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âme

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  • »âme« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 401

Registrierungsdatum: 24. Januar 2008

1

Samstag, 30. April 2016, 01:57

Mozarts Wiener Kirchenwerke abseits des Requiems, der großen c-moll-Messe und dem Ave Verum

Eigentlich müßte man besser „Fragmente“ sagen, da es keine abgeschlossenen Werke sind. Zumindest sind aber komplette Sätze vorhanden, einer der möglicherweise gänzlich von Mozart selbst stammt, und Einer der von Maximilan Stadler nach Mozarts Tod vervollständigt wurde. Darüber hinaus gibt es unvollständige, aber bis zum Abbruch der Komposition in allen Stimmen ausgearbeitete Fragmente, musikalische Entwürfe die am Anfang vollständig auskomponiert sind und im weiteren Verlauf nur noch Andeutungen beinhalten, als auch Entwürfe, die sich von Beginn an hauptsächlich auf die Notierung der Vokalstimmen und der Baßbegleitung beschränken.

Es liegt noch nicht lange her, da galt es als unbestrittene Tatsache, dass Mozart sich abseits des Requiems, der großen c-moll-Messe und dem Ave Verum, nicht mit Kirchenmusik in seinen Wiener Jahren befasst hat, da man auch gewisse einzelne Sätze und Fragmente falsch datiert hatte. Das geschah irrwitzigerweise nicht mal aus Untersuchungsergebnissen, sondern einfach aus der Annahme heraus, dass Messfragmente automatisch der Salzburger Zeit zuzuordnen wären. Viele bekannte Biographen und Musikwissenschafter sind hier diesem Irrtrum aufgesessen. Alan Tyson hatte 1987 eine Neudatierung des vorhandenen Quellenmaterials vorgenommen und kam zum Ergebnis, dass einige dieser Sätze und Fragmente in die Zeit seiner letzten Lebensjahre fallen. Hierzu wurden zum einen umfassende Untersuchungen und Vergleiche von Mozarts Originalhandschriften hinsichtlich der Entwicklung des Schriftbilds im Verlauf der Jahre untersucht (für die Wolfgang Plath verantwortlich war), als auch Untersuchungen des Notenpapiers durch Alan Tyson, welche oftmals übereinstimmend zu einer Neudatierung führten. Sechs Werke bzw. Fragmente wurden somit in die Zeitperiode von 1787 bis 1791 datiert. Dazu kommen drei Abschriften geistlicher Werke von Georg Reutters d.J. (Kyrie in D von KV 91/186i; „De Profundis“ KV 93/Anh. A 22; „Memento Domine David“ KV Anh. 22/93a)

Die NMA vermutet, die Gründe dafür würden zum einen daran liegen, dass sich in diesen Jahren schon die josefinischen Kirchenmusikvorschriften gelockert haben, zum anderen Mozart aus wirtschaftlichen Gründen eine Anstellung als Kirchenmusiker suchte. Bekantlich strebte er die Stelle des Domkapellmeisters an St. Stephan an, um die er sich 1791 bewarb als der noch amtierende Domkapellmeister Leopold Hoffmann schwer erkrankte.

Die Vervollständigungen von Abbé Maximilian Stadler enstanden durch Veranlassung Constanze Mozarts um den Verlagen weitere Werke gegen Geld anbieten zu können. Dabei ging man genauso vor wie im Fall des Requiems. Diesmal versuchte aber nicht Süßmayr sondern Stadler die Schrift Mozarts nachzuahmen. Ich werde noch näher darauf in der Vorstellung der einzelnen Sätze eingehen.

Kyrie in G KV Anh. 16 (196a)

Entscheidend war hier bzgl. der Neudatierung das Notenpapier, welches Mozart auch von Dezember 1787 bis etwa Februar 1789 benutzt hat. Noch weitere Kirchenmusik-Fragmente (wie auch die folgenden drei vorgestellten Fragmente) als auch die Abschriften der Werke Reutters, sind auf diesem Paptiertyp geschrieben worden. Nur die ersten 13 Take sind hier von Mozart eigenhändig niedergeschrieben (und diese nur teilweise) Weitere 21 Takte wurden von Maximilan Stadler ergänzt, jedoch wurde die Arbeit noch vor Fertigstellung abgebrochen. Es wird sogar vermutet, dass es sich bei diesem Fragment ebenfalls nur um eine Abschrift eines anderen Komponisten handeln könnte.



