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  • »kurzstueckmeister« ist männlich
  • »kurzstueckmeister« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

1

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 11:09

Kitsch

Ich kann mit dem Begriff schon seit längerem nicht mehr viel anfangen.

Zitat von »wikipedia«

Kitsch steht zumeist abwertend gemeinsprachlich für einen aus Sicht des Betrachters minderwertigen, sehnsuchtartigen Gefühlsausdruck. In Gegensatz gebracht zu einer künstlerischen Bemühung um das Wahre oder das Schöne, werten Kritiker einen zu einfachen Weg, Gefühle auszudrücken, als sentimental, trivial oder kitschig.
"Minderwertiger, sehnsuchtartiger Gefühlsausdruck" - komische Kombination, klingt nach verbittertem Hagestolz oder so.
"Zu einfacher Weg, Gefühle auszudrücken" - damit kann man die gesamte Populärmusik abschießen - aber die Beatles werden doch normalerweise nicht als kitschig bezeichnet?


Die weiteren Versuche kommen mir ja noch seltsamer vor:

Zitat

Im Gegensatz zum Kunstwerk, das Spielraum für Interpretation zulässt (Interpretation sogar fordert), ist Kitsch nicht auslegbar.
Wer will, kann alles auslegen. Dagegen ist so viel Kunst mit klarer Bedeutung versehen (vor allem religiöse Kunst), dass mir dieser Gegensatz nur konstruiert vorkommt.


Zitat

Stereotype und Klischees: Kitsch wiederholt, was dem Betrachter bereits geläufig ist. Vom Kunstwerk wird Originalität erwartet (Innovationszwang der Kunst).
Was macht man da mit allen Renaissancen? Dagegen sind mir die im Wikipedia-Artikel bewunderwaren Kitschbeispiele nicht geläufig.


Zitat

Leichte Reproduzierbarkeit (Massenware)
Mist, dann haben Dürer und Rembrandt aber viel Kitsch produziert.


Zitat

- falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben)
- falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)
- falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle)
Sehr schön, jetzt kommt die Einheit von Ort, Zeit und Handlung, oder wie? Was hat die heile Welt, die es nicht gibt, mit der "falschen Zeit" zu tun? Ist Stuckmarmor Kitsch? Was ist ein echtes Gefühl?


Zitat

zu häufige Reproduktion von Kunstwerken der Vergangenheit (z. B. Mona Lisa, van Goghs Sonnenblumen). Neue Werke sind oft für die Vervielfältigung gedacht und deshalb kein Kitsch.
D.h., wenn man die Mona Lisa einmal fotografiert, ist es eine Reproduktion, und ab 1.000.000 Fotografien ist es Kitsch?


Zitat

Personen, Ereignisse etc. nehmen einen rituellen Wert an, der ihnen nicht zukommt (unechter Mythos)
Und wem kommt der rituelle Wert rechtmäßig zu?


Zitat

Übertragung von einem Medium ins andere (z. B. Roman zu Film, Themen der klassischen Musik in die Popmusik, Gemälde zu Glasfenstern, Nachbildung von Statuen in anderem Material)
Dann hat Rubens mit seinen Gemäldezyklen, die als Vorlagen für Wandteppiche konzipiert waren, aber auch kräftig den Kitsch befördert. Oder die Cavalleria Rusticana, die ja aus einer Novelle in eine Oper übertragen wurde, wäre somit auch Kitsch. Und wie ist das mit Bronze?


Zitat

Verniedlichung
Oje, jetzt kommt Raffael dran.


Zitat

etwas tritt in der Form von etwas ganz anderem auf (z. B. eine Uhr in Gitarrenform)
Wie war das in der Gotik mit der Gleichheit der Formen bei Schreinen und sakralen Gebäuden? Ist Dalís Lippensofa Kitsch?


Zitat

übersteigerte Dimension, aber noch verwendbar (z. B. ein übergroßes Glas)
Cellinis Saliera hätte wirklich die Funktion auch in kleinerem Maßstab erfüllen können.


