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Alfred_Schmidt

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  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
  • »Alfred_Schmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18 212

Registrierungsdatum: 9. August 2004

1

Montag, 18. Juli 2016, 14:15

Wie authentisch sind eigentlich heutige Interpretationen mittelalterlicher Musik ?

Das habe ich mich oft gefragt, wenn ich zwei oder Drei Aufnahmen durch Spezialisten- Ensembles gehört habe. Die Titelfrage ist also die Kernfrage dieses Threads, und sie ist eigentlich dadurch bedingt, daß oft die Wiedergabe eines relativ bekannten mittelalterlichen Stücks oft sehr unterschiedlich klingt - gelegentlich kaum als dasselbe Stück identifizierbar. Das liegt zum Teil an der damaligen Notation, die von der heute gebräuchlichen unterschiedlich ist.
Damit der Thread genügend Futter für die Zukunft hat, habe ich weitere Fragenkomplexe darin verpackt, nämlich welche Ensembles besonders empfehlenswert sind und warum.
Und letztlich eine subjektive Meinung zu den sogenannten "Mittelalter-Rockern", da werden alte Stücke dargeboten wie "rockende" oder "volkstümliche" Musik - aufbereitet fürs 20. oder 21. Jahrhundert. Spielfreude überwiegt hier den historischen Anspruch, die Musik "rockt und swingt", hat aber offenbar oftmals wenig mit dem Original gemeinsam. "Minnesänger-Gruppen" (gern engagiert für "Ritterfeste" auf Burgen und Ruinen) singen oft in zeitgemäßen Übersetzungen und gelegentlich sogar in Bearbeitungen.....

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

2

Montag, 18. Juli 2016, 16:41

Leider scheint es ja nur ganz selten Aufnahmen zu geben, in denen Minnesang ohne Begleitung dargeboten wird, also nur das nackte Gerüst, das überliefert ist.
Im Bereich der geistlichen Musik schaut es da zum Glück besser aus bzw. in der mehrstimmigen weltlichen Musik.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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3

Montag, 18. Juli 2016, 18:48

Ich habe vor einiger Zeit mal einen Text dazu gelesen. Es gab mehrere unterschiedliche Wellen in der Aufführungspraxis UND in der musikhistorischen Forschung und vieles ist nach wie vor strittig. So hat man einerseits aufgrund des "ätherischen" Klangs und einzelner Verbote oder Einschränkungen kirchlicher Institutionen bzgl. Instrumentalmusik lange a cappella Aufführungen bevorzugt. Dann aber aufgrund anderer Informationen oder Abbildungen, auf denen Chorsänger zusammen mit unterschiedlichsten Instrumentalisten zu sehen sind, behauptet, es hätten fast immer Instrumente mitgespielt/verdoppelt. Und man weiß aufgrund von Tabulaturnotationen, dass spätestens im 15. Jhd. Vokalwerke zuweilen auch rein instrumental gespielt wurden.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 665

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

4

Montag, 18. Juli 2016, 22:32

Wenn sie nur verdoppeln würden, wär's mir ja recht. Was ich aber nicht ausstehen kann, sind diese Intros, in denen eine irgendwie archaisch-meditative Fantasy-Stimmung erzeugt wird und all dieses rhythmische Geschunkel. Selbst wenn zu dem Gesang mit Instrumenten begleitet wurde, was ja nicht sicher ist, dann nicht so.

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
  • »Alfred_Schmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18 212

Registrierungsdatum: 9. August 2004

5

Montag, 18. Juli 2016, 23:07

Gut - da wären wir schon mitten drin in der Problematik.
Es ergeben sich daraus (zumindest) DREI Fragen:

a) Wären Aufnahmen, die "spartanisch" gestaltet wären einem heutigen Publikum überhaupt verkäuflich?
b) Gibt es überhaupt Aufnahmen, die KSM beispielsweise als "historisch vertretbar" ansehen könnte?
c) Sind "behübschende" Interpretationen als Rettung des alten Gedankenguts oder als zerstörerische Verballhonung zu bewerten?

