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  • »Christian Biskup« ist männlich
  • »Christian Biskup« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 486

Registrierungsdatum: 24. Februar 2009

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Sonntag, 22. Juni 2014, 01:28

NIELSEN, Ludolf: BABELSTAARNET!

Tamino Oratorienführer
Ludolf Nielsen (1876-1939):

BABELSTAARNET!
(Der Turm zu Babel)


Sinfonische Dichtung in zwei Teilen (op. 35)
Text von Gyrithe Lemche (1866-1945), z.T. nach dem Turmbau zu Babel

Uraufführung am 10. April 1916 in der Dansk Koncertforening (Dänische Konzertvereinigung) unter der Leitung von Louis Glass.

BESETZUNG

Solisten: Tenor, Bass-Bariton (Menschenstimme bzw. Zweifler), Sopran (Vogelstimme)
Chor: Sopran, Tenor, Alt, Bass - jeweils zweistimmig
Isoliert gestellter Chor (Stimme Gottes): Basschor unisono

Orchesterbesetzung: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten, Baßklarinette, zwei Fagotte, Kontrafagott, vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, eine Tuba, Harfe, Pauken, große Trommel, kleine Trommel, Becken, Triangel, Röhrenglocken, Glockenspiel, Streicher.

Fernorchester: Drei Trompeten, zwei Tenor-Posaunen, Tube, große Trommel

Die Aufführungsdauer beträgt etwa fünfzig Minuten.


INHALTSANGABE

1. Teil:
Mächtige Bläserklänge eröffnen das Werk, das Volk Babylons (Chor) preist das Land, welches Jahve den Menschen geschenkt hat: Heil dir Land, wo die Traube reift, Ewig zeugende Junge Mutter, Weit umgürtet von eilenden Strömen, Fruchterzeugend im Sonnenstrahl. Doch dies ist nur ein Trugbild. In Wirklichkeit ist das Land vor Hunger schmachtend und von Durst geplaget. Man will Jahve einen Tempel bauen um ihn zu besäftigen, auf das rosige Tage erneut anbrechen. Doch ein Zweifler (Tenor) erhebt die Stimme: Hat etwas jemand den Gott gesehen? In dieser öden Wüste? Ein Tempel ist unnützt - ein Turm soll her, einer der bis in den Himmel thront und das Volk unter sich vereint. Gottes Krone sollen die Menschen erhalten, sie selber zu Göttern werden! Ein belebterer Abschnitt verdeutlicht den Turmbau des ganzes Volkes.

Alle Mann nun Stein auf Stein, spürt die Hände, spannt den Rücken [...]
Jahve, Jahve, wir fürchten dich nicht mehr.
Schnell befohlen, schnell gehorcht, denkt ans Ziel und zaget nicht, über uns der Adler schwebt,
Jahve, Jahve, bald nehm wir deinen Thron.

Doch da erschallt Gottes mächtige Stimme über dem Volk (Fernorchester und Unisono-Männerchor) und verkündet, dass er noch immer deren Gott ist. Die Menschen lassen sich jedoch nicht beirren, der Zweifler fordert den Weiterbau. Das Volk baut weiter, immer höher ragt der Turm, da tönt erneut Gottes Stimme:
Ich breche Euren Willen wie ein Rohr und sprenge Eure Schar mit Zornesblitz,
ich tränke Hass in Eures Herzens Blut, und wer es wagt zu trotzen Jahve stirbt.

Das Volk jedoch baut weiter, das Ziel klar vor Augen. Ein mächtiger Beckenschlag verdeutlicht Gottes Zornesblitz. Wehklagend erkennt das Volk ihren Fehler, sie wollen fliehen. Der Zweifler jedoch spornt die Menschen immer weiter an, doch die Menschen verschließen ihr Gehör vor ihm, verfluchen den Zweifler und fordern seine Steinigung und erhoffen sich so Gottes Gnade. Doch er ist unerbittlich:

Fort! Seid von meinem Angesicht verbannt,[...] zerstreut euch wie das welke Laub im Wind.

Voller Verzweiflung flieht das Volk in alle Richtungen des Windes.


2. Teil:
Die Zeit der Verzweiflung ist vorbei. Der Tenor und ein Frauenchor berichten von einem Vöglein, welches über das alte Land fliegt, welches bereits soviel erlebt hat:
Es singet wo immer Menschen sind, wo Völker in Völker stritten.
Und Blumen sprießen, wo Blut einst floss, und Berge grünen wieder.

Der Vogel kreist um die Ruinen des alten Turmes, wie auch früher hat er stets einen Blick auf die Menschen, die unten nun unterm Strahl der Sonne wie im Paradies leben. Man erwartet die alten Völker zurück. Tatsächlich entdeckt man bald Menschen über die Berge ziehen, auf den Flüssen fahren, die ins Land zurückkehren. Kummer und Leid sind vergessen. Alle preisen nun Jahve, auch die verjagten Völker, die in der Ferne Weißheit und stark im Glauben wurden. Sie berichten von ihrer Reise, von ihrem Leben im neuen öden Land. Eine himmlische Stimme leitete sie jedoch in ein an Erzen und Gaben reiches Land, wo sie als Sklaven arbeiten mussten. Sie brachen ihre Gefangenschaft, bezahlten sie mit Blut. Doch Da sah'n wir des Lebens Weg vor uns, und Sehnsucht erfüllte unser Herz. Ihr Land war gefunden.
Eine Menschenstimme ruft:
Gegen Gefahren, die stets uns umdräun, eine Burg lasst uns baun, die uns ewig beschütze,
doch nicht mit Steinen und mit Kalk wie zuvor, Geist und Gedanke sei Mörtel und Stein.

