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Mittwoch, 18. September 2013, 19:34

neue Mozartproduktionen - was sind eure Standards?

(ich gehe bei diesem Beitrag vom Musiktheater aus, allerdings könnte man es genauso auf ein Sinfoniekonzert oder kleinere Konzerte beziehen)
ich finde, dass wir uns in der eigenartigen Situation befinden, dass bei Mozart alles möglich zu sein scheint.
daher sind Musiker in der Lage, erst beim Erstkontakt mit dem jeweiligen Dirigenten zu erfahren, wie diese oder jene Mozart Produktion angelegt wird.

es hat sich ein gewisser Artikulationsstandard durchgesetzt, der mehr oder weniger sorgfältig ausgeführt wird. Das bedeutet aber nicht, dass dynamische Vorstellungen des modernen Orchesters (feine Übergänge anstatt heftige Akzentuierung) immer wieder in die Musik einfliessen.
Schwer zu sagen: man empfindet hier ein Crescendo, ein Diminuendo... es steht aber fast nie da...
wie laut ist ein forte bei Mozart?

aber allein die Frage der verwendeten Instrumente könnte bei Mozart schon mehr Sorgfalt vertragen.

als erstes steht für mich die Frage: Spezialensemble, oder das vorhandene Orchester?
aus Kostengründen... klarerweise, immer das Letztere...

danach - die Frage der Instrumente: es wäre wenigstens denkbar, teilweise auf historische Instrumente zurückzugreifen - sofern vorhanden...
oder wenigstens - Umstieg auf Darmsaiten und alte Blechblasinstrumente.
allerdings müssen Opernorchester oft am nächsten Tag Nabucco spielen, und danach My fair Lady... daher ist bei ein und demselben Instrument der Wechsel der Besaitung undenkbar.
Viele Musiker haben ein Zweitinstrument... das wäre also keine Ausrede...
ein Barockbogen kostet auch nicht die Welt...aber können alle damit umgehen.

dann ist die Frage einer einheitlichen technischen Aufführung sehr kompliziert - die Musikwissenschaft liefert ständig neue Erkenntnisse. Auch ich fühle mich mit dem Anspruch überfordert, wenn ich Seminare besuchen sollte, um den neuesten Stand der Forschung kennenzulernen. Und die Diskrepanz zwischen Wissenschaft und praktischer Anwendung ist noch immer sehr gross.

Nachdem es auf dem Markt schon unzählige Versionen von Mozartinterpretationen gibt, fände ich es fair und auch bescheiden, wenn ein Dirigent freimütig zugibt, in seiner Interpretation einem bestimmten Stil zu folgen. (nachdem eben schon alles da war...)
Letztlich weiss das Publikum im Nachhinein genau, was es gehört hat.. in traditionelle Richtung oder eher HIP....
ich hätte gerne mehr Klarheit und Mut zu Entscheidungen statt der ewigen Kompromisse bei einer Musik, die wir so sehr verehren.

Wie denkt ihr über die Tatsache, dass wir vor einer Aufführung komplett ahnungslos sind, welche Art von Interpretation uns erwartet?
ich finde es bei Mozart besonders krass, da ich jedesmal versuchen muss, Tabula rasa zu machen, um mich auf eine individuelle (oder auch nicht...) Sicht des Dirigenten einzustellen.
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

2

Sonntag, 22. September 2013, 01:06

ich weiss nicht, wie klar meine Absicht ist...

ich meine ausdrücklich Aufführungen von modernen Dirigenten.

wenn man nicht bereits durch Aufnahmen vorbelastet ist (wieviele Leute nehmen noch Mozart Symphonien auf?) und den Stil eines Orchesters kennt (wie sehr kann man das?) dann ist man doch eigentlich ahnungslos, wie dieser Mozart klingen wird, oder?

und eben das finde ich eine recht absurde Situation, verursacht durch die Rechthaberei der HIP, dass theoretisch alles möglich ist bei Mozart, und man beschliessen kann, einmal diesem und dann dem anderen Weg zu folgen.
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

3

Donnerstag, 26. September 2013, 22:37

in anderen Threads war schon davon die Rede, dass gewisse Referenzaufnahmen als Massstäbe dienen, bzw. in der Intention und Ausführung stark unterschiedliche einen Interpretationsrahmen bieten, in den spätere Aufnahmen eingeordnet werden.

so war z.B: bei den Beethoven Sinfonien von Szell gegen Karajan die Rede....
Furtwängler - Toscanini sind ja auch so ein Beispiel extremer Unterschiede.

aber wohl kaum ein anderer Komponist polarisiert so sehr wie Mozart und muss derart viele unterschiedliche Ansätze über sich ergehen lassen.

bei der Pamina Arie dauert die langsamste Version vermutlich doppelt so lange, als die schnellste....
mit solchen Unterschieden kann man nicht mal bei Wagner aufwarten.
Und die romantische Bach bzw. Barockinterpretation ist eher schon Teil der Geschichte.

