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musikwanderer

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1

Montag, 18. August 2014, 09:42

MARTIN, Frank: LE VIN HERBÉ (DER ZAUBERTRANK)

Tamino Oratorienführer
Frank Martin (1890-1974):

LE VIN HERBÉ
(DER ZAUBERTRANK)

Weltliches Oratorium in drei Teilen mit Prolog und Epilog, für zwölf Singstimmen, sieben Streicher und Klavier; Libretto nach „Tristan et Iseut“ von Joseph Bédier sowie „Sparkenbroke“ von Charles Morgan vom Komponisten, entstanden 1938/1941

Uraufführung am 28. März 1942 in Zürich


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Die Mutter der Isot, Alt
Isot Blondhaar, Sopran
Brangäne, Mezzosopran
Isot Weißhand, Alt
Tristan, Tenor
Kaherdin, Tenor
König Marke, Bariton


INHALTSANGABE

Prolog

Die erste Äußerung kommt vom Chor, der allerdings keine Ankündigung macht, sondern eine Frage stellt: Sind die „Seigneurs“ (merkwürdigerweise sind hier „Mesdames“ nicht angesprochen) bereit, einem traurigen Lied von Liebe und Tod ihre Aufmerksamkeit zu schenken? Da, wie nicht anders zu erwarten, eine Antwort ausbleibt, wird noch eine inhaltliche Erklärung nachgereicht, um welches tragische Geschehen es sich handelt, nämlich um die berühmte Weise von „Tristan und Iso[lde]t“, die von einem verliebten jungen Paar und dessen tragischem Tod, noch dazu an einem Tag, erzählt.

Erster Teil: Der Liebestrank

Isots Mutter will ihre Tochter mit dem alten König Marke glücklich vereint sehen, wohl wissend, dass der große Altersunterschied problematisch ist. Dem will Frau Mutter mit Kräutern aus Wald und Feld abhelfen: Sie sucht - und findet - diese Kräuter, die liebessüchtig machen und mischt sie unter den Wein, der mit Isot nach Cornwall reisen soll. Kurz vor der Abreise übergibt die Mutter der mitreisenden Brangäne, einer Freundin Isots, die abgefüllte Flasche mit dem kostbaren Trank und schärft ihr ein, sie gut zu verwahren, niemandem zu zeigen und vor allen Dingen das Gebräu nur Marke und Isot zu geben. Die beiden, so die weitere Instruktion, sollen vor der Hochzeitsnacht vom Betränk reichlich genießen. Weil das Publikum über das Geheimnis des Tranks durch Isots Mutter nicht informiert wird, greift der Chor erklärend ein: Alle, die gemeinsam davon trinken, werden der Liebe verfallen - und das über den Tod hinaus.

Die Schiffsreise ist von König Markes Brautwerber Tristan, der vor vielen Jahren Isots Onkel Morolt im Zweikampf erschlug, organisiert worden; jetzt bringt ausgerechnet dieser Isot verhasste Mann sie gegen ihren Willen in ein fremdes Land und einer ungewissen Zukunft entgegen. Ihre Trauer klagt sie Brangäne: Nicht nur, dass Tristan ihr verhasst ist, wurmt sie zusätzlich, dass dieser Mann an ihr überhaupt kein Interesse zeigt. Wird sie nicht von allen Menschen wegen ihrer Schönheit gelobt? Warum nicht von ihm?

Während die heimatlichen Gestade langsam ihrem Blick entschwinden, denkt sie mit Ängstlichkeit an den ihr unbekannten König, und natürlich an ihre „Aufgabe“, Marke einen Sohn zu gebären, um damit seine Dynastie zu erhalten. So jeder Selbstbestimmung beraubt, sieht sie sich als Beute im politischen Spiel. Tristan versucht die Traurige mit der Erklärung von Seevögeln, die das Schiff begleiten, aufzuheitern. Aber auch seine sanfte Stimme, die sie, wie sie sich eingesteht, sehr berührt, kann sie nicht umstimmen. Sie verflucht das Meer und das sie bergende Schiff - und wäre lieber tot, als in der ihr fremden Welt des Königs Marke zu leben.

Das Schiff gerät in ein Flaute und Tristan sieht sich gezwungen, vor einer Insel zu ankern, auf neue Winde wartend. Bis auf Isot, Tristan und einer Dienstmagd gehen alle an Land. Obwohl sich Tristan immer noch bemüht, Isot aufzuheitern, bleibt sie ihm gegenüber abweisend. Als die Mittagssonne Isots Durst unerträglich werden lässt, bittet sie die Magd, Trinkbares zu holen. Die Dienerin findet die Weinflasche in Brangänes Gepäck und füllt einen Becher ab, den Isot gierig leert. Aus Mitleid lässt sie auch Tristan davon trinken. Dass sie gerade Liebesglut und baldigen Tod eingenommen haben, ahnen sie natürlich nicht. Aber ihre Gesichter hellen sich plötzlich auf, sie sehen sich auf einmal mit ganz anderen Augen an. Diese Veränderung wird von Brangäne, die vom Landgang zurückkehrt, sofort wahrgenommen und der Blick auf die leere Flasche beweist ihr, dass geschah, was niemals hätte geschehen dürfen. Sie macht sich schwere Vorwürfe, wirft Becher und Flasche zornig ins Meer und verflucht den Tag ihrer Geburt.

Tristan lässt das Schiff bei aufkommendem Wind sofort wieder in See stechen. In seinem Herzen lodert Liebesglut; er kann den Blick nicht von der schönen Isot lassen. Wie aber soll er das König Marke beibringen? Er, der angenommene Sohn, fühlt sich schuldig. Er erinnert sich (und erklärt es dem Publikum), dass König Marke ihn, den Sohn seiner Schwester Blanchefleur, die bei seiner Geburt gestorben war, an Sohnes statt angenommen und als Thronerben ausersehen hat - und das trotz der von vier Ganoven dem König vorgebrachten Behauptung, er wolle sich zum König von Cornwall aufschwingen.

Für Marke gibt es ein großes Problem: Die Herzöge des Reiches wollen Tristans Thronfolge nicht anerkennen, da sein Vater unbekannt ist. Der König beschloss daraufhin, selbst für Nachkommen zu sorgen, obwohl er sich dafür viel zu alt wähnt. Als würdige Partnerin und Mutter wurde die irische Prinzessin Isot Blondhaar auserwählt. Das alles weiß auch Tristan, und dieses Wissen macht ihn ratlos; er fühlt sich in einer ausweglosen Situation und der Chor äußert gleichfalls Ratlosigkeit.

Brangäne beobachtet erschrocken, wie Isot und Tristan krank vor Liebe miteinander umgehen, ohne sich jedoch ihre Liebe zu gestehen. Isot versteht ihren Seelenzustand nicht: Weil Tristan sie völlig ignorierte, hasste sie ihn; jetzt aber wünscht sie sich seine ständige Nähe. Was ist da geschehen? Die Freundin Brangäne könnte ihr den Grund schon erklären, aber sie traut sich nicht.