Die Mittelalterliche Musik, sei es nun Minnesang oder ein Ableger davon, hatte ja gewisse Aufgaben, sei es eine "ritterrliche Disziplin, sei es "politische Kritik" oder "geschönte Darstellung von geschichtlichen Ereignissen", aber auch "Parodie und Kritik an Unsitten der mittelalterlichen Gesellschaft". Die Musik war hier oft ein betonendes Vehikel, das aber nicht unbedingt auf schönen Klang ausgerichtet sein musste. Manche Minnesänger erzählten auch aus ihrem Leben (vermutlich wurde hier einiges verfälscht um den Autor interessanter zu machen ?), was allerdings von den Zeitgenossen mehr oder weniger als "Regelverstoß" betrachtet wurde - diese Werke wurden weitgehend ignoriert. Heute sind sie indes das Interessanteste was uns überliefert ist, da wir hier Quasi ein Zeitfenster öffnen können. Dazu würde allerdings der Text (ohne Musik) ausreichen. Möglicherweise haben es die Verfasser diverser Liedersammlungen des Mittelalters ähnlich gesehen, das würde erklären, warum so viele Texte ohne dazugehörige Melodie aufgezeichnet und überliefert wurden, soll heissen, die Noten gingen nicht verloren, sie wurden nie in die Sammlung integriert. Daraus könnte man allerdings auch schliessen, daß eine gewisse Freiheit in der Gestaltung immer schon bestanden hat, und heutige Interpretationsversuche "legitim" seien, Irgendwie habe ich dabei aber immer den "Wikingerhelm" aus Richard Wagners Opern im Kopf, ein Phantasiegebilde, das das Wikingerbild bis in unsere Tage bestimmt..........

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 232

Registrierungsdatum: 12. August 2005

6

Dienstag, 19. Juli 2016, 09:20

Wenn sie nur verdoppeln würden, wär's mir ja recht. Was ich aber nicht ausstehen kann, sind diese Intros, in denen eine irgendwie archaisch-meditative Fantasy-Stimmung erzeugt wird und all dieses rhythmische Geschunkel. Selbst wenn zu dem Gesang mit Instrumenten begleitet wurde, was ja nicht sicher ist, dann nicht so.

Was meinst Du genau?
Als um 1970 z.B. die Gruppe um Munrow ziemlich viel mit Instrumenten gemacht hat, verglichen zu dem eher dominierenden a cappella Stil der ersten Alte-Musik-Dokumente der 1950er (wobei ich nicht behaupten kann, hier wirklich einen Überblick zu haben), war das vielleicht auch in gewissem Sinne alternativ zum etablierten klass. Musikbetrieb. Aber es gab ja keine Tradition von archaischen Fantasy-Filmen oder Mittelaltermärkten.
Ich muss mal suchen, ob ich diesen Text noch finde; leider wegen Computerwechsel im Winter eher unwahrscheinlich.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 665

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7

Dienstag, 19. Juli 2016, 10:04

Munrow wird schon vor den Mittelaltermärkten und Fantasy-Filmen gewesen sein. Ich glaube, dass das Vorbild orientalische Volksmusik ist? Nun ändert sich erstens die Volksmusik relativ rasch und zweitens waren die Minnesänger keine Volksmusikanten aus dem Orient. Wenn Alfred schreibt, dass sich Aufnahmen der überlieferten Melodien ohne spekulativen Zusatz nicht verkaufen würden, so stimmt das wohl, was bei mir dazu beiträgt, die erfolgreiche "Mittelaltermusik"-Produktion von Munrow und seinen Nachfolgern im Fantasy-Bereich anzusiedeln.

Es ist ja aber nicht so, dass aus dem Mittelalter nur Minnesang überliefert wäre - der ist ja ohnehin kaum überliefert. Musik des Mittelalters, wie wir sie heute noch erahnen können, kommt vor allem aus dem Kloster bzw. stammt aus dem Spätmittelalter. Die Texte der Minnesänger wird man wohl eher lesen müssen.

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
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Registrierungsdatum: 9. August 2004

8

Dienstag, 19. Juli 2016, 23:29

Zitat

was bei mir dazu beiträgt, die erfolgreiche "Mittelaltermusik"-Produktion von Munrow und seinen Nachfolgern im Fantasy-Bereich anzusiedeln.

Dann haben wir noch Binkley und sein "Studio der frühen Musik", sowie Clemencic, der sicher einer der seriösesten Forscher in diesem Umfeld ist - aber über eine Zeitmaschine verfügt ja auch er nicht.
Das Ensemble für frühe Musik Augsburg - irgendwie bin ich hier skeptisch was die "Historische Treue" angeht. Wenn ich mich richtig erinnere wurde sogar ein Text von Neidhart von Reuental neu gedichtet, mit Bezug auf unsere Zeit??

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix