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JLang

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Beiträge: 1 926

Registrierungsdatum: 4. August 2013

1

Sonntag, 2. November 2014, 13:57

Charles Gounod – Faust (Margarete), Premiere in Leipzig am 11. Oktober 2014

Leider ist dieser Opernbesuch nun weder gestern, noch vor einer Woche, sondern fast einem Monat gewesen, dennoch will ich kurz berichten. Der Stoff, den Gounod in seinem Werk verarbeitete ist mit Leipzig in besonderer Weise verbunden und ich habe es als sehr wohltuend empfunden, ihn einmal auf der Bühne sehen zu können. Denn um es vorweg zu nehmen: die Premiere von Gounod Faust am 11. Oktober 2014 in Leipzig war ein packender Opernabend, der zu den besten gehört, die ich hier in Leipzig bisher erleben durfte.
Das lag zunächst an der Leistung des Orchesters. Habe ich in der Vergangenheit regelmäßig mein Unverständnis darüber geäußert, daß die Gewandhausmusiker, die zur Oper abbestellt sind, dem erwartbaren Niveau nicht gerecht werden, so hatte Anthony Bramall (den ich noch aus Zeiten an der Vereinigten Bühne Krefeld/ Mönchengladbach kenne) das Orchester an diesem Abend vollkommen im Griff. Bramall bot einen dramatischen, zupackenden, aber keineswegs zu schweren Zugriff auf die Partitur. Bei allem Drama besitzt Gounods Musik ein Höchstmaß an Eleganz: dem wurde das Dirigat imO vollkommen gerecht. Auch die sängerischen Leistungen waren bis auf eine Ausnahme sehr ansprechend. Tuomas Pursio, den ich als Wotan im Rheingold als überfordert angesehen habe, hat mit dem Mephistopheles eine Rolle gefunden, die seiner sängerischen Disposition vollkommen entgegenkommt und die er hervorragend ausgefüllt hat. Auch wenn ihm in der Tiefe einfach etwas Fundament fehlt, so hat er das durch eine sichere Höhe, eine klare Diktion und eine elegante Phrasierung mehr als wettgemacht. Das war nicht einfach ein kraftstrotzender Teufel, sondern diabolische Eleganz zum Fürchten. Seine spielerische Leistung spiegelte dieses Rollenverständnis: er verkörperte das elegante Böse. Auch die Margarethe von Olena Tokar hat mir sehr gut gefallen. Anfänglich noch ein wenig unsicher und zittrig, steigerte sie sich schnell und ihr "Es war ein König im Thule" ware einer der bewegenden Momente des Abends. Karin Lovelius als Marte und vor allem Kathrin Göring als Siebel (eigentlich ja ein Tenor, aber m. E mit einem Mezzo gut besetzt) boten eine sängerisch und spielerisch sehr gute Ergänzung. Insbesondere Göring überzeugte mich stimmlich wieder einmal vollends. Abgerundet wurde dies durch die guten Darbietungen von für Jonathan Richie als Valentin und Sejong Chang als Wagner. Der einzige, der meiner Meinung nach stimmlich abfiel, war der Faust von Mirko Roschkowski, nicht weil er besonders schlecht gesungen hätte, ins einer Verdi-Rolle hätte er mir vermutlich gefallen. Ich bin kein ausgeprägter Stimmenkenner wie viele andere Taminos, aber mein Eindruck war, daß er Gounod so gesungen hat, wie er wohl auch Verdi gesungen hätte. Er setzte vollkommen auf die Kraft in der Stimme, hatte dabei aber Probleme in der Höhe und erstemmte sich die Spitzentöne. Das klingt in meinen Ohren im italienischen Fach angestrengt im französischen Fach leider einfach irgendwie falsch. ImO verträgt das Französische weniger als das Italienische den "erzwungenen Ton". Gewohnt hervorragend agierte dagegen der Chor, der für mich langsam zu heimlichen Star der Oper avanciert.
Die Inszenierung wurde von der Kritik als "langweilig" und "nichts Neues" betrachtet. Verantwortlich zeichnete Michiel Dijkema, der seine Aufgabe aber mitnichten schlecht gelöst hat, wie ich finde. Alle Szenen sind auf einer Drehbühne angeordnet und spielen in der Kulisse einer Gründerzeitarchitektur aus Backstein, in der große Stahltore auf- und niederfahren. Es ist jedoch kein industrielles Ambiente, auch die Studierstube Fausts ist dort situiert und gewinnt (wohl unbeabsichtigt) fast etwas von einem Industrieloft, wie es heute in Leipzig anzutreffen ist. Ansonsten ist die Ausstattung er Bühne schlicht, Gartenszene mit Bank, Schlafstätte in Form eines blauen Bettchens, eine Zinkbadewanne. Üppig ist dagegen die Komparserie, durch die eindrucksvolle Szenen gelingen. Wenn eine kritische Stimme anmerkt "nichts ist neu", so kann ich bei dieser Inszenierung sagen "na und?", sie bot einen hervorragenden Rahmen für eine gelungene Aufführung. Läßt man die mitunter ein wenig übertriebenen Spielereien mit dem Feuer (es entzündet sich so ziemlich alles, was Mephistopheles berührt) beiseite, so bietet die Inszenierung zum Ende hin erschütternde, apokalyptische Szenen des Schlachtfelds auf der einen, den verzweifelten zurückhaltend inszenierten Kampf Margaretens auf der anderen Seite und läßt dem Zuschauer die Möglichkeit, die Verbindungen von äußeren Bildern und inneren Zuständen herzustellen, sich ganz auf diesen Dialog einzulassen. Ich will gar nichts sagen, daß der Stoff sich nicht für andere Formen der Inszenierung eignet, im Gegenteil, er ist so grundlegend, daß man ihn auf vielfältige Weise inszenieren kann, um seinen Kern offenzulegen, aber wer sagt, denn, daß die von der Regie gewählte, historische Kulisse das nicht auch vermag? Wer diese Auffassung vertritt, dem könnte man nahelegen, sich doch noch einmal intensiver mit dem Stoff auseinanderzusetzen, den diese Oper verarbeitet. Das Leipziger Publikum dankte der Oper die Bemühung auf jeden Fall mit einem ausverkauften Haus und großem Applaus.
Mit bestem Gruß zum Sonntag
JLang
Gute Opern zu hören, versäume nie
(R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

