wird; es kann ja auch Zufall sein, welche "Töne usw." auf "wogte" erklingen - der unvoreingenomme Hörer, der das Bild eines wogenden Kornfeldes vor Augen hat und dann das "wogte" hört und dies nicht als "hier wird ein wogendes Kornfeld musikalisch dargestellt/beschrieben, in Tönen/Lauten ausgedrückt" empfindet???

Das Gedicht handelt nicht von Ritterromantik. Es handelt von Tod und Leben, von Geschichte und Gegenwart. Der, der da eingeschlafen ist und versteinert in seiner Klause sitzt, gehört einer längst vergangenen Welt an, in der es noch ein von ritterlichem Geist und der Ausrichtung auf die Transzendenz geprägtes Leben gab. Ein urromantisches Thema wird hier angeschlagen.

Das Bild vom "alten Ritter" habe ich ein wenig anders gedeutet als Du. Das hat aber keine Auswirkungen auf das Verständnis des Liedes.


Es ist erstaunlich, wenn 2 Menschen "Auf einer Burg" aus einem anderen Blickwinkel und einer völlig verschiedenen Herangehensweise betrachten/hören, am Ende doch sehr Ähnliches heraus kommt; wobei ich Dein Ergebnis als sehr fein ziseliert sehe/höre.

Herzliche Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

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93

Montag, 14. Februar 2011, 16:13

Gut, dass Du das noch einmal angesprochen hast, lieber zweiterbass. Du sagst:

"...es kann ja auch Zufall sein, welche "Töne usw." auf "wogte" erklingen - der unvoreingenomme Hörer, der das Bild eines wogenden Kornfeldes vor Augen hat und dann das "wogte" hört und dies nicht als "hier wird ein wogendes Kornfeld musikalisch dargestellt/beschrieben, in Tönen/Lauten ausgedrückt" empfindet???"

Ich würde das von Dir hier angeführte Beispiel nicht als "Tonmalerei" in dem Sinne interpretieren, wie ich den Begriff gebraucht hatte. Ich hatte bewusst die Assoziation mit "claire de lune" hergestellt, meinte also eine Klangsprache, wie sie etwa bei Debussy zu hören ist.

Bei dem von Dir hier angeführten Beispiel, liegt insofern eine "Tonmalerei" vor, als der semantische Gehalt des Wortes "wogen" mit einem Pralltriller zwischen einer Viertel und zwei Sechzehntelnoten musikalisch abgebildet wird. So weit stimmen wir völlig überein. Ich würde allerdings nicht so weit gehen und sagen, dass hier musikalisch das "Bild eines wogenden Kornfeldes" musikalisch gemalt wird. Dazu gehörte mehr als nur dieser kleine Praller.

Ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass hier eine Art von minimalistischer Tonmalerei vorliegt, die am semantischen Gehalt eines Wortes festgemacht ist. Das ist ja auch ganz typisch für das Schumannsche Lied.

zweiterbass

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  • »zweiterbass« ist männlich

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94

Montag, 14. Februar 2011, 20:33

Um mich nicht zu wiederholen, brauche ich nur auf den letzten Halbsatz meines Beitrages Nr.92 verweisen.

Ich mache nun hier 1-2 Tage Pause - ich möchte meinen schon im Nov. 2010 avisierten Beitrag zu den Kindertotenliedern (das braucht Zeit) einstellen.
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moderato

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  • »moderato« ist männlich

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95

Dienstag, 15. Februar 2011, 18:56

In meinem Eichendorff-Band stecken die Zettelchen als Buchzeichen zu den Gedichte, die Robert Schumann für opus 39 ausgewählt hat. Ich bin am Sichten und Überlegen.
Spannend wäre zu wissen, welchen Gedichtband Robert Schumann benutzt hatte. Als Sohn eines Buchhändlers wird Robert die Erstausgabe zur Hand gehabt haben. Das nehme ich an, andere Quellen wären selbstverständlich auch möglich.
Weiss jemand, wo sich der Nachlass insbesondere die Bibliothek der Familie Schumann erhalten hat?
In meiner Recherche bin ich darauf gestossen, dass der Komponist ursprünglich eine andere Anordnung der Lieder gewählt hatte, bevor er die Lieder zum Notendruck 1842 freigab. Tob. Haslinger in Wien hatte den Liederkreis op. 39 herausgegeben. Die Niederschrift der Lieder wurde zwischen 1. und 22. Mai 1840 erstellt. Zuvor soll Schumann die Kompositionen bei einem Besuch bei Clara Wieck in Berlin Felix Mendelsohn vorgespielt haben.
Der Autograph gibt darüber sicherlich Auskunft, in welcher Reihenfolge Robert Schumann komponiert hatte. Wo wird er aufbewahrt oder in wessen Besitz befindet sich diese Kostbarkeit?
.
Um ein guter Zuhörer zu sein, muss man eine musikalische Kultur erwerben...man muss vertraut sein mit der Geschichte und Entwicklung der Musik, man muss zuhören...Um die Musik zu empfangen, muss man seine Ohren öffnen und auf die Musik warten, man muss glauben, dass man sie braucht...Zuhören ist anstrengend, und blosses Hören ist keine Leistung. Auch eine Ente kann hören.
Igor Strawinsky

.

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »moderato« (15. Februar 2011, 20:51)


Helmut Hofmann

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96

Mittwoch, 16. Februar 2011, 11:12

"MONDNACHT" - von Johannes Brahms

Die Eigenart des Schumannschen Liedes, dass es nämlich ganz von der lyrischen Sprache her komponiert ist und diese sich musikalisch in ihm artikulieren lässt, wird einem voll bewusst, wenn man das Lied "MONDNACHT" von Johannes Brahms mit der gleichnamigen Komposition von Schumann vergleicht.

Eine schlichte Melodie, wortgetreu skandiert, liegt auf den beiden ersten Versen. Der dritte Vers entspricht melodisch zwar noch dem ersten, dann aber bewegt sich die melodische Linie in eine andere Tonart und über dem Wort "träumen" liegt eine weite Dehnung. Die Worte "nur träumen müßt" werden wiederholt.

Die zweite Strophe entspricht in ihrer musikalischen Faktur der ersten. Bei dem Wort "sternklar" vollzieht die melodische Linie einen großen Bogen. Anders gebaut ist die dritte Strophe. Die Singstimme setzt tief an, um dann bei "weit ihre Flügel" zu einem weit gespannten melodischen Bogen auzuholen. Bei "als flöge sie nach Haus" trägt jedes Wort eine halbe Note, so dass die melodische Bewegung ausgeprägt langsam verläuft. Das "nach Haus" wird in hoher Lage wiederholt. Danach vollzieht die Singstimme eine ruhige Aufwärtsbewegung und endet auf der Terz.