Zitat

das Nachahmen einer anderen Zeit (z. B. neue Figuren im Stil des 18. oder 19. Jahrhunderts)
Ja, die alten Römer haben auch nur Kitsch produziert. Nur weiß man heute nicht mehr so genau, was nun das Original ist (Klassik) und was römische Kopie ...

novecento

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  • »novecento« ist männlich

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2

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 11:30

Zitat

- falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)

Ich hab's ja schon immer gewusst:
Das ganze Kiunst des 19. Jahrhunderts ist Kitsch!
'Architektur ist gefrorene Musik'
(Arthur Schopenhauer)

  • »kurzstueckmeister« ist männlich
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3

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 11:35

Anakreontik

chrissy

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4

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 11:44

aber die Beatles werden doch normalerweise nicht als kitschig bezeichnet?

Na, das fehlte noch. Ob es jemandem gefällt oder nicht, ob er es wahr haben will oder nicht, ob er es glaubt oder nicht - die "Beatles" (und nicht nur die), haben Musikgeschichte geschrieben.
Das ist richtig und unbestreitbar!!!
CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...

  • »kurzstueckmeister« ist männlich
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Beiträge: 6 808

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5

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 11:46

Man hat ja sogar Tschaikowskis Violinkonzert zum Kitsch erklärt.
Trotz allem soll der Begriff Kitsch abwertend gemeint sein.
?(

teleton

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  • »teleton« ist männlich

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6

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 12:01

In der Kunst gibt es ja nun massig Dinge die man als absoluten Kitsch auslegen kann.

Ich habe den Fettstuhl von Joseph Beuys im Museum in Darmstadt gesehen. Dann einen schmutzigen Schlitten mit alter grauer Decke aufgespannt im Kunstmuseum Bonn.

:D Tut mir Leid - dafür kann ich kein Verständnis aufbringen, weil hier keine Leistung erbracht wurde. Das sehe ich nicht nur als Kitsch, sondern Sperrmüll !
Gruß aus Bonn, Wolfgang

7

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 12:23

Zitat von »kurzstueckmeister«
aber die Beatles werden doch normalerweise nicht als kitschig bezeichnet?

Na, das fehlte noch. Ob es jemandem gefällt oder nicht, ob er es wahr haben will oder nicht, ob er es glaubt oder nicht - die "Beatles" (und nicht nur die), haben Musikgeschichte geschrieben.
Das ist richtig und unbestreitbar!!!

Das bestreitet doch seit 20 Jahren niemand mehr - - andererseits gibt es richtig kitschige Interpretationen von Yesterday...

dazu ein erheiterndes Zitat des früheren Volksoperndirektors Rudolf Berger anlässlich der "Sound of music" Premiere (sinngemäss): "das Lied Edelweiss kann wie ein Schubert Lied gesungen werden..."
völlig richtig, dieses Musterbeispiel eines kitschigen Liedes kann auch ganz schlicht gesungen werden und mit künstlerischen Mitteln veredelt...das ändert aber an der Kitsch-Tatsache gar nichts...

umgekehrt können klassische Melodien auch zum Kitsch gemacht werden (z.B: in einer James Last Fassung, oder auf der Panflöte gespielt - für Organisten: bei Verwendung der Vox coelestis in Bach Choralvorspielen ;) )

- toller Thread! :jubel: :jubel:

als erstes fallen mir immer religiöse Darstellungen ein: Herz Jesu Bilder... am besten in polnischen Kirchen zu finden - - oder auf Flohmärkten...

eins der einfachsten Merkmale von Kitsch ist für mich eine falsche Wahl der Ausdrucksmittel:
wenn das Bild im Chinarestaurant nicht nur unnatürlich glänzende Farben hat, sondern auch mit LED Effekten versehen, vielleicht mit "fliessendem" Wasser... und all das von falschem Gold umrahmt, dann ist die Kitschorgie perfekt...

musikalisch erste Assoziation: Hawaiigitarren...

zweite Assoziation: die Pathetique von Beethoven.... das kitschige daran ist ausschliesslich der Titel!!! erst dadurch wird der schwerwiegende c-Moll Akkord des Beginns für mich beinahe uninterpretierbar
heisst es eigentlich: eine Sonate, die einen pathetischen Inhalt hat - oder eine Sonate, die pathetisch gespielt werden soll?

oder vielleicht so: Kitsch ist z.B: das, was die Volkstümliche Musik von der Volksmusik unterscheidet.... auch hier: falsche Mittel - falsche Instrumentierung, falscher Einsatzort, Massentauglichkeit...

