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William B.A.

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Donnerstag, 2. April 2015, 00:25

Jacob Lateiner, der große amerikanische Pianist und Lehrer kubanischer Herkunft

Jacob Lateiner

Da ich selbst nichts weiß über Jakob Lateiner, muss ich die Informationen anderweitig besorgen. Da eignet sich der Booklettext des Kritikers Leslie Gerber besonders gut, den ich übersetzen und mit einigen Daten aus Wikipedia ergänzen möchte:



"Jakob Lateiner war einer der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts".


Einige Leute mögen überrascht sein, wenn sie diese Feststellung lesen, aber ich glaube, dass die meisten, nachdem sie die Aufnahmen dieser Doppel-CD gehört haben:



mir enthusiastisch zustimmen werden.

Als er am 12. Dezember 2010 starb, war Jacob von der gesamten Musikwelt weitgehend vergessen worden (Ich erinnere mich mit Youra Guller an einen ähnlichen Fall- William B.A.).
Er ist in lebhafter Erinnerung bei seinen vielen Studenten- nicht alle von ihnen Pianisten- an der Mannes School und an der Juilliard Schule für Musik. Andere kennen ihn als Pianisten, der mit Jascha Heifetz und Gregor Piatigorsky viele Konzerte gespielt, von denen 5 CD's aufgenommen wurden und eine einen Grammy gewonnen hat.
Noch andere kennen ihn als herausragenden Interpreten zeitgenössischer Werke. Er spielte die Uraufführung von Elliot Carters Klavierkonzert. ( Er spielte ebenso die Uraufführung von Roger Sessions dritter Klaviersonate. Beide wurden seine Freunde).

Jakob Lateiner wurde am 31. März 1928 in Havanna geboren, von seinem Vater aber erst am 31. Mai 1928 standesamtlich angemeldet.

Jacob Lateiner wäre vorgestern 87 Jahre alt geworden.