Aber bei Mozart kann man alles mögliche erleben... und ich finde es aufregend, oder auch ärgerlich, dass man es oft nicht weiss, was einen erwarten wird.

Meistens weiss man bei den Ouvertüren einer Oper, welche Tempi voraussichtlich genommen werden... wobei mich die allzuschnellen Tempi genauso stören wie die zu langsamen.

darf ich bei William B.A. folgende Sprüche ausleihen?

1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

der zweite Spruch ist unvollständig formuliert: logisch richtig muss es heissen... ,und das ist das subjektiv richtige! - damit klargestellt ist, dass es keine Objektivität gibt, die allgemein verbindlich wäre. Im Moment kann jedes Tempo richtig sein... aber die Frage von richtig und falsch ist in der Musik ohnehin umstritten.

wenn das Tempo für Mozart so wichtig war, wie kann es dazu kommen, dass so viele Unklarheiten darüber herrschen?
und.. dass es zu so einer interpretatorischen Willkür gekommen ist?
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

William B.A.

Erleuchteter

  • »William B.A.« ist männlich

Beiträge: 17 591

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

4

Donnerstag, 26. September 2013, 22:45

Zitat

tastenwolf: Der zweite Spruch ist unvollständig formuliert:...
Diesen Vorwurf darfst du mir nicht machen, lieber Wolfgang, sondern den musst du Wilhelm Furtwängler machen. Ich habe ihn nur wörtlich zitiert. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass auch Mozart diesen Spruch Furtwänglers gemocht hätte.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 19 201

Registrierungsdatum: 9. August 2004

5

Donnerstag, 26. September 2013, 22:59

Mozarts Opern sind ein weites Feld, sie wurden im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Mozarts Zauberflöte als Beispiel - als "Große Oper" (Sie ist in Wahrheit eher ein Singspiel) oder als Singspiel mit Figuren, die teilweise dem Wiener Volksschauspiel entlehnt sind, als "Freimaurer -Oper" oder als Parodie. Was hat man da nicht alles hineininterpretiert im Laufe der Jahre. Gut - mag man einwenden - das ist der Inhalt - Was hat das aber mit der Musikalischen Darstellung zu tun? Sehr viel - möchte ich meinen - Die Oper wandelt sich auch musikalisch wie ein Chamäleon, wird mal bedeutungsschwer, mal eher leicht (zb. Drottingholm) intgerpretitert. Hierbei spielt auch die Wahl der Stimmen, bzw Darsteller eine nicht unbedeutende Rolle. Die Zauberflüte ist für mich (als Beispiel) eine Oper, die einerseits musikalisch weitgehend unzerstörbar ist, andrerseits nie wirklich ideal auf die Bühne zu bringen ist. Das Dirigat, bzw der musikalische Gesamteindruck wird vermutlich - im Gegensatz zu sinfonischen Werken - weniger kritisch betrachtet, weil ja auch - so vorhanden - der optische Reiz und die unmittelbare Wirkung des "Gesamtkunstwerks" einen nicht unbedeutenden Anteil an der "Publikumswirksamkeit" haben. Dazu kommt, daß die verschieden Generatonen einen unterschiedlichen Begriff von Tempo haben. Kurz noch ein kurzer Abstecher zur "Entführung aus dem Serail" - bzw zu deren Ouvertüre. Hier kann man sehr krass den Unterschied zweier Lesarten hören. Nikolaus Harnoncourt dirigiert die ouvertüre als "türkische Musik", Karl Böhm indes als europäische Musik des späten 18. Jahrhunderts - "alla turca" - also stilisiert.
Wer hier meine Sympathien hat dürfte allgemein bekannt sein - aber es wird auch andere Meinungen dazu geben, sowie weitere mögliche Lesarten....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

musikwanderer

Prägender Forenuser

  • »musikwanderer« ist männlich

Beiträge: 4 315

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

6

Donnerstag, 26. September 2013, 23:32

Tastenwolfs Thread-Frage kann ich für meinen Teil ganz einfach beantworten: Ich bin vermutlich in diesem Forum der Exot, der von Mozarts Bühnenwerken keine neuen Aufnahmen benötigt. Die in meinem Regal vorhandenen Aufnahmen sind m. E. von so hoher Qualität, dass ich in diesem Leben nichts mehr hinzukaufen muss. Also: "Runderum" zufrieden - HIP hin oder her...

:hello:
.

MUSIKWANDERER

PeterP

Anfänger

  • »PeterP« ist männlich

Beiträge: 45

Registrierungsdatum: 30. Juni 2013

7

Freitag, 27. September 2013, 00:18

hallo,

ich hüpfe einmal kurz vom Alten-Musik-Forum hinüber.


Zitat

ich finde, dass wir uns in der eigenartigen Situation befinden, dass bei Mozart alles möglich zu sein scheint.
eigenartig finde ich persönlich das gar nicht und ich persönlich glaube auch, dass dies bei allen komponisten zutrifft, von denen wir keine tonbandaufnahmen ihrer interpretationen haben.