Dieses Lied ist hörbar von den lyrischen Bildern und den Emotionen her komponiert, die sie auslösen. Man meint, dass besonders dieses Bild vom "Als ob" eines Kusses zwischen Himmel und Erde den Komponisten inspiriert hat. Aber anscheinend war diese Inspiration nicht so mächtig, dass daraus ein wirklich großes Lied werden konnte. Im Vergleich zu dem von Schumann wirkt es hübsch und gefällig, aber nicht wirklich bedeutsam.

Man fragt sich, warum einem Brahms bei diesem Eichendorff-Gedicht nicht ein ähnlich großer Wurf gelungen ist wie bei dem Gedicht FELDEINSAMKEIT von Hermann Allmers, in dem sich ja auch so etwas wie die Entgrenzung des lyrischen Ichs vollzieht.

In mir hat hat sich ein verrückter Gedanke festgesetzt, den ich mal als Frage formulieren möchte, ohne dass darauf wirklich eine Antwort gefunden werden könnte:

Könnte es sein, dass Brahms mit dem Konjunktiv Präteritum bei Eichendorff kompositorisch nicht viel anfangen konnte? Brauchte er die evokative Kraft des Präsens, wie sie im Gedicht von Allmers inspirierend auf ihn einwirkte? Wo bei Eichendorff das fiktionale "Als ob" und der grammatische Konjunktiv die lyrischen Bilder prägen, heißt es bei Allmers: "Mir ist, als ob ich längst gestorben bin." Eigentlich müsste da ja, grammatisch korrekt, der Konjunktiv stehen. Das indikativisch formulierte "Gestorben-Sein" muss eine ungleich stärker inspirierende Kraft bei Bahms entfaltet haben, als dies der Konjunktiv bei Eichendorff konnte.

Verrückte Idee, - ich weiß!

Helmut Hofmann

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97

Donnerstag, 17. Februar 2011, 16:40

Zu: "Auf einer Burg"

Es dürfte von Interesse sein, einmal den Kommentar zu lesen, den der Komponist Hans Pfitzner zu dem Schumann-Lied "AUF EINER BURG" gegeben hat:

"Dies Lied existiert für Musiker, die >auf der Höhe der Zeit< stehen, nicht, denn es kommt einmal die Deklamation Musikanten, statt Musikanten vor. Aber für mich ist nie mit so wenig Noten so viel Stimmung erreicht worden. Ich weiß genau, daß es nachmittags gegen zwei Uhr ist. Tiefe Apathie der Natur. Menschenleere Waldeinsamkeit. Heiße, flimmernde Luft, -- alles schwimmt wie im Halbtraum - das Sternbild schließt die Augen - störend sind die tiefher vom Rhein dringenden Menschenlaute -- schmerzlicher Akkord auf das Wort >munter< -- warum ist das alles so merkwürdig tief ergreifend? Es ist ein Gefühl, als ob etwas an den bloßen Nerv rührte; aber so, wie das im Körperlichen den tiefsten Schmerz ausmacht, bedeutet es im Seelischen, Geistigen die gleiche Lust."

Das ist der Kommentar eines Menschen, der zu seiner Zeit zu den Bewunderern der Romantik zählte. Man nennt ihn ja als Komponisten "den letzten Romantiker", und man merkt auch an der kleinen Spitze gegen die Musiker, die "auf der Höhe der Zeit stehen", dass er die zeitgenössische Musik mit ihrer Aufgabe des tonalen Prinzips abgelehnt hat.

Wir würden das Lied AUF EINER BURG heute wohl nicht mehr so kommentieren, weil wir es bei Hören in seiner Botschaft so nicht verstehen.

Und dabei fällt mir etwas auf:

Wir untersuchen hier Lieder auf ihre musikalische Faktur, und wir beschäftigen uns intensiv mit der sängerischen Leistung der Interpreten und halten es für informativ, auch mal diese oder jene Aufnahme von Liedern kommentarlos ins Forum zu stellen.

Warum aber erfährt man hier so wenig über das, was uns die Lieder heute zu sagen haben? Was wir beim Hören empfinden - so, wie das Pfitzner im obigen Beispiel getan hat? Welche Botschaft richten die Lieder heute an uns, und wie gehen wir mit dieser um? Scheuen wir uns etwa, unsere Empfindungen beim Hören eines Lieds zu offenbaren?

Oder genügt es uns, einfach nur mitzuteilen, dass diese oder jene sängerische Leistung bei diesem Lied oder jenem Liederkreis mehr oder weniger beeindruckend ist?

Bernward Gerlach

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98

Freitag, 18. Februar 2011, 08:27

Robert Schumann - Liederkreis op. 39

"Dies Lied existiert für Musiker, die >auf der Höhe der Zeit< stehen, nicht, denn es kommt einmal die Deklamation Musikanten, statt Musikanten vor. Aber für mich ist nie mit so wenig Noten so viel Stimmung erreicht worden. Ich weiß genau, daß es nachmittags gegen zwei Uhr ist. Tiefe Apathie der Natur. Menschenleere Waldeinsamkeit. Heiße, flimmernde Luft, -- alles schwimmt wie im Halbtraum - das Sternbild schließt die Augen - störend sind die tiefher vom Rhein dringenden Menschenlaute -- schmerzlicher Akkord auf das Wort >munter< -- warum ist das alles so merkwürdig tief ergreifend? Es ist ein Gefühl, als ob etwas an den bloßen Nerv rührte; aber so, wie das im Körperlichen den tiefsten Schmerz ausmacht, bedeutet es im Seelischen, Geistigen die gleiche Lust."

Musikgernhörer, auch und gerade des Kunstliedes, wie ich zum Beispiel, empfinden heute noch genau wie Pfitzner damals. Nur, und das ist der große Unterschied zu damals, es gibt heute nur noch wenige, die das so formulieren können oder wollen. Wer gibt schon gern aus seinem Gefühls- und Seelenleben etwas preis? Dass Helmut sich noch so auszudrücken vermag, ist ein Glück für dieses forum.