Er war der Bruder des Geigers Isidor Lateiner. Seine Eltern waren polnische Juden.
Im Alter von zehn Jahren war Jacob am klavier schon so weit, dass er sein Debut gab mit dem Havanna Philharmonic und Beethovens erstem Klavierkonzert unter der Leitung von Ernesto Lecuona.
Zwei Jahre später zog die Familie in die USA, wo Jacob und sein Bruder Isidor (1930 bis 2005) -Studenten des Curtis Institute of Music wurden. Jacob ging durch das Feuer des Studiums bei Isabelle Vengerovo; Isidor studierte bei Ivan Galamian. Als Teenager konzertierten beide als Solisten mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugen Ormandy.
Mit 17 spielte Jacob Beethovens "Emperor" Concerto auf dem Tanglewood Festival mit der Boston Symphony unter Serge Koussevitzky.
Mit 21 machte Jacob seine erste kommerzielle Aufnahme: Beethovens Sonate Nr. 32 und "Andante favori" für Columbia.
Seine Karriere wurde durch zweijährigen Militärdienst unterbrochen, nach dem er, anstatt sie so schnell wie möglich wieder aufzunehmen, ein weiteres Jahr mit allgemeinen musikalischen Studien bei Arnold Schönberg verbrachte, den er sehr verehrte und ihm ein großes Genie zusprach. Nach Schönbergs Tod war er in der Lage, sein Konzertieren und seine Tourneen wieder aufzunehmen, einschließlich seiner ersten beiden Konzerte mit dem New York Philharmonic 1954 mit Prokofieffs drittem Klavierkonzert. Er tourte durch die USA, Europa und Australien.
In den 50er Jahren machte er einen Schallplattenvertrag mit Westminster, woraus sich die Aufnahme von 4 LPs ergab: Beethovens "Emperor", Tschaikowskys "Erstes", bei dessen Aufnahme er teilweise unglücklich war mit der Arbeit des Dirigenten, dem obskuren Armando Aliberti. Seine Aufnahmen von Brahms' Händel- und Paganini-Variationen sind technisch eindrucksvoll, aber in späteren Jahren fühlte er, dass er den Paganini-Variationen mehr abgewinnen konnte. Wie Sie hören werden, hatte er Recht.
Eine Kopplung der Beethoven-Sonaten Nr. 17 und 21 wurde einseitig von er RCA verdrängt. Sein Tschaikowsky, vom Pianisten superb gespielt, das einzige Beispiel seiner Solo-Arbeit erschien auf CD.
Seine wichtigsten kommerziellen Aufnahmen waren die bei der RCA erschienen, wobei Jacobs Spiel in den Aufnahmen mit Heifetz und Piatigorsky durchweg superb war. Obwohl er irgendwann Bedenken gegenüber seinen beiden Beethoven-LP's erhob, werden die meisten Hörer diese nicht teilen (Ähnlich verhält es sich mit Brendels frühen VOX-Aufnahmen- William B.A.).
Und natürlich ist das Carter-Klavierkonzert in der Welt-Uraufführung 1967 in Boston ein Meilenstein der zeitgenössischen Musik.
Es war für mich ein Glück, Jacob in den späten 60er Jahren zu begegnen, nachdem ich eine Aufnahme fand, die er gerne haben sollte und er mich einlud, sie ihm persönlich zu überbringen. Es war der Beginn einer langen Freundschaft. Obwohl ich 100 Meilen von ihm entfernt wohnte, führten wir vielen Gespräche, hatten viele chinesische Dinners und viele Single Malts und tauschten viele sarkastische Postkarten aus.
In den 1970ern war Jacobs Karriere im Rückgang begriffen. Er wurde schwer beeinträchtigt von einem Manager, der nichts tat (seine Funktion, sagte er, bestand hauptsächlich darin, Anzahlungen für Konzertgagen einzustreichen, die er, Lateiner, selbst arrangiert hatte. Aber in der Selbst-Vermarktung war er auch nicht wirklich gut. 1970 schlug ich ihm vor, eine LP mit Live-Aufführungen herauszubringen. Er stimmte dieser Idee zu, aber er kam nie, um die Bänder anzuhören und das Material zu sichten. Ich hörte auch von Geschichten, wie er Gelegenheiten verstreichen ließ, seine Karriere voranzubringen.
Nachdem ich 1997 mein eigens CD-Label gegründet hatte, begann das gleiche Gespräch über Live-Aufführungen von vorne, mit den gleichen Ergebnissen. Als ein hochgeachteter Lehrer am Mannes-Kolleg und später an der Juilliard School war er mit anderen musikalischen Zielstellungen beschäftigt als mit seiner eigenen Karriere. Ich kann mich noch lebhaft an eine Unterhaltung in den frühen 1980ern erinnern mit unserem gemeinsamen Freund Steve Smolian, in der Jacob sagte, wie sehr er sich eine Fortsetzung seiner Konzertkarriere wünschte. Unter seinen vielen anderen Interessen hatte er auch eine beeindruckende Menge an musikalischen Manuskripten und Erstausgaben zusammengetragen.
Obwohl er auch in seinen späteren Jahren noch konzertierte, fand Jacob es zunehmend schwieriger, die Motivation zur Aufrechterhaltung seiner unglaublichen Technik weiter aufzubringen. Im November 1995 führte Jacob im Mannes-Institut ein Benefizkonzert für Amnesty International auf. Zwei Wochen vor dem Konzert erzählte er mir, dass er die Programmfolge ändern müsste, weil er nicht genügend Zeit aufgebracht hatte um die Brahmsschen Paganini-Variationen adäquat zu proben.
Im Konzert spielte er sie aber doch, in einer Aufführung, wie ich mich erinnere, die nahe an die in dieser Doppel-CD enthaltene heranreichte.
Ich hörte Jacob zum ersten Mal in einer Aufführung am 1. November 1964, in einem reinen Beethoven-Recital in der nahezu ausverkauften Carnegie Hall. Ich kann mich zu diesem Konzert nicht erinnern, was genau mich so auf diesen Pianisten aufmerksam werden ließ, aber ich war so bewegt, dass ich ihm einen Fan-Brief schrieb. Offenbar hatte er in seinen früheren Jahren etwas ganz Spezielles.
Das in der Frick Collection 1964 aufgenommen Konzert (CD 1) nahm ich vom Rundfunk auf. Das Band hat die Jahrzehnte überdauert mit nur einem kleinen Fehler in den Zugaben. Es ist ein glücklicher Zufall, weil es von dem Konzert keine andere Kopie gibt. In diesem Konzert bekommen wir eine weitere Varietät der Musik zu hören, die Jacob typischerweise in seinen späteren Jahren in seine Programme aufnahm. Es umfasst die erstaunliche Prokofieff-Toccata, ein beredtes Beispiel für die extreme Virtuosität, derer Jacob fähig war. Die Chopin-Mazurken zeigen Jacobs Wertschätzung der Rhythmus-Stunden von Ignaz Friedman, dessen Aufnahmen dieser Werke er seinen Studenten vorzuspielen pflegte.
Als ich begann, Material für die Veröffentlichung zu sammeln, war meine größte Hoffnung, eine charakteristische Live-Aufnahme zu finden, in der Jacob die Brahms Paganini-Variationen spielte. Dank der Zusammenarbeit mit der Juilliard School of Music, und seiner Sorgfalt, die Archive auf dem neuesten Stand zu halten, haben wir solch eine Aufführung, eingerahmt von Jacobs einfühlsamer Interpretation der ersten und letzten Beethoven-Sonate.
Ein Vergleich mit seiner Konzertaufnahme für Westminster macht überzeugend klar, was er meinte, als er sagte, er habe in diesem Stück mehr Musik gefunden, während die Kraft und die Präzision seines Spiels im Konzert eindrucksvoll seine Virtuosität demonstriert.
Jacobs Einsetzen für die Intentionen des Komponisten führen dazu, dass er alle Wiederholungsvorschriften beachtet, wie hier in den Beethoven-Sonaten, genauso, wie er Wiederholungen nicht spielt, die nicht in der Partitur stehen. Dies führt zu einigen Ungleichgewichten beim Brahms , wo er den ersten Abschnitt einer Variation nicht wiederholt, wenn es nicht in der Partitur steht (wie in Buch 2, Nr.6).
Das Mendelssohn-Scherzo war seine Lieblings-Zugabe. Dies Konzert ist nicht ganz komplett, aber die zweite Zugabe, ein Schubert Impromptu, dass aus Platzgründen gestrichen werden musste, ist eines der Stücke, die im 1964er Konzert in der Frick Collection gespielt wurde.
Am Ende jedes Konzertes kann man den Pianisten hören, wie er die Zugaben ansagt.
Die Arbeit, Jacob Lateiners Aufnahmen und sein Ansehen zu bewahren, hat gerade erst angefangen. Wir rechnen damit, noch mehr Live-Aufnahmen zu sammeln, und jede Hilfe ist uns dabei willkommen. (Bitte schreiben Sie uns an parnassus@parnassusrecords.com ). Letztendlich werden alle gesammelten Live-Aufnahmen einschließlich der Juilliard-Bibliothek in einer Reihe von Sound-Archiven zusammengefasst . Und wenn das Glück uns hold ist, kann es noch weitere Veröffentlichungen von Lateiner-Aufnahmen geben.
Unter denjenigen, die uns bei dieser Produktion unterstützt haben, gilt unser besonderer Stolz Amy Kim, der Witwe und Erbin Jacobs, selber eine ausgezeichnete Musikerin. Ohne Amys Mitarbeit wäre diese Aufnahme nie veröffentlicht worden. Sie stellte auch Jacobs eigene Sammlung von Konzertbändern zur Verfügung, die Teil des Archivs werden wird. Jane Gottlieb von der Juilliard Bibliothek, fand das 1977er Konzert und stellte es zur Verfügung, zusammen mit anderen Lateiner-Konzerten, die ebenfalls Teil des Archivs werden. Donald Manildi von den Internationalen Klavier-Archiven in Maryland gab unschätzbare Hilfe. Eldad Benary von der Sound Company, gab nicht auf, die Beschädigung des Original-Bandes des Chopin Fantasie-Impromptus zu reparieren. Verschiedenen Freunde und Studenten gaben finanzielle Unterstützung, um die Veröffentlichung dieses Sets zu einem reduzierten preis zu ermöglichen.
1999 begann ich meine Radio-Reihe "The Grand Piano". Eines meiner ersten Programme war überschrieben mit "The Lost Art of Jacob Lateiner" und enthielt auch, mit Jacobs Erlaubnis, die gleiche Aufführung der Prokofieff-Toccata, die in diesem CD-Set zu hören ist.
Als er das Programm hörte, erzählte mir Jacob, dass er sehr bewegt und erfreut gewesen sei über diese Anerkennung seiner Konzert-Karriere. Ich hoffe, dass er genauso über diese Veröffentlichung empfunden haben würde.