Florian Silbereisen kann kitschig sein... :D


ich glaube aber, die Sentimentalität sollte getrennt vom Kitsch behandelt werden...
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • »kurzstueckmeister« ist männlich
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8

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 13:40

Beuys

teletons Vorschlag ist durchaus logisch: Wenn Kitsch bedeutet, Gefühle hervorrufen zu wollen mit einfachsten Mitteln, dann sind die einfachen Konstruktionen, die Beuys präsentiert, und die beim Publikum ja mitunter Gefühle hervorrufen, Kitsch. Wer (wie ich) diese Installationen toll findet, muss andererseits davon ausgehen, dass ein Gartenzwergfreund auch seine Gefühle beim Betrachten seiner Kollektion hat, und was nun einfacher herzustellen ist, ein Gartenzwerg oder eine Beuysinstrallation, darüber kann man streiten.

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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9

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 14:01

für einen aus Sicht des Betrachters minderwertigen, sehnsuchtartigen Gefühlsausdruck. In Gegensatz gebracht zu einer künstlerischen Bemühung um das Wahre oder das Schöne, werten Kritiker einen zu einfachen Weg, Gefühle auszudrücken, als sentimental, trivial oder kitschig.

Kurz gesagt, KITSCH ist eine willkürliche Definition Jugendstil ist hier ein gutes Abschauungsbeispiel.

Kitsch wird schönen oder aufdringlich schönen Dingen oder Kunstwerken (mit oder ohne Apostroph) vor allem von Leuten nachgesagt, welchen schon das Wort "heile Welt" ein Greuel an sich ist.
Kitsch - nach derzeitigem Empfinden erkennt man an etwas zuviel Verzierungen, an einer (oft melancholischen) Süße, einer Überbetonung des Schönen (siehe "Schutzengel-Bilder" des 19. Jahrhunderts.
Auch einigen Schubert- Liedern ("Leise flehen meine Lieder") oder diversen Operarien ("Heil, sei dem Tag, heil sei der Stunde") könnte man ein gerüttelt Maß an Kitschigkeit unterstellen. - Aber die sind so in unserem Kulturverständnis eingebunden, daß sich niemand traut drauf hinzuweisen.

Und da sind wir schon beim Kernpunkt angelangt. Kitsch als Definition ist nichts als eine zeitliche und räumliche Wertvorstellung
Umd diese Behauptung zu unternauern weise ich auf die heute hochgeschätze GOTIK hin. Der Begriff "gotisch" wurde vom italienschen Maler, Architekten und Kunsthistoriker Giorgio Vasari (1511 - 1574 ) eingeführt, bedeutet frei übersetzt "barbarisch" und war durchaus abwertend gemeint. Aber auch Rokoko - welch eleganter Stil - wird von manchen Leuten heutzutage als Kitsch gesehen...

Auch das Behängen eines Nadelbaums mit bunten Glakugeln und Schokoladestückchen die in bunte Metallfolien eingepackt sind, sowie Kerzenbeleuchtung kann man - mit boshaften Augen betrachtet - mühelos dem Kitsch zuzählen....

mit freundlichen Grüßen Aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

La Roche

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10

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 14:48

Wenn ich das alles so lese, muß ich feststellen, daß ich Kitsch mag.

Was nun? Soll ich mich bessern und Avantgarde mögen? Oder soll ich mir Heimatfilme mit Hansi Hinterseer anschauen, damit ich das Gegenteil von Avantgarde ins Verhältnis setzen kann?

Ach was, ich bleibe, wie ich bisher war. Ich liebe Frauen in schönen Kleidern und Absatzschuhen. Ich liebe die Boheme wegen ihrer Sentimentalität. Ich liebe den Sonnenuntergang in den Bergen, auch beim Ausklingen der Alpensinfonie. Ich mag Rubensbilder. Ich lese Karl May. Und manchmal bekomme ich feuchte Augen beim Musikhören. Ich mag auch Andrea Berg. Manchmal glaube ich sogar an die Liebe.

Ich mag eben Kitsch!

La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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11

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 15:00

Zitat

Wenn ich das alles so lese, muß ich feststellen, daß ich Kitsch mag.

