Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich
  • »lutgra« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 5 144

Registrierungsdatum: 9. April 2013

1

Dienstag, 16. September 2014, 19:30

Louis Glass - dänischer Romantiker (1864-1936)

Über Louis Glass Biographisches zu finden, ist gar nicht so einfach. Auch cpo schweigt sich im Booklet seiner Start-CD einer GA der Symphonien über den Komponisten weitestgehend aus. Er wurde als Louis Christian August Glass am 23. März 1964 in Kopenhagen geboren und starb dort am 22. Januar 1936. Er erhielt Musikunterricht bei seinem Vater und studierte bei Niels Wilhelm Gade, später dann bei Julius Zarebski und Josef Wienawski in Brüssel. Von 1915-18 war er Dirigent des Dänischen Konzertvereins, danach leitete er das Konservatorium und den Musikpädagogischen Verein Kopenhagens.




Louis Glass schrieb insgesamt 6 Symphonien:
  • op. 17 Symfoni nr. 1 i E-dur (1894)
  • op. 28 Symfoni nr. 2 i c-mol (1899)
  • op. 30 Symfoni nr. 3 i D-dur (Skovsymfoni 1901)
  • op. 43 Symfoni nr. 4 i e-mol (1910)
  • op. 57 Symfoni nr. 5 i C-dur (Sinfonia svastika – 1919)
  • op. 60 Symfoni nr. 6 (Skjoldungeæt 1926)
Es gibt bei danacord bereits eine Aufnahme aller 6 Sinfonien mit obskurem Orchester, aber die ist weitgehend vergriffen und ich erlaube mir zu vermuten, klanglich und vom Orchester her gegen die neu entstehende im Nachteil.

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich
  • »lutgra« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 5 144

Registrierungsdatum: 9. April 2013

2

Dienstag, 16. September 2014, 20:01

Louis Glass Symphonie Nr. 3 op. 30 - Waldsymphonie

"Meine dritte Symphonie in D-Dur hat ihren Ursprung in den wechselnden Stimmungen, die sich unserem Gemüt aufdrängen, wenn wir die Einsamkeit suchen und allein diese zu uns sprechen lassen; aber diese Andacht der Seele wird unterbrochen von dem Gedanken an die Vergänglichkeit der Dinge und die Illusion aller Träume vom Glück. Doch nur für einen kurzen Augenblick - denn luftig und leicht schaukelt des Waldes Laubhalle unter dem Himmelsgewölbe. Das Andante ist nur ein weiteres Bild von eben diesem Frieden und der gleichen Unruhe. Der dritte Satz der Symphonie stellt den Wald bei Nacht dar. Die sich jagenden Wolken, das Rauschen des Windes und Rascheln des Laubes, der Mond, der ab und zu auf die verrottenden Baumstümpfe hernieder scheint, sie alle machen uns glauben, dass sich unsichtbares Leben um uns rührt. Das abschließende Allegro ist der gewichtigste Teil der Symphonie. Der, der jeden Pfad kennengelernt hat, fühlt sich nicht mehr als der einsame Wanderer, sondern geht auf in der einsamen Natur, die ihn umgibt"

Soweit der Komponist, der in späten Jahren theosophischem Gedankengut nahe stand, über seine Waldsymphonie (Zitat aus dem Booklet der CD).

Das 1902 uraufgeführte viersätzige Werke dauert ca. 35 min. Die Tonsprache ist spätromantisch, erinnert z.B. an die von Joachim Raff. Aber der Komponist hat auch bereits Bruckner rezipiert (ganz deutlich am Anfang (Hornruf) und im Scherzo zu hören) und ich bin mir ziemlich sicher, auch wenn ich dazu nichts gefunden habe, auch Gustav Mahlers frühe Symphonien. Gustav Mahler war ja von 1891-97 als bereits berühmter Kapellmeister in Hamburg, hat dort seine 2. und 3. Symphonie komponiert und vermutlich auch aufgeführt; von Kopenhagen nach Hamburg ist es ja nicht so weit.

Die Symphonie ist lyrisch geprägt und bietet in allen vier Sätzen wirklich schöne musikalische Einfälle, was zeigt, dass hier ein echt begabter Komponist am Werke ist. Bei einer Besprechung einer Symphonie von Eduard Franck habe ich kürzlich geschrieben: so gut wie die schwächeren Symphonien von Raff. Hier sage ich klar: so gut wie die besten. Hätte es Carl Nielsen nicht gegeben, wäre Louis Glass heute vermutlich viel bekannter.

Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie aus Koblenz (mit immerhin 350-jähriger Geschichte, nicht die Stadt, das Orchester!) spielt für meine Ohren hervorragend. Was für einen unglaublich Schatz an guten Orchestern hat doch dieses Land. Wenn das auch die Politiker mal zur Kenntnis nehmen würden. Daniel Raiskin dirigiert umsichtig und mit einem schönen runden Klang. Weiter so. :jubel:

Christian Biskup

Prägender Forenuser

  • »Christian Biskup« ist männlich

Beiträge: 528

Registrierungsdatum: 24. Februar 2009

3

Dienstag, 16. September 2014, 23:02

Lieber lutgra,

vielen Dank für die Vorstellung des längst überfälligen Komponisten! Da Dir offenbar nicht so viele biografische Details vorliegen, möchte ich diese gerne ergänzen!
Louis Glass, geboren am 23. März 1864 in Kopenhagen, war Sohn des unbedeutenden Komponisten und Klavierlehrers Christian Henrik Glass. Dies hatte zur Folge, dass Louis bereits in jungen Jahren an die Musik herantrat und mit nur sechs Jahren seine erste Komposition schrieb. Seine Kindheit war sein einsam und nach eigenen Worten lebte er in einer Traumwelt, die er eben in Musik fasste. Unterricht erhielt er von seinem Vater als auch Niels W. Gade, der nicht nur musikalisch, sonder auch menschlich einen großen Eindruck auf den jungen Glass machte. Mit 18 Jahren, 1882 machte Glass sein Debut als Cellist und Pianist im Kopenhagener Tivoli. Dies erregte Aufsehen und 1884 wurde er eingeladen in Brüssel zu studieren. Dort studierte er bei Juliusz Zarembski, Josef Servais und Josef Wieniawski. Ein Streit führte jedoch zum Ende des Studiums, er konnte allerdings privat seine Studien bei Wieniawski fortsetzen. 1889 erhielt Glass vom Dänischen Staat das Anckersche Legat verliehen, was ihm erlaubte nach Bayreuth zu reisen und weitere Musikhochburgen Europas zu besuchen. In St. Petersburg spielte er Anton Rubinstein einige Kompositionen vor, über diese er sich sehr enthusiastisch äußerte. Zurück in Kopenhagen wurde er ein geschätzer Dirigent in mehreren Vereinigungen und führte u.a. Ludolf Nielsens großes Oratorium Babelstaarnet! (Der Turm zu Babel) mit der Konzertvereinigung auf. Eine Nervenkrankheit führte allerdings dazu, dass er nicht mehr als Pianist in Erscheinung treten konnte. Seitdem widmete er sich auch vermehrt dem Lehren im familieneigenen Konservatorium, welches allerdings vier Jahre vor Glass Tod am 22. Januar 1936 schließen musste.

Während seines Lebens schrie Glass u.a. 6. Sinfonien, die lutgra bereits oben vorgestellt hat. Diese sind im wesentlichen von Cesar Franck, aber auch von Bruckner beeinflusst. Bereits um 1913 mischt sich in seine Musik auch verschiedene Theosophische Ansichten, was schon die Titel der Sinfonien verdeutlichen. Desweiteren finden sich fünf Orchestersuiten, vier Streichquartette, eine Cellosonate, ein Streichsextett, ein Klavierquintett und zwei Violinsonaten in seinem auch an Klaviermusik sowie an Liedern reichen Oevre. Als ein Experte in Sachen Glass, gilt der Dänische Musikwissenschaftler Claus Røllum-Larsen.