Leslie Gerber
(Übersetzung: William B.A.)

Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere (von einem weiß ich es ganz bestimmt), hier etwas psoten würde, sei es, dass er (oder sie) auch diese Aufnahmen hat und sie auch schon gehört hat.

Als erste Aufnahme von dieser Doppel-CD habe ich meine Eindrücke von Beethovens Sonate Nr. 1 f-moll op. 2 Nr.1 zu Papier gebracht und werde sie gleich im entsprechenden Thread veröffentlichen.

Liebe Grüße

Willi
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Dr. Holger Kaletha

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2

Donnerstag, 2. April 2015, 16:00

Lieber Willi,

das finde ich wirklich ganz toll, dass Du nicht nur Jacob Lateiner ausgegraben, sondern Dir auch noch die Mühe mit der Übersetzung gemacht hast. Sehr informativ - beste Foren-Kultur, die Du da prägst!!! Mir ist er bislang auch nur als Kammermusikpartner bekannt! Und wie es bei Beethovens op. 2 Nr. 1 aussieht ist er offenbar auch als Solist ganz hervorragend - wer die Paganini-Veriationen durchsteht, der kann wahrlich etwas! :hello:

Was ist denn auf dieser CD alles drauf? Ich muß mich leider wieder an die Arbeit machen (gestern kam früher als erwartet der neue große Schreibtisch in Einzelteilen, die ich zusammenbauen durfte und darf ....)

Herzlich grüßend
Holger

William B.A.