Hatte sich Tristan schon mit Vergangenem beschäftigt, kommen nun auch Isot Erinnerungen an die Vergangenheit ins Gedächtnis: In einem Zweikampf hatte Tristan Morolt getötet, war aber nicht unverletzt geblieben. Als Spielmann und sich „Tantris“ nennend, suchte er bei ihr und ihrer Mutter Heilung. Aus Mitleid hilfsbereit hatten sie den Verletzten auch tatsächlich gepflegt. Und das ärgert sie jetzt - sie hätten ihn einfach sterben lassen sollen, dann müsste sie nicht jetzt diese Liebesqual erdulden. Aber plötzlich legt sie, einem inneren Drang folgend, den Arm um seine Schulter, gesteht ihm ihre Liebe und Tristan drückt sie küssend an sich. Brangäne ist entsetzt, wirft sich den beiden zu Füßen und bittet inständig, innezuhalten. Jetzt erklärt sie beiden das Geheimnis der plötzlichen Liebe und die dramatischen Folgen: Durch ihre Unachtsamkeit hat die unwissende Magd ihnen den Zaubertrank gegeben, der nur Marke und Isot in Liebesglut vereinigen sollte. Für dieses Vergehen habe sie den Tod verdient. Tristan und Isot reagieren zunächst überrascht, wollen aber keinesfalls Brangänes Tod, eher sich selbst den Tod geben. Während das Schiff bei günstigem Wind den Kurs auf Cornwall hält und Tristan und Isot einem tragischen Schicksal entgegen bringt, finden sie sich in inniger Umarmung.

Zweiter Teil: Im Wald von Morois

Am Hofe König Markes sieht alles nach großem Glück aus, doch sind Isot und Tristan unglücklich. Die bereits erwähnten Schurken - Andret, Denovalen, Ganelon und Gondoin - haben das „Knistern“ zwischen Isot und Tristan bemerkt und ihre Wahrnehmung umgehend dem König hinterbracht. Der glaubt den Einflüsterern und lässt seinen Rachegefühlen freien Lauf. Aber die Ausführungen sind mangelhaft, denn Tristan kann sich aus einer brennenden Kapelle retten, und Isot, die auf Markes Befehl in ein Aussätzigen-Ghetto gebracht wurde, kann von Tristan befreit werden. Beiden gelingt sodann die Flucht in den Wald von Morois, in dem sie sich vorerst sicher fühlen.

Die Flucht der Verliebten bringt Marke schier um den Verstand, und er beschließt, selber nach ihnen zu suchen. Hilfreich war für den König der Hinweis seines ihm ergebenen Försters, der von einer alten und verlassenen Hütte in Wald von Morois weiß, die er als Versteck vermutet. Dorthin begibt sich Marke, und findet Tristan und Isot tatsächlich dort schlafend vor. Als er, seine Hand schon am Schwert, den Todesstoß auszuführen, genauer hinsieht, macht ihn ein Detail stutzig: Zwischen den beiden Schlafenden liegt ein Schwert als eindeutiges Zeichen, dass die Ehre des Herrschers geachtet wurde. Marke wird nachdenklich: Kann er die beiden, denen er immer noch zugeneigt ist, jetzt noch meuchelmorden? Oder sollte er sich, eingedenk seines Alters, selber umbringen? Die anfängliche Unentschlossenheit weicht plötzlich königlich-milder Einsicht, Gnade vor Recht walten zu lassen.

Vorsichtig tauscht König Marke das zwischen den Schlafenden liegende Schwert gegen sein eigenes aus - die Verliebten sollen merken, dass sie gefunden wurden. Am Morgen erwacht, bemerkt Tristan den Schwertertausch; er glaubt nun, dass der König das Signal des zwischen ihm und Isot liegenden Schwertes richtig deutete, und sie deshalb am Leben ließ. Während er im Wald einem Hirsch folgt, muss er an seine Kindheit denken und ihm fällt das Harfenspiel des musikliebenden Monarchen ein, dem er so gerne lauschte. Aber auch das armseliges Leben Isots beschäftigt ihn: Am königlichen Hof Tintagel hätte sie es viel besser - wie lange kann und wird sie das karge Leben durchhalten?

Auch Isot macht sich so ihre Gedanken über die aktuelle Situation: Als sie nämlich den wertvollen Ring, den der König ihr schenkte, am Finger betrachtet, fragt sie sich, ob sie richtig gehandelt hat. Der Gatte erscheint ihr plötzlich nicht mehr der von Rache getriebene Mann zu sein, der sie in den langsamen und qualvollen Tod schicken wollte. Eher ist Marke jetzt in ihren Augen ein milder König und verständnisvoller Gemahl. Und Tristan? Gegenüber ihm, dem Geliebten, empfindet sie Scham, weil sie sein Leben zerstört hat, das sich jetzt in Waldeseinsamkeit abspielt, statt bei Hofe an Ritterturnieren teilzunehmen.