Die von Dir vorgestellte CD ist bereits bestellt, aber die oben gezeigten CD's habe ich ebenfalls in der Sammlung. Diese werde ich bald vorstellen.
LG
Chrissi

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich
  • »lutgra« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 5 144

Registrierungsdatum: 9. April 2013

4

Mittwoch, 17. September 2014, 13:43

Lieber Christian
vielen Dank für Deine Ergänzungen, Du bist offensichtlich in der Lage, die dänischen website Einträge zu lesen, was mir nicht vergönnt ist. Natürlich eine Schande, da ich ja in Holstein also auf früher dänischem Boden geboren bin. :D

Neben der cpo CD besitze ich noch die der 5. und 6. Symphonie von Marco Polo. Über die 5. berichtete ich kürzlich.


lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich
  • »lutgra« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 5 144

Registrierungsdatum: 9. April 2013

5

Donnerstag, 18. September 2014, 13:53

Louis Glass Sommerleben op. 27


Gut passend zur Waldsymphonie enthält die neue CD von Louis Glass als zweites Stücke die halbstündige fünfsätzige Orchestersuite Sommerleben op 27. Sie zeigt Louis Glass als Meister der Anverwandlung musikalischer Ideen Anderer.
Der erste Satz "Der erste Sommertag" bring ein Thema, das mich stark an eines aus dem ersten Satz von Glasunows 4. Symphonie erinnert. Der zweite Satz "Waldidyll" könnte nach heutiger Terminologie auch "Sommernachtstraum-Notturno Reloaded" heißen. Das Scherzo "Auf Feld und Wiese" klingt wieder Brucknerisch light und In der Dämmerung erinnert an vieles. Ein ganzes Sammelsurium von Assoziationen kommt mir dann bei abschließenden Bauernfest, Grieg, die russischen Romantiker... plus eine echt volkstümliche Fiddle. Das ist alles sehr gekonnt gemacht und klingt richtig gut. Wenn man die Vorlagen alle nicht kennen würden, könnte man Glass für einen der ganz Großen halten. So bleiben 30 unterhaltsame Minuten, die Spaß machen.

Christian Biskup

Prägender Forenuser

  • »Christian Biskup« ist männlich

Beiträge: 528

Registrierungsdatum: 24. Februar 2009

6

Donnerstag, 18. September 2014, 16:13

Zitat

Zitat: Der erste Satz "Der erste Sommertag" bring ein Thema, das mich stark an
eines aus dem ersten Satz von Glasunows 4. Symphonie erinnert.
Lieber lutgra,

obwohl ich das Stück nicht kenne und keinerlei Beweise habe, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass Glass das Thema aus der 4. Sinfonie... ja "geklaut" hat. Glasunows Werk ist 1893 entstanden, das von Glass um 1899. Im Kopenhagener Musikleben war zur damaligen Zeit kaum Musik vertreten, die sich über Deutschland heraus erstreckte. Nordische und Deutsche Musik prägten die Programme, seltener fand man einen Tschaikowsky oder einen Puccini auf dem Konzertprogramm. Erst nach dem 1. Weltkrieg wurde das Konzertprogramm moderner, die heimischen Komponisten plötzlich unmodern und russische Musik als auch die der Franzosen wurden in Dänemark gespielt.
Auch den Verweis auf Grieg halte ich für ungerechtfertigt. Gerade die skandinavische Volksmusik hat ( bzgl. Finnlands habe ich keine Ahnung) sehr starke Ähnlichkeiten. Überall finden wir die charakteristischen leeren Quinten und die später so genannte "Grieg-Motiv" Schlusswendung finden wir sowohl in der Dänischen, Schwedischen als auch Norwegischen Volksmusik. Somit müsste man viel mehr von einem Anklang an die traditionelle Musik, als an Grieg sprechen, schließlich haben fast alle nordischen Komponisten aus dem reichen Fundus dieser Lieder geschöpft.

LG
Christian

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich
  • »lutgra« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 5 144

Registrierungsdatum: 9. April 2013

7

Donnerstag, 18. September 2014, 16:30

Zitat

Zitat: Der erste Satz "Der erste Sommertag" bring ein Thema, das mich stark an
eines aus dem ersten Satz von Glasunows 4. Symphonie erinnert.
Lieber lutgra,