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3

Donnerstag, 2. April 2015, 16:47

Lieber Holger,

den Anstoß zu dieser ganzen Geschichte hat ja wok gegeben, der sich hier sicher auch noch melden wird.

zu deiner Frage:
Auf CD 1, mono, am 1. März 1964 aus dem Museum "Frick Collection" in New York live im Rundfunk übertragen und von dort von Leslie Gerber augenommen, sind:
- Schubert: Impromptus D.899, Nr. 2, 3 und 4;
- Beethoven: Sonate Nr. 18 Es-dur op. 31, Nr. 3;
- Berg: Sonate op. 1;
- Prokofieff: Toccata op. 11;
- Chopin: Préludes op. 28 Nr. 21 bis 24;
- Chopin: Mazurken op. 33 Nr. 1 bis Nr. 4;

auf CD 2, Stereo, Live-Aufnahme aus der Juillliard School, New York vom 11. Januar 1977:
- Beethoven: Sonate Nr. 1 f-moll op. 2 Nr. 1;
- Beethoven: Sonate Nr. 32 c-moll op. 111;
- Brahms: Paganini-Variationen op. 35;
- Mendelssohn: Scherzo e-moll op. 16 Nr. 2;

Leslie Gerber will ja nach und nach alles, was er an Aufnahmen von Jacob Lateiner bekommen kann, einschließlich dessen eigener Bänder, archivieren und weitere CD's, in Zusammenarbeit mit Lateiners Witwe veröffentlichen. Ich habe ihm heute Nacht noch eine Mail geschickt. Auf die Antwort bin ich jetzt schon gespannt.

Liebe Grüße

Willi :)
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Dr. Holger Kaletha

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4

Donnerstag, 2. April 2015, 17:05


Leslie Gerber will ja nach und nach alles, was er an Aufnahmen von Jacob Lateiner bekommen kann, einschließlich dessen eigener Bänder, archivieren und weitere CD's, in Zusammenarbeit mit Lateiners Witwe veröffentlichen. Ich habe ihm heute Nacht noch eine Mail geschickt. Auf die Antwort bin ich jetzt schon gespannt.

Klasse, lieber Willi! Da bin ich auch sehr gespannt! Und besten Dank auch für Deine Mühe mit der Aufstellung. Er hat ja sehr viel Musik des 20. Jhd. gespielt (wie die Berg-Sonate), auch das ist besonders spannend! :)

Herzlich grüßend
Holger

Thomas Pape

Moderator

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5

Donnerstag, 2. April 2015, 17:19

Lieber Will, dankeschön für den Thread zu Jakob Lateiner. Ewig schade, dass Lateiner vorzugsweise konzertiert und unterrichtet hat, indes wenig Schalpllatten aufgenommen. Die wenigen, die es offiziell von ihm gibt, sind allerdings Preziosen. das gilt besonders für Beethovens "Waldsteinsonate", die für mich zu den liebesten Aufnahmen dieses Werkes zählt. Beethovens KK 5 hat er auch noch aufgenommen (für Westminster, in Deutschland auf Heliodor erschienen) Tschaikowskis KK 1 und die beiden Variationenwerke von Barhms (Händel- und Paganini). Bekannt ist er wohl vor allem für die Aufnahme des Klavierkonzertes von Elliot Carter. Diese Aufnahme kenne ich genauso wenig von ihm wie seine Kammermusikaufnahmen. Die Waldsteinsonate gibt's bei youtube.



Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

lutgra

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6

Donnerstag, 2. April 2015, 20:25

Auch ich habe den Namen dieses Pianisten kaum gekannt. Eine Durchsicht meiner Heifetz-Platten hat dann aber doch ergeben, dass ich zwei Kammermusikaufnahmen mit Jacob Lateiner besitze, das Klavierquintett von Dvorak und das 3. Klavierquartett von Brahms. Letzteres habe ich dann auch gleich gehört und ich muss sagen, dass mir die Beiträge des Pianisten besser gefallen haben als die der drei Streicher. Er spielt das nicht auftrumpfend, sondern eher zurückgenommen, so dass das Klavier zu keiner Zeit das Geschehen dominiert. Sehr schön, dieser Beitrag. Heifetz wusste wohl, warum er seine üblichen Hauspianisten für diese Art von kammermusikalischer Arbeit nicht verpflichtete.


William B.A.

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7

Donnerstag, 2. April 2015, 20:35

Lieber Thomas,

ich habe mir die Waldstein-Sonate inzwischen zu Gemüte geführt. Das ist ja unglaublich, was ich da gehört habe. So ein hohes Maß an Ausgeglichenheit, an pianistischen Fähigkeiten, was Tempo- und Dynamik-Gefühl betrifft, sein überragender Anschlag, seine Ausdruckstiefe und seine enorme Virtuosität, die er aber m. E. nie in den Vordergrund schiebt, das trifft man doch äußerst selten an. wok berichtete, dass die Amerikaner ihn immer mit Schnabel verglichen hätten. Ich könnte das so nicht, jedenfalls nicht, was die bisher gehörten Beethoven-Sonaten angeht. Da käme dann Schnabel doch schlechter dabei weg. Deswegen werde ich als Nächste Schnabels Aufnahme der Waldstein-Sonate gegenhören. Mal schaun, was dabei herauskommt.