Zitat

man empfindet hier ein Crescendo, ein Diminuendo... es steht aber fast nie da... wie laut ist ein forte bei Mozart?
jeder der selbst musiziert, weiß, dass notenwerte in der praxis einen größeren spielraum haben, als am papier notiert. die hohe kunst ist ja, ein stück nicht technisch unflexibel, wie ein roboter, herunterzuspielen sondern der musik förmlich leben einzuhauchen, ein gefühl zu vermitteln und die perfekte harmonie zu erreichen. wie laut ein forte bei mozart war, werden wir alle nie erfahren. ich glaube aber, dass sich jeder zuhörer, musiker, hobbmusiker, ... wundern würden, wäre z.b mozart jetzt hier und selbst spielen. gerade bei bach oder mozart glaube ich auch, dass diese komponisten jazz- und improvisationsgenies waren. wer weiß, würden sie noch heute leben, würde man sie vielleicht in einem jazzkeller treffen oder als zuhörer bei metallica :)


Zitat

es wäre wenigstens denkbar, teilweise auf historische Instrumente zurückzugreifen - sofern vorhanden...
als freund der alten musik finde ich gerade den einsatz von historischen instrumenten sehr toll, nur wieviele menschen hören wirklich den unterschied zwischen den instrumenten oder gar darmsaiten. darmsaiten müssen oftmals alle 10 minuten nachgestimmt werden. sehr unpraktisch und der aufwand würde sich finanziell wohl nicht lohnen.


Zitat

Wie denkt ihr über die Tatsache, dass wir vor einer Aufführung komplett ahnungslos sind, welche Art von Interpretation uns erwartet?
ich finde es bei Mozart besonders krass, da ich jedesmal versuchen muss, Tabula rasa zu machen, um mich auf eine individuelle (oder auch nicht...) Sicht des Dirigenten einzustellen.

Zitat

Aber bei Mozart kann man alles mögliche erleben... und ich finde es aufregend, oder auch ärgerlich, dass man es oft nicht weiss, was einen erwarten wird.
gerade das finde ich so schön, wenn man sich ohne erwartung oder vorahnung überraschen lässt. wenn dann eine interpretation bewegt, ist das umso schöner. wir alle und musiker sind menschen und keine maschinen und macht einmal eine operndiva fehler, finde ich das nur menschlich und dafür oft schön(er). ist eine interpretation anders als erwartet, aber schön und ergreifend, ist es egal, ob es mozart selbst gefallen hätte oder nicht. schon allein deshalb, weil wir alle nicht wissen wie mozart und konsorten es im Kopf gehabt haben.

ein freund von mir, berufsgeiger, klassisches geigenstudium, musiklehrer, berufsmusiker und jetzt am konservatorium hat sich von der klassik abgewandt und spielt nur mehr Jazz. Er meinte, dass ihn gerade dieses sture abspielen von noten und noch dazu noten von bereits toten komponisten gestört hat, ihn einengt, wobei doch musik so frei und locker sein sollte und sich wandelt, je nach stimmung. er meint, dass auch ein bach oder mozart ein stück jedesmal anders gespielt haben. dass nach einer aufführung durchaus änderungen durchgeführt wurden, weil es halt dann doch nicht perfekt war.

im alte musik forum wird viel über john dowland gesprochen. man kann die noten von dowland spielen (spiele selbst viel Dowland), aber dowland selbst hat nie streng nach seinen noten gespielt und seine Stücke jedesmal anders verziert. dowland war zu seine zeit ein ausnahmemusiker und komponist. ich glaube, dass auch alle nachfolgenden komponisten so gestrickt waren und ihre stücke immer wieder anders gespielt haben. mit anders meine ich minimalst anders betont haben, so sehr, bis für sie die Perfektion erreicht wurde. eine komposition entsteht ja auch aus einer improvisation eines themas und wird dann immer mehr verziert, ausgebaut usw. obwohl schon erwähnt, werden wir menschen heute NIE erfahren, wie Die es damals gemeint haben.


Zitat

. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige"
Einer meiner wichtigsten Professoren sagte immer, "Die einzige Regel ist, es gibt keine Regel". Ich finde, dass die beiden Zitate in die gleiche Richtung blicken.


Zitat

Dazu kommt, daß die verschieden Generatonen einen unterschiedlichen Begriff von Tempo haben.
dieses zitat, aber auch die gesamte antwort von Alfred Schmidt finde ich sehr gut! musikempfinden und stile wandeln sich mit der zeit und gesellschaft. viele junge menschen (bin selbst einer :D ) würden alte Musik / barockmusik / klassik hören, nur sie wachsen gar nicht mehr damit auf, was das Problem ist und somit wird ihr Gehör gar nicht für diese Anreihung der Töne konditioniert.

gehe jetzt wieder 300 jahre weiter zurück :D

grüße!

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