Stimmenliebhaber

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2

Sonntag, 2. November 2014, 15:22

vor allem Kathrin Göring als Siebel (eigentlich ja ein Tenor, aber m. E mit einem Mezzo gut besetzt)
Wie kommst du darauf, dass Siebel "eigentlich ein Tenor" sei? Weil in der Kegel-Einspielung Herr Rotzsch damit besetzt wurde? ;)

Ich habe 2007 auch noch einen Tenor-Siebel auf der Bühne erlebt, aber üblicher und originaler ist wohl doch die Hosenrollenbesetzung.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

JLang

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Beiträge: 1 926

Registrierungsdatum: 4. August 2013

3

Sonntag, 2. November 2014, 15:48

Zitat Stimmenliebhaber

Zitat

Wie kommst du darauf, dass Siebel "eigentlich ein Tenor" sei? Weil in der Kegel-Einspielung Herr Rotzsch damit besetzt wurde? ;)

Lieber Stimmenliebhaber, dadurch, das mir ein Fehler unterlaufen ist und ich Sopran hätte schreiben müssen. Zumindest steht das in der Partitur, die ich kenne, so drin, aber ich lasse mich gern belehren.

Beste Grüße
JLang
Gute Opern zu hören, versäume nie
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Rheingold1876

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  • »Rheingold1876« ist männlich

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Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

4

Sonntag, 2. November 2014, 18:33

Die Tradition ist tatsächliche die Frauenstimme. Es wimmelt nur so von Hosenrollen auch in der französischen Oper. Wenn ich mich nicht total irre, dann hat schon Gounod beides zugelassen, je nachdem, wo das Werk gegeben wurde. In der sehr langen Listen an Aufnahmen dieser hinreißenden Oper, die zu meinen Favoriten zählt, überwiegen mit großem Abstand die weiblichen Besetzungen des Siebél. Da finden sich auch etliche große Namen wie Mildred Miller oder Rosalind Elias. Auch Frederica von Stade hat den Siebél gesungen. Interessante finde ich, dass in Detschland bereits 1938 in einer packenden Berliner Rundfunkaufnahme männlich besetzt wurde, nämlich mit dem damals 28jähriger Helmut Melchert, der später als eindrucksvoller Chaarektertenor berühmt wude. Hier mal die Aufnahmen mit einem männlichen Siebél, die ich auf die Schnelle herausgefunden habe. Rotzsch war bereits von Stimmenliebhaber genannt.