LG, Bernward

"Nicht weinen, dass es vorüber ist
sondern lächeln, dass es gewesen ist"
Waldemar Kmentt (1929-2015)


Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

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99

Freitag, 18. Februar 2011, 11:46

Dein "Bekenntnis", lieber Bernward, ist, so glaube ich, der Sache, um die es mir mit meinem Beitrag ging, sehr hilfreich. Ich bin ganz einfach davon ausgegangen, dass ein Liebhaber des Lieds sich selbstverständlich beim Hören angesprochen fühlt, - und zwar von Inhalt und der Aussage des Liedes und nicht nur vom Wohlklang einer Stimme oder der Schönheit einer Melodie (obwohl das alles natürlich zusammengehört und eine Einheit bildet!).

Was aber wohl das dahinterstehende Problem anspricht, das ist Dein Satz: "Wer gibt schon gern aus seinem Gefühls- und Seelenleben etwas preis?"

Dieses Motiv hatte ich vermutet. Es ist nachvollziehbar. Aber andererseits ist es wiederum schade, dass man sich nicht damit hervorwagt, seine Empfindungen beim Hören dieses oder jenes Liedes zu artikulieren. Das gäbe nämlich einen hochinteressanten Aufschluss über die Frage, was ein musikalisches Werk, das ganz dem Geist der Romantik verpflichtet ist, wie etwa Schumanns op.39, einem Menschen des 21. Jahrhunderts noch zu sagen hat.

Für mich war Dein Bekenntnis überraschend, dass Du Pfitzners Empfindungen beim Hören des Liedes "AUF EINER BURG" durchaus noch nachvollziehen kannst. Das hätte ich nicht erwartet. Ich fühle mich zum Beispiel von dem Lied "WEHMUT" aus op.39 weitaus mehr angesprochen, weil es eine menschliche Urerfahrung musikalisch zum Ausdruck bringt.

"Auf Einer Burg" höre ich hingegen eher als musikalische Impression: Es wird eine Szenerie geschildert, in der vergangenes Leben einem in seiner versteinerten Geschichtlichkeit dadurch nahegebracht wird, dass ganz in der Ferne ungerührt und munter eine Hochzeit vorbeizieht. Davon fühle ich mich heute nicht mehr in der Weise angesprochen, wie das offensichtlich bei Pfitzner der Fall war, der ja immerhin von "tief ergreifend" spricht.

Bernward Gerlach

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100

Freitag, 18. Februar 2011, 14:05

Robert Schumann - Liederkreis op. 39

Dieses Motiv hatte ich vermutet. Es ist nachvollziehbar. Aber andererseits ist es wiederum schade, dass man sich nicht damit hervorwagt, seine Empfindungen beim Hören dieses oder jenes Liedes zu artikulieren. Das gäbe nämlich einen hochinteressanten Aufschluss über die Frage, was ein musikalisches Werk, das ganz dem Geist der Romantik verpflichtet ist, wie etwa Schumanns op.39, einem Menschen des 21. Jahrhunderts noch zu sagen hat.
Lieber Helmut,

mir war von vornherein klar, dass Du die Gründe erkennen würdest. Aber ich möchte hier nicht zu weit vom Thema abkommen und es auf den Punkt bringen, wenn Gigli die Arie aus den Perlenfischern anstimmt, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen (das gilt zB. auch für sehr viele Schubert- oder Straußlieder, nicht alle) bekomme ich feuchte Augen. Ich bin mir aber noch nicht ganz schlüssig, ob es am jeweiligen Sänger, aber dann müsste es ja häufiger passieren) oder am Text liegt.

LG, Bernward

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Helmut Hofmann

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101

Freitag, 18. Februar 2011, 22:27

Lieber Bernward,

es ist richtig, - wir sollten zum Thema des Threads wieder zurückkehren. Aber ich glaube, dass diese kleine Abschweifung, die wir da gemacht haben, durchaus ihren Sinne hatte. Ich sehe ihn darin:

Erstens wurde die Frage angeschnitten, ob es für das Forum nützlich und sinnvoll ist, die Empfindungen und Gefühle zu artikulieren, die man beim Hören der Lieder hat, die hier besprochen werden.

Ich finde: Ja!!

Zweitens ging es, allerdings nur ganz kurz angeschnitten, darum, ob man dazu besondere sprachliche Fähigkeiten braucht:

Ich meine: Nein!!

Man kann doch auch mit einfachen Worten sagen, warum man dieses oder jenes Lied zum Thema eines Threads ins Forum stellt.

Schlecht und wenig ergiebig für ein potentielles Gespräch auf der Ebene des Forums ist es, meines Erachtens, wenn man das kommentarlos tut.

zweiterbass

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102

Freitag, 18. Februar 2011, 22:32

Robert Schumann - op. 39

"In der Fremde" Nr. (8 )


Ein unheimliches, bedrückendes, Unsicherheit verbreitendes Gedicht.

Schon wo die Bächlein rauschen?
Hin und her, geht es noch unbestimmter?
Man kann zwar "im Walde sein"
aber man kann nicht "im Rauschen" sein.
Orientierungslosigkeit in der Örtlichkeit,
mehr noch im eigenen fremd Sein.

Der (lebendige) Nachtigallenschlag
ein Hoffnungsschimmer
in der jetzigen (leblosen) Einsamkeit?
Nein, er weckt nur Erinnerungen.

Zu dem auditiven verwirrt Sein der 1. Strophe
kommen nun optische Täuschungen
verursacht durch (wolkenbedingte)
fliegende (unruhige)Mondenschimmer.

Das lyrische Ich steht nun
völlig neben sich,
als würde es von Halluzinationen gefangen sein.



Das Lied ist als "2-teiliges" Strophenlied angelegt, d. h. die 1. und 3. Strophe sind musikalsich identisch (hier handelt es sich um die "naturhaften Sinnestäuschungen"), ebenso die 2. und 4. Strophe (hier geht es um emotionale, verwirrte Eindrücke); die 1. + 2. Verse jeder Strophe sind ebenfalls identisch mit den 3. + 4. Versen, nur der Schlussvers weicht ab; von einer eingängigen Melodie "im Volkston" kann daher (textbedingt) nicht die Rede sein.