Hier bist Du vermutlich in bester Gesellschaft. Denn einerseits ist - Kitsch eine Frage der Betrachtung - andrerseits ist sie Beliebtheit dessen was von den Vertetern der Avantgarde - ihren Jüngern und deren Nachbetern solch ein Dorb im Auge ist.
Der Knackpunkt ist, daß sich die selbsternannten Meinungsbildner längst vom Primat der SCHÖNHEIT verabschiedet haben und andere Wertesysteme zu postulieren versucht haben, die jedoch nur von einer kleinen - aber "lautstarken" und sehr präsenten Minderheit akzeptiert werden....

Was nicht bedeuten soll, daß Kitsch per se "hochwertig" ist - aber es lebt sich teikweise ganz angenehm damit....

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

9079wolfgang

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12

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 16:42

Kitsch und Sperrmüll liegen oft nah beieinander. Wenn ich z. Bsp. das in Beton gegossene Auto auf dem Kölner Ring sehe, fehlen mir die Worte: Kunst, Kitsch oder Sperrmüll??? Bei dem Gewicht dieses "Etwas" kann es kein Sperrmüll sein! ?(
W.S.

hasiewicz

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13

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 18:20

Für mich maßstabsetzend in Bezug auf Kitsch ist das, was der in Russland geborene Schriftsteller Vladimir Nabokov in seinem Buch über Gogol schreibt. Er erläutert dort den russischen Begriff "Poschlost":

Zitat

"Die russische Sprache vermag mit Hilfe eineseinzigen mitleidlosen Wortes die Quintessenz eines weitverbreiteten Defekts zu bezeichnen, für den die anderen drei europäischen Sprachen, deren ich mächtig bin, über keinen speziellen Begriff verfügen."
Der Begriff steht dabei für das Klischeehafte, Bedeutungsvoll-Aufgedonnerte allgemeiner, vorgefertigter und reproduzierter Ideen. Die Vorstellung sowjetischer Feierlichkeiten zum Beispiel waren für ihm im höchsten Maße Poschlost, man höre im

Zitat

"Getöse von Albernheiten, den Kesselpauken der Langeweile und sklavischer Prachtentfaltung das kleine Piepsen einer billigen Wahrheit"
Dabei grenzt er Poschlost vom lediglich Trivialen ab:

Zitat

Literatur ist einer der besten Brutplätze von poschlost, und unter poschlost verstehe ich nicht, was auch „Schund“ oder „Groschenroman“ genannt wird oder früher in Russland „gelbe Literatur“ hieß. Offensichtlicher Plunder enthält seltsamer Weise manchmal ein gewisses gesundes Etwas, das Kinder und simple Gemüter ohne weiteres zu schätzen wissen. Superman ist zweifellos poschlost, aber er ist poschlost in solch harmloser, unaufdringlicher Form, dass sie nicht der Rede wert ist, und die Märchen von einst enthielten genau besehen ebensoviel triviales Gefühl und naive Vulgarität wie die Storys von modernen Riesenkillern. Poschlost, daran sei erinnert, ist besonders wirksam und bösartig, wenn das Falsche nicht in die Augen springt und wenn die von ihr nachgeäfften Werte zu Recht oder zu Unrecht dem höchsten Rang der Kunst, des Denkens oder Fühlens zugerechnet werden. Es sind Bücher dieser Kategorie, die im Feuilleton der Tageszeitungen so „poschlastig“ rezensiert werden – die Bestseller, die „aufwühlenden, tiefgründigen und schönen“ Romane; in den Behältnissen dieser „erhabenen und gewaltigen“ Bücher schlägt sich die eigentliche Essenz der poschlost nieder.
Man könnte Kitsch in diesem Sinne also als selbstzufriedene Vulgarität und aufgedonnerte Trivialität auf den Punkt bringen.


