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Misha

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Beiträge: 1 056

Registrierungsdatum: 16. März 2005

1

Donnerstag, 19. November 2015, 12:11

Le Nozze di Figaro , Leipzig, 18.11.2015

Kurzbericht in der Mittagspause ;-)
Es handelte sich um die zweite Aufführung nach der Premiere am vergangenen Samstag.
Um es gleich vorweg zu nehmen, ich habe mich blendend auf hohem Niveau unterhalten.
Die musikalische Seite ist nach meiner Erinnerung auch in den meisten Kritiken des Feuilletons relativ gut weggekommen. Kritisiert wurde allerdings eine eher blasser Figaro. Das kann ich nicht bestätigen; meiner Meinung nach waren alle Sängerinnen und Sänger ihren Partien mehr als gewachsen.
Hinzu kam auch eine ausgesprochene Spielfreude.
Hervorheben möchte ich aus der insgesamt hervorragenden Ensembleleistung allerdings die Susanna von Olena Tokarund den Cherubino von Wallis Giunta.

In so guter Form habe ich das Gewandhausorchester seit langem nicht erlebt. Vielleicht liegt ihm Mozart einfach mehr als Wagner oder Strauss?

Die Regie würde man hier im Forum wohl als Regietheater light bezeichnen. Die Bühne bestand im wesentlichen (abgesehen von einigen Gartenutensilien, wie Büschen und einem Springbrunnen im Schlussakt) aus einem dreigeschossigen Rokokoschlösschen, in dem es treppauf und treppab ging. Die Darsteller waren allerdings in Kostüme der Sechzigerjahre gesteckt Der Sinn hat sich mir nicht ganz erschlossen; man kann auch nicht sagen, dass der Regisseur versucht hat, irgendwelche gesellschaftskritischen Einsichten zu vermitteln. Da mir aber die Entstehungszeit des Stückes, das Umfeld und die Geschichte gut bekannt sind, bedarf ich entsprechender Nachhilfe auch nicht.
Ansonsten waren die etwas heiklen Verwechslungs- und Verstecksituationen ausgezeichnet gelöst, und es ging auf der Bühne recht munter zu.
Wer mit der Einschränkung bezüglich der Kostüme leben kann (ich kann es, von "Werkentstellung" kann wirklich nicht die Rede sein), kommt hier meines Erachtens auf seine Kosten, zumal auch die musikalische Seite stimmt. Das Publikum quittierte die Vorstellung mit großem Applaus.
res severa verum gaudium

Herzliche Grüße aus Sachsen
Misha

Gerhard Wischniewski

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Beiträge: 4 241

Registrierungsdatum: 7. April 2011

2

Donnerstag, 19. November 2015, 14:19

Lieber Misha,

bei Figaro könnte mich die Verlegung in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht vom Besuch abhalten, weil mir der Handlungablauf nicht so zeitgebunden erscheint wie bei vielen anderen Opern. Das Paradoxe ist lediglich, dass in Figaros Hochzeit die lex primae noctis thematisiert wird, und das passt sicherlich nicht in diese Zeit. Man könnte also lediglich sagen, dass dieses Thema für den Regisseur keine Rolle zu spielen schien. Das in drei Akten einheitliche Rokokoschlösschen erscheint durchaus angemessen, das Libretto sieht zwar für die einzelnen Akte unterschiedliche Zimmer im Schloss vor, aber das ist meines Erachtens nicht erforderlich, lediglich im letzten Akt sollte ein Garten erkennbar sein, und das war er ja wohl auch. Wenn die Vorstellung, wie du schreibst, munter aber nicht teilweise albern, wie im Berliner Figaro war, dann kann man von Werksentstellung wohl nicht sprechen.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

Misha

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Beiträge: 1 056

Registrierungsdatum: 16. März 2005

3

Donnerstag, 19. November 2015, 14:42

Es war lustig (wo angebracht), aber nicht albern. Das ist durchaus schwierig, daher m.E. insgesamt gelungen.
res severa verum gaudium

Herzliche Grüße aus Sachsen
Misha

Theophilus

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  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 823

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

4

Dienstag, 5. Januar 2016, 19:34

Das Paradoxe ist lediglich, dass in Figaros Hochzeit die lex primae noctis thematisiert wird, und das passt sicherlich nicht in diese Zeit. Man könnte also lediglich sagen, dass dieses Thema für den Regisseur keine Rolle zu spielen schien.