Liebe Grüße

Willi :)
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wok

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8

Donnerstag, 2. April 2015, 22:46

a
Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere (von einem weiß ich es ganz bestimmt), hier etwas psoten würde, sei es, dass er (oder sie) auch diese Aufnahmen hat und sie auch schon gehört hat.

Hallo Willi,

Nach Deiner so ausführlichen und spannenden Besprechung der beiden BEETHOVEN-Sonaten nun auch noch dieser längst überfällige Thread über einen meinen bevorzugten BEETHOVEN-Interpreten JACOB LATEINER, den auch ich schon immer einmal geplant hatte, aus Zeitgründen aber nicht realisieren konnte - wie so manch anderen Beitrag! Ich begrüße deshalb diesen Thread umso mehr und danke Dir für die riesige Arbeit, die Du Dir mit der Übersetzung des so äußerst informativen Artikels von Leslie Gerber gemacht hast. Da ich selbst Sprachen studiert habe und früher längere Zeit Schallplattentexte für Philips übersetzte, weiß ich, was dies für eine Arbeit ist, will man dies perfekt ausführen, insbesondere die Übersetzung von schwierigen Rezensionen. Dein Text liest sich idealerweise nicht wie eine Übersetzung, sondern wie ein Bericht aus erster Hand in Originalsprache! Mein Kompliment!

Ich kannte diesen Artikel noch nicht und konnte mit diesem nun viel Neues und Interessantes über LATEINER erfahren, was man sonst nicht in normalen Nachschlagewerken finden kann. Jedenfalls geht daraus hervor, wie verantwortungsvoll und selbstkritisch er mit seinen Einspielungen und deren Veröffentlichungen verfuhr. Vielleicht regt dieser Artikel, und nicht zuletzt auch Deine Besprechungen, nun doch den einen oder anderen an, sich mit diesem großartigen Pianisten näher zu beschäftigen.

Ich möchte meinerseits nun einen Ausschnitt meiner früheren Beiträge über JACOB LATEINER auf diesen Thread übertragen, wo diese eigentlich hingehören:

Ich habe in der Vergangenheit schon immer wieder einem einen Anlauf unternommen, auf diesen herausragenden Pianisten in verschiedenen kleineren Beiträgen in unserem Forum aufmerksam zu machen, und freue mich, daß nicht zuletzt nun durch Deine Besprechungen nun auch andere Forumsmitglieder, d. h. lutgra, Thomas Pape und Dr. Kaletha ihre Wertschätzung, oder zumindest ihr Interesse an JACOB LATEINER und dessen Aufnahmen bekundeten. Ich war mir eigentlich sicher, daß Dein Urteil über dessen pianistisches Format nur positiv, wenn nicht überschwenglich, ausfallen würde. Nicht umsonst wurde LATEINER in
den USA auch in Bewunderung "Mr. BEETHOVEN" genannt, und nicht von ungefähr wurde sein BEETHOVEN-Spiel auch mit dem des hochgeschätzten ARTHUR SCHNABEL verglichen. Man pries vor allem das stets äußerst kontrollierte, ausgefeilte, schlanke und schnörkellose Spiel LATEINERs, und seine seltene Kunst, Steigerungen herauszuarbeiten, und in imposanter Weise auf den Höhepunkt eines Werkes hinzuarbeiten.

Obwohl JACOB LATEINER in Konzerten sehr oft BEETHOVEN auf seinem Programm hatte, gibt es tatsächlich vergleichsweise wenige Aufnahmen mit ihm. Ich wurde das erste Mal auf ihn aufmerksam durch seine wunderbare Einspielung von BEETHOVEN's
Klavier-Trio op. 1,1 mit seinen kongenialen Partnern HEIFETZ und PIATIGORSKY, eine wirklich fabelhafte Aufnahme dreier großer Künstler, für mich ganz klar eine Referenzeinspielung.

Unter seinen am bekanntesten gewordenen Einspielungen sind abgesehen von dieser BEETHOVEN-Sonate und dem Klavier-Trio op. 1,1 zu nennen:

BEETHOVEN's Sonaten op. 31,2, op. 53 und op. 111, die Bagatellen op. 126, sein Klavierkonzert Nr. 5, von DVORAK das Klavier-Quintett op. 81, von BRAHMS die Händel- und PAGANINI-Variationen und die Klavier-Trios, von SCHUBERT das Klavier-Trio op. 100, ebenfalls mit Heifetz und PIATIGORSKY, von PROKOFIEFF die Toccata op. 11, von TSCHAIKOWSKY das Klavierkonzert (unter ABRAVANEL), und schließlich die Einspielung des so schwierigen Klavierkonzerts von CARTER unter LEINSDORF, das CARTER extra für ihn komponiert hatte.