obwohl ich das Stück nicht kenne und keinerlei Beweise habe, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass Glass das Thema aus der 4. Sinfonie... ja "geklaut" hat. Glasunows Werk ist 1893 entstanden, das von Glass um 1899. Im Kopenhagener Musikleben war zur damaligen Zeit kaum Musik vertreten, die sich über Deutschland heraus erstreckte. Nordische und Deutsche Musik prägten die Programme, seltener fand man einen Tschaikowsky oder einen Puccini auf dem Konzertprogramm. Erst nach dem 1. Weltkrieg wurde das Konzertprogramm moderner, die heimischen Komponisten plötzlich unmodern und russische Musik als auch die der Franzosen wurden in Dänemark gespielt.
Auch den Verweis auf Grieg halte ich für ungerechtfertigt. Gerade die skandinavische Volksmusik hat ( bzgl. Finnlands habe ich keine Ahnung) sehr starke Ähnlichkeiten. Überall finden wir die charakteristischen leeren Quinten und die später so genannte "Grieg-Motiv" Schlusswendung finden wir sowohl in der Dänischen, Schwedischen als auch Norwegischen Volksmusik. Somit müsste man viel mehr von einem Anklang an die traditionelle Musik, als an Grieg sprechen.

LG
Christian
Lieber Christian
Du hast natürlich völlig recht, dass einige Reminiszenzen auch einfach Zufall sein können, bei Glasunow ist es vermutlich so. Bestimmte Themen und Klänge lagen damals auch einfach in der Luft. Insofern ist mein Satz
Sie zeigt Louis Glass als Meister der Anverwandlung musikalischer Ideen Anderer.

auch sicher übertrieben und gilt vor allem für den 2. und 3. Satz. Dort ist der Einfluss unzweideutig.

Ich stelle aber fest, dass ich bei neuen Stücken grundsätzlich immer nach solchen Bezügen höre, ich kann das gar nicht abschalten. Das ist aber vermutlich ganz normal. Wenn ich ein Stück dann öfter höre, verschwindet das auch meist. Bei Brahms 1. 4. Satz denke ich heute nicht mehr: ja, Beethoven, oder bei Schostakowitsch 5, 2. Satz, ja Mahler.

Christian Biskup

Prägender Forenuser

  • »Christian Biskup« ist männlich

Beiträge: 528

Registrierungsdatum: 24. Februar 2009

8

Freitag, 19. September 2014, 18:44

Liebe Taminos,

heute ist nun die besagte Neuaufnahme von CPO auch endlich bei mir angekommen und ich bin von der Waldsinfonie schlichtweg begeistert. Während der erste Satz idyllische Momente im Wald beschreibt, kommt im zweiten Satz schon richtig Atmosphäre auf - insbesondere der dunkel gefärbte Mittelteil hat es mir sehr angetan. Das derbe Scherzo ist auch hervorragend gearbeitet und gefällt mir richtig gut. Das strahlende, triumphierende Finale passt hervorragend - Glass scheint die ganze Sinfonie als Klimax aufgebaut zu haben, wobei am Ende doch wieder die Idylle des Waldes (Satz 1) wiederkehrt. Eine rundum gelungene Entdeckung - das Orchester klingt wirklich hervorragend, die Tempi erscheinen mir auch sehr schlüssig. Könnte bald zu einer meiner Lieblingssinfonien avancieren.

Nach dieser an Atmosphäre und Farben reichen Sinfonie fällt die Suite "Sommerleben" doch arg zurück. Den ersten Satz Der erste Sommertag finde ich sehr unspektakulär, und uninteressant komponiert. Das Waldidyll ist da schon viel interessanter - man meint einen Flöte spielenden Faun zu entdecken. Bisweilgen erinnert mich dieser Satz nicht nur an die von lutgra genannte Nocturne aus dem Sommernachtstraum, sondern teilweise auch an eine Filmmusik von Bernhard Hermann. Bei Satz drei und vier Auf Feld und Wiese sowie Dämmerung kann ich nach dem ersten hören nichts Interessantes feststellen. Auch das Finale Bauernfest überzeugt nicht wirklich. Zum einen fehlt hier ein wenig das Tempo vom Dirigenten, zum anderen sind die einzelnen - doch originellen - Tanzthemen m.E. nicht besonders kunstvoll aneinandergeklebt. Die Instrumentation ist hier im Gegensatz zu den anderen Sätzen recht unästhetisch und vor allem mit zu viel Beckenschlägen versehen. Die von lutgra angesprochene Fiddle (falls es nicht eine einfache Violine ist - da fehlt mir der Vergleich) ist zwar ein netter Effekt, aber mehr auch nicht.
Nichtsdestotrotz ist diese CD eine Bereicherung der Sammlung, das Orchester ist gut, der Klang okay (zu viel Hall?) und wird gewiss noch öfter gehört werden.
LG
Christian