Der Regisseur könnte argumentieren, dass nach heutigem Wissensstand das ius primae noctis ein reiner Geschichtsmythos ist, der ihn daher nicht weiter interessieren muss...

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Stimmenliebhaber

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Beiträge: 7 065

Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

5

Dienstag, 5. Januar 2016, 20:49

Das Paradoxe ist lediglich, dass in Figaros Hochzeit die lex primae noctis thematisiert wird, und das passt sicherlich nicht in diese Zeit. Man könnte also lediglich sagen, dass dieses Thema für den Regisseur keine Rolle zu spielen schien.

Der Regisseur könnte argumentieren, dass nach heutigem Wissensstand das ius primae noctis ein reiner Geschichtsmythos ist, der ihn daher nicht weiter interessieren muss...

Und dann könnte man dagegen argumentieren, dass dieses "Ius primae noctis" ein zugespitzes Symbol für die absolute Macht ist, die der örtliche Souverän über seine Leibeigenen hatte. Sicherlich, die Moral und die Religion haben verhindert, dass dieses Recht formal existierte, das Abhängigkeitsverhältnis war allerdings so umfassend und absolut, dass man überhaupt nicht ausschließen kann, das der Herr das "Recht", das ihm offiziell nicht zustand, aufgrund seiner Macht- und Entscheidungsfülle de facto eben doch erreicht hat. Man bedenke nur, wie viele Kinder August der Starke und viele andere Potentaten des 18. Jahrhunderts hatten.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

Theophilus

Administrator

  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 823

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

6

Mittwoch, 6. Januar 2016, 05:26

Und dann könnte man dagegen argumentieren, ...

Man könnte nicht nur, man kann! Aber da sich der Regisseur offensichtlich dagegen entschieden hat, wäre meine Vermutung nicht unplausibel. Aber natürlich kann er auch wesentlich weniger spitzfindige Gründe gehabt haben...

:hello:

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

JLang

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Beiträge: 1 926

Registrierungsdatum: 4. August 2013

7

Samstag, 19. März 2016, 13:58

Mittlerweile habe ich nun auch endlich den Leipziger Figaro gesehen/ gehört. Ich war in der letzten Woche am 12. März in der Aufführung und meine Eindrücke decken sich - zumindest in Teilen - mit denjenigen, die Misha aus der Premiere berichtet hat. Aber der Reihe nach.

Die Besetzung
GRÄFIN ALMAVIVA - Marika Schönberg
SUSANNA - Olena Tokar
CHERUBINO - Stephanie Atanasov
MARCELLINA - Karin Lovelius
BARBARINA - Magdalena Hinterdobler
ERSTES MÄDCHEN - Julia Danz
ZWEITES MÄDCHEN - Lissa Meybohm
GRAF ALMAVIVA - Mathias Hausmann
FIGARO - Sejong Chang
DON BARTOLO - Milcho Borovinov
BASILIO - Dan Karlström
DON CURZIO - Keith Boldt
ANTONIO - Roland Schubert