1938 Heinrich Steiner; Chor und Orchester des Berliner Rundfunks 
Hilde Singenstreu - Marguerite 
Helmut Melchert - Siébel 
Margarete Arndt-Ober - Marthe 
Helge Roswaenge - Faust 
Mathieu Ahlersmeyer - Valentin 
Michael Bohnen - Méphistophélès 
Myto 941.96 (2 CD), Cantus Classics 500225 (deutsch)

1967 Georges Prêtre; Coro e Orchestra del Teatro alla Scala di Milano 
Mirella Freni - Marguerite 
Luigi Alva - Siébel 
Anna di Stasio - Marthe 
Gianni Raimondi - Faust 
Robert Massard - Valentin 
Nicolai Ghiaurov - Méphistophélès 
Alfredo Giacometti - Wagner 
GFC 40 (3 LP); Melodram 37005 (2 CD) (live 16. Febr. 1967)

1970 Mario Gusella; Coro e Orchestra del Teatro Margherita 
Renata Scotto - Marguerite 
Edoardo Gimenez - Siébel 
Anna di Stasio - Marthe 
Flaviano Labò - Faust 
Piero Cappuccilli - Valentin 
Ruggero Raimondi - Méphistophélès 
Bruno Grella - Wagner 
GAO 170-1 (2 CD) (live 4. Juni 1970)

1973 Herbert Kegel; RSO Leipzig 
Faust: Peter Schreier 
Marguerite: Celestina Casapietra 
Méphistophélès: Siegfried Vogel 
Siébel - Hans Joachim Rotzsch 
Valentin: Wilfried Schaal 
Wagner: Paul Glahn 
Berlin 0120 034 (CD)
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Gerhard Wischniewski

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Beiträge: 4 580

Registrierungsdatum: 7. April 2011

5

Sonntag, 2. November 2014, 20:48

Zitat

Zitat von JLang: Die Inszenierung wurde von der Kritik als "langweilig" und "nichts Neues" betrachtet.

Lieber Jlang,

danke für den Bericht.
Wir sind es ja schon gewohnt und es ist "nichts Neues", dass vernünftige und einigermaßen werkgerechte Inszenierungen von vielen Kritikern, die sich unbedingt als progressiv darstellen müssen, zerrissen werden, die immer wieder "etwas Neues" fordern und damit dem Verunstaltungstheater Vorschub leisten. Aber auch dieses produziert ja, wie wir wissen, nichts Neues mehr, verwendet immer wieder dieselben Klischees und ist längst abgetakelt.
Die Begeisterung des Publikums für werkgerechte Inszenierungen ist aber in den Augen dieser Spinner völlig nebensächlich.
Was wollen die Herren denn überhaupt noch "Neues" haben? Etwa noch weitere Verschandelungen der Werke, wie wir sie leider immer wieder erleben?

Liebe Grüße
Gerhard
Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
(Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

Misha

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Registrierungsdatum: 16. März 2005

6

Sonntag, 2. November 2014, 21:02

Lieber JLang, auch von mir danke für den Bericht. Ich hatte Karten f. d. 2. Aufführung, aber meine Frau war leider erkrankt. Der Regisseur, Dijkema, hat doch nach meiner Erinnerung auch die aktuelle Tosca inszeniert, die ich auch recht gelungen finde. Wer einen Eindruck gewinnen will, kann sich übrigens auf der Seite der Oper Leipzig umtun, da sind inzwischen auch von fast allen Inszenierungen Videos, im Fall Faust incl. Interviews mit Pursio und Dijkema.
res severa verum gaudium

Herzliche Grüße aus Sachsen
Misha

Stimmenliebhaber

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

7

Sonntag, 2. November 2014, 21:56

Wenn ich mich nicht total irre, dann hat schon Gounod beides zugelassen, je nachdem, wo das Werk gegeben wurde.
Das kann gut sein, es gab ja quasi zwei Uraufführungen zweier unterschiedlicher Fassungen: 1859 als Opéra comique mit gesprochenen Dialogen und 1869 als durchkomponierte Grande Opéra. Ob die heute selten aufgeführte 1859er "Urfassung" vielleicht tatsächlich einen Tenor-Siebel hatte, weiß ich leider nicht - vielleicht kann das jemand anderes hier aufklären? Falls ja, "nehmt im Voraus uns'ren Dank!" :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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