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Rheingold1876

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Beiträge: 4 025

Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

1

Samstag, 2. April 2016, 21:37

Der Pianist Boomsma und das Porazzi-Thema von Wagner



Den Namen des niederländischen Pianisten Camiel Boomsma habe ich erst einmal in Forum gelesen, nämlich heute. Christian (hasiewicz) bekundete im entsprechenden Thread, dass er "mit sehr viel Genuss" Transkriptionen von Musik Wagners für Klavier gehört habe, gespielt von Boomsma. Es gibt noch eine andere CD ähnlichen Inhalts mit ihm, die mir gefällt. Auch weil mit der Einspielung ein wenig Musikgeschichte betrieben wird. Entdeckungen gehören für mich zu den schönsten Momenten bei der Beschäftigung mit Musik. Es geht nämlich um das legendenumwobene so genannte Porazzi-Thema von Richard Wagner. Gesichert ist, dass es nach der Vollendung des "Parsifal" in einer Villa an der Piazza di Porazzi in Palermo festgehalten wurde, wo Wagner im März 1882 logierte. Von daher der Name. Er habe eine zur Zeit des zweiten Tristan-Aufzuges notierte melodische Erfindung ein wenig abgerundet, heißt es in der Wagner-Biographie von Martin Gregor-Dellin. Es sei seine letzte musikalische Arbeit, aber kein neuer kompositorischer Einfall gewesen. Der Anspruch des "letzten" Werkes gebühre dem "Parsifal", so Gregor-Dellin. In ihrem Tagebuch notierte Frau Cosima unter dem 2. März: "… er schreibt eine Melodie nieder, zeigt sie mir dann und sagt, er habe endlich die Linie, wie er sie wünschte." Viel mehr Aufhebens wird darum nicht gemacht. Nicht bewiesen ist, dass Wagner dieses Stück tatsächlich in der Nacht vor seinem Tod in Venedig spielte. Dabei wäre das so schön gewesen.

Quellen sind diese Bücher:



Mit Enthusiasmus hat sich der in Amsterdam beheimatete Boomsma, Jahrgang 1990, der Geschichte auf der CD angenommen. Sie wurde mit dem Titel Porazzi versehen. Dabei braucht das Thema lediglich siebenunddreißig Sekunden. Damit es sich nicht verliert, wird es um ein Stück ergänzt, zu dem sich der niederländische Komponisten durch das Porazzi-Thema anregen ließ: Il Cigno di Palermo. Dass zusätzlich Wagners bereits mehrfach auf CD veröffentlichte Elegie in As-Dur auch noch in diesen thematischen Kontext hineingenommen wird, macht die Sache nicht übersichtlicher. Etwas unbestimmt bleibt auch der Text, den der junge Komponist selbst beisteuert. Nun denn, die Absicht ist ehrenwert. Zumal aktuell keine andere Aufnahme des Themas zu finden ist. In ihrer musikalischen Wirkung aber gibt die kleine Gelegenheitskomposition Wagners Gregor-Dellin Recht. Es ist kein zündender Einfall zu erkennen.

Boomsma hat noch mehr zu bieten. Er leitete die CD mit Siegmunds’ Liebesgesang in einer Bearbeitung des belgischen Pianisten und Komponisten Louis Brassin (1840-1884) ein, der auch am Stern’schen Konservatorium in Berlin lehrte und sich vor allem durch Klavier-Transkriptionen einen Namen machte. Brassin setzt die Winterstürme, die dem Wonnemond weichen, sehr gefällig und mit ansteigender Üppigkeit und Dramatik um. Elsa’s Brautzug zum Münster aus Lohengrin mit dem unentschlossenen Beginn, der erst nach und nach das preisgibt, was er vorstellt und mit dem sphärischen Gralsmotiv endet, stammt von Franz Liszt. Ein Schüler von ihm und Anton Bruckner, der aus Böhmen stammende August Stradal (1860-1930) bearbeitete Brünnhildes Schlussgesang aus der Götterdämmerung und den Karfreitagszauber aus Parsifal. Vom deutschen Organisten und Pianisten Albert Heintz (1822-1911) stammt das Parsifal-Vorspiel, in das Boomsma offenbar nachträglich noch eingegriffen hat wie auch in das Götterdämmerung-Finale. In beiden Fällen ist neben den Bearbeitern auch noch sein Name genannt.

Paraphrasen und Transkriptionen von Werken Richard Wagners für Klavier erfreuten sich einst größter Beliebtheit – auch aus einem sehr praktischen Grund. Die ausladenden Musikdramen wurden in die Salons geholt, im wahrsten Sinne des Worts salonfähig gemacht. Denn die Schallplatte gab es zu der Zeit, von der die Rede ist, noch nicht – oder sie war in ihrer Entwicklung noch ganz am Anfang. Liszt war bekanntlich einer der ersten, der solche Bearbeitungen vorlegte. Max Reger nahm sich Szenen aus den Meistersingern, Tannhäuser, Walküre und Tristan vor und setzte sie für zwei Klaviere. Erst 2013 waren solche Transkriptionen von Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater Thomas Manns und Förderer der ersten Bayreuther Festspiele, bekannt geworden. Ferruccio Busoni muss ebenso genannt werden wie Hans von Bülow und viele andere mehr.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hasiewicz

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Registrierungsdatum: 16. September 2012

2

Samstag, 2. April 2016, 21:43

Vielen Dank, lieber Rüdiger, für diese Rezension. Ich werde mir diese CD vormerken für einen späteren Erwerb, auch wenn das geheimnisvolle Thema kein musikalischer Genieblitz zu sein scheint.

Herzliche Grüße & in Verneigung vor deinem Wissensfundus

Christian