Tristan und Isot überlegen gemeinsam, wie schön es wäre, mit König Marke wieder versöhnt zu sein. Dazu müsste Tristan allerdings auf Isot verzichten und vielleicht sogar in die Fremde ziehen. Sie gedenken, den Eremiten Ogrin aufzusuchen, damit er betend für sie bei Gott eintrete und es zu einer für alle Beteiligten richtigen Entscheidung kommt. Umgehend sattelt Tristan das Pferd, lässt Isot aufsitzen und führt Pferd und Geliebte durch die Nacht zur Klause des frommen Mannes.

Dritter Teil: Der Tod

Nach dem zweiten Teil muss sich etwas gravierendes ereignet haben, denn nun, über zwei Jahre später, sehen wir Isot mit König Marke vereint. Sie hat sich bei Hofe offenbar eingelebt - hat sie aber auch Tristan vergessen? Oder ist es nur der Schein, der den Hof (und das Publikum) täuscht? Währenddessen zieht Tristan durch die Länder und verzehrt sich nach Isot, ohne die er nicht leben, aber auch nicht sterben kann. Bei seinem Freund Kaherdin beklagt er sich, seit mehr als zwei Jahren nichts mehr von Isot gehört zu haben. Und das kann doch nur bedeuten, dass sie alle Treueschwüre vergessen hat. Aber hier greift das Schicksal in der Gestalt von Kaherdins Vater, Herzog Hoël, ein: Für treue Waffendienste Tristans ist er bereit, ihm seine Tochter, die ebenfalls Iso(lde)t (mit dem Zusatz die „Weißhändige“) heißt, zur Gemahlin zu geben. Der Hinweis von Hoël, seine Tochter sei königlichen Geblüts, befördert die Zustimmung Tristans zu dieser Ehe. Diese Entscheidung findet der Chor allerdings mehr als bedauerlich.

Der Herzog hat Probleme mit dem Baron Bedalis und dessen Brüdern. Er verpflichtet seinen Eidam, mit seinem Sohn den Aufständischen entgegenzutreten. Tatsächlich gelingt es Kaherdin und Tristan in einem heldenhaften Kampf, die Rotte der Bedalis' zu besiegen. Allerdings wird Tristan dabei von einer vergifteten Lanze schwer verwundet. Die Ärzte kennen sich mit dem Gift nicht aus; es gelingt ihnen nicht, die Leiden Tristans zu lindern, geschweige denn, ihn zu heilen, und der Held siecht mit unglaublichen Schmerzen dahin. Er hat nur noch den einen Wunsch, seine Isot noch einmal sehen zu können. Die an sich selbst gerichtete Frage, wie er zu ihr gelangen könnte, bleibt zunächst ohne Antwort.