Wieder sind, wie bei "Schöne Fremde", in der rechten Klavierhand nur 1/16 Noten und wie dort oft mit 1/16 Pausen. Allerdings sind hier auch in der Melodie viele 1/8 und 1/16 Noten, sodass in Verbindung mit einer ebenfalls sehr modulationsreichen Harmonik und einer aber abwärts führenden Melodie (Strophen1 + 3) ein erregtes, verwirrtes, suchendes Gefühl (wechselnde Harmonien) erweckt wird; in den Strophen2 + 4 siehe meine Bemerkung am Ende. "Und ist doch so lange tot" wird 3 x gesungen; zum 1. wie eine erstaunte Feststellung, zum 2. wie eine Frage und zum 3. wie eine Bestätigung, was durch kleine Änderungen in der Melodie und Klavierbegleitung erreicht wird.

Eine Übereinstimmung kann ich (auch mir) nicht erklären (Zufall?): Der Melodiesprung im Lied "Auf der Burg" bei "da unten" und "Sonnenscheine" und "spielen munter" ist gleich wie hier Strophen 2 + 4 bei "Nachtigallen" und "in der Einsamkeit" und "müsste in den" und "Rosen weiß".


Herzliche Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Lieber Helmut, das übernächste Gedicht ist "Zwielicht"; kannst Du vorab dazu etwas sagen, "wie Eichendorff zu diesem Gedicht kam", gab es einen Lebenshintergrund bei ihm dazu? Dieses Gedicht verwundert mich sehr!
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Helmut Hofmann

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103

Samstag, 19. Februar 2011, 16:09

Lieber zweiterbass,

dass Dir das Eichendorff-Gedicht "Zwielicht" ein gewisses Unbehagen bereitet, hast Du, meine ich mich zu erinnern, irgendwo weiter oben schon mal zum Ausdruck gebracht. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, möchtest Du eine Stellungnahme dazu haben, bevor Du Dich an das zugehörige Lied von Schumann machst. Ich werde mich bemühen.

Helmut Hofmann

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104

Samstag, 19. Februar 2011, 17:09

Zu: IN DER FREMDE

Ich möchte die Ausführungen von zweiterbass zu dem Lied "IN DER FREMDE" ergänzen in dem Sinne, dass ich seine Feststellungen zur musikalischen Faktur dieses Liedes auf dem Hintergrund der Aussage des Eichendorff-Gedichts interpretiere.

Das Gedicht lebt von der Spannung zwischen den bewegten Naturbildern und den seelischen Vorgängen, die sich im Innern des lyrischen Ichs abspielen. Dieses Ich ist " In der Fremde". Seine seelische Befindlichkeit verdichtet sich in der zentralen Aussage: "Ich weiß nicht, wo ich bin".

Das Gemeinsame der lyrischen Bilder ist ihre innere Bewegtheit, die unbestimmt und richtungslos wirkt: Die Bächlein "rauschen her und hin", Mondschein liegt nicht ruhend auf dem Wald, sondern sein Licht sind "Schimmer", und sie "fliegen". Nachtigallen singen, aber es ist ein von weither kommendes und nicht genau lokalisierbares "Schlagen in der Einsamkeit".

Das lyrische Ich empfindet dieses "Schlagen" als einen Ruf aus der "alten, schönen Zeit". Es ist die Zeit des Lebens mit der geliebten Frau auf dem "Schloß im Tale". Aber diese Frau ist "so lange tot", und das Schloss liegt so weit weg, dass es nur noch im "Als ob" eines Konjunktivs in die Gegenwart geholt werden kann.

Diese gegenwärtige Welt ist geprägt von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Sie bietet keinen Halt, vermittelt nicht das Gefühl, zu Hause zu sein. Das lyrische Ich weiß in ihr nicht, wo es ist.

Das Lied von Schumann weist einen auffällig regelmäßigen Bau auf. In der Klavierbegleitung findet sich die immergleiche Grundfigur: Eine Legato-Sechzehntelfigur wechselt sich mit mit vier, durch eine Sechzehntelpause getrennte Akkorde ab. Das geschieht im Wechselspiel mit der Singstimme, die immer dann eine Pause macht, wenn die Legato-Bewegung im Klavier erklingt. Erst am Schluss, wenn es um den Tod der Geliebten geht, mündet diese innere Bewegung der Musik in eine Art bewegte Starre: Einen langen, über zwei Takte gehaltenen Akkord im Klavierdiskant, der aber nicht harmonisch fest bleibt und zudem auch noch von dieser Sechzehntel-Figur im Bass wie unterspült wirkt.

Die Bewegung der musikalischen Linie wirkt eigentümlich stockend, eben weil sie permanent von den Legato-Sechzehnteln im Klavier unterbrochen wird. Zu diesem Eindruck des Stockens trägt auch der Quintfall bei, der immer wieder in sie eindringt.

Man muss diese Auffälligkeit in der musikalischen Faktur als Ausdruck eben jener Unsicherheit und Orientierungslosigkeit lesen, die das lyrische Ich in seinem Innern prägt. Dieses Ich irrt "her und hin" - wie das Rauschen der Bächlein - zwischen einer Gegenwart, die ihm keine Orientierung bietet, und den schönen Bildern einer Vergangenheit, die längst ohne Leben sind.

Die Legato-Figur der Sechzehntel bildet durch ihr Sich-Hineindrängen in die Singstimme diese innere Unsicherheit und Orientierungslosigkeit des lyrischen Ichs musikalisch ab.

zweiterbass

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105

Sonntag, 20. Februar 2011, 12:23

Robert Schumann - op.39

dass Dir das Eichendorff-Gedicht "Zwielicht" ein gewisses Unbehagen bereitet, hast Du, meine ich mich zu erinnern, irgendwo weiter oben schon mal zum Ausdruck gebracht. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, möchtest Du eine Stellungnahme dazu haben, bevor Du Dich an das zugehörige Lied von Schumann machst. Ich werde mich bemühen.


Lieber Helmut,

meine Frage war, wie Eichendorff dazu kam, ein solches Gedicht zu schreiben - seine Lebensumstände? Auf mich wirkt es äußerst negativ, ja fast destruktiv - wenn es Dir zuviel Mühe macht oder Du meine Frage unangemesen findest - bitte, kurzen Bescheid!

Herzliche Grüße
zweiterbass
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Helmut Hofmann

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106

Sonntag, 20. Februar 2011, 22:12

"....oder Du meine Frage unangemessen findest ...."

Ich nicht, lieber zweiterbass. Aber das ist nicht das Problem.

Das Problem ist, ob außer Dir und mir einer hier im Forum eine solche Frage überhaupt interessant findet.

Daran glaube ich nicht mehr. Interessant ist die Frage, ob man beim Joggen über einen Soundso-Player hören kann, dass Hermann Prey beim Singen der Winterreise die Konsonanten verschleift.