Freundliche Grüße
Christian

dr.pingel

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14

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 19:09

Eine Form von Kitsch ist sicher, alte Gegenstände, die früher in Gebrauch waren, zur Dekoration zu verwenden, so z.B. ein Grubenwagen ( ein Hunt - also kein Hund!) oder ein altes Wagenrad, das dann bepflanzt wird. Kitsch ist auch Überdekoration, so z.B. ist ein Kranz an der Tür oft schön, aber 10 Kränze nicht 10x so schön (in den Wirtschaftswissenschaften heißt das Grenznutzen). In der Musik ist das halt oft zu beobachten: das Auswalzen und Wiederholen. Sogar der alte Bach war davor nicht gefeit: ich habe immer den Eindruck, dass er sehr gut wusste, welche seiner Arien besonders toll waren, die wurden dann oft sehr lang durch ständige Wiederholung (z.B. "Schlummert ein" aus "Ich habe genug"). Natürlich behaupte ich nicht, dass das Kitsch ist. Kitsch ist halt von allem zu viel und von allem zu deutlich. Es gibt auch absichtlichen Kitsch oder Trash, z.B. im Film; etwa den Film "Die Bettwurst" von Rosa von Praunheim, die Filme von Ed Wood, der Film "Mann beißt Hund" und natürlich die unglaublichen Filme von Russ Meyer.
Für mich gibt es guten Kitsch oder Trash, den ich gerne ansehe oder anhöre, und unerträglichen, wie z.B. die ganze Bande der Volksmusik, wobei das Volk gar nicht so tümlich ist, wie es dargestellt wird.
Ansonsten hat mir der Beitrag von Christian, vor allem der Teil über Poschlost, sehr zugesagt und mich weiter gebracht.
(Weisheit der Brahmanen)
Die Tage sehen wir, die teuren, gerne schwinden,/um etwas Teureres herangereift zu finden:/ ein seltenes Gewächs, das wir im Garten treiben,/ ein Kind, das wir erziehn, ein Büchlein, das wir schreiben.
(Friedrich Rückert)

zweiterbass

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15

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 22:24

wie z.B. die ganze Bande der Volksmusik,

Lieber dr.pingel,

"pingelig" müsste Volksmusik von volkstümlicher Musik getrennt werden.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Felix Meritis

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16

Donnerstag, 24. Oktober 2013, 22:32

ad Christian & Nabokov


Haben die Bundesdeutschen nicht auch einen netten Begriff für dieses Phänomen: "Gedöns"?

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17

Freitag, 25. Oktober 2013, 09:59

Wenn ich das alles so lese, muß ich feststellen, daß ich Kitsch mag.
Meine Beispiele im Eröffnungsbeitrag waren natürlich fast alles Dinge, die nie als Kitsch bezeichnet werden. Aber die Definitionen von Kitsch sind eben so unbrauchbar, dass das alles eigentlich Kitsch sein müsste.

Allerdings - oft wird etwas als "kitschig" bezeichnet, wo ich dann denke: Wenn das kitschig ist, dann darf kitschig kein abwertender Begriff mehr sein ...

9079wolfgang

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18

Freitag, 25. Oktober 2013, 11:33

Zitat

Der Begriff steht dabei für das Klischeehafte, Bedeutungsvoll-Aufgedonnerte allgemeiner, vorgefertigter und reproduzierter Ideen. Die Vorstellung sowjetischer Feierlichkeiten zum Beispiel waren für ihm im höchsten Maße Poschlost, ...

Mein lieber Christian!

Für mich ist das Wort "Poschlost" der Inbegriff einer abfälligen Bemerkung, die ins Vulgäre geht, aber mit Kitsch o. Ä. eigentlich nichts zu tun hat.



Gruß Wolfgang
W.S.

chrissy

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19

Freitag, 25. Oktober 2013, 13:50

Allerdings - oft wird etwas als "kitschig" bezeichnet, wo ich dann denke: Wenn das kitschig ist, dann darf kitschig kein abwertender Begriff mehr sein ...

Richtig! Es soll ja sogar Musikkenner geben, die Puccinis "La Boheme" kitschig finden.
CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...

dr.pingel

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20

Freitag, 25. Oktober 2013, 18:35

Allerdings - oft wird etwas als "kitschig" bezeichnet, wo ich dann denke: Wenn das kitschig ist, dann darf kitschig kein abwertender Begriff mehr sein ...

Richtig! Es soll ja sogar Musikkenner geben, die Puccinis "La Boheme" kitschig finden.
CHRISSY

Das können aber doch keine Musikkenner sein, was, Chrissy?
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Die Tage sehen wir, die teuren, gerne schwinden,/um etwas Teureres herangereift zu finden:/ ein seltenes Gewächs, das wir im Garten treiben,/ ein Kind, das wir erziehn, ein Büchlein, das wir schreiben.
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hasiewicz

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21

Freitag, 25. Oktober 2013, 19:01

Mein lieber Christian!