Tristan hat sich ganz in sein Gemach zurückgezogen; außer Kaherdin darf niemand seine Lagerstatt und die angrenzenden Räume betreten. Darüber ist seine Gemahlin, Isot Weißhand, sehr erstaunt. Als sie ihren Bruder eines Tages zu dem Kranken gehen sieht, schleicht sie ihm nach und lauscht an der Wand des Nebenzimmers. Dabei hört sie, dass Tristan eine gewisse Isot zu sehen wünscht, die Kaherdin aus Cornwall zu ihm bringen soll. Der Chor berichtet nicht nur von Tristans Schmerzen, sondern auch, dass sich Kaherdin ihm tröstend zuwendet. Sie vernimmt, dass ihr Bruder bereit ist, nach Cornwall zu ziehen, um Isot Blondhaar zu holen. Er bittet Tristan um weitere Instruktionen und erhält von Tristan einen Ring, den er Isot mit seinen Grüßen und der inständigen Bitte, zu ihm zu kommen, überreichen soll. Unbedingt soll er sie an vergangene gemeinsame Zeiten mit Freud und Leid erinnern, den verhängnisvollen Kräutertrank erwähnen, und auf seinen Eid hinweisen, niemals eine andere zu lieben - einen Schwur, den er stets gehalten habe. Die lauschende Gemahlin traut ihren Ohren nicht, war sie doch felsenfest überzeugt, dass Tristan nur sie liebe. Natürlich ist es für sie großer Verrat, und dem kommentierenden Chor schwant Böses. Tristan aber bittet Kaherdin um Eile, empfiehlt ihm sein eigenes Schiff, und schärft ihm zusätzlich noch ein, bei der Rückkehr mit Isot die weiße Fahne zu setzen, und, wenn er ohne sie heimkehre, unbedingt das schwarze Segel zu hissen.

Kaherdin macht sich umgehend auf den Weg, aber vor Cornwalls Küste gerät er in einen Sturm, der Tristans Schiff nicht nur durchschüttelt, sondern wie ein Kreisel dreht. Schließlich wird das Schiff manövrierunfähig. Währenddessen hat sich Isot Blondhaar, unter der Trennung von Tristan leidend, auf die hohe Klippe von Tintagel begeben und klagt dem Sturm ihr Leid: Nur einmal noch möchte sie den Geliebten wiedersehen, bevor sie sich den Tod gibt. Wenn ihr das Schicksal diesen letzten Wunsch versagt, dann sollen die Fluten des aufgewühlten Meeres sie aufnehmen; Tristan mag dann mit der anderen glücklich werden. Isot denkt jedoch an die Weissagung, dass sie gemeinsam mit Tristan sterben soll.

Der Chor weiß zu berichten, dass Isot auf Kaherdin und seine Mannschaft trifft, die das Schiff flott bekamen, und dann zusammen in die Bretagne zurückkehrten. Auf der Fahrt hat Isot einen Traum, in dem sie den blutigen Kopf eines toten Ebers im Schoß hielt, und sie deutet das schreckliche Bild als endgültigen Verlust des geliebten Tristan.

Tristan ist durch das lange Warten auf Kaherdins Rückkehr dem Tode nahe. Aber seine Gemahlin ist noch immer zornig und hat sich eine Niedertracht ausgedacht: Als endlich am Horizont ein Schiff mit einem weißen Segel auftaucht, kommt sie an Tristans Lager, erzählt ihm diese Neuigkeit und beantwortet seine Frage nach der Farbe des Segels falsch - es sei ein schwarzes Segel, lügt sie ihren Gatten an. Zu den unerträglichen körperlichen Schmerzen erhält Tristan durch diese Lüge nun den seelischen Tiefschlag. Mit den dreimal hingehauchten Worten „Isot, Geliebte“ haucht er sein Leben aus.

Nachdem das Schiff angelandet ist, verlässt es Isot Blondhaar als erste und dabei wird von lauten Klagerufen aufgeschreckt. Der Solo-Bariton übermittelt ihr die schreckliche Nachricht von Tristans Tod, der Chor kommentiert mitleidig die Trauer, und der Mezzosopran erklärt, dass Isot schweigend zum Schloss geht. Die Menschen blicken ihr, die außergewöhnliche Schönheit bewundernd, nach. Währenddessen kniet Isot Weißhand an Tristans Leiche, ihre fürchterliche Tat beklagend. Wütend jagt Isot Blondhaar die Gemahlin davon. Sie habe, so argumentiert sie zornig, die größeren Rechte, diesen Helden zu beweinen. Einer Eingebung folgend legt sie sich an seine Seite, küsst Tristans Mund und Gesicht und zieht ihn an ihren Körper. In diesem Augenblick haucht auch sie ihr Leben aus, die Weissagung damit erfüllend.