Helmut Hofmann

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107

Dienstag, 22. Februar 2011, 16:38

Lieber zweiterbass,

zu dem Gedicht "Zwielicht" von Eichendorff folgendes:

Es findet sich in Eichendorffs Roman "AHNUNG UND GEGENWART" im siebzehnten Kapitel. Graf Friedrich steht "in höchster Einsamkeit an seine Flinte gelehnt" da, "als er im Walde singen hörte": "Dämmrung will die Flügel spreiten, ..."

Weiter heiß es: "Es wurde still, Friedrich erschrak, denn es kam ihm nicht anders vor, als sei er selber mit dem Liede gemeint. Die Stimme war ihm durchaus unbekannt. Er eilte auf den Ort zu, woher der Gesang gekommen war, aber kein Laut ließ sich weiter vernehmen."

Das Gedicht ist zwar von den Bildern, die verwendet werden, durchaus singulär in Eichendorffs Werk, nicht aber in seinem Gehalt. Die Nacht ist für den Romantiker Teil der Natur. Natur wird ambivalent erfahren: Sie kann etwas den Menschen Bergendes sein, sie kann aber auch zur Bedrohung werden. In der Erzählung Tiecks "Der blonde Eckbert" greift sie sogar in Form eines geheimnisvollen Vogels in das Leben der Menschen ein, mit tödlichen Folgen. Im "Zwielicht" des Übergangs vom Tag zur Nacht greift diese gefährliche Seite der urtümlichen Natur in Form von bedrohlichen Bildern in das tägliche Leben ein. Alles wird auf etwas unheimliche Weise ungreifbar, doppeldeutig und hintergründig. Selbst dem Freund, den man doch meint genau zu kennen, kann man nicht mehr trauen. Hier greifen also ein Naturphänomen und das seelische Innenleben ineinander.

Ich will das Gedicht jetzt aber nicht interpretieren. Interessant ist übrigens, dass dieses Wort "Zwielicht" zur Zeit der Romantik regelrecht "Karriere" machte, - aus den genannten Gründen. Es findet sich bei vielen Autoren, zum Beispiel auch bei Jean Paul. Schumann muss das Gedicht nicht dem Roman entnommen haben. Er konnte es auch in seiner Eichendorff-Gedichtsammlung fnden.

Der Schumann-Biograph Martin Geck meint, Schumann habe bei dem Vers "Hast ein Reh du lieb vor andern, / Lass es nicht alleine grasen" an seine Clara gedacht, da der Kampf um sie im Mai 1840 ja noch nicht ausgestanden war. ich halte nicht viel von solchen Psychologismen. Sie sind mir zu simpel!

farinelli

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108

Dienstag, 22. Februar 2011, 17:07

Ich weiß nicht wo ich bin

denn ich hinke, liebe Liederjahne, arg hinterher.

Pfitzner (zu "Auf einer Burg") fand ich sehr amüsant; daß es zwei Uhr Mittags sei, erinnert mich an Saties Antwort auf die Frage, wie ihm "de l´aube à midi sur la mer" gefallen habe:

"Sehr gut; ganz besonders die Stelle um halb zwölf" (ich zitiere sinngemäß).

Nein nein nein, weder das Gedicht noch gar die Vertonung haben irgendetwas mit Realismus, Naturlyrik oder Historienmalerei zu tun. Das Gedicht lebt im Kern von einem sagenhaften Motiv, das sich sozusagen in einer trivialisierten Version beim Barbarossa-Mythos bedient: Der harrende Ritter ist eingeschlafen, und irgendwie gerät er dabei in eine Zeitverschüttung, Jahrhunderte gehen drüber hin wie in der schönen Rheinsage vom "Mönch und dem Vögelein".

Dies ist der poetische Kern des Gedichts, alles übrige Einkleidung und Staffage, ob nun das überkrautete Gitter (ein Notreim auf Ritter, wie, in Giovannis verdeutschtem Ständchen, auf "Zither") oder die Hochzeit, die die gleichgültige Nachwelt personifiziert. Die Tränen der Braut sind so unerklärlich wie überflüssig (warum, anbei, weinen die Bräute eigentlich so topisch auf ihrer Hochzeit?).

Schumanns faszinierend phlegmatische Vertonung mit ihrem balladesken Anklang an einen Schreittanz voll altertümlicher Intervallbildung illustriert spätestens den Hochzeitszug nur mehr schematisch und fade; aber hier liegt auch, wie ich meine, eine Schwäche des Gedichts, das an der gegenseitigen Durchdringung von träumerisch belebter Ruinen-Kulisse und petrifiziertem Bewohner, von Ritterschlaf und Mittagsruhe ihr Bewenden hätte haben sollen. Zu nahe kommen Ritter und Braut sich in der Rollenumkehr des Dornröschen-Stoffs; und wie ein zaghaftes Vorecho aller Sentas und Isoldes sind es die weiblichen Tränen intuitiven Mitgefühls, die den Ritter möchten erlösen können.

Es ist eins der Gedichte, bei denen man bedauert, daß es nicht von Heine gewesen ist.
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Helmut Hofmann

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Dienstag, 22. Februar 2011, 17:19

"Die Tränen der Braut sind so unerklärlich wie überflüssig (warum, anbei, weinen die Bräute eigentlich so topisch auf ihrer Hochzeit?)."

Das ist farinellis poetischer Realismus-Blick. Er erfrischt das Gemüt!

Na ja! Es sei die Frage erlaubt (scherzhaft): Warum hat Eichendorff sie denn dann weinen lassen? Nur weil Bräute das für gewöhnlich bei Hochzeiten tun, - aus Sentimentalität oder welchen Gründen auch immer?

Diesen Satz versehe ich nicht (ehrlich!): "Es ist eins der Gedichte, bei denen man bedauert, daß es nicht von Heine gewesen ist."

farinelli

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Dienstag, 22. Februar 2011, 17:24

von Heine

Nun, lieber Helmut,

weil dann die sentimentalen Tränen der Braut als ironischer Kommentar zur verschlafenen Ritterromantik hätten herhalten dürfen.

Das hätte freilich - "Die Laune der Verliebten" - geheißen:

(...) Der Bräutigam hat unterdessen
auf einem fernen Misthaufen gesessen.

Dort blieb er sitzen sieben Jahr,
Bis daß die Braut verfaulet war.