Die alte Datierung (January 1775) bei diesem Youtube-Video zeigt leider mal wieder wie so oft durch Unwissenheit, Oberflächlichkeit bzw. Bequemheit sich bei guten, aktuellen Quellen zu informieren, alte, überholte Irrtümer wiedergekaut werden. (das betrifft jetzt nicht nur dieses Thema)

Kyrie in C KV 323 (KV Anh. 15)

Hier handelt es sich um einen persönlichen Favoriten von mir. Da ich mich auch zeitweise damit beschäftige die Noten eigenhändig in ein Notationsprogramm einzutragen kenne ich die Details zu diesem Werk ziemlich gut und bin besonders von der wahsninnig kunstvollen Instrumentalbegleitung Mozarts sehr angetan, obwohl die Vokalstimmen bis Takt 37 (von insgesamt 53), beim Orchester lediglich die Eingangstakte von ihm stammen. Diese Figurationen werden aber in der Ergänzung von Stadler öfters wiederholt und zeitweise geschickt dem weiteren Verlauf angepasst. Man merkt schon alleine an den Eingangstakten dass es relativ unwahrscheinlich erscheint, dass Mozart diese in der Salzburger-Zeit geschrieben haben könnte (Ich kenne alle anderen Kyrien seiner Salzburger-Messen und die Orchesterbegleitungen fallen doch bzgl. der Detailarbeit mehr oder weniger merklich ab) Auch in den Chorstimmen treten im weiteren Verlauf ab Takt 27 eine gewisse harmonische Kühnheit und raffinierte Modulationen in den Chorstimmen auf, welche in ihrer Art und Weise eher den Spätstil Mozarts zuzordnen wären. Stadlers Ergänzungen kann man dabei nicht genug loben, diese sind gerade im richtigen Maße, ohne dass man irgendwelche qualitativen Brüche, unlogische Übergänge oder schlecht gemachte Ergängzungen hören kann. Es kann schon sein, dass Mozart diesen Satz noch länger gestaltet und eventuell auch anders entwickelt hätte, aber so wie er klingt kann er durchaus als reiner Mozart durchgehen wenn man es nicht besser wüßte. 1809 teilte er Nissen schriftlich mit „Es machte mir Mühe, ein solches Meisterstück zu vollenden“



Hier ebenso die falsche, überholte Datierung mit 1779. Ich denke dass es wahrscheinlich an vielen Klassikhörern und selbst Mozart-Enthusiasten vorbeigegangen ist, dass er diese Fragmente in seinen letzten Wiener Jahren geschrieben hat und deswegen für mich auch ein Grund, dass ich diesem Thema einen eigenen Beitrag widme.

Gloria in C KV Anh. 20 (323a)

Man könnte vermuten, dass es vielleicht zu dem vorhergehenden Kyrie gehören sollte.
Dieses ist nur ein ziemlich kurzes Fragment, oder noch besser gesagt eine Skizze (Mozart hat nur Vokalstimmen und Baß entworfen, Themenführung der Streicher sind nur angedeutet), und geht insgesamt nur über 26 Takte. Da man hier schon textlich zum „Benedicimus te“ kommt, nimmt man an, dass dieses Gloria selbst in einer weiteren Ausarbeitung nur sehr kurz bleiben würde.

Leider konnte ich hier kein Youtube-Video finden.

Kyrie in D KV Anh. 14 (422a)

Obwohl sehr kurz, (lediglich 11 Takte), finde ich Gefallen an diesem Thema und vielleicht kann ich mich ja selbst mal just4fun an einer Ergänzung versuchen. Stadler hat hier lediglich die autographen Instrumentenbezeichnungen und Schlüssel in den Bläserstimmen ergänzt aber darüber hinaus keinen Ergänzungsversuch vorgenommen obwohl er diese Skizze „ganz im Kirchenstyl und überhaus schön“ beschrieb.



Ebenso mit falschem Datum.

Kyrie in C KV Anh. 13 (258a)

Dieser Entwurf von 9 Takten wurde auf eine Papiersorte geschrieben, die Mozart nur ein einziges Mal 1787 und ansonsten nur 1790/91 benutze. Bislang wurde diese Komposition ins Jahr 1776 datiert, doch nach diesen Untersuchungen ist sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in seinen beiden letzten Lebensjahren entstanden. Die neue Datierung würde auch dahingehend Sinn machen, da er in diesem Zeitraum nicht nur eine Stelle als Domkapellmeister suchte, sondern auch in Kontakt mit dem Chorleiter Anton Stoll in der Pfarrkirche von Baden bei Wien stand. Dieser bat Mozart um Kirchenwerke für seine Aufführungen, wodurch ja bekanntlich auch das berühmte „Ave Verum“ KV 618 enstanden ist. Vielleicht war es der Versuch eine kleine Messe zu schreiben, welcher dann durch andere Großprojekte wie etwa die Zauberflöte oder La clemenza di Tito, verworfen wurde.



Wie zuvor wiederum das falsche Datum verwendet.