Viele Grüße
wok

William B.A.

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9

Freitag, 29. Mai 2015, 03:07

Ich habe mir in der Zwischenzeit überlegt, bei all den Projekten, die bei mir laufen, peu à peu diesen Thread weiter zu führen, indem ich in loser Reihenfolge aus der Festschrift, die zu Jakob Lateiners 70. Geburtstag erschienen ist, Texte, die sich mit dem Werdegang und der Bedeutung Jacob Lateiners beschäftigen, zu übersetzen und hier zu veröffentlichen. Heute nun die erste Folge aus der Einleitung der Festschrift:

"Einleitung der Festschrift zu Jacob Steiners 70. Geburtstag

Jacob Steiner ist ein großer Pianist, und diejenigen, die ihn kennen, sind sich dessen bewusst, und die Leser dieser Festschrift werden es merken, das alles beschreibt kaum seine ganze Persönlichkeit. Außerordentliche Musikalität im Verein mit einer weitgefassten intellektuellen Wissbegierde hat ihn in Kontakt treten lassen mit führenden Komponisten, Interpreten und Musikologen , ebenso wie mit Prominenten auf anderen Gebieten, mit denen er das Streben nach absoluten Ausnahmeleistungen teilte. Sein starkes Interesse, den Notentext authentisch umzusetzen und sein Wissen um die Wege, dies zu erreichen, haben Ausdruck gefunden in seiner legendären Sammlung musikalischer Erstausgaben, von Briefen und anderem seltenen Material, eine Sammlung von so großer Bedeutung, dass sie unter den wenigen Exemplaren ist, die im Internationalen Quellenlexikon der Musik zu finden ist unter dem Kürzel "US-NYLateiner".
Eine Festschrift für einen Interpreten ist ungewöhnlich, aber da er in den Kreis der "Siebziger" aufgenommen wurde, scheint es vollkommen passend zu sein, Jacob Lateiner so zu ehren.
Lateiner, der 1928 in Havanna als Sohn polnisch-österreichischer Eltern geboren wurde, begann schon mit 4 Jahren mit musikalischen Studien. Mit 7 Jahren trat er als Solist mit dem Havana Orchestra auf, das von dem berühmten kubanischen Komponisten Ernesto Lecuona dirigiert wurde. Lateiner und seine Familie emigrierten 1940 in die USA, als Jacob und sein Bruder Isidor, der Geiger, am Curtis Institute of Music in Philadelphia angenommen wurden. Jacob studierte Klavier bei Isabelle Vengerova und wurde in Kammermusik von William Primrose und Gregor Piatigorsky unterwiesen.
1944, als er den Philadelphia-Jugendwettbewerb gewann, machte er in den USA sein Konzertdebut mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy, in dem er Tschaikowskys b-moll-Konzert spielte. Kurze Zeit später arrangierte Piatigorsky für Lateiner ein Vorspielen bei Serge Koussevitsky. Koussevitzky war beeindruckt von Lateiners Spiel und engagierte ihn für einen Auftritt mit dem Boston Symphony Orchestra. Seine ungestüm erfolgreiche Aufführung mit dem Orchester beim Tanglewood Festival 1947 bereitet den Weg für sein Debut mit einem Recital in der Carnegie Hall im folgenden Jahr."

Liebe Grüße

Willi :)
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wok

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10

Mittwoch, 3. Juni 2015, 00:54

Ich habe mir in der Zwischenzeit überlegt, bei all den Projekten, die bei mir laufen, peu à peu diesen Thread weiter zu führen, indem ich in loser Reihenfolge aus der Festschrift, die zu Jakob Lateiners 70. Geburtstag erschienen ist, Texte, die sich mit dem Werdegang und der Bedeutung Jacob Lateiners beschäftigen, zu übersetzen und hier zu veröffentlichen. Heute nun die erste Folge aus der Einleitung der Festschrift:

Hallo Willi,

Wie wünschenswert wäre es, daß auch Deine intensiven Bemühungen, diesen Ausnahme-Pianisten endlich der Vergessenheit zu entreißen und insbesondere auf sein phänominales BEETHOVEN-Spiel hinzuweisen - in Amerika besteht dafür keinerlei Anlaß, da dort heute noch der Name JACOB LATEINER wohl jedem Klassik-Liebhaber ein Begriff ist - auch bei dem einen oder anderen Gehör finden würde, doch leider scheint in unserem Forum Klaviermusik im Augenblick nicht sehr en vogue zu sein - abgesehen von einigen großen Kennern dieser Musikgattung, die dafür umso mehr mit sehr interessanten Beiträgen aufwarten. Doch vielleicht können wir ja mit unseren Beiträgen über diesen Pianisten auch einige Besucher unseres Forums neugierig auf JACOB LATEINER machen!