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Helmut Hofmann

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Dienstag, 22. Februar 2011, 17:55

Dann frage ich auf der Stelle nach, lieber farinelli:

Hätte Schumann dann diesen Vers, wie er sich bei Eichendorff findet, auch musikalisch so ernst genommen und gewichtet, wie das an dieser Stelle aus der musikalischen Faktur des Liedes abgelesen werden kann? Denn das hat er ganz offensichtlch!

Und ich glaube, wir sind als Hörer dieses Lieds gehalten, uns Gedanken über das Warum zu machen.

Jedenfalls hier im Forum!

farinelli

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112

Dienstag, 22. Februar 2011, 18:25

Lieber Helmut,

vielleicht überinterpretiert Schumann hier ja. Eine weinende Braut, noch dazu eine schöne, ist in der Tat so topisch, daß man gerade in dieser zwar äußerlich stimmigen, aber innerlich am Rittergeschick weitestmöglich unbeteiligten Regung die vollendete Vereinsamung des Burgherrn sich vollziehn sehen könnte. So ähnlich wie der ältere Herr, der den lächelnden Wink eines Mädchens irrtümlich auf sich bezieht (wie z.B. der kurzsichtige Hofmannsthal in Bad Fusch, in "Der Fliegenpalast").

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zweiterbass

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113

Dienstag, 22. Februar 2011, 19:57

Robert Schumann - ip. 39

Ich will das Gedicht jetzt aber nicht interpretieren. Interessant ist übrigens, dass dieses Wort "Zwielicht" zur Zeit der Romantik regelrecht "Karriere" machte, - aus den genannten Gründen. Es findet sich bei vielen Autoren, zum Beispiel auch bei Jean Paul. Schumann muss das Gedicht nicht dem Roman entnommen haben. Er konnte es auch in seiner Eichendorff-Gedichtsammlung fnden.


Lieber Helmut,


es ist für mich keine Frage, Du kennst das Gedicht oder kannst sofort darauf zurück greifen "Ein Stündlein wohl vor Tag" von Mörike - das übrigens Distler m .E. unvergleichlich vertont hat; es hat einen sehr ähnlichen Inhalt.

Es soll Statistiken geben (?), dass in dem Zeitraum, in welchem sich "die Nacht in den Tag verliert", signifikant besonders viele Menschen geboren werden oder sterben.
Außerdem: In diesem Zeitraum schüttet der Körper, das sagen die Neurologen, die Hormone und Botenstoffe aus, die den Menschen negativ beeinflußen, es wird von der "Morgendepression" gesprochen.

Danke für Deinen Beitrag.

Herzliche Grüße
zweiterbass
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zweiterbass

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Dienstag, 22. Februar 2011, 20:47

Robert Schumann . op.39

Nein nein nein, weder das Gedicht noch gar die Vertonung haben irgendetwas mit Realismus, Naturlyrik oder Historienmalerei zu tun. Das Gedicht lebt im Kern von einem sagenhaften Motiv, das sich sozusagen in einer trivialisierten Version beim Barbarossa-Mythos bedient: Der harrende Ritter ist eingeschlafen, und irgendwie gerät er dabei in eine Zeitverschüttung, Jahrhunderte gehen drüber hin wie in der schönen Rheinsage vom "Mönch und dem Vögelein".

Dies ist der poetische Kern des Gedichts, alles übrige Einkleidung und Staffage, ob nun das überkrautete Gitter (ein Notreim auf Ritter, wie, in Giovannis verdeutschtem Ständchen, auf "Zither") oder die Hochzeit, die die gleichgültige Nachwelt personifiziert. Die Tränen der Braut sind so unerklärlich wie überflüssig (warum, anbei, weinen die Bräute eigentlich so topisch auf ihrer Hochzeit?).


Schön dass Du wieder da bist, lieber farinelli,

ich wollte "meine Bilder" als Krücken zu den "Versen 1+2 und 3+4" verstehen; und die "gleichgültige Nachwelt" hatte ich mehr gesehen als: Im Grunde (der menschlichen Natur) bleibt trotz aller Veränderungen "Alles beim Alten" (Trott!).

Herzliche Grüße
zweiterbass
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zweiterbass

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Freitag, 25. Februar 2011, 21:42

Robert Schumann - op.39

"Wehmut"

Vom Inhalt ist das Gedicht ähnlich "Stille Tränen" aus den Kernerliedern op.35 Nr. 10


Eine Form wird gewahrt
um das wahre Innere zu verbergen.
Das geht aber nicht ständig,
und das Gefühl schafft sich Luft.

In der Natur gelten Regeln
die an feste Abläufe gebunden sind.
Ob dem lyrischen Ich
Gleiches widerfährt?

Der Funken aus der Natur
springt auch über
aber…



Die Vertonung erinnert mich in ihrer Art an die Vertonung "Ich stand in dunklen Träumen" von Clara Schumann - siehe dazu den Beitrag Nr. 23 von Helmut im Thread Clara Schumann.

Es handelt sich um ein "im Volkston" angelegtes Lied, die 1. und 3. Strophen sind identisch, bis auf die jeweils letzte Verszeile.

Ich will nun mal das Schema durchbrechen und mehr über meine Eindrücke schreiben:


Ich höre als Grundstimmung einen melancholischen "Plauderton" ohne große Gefühlsausbrüche, was dem Text entspricht. Die Liedmelodie wirkt auf mich recht einfach, nicht eigentlich traurig und ich höre, wie das Herz frei wird, wie sich das Lied erhellt. In der Klavierbegleitung höre ich die unterschwellige Wehklage, auch wegen der aufgesetzten Maske. Und trotz des "tiefen Leids" klingt das Lied für meine "Ohren" tröstlich aus, sowohl in der Singstimme als auch im Klaviernachspiel.

Herzliche Grüße
zweiterbass
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Helmut Hofmann

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Sonntag, 27. Februar 2011, 11:15

Anmerkungen zu "WEHMUT"

Wie bisher immer so gehandhabt, möchte ich auch dieses Mal nur das ergänzend kommentieren, was zweiterbass zu diesem Lied schon ausgeführt hat.

Es ist wieder ein urromantisches Thema, das in Eichendorffs Gedicht und in Schumanns Lied anklingt: Der Gegensatz von Innen und Außen, von der äußeren Fassade und der tief verborgenen Seele des Menschen. Für die Romantik galt die Parole von Novalis: "Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten. (..) Die Außenwelt ist die Schattenwelt."