Matthias Foremny leitete das GWO und er machte seine Sache wirklich gut. Ich habe mitunter so meine Probleme mit Mozart im GWO, das manchmal ein wenig schwerfällig wirkt. Aber am letzten Samstag war das wirklich fein musiziert: spritzig, transparent mit Spielwitz und mit einem hörbaren Vorwärtsdrängen an den dramatischeren Passagen (etwa im zweiten Akt oder im Finale).
Auch wenn ich nicht zu den besonders guten Opernkennern gehöre, so lebt m. E. diese Oper von einer ausgeglichenen Ensembleleistung und die wurde auf einem guten Niveau erbracht, nicht weniger, aber mehr irgendwie auch nicht. Das lag zunächst daran, dass ich mit dem Figaro von Sejong Chang so meine Probleme hatte. Im Eingangsduett trug seine Stimme überhaupt nicht in der Arie Se vuol ballare trug sie besser und er phrasierte klangschön aus. Ich hatte dein Eindruck, er habe sich freigesungen, aber immer wieder fiel er stimmlich etwas ab und klang in den Höhen forciert. Insgesamt konnte er stimmlich nicht den Eindruck vermitteln, dass er alles im Griff hat (oder zumindest seiner eigenen Wahrnehmung auch zu haben glaubt). Umso besser trug dagegen die Stimme der Susanna. Olena Toga habe ich ja einmal kurz hier vorgestellt. Ich hatte sie im letzten Jahr in Faust/Margarethe gehört, wo sie mir sehr gut gefiel. Als Susanna konnte sie über weite Passagen nicht nur mit großer Spielfreude, sondern mit flexibler Stimmführung überzeugen, an wenigen Stellen schien mir der Gesang aber fast ein wenig zu dramatisch, hier hätte etwas mehr Leichtigkeit gut getan. Einen wahrhaft eleganten Graf Almaviva verkörperte Mathias Hausman, der die Rolle als ganz und gar nobler Verführer interpretierte. Dadurch, dass er die Eleganz des Gesangs so sehr in den Vordergrund stellte, ging allerdings auch ein wenig Ausdruck verloren. Der Zorn der den Grafen am Ende des zweiten Aktes (Esci omai, garzon malnato, sciagurato, non tardar) gepackt hat, kam stimmlich so nicht ganz zum Tragen. Meine Lieblingsrolle im Figaro ist - wie vermutlich die von vielen anderen auch - diejenige des Cherubino, spielerisch und gesanglich vollkommen ausgefüllt wurde. Stephanie Atanasov konnte in jeder Lage überzeugen, ihr lyrischer Mezzosopran war sicher geführt, sie sang mit wirklicher Leichtigkeit und agierte darstellerisch überzeugend. Die Gräfin Almaviva von Marika Schönberg hatte in ihrer Klagearie Porgi, amor, qualche ristoro eine ergreifende Melancholie, konnte sich aber sonst stimmlich nicht auffallend in Szene setzen. Vom Rest des Ensembles gefiel mir Dan Karlström als Basilio, während Milcho Borovinovs La vendetta, oh, la vendetta! insgesamt zu harmlos klang.

Für die INSZENIERUNG zeichnete Gil Mehmet verantwortlich. Ein Schnitt durch eine Art Rokokoschlössschen - anfangs durch einen semitranspartenten Gazevorhang mit Fassade sichtbar -, in dem auf drei Ebenen agiert wurde. Oben Graf und Gräfin, in der Mitte eine Reihe großer Wandschränke, in den sich natürlich praktischerweise Cherubim verstecken kann und unten - quasi im Treppenhaus mit großer Freitreppe - Figaro und Susanna. Über verschiedene Treppen begegneten sich immer wieder die Figuren, sind aber auch dann anwesend, wenn sie gerade nicht im Fokus der Szene stehen. Man könnte die Verteilung auf die Ebenen vielleicht als Hinweis auf die gesellschaftliche Segmentierung lesen, die im Figaro deutlich vor Augen geführt wird. Doch verfolgte die Inszenierung diesen Gedanken nicht weiter. Zumindest nicht für mich erkennbar. Hier hätte man mehr daraus machen können. Die Gartenszene wurde dann geschickt mit Licht und wenigen Requisiten hergestellt. Betont wurde das komödienhafte, weniger die gesellschaftskritischen Aspekte, albern wirkte es auf mich aber nie. Ein Beispiel: das Versteckspiel zwischen Graf und Cherubino im ersten Akt findet unter einer Matratze und dann hinter dem Spiegel statt, die Figuren wurden dabei so geführt, dass es wirklich komisch war, aber nicht klamaukig-peinlich. Die vielen Verwechslungen im vierten Akt werden mit wenigen Requisiten (z. B. ein Schleier) sinnfällig umgesetzt. Mir hat dieser Ansatz gut gefallen, weil versucht wurde, über Kleinigkeiten Hinweise zu geben, die man annehmen und sich an ihnen freuen konnte, die man aber auch ignorieren konnte, wenn man sie als nicht so passend empfand. Mich störte einzig das unglaublich kitschige Bett der Schlussszene.
Der Trailer kann zumindest einen kleinen Eindruck geben.

Ein insgesamt schöner Opernabend mit musikalischen und szenischen Höhepunkten, der mich stimmlich allerdings nicht auf ganzer Linie überzeugen konnte.
Beste Grüße zum Wochenende
JLang
Gute Opern zu hören, versäume nie
(R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)