König Marke erfährt sehr bald vom Tod der beiden lieben Menschen und lässt zwei schöne Särge anfertigen; einen aus Chalcedon für Isot und einen anderen aus Beryll für Tristan. Damit pflügt er durch das Meer Richtung Bretagne. Die teuren Körper lässt er auf sein Schiff bringen und kehrt nach Tintagel zurück. Bei einer Kapelle werden auf seinen Befehl zwei Gräber ausgehoben, eines zur rechten und eines zur linken Seite der Apsis; darin finden Tristan und Istot Blondhaar ihre letzte Ruhestätte. In der Nacht wächst zur Verwunderung aller aus Tristans Grab ein Brombeerstrauch über das Dach der Kapelle hinaus und senkt sich auf der anderen Seite auf Isots Grab. Merkwürdig ist auch, dass alle Bemühungen der Gärtner, das weitere Wachstum durch Rückschnitt bis auf den Baumstumpf zu verhindern, nichts fruchten, denn jedes mal wächst er rasant mit üppigem Blattwerk und herrlichen Blüten nach. Nach drei Versuchen gab König Marke den Befehl, die vergeblichen Bemühungen einzustellen.

Epilog

Gibt es noch etwas zu sagen? Etwa zu fragen, ob dem Publikum diese traurige Geschichte gefallen hat? Der Chor wendet sich tatsächlich wieder an die „Seigneurs“ und erinnert an die vielen Sänger von einst, die sich mit der traurigen Mär beschäftigt haben, Béroul und Thomas, Herr Eilhart und Meister Gottfried. Sie haben diese Geschichte nur für alle Liebenden erzählt, nicht für die anderen! Aber sie grüßen alle, die beschwert sind, und die Glücklichen, die Missvergnügten und die Sehnenden - alle Liebenden eben:
Könnten sie hier finden Trost gegen den Schmerz, gegen die Unbeständigkeit, gegen das Unrecht, gegen den Verdruss, gegen die Qual, gegen alle Leiden der Liebe.



INFORMATIONEN ZUM WERK

Frank Martin äußerte zu seinem weltlichen Oratorium:
„Im Frühjahr 1938 hatte ich gerade keine größere Komposition vor, aber ich beschäftigte mich mit der Sage von Tristan und Isolde. Ich dachte von ferne an eine Sinfonie, die von ihr irgendwie inspiriert wäre. Ich war auch stark berührt von jenem wunderbaren Roman 'Sparkenbroke' von Morgan, der von der alten Sage ganz durchtränkt ist. [...] Erfüllt vom Gedanken an Tristan und Isolde nahm ich den Roman von Joseph Bédier wieder vor und sah sofort, dass ich nirgends einen Text fände, der meinen Absichten mehr entspräche. [...] Auf diese Weise fand 'Le vin herbé' seine Mittel und seine Form von selbst. Bédiers Sprache unterstützte mich, wie es wohl keine andere Prosa hätte tun können, und er trug mich durch seinen außerordentlichen Sinn für Rhythmus, Verhältnisse und den psychologisch richtigen Gang der Handlung. Ich konnte ihn, so wie er war, in Musik setzen, was unzweideutig seine Vollkommenheit beweist [...] Ich hielt es für richtig, dass mein Werk [...] das ganze tragische Geschehen umfasse, [...] und es schien mir unumgänglich, dass nicht nur die Liebe darin vergegenwärtigt werde, sondern dass auch der Tod darin seinen Frieden bringe, nach all den Beglückungen und Ängsten der Leidenschaft.“



© Manfred Rückert für den Tamino-Oratorienführer 2014
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Libretto im Klavierauszug der Universal-Edition Wien (1970)
Verschiedene Programmhefte (Berlin, Ruhrtriennale, Zürich)
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musikwanderer

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2

Montag, 18. August 2014, 13:08

Diskographische Hinweise

Taminos Werbepartner Amazon hat von Martins Oratorium drei Einspielungen im Angebot, jpc keines:



In dieser nebenstehenden Aufnahme singen Sandrine Piau (Isot), Steve Davislim (Tristan), Jutta Böhnert (Brangäne); der RIAS-Kammerchor und das Scharaun-Ensemble; die Gesamtleitung hat Daniel Reuss.