Man könnte es modern ausdrücken und sagen: Der romantische Gegenentwurf zum modernen Menschenbild mit seiner Maxime "style over substance" wird hier indirekt entworfen. Aber er lässt sich nicht so einfach realisieren. Die Welt lässt die Offenbarung der wahren Seele des Menschen nicht zu. Sie will Fassade, weil ihr eigenes Wesen Fassade ist. Für den Menschen bedeutet das: Er leidet unter der von der Außenwelt erzwungenen Diskrepanz zwischen Innen und Außen. Dieses Leiden gebiert das, was der Titel des Liedes nennt: WEHMUT.

Man sollte jetzt denken, Schumanns Lied bringt dieses Leiden in expressiver Form zum Ausdruck. Das tut es aber absolut nicht. Und der Grund ist: Schumann nimmt den Titel des Gedichts ernst. Wehmut ist verhalten, in sich still.

Dieses Lied lebt in einer für Schumannsche Verhältnisse erstaunlichen Weise vom Klang der melodischen Linie der Singstimme. Sie wirkt in ihrer schlichten Gestalt wie ein Volkslied, das in die seelisch differenzierte und harmonisch hochkomplexe Welt des romantischen Liedkomponisten Schumann hereingeholt wurde. Diesen ganz leise bewahrten Volksliedton hört man zuweilen noch dort, wo im Klavierbass die Unterterz der melodischen Linie folgt.

In diesem Lied hört man fast nur Melodie, die sich in einem einzigen Adagio entfaltet. Das Klavier trägt sie mehrstimmig, mit Sexten und Oktaven, wie ein Streichersatz. Die Singstimme bewegt sich in ruhigen Bögen voran und wird dabei kaum von chromatischen Klängen gestört. Reines, klares E-Dur herrscht.

Aber dieses Lied wäre nicht von Schumann, passierte da harmonisch nicht doch einiges, das nicht ganz geheuer, nicht ganz harmlos ist. Bei dem Vers "Der Sehnsucht Lied erschallen" fallen D-Dur-Klänge in das reine E-Dur ein, das bisher das Lied beherrschte. Es ist, als würde sich an dieser Stelle einen Augenblick lang das Ich öffnen und all das nach draußen dringen können, was bisher im Innern der Seele an Schmerzen verborgen bleiben musste und hinter der Fassade der schönen Melodie verborgen blieb. Denn es ist ja so: Diese schöne Melodie ist der Welt zugehörig, der die Seele des Menschen sich nicht öffnen kann und darf.

Hier haben wir ihn wieder, - den großartigen Schumann. Und er ist auch in den chromatisch eingefärbten Klängen des Nachspiels zu hören. Auch da artikuliert sich noch einmal, im Nachklang und wie im Aushauchen, die Innenwelt über die Fassade der Außenwelt hinweg.

Helmut Hofmann

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Montag, 28. Februar 2011, 16:52

Lieber zweiterbass,

es tut mir leid! Du wirst mit meiner Mitarbeit an Deinem Vorhaben hier nicht weiter rechnen können.

Ich habe mich entschlossen, das Forum längere Zeit nicht mehr zu betreten.

Ich konnte die Art und Weise ganz einfach nicht mehr ertragen, in der im "Thread Winterreise" auf meine letzten Beiträge dort reagiert wurde.

zweiterbass

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Montag, 28. Februar 2011, 17:09

was ich zu respektieren habe, z. T. nachvollziehen kann, es mir aber sehr, sehr leid tut!

Herzliche Grüße
zweiterbass
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Mittwoch, 2. März 2011, 22:45

Robert Schumann op.39

"Zwielicht"

Schon beim Lesen des Gedichtes beschleicht mich ein sehr ambivalentes Gefühl - was bewog Eichendorff diesen Text zu schreiben? ist es "nur" der Reiz für einen Dichter, sich in diese Zeit einzufühlen? mit "Dämmerung will die Flügel spreiten" verbinde ich automatisch den Abend, warum? die "schweren Wolken", sieht man die in der Abenddämmerung noch? ich habe eigene Eindrücke von mächtigen Gewitterwolken in der Morgendämmerung?
Und was erst wird die Musik in mir auslösen?


Es ist die Zeit, in der die Nacht
allmählich die Herrschaft über den Tag gewinnt,
die Lichtverhältnisse ändern, noch Tag, schon Nacht?
Tagesereignisse, die Gedanken kreisen,
zur Ruhe kommen, der friedliche Schlaf -
aber Bruder des Todes - kommt, träumerisch
oder traumgequält, wohin geht die Reise?
Keine Antwort, nicht abwägbar.

Es ist aber auch die Zeit, in der sich die Nacht
in den Tag verliert, noch Nacht, schon Tag?
Der vorangegangene Tag und erinnerte Träume
kreisen in den Gedanken die sich breit machen wollen
für den Tag, der unwägbar ist oder werden kann?


Dieser Widerstreit des optischen Eindrucks,
dieser Wandel, dieses noch nicht zuordnen können,
greift auf die negative Gefühlsebene* über:
Nicht zugestandene Ängste machen sich breit,
Unbewusstes kommt hoch, sich verbietende Gedanken
gewinnen gedacht zu werden.
Was längst verarbeitet schien,
stellt sich als Täuschung heraus.
Die Morgendämmerung bringt Zweifel.
(*Hinweis auf den Beitrag 113 hier im Thread; morgendlich erhöhter Melatoninspiegel.)


Ein ungewöhnlich langes Klaviervorspiel, das in den Takten 1 + 3 einstimmig, arpeggio die Liedmelodie durch klingen lässt**/vorweg nimmt, in den Takten 2 + 4 wird die Liedmelodie fast direkt zitiert und die Harmonik einstimmig ergänzt. Dabei ist Takt 3 insgesamt um einenTon tiefer als Takt 1, Takt 4 ebenfalls insgesamt um einen Ton tiefer als Takt 2. Dieses "Versteckspiel" der Liedmelodie, verbunden mit der Andeutung der Harmonik in den Takten 1 + 3 und deren knappe Ausformung in den Takten 2 + 4, bereitet mit den spärlichsten Mitteln andeutungsweise (im doppelten Wortsinn!) auf die im Lied kommende Unsicherheit vor. In den Takten 5 - 7 werden dann Teile der Liedmelodie im meist 3-stimmigen Klaviersatz arpeggioartig vorgestellt.
(** Als Musterbeispiel für den Beitrag 34 im Thread "Fragen und Antworten der Gehirnforschung…")