Kyrie in d KV 341 (368a)

Von diesen erwähnten Kirchenstücken dürfte Dieses wohl das mit Abstand Bekannteste sein, schließlich ist es auch das Einzige das vielleicht (!) von Mozart komplett ausgearbeitet wurde. Dieses Werk wirft deswegen Fragen auf, da es hier leider kein Originalautograph mehr gibt, bei dem man genauere Datierungen feststellen könnte. Dieses ist schon seit längerem verlorgengegangen, und es gibt nur einen Erstdruck von Johann Anton André, als auch eine Abschrift des Leipziger Thomaskantors August Eberhard Müller, welche kleinere Abweichungen voneinander haben. Zuerst wurde das Werk von Otto Jahn auf 1781 datiert, da Mozart zum ersten (und auch einzigen Mal) Klarinetten für eine kirchenmusikalische Besetzung wählte. Da die Hofmusik in München über Klarinetten verfügte und er dies auch für Idomeneo nutzte, kam Jahn somit zu diesem Entschluss. Mittlerweile wird auch eine spätere Datierung angenommen, denn zum Zeitpunkt von Jahns Forschungen galt noch immer die hartnäckige These, dass Mozart sich abseits von KV 427, KV 618 und KV 626, nicht mit der Kirchenmusik in seinen Wiener Jahren befasste. Letztendlich kann aber durch das fehlende Autograph kein Beweis dafür erbracht werden. Das gilt ebenso für die These, ob hier möglicherweise ebenso Stadler oder jemand Anderer das Werk komplettiert hat.



Warum es generell nur bei diesen „Bruchstücken“ blieb, welche eventuell zu einer neuen Messe gehören sollten, kann mehrere Ursachen haben. Wahrscheinlich ist, dass sie nur zu Studienzwecken und Experimenten dienten oder bzw. ebenso ernsthafte Ambitionen durch wichtigere Auftragswerke unterbrochen und letztendlich vergessen wurden. Jedenfalls standen dahinter sicherlich mittel- bis langfristig größere Pläne für zukünftige Messkompositionen.

Ich hoffe das war für den Einen oder Anderen informativ (ich schätze mal insofern man überhaupt etwas mit Mozarts Musik prinzipiell anfangen kann), wenn ich das Gefühl habe dass es zum. ein paar Leute interessiert kann ich ja öfter einmal solche Beiträge über gewisse Werke meiner Lieblingskomponisten schreiben.
grüße
„Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

Siegfried

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  • »Siegfried« ist männlich

Beiträge: 4 670

Registrierungsdatum: 26. Oktober 2005

2

Samstag, 30. April 2016, 17:18

Herzlichen Dank, lieber âme , für diesen interessanten Beitrag, der mir als altem Mozartmessen-Chorsänger so richtig Freude bereitet hat. Deine genannten Beispiele lenken den Blick auf Werke abseits der gängigen Aufführungspraxis. Mir war hiervon bisher nur das Kyrie in d-Moll KV 341 bekannt.
Hast du bewusst die Wiener Kirchenwerke herausgestellt? Aus Mozarts Schaffenszeit vor Wien gibt es nämlich auch einige "Unvollendete", stellvertretend das Kyrie in F-Dur KV 33 oder das Benedictus in c-Moll KV 117.

Ich freue mich schon auf weitere Ausführungen von dir.
:hello:
Freundliche Grüße Siegfried

âme

Profi

  • »âme« ist männlich
  • »âme« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 401

Registrierungsdatum: 24. Januar 2008

3

Montag, 2. Mai 2016, 00:39

Hallo Siegfried,
danke für das Feedback, ich schätze das sehr weil ich sonst nicht weiss ob es sich lohnt die Zeit in solche Beiträge zu investieren (ich brauche mind. eine Stunde um solche Beiträge zu schreiben), und da möchte ich schon gerne wissen ob es dafür überhaupt Interessenten gibt weil ich hab ja schließlich auch noch andere Alternativen für meine Freizeitgestaltung. ;)


Hast du bewusst die Wiener Kirchenwerke herausgestellt? Aus Mozarts Schaffenszeit vor Wien gibt es nämlich auch einige "Unvollendete", stellvertretend das Kyrie in F-Dur KV 33 oder das Benedictus in c-Moll KV 117.


Ja, mir ging es nur um die Wiener Kirchenwerke weil es ja nach meinem Empfinden nach noch immer einige Leute zu geben scheint, die glauben Mozart hätte sich bis auf die bekannten drei Werke nicht mehr mit Kirchenmusik in seinen letzten Lebensjahren befasst. Natürlich sind das jetzt nur Fragmente aber zusammen mit den Abschriften Reutters, bezeugen sie immer wiederholte Beschäftigungen bzw. Auseinandersetzungen mit der gleistlichen Musik und das weit ab von der Salzburger Zeit. Das Mozart in seiner Salzburger Zeit genug geistliche Werke geschrieben hat dürfte ja hingegen für keinen der halbwegs seine Biographie kennt überraschend sein.
gruß
„Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)