Jedenfalls habe ich Deine Übersetzung der Festsschrift wieder mit größtem Interesse gelesen. Hab' großen Dank dafür!

Viele Grüße

wok

William B.A.

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11

Mittwoch, 3. Juni 2015, 01:06

Lieber wok,

es macht mir großen Spaß, das zu übersetzen. irgendwie muss man ja sein Oberstübchen als Pensionist in Schwung halten, warum dann nicht mit etwas, was einem Spaß macht.

Liebe Grüße

Willi :)
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JLang

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12

Mittwoch, 3. Juni 2015, 22:13

Zitat von »William B. A.«

es macht mir großen Spaß, das zu übersetzen. irgendwie muss man ja sein Oberstübchen als Pensionist in Schwung halten, warum dann nicht mit etwas, was einem Spaß macht.

Lieber Willi,

aber es ist dennoch wunderbar, dass Du auch uns allen damit eine so große Freude machst. Jacob Lateiner war mir bisher nur dem Namen nach bekannt, aber nun steht die genannte CD auf meiner Wunschliste, die hoffentlich bald in Erfüllung geht. Dafür danke Dir sehr.

Mit herzlichem Gruß
Jörn
Gute Opern zu hören, versäume nie
(R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

William B.A.

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13

Mittwoch, 3. Juni 2015, 22:35

Danke, lieber Jörn, nun konnte ich noch eine weitere Verbindung knüpfen zu Serge Koussevitzky, dessen Todestag morgen ansteht. Der Beitrag wird nach 0.00 Uhr erscheinen.

Liebe Grüße

Willi :)
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William B.A.

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14

Donnerstag, 31. Mai 2018, 14:51

90. Geburtstag

Auch hier möchte ich heute an den

90. Geburtstag von Jakob Lateiner




erinnern,

wie ich es auch schon dort getan habe:



Liebe Grüße

Willi :)
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nemorino

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15

Donnerstag, 31. Mai 2018, 17:55

Wenn man sich ein Leben lang mit klassischer Musik beschäftigt, wird einem früher oder später der Name Jakob Lateiner begegnen. Aber so recht ist er nie in mein Bewusstsein gedrungen.

Ich habe mal auf die Schnelle herumgesucht und nur eine einzige Aufnahme mit ihm gefunden, diese:


Beethoven: Trio op. 1, Nr. 1, Es-Dur, erschienen in der umfangreichen Heifetz-Collection der RCA in den 90ern.
mit Jascha Heifetz (Violine) und Gregor Piatigorsky (Violoncello). Aufnahme: 23.3.1964, RCA Studios, Hollywood, STEREO).

Ich habe soeben reingehört; was gleich ins Ohr fällt, ist der duftige, feine, betont kammermusikalische Anschlag des Pianisten, der ganz sicher auf einem Level mit den beiden weltbekannten Kollegen ist. :jubel:


LG, Nemorino
Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

William B.A.

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16

Donnerstag, 31. Mai 2018, 18:47

Es freut mich, lieber Nemorino, dass dir das Spiel von Jakob Lateiner gefällt, und ich habe in meinen Beethoven-Sonaten-Threads schon seine Interpretationen der 1., 21. und 23. Sonate besprochen.
Damit du nicht lange zu suchen brauchst, habe ich dir meine Besprechung der 1. Klaviersonate mal herausgesucht und hierher kopiert:

Zitat

Jakob Lateiner, 11. Januar 1977, live

Beethoven, Sonate Nr. 1 f-moll op. 2 Nr. 1
Jacob Lateiner, Klavier
AD: 11. 1. 1977, live
Spielzeiten: 6:05-6:00-3:57-6:45 -- 22:47 min.;

Jakob Lateiner spielt das Allegro langsamer als Claudio Arrau und erst recht als Michael Korstick. Er hat einen sehr feinen Anschlag und beachtet auch die dynamischen Akzente, obwohl er zu Beginn moderat verfährt. Fas Forte in Takt 18 kommt aber schon kräftig und das Fortissimo in Takt 47 erst recht. Wenn ich die Spielzeiten betrachte, gehört Lateiner auch zu jenen, die alle Wiederholungsvorschriften Beethovens beachten. Auch rhythmisch scheint sein Spiel über jeden Zweifel erhaben. Sein Ton ist klar und transparent, so kann man zum Beispiel di wechselnden Achtelintervalle in der Begleitung sehr schön unterscheiden.
Die Durchführung gestaltet er dynamisch und rhythmisch sehr kontrastreich, was vor allem in den synkopierenden Sforzandi in der Begleitung zum Tragen kommt. Nach der sehr schön decrescendierten, dann crescendierten Rückleitung nimmt auch er die Reprise dynamisch hoch stehend in Angriff, mit kräftigen Sforzandi und über die langen ff-Legatobögen ab Takt 132 in die ebenfalls kräftige ff-Coda mündend,
Lateiner zeigt schon in diesem ersten Satz, dass er sich die Zeit nimmt, um die Strukturen dieser Sonate klar aufzuzeigen, wobei er sich sorgsam an die Vortragsbezeichnungen und Wiederholungsvorschriften hält.