Das Lied ist quasi als Strophenlied angelegt, mit Abweichungen in der Klavierbegleitung der 2. Strophe (Liedmelodie unverändert) und mit erheblichen Abweichungen in der 3. Strophe ab "zu dieser Stunde…" und die 4. Strophe geht mit kleinen, aber wesentlichen Änderungen neu auf den Text ein.***

Zur Melodie (siehe Erläuterung zum Vorspiel) des 1. + 2. Taktes "Dämm'rung will die Flügel spreiten" erklingen in der rechten Klavierhand die Takte 1 + 2 des Vorspiels, aber um 1/8 später einsetzend, die linke Hand liegt 5/4 auf dem gleichen Akkord

Zur Melodie (siehe Erläuterung zum Vorspiel) des 3. + 4. Taktes "schaurig rühren sich die Bäume", wird zum 3. Takt diesmal in der linken Klavierhand der 1. Takt des Vorspiels wieder um 1/8 später einsetzend gespielt, aber eine Oktave höher, zum 4. Melodietakt eine etwas veränderte Version des 2. Vorspieltaktes; die rechte Klavierhand liegt im Takt 3 7/8 auf dem selben Ton, ähnlich linke Hand 1. Takt; 3. + 4. Takt werden insgesamt ½ Ton höher gespielt als Takt 1 + 2.

Der 5. Melodietakt "Wolken zieh'n wie" ist bis auf das letzte ¼ gleich dem 1. Melodietakt, aber insgesamt ½ Ton tiefer als dieser und der 6. Takt ist in der Melodie dem Text "schwere Träume" angepasst, rhythmisch aber identisch dem Takt 2. In den Klavierhänden werden rechts lange Notenwerte, links wie Vorspieltakt 1 und analog der Melodie ½ Ton tiefer.

Während in den Melodietakten 1 - 6 der Rhythmus einheitlich ist - ¼. + 1/8 + 2 x ¼ - besteht der Rhythmus des 7. Melodietaktes "was will dieses Graun be…" nur aus 1/8 und in dem 8. Melodietakt "…deuten" aus 2 x ¼ + ½ Takt Pause, als Überleitung zur 2. Strophe In den Klavierhänden liegen lange Akkorde, bei ".deuten" wird der 1.Vorspieltakt variiert, indem die Tonfolge ganz nach unten geht - in der ½ Takt Liedpause - und dies als Überleitung zur 2. Strophe dient.


Wer sich bis hierher durch die Beschreibung des Vorspiels und der 1. Strophe durchgekämpft hat - und dabei habe ich die letzten Feinheiten gar nicht beschrieben, was anhand der Noten feststellbar wäre - wird leicht erkennen, welches musikalische Verwirrspiel Schumann hier anwendet, um den Text in Musiksprache umzuwandeln.
Da werden kleine Phrase ½/1 Ton höher/tiefer wiederholt, Einsätze werden versetzt, die kleinen Phrasen in der rechten und linken Klavierhand vertauscht usw.
Das Alles, um keine oder eine zumindest nur schwer durchschaubare Ordnung zu haben - Unsicherheit, gefühlsmäßige Orientierungslosigkeit zu verbreiten - aus zu "spreiten". Und dabei bin ich auf die teilweise ungewohnte und überraschend wechselnde Moll-Harmonik gar nicht eingegangen - dass muss man hören - die Beschreibung wäre noch unübersichtlicher geworden.
Es macht wenig Sinn, die weiteren Strophen wie die 1. Strophe zu beschreiben; wobei deren Beschreibung den Sinn hatte aufzuzeigen - auch mit Worten - welche Mittel Schumann ergreift, um die Unsicherheit des Textes darzustellen.

Die 2. Strophe ist in der Liedmelodie identisch mit der 1. Strophe, weicht aber in der Klavierbegleitung ab; 3 + 4. Strophe siehe Einleitung***



Wenige Worte zur 4. Strophe: Die Liedmelodie ist bis "…geboren…" sehr ähnlich der 1. Strophe, aber rhythmusidentisch; das Klavier geht in der rechten Hand mit gleichmäßigen
1/8 Noten in überwiegend 3-er-Akkorden, die linke Hand in ebenso gleichmäßigen ½ Noten, was einen gefestigten Gehöreindruck vermittelt, "manches geht" ist im Klavier Akkord auf ganzer Note; "Nacht verloren" Akkorde rechte Hand ½ Noten, linke Hand ganze Note
"Hüte dich, sei wach und munter" fast Sprechgesang in tiefer Lage ohne Klavier, 4 x 1/8 mit Akzent versehene Akkorde, mit Pausen getrennt, beenden das Lied - und lassen deutlich werden, wie groß die Unsicherheit in der Zeit der Dämmerung geworden ist.



Es gibt wenige Lieder, die in mir, vom Text und insbesondere der musikalischen Umsetzung/Sprache her, derart zwiespältige, nicht definierbare Gefühle hervorrufen. Ich habe den Eindruck, dass Schumann hier die Intensität manch Schubert'scher Vertonung zumindest erreicht.

Herzliche Grüße
zweiterbass
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farinelli

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120

Donnerstag, 3. März 2011, 08:50

Lieber Secondo,

Du schreibst:

Es gibt wenige Lieder, die in mir, vom Text und insbesondere der musikalischen Umsetzung/Sprache her, derart zwiespältige, nicht definierbare Gefühle hervorrufen. Ich habe den Eindruck, dass Schumann hier die Intensität manch Schubert'scher Vertonung zumindest erreicht.

Die Aufspaltung der Gefühle, die Richtung ins Unaussprechliche, zwischen den Zeilen Schwebende ist kennzeichnend für das Neue, das Moderne an Schumanns Kunst. Daher unterschreibe ich Dein Hauptargument; den Nachsatz versehe ich mit einem Fragezeichen. Schubert ist doch kein Meister solcher Zwischentöne, die etwas Gesuchtes an sich haben, etwas bewußt Ausweichendes. Die Affekte bei Schubert scheinen mir stest klarer umrissen; so wie seine koloristischen Dur- und Mollwechsel verteilen sich alle Kontraste, das chiaroscura, gleichsam unvermischt. Bei Schumann verschwimmen die Konturen, und statt traurig oder heiter zu sein, formulieren seine Lieder oft die am schwierigsten zu fassenden Stimmungen unsagbarer Subjetivität.
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