Hier werden die Interpreten nur summarisch benannt, es fehlen Einzelangaben: Vokalsolisten, Mitglieder des Stadtorchesters Winterthur; Leitung Victor Desarzens.

(Es dürfte sich um eine Ersteinspielung unter Mitwirkung des Komponisten aus dem Jahre 1961 handeln; Basia Retchitzka, Nata Tuscher, Adrienne Comte, sopranos; Helene Morath, M.L. de Montmollin, Vera Diakoff, altos; Oleg de Nyzankowskyi, Eric Tappy, Hans Jonelli, tenors; Heinz Rehfuss, André Vessières, baritones; Derrik Olsen, bass; members of the Stadtorchester Winterthur; Frank Martin, piano; Victor Desarzens, conductor.)



Als Solisten sind genannt Laura Danehower Whyte (Isot), Stephen Sharp (Tristan); I cantori di New York; Leitung Mark Shapiro.

:hello:
.

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Rheingold1876

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3

Samstag, 9. April 2016, 11:13

Diskographische Hinweise (Fortsetzung)

Inzwischen ist eine weitere Aufnahme hinzugekommen, auf die ich bereits an anderer Stelle eingegangen bin. Hier aber steht ein Hinweis an der richtigsten Stelle. Und den schönen Text von musikwunderer habe ich erneut mit Gewinn gelesen. Danke.



Bei Orfeo ist "Der Zaubertrank" von Frank Martin als Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1948 erschienen. Endlich. Maria Cebotari als Isolde, Isot, wie sie in dem Stück heißt. In Dokumentationen über das Festival sind vier Aufführungen im Landestheater vermerkt, die vorletzte am 24. August wurde im Rundfunk übertragen. Ein originales Band hat sich erhalten. Endlich wurde es aus dem Archiv geholt. Dem Label sei Dank. Damals war es ein Wagnis, das strenge Stück, das weder Oper noch klassisches Oratorium ist, anzusetzen, heute dürfte es ein Wagnis sein, damit auf den heiß umkämpften Musikmarkt zu gehen. Reichtümer werden damit nicht zu holen sein. Der Wert misst sich in anderer Währung. Nur eine Szene aus dem (in Salzburg deutsch gesungenen) Zaubertrank war in gut sortierten privaten Sammlungen seit Jahren zu finden, wenngleich in ziemlich mieser Klangqualität. Sie ließ mehr ahnen, als dass sich daraus ein Gesamteindruck hätte rekonstruieren lassen. Sie handelt von der Begegnung zwischen Tristan (Julius Patzak) und Isot im ersten Teil. Für mich der eindrucksvollste Moment des ganzen Werkes. Isot antwortet auf die Tristans Frage, was es sei, dass sie quäle: „Die Liebe zu euch.“ Was in der wörtlichen Niederschrift lakonisch klingt, ist in der musikalischen Wiedergabe meilenweit davon entfern. Martin lässt seine Figuren aus dem Chor, der wie in der griechischen Tragödie agiert, immer wieder heraustreten, so auch in dieser Szene. In dieser Loslösung entsteht die überwältigende Wirkung. In der Diskographie von John Hunt (ISBN 9780952582731), die für die genaue Beschäftigung mit der Cebotari unerlässlich ist, heißt es auf Seite 199 über den Zaubertrank – im Original Le vin herbé – „unpublished radio broadcast“. Von nun an gilt das nicht mehr.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold

Erda: "Alles, was ist, endet."