Nun singt der Vogel am Himmel, alle Zufriedenheit und Herrlichkeit erblickend. Alle leben in Frieden - das Volk preist Gott lautstark in einem mächtigen Chor:

Mächtig steigt aus den Nebeln der grauende Turm auf zum Himmel, den ewig blauen.
Heil Dir Jahve, Du liebender, hassender, lebender Gott!
[...] Du füllst die sehnenden Herzen mit Geist von Deinem Geist.
Lasset erschallen den brausenden Ruf über Länder und Meer:
Dir ist der Menschheit trotziges, brennendes Herz geweiht.


INFORMATIONEN ZUM WERK

Unter Ludolf Nielsens Partitur zu Babelstaarnet!, finden wir die Bemerkung Synfonisk Digtning, also sinfonische Dichtung. Doch kann man dieses Werk Ludolf Nielsens aufgrund seinen biblischen Hintergrundes im ersten Teil auch als Oratorium ansehen, in welchem sich die Weltanschauung des Komponisten hervorragend wiedererkennen lässt. Nielsen, selber überzeugter Freimaurer, war stets der Meinung, dass man durch eine ständige Arbeit an sich selber zu einem besseren Menschen werden könne. Dies sollte sich auch seinem neuen, mit seiner 3. Sinfonie (in der sich diese Weltanschauung ebenfalls abzeichnet), ehrgeizigsten Werk abzeichnen. Für den Text gewann er die berühmte, jedoch heute vergessene, Schriftstellerin und Dichterin Gyrithe Lemche, die zu seinem engen Freundeskreis gehörte und nur wenige Orte von seinem Haus entfernt wohnte. Nielsen begann mit der Arbeit im Jahr 1912 und vollendete das Mammutwerk, welches sich eines - für Dänische Verhältnisse - monumentalen Klangkörpers bedient am 21. August 1914 in seiner Villa in Hellerup. Er selber hielt sehr viel von seinem "Turm", was sich schon daran zeigt, dass er von Hermann Spiro eine deutsche Übersetzung anfertigen ließ, in der Hoffnung das Werk auch in Deutschland herauszubringen. Dies machte LN nur bei seinen als wirklich hervorragend eingeschätzten Werken, denn er war sich bewusst, dass Dänemark nur sehr begrenzte Möglichkeiten Aufführungsmöglichkeiten hatten.
Glücklicherweise erklärte sich der Komponist und Dirigent Louis Glass bereit, das Werk in der Dänischen Konzertvereinigung zu dirigieren. Doch das große musikalische Aufgebot war selbst für das größte der Dänischen Orchester ein Problem. Laienchöre mussten für die Aufführung hinzugezogen werden. Am 10. April 1916 um 20 Uhr war es dann jedoch soweit und das Werk erlebte nach vier anderen Werken seine Uraufführung unter folgender Besetzung:

Vogelstimme/Sopran: Ida Møller
Menschenstimme/Zweifler: Albert Høeberg
Tenorsolo: Max Freuler
Chor der Konzertvereinigung und Herrenchor A.F.K.
, Broderkoret, Koret "Bell Canto"
Dirigent: Louis Glass

Die Uraufführung war zur großen Enttäuschung Nielsens eher Achtungserfolg, das Publikum war von dem Thema etwas irritiert, doch die Kritik lobte Nielsens fabelhafte Orchester- und Chorpartien des Werkes und schätzten das Werk als eines von großer Bedeutung ein. Insbesonders der fugierte Chor im ersten Teil, sowie der Effekt mit der Stimme Gottes wurde gelobt, wobei der letztere durch schlechte Ausführung teils auch negativ bewertet wurde. Nachdem auch seine dritte Sinfonie mehr oder weniger floppte, gab Nielsen das Komponieren fast auf. Aufführungszahlen sunken weiterhin und auch sein erhoffter Erfolg in Deutschland blieb trotz wertvoller Kontaktpersonen wie Max von Schillings aus. Der Krieg, der Europa in seinem Bann hatte und Nielsens Weltbild zutiefst erschütterte trug wohl auch ein Stück dazu bei. Seit seiner Uraufführung wurde das Werk zu Aufnahmezwecken im Jahr 2000 in Kopenhagen erneut gespielt und landesweit übertragen - einige seiner Nachkommen hörten dabei erstmals eine Komposition ihres großen Vorfahren. Angeblich soll auch eine Aufführung in Deutschland stattgefunden haben.
Die Partitur des Werkes befindet sich in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen.


(c) Christian Biskup
Quellen: Originalpartitur mit deutschen Text von Hermann Spiro
Ludolf Nielsens eigenes Zeitungsarchiv