Für mich ist das Wort "Poschlost" der Inbegriff einer abfälligen Bemerkung, die ins Vulgäre geht, aber mit Kitsch o. Ä. eigentlich nichts zu tun hat.



Gruß Wolfgang


Lieber Wolfgang,

du hast recht, mit üblichem Ansichtskarten- oder Gartenzwerg-Kitsch hat diese Spielart des Begriffs nicht mehr viel gemein.

Für mich ist dies allerdings die Definition, die mir eröffnet hat, warum Kitsch nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen charakterlichen Defekt bezeichnen kann.

Herzliche Grüße

Christian

Dr. Holger Kaletha

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22

Freitag, 25. Oktober 2013, 19:24

Wir hatten doch schon mal einen anderen Thread über Kitsch, wenn ich mich recht erinnere, mit schönen Beiträgen. Wo ist der denn geblieben?

Schöne Grüße
Holger

m-mueller

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Registrierungsdatum: 9. Januar 2007

23

Freitag, 25. Oktober 2013, 22:01

von den hier dargestellten Definitionen gefällt mir "aufgedonnerte Trivialität" am besten.

Wir hatten doch schon eine Reihe von Diskussionen über schwer abgrenzbare Begriffe, und ich habe eigentlich noch kein durchschlagendes Argument gesehen, das die Gültigkeit von "Beauty is in the eyes of the beholder" aus den Angeln hebt. Alfred schreibt weiter oben, Kitsch sei eine Wertvorstellung - das könnte er auch von "Schönheit" oder "Kunst" sagen.

Wertvorstellungen sind aber nun mal nicht objektivierbar, insofern an denjenigen gebunden, der die Wertung vornimmt, also genau wie Urteile über Musikqualität eine höchst subjektive Sache. KSM zeigt ja nun auch sehr schön, wie alle Definitionsversuche bei Wikipedia - und da sind ja nicht die blödesten Autoren am Werk - ins Leere gehen.

Nun sind wir uns wohl weitgehend darüber einig, daß "Il Silencio" Kitsch ist, die Kunst der Fuge aber nicht. Das aber wird vermutlich wieder von der Mehrheit des Volks anders gesehen, die Il Silencio mögen und die Kunst der Fuge gar nicht kennen.

Man kann also wie gehabt zu der Definition kommen: Kitsch ist das, von dem ich meine, daß es Kitsch ist.

Diese vielleicht etwas egozentrische Definition kann man bei Bedarf ersetzen durch:

Kitsch ist das, von dem die Mehrheit meiner Meinungsbezugsgruppe (es muß jetzt nicht unbedingt eine soziologischen Diskussion her) meint, es sei Kitsch.

Bin ich 68-er Alt-Avantgardist, rechne ich Gartenzwerge zum Kitsch, als Mitglied eines Schrebergartenvereins bin ich stolz darauf, noch mehr Gartenzwerge zu haben als andere.

Eine kleine Ergänzung sei noch gestattet - Alt-68er verlieren zum Glück so peu a peu die Deutungshoheit in der Gesellschaft.

dr.pingel

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  • »dr.pingel« ist männlich

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Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

24

Samstag, 26. Oktober 2013, 20:49

von den hier dargestellten Definitionen gefällt mir "aufgedonnerte Trivialität" am besten.


Man kann also wie gehabt zu der Definition kommen: Kitsch ist das, von dem ich meine, daß es Kitsch ist.




Das erinnert mich doch an NUTELLA (nur wo Nutella drauf steht...) oder SIEMENS (Immer auf der Höhe der Siemensforschung) oder MERKEL (die beste Regierung nach der Wiedervereinigung).
Eine schwierige Frage: kann eine Regierung kitschig sein, vor allem jetzt, wo die FDP nicht mehr dabei ist?
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Aaron.Gal