Das Adagio spielt Lateiner schlichtweg grandios, wobei er auch hier genau auf die dynamischen Zeichen achtet, und nicht nach dem Motto verfährt, dass ein Adagio an der unteren Hörgrenze entlang führt. So kommt das Crescendo in Takt 9 deutlich, und auch das Rinforzando ab Takt 14 auf der Drei stellt er kräftig in den Raum. Das Seitenthema ab Takt 17 mit Auftakt ist atemberaubend, vor allem die langen Zweiunddreißigstel-Legatobögen hört man selten so ausdrucksvoll- wunderbar auch die Sechzehntel-Triole und di anschließenden Duolen in Takt 29, desgleichen in Takt 36. Sehr schon lässt er auch die Sextolen in der Begleitung ab Takt 37 laufen, dann wiederum die Duolen in Takt 43 und 44 und der Takt 54 mit den Triolen in der oberen und Duolen in der unteren Oktave, all das von sanft fließenden Zweiunddreißigstelbögen umgeben, letztlich der absolute Höhepunkt, Takt 56 mit zweiunddreißigstel-Triolen in beiden Oktaven und der sehr intime Schluss. Jakob Lateiner zeigt in seinem gemessenen Tempo und mit seiner superben Anschlagskultur die volle Schönheit und Größe dieses Satzes.

Lateiner ist auch in diesem Satz langsamer als Arrau und Korstick, wobei ja ein Allegretto nicht so schnell sein muss. Denken wir doch nur mal an das Allegretto aus der 7. Symphonie.
Auch im Allegretto legt Lateiner Wert auf jede Einzelheit, beachtet aufs Genaueste die dynamischen Akzente und die subito piano oder pianissimo-Stellen Takt 10, 21oder 35.
Auch das Dur-Trio spielt er in beiden Teilen sehr anrührend und wiegend im Dreiertakt sowie die wunderbare Steigerung in Takt 59 bis 62. Dann schließt er das allegretto da capo an.

Im Prestissimo ist Lateiner dann doch deutlich schneller als Arrau, sogar etwas schneller als Ashkenazy, aber nicht so schnell wie Korstick. Wunderbar lässt er die endlosen Achtelketten vorwärts perlen und lässt die dynamischen Akzente ganz organisch einfließen. Natürlich wiederholt Lateiner auch im Finale alles. Hier stimmt einfach alles: Tempo-Dynamik-Rhythmus. Und auch in diesem Gewusel ist das Klangbild noch transparent und kann man die einzelnen Stränge gut verfolgen.
Die überirdische erste Hälfte der Durchführung spielt er auch mit großem Ausdruck und zartem Anschlag- ganz große pianistische Kunst!
in der zweiten Hälfte, die den Stimmungsumschwung bringt, lässt er die Achteltriolen leise rumoren und die originelle Sforzandopassage Takt 120 bis 124 folgen. Die Reprise gestaltet er temporal und dynamisch so wie die Exposition, und er wiederholt dann, nach einer Fermatenpause in Takt 196, die Durchführung und die Reprise, wie von Beethoven vorgeschrieben.

Eine große Aufnahme, die in mir nur das große Bedauern auslöst, dass die Beethoven-Sonaten-Aufnahmen von Jakob Lateiner an einer Hand abzuzählen sind.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:


Die Besprechung datierte vom 2. April 2015.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

nemorino

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17

Freitag, 1. Juni 2018, 14:49

Vielen Dank, lieber Willi,

für die Übermittlung dieser Besprechung, die ich in der Tat noch nicht gelesen hatte. Das ist eine sehr ausführliche, profunde Analyse der Aufnahme (es handelt sich wohl um einen Mitschnitt).

Meine Nachforschungen nach weiteren Aufnahmen mit Jakob Lateiner haben nicht sehr viel zutage gefördert; es gibt offenbar nur (noch) wenige Zeugnisse seiner Kunst auf Tonträger. Die von Dir besprochene Aufnahme wird in einer englischen Amazon-Rezension als klanglich mangelhaft bezeichnet, stimmt das so, oder ist es mehr eine subjektive Wahrnehmung?

Ansonsten bietet der Tonträgermarkt kaum etwas von Lateiner an; es gibt da außer dem Brahms-Quartett mit Jascha Heifetz (auf einer RCA-CD) nur noch eine alte Westminster-LP mit dem Beethoven-Konzert Nr. 5; auf der Abbildung und der weiteren Beschreibung findet sich noch nicht einmal der Name des Dirigenten und des Orchesters. Schade, aber Lateiner hat entweder, egal aus welchen Gründen, sehr wenige Aufnahmen gemacht, oder sie sind bereits lange vom Markt verschwunden.

LG, Nemorino
Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).