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25

Montag, 9. Juni 2014, 18:03

Kitsch

Naja,
die Definitionen sind ja zum Teil richtig und gut. Einige Definitionen sind aber schlicht falsch. Massenware/seriell produzierte Gegenstände sind nicht notwenig Kitsch. Siehe Warhol. Man sollte die Frage nach dem Kitsch auch nicht lediglich für eine Geschmacksfrage halten. Denn vor dem Geschmack steht die Geschmacksbildung. Ein griffiges Kriterium für Kitsch ist die Interpretierbarkeit. Lässt sich ein Werk auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen interpretieren, handelt es sich nicht um Kitsch. Bei Konzeptkunst kann man dies oft sehr einfach feststellen. Bei Musik, z.B. bei einem Instrumentalwerk dürfte das schwieriger sein. Aber auch da müsste man nicht passen. Musik besteht aus formulierten Gedanken. Diese Gedanken sind unterschiedlich strukturiert. Man könnte sie sich auch als eine Art von Topografie vorstellen, einer realen Landschaft nicht unähnlich. Gedanken haben nämlich Tiefe, Breite, Richtung, sogar Geschwindigkeit. Sie sind schlüssig, raffiniert, wechselhaft, vielleicht auch vielgestaltig, mannigfaltig, oder sogar erschütternd. Das alles in non verbaler Form. Natürlich findet Oma Gisela Heino erschütternd, weil sie Wagner nicht versteht und ihr Ehemann wird vielleicht finden, dass Jimi Hendrix ein beschissener Sänger war, weil er zum Singen nicht einmal das Kaugummi aus dem Mund nahm. Diese Relativität in Bezug auf denjenigen der wertet, verschwindet, wenn verständige Interessierte bewerten. Ob beispielsweise die Beatles kitschig sind, kann niemand beurteilen, der ausschließlich Volksmusik oder ausschließlich klassischen Gesang hört und darüber hinaus "betriebsblind" ist. Ich persönlich mag die Beatles nicht, aber ich weiß, dass es sich bei ihnen um Ideenlieferanten der Popmusik handelt. Also um Musiker, die Gedanken formuliert haben, die von anderen Musikern für wichtig erachtet werden. Das spricht sehr gegen Kitsch.
Zu einem wichtigeren Punkt, der von Wikipedia ( bzgl. der Kitschdefinition) natürlich übersehen wurde. Es betrifft das Kriterium der Unfreiwilligkeit. Kitsch ist immer unfreiwillig negativ. Also unfreiwillig komisch, pathetisch, geistlos, profan usw. Weil der Kitschier gegenüber dem Betrachter/Zuhörer in einer Situation steht, in der auf seiner Seite gewissermaßen ein geistiges Minus "steckt". Der Kitschier glaubt sein Werk habe eine Tiefe/Dimension, die es in Wahrheit nicht hat. Unfreiwillig, denn er wünscht und glaubt ja, dass sie es hat!
Ich spreche diesen Punkt an, weil es viele "Kitschkünstler" gibt, der wichtigste ist Jeff Koons, die absichtlich Kisch zum Thema ihrer Kunst machen. Koons z.B. benutzt profane, dem Kitsch entlehnte Figuren/Gestaltungen und entwirft daraus beispielsweise waghalsige, riesenhafte Edelsttahlplastiken. Sowas dann zum Kitsch zu erklären, ist ungefähr so intelligent, als würde man den Hitlerbiografen als Nazi bezeichnen (passiert regelmäßig in Diskussionen über Kunst. Muss man durch :sleeping:).

Grüße von hier :)

hami1799

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26

Montag, 9. Juni 2014, 18:15

Ein griffiges Kriterium für Kitsch ist die Interpretierbarkeit. Lässt sich ein Werk auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen interpretieren, handelt es sich nicht um Kitsch.

Dann sind die Reden unserer Politiker wohl dispensiert?

Aaron.Gal

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27

Montag, 9. Juni 2014, 18:27

Was bedeutet dispensiert?

hami1799

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28

Montag, 9. Juni 2014, 18:29

Was bedeutet dispensiert?

Ich meine vom Vorwurf des Kitsches.

hami1799

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29

Montag, 9. Juni 2014, 18:48

Der Kitschier glaubt sein Werk habe eine Tiefe/Dimension, die es in Wahrheit nicht hat. Unfreiwillig, denn er wünscht und glaubt ja, dass sie es hat!

Vielleicht fallen wir aber auch auf die Propaganda der Etablierten herein.

Oder den Futterneid? Kitsch ist eben effektiver und die Toleranzbotschaft in Nathan der Weise erreicht ein breiteres Publikum mit Lex Barker als Old Shatterhand.

Aaron.Gal

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30

Montag, 9. Juni 2014, 18:49

Ich meine dispensiert. Egal.

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